Maxi Leinkauf
30.11.2012 | 08:00 1

Mann der Tat

Porträt Milo Rau ist der politische Theatermacher seiner Generation. Zuletzt hat der Regisseur die Breivik-Erklärung auf die Bühne gebracht. Geht es ihm nur um Provokation?

Mann der Tat

Der Schweizer eckt mit seinen Stücken an, dabei will er gnadenlos dokumentieren

Foto: Natalie Bothur für der Freitag

Eine unauffällige Wohnstraße in Köln-Ehrenfeld, ein Zwanziger-Jahre-Haus, die Wohnung ist hell, im Flur liegt ein Fahrradhelm für Kinder. Milo Rau bittet in die Küche und kocht Espresso. Als seine Frau dann mit den beiden Kindern nach Hause kommt, ziehen wir in ein Café um. Rau ordert während des Gesprächs mehrere Kölsch, in charmantem Schweizer Dialekt ...

Der Freitag: Herr Rau, können Sie Russisch?

Milo Rau: Ein klein wenig, ich habe mit 13 ein, zwei Jahre lang Russisch gelernt. Ich hatte damals so eine romantische Vorstellung eines „roten Russland“, weil meine Eltern Trotzkisten waren, die an die bessere Variante des Kommunismus geglaubt haben. Mein erstes Erwachsenenbuch war Der junge Lenin von Trotzki. Lenin war mein Held, den hatte ich mir übers Bett gehängt.

Sie kommen gerade aus Moskau. Was tun Sie dort?

Ich habe vor zwei Jahren begonnen, an einem Projekt über die Kunstprozesse der Nullerjahre zu arbeiten. Ich nehme eine Reihe von Verfahren gegen Künstler und Kuratoren in Russland seit 2003, konstruiere daraus ein einziges und lasse es auf der Bühne in real time verhandeln.

Man denkt sofort an Pussy Riot ...

Der Prozess gegen Pussy Riot ist nur einer der Prozesse, die mich interessieren. Auf der Bühne übernimmt jeder die Rolle, die er auch im echten Leben ausfüllt: Anwälte, Künstler, Priester, Kuratoren, Politiker. Mit Pussy Riot wollte ich sowieso arbeiten, weil ich ihre Aktionen cool und richtig finde. Aber dann kamen sie ins Gefängnis. Jetzt habe ich noch mit denen zu tun, die frei sind. Außerdem ist einer der Anwälte von Pussy Riot dabei.

Es war vor allem ein grandioses Medien-Spektakel.

Dieser Pussy-Riot-Wahn ist absurd und beruht auf sehr vielen Missverständnissen, aber letztlich konnte der Opposition in Russland nichts besseres passieren.

Auch Sie provozieren gezielt: Das Stück Breiviks Erklärung wurde vor Kurzem sogar verboten.

„Hören wir uns doch mal an, was Breivik sagt“ – das ist die Haltung meiner Inszenierung. Wenn die Wirklichkeit provoziert, dann ist eben die Wirklichkeit ein Skandal. Kunst darf nicht politisch korrekt sein.

Seit Schlingensief hält sich doch jeder Theatermacher für einen Provokateur. Wen soll das noch aufregen?

Ach, das beginnt ja nicht mit Schlingensief, das ist das Wesen der Kunst in einer medialen Gesellschaft. Meine größten Provokationen waren im Grunde interessante Missverständnisse – und die Reaktionen darauf. Kunst ist eine öffentliche Arbeit, ohne Reaktionen existiert sie nicht.

Welche haben Sie denn erlebt?

In Rumänien oder jetzt aktuell in Russland sagten mir Leute, die meinen Film Die letzten Tage der Ceausescus gesehen hatten: Wir haben nie verstanden, warum du das Ehepaar so positiv dargestellt hast. Das war mir gar nicht klar. Ich habe sie einfach als Menschen gezeigt. Das Gute ist nicht gut, das Böse nicht böse, aber natürlich ist der Mensch verantwortlich für das, was er tut.

