Matthias Dell
09.05.2013 | 09:00 2

Niederknien

Kulisse "Position 2" als Favorit: Ein Pornofilmstudio in San Francisco bietet Führungen durch die eigenen Sets an – eine Mischung aus Denkmalschutz, Butterfahrt und Voyeurismus

Wer an einem geführten Rundgang durch das Studio Kink in San Francisco teilnehmen will, muss sich per E-Mail anmelden. Und landet in einem Verteiler, der in der Folgezeit über die Aktivitäten auf dem Laufenden hält, in einer Sprache von eigenwilliger Schönheit. „Oral Sex 101“ heißt etwa ein Workshop, der mit dem hübschen Satz beworben wird: „How do you take your oral game from ‚good‘ to ‚Great!‘?“, der gerade durch die zwangsgutgelaunte Ratgeberfloskel und die superlative Begeisterung einen Eindruck von der Alltäglichkeit vermittelt, mit der das Thema Sex hier behandelt wird.

Zu diesem Ton passt die öffentliche Darstellung, die Kink betreibt. Auf der Web-site des Studios, das auf Filme über Bondage- und SM-Praktiken spezialisiert ist, finden sich nicht nur aussagekräftige Unterseiten wie fuckingmachines.com, wiredpussy.com oder whippedass.com, sondern auch eine „Work Ethic“. Dort werden die gezahlten Honorare aufgelistet: von 400 Dollar für Masturbation bis 1.300 Dollar für double penetration.

An der Transparenz von Kink wirkt die angebotene Führung durch das Armory genannte Haus mit, in dem Teile des Films Cherry gedreht wurden. Der massive, burgähnliche Bau am Eingang zum populären Mission District wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Waffenlager der Nationalgarde errichtet, später fanden hier Boxkämpfe statt.

Dabeisein ist nicht alles

Letztere werden bei der Führung durch das Haus heute als Tradition aufgerufen, in die man sich stellt, wie Guide Mary erzählt. Kink betreibt auch ein Ressort namens „Ultimate Surrender“, das sich von gewöhnlichem Wrestling durch die pornografische Pointe unterscheidet, dass die Gewinnerin die Verliererin nach dem Kampf mit einem Umschnalldildo penetriert. Pointe ist ein passendes Wort, weil die Vorstellung tatsächlich etwas Komisches hat, Sportergebnisse nicht olympisch („Dabeisein ist alles“), sondern knallhart ökonomisch („Der Zweite ist der erste Verlierer“) zu denken und dieses Machtverhältnis im sexuellen Spiel zum Ausdruck zu bringen.

Die Veranstaltung, sagt Mary, sei großer „fun“ und eine der wenigen im Hause, bei der sich das Publikum nicht ausziehen müsse. Für ein alteuropäisches Verständnis von Unterhaltung mag die Vorstellung, Frauen erst beim Ringen und dann beim Sex zuzuschauen, zynisch, kulturlos oder schlüpfrig wirken – die Veranstalter achten jedenfalls auf Niveau. So sind Jubel und Anfeuerung wie beim Baseball erwünscht, obszöne Begriffe zu rufen dagegen untersagt. Die Halle ist nicht schummrig, sondern hell und sauber.

So entpuppt sich die Führung durch die Armory in mehreren Momenten als Parodie auf das gewöhnliche, bürgerliche Leben, in dem Sex etwas ist, das hinter verschlossenen Türen und nicht vor aller Augen stattfindet. Mary absolviert ihren Job mit jener servicefreundlichen, kommunikationsgestählten Routiniertheit, die den Touristen auch in kalifornischen Sehenswürdigkeiten wie Hearst Castle oder Winchester Mansion erwartet und die einen deshalb so fertigmachen kann, weil in solchen durchformatierten Reden selbst Ich-Erzählung und Gags von ihrer ursprünglichen Subjektivität lange entkoppelt sind.

Detailverliebte Dekors

Anders gesagt: Die Armory-Tour ist eine Mischung aus Denkmalschutzgeschichten, dezentem Voyeurismus und Butterfahrt. Die Gruppe bilden homo- und heterosexuelle Pärchen mittleren Alters. Zwei jüngere Damen lichten sich breit lächelnd vor den geisterbahnthematischen Foltersets ab – drinnen sieht Kink aus wie eine Theaterwerkstatt, die ihre kreative Energie eben nicht in Strindberg-Neuinterpretationen, sondern detailverliebte Dekors und abgedrehtes Sexspielzeug investiert. Die blinkenden Warnschilder, die auf einen Live-Dreh verweisen, bleiben an diesem Tag aus. Dafür platzt die Gruppe mit Mary in einem oberen Stockwerk auf eine Feier von Mitarbeitern mit Drinks und Schnittchen.

Eine blasse, junge Frau in Jeans und Longsleeve wird als „Head of Slaves“ vorgestellt; wie Organisationsjobs in SM-Studios eben so heißen. Sie erklärt sich bereit, ihre Lieblingsstellung bei den „Slave“-Spielen vorzuführen, „Position 2“, wozu sie sich auf den Boden kniet, die Arme ausstreckt, den Kopf zum Boden richtet und den Po in die Höhe streckt. Der unmittelbare Reiz dieser Unterwerfungsgeste teilt sich der Betrachterträgheit der Besuchergruppe nicht mit.

Zum Abschied verteilt Mary Zettel, auf denen man sich für die Teilnahme bei Ultimate Surrender oder Drehs bewerben kann. Und Freicodes fürs Webangebot.

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