Matthias Dell
26.12.2012 | 21:45 17

Gibt's hier irgendwo 'ne Kneipe?

Tatort Der Countdown läuft: "Im Namen des Vaters", die vorletzte Frankfurter Folge mit Conny Mey, führt vor, was wir bald vermissen werden - eine Figur, die Mittelmaß adelt

Mit Silvester hat das nichts zu tun: Beim Frankfurter Tatort muss heuer rückwärts gezählt werden, Im Namen des Vaters ist weniger die vierte als die vorletzte Folge mit Conny Mey (Nina Kunzendorf). Über die Gründe von Kunzendorfs Ausstieg ist schon spekuliert worden – ernster als irgendwelche Pressestatements würden wir grundsätzlich das komplexe System der Star-Politiken im Tatort nehmen, das erst unlängst am Beispiel Furtwängler skizziert worden ist.

Ohne das noch einmal vertiefen zu wollen, stellt sich gerade im bevorstehenden Ende eines neverending Darlings wie der feschen Conny ein eigenartiger Dämmer ein zwischen der Verlässlichkeit einer Fiktion, mit der wir leben, und der Realität von Privatleben, die selbst Schauspielerinnen führen: Man hat, ganz kindisch, das Gefühl, das einem was genommen wird, auf das man ein Recht zu haben glaubte – dass da noch eine Weile länger Kunzendorfs Conny zweimal im Jahr durchs eigene Wohnzimmer geschlenkert kommt, um einem das Gefühl zu geben, dass die Welt, diese ruchlose Sexarbeiterin, doch ein besserer Ort sein könnte.

Wenn alle nur so wären wie Conny Mey! Die finale Eloge heben wir uns fürs Frühjahr auf, aber die Begeisterung kennt so wenig Grenzen, dass schon jetzt was raus muss: Wenn es eine sinnvolle Erklärung für den Abgang der Figur gäbe, dann doch nur die, dass Conny Mey in the future UN-Sondergesandte in sämtlichen Krisengebieten dieser Welt werden muss. So vorwurfslos und gleichzeitig bestimmt kann niemand in hohen Tonlagen flöten ("Nö", "Stört Sie das?"), jeder "Prozess", wie die Daueroptimierung im Betriebsmanagement dieser Tage heißt, müsste dankbar sein über ein Mediatorin wie die fesche Conny – eine Autoritätsperson, die zu führen vermag durch die scheinbar naive Spielart ihrer großen Menschenfreundlichkeit.

Krabonkes Bekannte

Davon wird eine mittelmäßige Folge wie Im Namen des Vaters nach oben hin aufgehellt. Wieder führt der atmosphäreneinfühlsame Lars Kraume Regie und Armin Alker die Kamera, das Buch orientiert sich again an den Lebenserinnerungen des Real-Fallanalytikers Axel Petermann. Der Mörder heißt Krabonke, was, wie auch der SZ aufgefallen ist, an die Ästhetik des Namengebens beim Allergrößten  erinnert. Dort wäre, mit Händen in den Taschen, bestürzt, angewidert und miesepetrig auf das Milieu geschaut worden, in dem die Krabonkes (der große Rainer Bock) ihre Runden drehen. Der Frankfurter Tatort schaut nicht derart frivol-verdammend auf die Trinker vom Gallusviertel – dass er sich besonders für deren Verhältnisse interessierte, lässt sich allerdings auch nicht behaupten.

Um für ein Leben zu sensibilisieren, wie Agnes Brendel (Anna Böttcher) es geführt hat, ist die nicht-dünkelhafte Gerichtsreportage vermutlich das bessere Medium als Im Namen des Vaters. Der Tatort hält sich das Milieu durch schicken split screen immer auch ein wenig vom Leib. Spannung existiert, aber – und das meinen wir mit der Gerichtsreportage – die auflösende Erzählung ist dann doch etwas zu unterkomplex, um mehr als vorgeahnte Trostlosigkeit der Lebensumstände zwischen "Saufen, Bumsen" und Arbeiten performen zu können.

Die Besetzung des dem Beichtgeheimnis verpflichteten und seinen Beruf recht modern auslegenden Pastors ("Wissen Sie, als Pfarrer kann ich den Menschen nicht nur in der Kirche begegnen") mit Florian Lukas trägt zur Stärkung der Spannungs- und Komplexitätsflanke eher mittel bei – Lukas ist ein actor, der seinen Typ spielt, der ambivalente Pfarrer gehört nicht dazu.

