Matthias Dell
06.01.2013 | 21:45 41

Ein Rentner aus Spandau

Tatort Play it leise: Die Berliner Folge "Machtlos" dimmt für ihren originellen Entführungsfall persönliche Gefühle runter, um nach globaler Verteilungsgerechtigkeit zu fragen

Berlin, da war doch was, auf das noch mal zurückgekommen werden muss: das Ende der letzten Folge Dinge, die noch zu tun sind, und die Frage nach der Verantwortung der Kommissare Tilli (Dominic Raacke) und Soffy Stark (Boris Aljinovic), die eine Mörderin überführt haben und sie trotzdem in den Urlaub entlassen, damit sie die letzten Tage on earth (Krebs) nicht in U-Haft, sondern auf U-sedom oder zumindest an der Ostsee verbringen kann mit den Kidz.

Hotte Diskussion seinerzeit hier, und nun also der nächste Berliner Streich, Machtlos – und wie vermutet behandelt der Tatort das kapitale Problem mit Rechtsstaat und so radikal inkonsequent. Es wird nämlich mit keiner Silbe darauf eingegangen, der Tatort ist eben, seufz, eine Reihe und keine Serie, er fängt mit jedem Film wieder bei einer Art Null an. Und für diesen Reihencharakter spricht nichts besser als der Umstand, dass Machtlos auf Dinge, die noch zu tun sind gar keinen Bezug nehmen kann (oder nur, wenn es ein allerweitsichtiges Supervising aka Koordinieren gäbe), weil Machtlos nämlich vor Dinge gedreht wurde, Dinge aber, weil doch ARD-Themenwoche "Death" war, ratzfatz vom Schneidetisch weg gesendet wurde, während Machtlos eben erst jetzt kommt. So viel dazu. Man lernt nie aus.

Machtlos ist nun aber auch ein schönes Beispiel für den Vorteil der Vielfalt, die die Produktionsbedingungen des Tatort bieten. Lange nicht so gutes Berlin gesehen (und Dinge war ja durchaus ansprechend), der UEFA-Cup ist sicher, die Qualifikation für die Champions League möglich, nur mit der Meisterschaft wird's wohl nix, die läuft in dieser Saison über die Bayern aus München aka das Hinrichs-Abenteuer

Nach den Satiren

Klaus Krämer (Buch und Regie) hatte sich bereits mit dem nicht unintelligenten Hitchcock-Referenz-Fall Hitchcock und Frau Wernicke empfohlen als Autorenfilmer der beliebten ARD-Sendereihe, der mit einem eigenen Style für sich einzunehmen weiß. Man muss ihn sich wohl als großen Melancholiker vorstellen, "nach den Satiren", wie der Dichter dichten würde. Wie 2010 ist der Grundton auch diesmal von unvergleichlicher Ruhe, die Beamten sind müde und flüstern fast die ganze Zeit und fahren früh am Morgen die leere Bismarckstraße entlang nach Hause, um eine sogenannte Mütze Schlaf zu nehmen, wobei man natürlich sofort an Tarkowskis – was it? – Solaris denken muss, in dem die Welt der Zukunft, also Tokio, ganz menschenleer aufgenommen wurde am frühesten Morgen. Hübsch an der Szene in Tillis Universaleinzimmerwohnung (Kochen, Essen, Wohnen, Schlafen – all in one) ist zum einen die fast liebevolle Einleitung von Soffy Stark (Boris Aljinovic): "Kann ich bei dir pennen?". Und zum anderen die letztlich doch grobe oder vielmehr unpraktische Männlichkeit von Tilli – ein einfühlsamerer Charakter hätte dem sogleich weggepoften Kollegen doch wenigsten die Schuhe ausgezogen.

Die auf erschöpftes Pflichtbewusstsein runtergedimmte Anlage von Machtlos ist um so erstaunlicher, insofern jeder herkömmliche Tatort angesichts des Themas kalkulierte Hysterie gekriegt hätte: Das Kind eines Bankdirektors ist entführt worden aus der Wohnung von Ludwig II. (Sabin Tambrea), der hier als Musiklehrer Neuschwanstein eher ideell in kostbaren Reichensprössen zu errichten versucht. Der Entführer, Uwe Braun, ist ein komischer Vogel, der durch sein aufreizendes Verhalten (die erste Tranche Lösegeld wird umgehend auf dem Alex verteilt) die dienstvernagelten Beamten an krasseste Pathologien denken lässt, weil die sich einfach nicht vorstellen können, dass jemand neither aus Rache nor aus Habgier handelt. Edgar Selge, und das zeigt die Reflektiertheit von Krämers Inszenierung, spielt ganz low und ohne jene mühsame Schauspielereitelkeit, die selbst beziehungsweise gerade im Kammerspiel dem Zuschauer und den Kollegen etwas von der eigenen unendlichen Kunstfertigkeit beweisen müsste.

