Matthias Dell
10.02.2013 | 21:45 19

Ziemlich christlich hier

Tatort Luzern? Sieht man gern! Reto "Flücki" Flückiger (Stefan Gubser) muss in der Fastnacht von Luzern ermitteln, was der Folge "Schmutziger Donnerstag" hübsche Bilder beschert

Der Berlinale wegen heute nur die Shortversion: Luzern gut. Luzern so gut wie noch nie. Und besser wäre Luzern noch, wenn der deutsche Zuschauer nicht immer mit dieser furchtbaren Nachsynchronisation belästigt würde. Wie kann man etwas, in das so viel Geld und Arbeit gesteckt wurde wie in einen Tatort, hernach so respektlos behandeln, nur weil der deutsche Zuschauer es einfach nicht versteht und sonst nicht gucken würde beziehungsweise weil da irgendein Karriereangst driven Senderverantwortlicher meint, dass der deutsche Zuschauer Allergie kriegte, wenn er Untertitel lesen muss, und dass diese Allergie, wenn er sie denn kriegte, irgendetwas bedeuten sollte? Man kann's nicht offen genug sagen: Die Schweiz hat doch auch Gefühle.

Was nun aber einnimmt: Es ist was los in Luzern, Fastnacht, gab's schon mal mit good ol' Bienzle kriminalerzählökonomisch geht im Karneval naturgemäß einiges, Stichwort: Masken, Stichwort: Tarnung, Stichwort: Massen. Massen ist vielleicht das schönste Stichwort, weil der Tatort hier mal da ist, wo das Leben spielt, in da streets, und nicht immer nur zwei Leute für einen Dialog in einer Kulisse abhängen.

Dass Regisseur Dani Levy gewillt ist, Kino zu machen und nicht nur Kammerspiel zu verwalten, zeigt sich schon an den Revierszenen, wo ordentlich Komparserie rumsitzt und stetig mault (müssen Subalterne eigentlich immer alles besser wissen respektive Stunk machen?). Kamera (Charlie Koschnik), wie Marcel Reif artikellos sagen würde, hat sich derweil Gedanken gemacht: ganz hübsch, wie Flücki (Gubsern) da in die Tiefgarage runter geht und die Kamera ihm so twisting und zugleich distanziert hinterher. Der ganze Look der Folge hat zwar was von dieser gebrauchten, relativen instantösen sepia-orangen Modecoolheit, aber: es korrespondiert. Selbst im Traum, als Flücki von Travestie-Steiner (Peter Zumstein) sediert wird und DJ Bobo, ein schöner Gag, ihm in der Hallu, wie wir Trip Addicts sagen, das Auto zerkloppt.

Willy was a woman

Schmutziger Donnerstag ist stimmig in dem, was er tut, die Geschichte gar nicht unspannend (Buch: Petra Lüschow), die Kostüme der Beteiligten sehr liebe- und fantasievoll, kurz: es kann sich sogar sehen lassen, wenn Flücki auf Action macht und in der Sparversion von James Bond in Istanbul über die Dächer von Luzern rennt (statt mit dem Motorrad drüber zu brettern).

Gesellschaftspolitisch parkt Luzern derweil da, wo alle stehen. Dass die Zunftboys vormodernen Geschlechter- und Ehrbegriffen anhängen, ist vermutlich dem Grundkonservatism der Schweiz geschuldet, zu dem sich immer diese Geschichte mit dem Frauenwahlrecht erzählen lässt. Hier müsste man mal Auskenner um Erklärungen bitten. Die angezeigte Vergewaltigung wird künftig, post Sexism-Debatte, auch zu mehr Stoff taugen, lässt sich vermuten.

