Maengelwesen
13.11.2012 | 12:22 25

Jenseits der Quote

Wahlfreiheit Frauen auf die Posten! Darin ist man sich in der Piratenpartei ziemlich einig. Nur, wie funktioniert das?

Jenseits der Quote

Bei den Piraten sind Frauen in Ämtern bislang eher selten - doch eine Quote erscheint zu starr

Foto: Adam Berry/AFP/Getty Images

Spätestens seitdem die ersten Aufstellungsversammlungen für die Listen zur Bundestagswahl gelaufen sind ist klar: In der Piratenpartei sind Frauen in Ämtern, auf Posten und Listen eher ein seltenes Phänomen. Von Nichts kommt Nichts, dachte man sich in Berlin, und gründeten vor 2 Wochen die Projektgruppe Frauenwahlrecht. Frauenwahlrecht? Ja. Das passive. Das mit dem Gewählt-Werden.

Tatsache ist, mit den momentan bereits gewählten Listen wäre vermutlich nur eine Frau in der Bundestagsfraktion, vorausgesetzt die Piraten springen über die 5%-Hürde und erreichen nicht (vermutlich unrealistische) deutlich höhere Prozentwerte. Eine Aufstellungsversammlung nach der anderen wurde mit Entsetzen via Twitter kommentiert – die Fragen, welche die weiblichen Kandidaten sich stellen lassen mussten, die Kommentare, die Wahlergebnisse – alles schrie danach, dringend aktiv zu werden.

Wie aber wird man eigentlich aktiv? Eine Quote stößt bei weiten Teilen auf nicht besonders viel Gegenliebe. Gewollt-gezwungene Aufteilung in männlich und weiblich, die Sorge, dass nicht mehr Kompetenz höchste Priorität hat, dass das Geschlecht, was viele doch immer noch gerne als unerheblich ansehen wollen, zu starken Einfluss darauf hat, ob Mensch auf einen Posten gewählt wird; das alles sorgt für eine (aus meiner Sicht) gesunde Skepsis vor einer starren Quote. Quote ist Holzhammer. Sie sorgt zwar dafür, den Frauenanteil in den Ämtern zu erhöhen, sie tut aber nichts gegen die Ursachen der Unterrepräsentierung von Frauen. Mag sein, Menschen brauchen Role Models. Frauen in Ämtern können solche sein, um mehr Frauen zu einer Kandidatur zu bewegen – vermutlich schreckt sie aber im gleichen Maße auch die Frauen ab, die eben wegen einer Quote nicht kandidieren wollen.

Eine feste Quote, egal welcher Art und auf welche Gruppen bezogen, geht davon aus, dass gewünschte Merkmale in beiden (oder allen) Untergruppen, die durch die Quotierung erzeugt werden, gleich, oder zumindest annehmbar gleich verteilt sind. Das wird in dem Moment, wo die verfügbare Grundgesamtheit der Untergruppen sehr unterschiedlich groß ist, problematisch.

Angenommen man hat in der Piratenpartei 20% Frauenanteil. Auf eine Liste mit 10 Plätzen bewerben sich 100 Kandidaten, 80 Männlich, 20 Weiblich. Mit einer Quote gehen dann 50% an Männer, 50% an Frauen, also jeweils 5 Plätze. Wird ansonsten nach Qualifikation gewählt, gehen dann die qualifiziertesten 6,25% der Männer und die qualifiziertesten 25% der Frauen auf die Liste. Wenn man davon ausgeht, dass die Qualifikation zwischen Frauen und Männern gleich verteilt sind (was zumindes bei den Piraten ziemlicher Konsens ist), bringt eine 50%-Quote auf jeden Fall nicht eine Liste der geschlechterübergreifend qualifiziertesten 10 Kandidaten hervor.

Ob das ein angemessener Preis für ausgeglichene Listen ist, darüber kann man ja unterschiedlicher Meinung sein, man sollte es nur im Hinterkopf behalten, wenn man nach der Quote schreit. Solange nicht gleich viele Frauen wie Männer kandidieren, somit als Grundgesamtheit vorhanden sind, ist die Quote zumindest aus statistischer Sicht, mit dem Wunsch die qualifiziertesten Personen auf die Liste zu wählen, nicht das ideale Mittel der Wahl.

Es gibt viele weitere Argumente gegen die Quote: Die Post-Gender-Verfechter fühlen sich ihrer Möglichkeit beraubt, ganz unabhängig vom Geschlecht der Kandidaten zu wählen, die Freiheit der Wahl wird eingeschränkt, die Quote bastelt an Symptomen, aber nicht an Ursachen (abgesehen davon gegebenenfalls Role-Models zu erzeugen). Die Quote macht das Geschlecht zu einer relevanten Größe in der Frage, wie erfolgreich eine Kandidatur ist. Eine Männer-Frauen-Quote ignoriert andere unterrepräsentierte Gruppen. Aber was kann man dann tun? Was will man eigentlich erreichen?