Die Geschichte ist spannend, sie ist politisch und sie ist unkonventionell aufgelöst – die Szenen an der Weltzeituhr aufm Alexanderplatz scheinen den Mangel, den ganzen Platz nicht tagelang für Dreharbeiten sperren und ein Heer aus Komparsen beschäftigen zu können, fantasievoll zu bearbeiten: durch die Observation von oben. Das Ende der Szene, wenn der Zugriff erfolgt und tout à coup die Undercoverexistenzen eingreifen, erinnert den fernsehbildgeschichtlich geschulten Zuschauer an Aufnahmen von Demos um 1989, in denen immer so lederjackenbewehrte Stasifritzen feindliche Elemente aus der Masse herauszulösen versuchten, die von dieser Masse aber nicht mehr losgelöst werden wollten. (Im alten Polizeirufvorspann kann man die zivilisierte Variante davon beobachten, wenn ein westlich-dekadenter Rumlungerer – könnte ebenfalls auf dem Alex sein – von den Genossen Volkspolizisten kassiert wird).

Schlechte PR in eigener Sache

Das Politische in Machtlos ist die Umverteilungsgerechtigkeitsfrage, die Uwe Braun stellt. Dafür, dass der Tatort nicht dazu da ist, die Zweifel am System zu nähren, geht Machtlos ziemlich weit – Uwe Braun ist zwar erst politisiert worden durch die Erfahrung von persönlichem failure, bei dem ihm der heute erfolgreiche Bankdirektor (Horst-Günter Marx) übel mitgespielt hat, aber er adressiert seine Forderungen klugerweise eben gesellschaftlich.

Die Verbindung zwischen den Nahrungsmittelspekulationen und dem Bankerfolg von Papa Bankdirektor hätte zwar deutlicher herausgestellt werden können, um an Triftigkeit zu gewinnen – so wie die Achillesferse von Brauns "Zeichensetzen" die schlecht vorbereitete PR in eigener Sache ist: Um auf das Dilemma hinzuweisen, das ihm vor Augen steht, hätte die Forderung klarer formuliert werden müssen – und nicht erst in den Aufweichungsgesprächen mit Sohn (Selges richtiger Sohn Jakob Walser jr. mit dem unglücklichen, weil an einen bekannten Berliner Mitternachtsnotarkurzzeitsenatoren erinnernden Rollennamen Michael) und Anwalt (der große Ulrich Voß mit einem herrlichen Auftritt als altes Haus of Justice) ans Tageslicht kommen dürfen. Dann wäre die Verhandlung darüber, dass der Wert eines Menschenlebens davon abhängt, wo es sich ereignet, vielleicht über das – von Ritter und Stark – betriebene Schachern wie im Koalitionsausschuss (5 Jahre gegen 15 Jahre) hinausgegangen.

Der Ausgang der Beratungen folgt den Erfahrungen aus Tarifverhandlungen mit der IG Metall – man treibt den Preis hoch, um eine Minimalforderung durchzukriegen, die hier in der moralischen Verpflichtung der Bankdirektorgattin (Lena Stolze) besteht, 10 Millionen für – für unseren Geschmack auch zu diffus, lieber Uwe Braun – "gute Zwecke" zu spenden. Parlamentarisch gesehen hängt in Machtlos eine unversöhnt-nicht unoriginelle Radikallinke (Braun) mit konservativen Paragrafenreitern ab (Ritter, Stark), dazwischen siedelt die reformistische Sozialdemokratie, die sich an die Regeln hält (Voßens Anwalt) und ein nicht unsympathisches, aber irgendwie auch problematisches grün-modernes Besitzstandswahrertum (Bankdirektorengattin). Die Rolle des Staates, der durch seine Gesetze jeden Anflug von vermitteltem Stockholm-Syndrom zwischen Braun und Frau Bankdirektor unterbindet, erscheint in ungünstigem Licht.

