Matthias Dell
30.12.2012 | 21:45 40

Schon 'ne schöne Stadt, München

Tatort Das Beste zum Schluss: Die Münchner Folge "Der tiefe Schlaf" wird nicht nur Liebhaber finden in der Konsequenz, mit der sie sich auf Fabian Hinrichs' Spiel einlässt

Es ist schon von exorbitantester Wichtigkeit, wie man die Frage stellt. Wer etwa wissen will, ob der Tatort München ein Assistentenproblem hat, unterstellt ja bereits, dass Ordnung und Ruhe nur herrschen und eben kein Problem vorliegt, wenn die festen Rollen fest verteilt sind. Dass das nicht die beste Lösung sein muss, zeigt Dortmund mit seiner Assistentenschwemme. Auch wenn das Format Tatort so vieles zulässt, kann einem die Flexibilität bei den wenigen, wenn nicht einzigen Konstanten of Wiedererkennbarkeit: dem Personal, unangenehm aufstoßen.

Nun führt aber München vor, dass der variabel besetzbare Platz hinter den beiden Spitzen Ivo (Miro Nemec) und Franz (Udo Wachtveitl) durchaus keine Not sein muss, sondern als Tugend Eindruck macht. Wollte man seit dem Abgang des ewigen Carlo (Michael Fitz) 2007 glauben, dass alle Versuche erst mit europäischen Hospitanten, später mit jungen Ladies oder zuletzt dem Disco Stu nur dazu dienten, die Suche nach einer Neubesetzung durch Probeschichten voranzutreiben, so macht der aktuelle Fall Der tiefe Schlaf (what a Titel – hat so wenig mit dem Fall zu tun, dass er ins allerhöchst Erratische strebt!) Schluss mit allen Spekulationen: Die Besetzung mit Fabian Hinrichs, dem Mariogötzemarcoreus des deutschen Schauspiels, lässt die Leere nach Carlo erkennen als die Zeit, in der das Trikot mit dessen Rückennummer aus Respektsgründen einfach nicht mehr vergeben wird.

Und jetzt muss man dem Bayrischen Rundfunk nur wünschen, dass er das selbst verstanden hat und nicht nach dem Gastauftrittscomeback von Carlo im nächsten Jahr schwach wird für einen Rollback des erneuten Dauerengagements, das begeistert-traditionsbewusste Fans sich womöglich wünschen.

Alterspräsidenten des Formats

Denn das Hinrichs-Abenteuer lässt die kühne Anlage der späten Ivo-und-Franz-Jahre im Münchner Tatort deutlichst hervortreten: Der Ivo und der Franz mit ihren richardvonweizsäckerweißen Haaren, die in jeder Folge noch einmal richardvonweizsäckerweißer werden und sämtliche Beleuchtung, wie gerade in Der tiefe Schlaf aufs beste zu erkennen ist, in eben diese kaum auszuhaltende Helligkeit mitreißen – der Ivo und der Franz fungieren mittlerweile als Alterspräsidenten des Formats. Sie lassen die jungen Stutzer und Stutzerinnen vortanzen, auf dass die sich bewähren sollen oder auch nur für ein paar Gags von Ivos und Franzens lässig gewordener Amtsinhaberschaft gut sind.

Und mit Hinrichs als Gisbert Engelhardt tanzt nun der fabelhafteste aller möglichen Eintänzer der deutschen Bühne an, und auch wenn die einen so sagen werden, also etwa: "Der Tatort wird auch immer alberner und abgedrehter und handelt nur noch von den Schrullen seiner Ermittler" – wir sagen so: Eine solche Folge hat man noch nicht gesehen! Hinrichs, der schon lange abonniert ist auf die Hauptrolle im, auch, noch zu drehenden Christoph-Schlingensief-Biopic, bringt nicht nur einen Typen oder eine Charge ein, sondern eine ganze Schule des Spielens.

