Matthias Dell
17.01.2013 | 09:00 43

Winnetou für Cowboys

Kino Ein Italo-Western mit Abitur, der trotzdem nur Erwartungen erfüllt. Über Quentin Tarantinos neuen Film „Django Unchained“, den Blick auf das Werk und die Kontroverse

Winnetou für Cowboys

Foto: Sony Pictures

Ohne Kontroverse ist das filmische Werk von Quentin Tarantino nicht zu haben. Man kann das, in einer marktwirtschaftlichen Lesart, als Ausdruck avancierter PR nehmen: dass die Ereignishaftigkeit eines jeden neuen Tarantino-Films, von denen es in 20 Jahren gerade sieben gibt (Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill 1 & 2, Death Proof, Inglourious Basterds und nun Django Unchained), von einer begleitenden Debatte unterstrichen wird.

In einer künstlerischen Lesart, die bei Tarantino zweifellos ihre Berechtigung hat, verdankten sich die Kontroversen um die Filme deren Qualität: dass jemand, der Kino als ein unterhaltsames und zugleich reflektiertes Klassentreffen seiner selbst versteht, zwangsläufig Leute mit konventionellen Sichtweisen irritieren muss.

Die Kontroverse, mit der Tarantinos neuer Film Django Unchained in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt, geht auf den Filmemacher Spike Lee zurück. Django Unchained ist ein Italo-Western mit Abitur, der zwei Jahre vor Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs den Aufstand eines Sklaven gegen die weißen Plantagenbesitzer kunstblutspritzend und erfolgreich in Szene setzt. Spike Lee hat verkündet, dass er sich den Film nicht anschauen werde – aus Respekt vor seinen Ahnen.

Einzigartigkeitswort als PR

Dass Lee anfügte, dabei nur von sich und für niemand anderen zu sprechen, ist lässlich, weil im hochgepitchten medialen Aufmerksamkeitsbetrieb der Standpunkt eines Prominenten, wie er einer ist, automatisch aufgeladen ist mit größerer moralischer Geltung, als eine persönliche Meinungsäußerung sie darstellte. Via Twitter spitzte Lee seinen Vorwurf zu: „Sklaverei in Amerika war kein Sergio-Leone-Spaghetti-Western. Es war ein Holocaust.“

Diese Feststellung führt nun vor, dass die marktwirtschaftliche Lesart bei der Lancierung neuer Tarantino-Filme durchaus angebracht ist. Mit der Anwendung eines Einzigartigkeitsbegriffs auf ein anderes Menschheitsverbrechen gibt es die Kontroverse quasi gratis. Tarantino hat bei der Berliner Premiere von Django Unchained das Wort vom Holocaust aufgegriffen und darunter, außer der Versklavung von Afrikanern, die Ausrottung der indigenen Amerikaner verstanden wissen wollen.

Dass darüber kein größerer Streit entbrannt ist, lässt sich auch durch eine gewisse Ermüdung an der Debatte über gewisse Begriffe erklären. Die Zeit arbeitet, nüchtern betrachtet, gegen die Hierarchisierung von Einzigartigkeitswörtern; wichtiger als die Hitlistenpflege von Menschheitsverbrechen ist in einer globalisierten Welt die Arbeit an den je spezifischen Traumata und Verantwortungen, die aus diesen Verbrechen resultieren. Das wäre der pragmatische Blick auf so etwas wie Geschichtsbewusstsein im 21. Jahrhundert: Es geht weniger darum, ob die ökonomisch motivierte Unterjochung von Afrikanern vergleichbar ist mit dem industriellen Massenmord an den deutschen Juden, sondern vielmehr um die notwendige Auseinandersetzung mit einer problematischen je eigenen Geschichte.

Verharmlosender Begriff

Deren Auswirkungen bestimmen weiterhin die Kräfteverhältnisse und Diskurslagen der Gegenwart. Das Erbe der Sklaverei in den USA ist ein Rassismus, der mit dem Ende der offenen Apartheid in der Gesellschaft nur scheinbar verschwunden ist. Zu diesem Rassismus muss sich Django Unchained verhalten, und weil zum dabei etablierten Diskursniveau die Frage gehört, wer für wen spricht, kann Tarantinos Position als weißer Filmemacher, der von der Emanzipation eines schwarzen Helden erzählt, nicht unschuldig sein.

Für die Debatte bedeutet das erst einmal nur, sich dessen bewusst zu sein. „Nur“ ist hier ein verharmlosender Begriff, steckt in der Wichtigkeit der Sprecherposition doch nicht allein das Privileg, Geschichte deuten zu können, sondern die viel schockierendere Frage, was aus diesem Privileg folgt. Anders gesagt: Ein Film wie Bamboozled (2000), in dem Spike Lee satirisch die rassistische Praxis der Minstrel-Shows als Fernsehsendung von heute bearbeitet hat, ist tausendmal kontroverser als Django Unchained – schon weil dem weißen Zuschauer und seinen Sehgewohnheiten die Satire nicht leicht zugänglich ist. Die globalisierten Ausgleichsbewegungen von Machtverhältnissen machen die Schwierigkeiten des weiß und westlich sozialisierten Kunstbetrachters deutlich, Differenz als solche zu erkennen: Eine wahrhaft „chinesische“ Kunst wäre folglich, und ohne putzigen Nationalklischees das Wort zu reden, dort zu suchen, wo sich der bildungsbeflissene Europäer nicht freuen kann, Mao und Coca Cola in schickem Pop-Art-Stil wiederzuerkennen.

