Matthias Dell
05.02.2013 | 23:50 10

Ein E für ein U

Medientagebuch Das Dschungelcamp ist für den Grimme-Preis nominiert worden. Warum die RTL-Sendung die höchstangesehene deutsche Fernsehauszeichnung erhalten sollte

Der Grimme-Preis hat einen Ruf zu verlieren. Er gilt als Deutschlands höchstangesehene Auszeichnung für eine Fernsehsendung, und deshalb sah sich der Direktor des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, gezwungen, eine ziemlich umfängliche Erklärung zu veröffentlichen, warum die RTL-Sendung Ich bin ein Star – holt mich hier raus, das sogenannte Dschungelcamp, als Aspirant auf die begehrte Auszeichnung nominiert worden ist in der vergangenen Woche.

Es hagelte nämlich Proteste – in einer Form, die für eine seit acht Jahren abnehmend kontrovers diskutierte Show dann doch überraschen konnte. Selbst ein Blogger wie Malte Welding, der sich sonst eher als lässiger Skeptiker mitunter fitzeliger Ethik-Diskussionen im Netz geriert, bekam, wie man früher gesagt hätte, einen Moralischen, hielt auf seiner Facebook-Seite das Dschungelcamp für das „widerlichste Format“ und schrieb etwas von „Zynismuswolf“, durch den alles gedreht werde.

Die Schauspielerin Katrin Sass, die kein Problem damit hat, von Markus Lanz auf ihre gewesene Alkoholabhängigkeit reduziert zu werden, schimpfte in dessen Sendung auf Peer Kusmagk, den sogenannten Dschungelkönig von 2011, in einer selbstgerechten Weise, die zumindest nachdenklich stimmen sollte – wenn der Vorwurf ans Dschungelcamp Respekt- oder Würdelosig-keit lauten soll.

Schaufensterdekorateur

Danach fragte der aufstiegswillige Alleswegmoderierer und Instantmoralist Markus Lanz, dessen Gesprächssendung daraus besteht, Leute auf etwas – zumeist Peinlich-Intimes – zu reduzieren, wie Katrin Sass auf ihre gewesene Alkoholabhängigkeit, dieser Markus Lanz also, der sein ganzes mediales Berufsleben über – und ohne mit der Wimper zu zucken – die Schaufenster des Boulevards dekoriert hat, fragte ausgerechnet den Journalisten Matthias Matussek – der zuletzt über sein angebliches „katholisches Abenteuer“ geschrieben hatte und dem unbedingt zuzutrauen wäre, dass er in zwei Jahren ein emphatisches Porträt des Leibhaftigen vorlegte, wenn’s nur der Aufmerksamkeitserzeugung diente –, wann „Trash zu Kultur“ werde. Markus Lanz. Matthias Matussek. Trash. Kultur.

Aber irgendetwas muss das Dschungelcamp in den Leuten berühren, dass sie sich so sehr entrüsten. Und das hat mit einem falschen, weil bloß äußerlichen Begriff von Trash zu tun, wie er in Deutschland gepflegt wird – einem Statusdenken, das Kultur immerfort in E und U unterscheiden muss und das nur nach dünkelhafter Rückversicherung mit dem Kanon tun kann.

Dabei ist das Dschungelcamp eines der unterhaltsamsten, bestinszenierten und moralischsten Theaterstücke, die das Fernsehen – das sogenannte öffentlich-rechtliche eingeschlossen – derzeit aufführt. Der „Dschungel“ ist Dekor, die ekligen Prüfungen sind die Attraktoren und Spannungsverstärker, die den Zuschauer für ein Drama der – und das ist völlig ernst gemeint – Menschlichkeit unter ihm zumeist unbekannten Leuten interessieren soll, weil er sich das sonst nicht anschauen würde.

In einer besseren Welt gäbe es das Dschungelcamp nicht. Für die Welt aber, in der wir leben, in der Markus Lanz als Moderator gilt und Matthias Matussek als Journalist, ist es spiegelbildlich. Die Sendung verschafft, und darin besteht ihr fast kitschiger Humanismus, den Angestellten des Boulevards die Möglichkeit, als die Menschen hinter ihrer öffentlichen Rolle inszeniert zu werden, die sie nirgend anders sein können. Nicht in den Texten von Matthias Matussek und erst recht nicht in den Shows von Markus Lanz.

