Matthias Dell
13.01.2013 | 21:45 52

Er musste kurzfristig nach Frankfurt

Tatort Auf Lena Ödenthal ist Verlass: In "Kaltblütig" erfüllt Ludwigshafen alle Erwartungen über den dienstältesten Schauplatz der ARD-Reihe. Es ist wieder mal zum Mäuse melken

Lena Ödenthal strikes back. Wer in den letzten Wochen beinahe vergessen hatte, wie medioker der Tatort im täglichen Leben doch immer ist, darf angesichts von Kaltblütig erleichtert aufatmen: Es gibt sie noch, die miesen ollen Dinger. Kaltblütig ist ein Tatort von solchem Format, dass man am liebsten frei haben wollte, weil es einfach so uninteressant und sinnlos ist, sich mit so was zu beschäftigen. Kaltblütig funktioniert nur, weil der Tatort eine Reihe ist und nächsten Sonntag wieder kommt, und man also die Hoffnung haben kann, dass dann vielleicht was Aufregenderes geschieht aka dass man durch diesen Lena-Ödenthal-Streich einfach durchmuss, damit ihn hinter sich hat.

Für Leute, junge Leute womöglich, die noch full of energy sind, könnte die neueste Ludwigshafener Folge ein guter Anlass sein, einmal eine Untersuchung anzustrengen, seit wann und how things wrong went in der öffentlich-rechtlichen Fernsehproduktion. Kaltblütig kriegt nie Boden unter die Füße, ist von der ersten Minute an damit beschäftigt, sich selbst die eigenen Geschichte zu erzählen, die der Film braucht, um seine Tatort-Ähnlichkeit unter Beweis zu stellen. Man sieht die Reste von Kniffen, die eine Spannungsdramaturgie einmal spannend gemacht haben (das Manöver von Fränkie Burner), man sieht die Sendererwartungen (Besetzung mit big names, Götz Schubert und Anna Loos), und man sieht die Armut der Produktionsbedingungen (Verhör bei der Landstraßengrabpflege, damit man das auch noch im Bild hat und gleichzeitig immens wichtige Informationen vermittelt).

Kurz: ein Elend. Kaltblütig ist ein klassischer Schreibtisch-Tatort, dem man die gegängelte – oder von zu viel falschem Fernsehen verdorbene – Fantasie in jedem Moment anmerkt. Darunter leiden die Darsteller (oder wir unter ihnen, so genau lässt sich das nicht entscheiden), aber das, Bitte um Verzeihung für die abgenutzte Vokabel, hölzerne Spiel von Ulrike Folkerts wirft die Frage auf, ob deren Prominenz sich wirklich nur dem Ewigkeits-Fame ihrer langen Tatort-Zugehörigkeit verdankt oder ihrer Arbeit.

Zapp, Rollo runter

Für Folkerts nimmt ein, dass die Sätze, die sie sagen muss, anders als so, wie sie sie sagt, vielleicht gar nicht gesagt werden können. Diese Sätze aus diesem Schreibtisch-Tatort sind so furchtbar, dass man sich vorstellen kann, wie unmöglich es ist als Schauspieler, sich diese Sätze anzueignen und sie eben nicht so zu sprechen, als gehörten sie ganz woandershin, also nicht zum eigenen Charakter, sondern zu der bieder durchgezogenen Drehbuchroutine (Buch: Christoph Darnstädt), die am Ende zufrieden ist, wenn das Kartenhaus der Geschichte steht. Anders: Wie soll man einen Satz wie "Sie paraphrasieren hier die Aussage ihrer Ex-Frau" nur glaubhaft sagen können? Wie soll man mit diesen "Zapp, Rollladen (aka Rollo) runter"-Witzen umgehen, die doch immer nur entfernt an etwas erinnern, das mit Alle-Augen-zudrücken lustig sein könnte?

Jetzt fangen wir schon wieder mit den Fragen an, irgendwie lösen diese langweiligen Lena-Ödenthal-Tatort-Filme in uns eine Verzweiflung aus, die sich anders als in Fragen nicht Bahn brechen kann. Diese Band von Kopper (Andreas Hoppe), mit der er wechselweise "rocken" oder "abrocken" geht, was soll das denn? So wie der Basser da rumhängt, so kann das nichts werden. Und dass der Drummer seinem Bandkollegen Kopper (voc, git) Fragen stellt, als ob er ihm zum ersten Mal sehen würde, das spricht doch alles nicht dafür, dass es sich bei dieser komischen Rockerband um etwas handeln könnte, dass es in der world of Ludwigshafener Tatort tatsächlich gibt. Man riecht die unglaubwürdige Bemühtheit der ganzen Anlage hundert Meilen gegen den Wind.