Django Unchained ist in diesem Sinne, um jetzt zum Film selbst zu kommen, die coole Emanzipationserzählung des Sklaven als Kinohelden (Jamie Foxx als Django Freeman), die der weiß-westliche Zuschauer ohne Weiteres verstehen kann. Der Film akzentuiert damit Tarantinos Werk neu, insofern es sich mit dem lustvollen B-Movie-Sklavenaufstand nun klarer in zwei Abschnitte scheiden lässt. Während der erste Teil (Reservoir Dogs, Pulp Fiction, in gewisser Weise Jackie Brown) in einer Neuinterpretation des Gangsterfilms durch intellektuelle Trivialisierung bestand (deren Begleitkontroverse um die Darstellung von Gewalt kreiste), erscheint der zweite Teil politischer. War Kill Bill (2003/04) noch der akribische Rachefeldzug einer Einzelnen, schlagen seit Death Proof (2007) die von der Geschichte marginalisierten Gruppen zurück: zuerst die Frauen, dann die Juden in Inglourious Basterds, nun die Afroamerikaner.

Der gesellschaftliche Aspekt von Tarantinos freudigem Heimleuchten der Geschichte lässt sich gut an den überbordenden Besetzungslisten ablesen. Die verzeichnen nicht mehr nur, wie in Pulp Fiction oder Jackie Brown, kalkulierte Auftritte verschiedentlich prominenter Akteure, sondern auch ein Heer an eher weniger bekannten Gesichtern. Was überdies eine Annäherung an die begrenzten Möglichkeiten des B-Movies bedeutet: Der Unterschied zwischen den Filmen, auf die Tarantino sich bezieht, und den Filmen, mit denen er das tut, ist geringer geworden.

In Django Unchained gibt es dennoch große Rollen, die von eben solchen Schauspielern übernommen werden. Christoph Waltz als aus Deutschland eingewandertem Kopfgeldjäger und gewesenem Zahnarzt Dr. King Schultz merkt man dabei etwas zu stark das Wissen um das Lob an, das er für seine mit dem Oscar prämierte Darstellung des manierierten Nazis in Inglourious Basterds erhalten hat. Eine hübsche Pointe ist freilich, dass Waltz hier als „guter“ manierierter Deutscher zurückkehrt und die Nibelungen-Sage im Gepäck führt.

Dressurnummer als Triumph

Eindrucksvoller sind Leonardo DiCaprio als dicklich-tumber Plantagenbesitzer Calvin M. Candie und Samuel L. Jacksons gerissener Butler Stephen, der schon deshalb die interessanteste Figur abgibt, weil er – als eine Art Kapo zwischen Macht und Unterdrückung situiert – die Verführbarkeit durch Privilegien und damit den schwierigen Alltag eines repressiven Lebens sichtbar macht.

Man kann in Django Unchained etwas über die Sklavenhaltergesellschaft verstehen, so wie der Film kraft seiner Ereignishaftigkeit ein wenig populäres Thema überhaupt nobilitiert. Und man kann die Cleverness von Tarantino bewundern, durch den Rückgriff auf das trashige Genre der Frivolität zu entkommen, sich an Auspeitschung oder Ermordung von Sklaven zu delektieren. Dieser Voyeurismus ist der Schauwert des B-Movies, den Tarantino dosieren kann, weil die Originale ihn ausgelebt haben. Gleichzeitig streicht er alles, was dieses schmutzige, aber politische Kino unbewusst artikulierte, mit dem Edding seiner kindlichen Begeisterung für eine aufrichtige Gut-Böse-Moral dick heraus.

Leider nur kommt dem Film darüber die Kontroverse abhanden. Ein weißer Zuschauer kann in den tendenziell endlosen gut drei Stunden leicht vergessen, was die alle nur immer haben mit dieser Verantwortung und ob er mit den Filmschurken irgendetwas zu tun hat. Und sich am Ende freuen, wenn Django als lässiger Macker seine anbetungsvolle Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) befreit hat und ihr, zur Pathosvermeidung, eine Dressurnummer zu Pferde vortanzt – das i-Tüpfelchen auf dem erwartbar besten Klassenaufsatz, den der Schüler geschrieben hat, der einmal der Nerd war.

Der Witz von Spike Lees Äußerung liegt also darin, dass just der Satz, den man ihm vorwerfen könnte, der treffendste von allen ist: Man muss Django Unchained nicht anschauen, um ihn gesehen zu haben.

Kommentare (43)

Grundgütiger 17.01.2013 | 09:31

Das liebe ich so an dir, Matthias, du hast eine Meinung.

Spätestens seit Inglorius Basterds kann mir der Herr Tarantino kein X mehr für ein U vormachen.

Der Grad zwischen Kommerz,(Geld machen ist keine Sünde) und ehrlicher Beschäftigung mit Geschichte, wobei die letzten Themen ja noch lange keine Geschichte sind, und künstlerischer Aufarbeitung ist schmal.

Ich empfand den Inglorius stark als Antifaschismus für Sechzehnjährige. Meere von Blut waren aber schon immer das Rezept von Tarantino.

Ob jetzt ein Film von dieser Machart zum Denken anregt, ich wage es zu bezweifeln.

Vielleicht macht der Tarantino ja mal einen  Tatort . Ist ja auch immer wie fast getroffen ist auch daneben.

In der ARD kam heute morgen schon ebenfalls eine Besprechung im MOMA.

Da lautete dann die Hauptaussage: "Nicht über jedes Elend kann man lachen".

Danke für deine Rezension.

 

goedzak 17.01.2013 | 09:32

Italo-Western mit Abitur

Wenn das keine Empfehlung ist! - Aber meine Tochter, für die es immer ein Gaudi ist, in einem Pulk von Kumpels als einziges Mädchen in Tarantino- und Rodriguez-Filme zu gehen, hat mich heutnacht, zurück von einem Preview, schon überzeugt, mir das Ding auch anzusehen. Sie hat aber das Herz auf dem rechten Fleck und ist nicht in Gefahr, "die Kontroverse zu verlieren",  obwohl oder gerade weil sie jugendlich begeistert was übrig hat "für eine aufrichtige Gut-Böse-Moral".

