Maxi Leinkauf
28.12.2012 | 10:37 3

Für alle und keinen

Identität Auf dem Alexanderplatz konnte man früher von der großen Welt träumen. Seitdem diese hierher kam, ist der Platz nur noch Provinz

Für alle und keinen

Foto: Harald Hauswals/Ostkreuz

Wir hatten uns oft an der Weltzeituhr verabredet, Marjan, Sangwani und ich. Wir fuhren mit der U-Bahn aus Lichtenberg zum Alex, jeden Samstagnachmittag um zwei Uhr, ein Ritual unserer Kindheit. Das war Mitte der Achtziger.

Marjan zeigte mir, wie spät es in ihrer iranischen Heimat war und stellte sich vor, was ihre Verwandten gerade so trieben. Sangwani war mit seiner Mutter aus Afrika in die DDR gekommen, als er noch klein war. Er redete wenig von dem Land seiner Eltern, es war unerreichbar, aber mir kam mein eigenes dadurch auf einmal nicht mehr so klein vor. Wir wussten, wie spät es in Addis Abeba, Beirut oder New York war. Die Uhr zeigt die Zeit aller Zonen der Erde zugleich an. Das war für uns nicht nur der Mittelpunkt von Ostberlin, sondern auch der Mittelpunkt der Erde.

Wenn meine Großeltern zweimal im Jahr auf Diplomatenurlaub nach Berlin kamen, luden sie uns fein zum Kaffeetrinken ein – auf den Fernsehturm. Das Café oben drehte sich, mir wurde immer ein bisschen schwindlig. Ich konnte das Rote Rathaus und den Palast der Republik sehen. Dort hatte ich bei „Rock für den Frieden“ vorne am Bühnenrand gesessen. „Maschine“, Sänger der Puhdys, schüttelte mir die Hand – während er von der Erde sang, die wir alle bald zerstört haben würden: Wenn der Hass und die Gier so groß würden, dass nichts ... mehr sie retten kann.

Die große weite Welt und die Provinz

Lindenberg träumte vom Rockfestival auf dem Alexanderplatz, „mit den Rolling Stones und ’ner Band aus Moskau“. Meine Großeltern schwärmten von ihren Trips in mongolische Jurten-Siedlungen, Kamel-Wettrennen in Ulan-Bator, der Wüste. Sie bestellten dazu Torte mit Schlagsahne und Mokka-Kännchen. Ich fand das so provinziell für Leute aus der Botschaft. Der Alexanderplatz war aber ein Ort für beide: die große weite Welt und die Provinz.

Zu DDR-Zeiten wurden im Sommer hier Soli-Basare organisiert. Vor dem „Centrum Warenhaus“ und um den Brunnen der Völkerfreundschaft waren Stände aufgebaut, es gab Che-Guevara-Mützen und kubanischen Kaffee, auf Bühnen sangen chilenische Gruppen in bunten Kleidern Lieder über Victor Jara, den Volks-Gitarristen, dem man unter Pinochet die Hand abgeschlagen hatte. Es gab Versteigerungen und Tombolas für den guten Zweck. Nicaragua, Äthiopien, ich weiß es nicht mehr so genau. Man fühlte sich so frei, wie die Völker es bald werden sollten, die man erlösen wollte. Die Schlacht für den Weltfrieden war Folklore.

Im November 1989 kämpfte das Volk dann um seine eigene Existenz. Hunderttausende, fast eine Million Menschen hatten sich am Alexanderplatz zu einer Kundgebung versammelt, weil sie erhalten wollten, was noch reformierbar schien. Ulrich Mühe, Christa Wolf, Gregor Gysi – und sehr, sehr viele Menschen. Sie hatten mit ihrer kleinen Revolution den Alexanderplatz zu einem politischen Symbol gemacht. Es ist lange her, dass mit diesem Platz Aufbruch verbunden war.

Der erste Job bei McDonald’s

Vor drei Jahren, zum 20-jährigen Jubiläum, wurde noch einmal an die Zeit erinnert, mit einer Open-Air-Schau auf dem Platz, mit historischen Bildern. Die Leute mussten da durch, auf ihrem Weg zu Saturn oder Esprit. Touristen machten Fotos. Und dann gibt es da Leute wie Felix Weitenhagen. Für ihn ist „die Bewegung“ kein ausgeträumter Traum. Er steht immer noch jeden Montag mit ein paar anderen unter der Weltzeituhr und moderiert dort Kundgebungen: gegen die Merkel-Politik, gegen Hartz IV oder irgendeinen Krieg. Er glaubt, dass sie noch lebt, die Bewegung. Aber nach dem Mauerfall war das Volk weg. Auf Jobsuche.

Ich fing bei McDonald’s an. In der alten Markthalle gegenüber vom Fernsehturm hatte die Kette ihre erste Filiale in Ostberlin aufgemacht. Ich wollte als Schülerin etwas dazuverdienen und wurde genommen. Sie schickten mich in die Küche, Fish Macs machen. Die Schichtleiterin, eine füllige Endvierzigerin mit sächsischem Dialekt, sah öfter auf das Schild „Mitarbeiter des Monats“ als mir beim Grillen zu. „Wo bleib‘n die Fische?“, rief sie mir nur ab und zu laut von der Theke entgegen. Als wäre das Mitropa gewesen und nicht ein global player. Der Stundenlohn stimmte, aber ich war viel zu langsam. Too slow for fast food. Nach ein paar Wochen feuerten sie mich, es machte mich ein bisschen stolz.