Schon die Musik (Johannes Kobilke) verübelt einem alles. Zum einen ist sie dauernd ungefragt am Start, damit ein wenig Stimmung aufkommt, die die Inszenierung unmöglich hinkriegen kann mit diesen Sätzen, Orten (alles so milieulos bürgerlich und sieht dabei aus wie das modisch angemalte Studio, dass es ist) und diesen Charakteren (diese Künstlerinnenschwester! Die arme Sandra Borgmann. Und dieser Autohaus-Besitzer, oder was war das mit dem "Bau", der keine Autos reparieren kann, sie dann aber doch repariert). Zum anderen ist in der Musik – und damit passt sie immerhin zum Film – nichts zu erkennen, was eine Zuschreibung wie "eigen" rechtfertigen könnte, es ist das Standard-Sphärische, metallisch reibende und fragend sich dahin Dehnende, in das dann ein Klavier reindarf, um melodramatische Akzente zu setzen.

 

Und der Fall? Außer Spesen nichts gewesen, man möchte am liebsten die Sätze mit einem Marker anstreichen, von denen man in dem ganzen Informationsmüll sofort weiß, dass sie später eine Rolle spielen werden (wie oft da "kaltblütig" gesagt werden muss, damit der Zuschauer zu Hause "Heureka" rufen kann, weil er jetzt weiß, wo der irre treffende Titel herkommt) so wie diese Kindheitsgeschichte mit dem Benzinüberschüttetsein und Streichholznichtankriegen, bei der man sich dann wundert, was die einem im Reenactment sagen soll – wieso ersetzt da die Burner-Frau die Burner-Schwester beim Gang in den Tod?

Schon wieder eine Frage. Wir brechen ab. Wir müssen hier raus, denn das ist die Hölle.

Eine Aussage, die der sogenannte Arbeitgeber gerne hört (I): "Er kämpft Tag für Tag für die Firma, für uns, er hat Ehre"

Eine Aussage, die der sogenannte Arbeitgeber nicht gerne hört (II): "Feierabend gibt’s nicht mehr, ist abgeschafft"

Kommentare (52)

Sarah Rudolph 13.01.2013 | 21:58

Ach, was ein Text. Ich war ja vor lauter Ermüdung gar nicht mehr in der Lage mich zu echauffieren, aber: ja. Schwachfug. 
Das muss doch so alles nicht sein. Irgendwann gegen Ende war ich dann kurz davor die Polizei zu rufen und den Mord selber zu gestehen. Eine mehr oder weniger macht ja auch nix mehr. 
Diese Band, dieses alles, diese komische Thematisierung der Beziehung zwischen Lena und Kopper... "Diese Frau rockt anders!"
Nur Kopfschütteln.

Magda 13.01.2013 | 22:26

Komisch, ich fand den von allen Odenthal/Kopper Tatorten eigentlich ganz gut. Kleine Brötchen, stimmt. Obwohl schon oft verwendet, bin ich diesmal auf diese Verwechslungsgeschichte nicht gleich gekommen. Man hat eben seine zweifelnden und seine gutgläubigen Tatort-Sonntage. Und ich habe an meinen Zahnarzt gedacht. Wenn ich zu heftig jammere, sagt der immer: "Is gleich vorbei". Das passt  nicht nur für den Zahnarztstuhl, sondern auch für andere Tatorte. 

 

lebowski 13.01.2013 | 22:35

So schlecht fand ich ihn nicht. Und das Hamsterrad, in dem alle laufen (inkl. Kopper und Odenthal) ohne die Kraft für Veränderungen zu finden, wäre ja auch ein interessanter rote Faden gewesen. Aber da man in Tatorten ja grundsätzlich immer alles auf einmal will, hat die Geschichte ihr gutes Potential verspielt und ist dann zerfasert.