Was erzählt Breivik über uns?

Breivik ist ein eher farbloser Mensch, aber als rhetorische Figur ist er extrem interessant: Er behauptet, es gebe linke Meinungseliten, er nennt sie „Kulturmarxisten“, die die Probleme mit der Immigration oder dem Islamismus für ihre Vision einer besseren Welt weginterpretieren würden.

Und das überzeugt Sie?

Tatsache ist: Breiviks Gedanken haben bei uns in der Schweiz unerfreulicherweise Mehrheiten. Mein leiblicher Vater zum Beispiel ist Arzt, ein unaufgeregter, korrekter Bürger. Er hat aus dem Fernsehen von meinem Breivik-Projekt erfahren. Dann hat er mir einen Brief geschickt, den ich bei der Berliner Aufführung vorgelesen habe: ‚Breivik ist ein irrer Mörder, aber zugleich ist er ein brillanter Analytiker, so intelligent wie Einstein.‘ Mein Vater war schon immer nationalkonservativ, aber er ist Humanist, und vor allem nicht extrem.

Hate Radio, ein anderes Stück von Ihnen, spielt in Ruanda während des Genozids. Das ist für uns sehr weit weg.

Ich will diese Geschichte aus Afrika herausholen und über meine Generation erzählen: über Männer, die in den neunziger Jahren Teenager waren. Ich war 1994 gerade 17, ein junger Mann, so wie 90 Prozent der Mörder in Ruanda. In Hate Radio zeige ich, wie in Breivik, keine Extremisten, sondern eine völlig normale Jugend, die in einem historischen Moment tötet. Es ist, das mag ein wenig absurd klingen, auch eine Studie über meine Jugend und Männlichkeit.

Wo sind die Schnittpunkte?

Ich gehöre zur ersten Generation, die nach ’89 erwachsen geworden ist, zu einer politisch nihilistischen Generation, also nicht so wie bei Sartre und seinem Existenzialismus: ich und das Absurde und mein schwarzer Rollkragenpullover. Der Nihilismus der Neunziger war leerer, banaler. Man hörte Nirvana und kümmerte sich einen Dreck um Ideologien.

Das gilt auch für Zentralafrika?

Ja, aber dort ging diese Slackerhaltung übergangslos in den Genozid über. Meine Schauspieler, die den Völkermord überlebt haben, schilderten mir das Leben in Ruanda vor dem Genozid als großen Karneval, einen Ausnahmezustand – die Studenten liefen mit Parkas rum, wuschen sich nicht mehr, machten Witze über den Tod. Im Bürgerkrieg wurde alles zum Scherz. Und eine Woche später vergewaltigten sie ihre Kommilitoninnen, folterten sie, brachten sie um ...

Kann man Ruanda so einfach mit Schweizer Jugend gleichsetzen?

Es war mir und den Schauspielern wichtig, diese Grausamkeiten nicht als „afrikanische“ zu verhandeln. Aber vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Die Inszenierung hält sich sehr eng an die tatsächlichen Zustände im damaligen Ruanda, die natürlich anders waren als in der Schweiz. Der Wechsel nach 1989 war für Zentral-Afrika noch radikaler als für Europa. Da wurde ein Betondeckel weggeschoben, und es brach eine Freiheit aus, die im neonationalistischen Nihilismus endete.

Und Sie machen daraus Theater.

Ich suche dieses altertümliche katharsische Moment, die sinnliche Erkenntnis: So ist der Mensch, so ist die Menschheit – was jetzt? Als ich das erste Mal in einen Arthousefilm ging, mit 18, war das zufällig Die 120 Tage von Sodom von Pasolini. Das ist eine Gewaltorgie, noch dazu sehr zynisch. Der Film hat auf mich aber total reinigend gewirkt. Mir wurde da etwas über das tatsächliche Leiden der Menschen bewusst, dass Macht und Unterwerfung real sind, und dass man sich dagegen wehren muss.