So bestehen die größten Erfolge, die dieser Tatort feiert, aus der Trauerklosbelebung von Fränki "Balkonn" Steier (Joachim Król) durch die reizende Conny ("Ist doch klar, Mann, Sie sagen in letzter Zeit oft so Sachen, die eh klar sind") und ein wenig Look-alike-Memory: Paulus Manker macht als Viktor Kemper den Henryk M. Bröder vom Gallus, und wenn Vincent Redetzki als Sohn der Toten weiter so unversöhnt wächst, kann er noch einmal Michael Shannon werden. Nicht zu vergessen die Madeleine des Abends: Allein die Erwähnung der JVA Preungesheim öffnet weit die Tore in die politische Realität dieses Landes – von der Baader-Meinhof-Bank bis zum Deutsche-Bank-Komplex.

Ein Satz, mit dem man in jedem Zusammenhang als verständnisvoll reüssieren kann: "Das geht vielen Menschen in ähnlichen Situationen so"

Eine überzeugende Ausrede, die man sich für die kommende Woche zurechtlegen sollte: "Nein, aber es war Silvester"

Ein Wissensvorsprung, der einem im Baumarkt gut dastehen lässt: "Beize zieht ein und Lack macht Nasen"

Kommentare (17)

Erich Landsberger 26.12.2012 | 22:34

Für so einen Fall hätte Kommissar Freitag keine 25 Minuten gebraucht.

Anstatt ständig neue Teams zu installieren, sollten die verantwortlichen Redakteure / Regisseure  ausgetauscht werden.

Da werden ganz "individuelle" Typen konstruiert und/oder zwei "unterschiedliche" Charaktere gegeneinander gesetzt, aber nach (spätestens) drei, vier Folgen ist davon nichts mehr übrig.

Dass die Kunzendorf bei so einem Schrott nicht länger mitmacht, ist verständlich.

Magda 26.12.2012 | 22:44

"Die Besetzung des dem Beichtgeheimnis und seinen Beruf recht modern auslegenden Pastors ("Wissen Sie, als Pfarrer kann ich den Menschen nicht nur in der Kirche begegnen") mit Florian Lukas trägt zur Stärkung der Spannungs- und Komplexitätsflanke eher mittel bei - Lukas ist ein actor, der seinen Typ spielt, der ambivalente Pfarrer gehört nicht dazu."

Achja, die Geschichten mit dem Beichtgeheimnis, immer mal wieder gern genommen. (Aber irgendwo in dem Satz fehlt ein Wort). Wie auch immer: Mir hat der Pfarrer gefallen. Das sind alles gebrochene Figuren, (nebst gebrochenem Finger), diese "Kleriker". Wer Drewermanns Buch gelesen hat, dem kommen solche merkwürdigen Sätze wie "Ich kann Sie verstehen" mitten in der Todesangst nicht ganz fremd vor. Auch die Sehnsucht nach Alkohol und nichtklerikaler Geselligkeit ist oft  wieder ein Thema.

Die Urglegende mit dem Beichtgeheimnis ist wohl diese:
http://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Johannes_Nepomuk.htm

Da heißt es: 

"Die Überlieferung berichtet, dass die Königin Johannes zu ihrem Beichtvater wählte. Wenzel wollte nun Johannes zwingen, das Beichtgeheimnis zu brechen, aber der weigerte sich, wurde deshalb gefoltert und in die Moldau geworfen. Durch ein Wunder - nach der einen Version trocknete die Moldau aus, so dass man seine Leiche fand, nach einer anderen Version hatte die Königin eine Erscheinung von fünf Sternen, die den Fundort offenbarten - wurde der Tote geborgen und beigesetzt. Eine Marmorplatte an der Karlsbrücke zeigt heute den angeblichen Fundort."

Ansonsten dieses Schlussfolter-Kammerspiel ging mir auf den Wecker. Tolle Schauspieler toben sich aus, aber der Sache dient es nicht.

