Marion von Zieglauer
16.07.2013 | 00:30

Cut-up vorm Kuhstall

Festival Fernab vom großen Literaturbetrieb trafen sich ein paar Freaks in freier Natur zur „Provinzlesung“ in der Röhn

Seid ihr von der medizinischen Fakultät?“, fragt der Bauer, als ich den Feldweg hinauf zum erloschenen Vulkan Kalte Buche in der Rhön gehe. Wie erklärt man jemandem die „Provinzlesung“ auf der Jungviehweide, die letztes Wochenende stattfand? Peter Engstler, Inhaber des gleichnamigen Verlages, Buchhändler und – als Garant für seine ökonomische Unabhängigkeit – Betreuer von geistig behinderten Menschen, organisiert alle zwei Jahre ein Zusammentreffen von Autoren und Interessierten, um ein entschleunigtes, vom Literaturbetrieb distanziertes Bild davon zu geben, was Literatur sein kann. „Wir sind ein Haufen Literaten, alte und neue Linke, Anarchos, moderate Soziale, Gegenöffentlichkeit, Reformer, rege Träumer und wilde Denker, die sich in einer sehr schönen Gegend drei Tage lang gegenseitig vorlesen und zuhören“, sagt Peter Engstler, genannt Pit.

Occupy-Zelte, ein alter VW-Bus, aber auch ein fetter BMW stehen vor dem ausrangierten Kuhstall, ein Mann in Anzug hackt Holz für das Lagerfeuer. Die Luft ist rau, auf Festbänken tauscht man Gedanken und regionale Köstlichkeiten aus. Die Gedichte der norwegischen Lyrikerin Tone Avenstroup werden vom Wind durch die Köpfe der Zuhörer in die Felder getragen, wo sie durch Grashalme, Margariten und Klatschmohn rascheln. „Das Humanistische beginnt von innen / Gänseblumen beginnen.“

Es wurde über Steine gesprochen, die sich jahrelang nicht beruhigen können, nachdem sie aus der Erde gerissen wurden. Helmut Höge entwarf eine Poesietheorie über lachende Wiesen und las über Affen. Im Mai erschienen drei neue Bände bei Engstler: Affen, Hunde und Schwäne, der Band Elefanten folgt im Herbst. Höge, wie den Lesern des Freitag bekannt, schreibt Geschichten über Tiere, die er persönlich kennt, eingebettet in philosophische Überlegungen zu Verhalten, Kommunikation, Mitgefühl und soziale Entwicklung. Tierforschung und Menschenforschung nähern sich an, die Objekt-Subjekt-Beziehung löst sich bei Höge einmal mehr auf. Die Cut-up-Legende William S. Burroughs wird gleich mehrfach aufgegriffen. Sigrid Fahrer beschäftigt sich mit dessen Begriff des Wortvirus, Michael Kellner verweist auf die Burroughs-Ausstellung in Hamburg. „Es ist ein Experiment, das immer noch läuft“, zitiert er aus der eben erschienenen Burroughs-Biografie. Der Kurator der Ausstellung und Verleger Udo Breger liest die rührende Geschichte seiner Jugendliebe vor. Heute versteht der 72-Jährige immer noch nicht, warum er Sofka damals gehen ließ. „Weil man in jungen Jahren glaubt, dass die Liebe immer wiederkehrt“, lächelt die Dokumentarfilmerin Katrin Eissing und legt den Kopf in ihre Hand.

Aufruf zum Bücken

Carl Weissner, dem Übersetzer von Bukowski und Burroughs, der 2012 verstarb, gedachte Signe Mähler in einem dokumentarischen Kunstfilm. Andreas Hansen hatte kurz mit Pit überlegt, wie es mit der Gesellschaft weitergehen wird, und die Gedanken in einem neuen Buch festgehalten. William Cody Maher las in Bukowski-Manier unglaublich lustige Geschichten über seine Erlebnisse mit amerikanischen Polizisten und ihre Schikanen.

Es gibt sehr gute Literatur, man braucht sich nur zu bücken und sie aufzuheben, sagt Pit. Der Literatur schade es nicht, dass sein Verlag so klein ist. „Es gibt schöne Verlage, gute Dichtung, aber es braucht mehr Verlage, mehr Bücher, es braucht tausend Blumen.“ Das Feuer brennt noch lange, Hugo Velarde singt das Lied „Don Quijote de la Mancha“, und der Vollmond veredelt die Mittsommernacht.

„Hat sich die lange Anfahrt von Südtirol gelohnt, nur für so ’ne Lesung?“, fragt mich die Pensionsmutti, als ich mich von ihr verabschiede. Deutschland hat so schöne Seiten, denke ich, abseits des Bildes, das aus den Medien über die Grenze schwappt, von verlogenen Atomausstiegen, Drohnenkäufen, von denen der zuständige Minister nichts weiß, EU-Führerin Merkel und ihren endlosen Rettungsschirmen. Nur kennt die anderen Seiten kaum jemand. Schade eigentlich. „Das war wie Urlaub“, antworte ich der Mutti, „die Flora in der literarischen Provinz ist wunderbar.“