Mädchenmannschaft
02.04.2012 | 15:07 9

"Girls Around Me" – wie die Privatsphäredebatte weitergehen muss

Grusel-Aufreger am Wochenende: Die iPhone-App „Girls Around Me“ zeigt an, welche Frauen sich online bei Foursquare in einem Café oder Laden in der Nähe eingecheckt haben. Über den Lokalisierungsdienst Foursquare lässt sich dann auch das Facebookprofil anzeigen – ein perfektes Stalkertool wie ein Kommentar im App Store zeigt. Gleichzeitig beschweren sich dort auch Leute, für die dauerhafte Nutzung noch zahlen zu müssen! Was darauf folgte ist beispielhaft über die derzeitigen Privat­sphäre­diskussionen – und den Umgang mit Frauen in der Gesellschaft.

Wieder einmal hat Apple trotz vorheriger Prüfung eine iPhone-App zugelassen, die Frauen zur Ware degradiert, gesellschaftskritische Apps kommen dagegen schlechter an. Damit illustriert die App den alten Spruch „Wenn Sie für einen Dienst nichts bezahlen, sind Sie offenbar nicht Kundin oder Kunde, sondern die Ware, die verkauft wird.“ (Andrew Lewis, zitiert in „The Filter Bubble“) Die Nutzung von Facebook und Foursquare sind kostenlos, für den „Zugriff“ auf die Nutzerinnen durch „Girls Around Me“ muss man dann allerdings in die Tasche greifen.

Darauf aufbauend geht auch die „im Internet sind alle zu sorglos“-Debatte weiter. Den Nutzerinnen sei gar nicht klar, dass ihre Facebook- und Foursquare-Daten offen einsehbar waren und wie sehr sie sich damit Risiken aussetzen, hieß es bei Cult of Mac. Man solle die App daher nutzen, um seine Bekannten zu mehr Sorgsamkeit im Umgang mit ihren Daten zu erziehen. Ein Argument das sich einfügt in die Diskussionen der letzten Jahre, gerade in Deutschland.

Doch diese Debatte greift zu kurz. Zunächst unterstellt sie allen Social Media-Nutzer_innen Naivität und derartige Pauschalurteile sind selten hilfreich. Nicht alle, aber einige, werden die Entscheidung, Facebook und Foursquare offen zu nutzen, bewußt getroffen haben. Denkt man die Ratschläge weiter, wird klar, dass eine Anwendung wie „Girls Around Me“ nur auf eine Weise effektiv verhindert werden kann: Gar nicht mehr offen aufzutreten, gerade als Frau. Solange sich Geschlecht irgendwie rekonstruieren lässt, sind solche Apps möglich. „Frauen raus aus der Öffentlichkeit!“ Ist das unser Rezept für das 21. Jahrhundert? Und warum gehen unsere Ratschläge eigentlich schon wieder an die Opfer?

Stattdessen müssen wir weiter denken und am anderen Ende ansetzen. Helen Nissenbaum gibt die Richtung vor, wenn sie „Unangebrachtheit des Informations­flusses“ als Problem benennt, der mit „der Vermittlung durch Technologie“ möglich wird. Ausschlaggebend sind unsere Erwartungen, wie andere mit unseren Daten umgehen. Wer sein Bild bei Fourquare einstellt, erwartet nicht, dass es in einer anderen App erscheint – auch wenn das technisch ganz einfach möglich ist. Den derzeitigen Ansatz, über die mögliche Verwendung der Daten aufzuklären, hält Nissenbaum für gescheitert. Aufgrund der technischen Komplexität sei es oft gar nicht mehr möglich. Immer öfter ist außerdem bei der Erfindung einer Technologie nicht einmal klar, was alles damit gemacht werden kann.