Für mich spielt die Freiheit der Wahl eine große Rolle. Sie sollte so wenig wie möglich eingeschränkt werden. Gleichzeitig sollten mehr Möglichkeiten geschaffen werden, sich durch seine Wahl für unterrepräsentierte Gruppen einzusetzen, und das beziehe ich explizit nicht nur auf die Gruppe „Frauen“. Ich glaube, dass es Wahlverfahren gibt, die das gewährleisten können, zumindest besser als reines Approval-Voting, das bislang in Berlin in der Regel angewendet wird. Welche das sein werden und wie sich das genau ausgestalten lässt, wird man entwickeln müssen.

Was kann man neben Wahlverfahren tun? Via Twitter wurde am Sonntag eine Selbstverpflichtung, auf die ersten 4 Plätze nur Frauen zu wählen, in Umlauf gebracht. Das ist eine Möglichkeit. Aber eine Selbstverpflichtung ist eine SELBSTverpflichtung. Man kann sie nur freiwillig unterschreiben. Sozialer Druck ist hier meines Erachtens fehl am Platz, und doch war er dann zu spüren. Ich will meine Wahl nicht nach Geschlecht treffen. Ich kann daher eine solche Selbstverpflichtung nicht unterschreiben. Es sind noch gar nicht alle Listenkandidaten bekannt, wie soll ich mich, ohne diese zu kennen, jetzt schon darauf festlegen, bestimmte Listenplätze nur mit Angehörigen einer bestimmten Gruppe zu besetzen? Für mich ist das nicht möglich.

Ich verstehe aber die Intention der Selbstverpflichter. Sie wollen darauf aufmerksam machen, dass es genug fantastische Frauen gibt, um sie auf die ersten 4 Plätze zu wählen (soweit kein Widerspruch meinerseits, zumindest wenn die, die es angekündigt haben, tatsächlich kandidieren). Ich hätte überhaupt kein Problem damit, die vier ersten Plätze nur mit Frauen zu besetzen. Ich würde das aber gerne als Ergebnis einer freien, freiwilligen Wahl sehen. Insofern ist eine freiwillige Selbstverpflichtung als Hinweis darauf, dass es eben wirklich so viele sehr gute Kandidatinnen gibt, dass man problemlos diese Selbstverpflichtung eingehen kann, vielleicht sinnvoll. Es ist ein schöner Weg, Solidarität, Unterstützung deutlich zu machen. Sobald aber sozialer Druck, es ebenso zu machen, dazukommt, empfinde ich das als problematisch.

Die gute Sache an der Selbstverpflichtung ist: Sie hat die Diskussion innerhalb der Piraten noch mal hochgekocht. Ich hoffe wirklich, dass sich daraus etwas Konstruktives entwickeln lässt. 

Aber über allen konkreten Maßnahmen die Wahl betreffend hinaus, muss man sich die Frage stellen: Was kann man tun, um Frauen zu ermutigen, um ihnen Rückhalt zu geben, sie zu motivieren? Wie ist eigentlich der Status Quo, werden Frauen anders befragt als Männer, gibt es Ressentiments, wie kann man beidem begegnen? Das Thema ist zu komplex um es mit einer Quote mundtot zu machen. Aber wir sind es, die es in der Hand haben. Es ist unsere Wahl.

Kommentare (25)

snow_in_june 12.11.2012 | 22:39

Danke für den Einblick in das Innenleben der Piraten. Ist nicht für die Frage einer Qoute auch wichtig, ob Frauen das Gefühl haben, von der männlichen Mehrheit unterdrückt zu werden? Was ist da dein Eindruck?

Bezogen auf Role-Models: Da gibt bzw. gab es doch Marina Weißband. Immer noch eine der Piraten-PolitikerInnen, an die ich als erstes denke, wenn es auf diese Partei zu sprechen kommt.

Lee Berthine 12.11.2012 | 23:20

So gesehen, scheint die Quote eine Art Krücke zu sein, die niemand haben will...

Manchmal frage ich mich, ob es nicht auch eine Art, wenn auch un-sichtbarer, weil subtiler Männerquote schon viel länger gibt, die aus Kumpanei, Seilschaften oder Bündnissen besteht, welche den Männern in der Politik den Rücken stärken?

Vielleicht sollten Frauen da souveräner jede Chance oder Räuberleiter nutzen, die sich ihnen bietet. Vorausgesetzt, sie sind kompetent, und wollen ein Amt "bekleiden". 

Als "sozialen Druck" würde ich die Quote nicht unbedingt empfinden, da ich unter ganz anderen Phänomenen sozialer Unterdrückung leide oder nicht leide.