Klaus Krämers Muten aller Gefühle und Helikoptergeräusche dagegen erzielt Wirkung. Man sieht die Polizei bei der Arbeit (wie Tilli und Stark da mit dem Laptop die Aussagen im Hause Bankdirektor aufnehmen, die gleichen Fragen stellen, deren Wiederholung Sinn macht), und es fällt alles raus, was billigst ans Gefühl appellieren könnte (das Jungenschicksal, die Medienkampagne – einzig Schwillis Weber als Volkes Stimme geht ein wenig auf die Nerven). Der Musikeinsatz sagt zu, und dass Tilli am Anfang so rasiert daherkommt wie selten before, dit passt – man schaut in das unverkleidet abgegessene Gesicht des arbeitenden Beamten.

Ein Oxymoron zum Schmunzeln: "Wir sind eine seriöse Bank"

Der erste Weg zur Besserung: "Ich war Unternehmensberaterin"

Ein guter Rat an beinahe jedes Umfeld: "Verlieren Sie nicht die Hoffnung"

Kommentare (41)

wernerkampmann 06.01.2013 | 22:59

Lieber Herr Dell,

 

mal wieder nahezu "vollste" Zustimmung! Danke für Ihre immer wieder gern gelesenen Tatort-Kritiken.

 

Das Einzige, was mir etwas on my nerves geht, ist Ihr etwas albernes "Englutsch"-Gebräu. Bin selbst ein großer Freund von fremdsprachigen Begriffen. Aber "Haus of Justice" oder "neither aus Rache nor aus Habgier" klingen etwas ick-bin-eine-coole-Neu-Berliner-you-know-mäßig. Damit verwässern Sie Ihre Kritikperlen und schmälern den/meinen Lesegenuß.

Aber that nur am brink, it ist natürlich only meine humble Meinung...

janto ban 06.01.2013 | 23:19

Ich muss so gegen 20:30 kurz eingenickt sein. Ca. zwanzichvor war ich dann wieder wach. Hab ich was verpasst?

Darüber

| , dass der Wert eines Menschenlebens davon abhängt, wo es sich ereignet, |

darf man gar nicht nachdenken. Passt ganz toll zu "Sie werden die Weltpolitik nicht verändern!" In Klammern: Und Sie nicht und Sie nicht und Sie nicht und Sie nicht und..! Ich glaube, in einem US-College-Movie begönne nach einer solchen Szene ein lauter, froher Pop-Rock-Song zu erklöngen - und man sähe frisch erwachte, trotzige, voller Tatendrang Plakate sprühende, Info-Stände zimmernde, ignorante Eltern erleuchtende, junge Menschen... ähhm... am gleichen Sachverhalt zerbrechen. Ich meine, es wär so.

Was mir noch keine Ruhe lässt, ist der denkbare Fortgang der Geschichte. "Schatz, darf ich 10 Million Euro spenden?" Ach, komische Gedanken zur guten Nacht.

Selbige

grex 07.01.2013 | 00:31

@WERNERKAMPMANN

Dabei ist das "alte Haus of Justice" doch der heutige Höhepunkt! Habe sehr gelacht. Besser kann man das nicht ausdrücken, was das ausdrückt. Stil und Inhalt sind nicht voneinander zu trennen. Und der Dell kanns halt. Bitte nicht allzu übel nehmen, aber beim Lesen Ihres kleinen Dell-Pastiches wurde mir wieder einmal bewusst, wie gut und anspruchsvoll die Dell'sche Schreibe in Wahrheit ist.

Laktatwert 07.01.2013 | 01:54
Was mich ständig am meisten nervt in der ersten Reihe, über was aber keiner der "Kritiker" oder KulturRezensenten ein Wort verliert : Uns Zuschauern, dem Quotenvieh, wird systematisch ein Nachschwingen des gezeigten Produkts verweigert, es wird verhindert. Warum schreibt keiner der an den Filmen so Interessierten über die fast abgeschnittenen letzten Sätze, dem abrupt einsetzenden immer gleichen Doldinger-Gedudel, egal was an Stimmung und Athmosphäre vorher aufgebaut wurde. Über den sofort einsetzenden Vorschauterror, rechts im Bild noch der Alibi-Abspann. Die Marketing-Spinner, die sich diesem Scheiss ausgedacht haben, wünsche ich in die Quotenhölle. Inzwischen bin ich wieder öfters Gast in meiner Videothek, da gibts dann zum Ende einen sauberen Abspann zum Abdampfen ohne folgenden Vorschauterror. Grüsse
Wiesengrund 07.01.2013 | 04:41

Die (parlamentarische) Metaebene wurde sehr gut wiedergegeben – eben so habe ich das auch gesehen:

Kammerspieldilemma zwischen unorigineller Radikallinken, konservativen Paragrafenreitern, reformistischer Sozialdemokratie,  grün-modernem Besitzstandswahrertum und Zement-Staat; es fehlt der autonome Intellektuelle (Michael), der sich zunächst Bedenkzeit ausbittet, um im Anschluss  vor der Moral des Bestehenden zu kapitulieren und sich als Knecht der Pflichtbeamten zu versuchen.