Nötig sei daher vielmehr, die Normen der Offline-Welt auch online zu achten. Nur weil es technisch möglich ist, Daten weiterzugeben, ist dies noch lange kein Freibrief, das auch zu tun. Die gute Nachricht: Foursquare hat der App den Zugriff auf ihre Daten inzwischen gestrichen und das mit dem „unangemessenen Aggregieren und Gebrauch“ begründet. Die schlechte Nachricht: Die Frage nach unseren Umgangsformen ist kompliziert, schließlich trifft sich im Internet die ganze Welt. Was sind Privatsphäregrundsätze, die möglichst viele Menschen teilen? Mit der Veröffentlichung von Facebooks Vorgaben, welche Bilder zu löschen sind und welche nicht, haben wir diese Debatte erst begonnen.

Was wir in der Debatte brauchen, ist die klare Ansage, dass Stalking nicht ok ist, auch wenn das Opfer es einem „leicht“ macht. Was wir nicht mehr brauchen, sind Ratschläge an Frauen, sich öffentlich unsichtbar zu machen.

Dieser Text von Helga Hansen erschien zuerst bei der Mädchenmannschaft.

Kommentare (9)

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Ehemaliger Nutzer 03.04.2012 | 00:11

sehr gut die offenbar immer noch präsente botschaft, wenn frauen gefährdet sind, müssen sie sich "schützen" meint raus aus der öffentlichkeit. da hat die autorin den finger genau auf die wunde gelegt.

nur kurz wurde gestreift, dass man die ratschläge an die opfer gibt, also das verhalten der opfer zu ändern sucht, geht man einen schritt weiter die opfer als behandlungsbedürftig erklärt. das ist ein auch in der forschung interessantes und scheinbar stabiles phänomen.

die sieger schreiben eben die geschichte. und an dem Phänomen kann man sehen, dass wir in einer täter-kultur leben.

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hotel-ostoria 03.04.2012 | 11:17

Männer stalken Frauen, zweifellos.
Frauen sind jedoch meistenteils süchtig nach erotischer Bestätigung. Sie müssen lernen, auch ohne diese Bestätigung auszukommen, wenn sie wirkliche Partnerschaft haben wollen. In welchem Maße jene passive Rolle nach Schema "erobere mich" noch verbreitet ist, hat nicht zuletzt Nina Pauer mit ihrer Verachtung für die "Schmerzensmänner" unter Beweis gestellt.
Einerseits passiv Tat einfordern - anderseits lauthals "Täterkultur" beklagen, macht die Sache nicht einfacher – im Gegenteil.

Ismene 03.04.2012 | 11:41

Na, das ist doch auch viel einfacher, einem Opfer Rat-schläge zu geben. Das läuft nicht weg.

Wer gegen die Täter-Kultur vorgeht, der muss sich bei jeder Gelegenheit öffentlich positionieren. Gegen Rassismus, Sexismus, Homophopie, ... Jeden Tag, immer wieder. Darauf hinweisen, dass es "sie", nicht "es" heißt, dass "Bimbo" nicht geht, ... Das ist ermüdend und hebt einen heraus aus der bierseligen "wir sind doch die besten"-Laune.

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Ehemaliger Nutzer 03.04.2012 | 16:43

stalking von männern gibt es ja auch. ich hab keine befunde drüber wie stalking geschlechtsspezifisch verteilt ist. mir ging es darum ein beachtenswertes phänomen (opfer zu verhaltensänderungen zu bewegen statt täter), das in dem artikel begründet und einschlägig angesprochen wurde, zu unterstreichen.

frauen sind süchtig nach erotischer anerkennung? mehr als männer? sorry, aber worauf ist denn die aussage gegründet? männer sind doch brutal manipulierbar durch erotische anerkennung (fragen sie mich jetzt bloß nicht, woher ich das weiß ^^). und die männliche fixierung auf schwanzgröße, länge, dicke ist doch ein einziges festival an lechzen nach erotischer anerkennung.