Wenn der Grimme-Preis seinen Ruf als wichtigsten Fernsehpreis festigen will, sollte er das Dschungelcamp auszeichnen.

Kommentare (10)

Daniel Martienssen 10.02.2013 | 17:13

"Wenn der Grimme-Preis seinen Ruf als wichtigsten Fernsehpreis festigen will, sollte er das Dschungelcamp auszeichnen."

Nach dieser Logik müsste im nächsten Jahr die Talkshow "Markus Lanz" für den Grimme-Preis nominiert werden. Keiner sonst, als Markus Lanz vermag es, den Boulevard dermaßen als verstecktes Gift in die Sendung einfließen zu lassen als der Moderator Markus Lanz. Selbst bei politischen Gesprächspartnern -legendär die Froschepisode mit Philipp Rösler- vermag er es jede kritische Öffentlichkeit zu nivellieren und ins seicht-bouvelardeske zu verwandeln.

An Lanz wird man in Zukunft nicht vorbei kommen. Er hat jüngst damit angefangen sein eigenes bescheidenes Weltbild offensiv in die Gesprächsrunde einzubringen -Dialog mit Martin Lohmann über die katholische Kirche in der Gesellschaft- mit dem Ziel den Meinungsmarkt zu dominieren. Alles einfach, alles Lanz.

Lanz wird über kurz oder lang ein scheinbar wichtiger Meinungsführer in Deutschland sein. Der Grimme-Preis ist dann die logische Folge.

In einer besseren Welt würde es die Sendung "Markus Lanz" auch nicht geben, sollte man allein dieses Umstands wegen einknicken, sich dem Schicksal fügen?

Besser nicht, so lange man kann.

Matthias Dell 10.02.2013 | 17:20

sie legen die "logik" in meinen augen falsch aus: das kriterium für die preiswürdigkeit des dschungelcamps (die ich ja auch, in bezug auf die erregung, polemisch-ironisch meine, falls sich das nicht mitteilen sollte) ist nach meiner argumentation ja nicht "boulevard", sondern eben eine klug inszenierte sendung, die sich viel reflektierter und auch "ethisch besser" zu den niederen instinkten verhält, die lanz bedient. das kann man aber nicht sehen, wenn man in diesen groben E und U-, kommerz und kunst- und was weiß ich, wie die gegensatzpaare heißen, mustern denkt 

Magda 10.02.2013 | 17:26

"Der „Dschungel“ ist Dekor, die ekligen Prüfungen sind die Attraktoren und Spannungsverstärker, die den Zuschauer für ein Drama der – und das ist völlig ernst gemeint – Menschlichkeit unter ihm zumeist unbekannten Leuten interessieren soll, weil er sich das sonst nicht anschauen würde."

Ich bin zwar inzwischen auch in einem Diskurs über das Dschungelcamp,  seine interessanten Seiten und die Beobachtungen über die menschliche Natur, die da möglich sind,  aber dass das die Absicht dieser Sendung ist - so liest sich diese Passage - glaube ich keine Minute. Nö. 

Daniel Martienssen 10.02.2013 | 17:38

Ich lehne das Dschungelcamp (DC) nicht deswegen ab, weil sich darin keine Hochkultur widerspiegelt. Dafür muss man sich vergegenwärtigen, dass das DC den Preis in der Kategorie "Unterhaltung" erhalten soll.

Es stellt sich also die Frage, ist das DC gute Unterhaltung?

Ich habe mir einige Folgen angesehen, auch aus der diesjährigen Staffel. Ich konnte kaum etwas unterhaltsames ausfindig machen. Vielleicht kann ich auch einfach die doppelbödige, feingeistige Ironie nicht erkennen.

Neben dem DC ist auch noch die ganz wunderbare Talkshow "Roche und Böhmermann" nominiert. Auch in der Kategorie "Unterhaltung". Das ist ein gutgemachtes Stück Unterhaltungsfernsehen und bei weitem keine Hochkultur. 

M.E. ist das DC in dieser Ironiespirale sakrosant geworden und dies zu unrecht, da eine 24-stündige Dauervideoüberwachung schon für sich kaum Voraussetzung für gutgemachte Unterhaltung ist. Maßstäbe sind verloren gegangen, die im Jahr 2000, als die Dauervideoüberwachungsshow Big Brother nach Deutschland kam, noch gegolten haben.