Ich werde ihr diese Rezension zu lesen geben, denn sie ist ein beeindruckendes Beispiel für eine subtile und differenzierte Kritik, natürlich im Dell-Stil, was den Spaß erhöht. Die Verächter selbigen Stils werden sie nicht mögen und die, die gern überall eine "p.c."-mäßige Spielverderberei erblicken, auch nicht.

luddisback 17.01.2013 | 10:36

ich habe mich gefragt, ob die entwicklung hin zu chronologischer erzählweise den tarantino-filmen gut tut. wo doch gerade die kunstvolle verschachtlung (zeitlich) in pulp fiction und (plot) jackie brown für den ruhm dieser werke verantwortlich sein dürfte. einiges vom eindruck des "tendenziell endlosen" bei django wird wohl von diesem übergang zum allzu einfachen verursacht.

dr. schultz fand ich kaum aushaltbar und würde aber tarantino einen großteil der schuld dafür geben. hat die schleimig servile art der figur in verbindung mit dem machtüberschuß des ss-manns in den basterds sehr gut funktioniert, sieht waltz in den django weiten des wilden westens, wo er im prinzip genau das gleiche spielt wie in den basterds, oft nur wie ein depp aus. spätestens in den szenen mit dem forsch aufspielenden leonardo dicaprio kam bei mir beinahe etwas wie mitleid auf. immerhin folgerichtig, was dann geschieht, und was ich hier auch gar nicht verraten will. denn als feierabendfilmchen taugt der film durchaus. nur kult wird das alles sicher nicht.

bkhdk 17.01.2013 | 12:43

Sehr interessant ist, dass die Kritiker die Anspielungen oft nicht verstehen, genau wie hier, auch in der SZ. Der Charakter von Waltz ist eine Anspielung auf den immer rechtlich korrekt handelnden Kopfgeldjäger aus "Leichen pflastern seinen Weg", dargestellt von Klaus Kinski, ebenfalls ein Corbucci-Film, wie der Ur-Django. Nur kämpft dieser hier auf der richtigen Seite, während Kinskis Charakter immer der Böse ist. "Leichen pflastern seinen Weg" spielt übrigens auch im Schnee.

Die Frage, die über den ganzen Film allerdings nur auf zweiter Ebene gestellt wird, ist die, warum sind die Sklaven in der Mehrheit und warum machen sie keinen Aufstand? Überall sind die Farmen voll mit "Niggern", zum Teil ist der Sklavenhalter umgeben von Schwarzen und der Zuschauer fragt sich, warum ergreifen sie nicht die Initiative. Auch bei Calvin Candie, dem von Leonardo DiCaprio dargestellten leicht irren Sklavenhalter ist das Esszimmer voll mit Sklaven. Jeder Gast hat mindestens einen Sklaven als Kellner und in der Küche sind auch noch jede Menge Sklaven, aber keiner haut dem Irren einfach den Schädel ein. Die einzige Szene der Auflehnung kommt gleich am Anfang, auf Initiative von King Shultz.

Der Film ist aber sehr gut, da er den vermutlich heute noch herrschenden Rassismus in Teilen der Südstaaten sehr schön darstellt. Die Weißen Südstaatler sind dumm, primitiv und rassistisch, sie sind Unsympathen. Wenn man sich die Tea-Party anschaut, dann bekommt man Angst ob der Parallelen.

kmv 17.01.2013 | 13:43

"warum sind die Sklaven in der Mehrheit und warum machen sie keinen Aufstand?" Diese Frage wurde einmal, ich glaube durch die Figur des Stephen konkret gestellt und .... klar meine Betrachtungsweise ...  die Antwort oder Mühsal, oder Schwierigkeit später bildlich, als der namenlose, aber in vorigen Szenen zu sehendeSchwarze im Gefängniswagen zurückbleibend  "Django" nachsah und das 'Close up' den Hauch eines zaghaften Lächelns sichtbar machte ....

Anyway ich fand den Film toll, da er in Sprache und Bild sehr viele Facetten von 'Recht und Unrecht' auf den Punkt bringt. A. O. Scott besprach den Film in der New York Times in Gegenüberstellung zu "Lincoln" der hier ja auch gerade läuft unter dem titel ' The Black, the White and the Angry'. Und schreibt über Tarantino und den Film:But decency in the conventional sense is not his concern, though in another sense it very much is. When you wipe away the blood and the anarchic humor, what you see in “Django Unchained” is moral disgust with slavery, instinctive sympathy for the underdog and an affirmation (in the relationship between Django and Schultz) of what used to be called brotherhood." Dadurch konnte ich die Schwäche der Broomhilda-Figur zwar nicht übersehen, aber verschmerzen. Ebenso wie, die 'Gone with the Wind erinnernede Schlußsequenz als Konzession an amerikanische Publikums sehgewohnheiten. 

wernerkampmann 18.01.2013 | 11:40

Lieber Herr Dell,

<br>schlichte Italowesternweltklasse! Herzlichen Dank für diesen Aufmacher des heutigen Freitag (heute Morgen galt tgif in doppelter Hinsicht!).<br> Da sieht man, welche Meisterleistung Sie abliefern, wenn die englischen "Pastiches", wie sie ein Kommentator nannte, Ihrer (ansonsten ebenfalls großartigen!) Tatortkritiken are being left out! Und ja, I know, das ist Geschmacksache...