Es ist den Fernsehnasenroutiniers, die hinter dem Ivo und dem Franz stecken, hoch anzurechnen und ein Zeichen größter Souveränität, dass sich sie sich auf der Zielgeraden ihrer Erfolge solche Fälle wie den mit Hinrichs zumuten, dass sie diese ganze Folge mit sich machen, ihren ganzen schönen Tatort quasi verhinrichsen lassen und als Grandseigneurs eux-mêmes zurückstehen in der Rolle der Regieanweisungserzähler. Die dann, wie in dieser herrlichen Szene, in der der Franz dem Ivo sein Leid klagt mit dem jungen Kollegen und ihn abschieben will ins Betäubungsdepartment, so trocken rumstehen hinter dem Rasensprenger, der einmal von rechts nach links und wieder zurücksprengt.

Hyperaktiver Lausbub

Denn natürlich ist Hinrichsens Gisbert eine "wahnsinnige Nervensäge", wie der Franz ihm später einmal sagt, und vermutlich gilt das nicht nur für Hinrichsens Gisbert, sondern auch für Hinrichsen selbst, dessen Kunst doch gerade im irrsinnigen Ego-Trip eines hyperaktiven Lausbuben (wie er auch immer rennt!) erst zum Ausdruck kommt. Man weiß vielleicht noch nicht, wofür es gut ist, aber für irgendwas ist es gut, womöglich für einen Begriff davon, was Theater heute sein kann jenseits des irgendwie kulturell interessiert wirkenden Alibis für Zahnärzte bei der Samstagabendgestaltung.

Hinrichs nämlich spielt seit geraumer Zeit, vermutlich seit der Textakribiemühle von Laurent Chétouane, keine Rollen mehr, sondern nur noch das Spielen selbst, also den Abstand zwischen sich und der Sprache des Textes, den er spricht. Den tiefsten Eindruck davon konnte man gewinnen, wo die Textakribiemühlung Chétouanes, vermittelt im Hinrichs-Körper, auf die scheinbarverzweifelte Repräsentationskritik René Polleschs traf, also etwa in Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang und Kill your Darlings! Streets of Berladelphia und ein wenig auch in Hinrichs erster Soloarbeit Die Zeit schlägt dich tot.

Da kam nämlich eine Art verunglückter Ulrich Wildgruber heraus aus diesem Hinrichs oder, positiv betrachtet, eine Form der Deklamation, die sich selbst erst überzeugen muss von dieser Deklamation, also der Art und Weise, wie man auf der Scene spricht oder besser gesprochen hat und heute eben nicht mehr ungebrochen sprechen kann. In der kinderheiseren Stimme von Hinrichs reiben sich das Quatschige und Übertriebene des Charakters, der dieser Schauspieler immer ist, am Ernst der Lage, mit dem sie es zu tun bekommen. Man müsste umgehend sämtliche Kohorten von Die-Zote-bei-Büchner-Magistranden und Die-Ironie-bei-Thomas-Mann-Promovenden in einem Exzellenz-Cluster zusammenschließen, um jene merkwürdige Balance genauer zu bestimmen, in der sich eigentliches und uneigentliches Sprechen bei Hinrichs befinden. Man weiß ja gar nicht, wo man mit dem Ernstnehmen und Drüberlachen anfangen beziehungsweise aufhören soll, in Sätzen wie: "Wollen wir vielleicht nach der Arbeit zusammen eine Hopfenkaltschale trinken – Hopfenkaltschale ist ein scherzhafter Ausdruck für ein Bierchen" – weil hier der Fahrlehrerwitz ("Hopfenkaltschale") mit der Kneipengemütlichkeit ("Bierchen") ausgetrieben wird und beides im Grunde unmögliche Positionen einer Sprache sind, die sich als erwachsen begreift. Bevor diese Eloge auf einen Schauspieler niemals endet, brechen wir hier abrupt ab.