Ist Gewalt nur destruktiv?
Nein. Gewalt ist konstruktiv, jedenfalls ist sie von den Tätern so intendiert: Gewalt wird angewendet, um Ordnung zu schaffen. Alle großen Gewaltsysteme sind auf Ordnung aus. Wenn ein Genozid stattfindet, bedeutet das, möglichst viele Leute auf möglichst schnelle Weise umzubringen – um reinen Tisch zu haben.

Tun Sie sich mit solchen Stücken selbst psychische Gewalt an?

Eine Psychologin hat mir geraten, ich solle mich zwischen den Inszenierungen therapieren lassen, weil ich sonst innerlich abstumpfen würde. Aber meine Projekte sind meine Therapie. So wie andere als Kinder manisch Klavier spielen und dann irgendwann Pianisten werden, habe ich mit 13 begonnen, mich mit der politischen Gewaltgeschichte zu beschäftigen.

Wollten Sie immer Regisseur werden?

Ich hatte als Jugendlicher drei Wunschberufe. Philosoph oder Soziologe, deswegen wollte ich bei Pierre Bourdieu studieren, weil der mich so fasziniert hat. Dann Künstler, weil das in unserer Gesellschaft die Position ist, in der man die Dinge einfach mal ausprobieren kann, ohne Ethik- und Verwaltungsrat. Und der dritte war Kriegsreporter: jemand, der irgendwo hingeht und sich die Dinge von Nahem anschaut. Ich habe dann glücklicherweise einen Beruf gefunden, der diese drei Dinge überblendet.

Sie haben später wirklich in Bourdieus Vorlesung gesessen.

Er stammte ja selbst aus einfachen Verhältnissen und hat in Frankreich den Aufstieg geschafft. Er hat seine Herkunft nie vergessen, das machte für mich sein Charisma aus. Für ihn war Soziologie ein Kampfsport.

Der Intellektuelle muss sich einmischen ...

Ja, vor allem heute, da die Politik selbst ein reiner Verwaltungsberuf geworden ist.

Waren Sie eigentlich schon in der Schule ein Provokateur?

Nein, ich gehörte nie zu den Coolen. Meine Eltern sind extrem oft umgezogen, und dann hieß es für mich wieder von ganz unten anfangen. Ich war auch zu wenig fremd, als dass ich aus dem Exotischen hätte Kapital schlagen können. Ich war nicht der Schwarze oder der Jugoslawe, sondern der Junge aus dem lächerlichen Nachbarkanton.

Wie haben Sie sich geschützt?

So wie jeder Sonderling: Ich habe einerseits opportunistische Strategien entwickelt und andererseits so ein Außenseitertum kultiviert. Ich habe physische und psychische Gewalt erlebt, die im Alter von elf, zwölf Jahren auf mich ausgeübt wurde, das war ziemlich übel.

Und hörte das auf?

Natürlich. Aber ich will diese Erfahrungen nicht missen, ich bin angstloser geworden. Ich lasse es zwar ungern zum Konflikt kommen, aber wenn er ausbricht, trage ich ihn bis zuletzt aus, weil mir die Konsequenzen ab einem gewissen Punkt egal sind.

Was muss man noch können als professioneller Künstler?

Wenn es um die Realisierung von Projekten geht, ist Geld das Ein und Alles. Ich stecke gerade in mehreren Arbeiten, die ich weder gut verhandelt noch gut organisiert habe, drehe zwei Filme ohne nennenswerte Regiegage. Ich habe ja ziemlich lange auf dem Level reiner Selbstausbeutung gearbeitet, mit einem Stundenlohn von sagen wir mal 50 Cent. Weil ich es einfach nicht besser wusste.

Moskau, Zürich, Brüssel, Berlin – Sie scheinen überall gleichzeitig zu sein. Wann verbringen Sie Zeit mit Ihren Kindern?