Flori 27.12.2012 | 09:47

I confess - Tja, schon komisch, wie nach zwei anbetungswürdigen Filmen die Nummern 3 und 4 so ins Mittelmaß runterschnuddeln. Das schauspielernde Ereignis ist natürlich Rainer Bock gewesen. Paulus Schmankerl machte sich da ja eher was für den dritten Rang im Burgtheater zurecht. Die Redetzki-Figur trat komplett auf der Stelle. Und ansonsten… War der Beichtgeheimnis-Konflikt nicht bei Hitchcock schon auserzählt, damals '53? Oder sollte dieser Tatort eine filmzeitgeschichtliche Referenz gewesen sein, 60 Jahre später? Man weiß ed nich...

Robert Baberske 27.12.2012 | 12:18

Nun bin ich nicht so Hitchcockerfahren. Deswegen fand ich die Auflösung recht ansprechend. Nach wie vor ein hohes Niveau in "Bankfurt", was nicht zu letzt an Nina Kunzendorf liegt. Was wird wohl die Crew gesagt haben, als sie mit neuer Kurzhaarfrisur am Set aufgetaucht ist. Oder war es am Ende doch ein Einfall des Regisseurs? Man weiß es nicht. Nun ist nach 5 Folgen Schluss, was mich unheimlich traurig macht. Aber ein Batu bleibt mir nach 6 Folgen auch lange in Erinnerung. 

Gut gemachter Krimi, fertig und raus. Einen haben wir noch 2012. 

Achtermann 27.12.2012 | 14:02

Gespielt wurde mit den Phantasien der Zuschauer, als der katholische Pfarrer zeitweise in den Mittelpunkt der Handlung rückte. Hat er nicht etwa auch die sexuelle Promiskuität der Getöteten genutzt? Zumindest hab ich mich das gefragt. Das wär' mal was gewesen, wenn der Priester, der Unberührbare, sich menschlich (männlich) gezeigt hätte. So aber führte seine Rolle nur bis zur Grenze des gesellschaftlich Geduldeten: Der Pfarrer ist einsam, sucht in einer Kneipe Kontakt zu seinen Mitmenschen, trinkt einen Schnaps und geht um 22.00 Uhr nach Hause. Wäre er doch nicht gegangen! Hätte er sich doch enthemmen lassen! Hat er aber nicht. Stattdessen hütet er tapfer das Beichtgeheimnis, auch unter Folter und Androhung seines gewaltsamen Todes. So ein Pfarrer ist eben ein Held der Gelübde und der Selbstkasteiung. Mit dieser Darstellung kann sogar der irdische Stellvertreter leben.

Achtermann 28.12.2012 | 13:45

"Wie jetzt, der nimmt seinen Beruf ernst? Gibts doch gar nicht.... ".

Stimmt. Wer in diesem Genre seinen Beruf ernst nimmt, na ja, wie soll ich's sagen, den kann man nicht ernst nehmen. Es ist doch schon ein wenig langweilig, wenn in einem Krimi die Figur eines katholischen Geistlichen eine nicht unbedeutende Rolle darstellt und dieser füllt  seinen Job so aus wie es der Papst gerne hätte. Wenigstens vollsaufen hätte er sich können, ein Erinnerungsloch hätte er haben können: Hat er oder hat er nicht...

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Ehemaliger Nutzer 29.12.2012 | 06:40

Ich habe selten einen Text gelesen, der vorsätzlich den Fluss von Sprache dermaßen staut und holprig in der eigenen narzisstischen Kodierung gerinnen lässt! Und diese als Stilmittel benutzten ständigen und vor allem richtig doofen Anglizismen machen's nur noch schlimmer. Hilfe! 

Matthias Dell 30.12.2012 | 14:43

hab beim längerdrübernachdenken noch mal gedacht, dass die milieubeschreibung vielleicht nicht von oben herab, aber doch sehr desinteressiert war. da bleibt alles gruppe, und die einzelnen geschichten versteht man nicht - die tiefe religiosität der agnes, die attraktion (die beiden jungen ladies im bett am anfang) des victor, und letztlich auch den pfarrer. die vorstellungen von achtermann et al., dass der doch irgendwie stärker verwickelt sein könnte, kommen doch daher, dass er zumindest kurzfristig als verdächtiger gedealt wird - wie bedröppelt, schuldbewusst der am anfang schon schaut, als die beichte noch gar nicht gemacht ist. und dass er dann tatsächlich guter hirte ohne dunkle seite ist und am ende fürs beichtgeheimnis dichthält wie teddy thälmann gegen den verrat, das hat, aus weiter ferne, doch auch etwas restauratives.