Servus, Servus, Servus

Denn – dauernd dieses "Denn" – es ist nicht so, dass in Der tiefe Schlaf das Hinrichs-Theater (Standardsituationen der Hinrichs-Bühne: die Tonauswertungsszene – "Kenn gehen, kenn gehen. Das ist das, was wir von ihm haben!") im luftleeren Raum oder feindlicher Umgebung stattfönde. Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph ist zu loben für den ganzen Fall, der dem Ivo und dem Franz die eigene  Trockenheit ("Idiot? Aber damit hab ich doch nicht den sympathischen Kollegen gemeint") noch in die ganze Inszenierung verlängert (die Servus-Servus-Servus-Läufe zu den neuen Leichen).

Und dazu gehört auch, dass der Film, nach dem Gisbert so schrecklich plötzlich stirbt (gut, die Privatverwicklung hätte es nicht gebraucht), ein wenig weiche Knie bekommt, weil der Ivo und der Franz dann plötzlich ihren Fernsehroutinen überlassen sind – so wie die Nebenrolle des großen Hans Jochen Wagner als schwäbelndem Anpasser natürlich auch dazugehört. Und dazu gehört ferner, dass die Geschichte den Straßenrandbeobachtertontechniker-Nerdismus von Gisbert ernstnimmt und den Franz am Ende in – auch tollen – Verfolgungshatzen durch den Wald den Fall lösen lässt mit einem Rest an metaphysischster Ungewissheit, ob der Fall durch den Tod des Mörders, den kein Mensch je von vorne sah, im Rechtsverkehr der bayrischen Landstraßen tatsächlich gelöst ist.

So könnten wir hier ewig totalbegeistert sein, etwa von der Musik (Christoph M. Kaiser und Julian Maas), die zum Klavier nur geht, wenn es nötig ist, und dann eine Etüde auflegt oder was Für-Elise-Haftes und am Ende Brian Enos Music for Bundesstraßen, und die in der Kirche bei der Trauerfeier für Gisbert Lilac Wine von Jeff Buckley spielt (obwohl da die Philologen streiten könnten, ob das nicht eine zu einfache Wahl für den Hinrichs-Charakter ist).

Aber irgendwann ist es ja auch mal gut. Wir legen uns jetzt schlafen und schon fest: Die Nachwelt wird Der tiefe Schlaf einmal als Meisterwerk handeln.

Etwas, das man den Enkeln aufs Kopfkissen sticken kann: "Ein Polizist wird immer nur dann gerufen, wenn etwas Schlimmes passiert ist, ein Polizist wird nie gerufen, wenn etwas Schönes passiert ist"

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Jetzt hör' halt auf mit deinen Klugscheißereien"

Ein Klassiker unter den Gegenfragen, mit dem auch Atheisten arbeiten können : "Bin ich Jesus?"

Kommentare (40)

Magda 30.12.2012 | 23:10

Ging mir auch nahe, dieser abrupte Wechsel plötzlich von der leicht klamottigen Anfangsgeschichte bis zum tragischen Tod des neuen Assistenten. 

Auf einmal fängt man an, zu trauern, obwohl doch vorher schon ein junges Mädchen umgekommen ist. Die war aber nur Objekt für die ganze restliche Veranstaltung. Das ging niemandem nahe, aber der Tod von Gisbert (liebe Güte, so hieß mein Verlobter, den ich aber nicht geheiratet habe) war dann der Tragikträger. 

Aber es gab auch ziemlich intensiven Leerlauf in der Geschichte. 

Gefallen hats mir trotzdem.  In diesen Zeiten, wo alles so ungewiss ist, ist auch ein ungewisser Täter ein gutes Symbol. Gewissermaßen eine triviale Fassung von "Bruder Täter". :-))

 

Moss 31.12.2012 | 00:25

Der gefühlt längste «Tatort» des Jahres, nein: überhaupt.  Das zog sich endlos dahin, man mußte sich ständig anderweitig beschätigen, um nicht einzuschlafen – btw, Herr Dell: <i>so</i> erklärt sich dann auch der Titel.

Aber eines rang mir Hochachtung ab: Franz’ Schluß-Stunt, erst zwei Bier fast auf Ex zu kippen und anschließend diesen Verfolgungsdauerlauf hinzulegen, ohne Herzrasen, Außer-Atem-Geraten oder Schweißausbruch.  Und das, wo wir immer nur den Ivo im Fitnesscenter sehen.  Respekt!