Als nach der Wende die Welt auf den Alex kam, brauchte man keinen Platz mehr für sie: Osteuropäische Hütchenspieler, die meinen Vater gnadenlos abzockten. Punks, Panflötenspieler mit indianischen Umhängen, Roma und Sintis mit Puppen im Arm, Grillwalker. An einem Abend im Advent stand da plötzlich diese zottelige Großfamilie. Mit rotbäckigen Gesichtern, ungewaschenen Haaren, wie aus einer wunderlichen Sage. Die Kelly Family. Wo kamen die nur her? Und warum wollten jetzt alle Lieder von Engeln hören? Der Alex war der Ort, an dem die Kelly Family bekannt wurde.

Flaschensammler statt Protest

Man sah dann die ersten Flaschensammler auf dem Platz, bevor sie in den Parks und Straßen das Stadtbild prägten. Auf den Steintreppen vor Mister Minit fläzten Punks, erklärten, wie geil das Leben ohne Arbeit sei, und hielten die Hand auf. Anfangs lallten sie noch irgendwas von Anarchie, von Verweigerung und Protest gegen das System. Am Ende ging es nur noch um die nächste Kippe, bald waren sie verschwunden.

Vor Kurzem stand ein junger Mann vor mir, trat nervös von einem Bein auf das andere. Rasiert, eleganter Mantel. „Haste mal ’n bisschen Kleingeld? Ick weeß, dit iss so’n Phänomen, das da aufgekommen ist, mit aggro und so. Iss natürlich nicht gut, ick bin nicht aggro.“ Dann war er schon beim Nächsten. Er erwartete offenbar gar nicht, dass ich ihm etwas geben würde.

Als einen dämonischen Ort, eine Gefahr für den Menschen, hatte Alfred Döblin die Großstadt der zwanziger Jahre beschrieben, und meinte vor allem das Milieu und die Kneipen um den Alexanderplatz, in dem sich sein Held Franz Biberkopf herumtrieb.

Ein Ort für die Masse?

Biberkopf wollte sich neu erfinden, als er aus dem Gefängnis kam. Aber er hatte kein Glück und landete wieder in der Unterwelt. Und heute? Ist der Alex ein Ort für die Masse oder das Individuum? Den Bürger? Man muss die Menschen jetzt wieder vor sich selbst beschützen: Mobile Einsatztruppen sollen verhindern, dass sich ein Vorfall wie der Tod des Jonny K. wiederholt. Der 20-Jährige wurde in einer Oktobernacht dieses Jahres totgeprügelt. Die Polizei ist jetzt auf dem Alex nicht mehr nur wegen der Sitzblockaden von Falun Gong, den Minidemos der Palästinenser oder kurdischer Sprechchöre. Sondern um Bürger vor aggressiven Jugendlichen zu schützen.

Ich muss jeden Morgen über den Alex, ich gehe da heute nicht mehr freiwillig hin. Und es sind die anderen, die mich da in den Nahkampf zwingen. Anfangs lächelte ich über sie, all diese Kleinbürger, die morgens schon hetzen, sich in die S-Bahn rammeln, durch den Türspalt pressen und dann die Luft anhalten. Die in dieser Hölle noch versuchen eine SMS zu schreiben. Ich dachte mir: Nehme ich eben die nächste. Hole mir einen Kaffee. Ich fühlte mich lässig. Wie die Südländerin vom Alex. Aber man kann nicht ewig warten.

Was ist passiert?

Spätestens die dritte Bahn muss man kriegen, sonst ärgern sich die Kollegen. Die dritte Bahn aber, 15 Minuten später, ist nicht leerer. Eher noch voller. Also rein, sind ja nur zwei Stationen. Glotzt nicht so blöd. So frustriert. So armselig. Ich werde am Alex morgens mittlerweile zur Menschenfeindin und fange an, Thomas Hobbes zu verstehen. Morgens in der S-Bahn werden wir alle Wölfe. So ist sie eben die Natur. „Was ist passiert?“, fragen sie mich, wenn ich irgendwann im Büro ankomme. Ich sagte nur: die S-Bahn, am Alex.

Jeden Morgen sehe ich die gelbe Faust, die ein Graffiti-Sprayer vor Jahren auf den Beton der S-Bahn-Brücke gesprüht hat. Sie leuchtet noch einsam. Sie war mal ein SOS. Der öffentliche Raum. Erobert ihn! Macht was draus! Es tut ein bisschen weh, daran erinnert zu werden. Diese Faust sagt: Es ging etwas verloren. Das Gefühl, man könnte etwas aufhalten.

Der Alexanderplatz wird ja heute auch benutzt. Für Eisstockschießen, Karussellfahren, Tchibo- oder Kinobesuch, zum warmen Caipi-Trinken oder Nägellackieren. Rumhängen. Rumschreien. In der „Alex-Oase“ tanzen. Hamburger, Fish & Chips, Sushi oder Döner essen. Dieser Platz war mal die Welt. Jetzt ist er nur noch Provinz.

Kommentare (3)

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Ehemaliger Nutzer 28.12.2012 | 11:46

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ich laß mir nur noch von meiner tochter erzählen, wie`s dort ausschaut und zugeht und jetztmal hier :-) , mags nicht sehen :oops: ...

lg

(das "zu langsam" im beginn, als "noch-jugendliche" kenn ich aus ner keksfabrik, wo wir den knabbersüßkram fettfleckenfrei in tütchens verfüllen mußten...ja, auf manch rauswurf schaut mensch gern zurück, am allerliebsten auf die wegen nichtkonspiration mitm offensichtlichen)