Herr Kammann führt diese Werteverschiebung als Verdienst für das DC an. Sicher gilt man schnell als ewiggestrig, wenn man hinterfragt, ob diese Werteverschiebung eigentlich gut ist? Oder nicht vielmehr einem Gewöhnungs- und Abstumpfungseffekt unterliegt.

Ganz interessant und vor der Grimme-Nominierung entstanden, finde ich diesen Text von Tomasz Konicz, der Parallelen zu den Dauer-Tanzwettbewerben, der 20er und 30er Jahre des 20: Jahrhunderts zieht und autoritäre Züge in der Gesellschaft sieht, die sich in großer Mehrzahl an Fernsehsendungen wie dem DC erfreut.

 

Georg von Grote 10.02.2013 | 17:42

Ich wundere mich ein wenig über diese Worte:

Nach dieser Logik müsste im nächsten Jahr die Talkshow "Markus Lanz" für den Grimme-Preis nominiert werden. Keiner sonst, als Markus Lanz vermag es, den Boulevard dermaßen als verstecktes Gift in die Sendung einfließen zu lassen als der Moderator Markus Lanz. Selbst bei politischen Gesprächspartnern -legendär die Froschepisode mit Philipp Rösler- vermag er es jede kritische Öffentlichkeit zu nivellieren und ins seicht-bouvelardeske zu verwandeln.

Dem muss man ja fast entnehmen, Sie legen an die Lanz-Sendung einen anderen Maßstab an, als sie gedacht ist. Lanz ist pure, seichte Unterhaltung, meinetwegen auch Boulevard, wobei ich da noch Unterschiede mache und Lanz eher bei yellow press verorte. Mag sein, dass er selbst sich da nicht sieht, aber genau da ist sein Platz. Von der Sendung wird aber auch nichts anderes erwartet und ich müsste mich schwer täuschen, wenn die zuständigen Verantwortlichen beim ZDF ein anderes Konzept im Auge gehabt hätten.

Insoweit liefert Lanz ab, was von ihm erwartet wird.

 

Und beim Grimme-Preis hat man offenbar auch nie so genau hingeschaut, was er auszeichnen soll und will:

Mit einem Grimme-Preis werden Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind. Leitziel der im Grimme-Preis institutionalisierten Fernsehkritik ist eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Fernsehen, das als zentrales und bedeutsames Medium mit vielfachen gesellschaftlichen Bezügen und Wirkungen verstanden wird. In diese kritische Auseinandersetzung sind alle Themen und Formen des Fernsehens einbezogen.

Es geht bei den Sendungen eben nicht nur um Anspruch und Vorbild, sondern um die Programmpraxis, um gesellschaftliche Strömungen, die die Programme widerspiegeln und dazu gehört eben nun leider auch das Dschungel Camp, vielleicht auch irgendwann einmal Markus Lanz. Oder eben auch Danny Lowinsky oder Elton.

Matthias Dell 10.02.2013 | 18:17

absicht ist der falsche begriff (der komischerweise immer auftaucht). reden wir bei filmen/theater von absicht? hat, fällt mir gerade ein, nicht goedzaks wunderbarer text über den turm in der traditionslinie von dieter nolls romanen etwas geöffnet im verständnis, ohne dass da jemand sich gefragt hätte, ob es tellkamps "absicht" gewesen sei, als noll-erbe zu agieren (und das ihn feiernde feuilleton diese verbindung nicht herstellen würde, weil sie, in augen dieses feuilletons keinen glanz vebreitet). also absicht - bringt nichts. auch wenn ich da sicher zugespitzt argumentiere: man kann das in meinen augen so sehen

Matthias Dell 11.02.2013 | 07:40

sie machen sich's in meiner wahrnehmung zu leicht, in ihrer argumentation stehen begriffe rum wie möbel, und dann erklärt sich die einrichtung von selbst: hochkultur ist das tolle große, unterhaltung irgendwas arglos-okayes.

da stecken mir viel zu viele unhinterfragte wertungen drin, die sich nur begründen lassen durch die sozialisation des sprechers: als sie begonnen haben, auf die welt zu schauen, hat kein mensch mehr den roman als niedere gattung, das fernsehen/internet von vor über zweihundert jahren betrachtet, weil es jetzt aber internet/fernsehen gibt, kann dann der roman als gedrucktes buch hochkultur sein (unterstelle ich jetzt mal). oder die oper, wo heute auch niemand mehr debatten über die natur/widernatürlichkeit des singens führt. 