<br> Schönes Wochenende!

fudge 19.01.2013 | 00:02

verstehe ihre meinung sehr gut. bei mir war es, ähnlich doch umgekehrt: ich wollte den film erst gar nicht sehen, da ich schon vorher hörte, er wäre hinsichtlich gewalt sehr 'explizit'. ich verstehe es nämlich auch nicht, wie man darstellen muss, was man sich auch gut vorstellen könnte. aber kann man das wirklich? ich denke in inglorious basterds stellte gewalt eine ästhetische komponente dar, ein teil des gesamtwerks, die darin sinn ergab. seltsam, aber ist wohl so. das ende war übrigens fulminant.

aber, und das wollte ich eigentlich hier in die diskussion schreiben: kann mir leider auch schon recht gut ausmalen, wie django unchained daherkommt. schon die besetzung ist ähnlich und das ästhetische drumherum kann man sich dazureimen. nach der lektüre der kritik weiß ich jetzt, dass ich wohl nicht ins kino gehen werde...

mymind 19.01.2013 | 01:07

Herr Dell,

Tarantino hat, so glaube ich zumindest, keinen Anspruch Filme für Abiturienten & erst recht nicht für Journalisten mit Abi zu machen. Entweder man mag seine Filme oder nicht.  Das kann man so sehen oder schreiben, aber derart geistig verknotete Kritiken, das verdient weder der Regisseur noch der Leser, der keine Tarantino-Filme mag. & der sie mag, der steht darüber & schmunzelt ;-)))

rheinhold2000 19.01.2013 | 13:17

"Wie kann man sich an Gewalt aufgeilen, weil es eine berechtigte Rache sein soll? Man wird da nur zur Kopie der Täter. Verstehe die Verehrung Tarantinos nicht."

nun man nennt so etwas eine katharsis und wenn sie das nicht verstehen liegt das vieleicht daran, das sie große teile ihres emotionalen wesens unterdrücken und negieren (so wie einige ja auch behaupten das sie pornos üüüüüüberhaupt nicht erregend finden). man wird durch solche gefühlspornografischen orgien (und um nichts anderes handelt es sich bei den filmen von tarantino) auch nicht zu einem schlechteren menschen und auch nicht zu einem täter.

und warum tarantino so verehrt wird?

nun, der mann ist ein absolutes genie.

kill bill wird für alle zeiten im olymp der filmgeschichte sein.

hunter 19.01.2013 | 15:42

Natürlich, dachte ich, handelt es sich bei Tarantinos neustem Film um ein Produkt des Kalküls:

Man sucht sich eine Opfergruppe aus und DARF dann hemmungslos Gewalt zeigen, da der Zuschauer ja nichts dagegen hat - ja sie im Gegenteil sogar einfordert. Und warum das Ganze? Eben weil nicht nur Sex sondern auch Gewalt "sells"! Tarantino ist eben Amerikanier und ein guter Geschäftsmann obendrein - was sich ja bekanntlich nicht ausschließt.

Ich ging also mit Vorurteilen in den Film und plötzlich geschah etwas Seltsames - der Film bewirkte etwas, womit ich AM WENIGSTEN gerechnet hatte: er begann mich nach einer Weile schrecklich zu langweilen.

Warum? Ganz einfach. Der Plot ist dürftig und was die Spannung angeht sogar fehlerhaft gestrickt. So nimmt das Geschehen dann auch erst im letzten Drittel an Fahrt auf, doch da war mein Interesse bereits weitgehend erloschen.

Die Charaktere sind mit Ausnahme de Caprios und seines Haussklaven allesamt uninteressant, ja geradezu flach.

Selbst Christoph Walz, der in Inglorious Basterds brillierte, indem er seiner Figur etwas Kluges und Dämonisch-Kultiviertes verlieh, ist hier blass, holzschnittartig und geradezu peinlich platt und vorhersehbar ("Hören Sie auf, Beethoven zu spielen!" "Ich musste ihn erschießen, tut mir leid." - zu Hilfe!!!).

Die Dialoge, die in dem Film geführt werden, sind so penetrant und gewollt lustig und zynisch, dass man nach einer Weile nur entnervt abwinken kann.

(Und die Musik? Dieses Mal werde ich sie mir ganz bestimmt nicht kaufen.)

Als dann noch Tarantino selbst auf der Bildfläche erschien, war ich mit meiner Geduld (fast) am Ende. Oh bitte nicht, dachte ich noch!

Will Tarantino jetzt wirklich ein guter Mensch sein? Lässt er sich gar zum Beweis dafür stellvertretend für seine Vorfahren in die Luft sprengen? (Und dabei hört man förmlich, wie seine Crew sich über den Vorschlag auf die Schenkel schlägt, ihren "Chef" in die Luft sprengen zu dürfen!) 

Nein, wenn der Film eine Kontroverse eröffnen sollte, dann über die Frage, ob es einem Filmemacher gut tut, ein guter Mensch sein zu wollen. Die Frage ist vielleicht nicht besonders spannend, nur bessere Frage ergeben sich eben für mich nicht, dafür ist er (leider) einfach nicht gut genug.

Doch vielleicht findet ja ein Teenie- Publikum das alles schrecklich provokativ findet und er erringt so den gewohnten Erfolg! Ich hätte mir an dem Abend lieber Schalke angesehen. 

Phineas Freek 20.01.2013 | 16:19

Der von diesem Simpel Tarantino bis ins kleinste Detail ausgeplünderte und kopierte „Rohstoff“ war so viel näher dran an einer Sache, die im Universum Tarantinos und dem seiner meisten Kritiker deswegen überhaupt  keinen Platz hat, weil deren eigener moralischer Kosmos nicht nur Urheber aller ihrer Urteile ist, sondern sich auch wesentlich aus dem zusammensetzt, was im Schwarzen Loch ihrer moralischen Dummheit auf ewig zu verschwinden hat: das Wissen über den Konkurrenzmoralischen Kult des Selbstbewusstseins und sein einzig gültiger Maßstab: der Erfolg des (Gewalt) tätigen Selbst.