Für alle politisch gespitzten Ohren ergibt sich daraus die Conclusio: Weltpolitik lässt sich auch mit noch so ambitionierten, kompromisslosen Einzeltaten nicht verändern – Organisez Vous!

fahrwax 07.01.2013 | 09:17

Schön so ein hintergründiger Krimi mit „politischer“ Metaebene, deren Aufschlüsselung noch erweiterbar wäre. Das der Radikallinke Braun,  bestens auf seine angestrebte Haft- und Verhörsituation vorbereitet, dann zum Glauben an die moralischen Kompetenzen der grün-modernen Bankdirektorengattin konvertiert, senkt die Glaubwürdigkeit der Person enorm.

 

Erwähnenswert wäre sicherlich noch, das im Film eine doppelte Machtlosigkeit zum Vorschein kommt: die des rechtmäßig betrogenen Braun und die dann daraus resultierende der Rechtspflegenden Organe. Gegen  Braun, den Selbstmordattentäter an seiner bürgerlichen Existenz, der mal eben 10 Millionen für „die gute Sache“ freimacht, ist keine Gegenwehr möglich.

Das wertet diesen unterhaltsamen Krimi zum Glaubenbekenntnis auf.

@Wiesengrund: derart kompromisslose, ambitionierte Einzeltäter können die Umverteilung umkehren und den Glauben an die eigene Machlosigkeit beseitigen.

Matthias Dell 07.01.2013 | 10:08

senkt die kompromissbereitschaft von braun seine glaubwürdigkeit tatsächlich? braun geht es ja um die sache, er weiß, "dass es nur verlierer geben wird" (und irgendwie ja auch, dass er im tatort niemals mit der maximalforderung durchkommen wird), und wenn klar ist, dass der staat aka die polizei nicht nachgeben wird (schöner hinweis auf die zwangslagen auf beiden seiten, fahrwax), dann hat er mit der moralischen verpflichtung der bankdirektorengattin doch viel erreicht - das müsste deren verhältnis zum gelde doch auch verändern, sag ich jetzt mal als romantiker

Matthias Dell 07.01.2013 | 11:13

laktatwert - sie haben nen punkt. das berührt die frage, die prof. leder immer mal wieder aufwirft, die des live-guckens (was ich ja nicht kann, weil sonst der text 21.45 uhr nicht fertig wäre - und in den presse-ansichtsversionen hängt noch ganz ordentlich und voll im bild der abspann dran, allerdings auch zu doldingers mucke). dass einen das fernsehen da schnell wieder rausholt, ist richtig, es ist ja auch nicht zum vergnügen da (und die momente wie am so., in denen man dem der frage noch nachhängen will, sind relativ selten, oder?). beim fußball stört es auch wahnsinnig, weil eigentlich tunnel vorher und shakehands nach dem abpfiff die tollsten szenen sind - da kommt aber auch sofort der spot vom presenter (selbst auf sky), und nach ein paar impressionen das erste sinnlos-interview

Matthias Dell 07.01.2013 | 11:18

"Was mir noch keine Ruhe lässt, ist der denkbare Fortgang der Geschichte. "Schatz, darf ich 10 Million Euro spenden?""

aber sie muss es tun, odr? ich war geflasht von der dem dampf, den moral machen kann - auch wenn dieses ruchlose bankgewerbe am ende doch nur mit den achseln zuckt. bestimmt gründet sich auf facebook bald - analog zu: wir wollen gisbert zurück - ne gruppe, die die einzahlung überwachen wird.

fudge 07.01.2013 | 11:46

gehe mal wieder d'accord; der kritik ist wenig hinzuzufügen ebenso wie der einsicht, dass berlin zwar gut war, aber leider nicht an münchen herankam, vielleicht war's mir an einigen stellen ein wenig zu heruntergedimmt/muted.