Matthias Dell 14.01.2013 | 10:09

esra!

thank you! no jokes with names - right, but. zwar gilt es, und trotzdem wird es laufend gemacht, appropriation art of weltwahrnehmung. I'm - sagt man dem so? - torn in this question oder zumindest doubtful. und außerdem ist, teilt sich vielleicht nicht, meint "lena ödenthal" mehr als die figur, sondern eben das ganze programm, diese form von tatort. (außerdem ist lena odenthal ja ein figurenname, da ist das verballhornen vielleicht auch noch mal was anderes, denke ich mir zumindest manchmal). aber ich sehe ihren punkt. vielleicht müsste man einmal einen großen text über die frage "no games with names" schreiben - das wird immer sehr unterschiedlich gehandhabt, obwohl es doch so apodiktisch daherzukommen scheint. anyway.

but: vielleicht könnten sie, esra, mal was schreiben über die wichtigkeit der anglizismen im text hier, dass damit eben auch ein unglaublich worldwide international publikum adressiert werden kann. 

Matthias Dell 14.01.2013 | 10:12

ich habs schon fast gedacht, und odenthal-intern stimmts ja auch, nur ist selbst der bessere odenthal-tatort immer noch sehr schlimm. diese anfangsszene im supermarkt, da fällt mir nichts zu ein, da spielen die beiden hauptfiguren, als wären sie ihre eigenen komparsen, und warum sollen sie dahin gehen, wenn dann eh der unoriginelle anruf umgehend kommt. 

insofern hilft die zahnarzt-haltung weiter, so muss man tatort-gucken

Matthias Dell 14.01.2013 | 10:22

avantgarde hin, englisch her, hauptsache ein guter tatort. da gehen unsere meinungen auseinander, und auch wenn ich vielleicht etwas unempfänglicher für die sedativen effekte von so was bin - ich finde einfach nicht, dass das gute unterhaltung ist, sondern ziemlich zusammengeschustert, lieblos und unoriginell. der vortäuschungsgeständnistrick von fränkie brenner war ja gar nicht schlecht, aber dann wird das so lausig inszeniert, da wäre mehr drin gewesen

paedischaer 14.01.2013 | 10:35

LU-Tatorte sind für mich aus genau einem Grund unerträglich: Kopper. Der überflüssigste Kommissar der ganzen Reihe (bis zur Ära Schwill Tiger, das prophezeie ich jetzt einfach mal). Er ist der Quotenmann, der Fragen stellen darf, damit Lena ihre messerscharfen Schlussfolgerungen für uns Zuschauer artikulieren darf. Dann sein Gigolo-Outfit und seine fake Italianità (Corto Maltese an der Wand, Fiat in der Garage). Das ist das deutsche Kind mit italienischem Migrationshintergrund, das mal in Rimini im Urlaub war und sich dann einen pseudo-italienischen Lebensstil zusammenbastelt, der aus Klischees besteht. Incredibile!

Sonst: "... the same old fears ...", wie Pink Floyd sangen.

Esra Yildiz 14.01.2013 | 11:10

Horst tappert im Dunkeln

Natürlich darf man alles, Herr Dell, wenn man es nur gut macht …

Ihr namentliches Wortspiel ging mir nicht auf; ich musste zunächst anderweitig nachschauen, ob ich wohl möglich den umgelauteten Rollennamen falsch in Erinnerung hatte.

Ein gelungener Kalauer lebt davon, dass in der unmittelbaren textlichen oder (immanenter subtextueller) Nähe eine Pointe gesetzt wird, ja eine Spur gelegt wird, die dem Leser an Ort und Stelle eine kathartische Lösung ermöglicht. Indem man einfach durchweg einen Namen falsch schreibt, setzt man noch keine Pointe - sondern lediglich einen Rechtschreibefehler.

Ansonsten: nothing for ungood.

zyxw 14.01.2013 | 13:09
Wie gekonnt Sie diese ganze englischen Phrasendrescherei in Ihren Artikel einbauen, alle Achtung! Und erst noch die Werbung für Ihr Buch : "Endlich out now" . Da rollen sich die Fußnägel ... Ich mache spätestens nach dem 2 dummen Denglisch-Spruch dieser Art Schluß mit dem Lesen. Sowas muß man sich nicht antun.
wernerkampmann 14.01.2013 | 16:28
Inkl. der Kommentare wieder ein Lesegenuß, der für die Zeitverschwendung gestern Abend entschädigt. Bis auf die - nach wie vor wirklich anstrengenden und völlig überflüssigen - englischen Querschläger... PS: Wie wär's mit mal Anagrammen? Bei Tatort geht noch nicht so viel (totrat'?) aber bei "Kopper Odenthal" gibt's schöne Sachen: Oh topp Ard-Enkel... Da! Propheten Klo Daher: Koeln topp Klaere Ndp-Photo! Hole knapper Tod Topp! Er hole Dank! Und sorry, Esra Yildiz, Oedenthal geht auch sehr gut: Ohne Tadel O. hat Elend bzw. A Hold Teen Ethanol-Ed Lone Death Dental Hoe Old Ethane
hunter 14.01.2013 | 17:02

