Marie Mohrmann
10.12.2012 | 14:14

Das Ende der Plattenkamera

Fotografie Die zwanziger Jahre bedeuteten einen Umbruch in der Fotografie. Die erste Handkamera kam auf den Markt und die Künstler stürzten sich darauf

Die aktuelle Ausstellung des Bauhaus-Dessau zeigt Fotos aus der Zeit der ersten Handkameras. Die Erfindung der kleinen „Leica“, welche das Herumschleppen der schweren Plattenkamera überflüssig machte, löste am Bauhaus eine Welle der Fotografie-Begeisterung aus. Die jungen Künstler stürzten sich auf diese neue technische Errungenschaft und auch die – vorher der Fotografie eher skeptisch gegenüberstehenden – Hochschullehrer begannen mit dem neuen Apparat zu experimentieren. Bei den Feiningers machte die Fotografie-Wut auch vor den eigenen vier Wänden keinen Halt, im Keller wurde eine Dunkelkammer eingerichtet. Ihre Nachbarn, das Ehepaar Moholy-Nagy, entwickelten derweil Theorien über die Möglichkeiten der Fotografie als neuer Kunst.

Die Ausstellung zeigt Fotos von Herbert Bayer, T. Lux Feiniger, Werner David Feist und vielen mehr. Die Fotografien veranschaulichen die unterschiedlichen kreativen und experimentellen Ansätze, die in fotografischer Hinsicht am Bauhaus ausprobiert und verfolgt wurden. Von „der Bauhaus-Fotografie“, als einer einheitlichen und festgelegten Stilrichtung kann nicht gesprochen werden.

Extreme Perspektiven

Zu sehen ist zum Beispiel László Moholy-Nagys „Blick vom Berliner Funkturm“ von 1928. Die extreme Perspektive aus großer Höhe, für die Idee des „Neuen Sehens“ typisch, lässt den teilweise verschneiten Vorplatz des Funkturms wie ein abstraktes modernes Gemälde erscheinen. Die Stadt wird auf seinem Foto zu einer geometrischen Form. Kreise und dicke schwarze Linien auf weißem Grund. Moholy-Nagy ging es nicht um die Abbildung einer äußeren Realität durch das Foto, vielmehr wurde die fotografische Idee bei ihm zu einer eigenen Realität, die als Kunstwerk eigenständig für sich stehen konnte. Dies war ein Meilenstein für die Geschichte der Fotografie, welche bis dahin noch nicht als eigene Kunstform anerkannt war.

Die Ausstellung zeigt auch die neuen Ansätze der Bauhäusler im Bereich der Porträt-Fotografie. Starke Anschnitte, schräge Perspektiven und Schatten auf dem Gesicht des Portraitierten – was beim Bauhaus absichtlich komponiert wurde, wäre zuvor als ein „fotografischer Fehler“ bezeichnet worden. Studenten und Lehrende dokumentierten nicht nur ihr tägliches Leben am Bauhaus, sondern auch ihre künstlerischen Vorkurs-Arbeiten, ihre Theater- und Musikproben. Lyonel Feiniger machte die Meisterhäuser und ihr Umfeld zum Gegenstand.

Klare Linien

Einen ganz anderen Fotografie-Stil brachte der Nachfolger Moholy-Nagys, Walter Peterhans, an das Bauhaus. Peterhans leitete ab 1929 die neu eingeführte Fotografie-Klasse des Bauhauses. Peterhans hatte eine Vorliebe für die strenge Komposition in der Fotografie. Ihn begeisterte zudem die Materialität der fotografierten Objekte. Glänzende neben transparenten Gegenständen, Nahaufnahmen von Oberflächenstrukturen, die Schattenwürfe von Bildelementen zeichnen seine Fotografien aus.

Die Ausstellung präsentiert die Fotos in Vitrinen, auf die der Betrachter von oben drauf schaut, als sähe er in ein Fotoalbum. Dabei werden Neuerwerbungen mit den älteren Beständen des Bauhauses gemeinsam ausgestellt. An Stehwänden kann der Besucher zudem Kommentare von Künstlern anderer Disziplinen lesen, die der Frage nachgegangen sind, was Bauhaus-Fotografie für sie bedeutet. So schildert die Choreografin Sasha Waltz, dass die Besichtigung der Fotos bei ihr eine Sehnsucht nach mehr künstlerischer Zusammenarbeit und Gemeinschaft ausgelöst hätte.

Sammlung Thomas Walther

59 historische Aufnahmen, die von Bauhaus-Lehrenden und Bauhaus-Studenten stammen, konnten kürzlich von dem Sammler Thomas Walther neu erworben werden. Nur vier Bilder der zum Teil weltberühmten Aufnahmen können momentan auch an anderen Orten Deutschlands besichtigt werden. Die Fotos sind nun an ihren Entstehungsort zurückgekehrt, ergänzen und bereichern die schon vorhandene Sammlung der Bauhaus-Stiftung.