außerdem fand ich es gerade gut, dass das eigentlich tatort-like brisant-aufrüttelnde thema (dieses mal: nahrungsmittelspekulation) einmal nicht zu sehr ausgewalzt wurde, sondern im raum stehen blieb und es dem zuschauer überlassen wurde, diese lücke gedanklich selbst zu füllen.

freude kam auch auf über die nutzung des alex samt menschenmenge (nachdem ja in den letzten wochen irgendwann einmal über leere kneipen diskutiert wurde) und selge & sohn (schön: die wie gespiegelte gebeugte haltung beim wiedersehen am verhörungstisch). also insgesamt: nice.

rioges 07.01.2013 | 12:18

Ich versuch mal meinen Kommentar ohne Anglizismen oder sonstigem Feuilletongedöns zu schreiben: Ich fand den Tatort einfach nur gut, spannend, unterhaltend. Gerade die ruhigen Szenen und die Arbeit der beiden Kommisare war angenehm unaufgeblasen. Im Gegensatz zu den Kommentaren hier: Mein Gott, was man da alles reininterpretieren kann, will, muss!

 

Der Entführer ist kein Linksradikaler sondern ein Entführer und Verbrecher. Auch wenn er scheinbar den neolieberalen Verbrechen ein Gesicht geben will, indem er durchaus zu Recht darauf verweist, dass irgendwo immer Menschen sind, die Handlungen begehen die zu dem führen was wir auf dieser Welt erleben. Aber das ist in einem Krimi immer nur äußerst mangelhaft darstellbar. deshalb sollte man es lassen und einen Krimi als einen Krimi betrachten. Das tue zumindest ich.

Dieser Tatort hatte Format, gerade in der Ruhe und dem Kammerspielartigen.

Seifert 07.01.2013 | 14:04

Die "Tatort"-Rezensionen von Matthias Dell lese ich immer (bzw. meistens) sehr gerne! Das sollte mal gesagt bzw. geschrieben sein. (Mit seinen eingestreuten Anglizismen bzw. deutsch-englischen Sprachmischungen kann ich mich allerdings nicht immer anfreunden.)

Doch nun zu Rioges: Sehr nett, der Verschreiber(?) "neolieberal". Na, so "lieb" sind die Anhänger dieser Ideologie nicht. Doch was soll das Geschwätz von den offenbar namenlosen Tätern, die irgendwas machen, was wir halt nicht so gut finden?! Damit strickt man sich die Weltgeschichte allzu einfach und muss sich auch nicht fragen, ob man möglicherweise selbst in das böse Tun verwickelt sein könnte.

Ich bitte um etwas geistvollere Kommentare - nicht nur hier bei den "Tatort"-Besprechungen, sondern auch in anderen Debatten!

paedischaer 07.01.2013 | 15:17

Es gibt in der Behörde "der Polizeipräsident von Berlin" eine "Film- und Autorenberatung", die einem nett Auskunft gibt über polizeiliche Vorgehensweisen. Mein Eindruck war, dass sich der Drehbuchautor bis ins Detail ans Polizeiprozedere bei Entführungsfällen halten wollte, was als Reenactment einer Dokumentation vielleicht durchginge, als Sonntagabendunterhaltung aber doch arg zäh daherkommt. Nach dem zehnten Mal "Wo ist Benjamin?" wollte ich schreien.

Was ich am Anfang noch gut gelaunt als originelle Handlung einstufen wollte (Was will denn der komische Entführer?) entpuppte sich dann, als man endlich erfuhr, was er will, als größtmögliche logische Ungereimtheit: Bedingt "ein Zeichen setzen" nicht irgendeine Art von Öffentlichkeit? Wenn man ihm seinen verschollenen Sohn nicht vor die Nase gesetzt hätte, wäre der als Kindsmörder ins Gefängnis gegangen, nicht als Zeichensetzer. Und, naja, überhaupt ein Kind eines Bankdirektors zu entführen, um ein Zeichen gegen den Neoliberalismus zu setzen, ist schon ziemlich platt. Wir haben nicht mehr 1977.

 

Herr Dell für einmal widersprechend: zähe Kreisliga!

miauxx 07.01.2013 | 19:44

Interessant, dass weder Dell noch die Kommentierenden auch nur einmal eine Erinnerung an den Fall Jakob v. Metzler fallen lassen! Drängt sich ein Vergleich nicht eigentlich auf? Naja, vielleicht drängt er sich so sehr auf, dass man es lieber bleiben lässt. Dabei, immerhin: Till & Stark wollten Braun doch am liebsten das Essen und Trinken nicht gewähren. Und so ein bisschen Folter durch Beamte sieht man ohnehin sogar in jedem zweiten "Tatort" ...

