Lutz Herden
30.12.2012 | 09:00 6

Lebwohl, Hans Castorp

1912 Vor 100 Jahren schreibt Thomas Mann erste Skizzen für den „Zauberberg“. Er porträtiert eine Gesellschaft, die verschwunden sein wird, als der Roman 1924 erscheint

Lebwohl, Hans Castorp

Drei mal zwei Stunden am Tag dauerten die Liegekuren in Davos

Foto: Ullstein-Bild

Alles beruhte auf einem Irrtum, was sich jedoch erst Jahrzehnte später herausstellen sollte. Im Frühjahr 1912 wurde bei Katja Mann, der Ehefrau des Schriftstellers Thomas Mann, ein Lungenspitzenkatarrh entdeckt. Daraus könnte eine schwere Tuberkulose werden, fürchtete der Hausarzt in München. Er empfahl die Therapie in großer Höhe, eine Luftkur im schweizerischen Davos käme in Betracht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versprachen dort Sanatorien von Weltruf Heilung, ärztliche Kunst und ein luxuriöses Ambiente. So quartierte sich Frau Katja bis zum August 1914 zu mehreren Aufenthalten im Waldhospital des Dr. Jessen ein, um heilende Höhenluft zu schöpfen. Wie ein Schwamm erschien es aus der Ferne, dieses Sanatorium mit seinen vielen Balkonen. Das war Thomas Mann schon beim ersten Aufenthalt so vorgekommen. Als sauge es die Patienten auf.

Als Katja Mann ein halbes Jahrhundert später ihre alten Röntgenbilder zufällig einem Lungenspezialisten zeigt, ist der perplex. Es habe keine pathologische Veränderung ihrer Lungenflügel gegeben. Eine Fehldiagnose, man hätte nie im Hochgebirge kuren müssen. Aber man tat es. Und Thomas Mann leistet seiner Frau bis zum Spätherbst 1912 mehrfach Gesellschaft, wo er bei der Kurgesellschaft „gründlich hospitiert“, wie er 1930 im Lebensabriss vermerkt. Der Dichter ist ganz Ohr und Auge und sammelt „recht wunderliche Milieueindrücke“, mit denen die Idee reift, es könnte eine literarische Produktion daraus werden – warum keine Novelle?

"Feuchte Stellen"

Sie soll zunächst nichts weiter sein als die Geschichte des ganz gewöhnlichen jungen Mannes Hans Castorp, den es eher zufällig in das hermetische Refugium der Lungenheiler und ihrer Patienten verschlägt. Dem Helden zu Ehren wird das Stück zunächst Der Zauberlehrling genannt, was nach Goethe klingt und an sein „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“ aus der berühmten Ballade erinnert. Der Hilferuf eines Gernegroß, der die Kräfte nicht zu bändigen weiß, die er fahrlässig hervorlockte, und die sich nun selbst gegen ihn wenden.

Hans Castorp ergeht es ähnlich. Auch er hat ohne Not Geister beschworen, die ihn zu sonderbarem Beharrungsvermögen verführen. Eigentlich will der angehende Ingenieur aus arrivierter Hamburger Honoratioren-Familie im Sommer des Jahres 1907 nur seinen Vetter Joachim besuchen, der im Sanatorium Berghof „feuchte Stellen“ auf seiner Lunge loszuwerden hofft. Für drei Wochen will ihm Castorp ein wenig beistehen und sich zerstreuen. Daraus werden verflixte sieben Jahre, in denen sich der junge Mensch wie angewurzelt fühlt in der Gesellschaft von Siechen und Sterbenden, selbst zum eingebildeten Kranken wird und einen Rückweg in die Welt da unten nicht mehr finden kann. Thomas Mann schwebt ein ironisches Gegenstück zur Novelle Tod in Venedig vor, er will der bleiernen Todessehnsucht des alternden Künstlers Gustav von Aschenbach die liederliche Lebensverachtung des jungen Mannes mit Ambition entgegenstellen, der sich von aller Verantwortung lossagt, um im exklusiven Berghof zu überwintern. Erste Skizzen entstehen Ende 1912. Immer wieder wird die Arbeit unterbrochen, bald schon vom Weltkrieg, vom Schreiben darüber, von den Sorgen um die Familie. Als das Buch endlich fertig ist, liegt im Oktober 1924 ein Tausend-Seiten-Manuskript beim S. Fischer-Verlag und heißt nun Der Zauberberg. Die ich rief, die Geister …

Im sich langsam erholenden Nachkriegsdeutschland wird das Buch als großer Gesellschaftsroman wahrgenommen. Den Buddenbrooks, Thomas Manns Frühwerk von 1901, soll etwas Ebenbürtiges, zugleich Anderes zur Seite gestellt werden, vermutet die Kritik. Und sie hat recht. Wieder erinnert der Dichter wie beim Narrativ über den Niedergang einer ehrbaren Lübecker Kaufmannsfamilie an eine bürgerliche Welt von gestern, geronnen in der großen Metapher einer Kurgesellschaft der Todgeweihten kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Diese Welt ist 1918 so unaufhaltsam versunken wie das deutsche Kaiserreich. Auch Thomas Mann lässt dieser Epochenbruch nicht unberührt und ungeschoren. Noch im November 1914 hat er sich mit dem Essay Gedanken im Krieg wie ein teutonischer Ultra gebärdet und geistigen Dienst an der Waffe geleistet. Selbst die Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) verteidigen bei aller grüblerischer Selbsterforschung nochmals abendländische Wehrhaftigkeit, obwohl der künftige Republikaner und Demokrat schon durchschimmert. Aber ein Thomas Mann kann das, was einmal war, nicht so einfach ins Nirwana schicken. Wie sonst sollte sich ermessen lassen, was verloren ging? Und ob es lohnt, Verlorenes zu betrauern?