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Ehemaliger Nutzer 03.04.2012 | 16:53

"Opfer laufen nicht weg"

Ja. Und wenn doch, weil sie keine Lust haben das gesellschaftliche Skript vom Umgang mit Opfern mitzuspielen (wie es bei Vergewaltigungsopfern, die nicht anzeigen, der Fall ist) dann stören sie die Täterkultur auch nicht weiter.

Ich möchte drauf hinweisen, dass das das Phänomen die Opfer zu pathologisieren nicht auf Mann/Frau beschränkt ist (was Sie auch durch die Aufzählung der Beispiele deutlich machen). Die Schwierigkeit für die Missbrauchsopfer von kirchlichen und staatlichen Einrichtungen sich zu outen, liegt ganz klar daran, dass Opfer in ihrer von der Gesellschaft wahrgenommenen Rolle zum zweiten Mal bestraft werden. Das betraf bei diesen Missbrauchsfällen vorwiegend Jungs.

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hotel-ostoria 04.04.2012 | 01:25

Die erotische Bestätigung erlangen Männer jedoch nicht über die eigene Zurschaustellung, sondern über Leistung will sagen Tat im Sinne von ansprechen/erobern. Bei öffentlichen Schwanz präsentieren ist doch eher strafrechtliche Verfolgung als Anerkennung die Folge.
Frau Zeitwechslerin hingegen kann ungestraft nackt durch die Stadt rennen. Ein Mann hingegen nicht.

www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rk19990322_2bvr039899.html

Zumal Mann den Arsch aus der Hose linsen lassen kann so viel er will. Wenig zweckdienlich das ganze, denn so ist nun mal weibisches nicht männliches Brunstverhalten definiert. Andernfalls würden alle Männer morgen die Hose zwei Etagen tiefer legen, um zum Stich zu kommen.
Nee nee, Aktion ist gefordert. Und die soll wie gesagt wie ehedem Mann bringen.

Ismene 04.04.2012 | 10:15

Das ist vielleicht eine Form, schreckliche Dinge gesellschaftlich zu verarbeiten. Wenn ich dem Opfer einen Anteil an der Tat zuschreibe (zu kurzer Rock, nicht integriert, ...), dann entlaste ich mich persönlich von dem Vorwurf, nicht rechtzeitig eingegriffen zu haben.

Was mich dabei besonders irritiert, ist die Tatsache, dass ich diese Impulse auch bei mir selbst antreffe. Es mag mich beschämen, ändert aber nichts. Ich muss um eine bewusste Haltung ringen.

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Ehemaliger Nutzer 06.04.2012 | 11:38

das nennt sich die "vorstellung von der gerechten welt" und ist ein untersuchtes psychologisches phänomen, das mehr oder weniger jeden trifft. also mach dir nichts draus. alle neigen dazu, damit der kosmos gerecht bleibt, damit man das gefühl hat in einer sicheren welt zu leben (wenn man alles richtig macht). lieber gibt man offensichtlich unschuldigen und sogar sich selbst die schuld als zu akzeptieren, dass vieles NICHT gerecht ist, nicht vorhersehbar, sondern grausam und willkürlich einfach geschieht.

ich denke nichts verkraftet die menschliche psyche so schwer wie einen mangel an kausalität. da sind einem alle möglichen zuschreibungen recht, nur um so etwas wie einen zusammenhang herstellen zu können. ich glaube die schwierigkeit traumatische gewalterfahrungen verarbeiten zu können, liegt zu einem teil an der vernichtung des kausaltiätsprinzips. krass ist das bei geschlagenen ehefrauen. die berichten stundenlang über ihre schuld an ihren verletzungen, wodurch sie ihn sie ihn provoziert haben könnten, später, dass es ihre schuld war so jemanden geheiratet zu haben usw. man lädt lieber zu unrecht schuld auf sich, als zu akzeptieren, es ist passiert und ich kann nichts dafür und das hilft mir auch nicht (im märchen wird die unschuldige brave ja wiederum belohnt und entschädigt für das ihr zugefügte unrecht, das passiert in der gesellschaft aber nicht).

lg!