Und Liz Ritschard wird als Antidot zur Modernisierung in bed with a lady ausgegeben. "Ich bin's, Biene Maja", und der Willy ist eine Frau. Die Liebe sieht beim ersten Mal ein wenig wie Ringen aus; vielleicht soll da auch noch mit gespielt werden, dass es sich nicht um eine heterosexuelle Bettgeschichte handelt. Normalisierung am richtigen Fleck, kann man machen, gerade weil Flücki noch mit seinen Heteronormativen arbeitet und einen Macker vermutet – wobei dann nur nicht ganz klar wird, worin der Herzensschmerzanlehnungsbedarf der Kollegin besteht: Haben Lesben keine One-Night-Stands? Oder muss Lizzie Ritsch für den Zuschauer bei der Sortierung seiner Normative daheim vor der Knipse jetzt erstmal bewältigen, dass sie nicht mit Männern in die Kiste geht?

Vielleicht haben wir auch nur was verpasst, den Trouble von Liz. Flücki – in dieser orangenen Segelweste mussten wir die ganze Zeit die Dienstkleidung eines Piratenparteigängers sehen – gibt sich dagegen als Blogwart der Enstpannung, wenn er zwar vom Fenster zu den Ruhestörern runterschnauzt, dann aber auffordert, zur Sache zu kommen. Schwächer ist Gubsern in den Momenten, in denen er so unglaublich verständnisvoll klingt. Und wenn er Schlagfertigkeit beweisen will, aber im Stile des Kindergartens dem Gegenüber immer nur das zurückgibt, was dieser selbst gerade gesagt: "Lügen ist nicht Ihre Stärke" – Reto: "Und Gesichtzeigen nicht Ihre." Touchéchen. Da könnte vielleicht noch mal ein Kurs in Smartness des Drehbuchschreibens aka Souveränität als Führungskraft belegt werden. Aber vielleicht geht unser Verständnis auch nur fehl wegen dieser furchtbaren Nachsynchronisation, die einem die ganze Atmosphäre zerkloppt wie DJ Bobo den Passat.

Ein Satz, den Bärbel Bohley unterschrieben hätte: "Gerechtigkeit ist auch nur ein Wort" 

Eine Antwort, die Bärbel Bohley Helmut Kohl nie gegeben hat: "Sparen Sie sich ihr zynischen Machosprüche"

Eine Regel, die nicht nach Bärbel Bohleys Gusto gewesen wäre: "Ein Zunftmeister kann keinen drogensüchtigen und kriminellen Sohn haben" 

Kommentare (19)

fudge 10.02.2013 | 22:25

fand es um längen besser als schweiz bisher. hatte pepp, irgendwie. die maskerade und die massen hatten wirkung.

herrlich war die einlage mit dj bobo. nur wäre der traum ohne seltsame effekte noch besser gewesen. und ist auf dem passenden bild auf der tatort webseite an der seite noch ein schaf zu sehen? irgendwie abgedreht, aber gut. ohne das heititeiti-ende und ohne synchronisation wäre es noch besser gewesen.

zum bild oben: die szene gab's ganz am anfang. und ich fand's nett, dass lizens affäre und ihre motivationen nicht augewalzt wurden, sondern im raum stehen bleiben durften.

übrigens gab's neben bienzle auch mal den kölner karneval (nr. 406, restrisiko).

Rene Artois 10.02.2013 | 22:25

Die ARD könnte wenigstens bei solchen Gelegenheiten über ihren Schattenspringen und zwei unterschiedliche Tonkanäle anbieten. In diesem Fall hätte ich gern darauf verzichtet, das Geschirrklappern in der Kantine auch akustisch verorten zu können und lieber den O-Ton gehört.

Die Story hat gut gefallen; das Steinersche Haus war vielleicht einen Tick übergestaltet für die Witwe eines suizidalen Bankrotteurs mit prekärstem Kindschaftverhältnis?

Vielen Dank Monsieur Dell für die heute feststellbaren Anglizismenvermeidungsversuche – dran bleiben: Es geht!

miauxx 10.02.2013 | 23:18

"Shortversion" heute auch inhaltlich?! Schon aussagekräftigere Kritiken von Ihnen gelesen. Naja, wurscht.

Der Fall war nun nicht sonderlich spannend. Das Eigentliche am Film war doch die Unumstößlichkeit der Fastnachtstradition in Luzern und wie sie über die Maßen auskoloriert wurde: Von den Kostümen über die schönen historischen Stadtansichten bis zum Quasi-Streik der Kommandatur.