Ich arbeite zum Beispiel in Moskau sehr effizient, jeden Tag von morgens um acht bis nachts um zwei – um schneller wieder zu Hause zu sein. Und dann spiele ich mit ihnen Fußball, hole sie vom Kindergarten ab, bringe sie ins  Bett, lese was vor. Ich freue mich schon darauf, sie später in andere Länder mitzunehmen und mit ihnen die Welt zu entdecken.

Wie war das mit Ihrem Vater?

Mein erster Vater, der Arzt, hat zu viel gearbeitet, und meine Mutter hat sich dann zu Recht, denke ich, von ihm getrennt. Man sagt ja, viele Männer haben mit 50 oder 60 eine zweite Familie, weil sie die erste verpasst haben. Aber mein zweiter Vater ...

... der Trotzkist ...

... war immer für mich da. Er hatte einfach beschlossen, sich zu verbürgerlichen, also mehr für die Familie zu leben und einen festen Beruf anzunehmen. Er leitet die Wasserwerke in Zürich und arbeitete vorher am Amt für Umweltschutz. Er hat sich aus Liebe zu meiner Mutter dazu entschieden. Aber so könnte ich nicht leben.

Bürgerlich?

Ja, ich kann meinen Beruf nur so ausüben, wie ich es momentan tue. Ich arbeite ja nicht nur, um Geld zu verdienen.

Kennen Sie auch Existenzängste?

Die habe ich so wie jeder, der frei arbeitet. Aber ich könnte trotzdem nicht auf Nummer sicher gehen, weder finanziell noch künstlerisch.

Was meinen Sie damit?

Verbürgerlichen würde für mich bedeuten: Du bist der postdramatische junge Regisseur, der jedes Mal den Chor der Arbeitslosen oder der Nutten auf die Bühne bringt, weil es funktioniert. Sowas kann ich nicht – ich muss es jedes Mal wieder ganz neu probieren.

Dann sorgen Sie auch nicht fürs Alter vor?

Nein. Mein Steuerberater hat mir das vor einer Weile vorgeschlagen. Ich schaffe es nicht mal, eine halbe Stunde ein Formular auszufüllen oder bei meinen Reisen die Quittungen zu sammeln, sie in ein Kuvert zu stecken und einzusenden. Also zahle ich ständig alles aus eigener Tasche. Wenn ich Geld am Automaten hole, schaue ich so seitwärts, damit ich den Kontostand nicht sehe und ziehe auch keine Kontoauszüge. Das ist natürlich albern, aber ich will einfach nicht damit konfrontiert werden.

Private Realitätsverweigerung.

Ja, und ich hasse die Leute, die mich auf diese Realität hinweisen. Und andere hassen mich, weil ich sie meinem Blick auf die Welt aussetze. So ist alles im Gleichgewicht.

Kommentare (1)

drhwenk 02.12.2012 | 21:57

die Provokastionen gehen gegen die Cliches an, deren Realitöt sich in de Aufregung über die Provokation zeigt.

Das ist in der tat ein harte Streifen, die "Volkswut" dann zu verarbeiten, weil die Meschen doch unbewust genug sind oft Punkte zu fudnen, wo zu treffen ist. 

 

Man muss sich den Schuztmachsnmus der Clichhes vor Augen führen, automatiiertre Angstabwehr  vor innern Schmerzen beim "Undenkabren", um sich das Frenmde daran ("Entfremdung") zu erklären um eben nicht von der "Volkswut" getroffen zu werden.

Ob man so etwas wei Breivik, der immerhin vie Theroen §""nennt",   eienr so unpoitschen, ask darin recht ungeübten,  Gesellschaft, unkomementiert und unbeasrbeitet günstoig zumuten sollte,- dieds FRag ewürde doch ehee verneeienen. Die Irrtumsquote in polituscghen Dingen ist aucj so schon veik vie zu  hoch.