Maike Hank
22.12.2012 | 14:58 6

Hinter den Kulissen der Macht

Graphic Novel Was wir schon immer über diplomatische Beziehungen wissen wollten, verraten Christophe Blains und Abel Lanzac in der Geschichte um einen französischen Außenminister

Hinter den Kulissen der Macht

Illustration: Ausschnitt aus dem Titel / Blain / Reprodukt

Quitzi, die Internetkatze aus dem Comichladen meines Vertrauens Grober Unfug, hat mich eingeladen, vor Ort einen Comic auszusuchen, um anschließend im Rahmen der Adventsvorkommnisse darüber zu schreiben. Mit großen Augen schlenderte ich durch den Laden und blieb recht schnell an Quai d' Orsay, einem großen, schweren, schönen Buch hängen. Erst als ich es bereits in Händen hielt, bemerkte ich, dass es, wieder einmal, von Reprodukt ist – ein Verlag, zu dessen Veröffentlichungen ich mich offenbar wirklich hingezogen fühle.

Quai d' Orsai wirft einen Blick hinter die Kulissen der Diplomatie und das einzig Blöde daran ist, dass es sich nicht um die deutsche, sondern die französische Politik handelt, die darin auf wunderbare Weise demontiert wird. 

Der junge Doktorand Arthur Vlaminck wird Redenschreiber des französischen Außenministers und ist ebenso ahnungslos wie wir, als er seine Arbeit antritt. "Du wirst der Schreiber des Pharao" warnt ihn seine Freundin, für die Arthur schon bald keine Zeit mehr hat und am Ende verlieren wird. Trotz aller Widrigkeiten läßt er sich einlullen von der Redegewandtheit und der Ausstrahlung des Außenministers sowie den Mechanismen im Auswärtigen Amt. 

Vom Minister überrollt

Allein die ersten Kapitel vergehen damit, dass Arthur eine Rede schreiben soll und jedes Mal etwas Anderes daran nicht stimmt, der Außenminister immer wieder die Ausrichtung ändert und jeder Berater jene Dinge priorisiert, die für ihn selbst wichtig sind. Der Außenminister ist ein großer, beeindruckender Typ und wenn er seine Inhalte vorträgt, dann rauschen die einzelnen Panels an einem vorbei, so lebendig sind sie illustriert mit ordentlich vielen Tacks und Paffs und fliegenden Händen. Man wird ebenso von ihm überrollt wie Arthur oder all die anderen Menschen, die auf ihn treffen. Sei es eine Literaturnobelpreisträgerin, die praktisch nicht zu Wort kommt oder der Beraterstab, der angeschrien wird und deren Mitglieder zudem fast alle gegeneinander arbeiten.

Als Arthur zum ersten Mal die Erfahrung macht, hintergangen zu werden, erklärt ihm ein Kollege: "Ist auch nur ne Art dich zu ficken. (...) Kleine ministeriale Sexualkunde. So läuft das hier mit dem Verkehr. Bloß weil du jemanden verarschst, willst du ihm doch noch nichts Böses. Das ist so was wie eine Liebkosung. (...) Du kommst noch auf den Geschmack." Aber so richtig auf den Geschmack kommt Arthur zum Glück nicht, vielmehr geschieht alles mit ihm und er versucht, eben irgendwie oben zu bleiben. Dass es ihm gut tut, zwischendurch auch auf einer normalen befreiten Ebene mit Kollegen zu kommunizieren, zeigt eine gemeinsame Luftgitarrensession, zu der Arthurs Telfonklingelton inspirierte, der immer mal wieder in unpassenden Momenten ertönt: Seek and Destroy von Metallica. Und auch mit Anspielungen auf andere Comics wie Tim und Struppi oder japanische Mangas oder Figuren aus Computerspielen wird hier zusammengebracht, was vermeintlich nicht zusammengehört: Popkultur und die Welt der Diplomatie.

Ähnlichkeiten beabsichtigt

In Quai d' Orsay werden wir Zeugen eines Außenministers, der despektierlich über die Minister der anderen Länder spricht, wir befinden uns in Situtionen, wo über die UNO hergezogen und zwischen Tür und Angel schon mal in Unterwäsche über kriegsentscheidende Dinge beraten wird. Denn es geht plötzlich darum, die USA davon abzuhalten, in Louisdem – ein Königreich im Nahen Osten, wo angeblich der internationale Terrorismus beheimatet ist – militärisch zu intervenieren. Ähnlichkeiten mit tatsächlich geschehenen Ereignissen sind natürlich Absicht. Christophe Blains Co-Autor Abel Lanzac arbeitete tatsächlich fünf Jahre lang unter Dominique de Villepin im Quai d’Orsay. Es ist also anzunehmen, dass zwar vieles überspitzt dargestellt, jedoch vermutlich mehr der Wahrheit entspricht als uns lieb ist.

Der Comic war in Frankreich sehr erfolgreich und selbst, wenn ich vermutlich längst nicht alle Anspielungen verstand, habe ich beim Lesen die meiste Zeit sehr gelacht. Ich habe eine Bitte an irgendwen aus dem deutschen Außenministerium: Jemand muss von dort auch so gekonnt unterhaltsam und böse aus dem Nähkästchen  plaudern. Schnell!

Kommentare (6)

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Ehemaliger Nutzer 22.12.2012 | 23:12

Wenn es Ihnen Spass gemacht hat, prima. Jedoch, man kann auch comics über Comics-Schreiber anertigen: Da sitzt einer und denkt, was will das zahlende Volk: Unterhaltung! Was will WW: Sichtbarkeit! Was will der Büroleiter des Ministerbüros? B 5, d.h. das selbe. Was kommt dabei heraus? Spätrömische Dekadenz. Schon hat der Comicschreiber seinen Plot. Spätrömische Dekadenz nicht im Volk sondern im Amt. Der Minister ist derselbe wie auch wir sind: spätrömisch dekadent halt. Das muss doch mal gesagt werden!  Das Volk kauft. Tout va bien. Und Leopold von Ranke sagt, ich suche nach Sinn un finde nur Unsinn. Schad eigentlich.