Lee Berthine 13.11.2012 | 09:29

Okay, verstehe, danke für den Link!

Die Verfasserin meint, dass der soziale Druck auf Leute, die die Selbstverpflichtung nicht unterschreiben, zu hoch werden könnte.

Ich sehe das so: wenn ich (nur mal angenommen) mich entscheide, nicht zu unterschreiben, habe ich meine Gründe dafür und werde mich auch erzeugtem Druck oder bösen Blicken nicht beugen. Wenn ich argumentieren kann, reicht das, den Druck aufzulösen. Oder?

Maengelwesen 13.11.2012 | 10:14

Naja, das ist wohl abhängig von sehr vielen Faktoren, wenn man Angst vor Konfrontation oder Ablehnung hat, kann der Druck wohl erhalten bleiben. (Mir persönlich macht das nur so mittelmäßig Druck. Es haben ein paar Menschen die ich sehr schätze unterschrieben, und ich möchte keinem der Unterzeichner unterstellen bewusst und gewollt Nicht-Unterzeichner stressen zu wollen. Es passiert aber trotzdem, fürchte ich)

Lee Berthine 13.11.2012 | 10:26

Klar, wenn jemand von einer Sache überzeugt ist und sie klasse findet, kann es sicher passieren, dass er oder sie in ihrer Begeisterung zu viel des Guten tut und einem sozusagen freundschaftlich den Arm um die Schulter legt, damit man die Sache mitmacht. Diesem freundlichen Druck ist schwerer zu widerstehen als dem anderen... Aber wenn man sich darüber verständigt, dass die Distanzierung rein inhaltlicher und nicht persönlicher Art ist, wird eine kollegiale Beziehung sowas aushalten. 

schwarzbart 13.11.2012 | 11:06

Es hilft ja dabei, weibliche Kandidaten zu wählen, wenn es sie gibt. Auf der NRW-aufstellungsliste stand bei meinem letzten Blick leine einzige.

Andererseits kommt es bei Piraten nicht so gut an, wenn man lauthals als Spitzenkandidat auftritt. Bei einer NRW-Wahlliste ist so der damalige Landesvorsitzende auf Platz 25 gelandet. Und in Brandenburg gabs für die selbst designierte Platzhirschin Platz 2. U should have known better...

Maengelwesen 13.11.2012 | 11:13

Ja, der zu offensichtlich dargestellte Wunsch nach Posten, Listenplätzen führt bei den Piraten meiner Einschätzung nach oft zu Ablehnung. Ich finde diese Skepsis nicht durchweg unsympathisch, aber es führt eben auch dazu dass Kandidaten als "zu kompetent" (sic!) bezeichnet wurden. Die Skepsis ist nicht verkehrt, wenn sie aber dazu führt dass Kandidatinnen nur genau deswegen, weil sie es wirklich wollen, nicht auf Listen und Posten gewählt werden, ist das Ganze für mich ziemlich absurd. 

schwarzbart 13.11.2012 | 11:24

@Maengelwesen Ja: Es ist kompliziert...

Ich bin nun wirklich ein Vertreter der postgender-Abteilung, könnte mich aber zur Not mit einer kaskadierenden Quote anfreunden. Nur: Ohne eine solche waren auf den Top-30-Plätzen der NRW-Landesliste 7 Frauen, 2-3 mehr, als die Kaskade hergegeben hätte.

Unsere zentrale Aufgabe zur Löung dieses Multilemmas ist: Mitglieder werben. Weibliche Miglieder. Auch wenn so was, gezielt betrieben, alles andere als postgender ist. Zefix.

snow_in_june 13.11.2012 | 13:51

Es ist ein Problem, natürlich, wenn die, die es wirklich wollen, deswegen keinen Erfolg haben. Aber absurd? Das ist mir zu pauschal. Ich finde man muss darin notwendige Schwierigkeiten sehen, die entstehen, wenn man politisches Neuland betritt, wie die Piraten. Andere Parteien, bei denen "Köpfe" wichtiger sind, die haben diese Probleme doch gar nicht. Wenn man die Probleme als "absurd" bezeichnet, dann klingt dass so danach, als sei man auf dem falschen Weg. Das stimmt aber meines Erachtens nicht.

Maengelwesen 13.11.2012 | 14:09

Oh, ich finde die Skepsis gegenüber Nach-Vorne-Wollern nicht grundsätzlich falsch! Ich schätze das an den Piraten sehr, dass sie nicht gerade Leidhammel-affin sind. Aber ich beobachte eben auch dass Leute nicht gewählt werden, weil sie zu deutlich klar machen dass sie das wollen und dass sie sich für geeignet halten. Da sollte man schon zweimal hingucken, aber ich habe den Eindruck dass da manche nur deswegen pauschal abgelehnt werden. 