In einem Aufsatz – er wird kurz vor Vollendung des Zauberbergs 1924 publiziert – spricht der Dichter vom „intellektualen Roman“, der Deutschland nun gut täte. Darin sollten die dichterische und sozialkritische Sphäre verschmelzen. Unüberhörbar wirbt da einer für sein „Roman-Ungetier“. Der Schöpfer ahnt, es wird den Leser viel Geduld und Zeit kosten, will er den Zauberberg besteigen. Dieses Sittengemälde um Gesundheit und Krankheit, Humanität und Reaktion, Brotzeiten und Tischsitten, Kulmbacher Bier und Porter, Liebe und Unzucht im Luxussanatorium lässt sich so leicht nicht enträtseln.

Diesmal fällt kein Senator Thomas Buddenbrook in feinem Paletot und Stehkragen in die Lübecker Gosse und stirbt und alles oder fast alles ist gesagt. Auf dem Zauberberg steht die Gattung Mensch am Abgrund und muss mit dem Sturz ins Bodenlose rechnen. Sicher, auf den ersten Blick handelt es sich um die Patienten einer Heilanstalt, die ihr Techtelmechtel mit dem schwarzen Gevatter haben. Eingeteilt in die leichten, die schweren, die hoffnungslosen Fälle, denen der finale Blutsturz winkt. Hans Castorp gehört nirgendwo dazu, ist eigentlich kerngesund und hat sich doch wie eine schwebende Existenz diesem Totentanz hingegeben. Ein Zwerg Nase, dem die sieben Jahre wie Tage vergehen. Die verführerische Macht des Abschieds von der Welt, wie sie das Haus Berghof beherrscht – diese Kraft des Verderbens, wird sich mit den Weltkriegsschlachten an der Marne und vor Verdun bald richtig und unwiderruflich austoben. Dann gibt es kein Entrinnen mehr, wie das mit dem Abstieg vom Zauberberg doch jederzeit möglich ist.

Das Kapitel "Schnee"

Aber Thomas Mann wollte ja einen Erziehungsroman schreiben und seinem vermeintlichen Zauberlehrling die Marotten austreiben. Bei Hans Castorp bewirken das lähmende Asyl im Lungenlazarett und die morbide Umgebung des Kurklüngels schließlich eine Entwicklung, die Widerstandskräfte besonderer Art erweckt. Sie versetzen ihn in die Lage, seiner Liederlichkeit und damit sich selbst zu entkommen. An kaum einer Stelle des Romans wird für diese Katharsis ein so wunderbares Gleichnis gefunden wie im Kapitel „Schnee“, als der eingebildete Kranke in einen Wintersturm gerät und die Hingabe ans unvermeidliche Sterben in Eis und Kälte zur Auferstehung wird. „Die Flocken flogen ihm massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so dass er erstarrte. Sie flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässrigem Geschmack zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen, überschwemmten die Augen und verhinderten jede Ausschau – es war das Nichts, das weiße wirbelnde Nichts, worein er blickte, wenn er sich zwang zu sehen ... So irrte man herum, so fand man nicht heim.“

Hans Castorp findet heim. Er hat nun wieder festen Boden unter den Füßen, aber der schwankt und wird ihn vielleicht eines nicht fernen Tages ganz verschlingen. Es gibt keinen Weg mehr nach Hause. Als des Lebens treuherziger Sohn im August 1914 den Berghof verlässt, zieht er in den Krieg, der von dieser Welt da oben so gut wie nichts übrig lassen wird. „Wir möchten nicht hoch wetten, dass du davon kommst“, ruft ihm Thomas Mann auf der letzten Seite des Zauberberg hinterher. Lebwohl, Hans Castorp.

Kommentare (6)

Magda 30.12.2012 | 12:36

Schöne Erinnerung an einen Roman, der mit der Zeit so virtuos spielt und die Zeitströmungen - abseits von den Zeitereignissen - so spannend widergibt. Ich erinnere mich noch an die heftigen Debatten im Roman zwischen Castorps beiden "Erziehern" Naphta und Settembrini. Die Art, wie sie verstanden werden hat auch immer was mit der gerade herrschenden Zeitströmung zu tun, scheint mir. 

Ich lese ihn immer wieder gern und zitiere auch immer Castorps Spott über Settembrini: "Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!" 

Flori 30.12.2012 | 17:41

Lieber Lutz Herden,

ein sehr gelungener Text, vielen Dank! - Nur eine kleine Bitte. Gönnen Sie dem letzten Zitat die alte und einzig vernünftige Rechtschreibung und schreiben bitte „Wir möchten nicht hoch wetten, dass du davonkommst“ - das letzte Wort also zusammen. Denn ums Vielleicht-noch-einmal-Davonkommen geht es ja hier, nicht woher er vielleicht kommen mag, der Hans. - Und noch mal: danke.