ich will ihnen ihren kulturpessimismus gar nicht nehmen, und sie müssen das dschungelcamp auch nicht toll finden - aber es ist argumentativ unsauber, wie sie ihre ablehnung begründen und zugleich kaschieren wollen, dass sie ablehnen, wenn sie schreiben, es störe sie nur, dass das dschungelcamp in der kategorie "unterhaltung" nominiert sei.

diese kategorien sind doch nur fiktionen. ist eine talkshow nicht viel mehr "unterhaltung" als "kultur und information"? zugleich führen sie ihren unterhaltungsbegriff nicht aus, da wird es dann geschmäcklerisch ("nichts unterhaltsames entdecken") und kann nicht mehr argumentiert werden - und dschungelcamp vs roche&böhmermann - wer widerspräche ihnen? wie soll man da zu einer entscheidung kommen, die letztlich nicht geschmäcklerisch wäre, das lässt sich einfach nicht vergleichen (weshalb die ganze preisverleihungswettbewerbidee bei so was wie fernsehen, wo man nicht zeiten messen oder tore zählen kann wie beim sport, eine fiktion ist).

und dann habe ich den eindruck, dass sie das dschungelcamp falsch verstehen (schon in ihren hunger games-vergleichen aus dem blogeintrag - da wird eine unredliche wahrnehmung des dschungelcamp auf eine projektion wie diesen roman projiziert und rauskommen soll dann eine politische gefahr? das ist mir doch zu spekulativ, so kriegen sie alles als "faschismus" desavouiert). das dschungelcamp handelt doch gerade nicht von, wie ihr gewährsmann konicz ähnlich grob suggeriert von erschöpfung, die johlend gefordert wird, sondern von phlegma, langeweile und fettlebe, die hängen doch den ganzen tag nur rum da, und die prüfungen sind die abwechslung. aber da was menschenverachtendes raus zu konstruieren, geht zu weit, häme wäre der richtige begriff, der aus den begleiterzählungen der presse kommt.

die sendung selbst ist ja klug genug, sich gegen dieses billige gefühl von überlegenheit zu schützen durch humor, durch ironie, die tatsächlich auch die sendung, moderatoren selbst meint (auch da versteh ich ihre begrifflichkeiten wieder nicht, sind sie zu ungenau - eine "ironiespirale", die "sakrosankt" wird, was soll das denn sein? und schon diese schweigespiralenmetapher, auf die sie unterschwellig dramatisierend anspielen, ist problematisch). das erklärt sich immer dann, wenn die moderatoren ins camp gehen, da sind sie nämlich nicht die faschistoiden supereinpeitscher, die die teilnehmer demütigen. und das alles immer schlimmer wird, ist auch so eine vermutung, die es gratis gibt: in meiner wahrnehmung haben sich die prüfungen in den acht jahren keinen deut verschärft (weswegen es ja fast "langweilig" ist, der ekel, der sich damit verbinden soll, verliert sich mit jedem mal).

und ja, 24-h-material ist eine sehr gute basis für unterhaltung, davon träumt jeder dokumentarfilmer, daraus wird sich immer etwas komopilieren lassen. 

wie gesagt: sie müssen es nicht mögen. aber diese superlative kulturkampf-rhetorik (die sich auch bei diesen hemmungslosen attributen von konicz findet), in der "maßstäbe" noch gegolten haben, nicht eingeknickt werden soll, die führt zu nichts, die ist, wenn ich so böse sein darf, "reaktionär". leben heißt veränderung, kultur wandelt sich. 

Daniel Martienssen 11.02.2013 | 12:09

Ja, Sie dürfen böse sein. Ich habe mir die Frage auch gestellt, wenn ich schreibe, die Nominierung sei ein Skandal, das ist doch konservativ, gestrig und reaktionär. Ich glaube, ich würde es heute auch nicht noch einmal so formulieren. Zwar bin ich von der Grimme-Preis-Nominierung immer noch nicht überzeugt, dennoch halte ich es für ungünstig, sich unmittelbar nach Bekanntwerden einer Nachricht emotional zu versteigen und zu hastig drauf loszuschreiben.

Leider wird man als Kritiker der Gegenwart immer schnell in die Schublade gesteckt, man wünsche sich die "gute alte Zeit" zurück.

