Marion Zieglauer
21.01.2013 | 16:07

Im Inneren des Weltkulturerbes

Neu eröffnet Nach mehrjährigen Bauarbeiten und fünfmonatiger Schließung verschmolzen die Kunsthalle und das historische Kloster St. Annen in Lübeck zu einem einzigen Museumsquartier

Das auf 9000 Quadratmeter aufgeteilte Museumsquartier liegt im St. Aegidien-Viertel in Lübecks Altstadt, zwischen der Synagoge, den Renaissancehäusern der Beginenkonvente und dem Logenhaus. Die Idee zur Umgestaltung kam dem leitenden Direktor des Museums Hans Wißkirchen vor fünf Jahren, anlässlich einer Sonderausstellung des bekannten Lübecker Komponisten Dieterich Buxtehude. Das Museum vereint in einer unglaublichen Dichte mittelalterliche sakrale Kunst, bürgerliche Lebenswelten und moderne Kunst. "Wir wollen das Quartier für ein großes Publikum attraktiv machen und einen Blick in das Innere des Weltkulturerbes ermöglichen.“

Seit 1987 gehört Lübeck zum Unesco Weltkulturerbe und lockt wohl auch wegen seiner Museen, des Buddenbrook- und Günter Grass-Hauses jährlich 15 Millionen Tagestouristen an. Die Hansestadt bildete im Mittelalter das wichtigste Kunstzentrum im südlichen Ostseeraum und war für seine Schnitzkünste und das Gold- und Silberhandwerk weit über seine Grenzen hinaus bekannt. Wer zum ersten Mal durch die Stadt spaziert, vorbei am großen Rathaus und Holstentor, der verschluckt fast das weltbekannte Marzipan vor Begeisterung und Fülle an Kirchen, Klöstern und Stiften im Stile der Backsteingotik und den pittoresken Gassen. Aber ein Blick lohnt sich auch in die zahlreichen Läden. Mit etwas Glück entdeckt man in dem ein oder anderen Modegeschäft über dem Winterschlussverkaufsschild plötzlich Eichenbalken aus dem 14. Jahrhundert oder Deckenmalerei von 1600.

Von der Kirche des 500 Jahre alten St. Annen-Klosters sind nur noch die mächtigen Achteckpfeiler und Bögen der backsteinernen Wände übrig. Feuer hatte die Kirche 1843 zerstört und nach dem partiellen Wiederaufbau wurden Teile des Klosters als Armen-, Werk- und Zuchthaus genutzt. Im Kreuzgang und seinen angrenzenden Räumen reihen sich die Schnitzaltäre und sakrale mittelalterliche Kunst spätgotischer Klosterarchitektur. Der Umfang der Sammlung ist mit dem der Nationalmuseen der skandinavischen Länder vergleichbar. Zu den bedeutendsten Werken im Museum gehört der Greveraden-Altar des flämischen Malers Hans Memling von 1491. Er ist ein bezeichnendes Beispiel niederländischer Malerei und gehört zu den wertvollsten gemalten Altaraufsätzen des Mittelalters.

Lübeck vereint in sich auf besondere Weise Geschichte und Moderne, was versucht wird in den Exponaten des Museumsquartier St. Annen zu übersetzen. Die Dauerausstellung im Museumsquartier St. Annen zeigt, wie im Inneren des Weltkulturerbes gelebt wurde. 25 Räume im Obergeschoss des alten St. Annen-Klosters veranschaulichen, wie die Bürger Lübecks regierten, feierten und wohnten. Gleich zu Beginn des Rundganges sticht ein Gemälde Hans von Hemßsen' ins Auge, es stellt einen Ratssitzung im Audienzsaal 1625 dar. Im Hintergrund steht der Silberschatz der Stadt auf einem Prunkbuffet aufgestellt. Durch ihr reges Handelstreiben etablierte die Stadt erfolgreiche Unternehmer und ein aktives Bürgertum, das als Kunstmäzen fungierte. Alle Exponate des St. Annen Museum sind von Lübecker Bürgern gestiftet, gekauft oder gesammelt worden.

Im Obergeschoss der kulturhistorischen Sammlung wird seit der Wiedereröffnung die Bedeutung Lübecks als Musikstadt stärker als bisher hervorgehoben. Der Mode und dem Lebensstil der Bürger vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wird ebenfalls mehr Platz eingeräumt. Gänzlich neu sind der Multimedia-Raum, der historische Themen der Stadtgeschichte interaktiv vorstellt und das rund 200 Quadratmeter große Kindermuseum. Daneben bleibt genügend Platz für Sonderausstellungen und Kunst aus dem 20. und 21. Jahrhundert.