Marie Mohrmann
14.02.2013 | 15:07 9

Leider nicht farbenblind

Südafrika Manfred Loimeiers Buch "Wortschätze" ergründet, wie afrikanische Autoren und Autorinnen ihre Arbeit verstehen.

Leider nicht farbenblind

Skulptur vor der Zentralbibliothek der Universität University of Lagos (Unilag), Nigeria

Foto: PIUS UTOMI EKPEI/ AFP/ Getty Images

Unter Literaturwissenschaftlern war es lange Zeit verpönt, Biografien von Schriftstellern zu lesen. Zur Begründung diente die Unabhängigkeit des Kunstwerkes. „Autorengenies“ hätten unter jeglichen Umständen, zu jeglicher Zeit, unabhängig von ihrem eigenen Leben ihre Werke verfasst. – So die damalige Annahme. - Doch, ob die Kunst nun von der Biografie ihrer Schöpfer autonom ist oder auch nicht, die Neugier an den Personen hinter den Texten war schon immer vorhanden und selbst ein bekannter Lyrik-Professor der Humboldt-Universität hat in einem seiner Seminare bekannt: „Ich habe heimlich in den Buchläden die Ro-Ro-Ro-Bändchen aus dem Regal gezogen und darin die Schreckensbiografien einiger Literaten nachvollzogen.“  

Wortschätze

Ein Buch, das nicht nur die Biografien sondern auch die Literaturauffassungen, Arbeitstechniken und das Selbstverständnis von Schriftstellern thematisiert, ist nun im Horlemann Verlag erschienen.

Der Literaturwissenschaftler Manfred Loimeier hat sich mit vierzig afrikanischen Autorinnen und Autoren über ihr Werkverständnis unterhalten. Die Autoren kommen aus den verschiedensten Ländern des subsaharischen Afrikas und schreiben in den unterschiedlichsten literarischen Gattungen, wodurch sich ein riesiges Arsenal an Themen und Fragestellungen ergibt. Die Interviewzusammenstellung hat Loimeier über Jahre hinweg erarbeitet, indem er zahlreiche nationale und internationale Literaturkonferenzen besucht hat.

Das Buch erweckt zunächst den Anschein des Eklektizismus, doch durch die große Anzahl an Interviews mit südafrikanischen Autoren und Autorinnen erhält es zunehmend seinen roten Faden. Es führt mit jedem zusätzlichen Gespräch über die südafrikanische Apartheidsvergangenheit immer tiefer in die Konflikte dieses Landes und seiner Gesellschaft hinein. Die Apartheid wurde bekanntlich erst 1990 abgeschafft und die südafrikanische Gesellschaft beginnt erst jetzt, mit langsamen Trippelschritten, sich von diesem Trauma zu befreien oder vielmehr, es überhaupt zu bearbeiten.

Playing in the Light

Zwar gab es in Südafrika die „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ („TRC“), die ab 1996 die politisch motivierten Verbrechen der Apartheid untersuchen und aufklären sollte, auch wurden die Südafrikaner dazu aufgefordert, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und eine große Masse an Biografien und Lebensgeschichten entstanden, es wird zur Vergangenheit des eigenen Landes geforscht, aber die südafrikanische Gesellschaft ist  noch nicht wieder zusammengewachsen.

Loimeier hat mit Autoren und Autorinnen jeglicher Hautfarbe gesprochen, die die Apartheid in unterschiedlicher Weise erleben mussten. Dies macht sein Buch zu einem Dokument verschiedenster Erinnerungen. Es dokumentiert jedoch auch die aktuellen Entwicklungen der südafrikanischen Literatur, wie das Anwachsen von Spoken Word und Slam Poetry. 

Viele „weiße“ Autoren, wie zum Beispiel Breyten Breytenbach und J.M. Coetzee haben Südafrika während der Apartheid verlassen, weil sie es einfach nicht mehr ertragen konnten. Breytenbach wurde dann während eines heimlichen Besuchs in Südafrika verhaftet und saß aufgrund seiner oppositionellen Tätigkeiten sieben Jahre im Gefängnis. Heute unterrichtet er in New York und in Kapstadt Kreatives Schreiben. In seinen südafrikanischen Klassen sitzen Studenten aus weißen Vororten und schwarzen Townships. Die Arbeit mit Ihnen sei nicht einfach, sondern von tiefem Schmerz durchdrungen. Oftmals prallten die unterschiedlichen Haltungen, Zorn, Wut und Trauer aufeinander. In Südafrika kann man nicht farbenblind umherlaufen.