Matthias Dell 31.12.2012 | 09:24

ja, aber das mit dem atmen war doch nur, damit gisbertn ihn erhorchen kann, obwohl diese form der fallanalytik auch was sehr suggestives hatte: dass man - das war ja das immer auch alberne - das gefühl hatte, gisbert erfindet sich da einen täter zusammen aus diesen interferenzresten vom telefonbeantworter der mutter. und was man dann vom täter zu sehen kriegt, ist eben nur das, was gisbert erfunden hat - irgendwie auch theatrös au fond, die geburt der komödie aus dem geist des gisbert oder so

Matthias Dell 31.12.2012 | 09:30

"(liebe Güte, so hieß mein Verlobter, den ich aber nicht geheiratet habe)" - was der tatort so alles aufruft.

dass das mädchen nicht so betrauert werden konnte, lag vielleicht auch daran, dass der film den mord sehr diskret behandelt hat. dieser erste schnitt vom verpassten bus, anruf und loslaufen zum tatort - der ist fast zu hart in seinem fatalismus, aber irgendwie eben   zurückhaltend, dass da nicht alles gezeigt werden, nicht mit dem grusel gespielt werden muss, den man im kopf hat (gerade wenn man die eingangssequenz von derricks "mitternachtsbus" nicht mehr aus dem kopf kriegt, wo diese krasse derrick-musik einem schon angst genug macht) 

Matthias Dell 31.12.2012 | 09:32

"Franz’ Schluß-Stunt, erst zwei Bier fast auf Ex zu kippen und anschließend diesen Verfolgungsdauerlauf hinzulegen"

es ist überhaupt toll, hab ich hier wieder festgestellt, menschen beim rennen zuzuschauen, und gerade in der ausführlichkeit hier, die nicht nur action suggerieren will, sondern die bewegung zeigt - und franz hat schon einen sehr eigenen style, ivo ist ja eher so der sportliche typ

Magda 31.12.2012 | 09:49

Naja, Gisbert ist ein seltener Name. Und ich tratsche auch gern, und is schon lange her.

Zu dem Mädchenmord. Die Tat war diskret behandelt, aber die Um- und Zustände, wenn auch nicht sichtbar, aber doch grausam geschldert. Abgesehen davon: Wer hat eigentlich überhaupt in einem Krimi Mitleid mit dem Opfer? Wenn man mitleidig rangeht, darf man vielleicht überhaupt keine Krimis gucken.

Guten Rutsch

paedischaer 31.12.2012 | 11:02

Es ist nicht nur die Altersmilde, die Waldorf und Statler je länger, je mehr ausstrahlen und sowohl meinen letzten jugendlichen Restzorn vertreiben als auch einen versöhnlichen Ausblick aufs Älterwerden gestatten. Da freue ich mich schon fast auf die ersten grauen Haare, wenn man dann mal so gelassen werden kann.

Im Stile einer Meistermannschaft hat sich der 2012er Jahrgang des Tatorts nach den anfänglichen Nullnummern und Niederlagen (Luzern, Dortmund) fulminant steigern können und im Finale die Partie des Jahres abgeliefert. Jeder Spielzug ein Genuss, möchte man Revue passieren lassen, vom Spielwitz (Orgelpfeifen) über die Stadionbeleuchtung (golden leuchtendes Bier) und geniale Einfälle (bereits erwähnter Rasensprenger) bis auch zur Art der Spieldramaturgie: Noch selten hat man gesehen, dass die Kommissare zu einem Tatort eben nicht gerufen wurden, sondern irgendwann aus dem entspanntesten Moment da anrasen und mit Servussen begrüßt werden und man merkt: Da ist irgendwas Schlimmes passiert, aber man sieht dann nicht mal die Leiche, sodass ich zuerst auch lange dachte, ist das jetzt seine Frau oder Tochter oder so. Das muss man sich erst mal trauen, dem gesetzten Sitzplatzpublikum am Sonntagabend so was zuzutrauen!