Ravelstein 13.11.2012 | 17:06

Meine Erfahrungen mit der Quote

Ich komme selbst aus einer linken Partei mit Quote und kann sagen: Es ist nicht immer leicht. Aber aus meiner Sicht hat die Quote einige Vorzüge.

Auf Bundesebene ist es kein Problem - genug qualifizierte Frauen finden sich von selbst. Hier dürfte die Ouote kein Problem sein. Die Probleme gibt es bei einer Quote eher auf Basisebene. Was tun, wenn es einfach keine Frauen gibt? Da wären wir beim nächsten Vorzug der Quote: Die männlichen Parteimitglieder müssen mal darüber nachdenken, warum es keine Frauen in der Partei gibt.

Reden wie beim Stammtisch, sexistische Sprüche, laute ellenlange Redebeiträge, Türen knallen, keine Kompromissbereitschaft schrecken Frauen (und viele andere Menschen) ab.

Die Quote ist also ein beständiger Stachel im Fleisch der Männer, weil sie auf ein gesellschaftliches Problem hingewiesen werden mit dem sie sich sonst nicht auseinandersetzen müssen.

Kandidaturen und Quotenfrauen

Aussichtsreiche Kandidaturen werden oft von Männern in kleinen Gruppen besprochen. Die Männer meinen es nicht mal böse, aber so passiert es eben.

Frauen trauen sich oft nicht zu kandidieren. Meine Erfahrung ist aber, dass gerade die gewählten Frauen mehr Aufgaben übernehmen als Männer. Männer können sich gut präsentieren, leider arbeiten sie oft nicht so.

Ich habe schon viele Quotenfrauen erlebt, d.h. ohne die Quote wären sie nie angetreten. Am Ende haben sie bessere Arbeit als die Männer gemacht.

Die Quote ist ein blödes Instrument, aber augenscheinlich notwendig.

Wenn man(n) also will, lässt sich die Quote erfüllen.

Zur Post-Gender-Debatte:

Wenn man das Geschlecht überwinden will und sagt wir machen die Geschlechterrollen nicht mehr auf - übersieht man bestehende Diskrimierungen aufgrund des Geschlechts.

Georg von Grote 14.11.2012 | 19:25

So intensiv, wie es einem Nicht-Piraten möglich ist. ich habe ja anfangs auch auf sie gesetzt.

Nur im Moment können sie mich nicht hinter dem Ofen hervorholen, aber ich schreibe sie noch nicht ab.

Ich halte es mittlerweile für einen absoluten Fehler, dass sie sich so schnell der aktiven Politik gestellt haben. Zu früh in meinen Augen.

Iczh hätte an ihrer Stelle etwas länger an der inneren Struktur gearbeit, an den verschiedenen Entscheidungsprozessen. Liquid feedback und liquid democracy ist eine derart spannende Angelegenheit, nur setzen die Piraten im Moment jedenfalls das alles aufs Spiel.

Das hat jetzt nichts mit etwaigen Quoten zu tun, von denen ich, egal um wen es geht gar nichts halte, bis auf wenige Ausnahmen.

Die Piraten brauchen zumindest im Moment ganz dringend einen Leithammel, bzw mehrere, der sie nach aussen hin glaubwürdig verkauft und nicht, wie gerade in dieser Zeit als unfähigen Chaotenhaufen dastehen lässt.

In dem Fall solle es egal sein, ob der leithammel männlich oder weiblich ist. Es kommt auf die Fähigkeiten an, nicht auf das Geschlecht.

pw6 16.11.2012 | 12:56

"Die Quote ist also ein beständiger Stachel im Fleisch der Männer, weil sie auf ein gesellschaftliches Problem hingewiesen werden mit dem sie sich sonst nicht auseinandersetzen müssen."

Arroganz der Macht, fällt mir dazu nur ein. Die Macht besteht hier darin, nach Gutdünken definieren zu können, was ein Problem ist, wer daran schuld ist und wie man für seine Schuld abgestraft wird (mit einem Stachel im Fleisch).

Es ist völlig absurd, die Männer als Kollektiv zu behandeln, das man dafür abstraft, daß Frauen etwas nicht tun (für Parteiämter kandidieren), was dem Leitbild einer bestimmten Ideologie widerspricht. Um einfach mal die Rollen zu tauschen: Man könnte ja auch eine Männerquote von 40% bei den Vorsorgeuntersuchungen einführen. Die geringe Bereitschaft der Männer, gesundheitlich vorzusorgen, ist ein großes gesellschaftliches Problem. Wenn die Frauen genauso oft wie bisher zum Arzt gehen wollen, sollen sie sich damit auseinandersetzen müssen. Zumal die Wartezimmer von zu vielen Patienten völlig verstopft sind und die Wartezeiten für Termine immer länger werden.