 

Und der Allerallercoolste ist derjenige, der in einer Herrschaft, die von ihr gesetzte Konkurrenz noch radikaler für sich selbst auszuschlachten gedenkt – indem er seinen (Konkurrenz) Erfolg von  gesetzten Bedingungen der Konkurrenz nicht mehr abhängig machen will.

Und wer hieraus als Sieger hervorgeht, der hat Recht, weil er sein Interesse unbedingt und selbst (durch)gesetzt hat.

 

Ein mehr an Gewalt gegen sich selbst und andere erscheint so folgerichtig, wie die kulturelle Erhöhung und Beweihräucherung der ganzen Chose.

Und dessen Form, Ausprägung und kultische Zelebrierung – die ihren Ursprung in den ganz normalen Verlaufsformen unserer „gesellschaftlichen“ Existenzbedingungen hat -   ist auch schon der ganze Inhalt Hollywooddesker Gewaltpornographie.

 

Unter anderen „geschichtlichen“ Voraussetzungen würde so ein Blödi und Tugendbold wie Tarantino genau die gleichen Filme drehen.

Die Helden trügen dann vermutlich aber alle Naziuniformen oder das Outfit der Sklavenhalter, die den Heutigen vorausgegangen sind.   

  

 

 

maxing 20.01.2013 | 17:40

Alle Weißen des Südens kommen im Film schlecht weg. Bucklig, krummbeinig, fleckig, ungewaschen. Verkommen und verwahrlost. Es fällt deshalb besonders auf, wenn sich einer wäscht. Zur körperlichen und ästhetischen Abscheu vor den Weißen kommt die moralische. Die Menschen, die Zuschauer des Films sind immer schnell bereit, in einer Frage der Gerechtigkeit für das Gute Partei zu ergreifen. Die Bildzeitung schlägt daraus Kapital, indem sie es schafft, mit nur ein zwei Zeilen eine Partei der Gerechten (die Leser) gegen das dargestellte Unrecht aufzustellen. Man sieht daran, dass ein starkes, emotionales Gerechtigkeitsempfinden nicht immer gut ist. Du könntest getäuscht worden sein. Für so ein Gefühl, das einen anspringt, gibt man die kritische Distanz zur Nachricht auf. Man untersucht den Sachverhalt zugunsten des Gefühls nicht. Im Film sind solche moralisch-emotionalen, unkritischen Momente vorhanden. Hier sind es ein zwei Bilder, die den Zuschauer "anspringen", gegen den ohnehin ekelhaften Weißen aufbringen und gefühlsmäßig vorbereiten für den darauf folgenden blutigen Racheschlag. Meine Frage: Ist es aber wichtig oder gut, den Zuschauer in den einzelnen Rachemomenten auf dieser Weise zu "behandeln", d.h. für die unbarmherzige Vergeltung derart einzunehmen? Und braucht das der Film?

Matthias Dell 21.01.2013 | 08:51

danke, auch an goedzak. bei dessen post fällt mir noch auf, dass das mit der "die kontroverse aus dem auge verlieren" etwas missverständlich sein könnte. ich hatte da die diskussion von inglourious basterds im sinn, wo von reinigung/katharsis gesprochen wurde und man sich schon fragen konnte, wer da von was katharsiert werden soll. das ist hier in meinen augen auf so was wie schuld oder verantwortung genauso

Matthias Dell 21.01.2013 | 08:59

das mit den anspielungen nicht verstehen, mag zum teil stimmen, häufig ist es aber auch eine entscheidung - diesen film nach allen anspielungen aufzudröseln (und das dann in einem schaubild darzustellen, wie man es von vroniplag-forschungen kennt), fänd ich interessant, ist in meinen augen aber vor allem eine sehr spezialistische wahrnehmung. mir ging es hier eher um was anderes, was man vielleicht auch versteht, wenn man die kinogeschichte nicht auf dem effeff kennt. aber zitieren ist bei tarantino natürlich eine ganz eigene sache, lukas foerster hat im perlentaucher dazu interessant geschrieben. etwa die beobachtung, dass bei tarantino philologische genauigkeit in moral ausgezahlt wird: wer falsch zitiert (die dicaprios candie "d'artagnan"), wird mit dem tod bestraft. das war, in gewisser weise, schon bei "pulp fiction" so, wo samuel l. jacksons killer seine bibelverse nicht nur zum spaß dahinsagt - er darf am ende ein neues leben anfangen, während sein ungebildet-unreflexiver, von travolta gespielt, jämmerlich stirbt

Matthias Dell 21.01.2013 | 09:04

und zu der frage, die bkhdk aufgeworfen hat

diese im grunde ja politische frage, die hier besonders deutlich wird - warum lässt sich die mehrheit der ohnmächtigen von der kleinen schicht der mächtigen drangsalieren -, stellt der film nicht. jamie foxx hat in einem interview in der sz vom samstag erzählt, dass seine figur ja im haus von candie den auch einfach erschießen und mit seiner lady davon düsen könnte. etwas, das man nicht sieht, weil die konvention des films (wie kommen wir hier wieder raus?) auf eine originelle, diskursiv begründbare fluchtvariante aus ist. dass das akzeptanz von ungerechtigkeit einfach so einschließt, ist etwas, dass einem vielleicht gar nicht auffällt, und deshalb interessant. das wäre ein film gewesen, der vermutlich viel unangenehmere fragen aufgeworfen hätte. auch über die gegenwart