Und nicht oft genug kann erwähnt werden, wie beinahe alle Beteiligten da schamlos gemundartet hatten! Chapeau, BR, das war "Mir san mir" und "Finale dahoam" at it's best!

Evo 31.12.2012 | 11:17

großartig, dieser tatort! bei der verfolgungsjagd im wald habe ich mich vor spannung ins sofa verkrallt.

leider war es etwas unplausibel, dass der mörder zu der würstchenbude zurückkehrt. er muss doch damit gerechnet haben, dass gisbert irgendwem von seinen erkenntnissen erzählt hat!

aber alles in allem: herrlich! und alles was ich mir beim zuschauen so dachte hat herr dell wunderbar verstanden in worte zu fassen.

Jan Pfaff 31.12.2012 | 15:27

Der tiefe Schlaf (what a Titel – hat so wenig mit dem Fall zu tun, dass er ins allerhöchst Erratische strebt!)

Yo, und nebenbei stellt der Titel sich natürlich in eine sehr große Tradition:

http://en.wikipedia.org/wiki/The_Big_Sleep

Aber darf er auch, weil es echt ein guter "Tatort" war - allein schon deshalb, weil er mit so vielen Tatort-Regeln gebrochen hat, wie mal eben schnell den Assistenten um die Ecke bringen und auch keinen richtigen Mörder am Ende.

miauxx 31.12.2012 | 16:22

Ein klasse "Tatort" - wenngleich auch fast ohne Kriminalfall. Super Idee mit der Figur des Gisbert und auch toll umgesetzt. Zunächst bei mir ständig das unangenehme, fremdschämende Gefühl ob des nichtkontrollierbaren Vorpreschens Gisberts ... Wollte die ganze Zeit, wie damals im Kindertheater, rufen: "Nein, nehmt ihn nicht mit! Nein, macht die Kindersicherung rein, lasst ihn im Auto!"

Aber irgendwie sympathisch war Gisbert trotzdem von Anbeginn; man hoffte mit, dass er sich fängt: Er kann es doch eigentlich, ist doch n guter Mann. Braucht nur ein bisschen Lenkung. jedenfalls spätestens, nachdem er zum zweiten Mal nach der Friedhofsszene buchstäblich auf die Fresse gefallen ist (schöne Szene, wie er nach der Backpfeife vor dem Wagenschuppen hockt). Dann steigerte sich das zur Tragödie, ging einem unheimlich nah. (ja, auch ohne den familiären Hintergrund)

Auch das alte Pärchen Ivo und Franz schien mir noch besser denn je.

Aber war das der letzte "Tatort" mit Ivo u. Franz? Hatte so etwas von letzter Folge und Abschied ...

Magda 31.12.2012 | 16:44

Ja, keine schlechte Idee. Lassen Sie ihn grübeln.

Übrigens, anderswo meinte eine gewisse Tessa B., sie hätten noch nie so gelacht in einem Tatort. Ging mir bei diesem Hinrichs auch so. Dieser Eifer und auch die Werbung um Anerkennung und Sympathie.

Der hatte was ...aber, der ist ja - wie ich vorher übrigens nicht wusste - schon ein bedeutender und großer Schauspieler. Davon lebt jetzt mancher Tatort und weniger von der Handlung. Aber, wenn der große Schweiger kommt und...schweigt aber nicht. Hilf Himmel 

Guten Rutsch in ein verfehlungsfreies Jahr :-)) 

oi2503 01.01.2013 | 08:40

Ich habe mich dabei ertappt, wie ich deinen vermuteten Verriss schon während des Schauens gedanklich gekontert habe. Unnötig, wie sich herausgestellt hat. Darin liegt auch - oh, welche Schande - dass ich nach nunmehr höchsten vier Tatort-Nacherzählungen aus deiner Feder scheint's deine (mögliche) Kritik mitdenke. Nur manchmal und kurz zum Glück.