Über den "Tatort" an diesem Sonntag ließe sich vieles sagen. Vieles Kluges, vieles Kritisches, vieles Nachdenkenswertes.

Doch mit solchen Dingen gibt sich Herr Dell erst gar nicht ab.

So kam mir der Artikel beim Lesen wie die endlosen Tiraden meines ehemaligen Mathelehrers vor: Fürchterlich ermüdend, elend, ja auch irgendwie armselig.

Irgendwann ertappt man sich dann , dass man sich woanders hin wünscht - an inspirierendere Orte, wo klügere, witzigere, kreativere und vor allem weniger eitle Menschen wohnen, die die Sprache als ein Handwerk zu verstehen wissen, das anderen Freude schenkt.

Wenn man schon Englisch kalauert, so sollte man auch etwas vom englischen Geist verstehen und der ist grotestk, gewitzt, subtil und originell, doch niemals eines ist, Herr Dietz, großkotzig.

goal74 14.01.2013 | 17:29

Mal 'ne andere Frage:

Warum müssen sich eigentlich - in letzter Zeit vermehrt auftretend -  Protagonisten im dt. (Tatort-)Fernsehfilm ihre Schädel in schöner Regelmäßigkeit an einer (weitgehend unschuldigen) Wand (resp. Tür) blutig schlagen? Headnuts quasi als Ausdruck ihrer inneren Verzweiflung und geistigen Qual?

Warum das?

Oder kommt das nur mir so vor? ...grübel...

Matthias Dell 14.01.2013 | 17:53

dear hunter, will meine müdigkeit nicht leugnen, und "großkotzig" - wenn sie meinen, mit absicht jedenfalls nicht.

aber was mich viel mehr interessiert:

"Über den "Tatort" an diesem Sonntag ließe sich vieles sagen. Vieles Kluges, vieles Kritisches, vieles Nachdenkenswertes." 

darum geht's hier nämlich auch, wenn nicht eigentlich. also wenn sie uns teilhaben ließen (nur für den fall: ich mein das ernst)

Achtermann 14.01.2013 | 18:25

"Ich mache spätestens nach dem 2 dummen Denglisch-Spruch dieser Art Schluß mit dem Lesen. Sowas muß man sich nicht antun."

Bei mir ist das anders. Ich bessere damit meine Englischkenntnisse auf. Der Kontext, in dem die englischen Vokabeln stehen, ermöglicht mir, ihren Sinn mir einzuverleiben. Klar: Den Vertretern der reinen Lehre kann man damit nicht an die Karre fahren, das weiß ich. Doch gibt es eine Alternative? Sollen wir etwa wieder zum Schriftleitertum zurückkehren?

goal74 14.01.2013 | 18:53

@Dell...
Ja, diese Gegenfrage hab ich befürchtet. ;-)
Kanns nicht genau festmachen... nur füüüüühlen, dass es so war.

So wie (früher! ...aber auch im letzten, tollen BR-Tatort der Wachtveitl) häufig gerne Waschbecken aufgesucht werden, um nicht nur die Hände - sondern v.a. auch das Gesicht theatralisch "anzufeuchten"!
Zwecks cooling-down. Nehme ich mal an!?

fudge 14.01.2013 | 18:54

bei den LU-tatorten hilft es ja schon, wenn man nichts allzu großartiges erwartet. dann gehts. die dialoge waren in der tat selten gruselig (besonders die zapp-rollo-leier, nur noch getoppt von der nummer mit dem "rocken"). meine zuschau-frustration ging so weit, dass ich mir schon fast wünschte, dass lena und kopper nun endlich ein paar werden. das hätte dem ganzen vielleicht noch einen wendepunkt gegeben.

und ausnahmsweise habe ich dieses mal auch eine anglizismus-kritik. der satz "seit wann und how things wrong went in der öffentlich-rechtlichen Fernsehproduktion" geht mal gar nicht. bevor der anglizismus die schwelle zum syntaktischen fehler überschreitet, sollte mal lieber schluss sein.

puh, erste fiese katerstimmung im neuen tatort-jahr...

hunter 15.01.2013 | 01:31

@Dell

Ich werde nett gefragt und -wie schrecklich!- kann mich deswegen wohl kaum entziehen und muss mich mit wackligen Knien in die Höhle der hungrigen Löwen wagen...