Meine "gute alte Zeit", die sich als Kind der 1990er Jahre wiederfindet, ist geprägt vom Leben als Couch-Potato. Als Jugendlicher war ich begeistert vom Format "Big Brother", konnte kaum die Medienkritik teilen, die sich damals (2000) noch so brachial darnieder goss.

Ich kenne keine "gute alte Zeit", die ich gern zurückhaben wollte. 

Soziokulturell stehe ich den Heinsers, Schraders und Niggemeiers recht nahe, teile auch größtenteils deren Analysen, als Beispiel kann ich nur die beißende Kritik Niggemeiers zu Markus Lanz heranziehen, die in jeder Hinsicht Beifall verdient.

Nun trennen sich die Ansichten beim DC. Ich muss zugeben, dass ich die auszuzeichnende Staffel 2012 fast gänzlich ignoriert habe, es hat mich schlicht nicht interessiert. Mit dem Text von Konicz habe ich mich erst nach meinem Blogbeitrag auseinandergesetzt. Seine These regt zum Nachdenken und dennoch kann sie nicht den Anspruch von zwingender Allgemeingültigkeit erheben.

Da sitze ich mit ihm auch im gleichen Boot. Eine Linie aufzumachen, vom DC bis zu den Tributen von Panem kann sicherlich keinen Anspruch auf die letztgültige Wahrheit erheben. Dazu ist die Zukunft zu unbestimmt. Was m.E. aber zulässig ist, die Gegenwart zu beobachten und Vermutungen, Prognosen über die kommende Entwicklung anstellen.

Ich sehe einmal ganz unabhängig vom DC eine Perspektivenverschiebung mit dem bekannten Gewöhnungs- und Abstumpfungseffekt vor allem in politischen Prozessen der Eurokrise. Schon in ganz kurzen Zeiträumen gewöhnen wir uns an Umstände, die uns noch kurze Zeit zuvor in helles Staunen versetzt hätten. Als Beispiel dient nur dass Griechenland und weitere Krisenländer wie selbstverständlich mit mehreren Hundert Milliarden Euro unterstützt werden, bis zum Ende der Nullerjahre ein kaum denkbares Szenario.

Dieser Topos der Normalitätsverschiebung gilt es kritisch, im Blick zu haben. Sind denn Fehlentwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur einfach hinzunehmen? 

Ich schaue nicht, auf die "gute alte Zeit", sondern streite für eine bessere Welt, in der wie Sie ja selbst schreiben das DC nicht existieren würde.

Matthias Dell 11.02.2013 | 17:46

naja, "ewiggestrig" (auch ein schwieriger begriff, eine diskussion hier, in den kommentaren) haben sie sich selbst genannt. und so allgemein wie sie jetzt von perspektivverschiebung, gegenwartbeobachten und prognosenvermuten reden, trifft natürlich alles irgendwie zu. ich wollte das nicht so personalisieren, obwohl ich in ihrem post auch ein bedürfnis spüre, zeitgenossenschaft zu beweisen - es ist doch egal, ob man mit niggemeier oder heinser meistens d'accord ist, es geht um argumente in texten. mir ging es darum, so begriffe wie "hochkultur" und "unterhaltung" zu verstehen. und ich sehe bei ihrer argumentation da probleme, weil die einfach zu ungenau ist in vielen punkten - siehe hunger games, faschismus, tanzwettbewerbe. das funktioniert dann nur mit so nem eben sehr allgemeinen kulturpessimismus. 

wenn sie zum ausdruck bringen wollen, dass maden essen jetzt nichts wäre, was in den siebzigern im fernsehen gegangen wäre - das stimmt sicher. obwohl ich bei diesen verfallsgeschichten auch vorsichtig wäre - aus den siebzigern gibts immerhin diese nummer mit dem auto, in dem quizshowkandidaten ins wasser geschmissen werden und dann die türen nicht aufkriegen. das macht heute keiner mehr. ist das ein zeichen von besserung? 

Daniel Martienssen 11.02.2013 | 18:46

Ja, ich erkenne durchaus an, hier noch kein präzises Gedankengerüst präsentieren zu können, vielleicht ist das auch in einem Post nicht so richtig darstellbar.

Sie missverstehen mich aber dort, wo Sie annehmen, in den 1970er oder früher sei alles besser und wir unterlägen einem generellen Verfall. Vielleicht stimmt lediglich zweiteres: ein ständiger Verfall ohne dass früher alles besser war.