Und, ja ich weiß, die politische Komponente. Aber die war nun wirklich zu diffus. Erweicht durch das Doch-Erscheinen des Sohnes, hatte man nun den Eindruck, als versuche Braun sr. seine Rührung in eine schnell erfundene Motivation für die Entführung ("Ein Zeichen setzen!") zu kanalisieren. Bis dahin fragte man sich: Was ist das Motiv, wenn eben nicht die verneinte Rache? Vielleicht hätte die Inszenierung hier ein bisschen mehr Kontakt zur Außenwelt aufnehmen sollen - kommt die "Botschaft" Brauns durch die Medien-VÖ des Falls irgendwie draußen an?

Das war alles ein bisschen Wischi-Waschi. Auch über den Zusammenbruch Steiners hätte man doch gern mehr erfahren! Hat er wirklich bereut? Und wenn ja, was genau?

Ansonsten gut inszeniert!

rolfmueller 07.01.2013 | 22:05

Ich lese die Tatort-Kolumne von Herrn Dell sehr gern. Und es ist immer wieder köstlich, wie sich in den Kommentaren dann seine Schäfchen um ihn scharen, bis hin zur Übernahme seines Schreibstils und der Verwendung von Anglizismen.

In der Sache kann ich nicht ganz folgen, wenn sich offenbar alle einig sind, dass der Herr Braun ein Linksradikaler sein soll. Ich bin in meinem ganzen Leben noch keinem Linksradikalen begegnet, der Kinder entführt. Wie ich gerade eben las, soll das eher ein Spezialgebiet katholischer Nonnen sein.

Die Spekulation mit Nahrungsmitteln kann man auch von einem moralischen Standpunkt aus kritisieren. Oder habe ich was verpasst und es herrscht inzwischen Einigkeit darüber, dass eine moralische Haltung nur eine linksradikale Haltung sein kann?

Mir ist die ganze Geschichte wenig plausibel. Warum verteilt Herr Braun das Lösegeld unter vier Augen an Passanten, wenn er ein Zeichen setzen will? Warum lässt er sich von der Polizei festnehmen, was seine Mission deutlich erschwert, ohne wenigstens die Presse informiert zu haben? Warum lässt es sich der Bankdirektor bieten, dass die Polizei einfach beschließt, die Verwahrung des Täters habe Vorrang vor dem Leben des Jungen? Warum wird darüber nicht mal diskutiert?

Das Drehbuch ist von vorne bis hinten auf bestimmte Wendungen und Effekte hin geschrieben. Abgesehen von diesen ist es meiner Meinung nach durchschaubar und langweilig. Und die Inszenierung ist nicht weniger zäh, von dem guten Spiel des Herrn Selge und der Frau Stolze mal abgesehen.

Wiesengrund 07.01.2013 | 22:41

Heinrich Böll, genau: „Das Grundgesetz ist der Beichtspiegel der Nation“!

Braun junior verkörpert die Perspektive der zuschauenden, suchenden Vernunft – auf der Höhe der Zeit, aber impotent und ohne eigene Position, machtlos wie der Titel.

Zu ihrer Frage: Edgar Selge bot als Täter, wie oben bereits moniert, ein etwas verbrauchtes Gesicht, das andererseits zum entschleunigten, ereignisarmen, schlichten Tatort gepasst hat. Als Figur fand ich Braun senior eher mäßig originell. Eine graue Maus, der es vor allem bei der Ausführung ihrer wahren Beweggründe an rhetorischer Dynamik fehlte; das ´Zeichen` hat nicht wirklich geflasht... (Ihre Worte)

 

 

klonkifanko 08.01.2013 | 00:31

Ja, ein wirklich Güter Tatort war's, weil: alles in Ruhe! Und ausnahmsweise mal mit der Mühe erzählt, einen Polizeidienst zu zeigen, der etwas sehr Unangenehmes, Zähes und, ja, Machtloses hat.