Ich  gebe zu bedenken, dass ich keinesfalls ein Tatort-Experte bin wie Sie und die allermeisten klugen Tatort-Zergliederer hier, ja nicht einmal Ahnung von Krimis habe. Doch seis drum. Wenn ich in Ihre Falle geht, so ist das eben mal so.

Warüber könnte man also bei diesem Tatort vielleicht erhellend ein bisschen plaudern? Ein paar Stichpunkte:

-es scheint mir, als hätte der Drehbuchautor bei dieser Folge erkennbar ein Signal (eine Art Hilferuf) gesetzt, ihn doch endlich von der Leine zu lassen. Und warum auch nicht? Wie wäre es mit Bewegung in der Sache? Variante 1: die beiden werden ein Paar. 2: sie findet endlich einen richtigen Mann und Kopper leckt sich die Wunden. 3: sie findet eine lässige Sie. Warum erlöst man den Autor nicht, z.B. mit Vatiante 3? Ich bin sicher, er würde vor Glück hüpfen! Ja, warum nur? Zu skandalös? Für wen? Oder braucht der Zuschauer das Immergleiche als Folie für den neuen Fall? 

-Der pfälzische Dialekt. Man korrigiere mich, doch mir scheint, nur komische Figuren und Typen sprechen Dialekt. Menschen, die ernst zu nehmen sind- also vor allem natürlich Mörder!- sprechen Hochdeutsch. Warum nur? Was wäre, wenn ein leutseliger, völlig harmlos wirkender, weil pfälzisch sprechender Mensch plötzlich der Mörder wäre? (Mal ehrlich - würde das einer erwarten?) Wieso haben die Schwaben und Bayern mit sowas kein Problem - die Macher des LU Tatorts aber schon? Ist der pfälzische Dialekt zu unernst dafür?

-Grundsätzlich interessant erscheint mir die Figur des psychisch Gestörten, dessen Tun man letztlich nicht erklären kann und deshalb vor Grauen davor zurückschreckt. Da ist die Schwester des Angeklagten - über sie werden Geschichten erzählt, die auf eine extreme psychische Störung hindeuten. Eine also, die brauchbar wäre. Sie ist dann nicht die Täterin. Solche sind ja nie Täterfiguren, oder? Widerspricht vielleicht ein psychisch gestörter Täter dem aufklärerischen Impetus des "Tatorts"? Muss der "Tatort" wirklich immer etwas Fassliches, Nachvollzhiehbares, ja Lehrerhaftes haben?

-Der schwache Mann, der sich nicht von seiner Exfrau lösen kann, weil er es gerne bequem hat, Angst vor dem Fall, vor Neuem hat etc. Einer eben, der letztlich (deshalb) nicht bindungsfähig ist - das ist nun mal wirklich keine schlechte Idee für eine Figur! Leider findet sich dieser Makel an der Figur später nicht bestätigt. Leider ist er dann doch nicht so wie von seiner Frau beschrieben! Im Fußball sagt man, "gut gedacht", auch wenn der Ball mal ausgeht...

-Eine Dialogpassage geht ungefähr so: (Kopper) "Sie bemalt Erde, das soll Kunst sein?" (Odenthal) "Warum machst du´s dann nicht selbst?" Mir erscheint das eine Anspielung auf die Roche zu sein, die einem Kritiker, der ihr Buch Feuchtgebiete abkanzelte, fragte, warum er dann nicht selber sowas schreibe, wenn es so einfach sei. Ist etwas schon dann Kunst, weil ich es mich traue zu tun? Oder eben als Erster tue? Viele Ausstellungen geben Odenthal, Roche und Co durchaus recht. Das Thema Kunst und Psychose hätte ich gerne ausgeweitet gesehen und vielleicht auch um ein paar interessante Kunstwerke, die die Kamera herzeigen kann. Schade, dass dem nicht so war.