Schön, dass du diesmal auf die eingesprengselten Anglizismen, nein englischen Vokalbeln, fast ganz verzichtest. Aus lauter Begeisterung? Keine Kraft mehr für den Quatsch? Warum eigentlich machst du das, normalerweise?

Zwei Ergänzungen. Der Verdacht auf den Sportlehrer ist Klischee pur. Klasse wie das über Betroffenheit aufgelöst wurde. Betroffenheit darüber, dass eben jener Sportlehrer an seinen eigenen Maximen (dem Klischeeund seinen Auswirkungen??) gescheitert ist, das Mädchen nicht ins Trockene gebracht und damit Schuld auf sich geladen hat.

Schön auch, wie zum Schluss Franz den Fall löst, wie Gisbert es getan hätte (aus Schuldgefühlen?). Er nimmt einen klitzekleinen Hinweis und läuft los. Kein weiteres Sammeln von Informationen, kein bedächtiges Innehalten und Zuwarten, Abwägen. Und am Ende - wie Gisbert 100x zuvor - sagen kann, mit Bestimmheit: der wars.

Erstaunt bin ich, wie viele Communauten an Sylvester Tatort sehen. Ich dachte schon, ich wär der Einzige ....

Jan Peter 01.01.2013 | 13:25

Das war der letzte Tatort, den ich für die nächsten 12 Monate gesehen habe. So ein Schwachsinn hoch drei! Der Schauspieler des Gisbert tut mir leid, nach der Rolle kann er nichts mehr werden. Man wird immer an diesen Schwachmaten Gisbert denken müssen. Wer war denn nun der Mörder? Ein hasenflinker Psychopath? Waren diese Witzfiguren von Beamten auch zu dessen Beerdigung? Ist ja eigentlich auch völlig egal...

vergo 01.01.2013 | 14:21

bei der ganzen lobhudelei über diesen sicherlich ungewöhnlichen und auch außergewöhnlichen tatort vergisst mancher, dass auch in diesem streifen nicht alles gold war, was biergelb schimmerte.
löblicherweise verzichtet dell auf den inflationären gebrauch von anglizmen, wenn auch nicht immer, als der junkie, der er nun mal ist. dafür bricht er quasi kompensatorisch eine lanze für das spiel von f. hinrichs, dabei übersehend, dass da auch nicht alles rund war in der darstellungskunst dieses jungen ausnahmetalents, wie überhaupt die tatorte sich durch ausgezeichnete nebendarsteller hervortun (dell: schreiben sie deutsch – lassen sie die scheiß anglizismen weg - sie brauchen diesen pubertären unsinn nicht !)

zumindest hat der dell "erkannt", dass die angepappte geschichte von gisbert unnötig war. mir fiel auf, dass hinrichs den plott so stark dominierte, dass das filmchen quasi auseinanderbrach, weil der zuschauer mit einem gefühlsmäßigen zwiespalt zurückgelassen wurde, der darin bestand, dass der mädchenmord dramaturgisch und konsumistisch gleichgültig hingenommen werden musste, aber dafür der übereifrige und fast schon autistische fahndungsirrsinn mit abruptem abgang des neulings zum darniederknien zwingen sollte. hinrichs hat den tatort aber nicht verstanden und auch seine figur nicht richtig in letzter konsequenz psychologisch ausgelotet. er hat die figur g. engelhardt über-spielt, was sich dann auch als die eigentliche herausforderung für batic und wachtvetil zeigte, denn beide sind lange nicht so talentiert wie hinrichs, aber besser in den tatort integriert und sie wissen was ihre figur von ihnen verlangt ! so war f. hinrichs im doppelten sinne der alien. das drehbuch war da auch keine große hilfe. das subthema musste man sich denken. hätte mobbing sein können. war aber wohl nicht gewünscht, weil in bayern wird nicht gemoppert – jedenfalls nicht in der heilen welt vom ivo und dem franz. und deshalb wird bayern auch nur meister – die championsleague ist für andere kaliber reserviert, logo.

bei der hatz nach dem finsteren räusperer mit der finalen automobilen hinrichtung kam schon das gefühl auf, dass man so etwas auch weniger aninmiert drehen kann, ohne dass es aussieht, als ob gleich ET um die ecke huscht. dennoch war dieser tatort outständig !