Matthias Dell 21.01.2013 | 09:08

würde sagen, dass die gewaltdarstellung hier auch eine "ästhetische komponente" darstellt. wenn man das ganz genau betrachtet, kommt vielleicht auch zu dem problem, dass es immer noch krasse gewalt ist und die auch irgendwas macht mit dem zuschauer. fürs erste würde ich aber sagen, dass es schon einen unterschied gibt zwischen den übertriebenen darstellungen bei tarantino (das ketchup-kunstblut hat schon eine wichtige funktion) und "gewalt". bei rodriguez' "machete", das ist noch mal überdrehter, gibt es eine szene, in der der held aus einem krankenhaus flüchtet, in dem er sich am darm eines arztes aus dem fenster abseilt - das ist so grotesk und darin wieder komisch, dass es da um "gewalt" nicht unvermittelt geht

Matthias Dell 21.01.2013 | 09:12

nur aufs kalkül reduzieren kann man's, glaub ich, nicht. da steckt schon auch was politisches, vergangenheitsbeschäftigtes drin - auch hierzu hat sich jamie foxx im besagten sz-interview geäußert. und wenn man dann sieht, dass sich spielbergs "lincoln", der eine woche später startet, auch mit sklaverei beschäftigt, dann merkt man allein an der tatsache, dass das lange kein thema war im kino, wie sich hier eine heute gesellschaftliche brisante frage in den bildern artikuliert, die wir uns im kino von der welt und dem heute machen

kmv 21.01.2013 | 12:48

 „diese im grunde ja politische frage, die hier besonders deutlich wird - warum lässt sich die mehrheit der ohnmächtigen von der kleinen schicht der mächtigen drangsalieren -, stellt der film nicht.“

Nee, läuft auch nicht unter „Message“ film wie zB Ben Afflecks „Argo“ oder Cathryn Bigelow „Zero Dark Thirty. 

Die , wenn man so will politische Frage, - ich glaube doch es ist der Plantagenbesitzer, der sie formuliert, da sie sein Verhalten ‚legitimiert‘ – war für mich unerwartet, da ich zu dem Film immer nur ‚appropriate language‘ und ‚brutal violence‘  im Ohr hatte.

Antworten/Botschaften gab es keine bzw. blieb meiner Vorstellungskraft überlassen. Das, sowie zwei Drittel des Erzählstrangs und wie er in Bilder umgesetzt wurde fand ich an dem Film ‚toll‘. Insofern waren meine Vorstellungen/Fragen/ Frustrationen zu Recht/Unrecht/Gesetz  erfüllt und setzten sich in Beziehung zu meinen gegenwärtiger Beobachtungen bestimmter sozialer Gruppen hierzulande …

Von mir aus hätte der Film auch enden können, als der Coup aufgeflogen war … und wenn der Plantagenbesitzer die beiden bzw. die Gefolgsleute Django einfach erschossen hätte. „Auflösungen“ oder Antworten, zu wie den Film zu Ende zu bringen sind schossen mir zu dem Zeitpunkt tatsächlich durch den Kopf. Die gewählte, incl. jenen Schlussbildern sehe ich schon auch der Produktion geschuldet. Geschenkt. Haften blieb noch das Bild als der Haussklave sich aufrichtet, das hatte schon was…

miauxx 21.01.2013 | 20:39

"fürs erste würde ich aber sagen, dass es schon einen unterschied gibt zwischen den übertriebenen darstellungen bei tarantino (das ketchup-kunstblut hat schon eine wichtige funktion) und "gewalt". bei rodriguez' "machete", das ist noch mal überdrehter, gibt es eine szene, in der der held aus einem krankenhaus flüchtet, in dem er sich am darm eines arztes aus dem fenster abseilt - das ist so grotesk und darin wieder komisch, dass es da um "gewalt" nicht unvermittelt geht"

Ich las Ihre Filmbesprechung heute in der S-Bahn und fragte mich während der ersten Absätze: In welche Interpretationssphären will er den Tarantino denn jetzt heben? Ich meine, als es mit dem Tarantino/Rodriguez Hype in den 90ern losging, war das vielleicht ja noch ganz originell, war etwas Neues. "Pulp Fiction" bleibt sicher der beste Film, den Tarantino gemacht hat. Aber schon mit den übrigen, "Reservoire Dogs" etwa und dazu noch die Rodriguez-Filme, fing sich das ganze an abzunutzen. Tarantino, ärger noch Rodriguez, kommen von dem Ding einer ästhetisierten Gewalt nicht runter. Da hilft es auch nichts, wenn ein bisschen Gerechtigkeitspathos mit hinein kommt ("ein bisschen" - s. v.a. Rodriguez' "Machete"). "Gerechtigkeitspathos" kennen wir vom amerikanischen Kino wahrlich genug! Gewalt wird darin stets wenigstens banalisiert. Dass Tarantino in seiner der Art der Überspitzung dessen, bis zur Groteske, eben wie gesagt auch mal ganz originell war, sei vielleicht unbestritten. Zwanzig Jahre später aber immer noch dasselbe zu machen - naaja ...

Jetzt würde ich fragen: Was meinen Sie denn mit " das ist so grotesk und darin wieder komisch, dass es da um "gewalt" nicht unvermittelt geht"? Es ist für mich am Ende keine Botschaft in dem Ganzen. Und schon in dem bereits angesprochenen Mainstream des amerikanischen Kinos wird Gewalt überdies und über die Maßen banalisiert. Da erinnere ich mich jetzt, wie ich das erste Mal "Am Ende der Gewalt" gesehen habe (der einzige nicht langweilige Wenders-Film!). In diesem Film fällt, ziemlich am Ende, ein einziger Schuss! Aber der ließ mich mehr zusammenfahren als das Übermaß an Blut und berstenden Knochen bei Tarantino oder Rodriguez!