-Ich werde nicht schlau aus Kopper. Ist er eine komische Figur und somit auf derselben Stufe wie die anderen Helfer aus dem Büro Odenthals? Soll am Ende nicht sogar der LU-Tatort eine Art Kammerspiel oder ein Krimi-Western mit Showdowneffekt sein?  Odenthal und der Mörder. Nichts weiter. Alle sind nur Nebenfiguren? Ist das vielleicht der Grund, warum man immer ein wenig unzufrieden mit diesem Tatort ist, wenn der Mörder nicht hochgradig interessant ist wie bei dieser Jungen-Gang im Pfälzer Wald, die ihren Betreuer lynchte und die Kommissarin entführte? (Ich erinnere mich des Titels nicht mehr.)

Ich höre mal hier auf.

Inspiring enough, Herr Dell?

Matthias Dell 15.01.2013 | 16:48

dear hunter,

ohne jetzt zu klassenlehrerhaft zu klingen (was nicht die absicht ist), ein paar antworten auf ihre fragen aus meiner persönlichen sicht. 

die beobachtung, dass die lena-kopper-paar-nummer eine art hilferuf ist, würde ich teilen. da musste/sollte mal wieder ein wenig dynamik in die zweierbeziehung, die ja nun schon eine weile geht. ob daraus etwas folgt (liebe), da wäre ich skeptisch, weil der tatort ja immer wieder fast bei null anfängt, wenn das nächste ein anderer drehbuchautor die figuren im neuen fall anders anlegt. dass zwischen kopper und lena noch was geht, scheint mir angesichts der länge ihres zusammenwohnen-arbeitens unwahrscheinlich, das wäre doch sehr pikant und würde sehr viel energie künftiger drehbuchautoren binden, weil beide ja immerzu zusammen ermitteln - die frau von bootz in stuttgart kann dagegen einmal pro folge auftauchen, muss aber auch nicht.

der dialekt im tatort ist eine verfallsgeschichte, was vermutlich auch mit der gesellschaftlichen entwicklung (internationalisierung/globalisierung) und der deutschen hochsprachenidee korrespondiert. bei den schwaben ist es m.e. genauso wie in LU - da sprechen auch nur nebenfiguren dialekt. bayern ist eine ausnahme, weil es so eine art (west)deutsch ist, so wie säschsich quasi ostdeutsch sein soll - mit dem unterschied, dass bayern aufgrund seiner historischen rolle und wirtschaftlichen größe anders als das sächsische eher selbstbewusst wahrgenommen wird, nicht als etwaiger makel (zumindest aus westdeutscher perspektive oder aus ostdeutscher perspektive, die sich die westdeutsche zu eigen gemacht hat). 

die anmerkungen zu männerbild, künstlerbild, psychischen störungen sind gut - dafür ist der tatort ja da, dass so was hier in meinem text (der ja nie alle aspekte zusammentragen kann) und eben der anschließenden diskussion gesammelt wird, damit sich ein urteil über die folge bildet

hunter 15.01.2013 | 23:46

Cheers Dell,

ich stimme Ihnen in einigen Punkten zu, möchte aber darauf hinweisen, dass ich grundsätzlich den Verdacht habe, dass vieles, was hier am Tatort kritisiert wird, nicht die Schuld des Drehbuchautors sein dürfte sondern wohl eher dem  Programmmacher und dessen Ängstlichkeit (die ominöse Quote, der Zuschauer, der nicht verschreckt werden darf...) zulast gelegt werden müsste... (Darf ein Drehbuchautor der Odenthal eine Gespielin zur Seite stellen? Ich denke, da ist ganz sicher eine Kommission vor!)

Der Dialekt im Tatort - eine "Verfallsgeschichte"? Die Sache scheint mir komplizierter zu sein. Der Dialekt wird vorgezeigt so wie die Bilder der BASF. Man hält ihn für nötig als Verortung und Identifikationsmedium.

Man gibt vor, ihn zu mögen und zu brauchen. Doch wie schlampig geht man in Wirklichkeit mit ihm um? Nur mal als Bsp: die Sekretärin spricht gar kein Pfälzisch. Sie spricht Saarländisch. Egal, was juckt das schon, denkt der Programmmacher. Ist doch sowieso dasselbe....

