Matthis Hagedorn
01.01.2013 | 15:51 1

Twitteratur

Twitteratur Über das Aufleben des Aphorismus im elektronischen Zeitalter

Twitteratur

Foto: eldh/ Flickr (CC)

Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität des Aphorismus bisher in seiner Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist sozusagen Twitteratur.

Holger Benkels »Gedanken, die um Ecken biegen« gehen jedoch weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine Ränder verstehbar zu machen. Benkels Aphorismen folgen keinem linearen und systemischen Denken, sie entfalten sich vielmehr assoziativ und labyrinthisch. In seinen Aphorismen gehen Poesie und Sprachkritik ineinander über.

Der Aphoristiker spricht seine Gedanken frei und verfolgt sie nicht. Benkels Aphorismen sind eine Prosaform zwischen Poesie und Philosophie, verwandt mit Essay, Sprichwort und Epigramm. Ein Genre der Gegensätze: knapp gefaßt, aber weit gedacht, pointiert formuliert, aber metaphorisch offen, sehr subjektiv auf den Begriff gebracht, aber mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Diese »Gedanken, die um Ecken biegen« sind kurz, konzise, rhetorisch markant, nichtfiktional und stehen für sich allein, sind also nicht Teil eines längeren Textes. Benkel arbeitet oft mit sprachlichen Mitteln wie Antithese, Neologismus und Paradoxon. Vieles ist so dicht und so intensiv, daß es zu kleinen poetischen Einheiten wird.

Als gelernter Lyriker schreibt Benkel gleichsam in Zirkelbewegungen, auf die Momente zu, da etwas aufgeht. So lassen sich Aktivität und Passivität, Tun und Erleiden, Begreifen und Ergriffen–Werden kaum unterscheiden. Es sind Augenblicke, in denen Probleme gelöst, Überzeugungen gebildet und Einsichten gewonnen werden – mentale oder auch seelische Ereignisse, in denen sich nicht nur das Denken, sondern auch das Leben ändern kann. Einige von Benkels »Gedanken, die um Ecken biegen« haben Konsequenzen nicht allein für das Leben und Denken desjenigen, dem da etwas aufgeht.

Holger Benkel verfügt über kulturelle Deutungsmuster und Übersetzungsmöglichkeiten, die anderen fehlen. Für diesen Lyriker leuchtet die Devise einer abfallgeplagten Epoche auch als Lebensdevise ein.

Bereits in der Renaissance beriefen sich Lyriker, die auf die strenge Bindung der Verse durch Rhythmus und Reim verzichteten, auf das Vorbild der Antike. Sie konnten in den Gesängen Pindars, aber auch in den Psalmen der Bibel kein Metrum und keinen Gleichklang der Endsilben entdecken.

In ältester Vorzeit waren die Vorläufer unserer heutigen Gedichte sprachmagische Werkzeuge. Ihrer bediente man sich einzelweise oder im Chor, um sich Götter und Gegenstände gefügig zu machen. Gedichte waren Gesang, und zu diesen beiden gesellte sich der Tanz. Erst durch das Nachstellen ritueller Schrittfolgen wurde die Entstehung der Versfüsse, der Hebungen und Senkungen im Versfluss, plausibel und deutlich.

Benkels Beharren auf die ehemals kultische oder liturgische Funktion der Poesie ist wohltuend. Zugleich streicht er das Dilemma aller heutigen dichterischen Bestrebungen hervor. Wer das Handwerk der Verskunst aus dem Zusammenhang der kultischen Sinngebung herausreisst, wird mit dem Geschenk der Freiheit belohnt. Der Aufbruch in eine Freiheit ohne jegliche Verbindlichkeit ist das trügerische Geschenk einer Kultur, die nichts so sehr ersehnt wie Autonomie und Ungebundenheit. Durch die Originalität seiner Wortfindungen kann Benkel das Prestige des Schamanen und Geisterbeschwörers noch verwalten.

Diese Aphorismen sind zugleich Ausdruck eines fast paradox anmutenden Verhältnisses zur Literatur: eher reflexiv, kritisch und distanziert und eben dadurch tiefergehend. Das literarisch Wertvolle daran ist, daß er das Spiel mit den Wörtern nicht als bloße Etüde betreibt. Vielmehr schimmert hinter all seinen Spracherkundungen ein existentieller Kern, das kleinstmögliche Ganze.

 

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Gedanken, die um Ecken biegen, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, Mülheim 2013

Kommentare (1)

Martin Haase-Thomas 03.01.2013 | 19:58

Bestand die Modernität des Aphorismus bisher in seiner Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne.

Das KaDeWe, dieser operative Terminator des Postkapitalismus, weist in seinen Schaufenstern, die bekanntlich Ikonen sind der Reproduzierbarkeit der Spätmoderne, angelegentlich einer technisch bedingten, fehlenden Dekoration, mitunter eine knapp über zwanzigjährige Frau als Aphoristikerin aus. Ich habe den Namen der Dame vergessen, was sicher meiner inoperablen Unmodernität geschuldet ist, aber ich wage dennoch die Frage zu stellen, wie jemand in einem solch zarten Alter eine solche Weisheit anzuhäufen imstande sein und darüber hinaus noch über das sprachliche Können verfügen möge, dieselbe Weisheit in prägnante Formulierungen zu münzen - so prägnant, dass sie den Dekorateuren des nämlichen Etablissements als Aphorismen kenntlich zu werden imstande sich erweisen. 

Dies nur, falls mir solch stilistisch denkgenaues Aperçu gestattet sei. Andernfalls verwiese ich mit Genugtuung auf den allfälligen Ort für den Origin of Feces und brächte meine Hoffnung zum Ausdruck, der Autor des hiermit hinreichend bewerteten Geistesblitzes möge sich allsbald dortselbst hinbegeben und bis auf Weiteres nicht wieder in Erscheinung treten.