Sicher - ein schwieriger Vergleich! Aber trotz allem Verständnis für die Überzeichnung und Groteske - viell. auch als Karikatur des amerikanischen Gewaltfilms? -, ist Gewalt am Ende eben nicht lustig oder sollte nicht nur irgendwie nur stilistisches Mittel, zumal das einzige, sein. Jeder, der Gewalt im öffentlichen Raum je selbst erlebt hat, weiß, wie wenig die bei weitem meisten filmischen Darstellungen damit zu tun haben!

Und wenn der noch wache Zuschauer, der eben auch eine Differenzierung zwischen Gewaltdarstellung und Gewaltdarstellung noch herzustellen vermag, eben auch zu Tarantinos Publikum zählen soll, so frage ich mich, warum von Tarantino so gar nichts anderes kommt?! Kurz: Völlig überschätzt der Mann!

hunter 21.01.2013 | 22:42

DELL: "da steckt schon auch was politisches, vergangenheitsbeschäftigtes drin"

Sie belieben zu scherzen? Dass Tarantino und Spielberg in ihren Filmen die Sklaverei (irgendwie auch) behandeln, soll also eine tiefere Bedeutung haben - sozusagen aus der Seele des amerikanischen Volkes herleitbar?

Seltsam. Sie scheinen sich gar nicht darüber bewusst zu sein, wieviel Geld solche Filme kosten und wozu sie in erster Linie verdammt sind: dieses Geld und noch mehr wieder einzuspielen!

Tarantino gelingt dies, weil er die Gewalt so zeigt, wie Jugendliche sie gerne sehen und weil es eben noch immer genug älteres Fans gibt, die der Meinung sind, er hätte irgendetwas mit Underground-Kino zu tun. Er sei also irgendwie hipp und flippig. 

Spielbergs Film (ich kenn nur die Vorschau, spekuliere also ein wenig vor mich hin) wird sicher ein Kassenmagnet, weil er ein amerikanisches Idol vorzeigt - in all seiner Größe und mit all seinen kleineren (verzeihlichen) Fehlern und Irrtümern.

Dabei wird (wohl wieder) lauthals gepredigt, dass das pol. System Amerikas das beste der  Welt ist und -wie schlau- gleichzeitig veranschaulicht, wo es seine Grenzen hat und dass man es für die gute Sache ausgetricksen darf (ergo wird auch ein Loblied auf die Lobbies gesungen!).

Summa summarun: Der amerikansiche Traum eben, das ewig selbe Eiapopeia-Märchen - gerade so wie die Zuschauer auf der ganzen Welt es gewohnt sind und lieben gelernt haben!

Einmal Klartext gesprochen: Spielberg geht es in seinem Film genauso wenig um die Schwarzen wie es Lincoln um die Schwarzen gegangen ist.

Ein Satz, mit dem man sich der Präsident heute ungern zitieren lassen würde, lautet ungefähr so: "Es geht bei diesem Krieg um die Einheit der Nation und wir werden sie erreichen - auch wenn wir dafür keinen einzigen Sklaven befreien." 

"Vergangenheitsbeschäftigtes?"Äh, nein.

 

Phineas Freek 21.01.2013 | 22:55

…was die „übertriebenen Gewaltdarstellungen“ anbelangt: drei Tage Normalvollzug „Alltagsleben“ (Schule, Betrieb, Büro, Familie)sind sicherlich von erheblich größeren Schaden, als der Konsum dieser Comicmovies.

 

Und was die Gerechtigkeit angeht: die ist doch als moralische Zwillingsschwester der ganz echten Gewalt, gerade der Gewissenhafte Garant, als Mann der Gerechtigkeit auch nach dem x-ten  Kettensägenmassaker anständig geblieben zu sein.

Vorausgesetzt allerdings man überlebt die Metzelkonkurrenz als Sieger, weil ja auch nur so die Gerechtigkeit triumphieren kann. Wenn nicht, triumphiert sie trotzdem – weil ja meist ein  Sieger übrig bleibt.

Und wenn beide Kontrahenten ins Gras beißen – ja mei, wahre Gerechtigkeit gibt’s doch eh nur im Himmel, gelle!

 

miauxx 22.01.2013 | 18:26

"…was die „übertriebenen Gewaltdarstellungen“ anbelangt: drei Tage Normalvollzug „Alltagsleben“ (Schule, Betrieb, Büro, Familie)sind sicherlich von erheblich größeren Schaden, als der Konsum dieser Comicmovies."

Da magst Du tendenziell recht haben ... Vor diesen "Comicmovies" (treffende Bezeichnung!) moralbeflissen zu warnen, war aber auch nicht meine Absicht. Schlimmer machen sie unsere Welt sicher auch nicht mehr. Wohl sind sie aber doch beredtes Zeugnis dieser!

Dem Rest Deines Kommentars stimme ich zu.