Matthias Dell 01.01.2013 | 19:33

weiß nicht, ob psychologie immer das richtige/einzige kriterium für spielweise ist. bei fabian hinrichs kommt man damit nicht weit. dass es gewisse dynamiken gab, "nicht alles rund lief", gehört m.e. zur größe dazu - wie die folge eben selbst ergriffen ist vom plötzlichen tod gisberts. in der auch hier verschiedentlich geäußerten wahrnehmung von wucht, den dieser tod ausgelöst hat - das spricht doch dafür, dass da etwas richtig gemacht wurde. 

mit mobbing (hat spon auch geschrieben) wär ich vorsichtig, das sagt sich so schnell hin heuer, wo mal kritik oder auch ein härteres wort gegenüber kollegen fällt - aber mobbing ist doch ein ganzes, fieses programm an unsichtbaren äußerungen von nicht-leiden-können/loswerden-wollen/fertigmachen. franz und ivo dagegen sind eher mitleidend, nett, gerade wie auch franz darüber redet, um den heißen brei, später auch direkt zu gisbert - da würde ich nicht mobbing zu sagen.

und "outständig" - eben!

golowind 03.01.2013 | 22:42

@Miauxx u.a.  : mir kam die figur des gisbert überhaupt nicht sympathisch vor. nach fünf minuten dachte ich, er wäre der mörder und will nur noch beweise vertuschen bzw. einen alternativtäter finden. da bin ich der inszenierung wohl auf den leim gegangen. so dämlich wie der kann sich doch kein ausgebildeter polizist benehmen. hat mich auch gewundert, wie lange die beiden gestandenen und durchaus selbstbewussten kollegen sich das bieten lassen. (beruhigt mich aber ein bisschen, ich lasse mir auch noch zu viel bieten.)

 

klonkifanko 08.01.2013 | 00:46

Nach dieser Kritik musste ich den Film doch noch in der letzten Minute in der Mediathek bestaunen. Ich fand ihn ähnlich großartig, wie es die Vorschusslorbeeren versprachen. Ich meine sogar, verstanden zu haben, weshalb Gisbert notwendig ist für diesen Tatort - und ebenso sein Tod.

 

1. Hinrichs glänzt in der Rolle in der Ausführung eines Drehbuchs, das für mich absolut faszinierend die Charakterstudie eines Außenseiters entwirft, dessen krampfhafte Versuche, dazu zu gehören, seinen Status nur verschlimmern. Mit Ivo und Franz schwanke ich Zuschauer zwischen Fremdschamesbelustigung und blankem Hass. Nicht, dass das per se ein Lob für das Werk wäre, aber ich will es doch loswerden: diese Menschen gibt es! Und wer hätte nicht schon unter einem wie Gisbert gelitten im wahren Leben?

2. Das bringt mich zum zweiten Punkt und der Gisbertschen Notwendigkeit. Insbesondere des Franzens Hilflosigkeit schlägt dann so drastisch um in Schuldgefühle, wie es gar nicht möglich gewesen wäre, wäre nicht der Gisbert für ihn und das Publikum vorher so unliebsam gewesen.

Wie brillant diese Figur immer dann ins Wort fällt, wenn gerade das Gegenüber den großen Moment zu haben hoffte und - zumindest durch die Brille der vermeintlich "Erfahrenen - von einem Näpfchen ins nächste steigt, das muss diesem Tatort erst mal einer nachmachen.

Dass am Ende mehr Fragen offen bleiben als am Anfang, ist für mich ein besonderes Gütekriterium dieser Episode aus München.

 

PS: Auch schön, einmal keine Leiche sehen zu müssen, sondern sich nur an den Reaktionen der Betrachter im Bild orientieren zu dürfen...