Diese Haltung scheint mir symptomatisch zu sein für viele Tatortfolgen, wo die Verortung oft nichts weiter ist als billige Folklore (a la Musikantenstadl - mal böse formuliert).

Viele Geschichten werden ja sowieso nicht -wie Sie richtig beobachten- in der Wirklichkeit gefunden oder wenigstens dort mit-entwickelt sondern am Schreibtisch. Ob der Kommissar dann ein Baguette auf sein Fahrrad schnallt,  gerne Kölsch trinkt oder Currywurst isst, spielt im Grunde kein Klavier.

Man gibt vor, sich mit dem Tatort zu den Regionen und ihren Unterschieden und Reichtümern zu bekennen, zugleich ist man aber nicht bereits, sie ernst zu nehmen oder sie auch nur gewissenhaft wahrzunehmen - das geht dann eben oft nicht gut aus.

Was zu bedauern ist.

RALF 16.01.2013 | 11:09

Der Plot dieses Tatorts war doch eigentlich nicht schlecht. Der Rest war allerdings, wie immer in Ludwigshafen, mit das Schlimmste, was es im Tatort gibt (mal vom nachsynchronisierten Schweizer Tatort abgesehen). Mann muss aber auch sagen, dass Andreas Hoppe selbst bessere Dialoge nicht glaubhaft spielen kann. Entweder sind die Regisseure unfähig in Schauspielführung oder es fehlt ihm wirklich an Talent....

Matthias Dell 16.01.2013 | 11:38

"Viele Geschichten werden ja sowieso nicht -wie Sie richtig beobachten- in der Wirklichkeit gefunden oder wenigstens dort mit-entwickelt sondern am Schreibtisch"

da geh ich d'accord, das hab ich doch im bild vom schreibtisch-tatort zu sagen versucht, dass die brenners der sozialen welt, in der sie leben, fremd bleiben. 

sie meinten den regionalismus, der hier auch schon öfter thematisiert. mit der verfallsgeschichte meinte ich, dass in den siebziger jahren noch "mehr" dialekt gesprochen wurde im tatort (wenn auch nie so recht, von den kommissaren). es geht bei den nebenfiguren mit dialekt also, würde ich auch so sehen, um eine behauptung von ortsspezifischkeit, die folkloristisch wirkt. andererseits steckt der tatort da auch in einem dilemma, weil er ja überregional adressiert, und da wäre ich mir auch nicht sicher, ob ein dialekt sprechender kommissar nicht bundesweit ablehnung/irritation hervorrufen würde (zugleich wäre der tatort aber institutionalisiert genug, um trotzdem gesehen zu werden). dass die sekretärin saarländisch spricht, könnte man wiederum als "realistisch" bezeichnen - es gibt ja so was wie arbeitsmigration (oder auch der liebe wegen) hierzulande. es ist also vertrackt, und es ist immer noch film (das zur würstchenbude, die köln auf der "falschen" seite des rheins steht).

dass die drehbuchautoren keine autonom und absolut handelnden künstler sind, ist klar. deswegen wird hier in der diskussion ja auch häufig der apparat in den blick genommen. ob man sich die dortigen normierungsprozesse unbedingt als "kommission" vorstellen muss, würde ich bezweifeln, die vorauseilende angst kennt subtilere ausdrucksformen

Achtermann 16.01.2013 | 18:35

 

„Nur mal als Bsp: die Sekretärin spricht gar kein Pfälzisch. Sie spricht Saarländisch. Egal, was juckt das schon, denkt der Programmmacher.“

 Die Agentur der Figur Keller gibt an, Annelena Schmidt würde folgende Dialekte sprechen: rheinhessisch, pfälzisch, (rheinländisch, schwäbisch, bayrisch). Da steht also nix von saarländisch. Ich weiß nicht, ob du aus dem Saarland kommst und dir deshalb für das Saarländische ein gewisses Expertenwissen zur Verfügung steht. Der Kurpfälzer in mir sagt, dass der Saardialekt anders geht. Deshalb sollte man mit dem Vorwurf der Schnoddrigkeit gegenüber dem „Programmmacher“ etwas zurückhaltender sein, zumindest was die Darstellung der dialektalen Einsprengsel anbelangt. Allerdings: Der von Schauspielern gesprochene Dialekt wird ja bundeskompatibel in Szene gesetzt. Einen Eingeborenen ohne Sprechausbildung zu verstehen, fällt deutlich schwerer.