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Ehemaliger Nutzer 23.01.2013 | 00:40

Nachdem ich jetzt den Film und dann die Kritik gelesen habe muss ich sagen: »Näh.« Und zwar zur Kritik. Die Rezension wartet mit so einigem auf, was Filmkritik zurecht als unsympathisch erscheinen lässt.  Schon die Rezension  zu »Inglourious Basterds« begann mit einer Aufzählung Trantinos Oeuvre. Was werden da für Maßstäbe angelegt? Stanley Kubrik, der "faule Sack" hat in den letzten 30 Jahren seines Schaffens auch "nur" 6 Filme gedreht. Auch sehr schön lässt es sich rhetorisch geschickt im feuilletonistischen Spiegelkabinett diskursiver Political Correctness herumtapsen, wenn man unter den Teppich kehrt, dass Tarantinos Mutter zur Hälfte Cherokee ist/war. Und warum dann immer solche Pauschalschlussfolgerungen, wie man müsse den Film ja nicht sehen? Kommt Kritik da nicht etwas zu abgehoben daher, wenn sie es sich leicht macht und sich vom Gegenstand ihrer Betrachtung distanziert anstatt darin einzutauchen? Hier noch eine Fußnote.

klonkifanko 23.01.2013 | 08:37

Ich plädiere nach der Lektüre der Debatte hier für einen Mittelweg:

Einerseits hat mich der Film überrascht - positiv. Ich fand ihn in vielen Szenen, die die blamable Vorherrschaft des weißen Mannes ridikülisieren, beinahe erstaunlich scharfzüngig für ein us-amerikanisches Massenprodukt. Zugleich blieb mir in mancher Szene das Lachen im Halse stecken - und das fasse ich als erwünschten Effekt auf, denn Monsieur Candies Vortrag zur Phrenologie kann nichts anderes als Bloßstellung gewesen sein.

Andererseits aber saß ich in einem ausverkauften Kino, dessen Publikum bei jeder zweiten Erwähnung des vermaledeiten N-Wortes vor Lachen fast aus den Sesseln fiel. An diesen SehgenossInnen dürften auch die Kleinigkeiten wirkungslos vorübergezogen sein (ich denke an die blutbefleckte Baumwolle, die schon im Trailer dominant zu sehen war).

Will in der Zusammenfassung heißen: Sicher hatte Tarantino keine erzieherischen Absichten. Und sicher ist es sich mit dem Film treu geblieben. Die Frage, die sich mir dennoch gestellt hat, ist diese: Zeigt nicht gerade die Absurdität der Tarantino-Erzählung, die bei uns Zusehenden den Blick der Sklaventreiber erzwingt (nanu, ein Schwarzer auf nem Pferd?! hihi), die Ausweglosigkeit der real-historischen und im Massenkino bislang überhaupt nicht thematisierten Schattenseite des allzu Wilden Westens?!

 

Matthias Dell 23.01.2013 | 09:21

"Zeigt nicht gerade die Absurdität der Tarantino-Erzählung, die bei uns Zusehenden den Blick der Sklaventreiber erzwingt (nanu, ein Schwarzer auf nem Pferd?! hihi), die Ausweglosigkeit der real-historischen und im Massenkino bislang überhaupt nicht thematisierten Schattenseite des allzu Wilden Westens?!"

positiv betrachtet: das ist doch schon mal was, wenn einem so was dann auffällt, was das kino sonst so erzählt oder dass man als "weißer" eben wie die sklaventreiber auf die welt schauen kann, auch wenn man mit denen nichts zu tun haben will

Matthias Dell 23.01.2013 | 14:31

du,

zweieinhalb hinweise, um missverständnissen vorzubeugen

"Schon die Rezension  zu »Inglourious Basterds« begann mit einer Aufzählung Trantinos Oeuvre. Was werden da für Maßstäbe angelegt?"

mir gehts nicht um faul oder fleißig, und sehe, dass der blick aufs werk immer auch was spezialisitisches, kennercheckerhaftes hat. andererseits ist das bei tarantino auf eine weise geläufig und auf eine andere interessant (weil es eben noch ein werk ist, in dem neue filme akzente setzen).

und "weiß" und "schwarz" sind soziale kategorien, andernfalls würde man ja dem bioligismus, der zugrunde lag, weiter das wort reden, man müsste das, wie es in mancher literatur gemacht wird, vielleicht besser markieren, "Weiß" und "Schwarz", dann stutzt man über großschreibung und weiß, dass was anderes gemeint ist.

undeinhalb: die "pauschalschlussfolgerung" am ende ist ironisch gemeint als modus von kritik, bezug auf lee und kommentar, sehr abstrakt, des problems, was ich mit dem film hatte, aber wenn das nicht verstanden wird, dann weiß ich's gerade auch nicht

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Ehemaliger Nutzer 25.01.2013 | 10:36

Du Dell, ick hab' Dir schon verstanden: "Django Unchained" kommt ganz adrett portioniert daher und fordert die Sehgewohnheiten des weißen Mannes nicht heraus; oder wie ein Freund meinte: "Ich fühle mich ganz gut unterhalten." Da gibt's dann den karl-may-naiven guten Deutschen, dessen Namen allein schon zum Fremdschämen herausfordert. Aber mit derlei Maßstäben hängt man Taratino schon viel zu hoch.

Dass die Sehgewohnheiten seiner Zuschauer herauszufordern, nicht davor schütz ein Klassentreffen seiner selbst zu veranstalten, sieht man auch an Caché. Vorgeblich eine Auseinandersetzung mit Verdrängtem, verrät anderseits Juliette Binoches Anekdote, wie sehr sich Michael Haneke einem kleinen Schuljungen gleich freute, als er in Cannes die von ihm provozierte Schockreaktion des Publikums erleben konnte, so einiges. Wenn dann am Ende von Caché, quasi versteckt, die Kinder aufeinandertreffen, dann bekommt das schon leicht onanistische Züge.

Ich will damit nur sagen, Du hebst Dir am Tarantino einen diskurstheoretischen Bruch, obwohl man näher am Film(werk) bleiben könnte; man bedenke nur: Tarantino der Viertelcherokee – Aldo der Apache, na usw. Da bekommt die im Artikel angesprochene Holocaust-Äußerung doch gleich einen anderen Kontext.

PS: Das hier ist weder Grund, noch Anlass.

;-)