Loimeier muss man den Verdienst zugestehen, dass er die Rolle der Schriftsteller in diesem Prozess näher beleuchtet und dokumentiert hat.

 

Kommentare (9)

Michael Angele 14.02.2013 | 15:47

Liebe Marie

Coetzee passt aber nicht ganz in die Reihe, der hatte zwar schon während der Apartheit Südafrika verlassen, ist aber in den achtziger Jahren wieder in sein Heimatland zurückgekehrt, und hat dann da und dort (USA) gelehrt. Erst 2002 ist er nach Australien ausgewandert, wo er bis heute lebt. Es heißt, dass er nicht länger goutierte, wie sich im ANC ein neuer Rassismus (diesmal gegen Weiße) bildete.

 

tlacuache 15.02.2013 | 09:56

Wegen Auswandern und so:

..."Eine politisch außerordentlich brisante Stimmung bildete sich ab 1975 heraus, als erstmals die Abschlussprüfungen in der 7. Klasse abgelegt werden mussten und nun in Englisch oder Afrikaans (für die schwarzen Schüler nicht mehr in der afrikanischen Muttersprache). Die angefallenen und strukturell bedingten sprachlichen Defizite aus den vorangegangenen Lehrplänen waren innerhalb eines Schuljahres nicht aufzuholen"...

Ich kann mich noch gut an den Aufstand in Soweto erinnern, wer das Kleingeld hatte, ist damals schon ausgewandert, mit ein bisschen Grips im Hirn konnte man sich die gesellschaftliche Zeitbombe schon ausmalen, und Coetzee ist bestimmt kein dummer.

Das bügelst du nicht eben mal in 36 Jahren ab...

Gruss

JR's China Blog 15.02.2013 | 14:53

Da es ja anscheinend mal als piefig galt, Schriftstellerbiografien zu lesen, setze ich noch einen drauf: im Normalfall ist die Staatsangehörigkeit ein guter Indikator dafür, "wo man hingehört". Aber was ist der Normalfall?

Es gibt chinesische Ex-Dissidenten - manche seit langem mit deutscher Staatsangehörigkeit -, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, deren Lebensinhalt aber letztlich immer noch China ist. Wie weit das bei Coetzee der Fall ist... Südafrika hat ihn "gemacht", und Australier wurde er erst im Rentenalter.

Im Zweifel ist ein Exilant für mich der, für den er sich selbst hält.

tlacuache 15.02.2013 | 15:22

100 % Recht geben,

als seid 13 Jahren Exilant, auch wenn ich mich als voellig "untypisch Deutsch" hielt, ich werde immer Deutscher sein, im Kern, im Innern...

Bevor man ueber mich urteilt und mich in die Rechte Ecke schieben will:

Ich bin immer noch puenktlich und "mache, was ich vorher sage", das ist gar nicht so ueblich in anderen 191 Ländern...

Ich hätte viel lieber dieses Leichtgefühl meiner Landesbewohner was die Zeit und die Nichternsthaftigkeit angeht, aber verfluchte Scheisse, ich bekomme es aus meiner kulturellen Konstruktion nicht heraus...

Gruss

JR's China Blog 15.02.2013 | 15:40

Ging mir im Ausland selbst so, und bei anderen Deutschen habe ich das auch wahrgenommen, dass sie ihr Herkunftsland sehr viel bewusster wahrnahmen als vorher. Hat mit der politischen Richtung eher selten etwas zu tun, soweit ich sehe.

Aber eben darum glaube ich auch, dass Südafrikaner im Ausland ebenso in die Autorenreihe passen wie diejenigen, die das Land nie verlassen haben. Allerdings führt das zwischen den einen und anderen oft zu Animositäten.

War ja nach dem Ende des 2. Weltkriegs nicht anders. Exil-Schriftsteller wie Thomas Mann wurden z. B. vom Bremer Schriftsteller Manfred Hausmann oder Walter von Molo kritisiert - und umgekehrt kam von Thomas Mann die Botschaft, was von 1933 bis 1945 gedruckt worden sei, gehöre eingestampft.

Aber die erbittertsten Konflikte sind eben meistens Famileinkonflikte. ;-)