Matthias Dell
19.12.2012 | 16:40 2

Auf lässigem Abstand zur Gegenwart

Kino Die Erinnerung ist ein Stummfilm: Miguel Gomes' berückender Film "Tabu" erzählt die Geschichte einer Liebe zur Kolonialzeit, bleibt heutigen Fragen aber etwas fern

Das Prekäre an einer Kategorie wie „früher“ beginnt schon damit, dass nicht feststeht, wie es gewesen ist. Das Früher wandelt sich, je später es wird, die Erinnerungen daran verändern sich in einem Maße, in dem das Danach seine eigene Geschichte schafft.

Der portugiesische Filmemacher Miguel Gomes hat für seinen Film Tabu eine berückende Form gefunden, um die Erinnerung auf Abstand zu halten und deren Brüchigkeit nicht zu leugnen. Tabu besteht aus zwei Teilen, die Das verlorene Paradies und Paradies überschrieben sind, wobei die einmal lakonische, einmal melancholische Grundgestimmtheit der Erzählung schon jeden emphatischen Glauben in die Begriffe dementiert.

Im ersten Teil handeln drei alte Damen: Dona Aurora (Laura Soveral) ist eine verrückte, um den verblassenden Glamour ihrer Herkunft bemühte Lady, die in der Angst lebt, dass ihre Haushälterin Santa (Isabel Cardoso) ihr Übles will, und ihre Verzweiflung über das misslungene Leben im Casino ausagiert. Dona Pilar (Teresa Madruga) lebt als strenge Katholikin nebenan, versucht altruistisch Gutes zu tun, selbst gegenüber polnischen Taizé-Jüngerinnen, die Betreuungsangebote zurückweisen, und ernährt ihre Träume ansonsten durch alte Filme im Kino. Als Dona Aurora stirbt und ihrem letzten Willen gemäß Gian Luca Ventura (Henrique Espirito Santo) aus einem Altenheim herbeigeholt wird, setzt der zweite Teil des Films als tragische Lebenserzählung ein.

Die Schönheit der Sprache

Das Schwarz-Weiß, in dem Gomes gedreht hat, ist in Paradies etwas grobkörniger – und vor allem kommt dieser zweite Teil als Stummfilm daher, über dem der literarische Bericht des alten Mannes und einstigen Liebhabers liegt. Die Rede geht vom Leben in der gewesenen portugiesischen Kolonie in Afrika, in der Dona Aurora aufgewachsen ist, und sie ist durchdrungen von einer sanft ironischen Schönheit der Sprache. „Da ihr Mann geschäftlich unterwegs war, ließ sie die Limonade draußen servieren, wie es ihr Schamgefühl und die Anstandsregeln vorgaben“, heißt es etwa diskret über ein Rendezvous zwischen der jungen Dona Aurora (Ana Moreira) und ihrem Liebhaber (an den Stolz von Mario Gomez erinnernd: Carloto Cotta).

Miguel Gomes’ Film Tabu ist von einer staunenswerten Sicherheit im Umgang mit seinen unkonventionellen erzählerischen Mitteln und einer verführerischen Lässigkeit im Blick auf Details (ein Krokodil, das Dona Aurora einmal geschenkt bekam, zieht sich motivisch durch den Film) und auf dandyistische Lebensstile der kolonialen Existenz. Von Murnaus gleichnamigem Vorbild leiht er sich kaum mehr als ein tiefes Verständnis für die Unmöglichkeit der großen Liebe.

Und doch bleibt Tabu dem Zuschauer auf seltsame Weise immer ein wenig zu fern, um selbst Gegenwart behaupten zu können, um mehr zu sein als Ausdruck der offensichtlichen filmischen Klugheit seines Regisseurs. Am deutlichsten wird das am kolonialen Kontext, der bei allem Understatement am Ende reinszeniert bleibt. Da verhält es sich mit Tabu ein wenig wie mit der Ironie, die in der Phrase vom „Früher war alles besser“ steckt: Er ist hübsch, aber auch ein wenig unnütz, weil das Danach, in dem wir leben, dringlichere Fragen stellt.

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