Bin mit der Kritik an der späten Auflösung des echten Plans nicht ganz einverstanden, denn immerhin hätte sich mit den 10 Mio € dann in Freiheit sicher etwas Publikumswirksames anstellen lassen. Will nur sagen: Wir wussten doch gar nicht, was Herr Braun noch vorhatte... Gleichwohl wirkt an diesem Punkt der ganze Plan nicht ganz so ausgefuchst, wie ansonsten proklamiert.

rioges 08.01.2013 | 10:38

Das war wirklich ein Schreibfehler. Werde mir diese Variante aber einmal merken, vielleicht kann sie noch irgendwo sonnst benutzt werden.

Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass wir es ständig mit (politischen) Entscheidungsträger/innen zu tun haben, die fast alle ständig so tun, als wäre das, was im Moment die Grundlage der Entscheidungen bildet, vom Himmel gefallen. Nein, es waren frühere Entscheider/innen die dafür verantwortlich sind. Und immer waren das Menschen. Und oftmals aus dem selben Stall wie die nun Entscheidenden, die aber so tun als ob.

Natürlich bleibt bei so manchen Thema eine klitzekleine Möglichkeit auch das eigene Handeln zu überprüfen. Vor dem Großen Problem steht mensch aber recht verzweifelt und hilflos. Nun sind wir doch wieder beim Tatort.

Oberham 08.01.2013 | 13:08

... die Systemfrage wurde ja auch so verquer ins populistische Kammerspiel gewoben, dass letztlich der kapitaldurchflutete, das Geld über alles schützende Polizeiapparat als Retter und nicht als Mörder präsentiert wird.

Erich Kästner lies die Kinder von den Tieren entführen und diese spielten mit den Kindern.

Systemhinterfragend wäre das Kind letztich von einer alten Frau (die ja auch in den Knast muss am Ende - also kann man kein junges Mädchen dafür verbrennen) in diesem abgelegenem Haus betreut worden - die beiden hätten wohl gerade cowboy und indianer gespielt, die Verdurstungsapokalypse wäre nur eine zur bewaffnung notwendige Schimäre gewesen und hätte erst nach dem Kollabieren beider Elternteile und nach dem theoretischem Tod des Kindes aufgelöst werden sollen - nur sowas hätte der TATORT in der ARD nun wirklich nicht präsentieren dürfen - da geht wirklich allenfalls Kästner - und da geht es dann neuerdings um Umweltfragen (Neufassung in 3D als comic).

Der gemeine Zuschauer hasst den Enführer und liebt den Komissar, so soll es sein - und amen.

Oberham 08.01.2013 | 13:17

... auch ihnen lege ich Kästner ans Herz - und das Traume des Entwendens hätte man wohl rasch durch eine gute Betreuung des Kindes im Griff - (Abenteuer auf dem Land - die Freizeitomi wurde von Mami als Überraschung gebucht - man hätte ganz klar eine völlig andere Situation im Hintergrund mit dem Kind konstruieren können....  -  die erst am Ende aufgelöst worden wäre - so - fallen die Zuschauersympathien letztlich ganz klar in die gewünschte Richtung)

..... hätte man dem Zuschauer einen theoretischen Tod des Kindes, einen immer wieder -" ihr schütz die 10 Millionen und das System dafür bürdet ihr mir die Last auf das Kind verdursten lassen zu müssen - und selber zieht ihr euch hinter die Rechtslage zurück!"

Nur diesen Satz - die ganzen ca. 75 Minuten Kammerspiel lang bei der Verhöreinstellung - das wäre ein politischer Tatort gewesen.

In der Realität gibts natürlich solche Entführer nicht, da der soziale Mensch auch den Ansatz der Entführung niemals durchführen würde - es könnte ja trotzdem was passieren, das Kind Schaden nehmen.

Aber als Kammerspiel, als Kammerspiel wäre es einen Versuch an prominenter Stelle wert gewesen - vielleicht gibts ja mal ein entsprechendes Theaterstück.

Matthias Dell 08.01.2013 | 21:38

miauxx,

das

"Interessant, dass weder Dell noch die Kommentierenden auch nur einmal eine Erinnerung an den Fall Jakob v. Metzler fallen lassen! Drängt sich ein Vergleich nicht eigentlich auf? Naja, vielleicht drängt er sich so sehr auf, dass man es lieber bleiben lässt."

habe ich mir im grunde genauso gedacht - man denkt natürlich dran (und ein bisschen kann man dem tatort vielleicht vorwerfen, dass er das nicht als möglichkeit zumindest polizei- oder tilli-stark-intern diskutiert hat - aber er hat halt ein anderes politisches konzept - rechtsstaatpower!) so war's dann eben genauso konsequent, dass der tatort es nicht erwähnt (und wir dann hier auch nicht) - ein anderer, herkömmlicherer tatort hätte bestimmt auf diesen wiedererkennungseffekt geschielt (und das "machtlos" nicht schielt, spricht für den film)

Matthias Dell 08.01.2013 | 21:41

lieber rolfmueller,

danke für die blumen (oder soll ich sagen: flowers, scherz). das mit dem linksradikal bezog sich ja nicht aufs kinderentführen, das ist eher, so blöd wie's klingt, aber der tatort behandelt es ja auch so, abstrakt. sondern auf brauns plan, und der war eben nicht rache-driven oder am persönlichen fortkommen bzw reichwerden interessiert, da gings um eine form der umverteilung, die zu diskussion anregt

Matthias Dell 08.01.2013 | 21:44

der sohn war wirklich gut, wie er sich da bedenkzeit ausbittet, zwischen zwei dilemmata steckt (sein persönliches los vs. die verantwortung, die der staat an ihn heranträgt). das mit unoriginell in meiner frage, bezog sich auf die figur - haben sie ja auch beantwortet. graue maus finde ich lässlich, geht ja ums programm, nicht um die person. die schlechte adressierung ist dagegen ein problem - wenn er das zeichen hätte setzen wollen, hätte er für seine forderung öffentlichkeit gebraucht (hatte kurz den gedanken, dass das zuviel des guten im tatort gewesen wäre, weil es dann mit der sympathie noch schwerer geworden wäre)

Matthias Dell 08.01.2013 | 21:46

"denn immerhin hätte sich mit den 10 Mio € dann in Freiheit sicher etwas Publikumswirksames anstellen lassen. Will nur sagen: Wir wussten doch gar nicht, was Herr Braun noch vorhatte... Gleichwohl wirkt an diesem Punkt der ganze Plan nicht ganz so ausgefuchst, wie ansonsten proklamiert."

da würde ich widersprechen, zweimal. der plan war schon durchdacht bis hin zur möglichkeit, die minimallösung über moral zu erreichen. und das er, wie schon bemerkt, nicht früher adressiert hat, wofür die 10 millionen da sein sollen, ist eher ein problem - eine fiese presse hätte dann natürlich damit gespielt, dass er gesellschaftliches engagement vortäuscht, den zaster womöglich aber doch in yacht, ferienhaus und plasmaglotze steckt

die Realistin 12.01.2013 | 18:50

Da hat Herr Dell viele, viele Worte geschrieben und auch bewiesen, dass er Englisch kann (vielleicht nur ein paar "Schlagwörter")...

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich sicher einer anderen Generation angehöre, aber ich denke, eine gute Film-oder TV-Kritik sollte präziser und themenbezogener sein.

Ich konnte jedenfalls mit dem Dell-Beitrag absolut nichts anfangen.

Den behandelten Berlin-Krimi fand ich jedoch ausgezeichnet.

goedzak 13.01.2013 | 13:15

Ich hab gestern spät die quasi allerletzte Chance genutzt, den Film in der Mediathek anzusehen. Bin froh, diesen nicht verpasst zu haben.

Die Befragungsszene am Beginn: Das erstemal, dass ich die Art Kriminalbeamte, die man in den Kriminalrevieren des Landes, wenn man das Pech hat, dahin vorgeladen zu werden, oder sonstige Notwendigkeiten bestehen, die aufzusuchen, wirklich antrifft, in einem Fernsehkrimi wiedererkannt habe.

Alles weggelassen, Witzeleien, Menscheleien, Dinge, auf die man sich, wenn sie mal nicht aufgetischt werden, dann auch wieder freuen kann. Subtil gespielt, von allen. Komplexe Problemzusammenhänge, die als Kontext präsent sind, die aber nicht per Handlung und Figuren dargestellt werden sollen. Der Zuschauer steht unter Spannung, nicht auf ein Ende hin - Werden sie den Jungen retten? Wie wird sich der Kidnapper entscheiden? - sondern: Was passiert im nächsten Augenblick, in den Gesichtern, in dem, was gesagt und getan wird...

Und gleich im Anschluss die Dell-Kolumne lesen, um runterzukommen, sonst flieht einen ja der Schlummer. :-) Wunderbar, diese saloppe und dosiert ironische Art, dem Film gerecht zu werden und doch zu ihm auf Distanz zu gehen.