Aha, es wird also synchronisiert. Habe mich schon gefragt, ob extra in Fast-Hochdeutsch gedreht wird, weil die meisten Zuschauer in Deutschland sitzen. Andererseits: Am wenigsten nach Schweiz klang ja der der Reto, was wunderbar passte, da er dieser Tage mit der Schweiz offenbar am wenigsten zu recht kam.

Schwach war die Figur seiner Ermittlerpartnerin Liz! Deren Nebengeschichte hätte man gut einsparen können - nach der Vernehmung im Hotel mit Würgereiz hatte die ja gar nix mehr beizutragen!

Wiesengrund 11.02.2013 | 00:39

Überraschend solide Vorstellung aus Luzern: Vom Titel bis zum Exitus – I like as well. Weil dieses dionysische Fasnachtstreiben in Kombination mit der fast weltfremden Schweizer Behäbigkeit eine Mordsatmosphäre kreiert. Trotz Durcheinander, wo dann selbst auf dem Revier der Karneval ausbricht – „Das hab ich im Urin!“ – oder Interimswitwe, die behauptet nicht mehr alle Kostüme im Koffer zu haben und Fingerkuscheln mit ET, wirkt der Kriminalplot nirgends undurchsichtig oder überfrachtet. Daniel Levy gelingt es mehr als gut, zwischen Flückingers unausgeschlafener Penetranz und thematischer Zunftmauer, Balance zu halten; dazu passend das nüchterne Kameragrau, welches der Geschichte eine leicht bekömmliche Distanz verleiht.

 

Johannes Renault 11.02.2013 | 04:58

Ich frage mich nur warum die Cheeseburger-Szene aus meiner Fantasie in dem helvetier Tatort nich vorkam. Sie hätte der Handlung gerade noch gefehlt.

Sagt man eigentlich 'nach meinem' oder 'nach meiner' Gusto? Denn, auch die Thematik um die Doppel-Cheeseburger, die es nur in den kleinen Satteliten-McDonalds gibt, wär ganz nach meinerem Geschmack gewesen.

Die Auflösung des ungemein spannenden und dramatischen letzten Teil dieser Multiologiem mittels der Technik des Auslassens weiterer Fantasien meinerseits, hatte Pfeffer. Da sieht man so richtig dass der eine Tatort dort, und der andere, ganz woanders herkommt.

Wie die Nation, über seine Verkehrsnachrichten von irgendeinem Abschnitt der entferntesten Teile der Bundesautobahn, zusammen gehalten wird, so halte ich mich zusammen durch Rituale der TV-Kritik. Also, nicht direkt 'ich' werde zusammen gehalten, physisch, sondern auf einer gaaaanz anderen Ebene, irgendwie. Ne, ne, alles was recht ist: Niveau ist keine Creme. Meine Gattin schimpft schon "komm zum Punkt!"

Warum musste der Tatort in der Zukunft spielen? Warum die Laser-Schwerter? Das passte gar nicht da so hin.

Grundgütiger 11.02.2013 | 08:28

Ich hab etwas vom funktionieren der Schweiz gelernt, hoffentlich.

Es ist zünftig in der Schwyz.

Die intellektuelle Deutungshoheit kann ich nicht, aber dafür haben wir ja den Matthias. Und ich finde ihn hervorragend.

Das der Levy auch Bond könnte,ja vielleicht auch möchte, war zu sehen. Der vorletzte Bond hatte ein Pferderennen als Massenscene.

Obwohl, Bond in der Schweiz, muss ich mich erst dran gewöhnen.

Skifahren war er aber da schon.

Wie wäre es, Bond im Tatort?

Achtermann 11.02.2013 | 08:29

Matthias Dell schreibt: „Wie kann man etwas, in das so viel Geld und Arbeit gesteckt wurde wie in einen Tatort, hernach so respektlos behandeln…“.

Daran ist zu erkennen, was die Fernsehverantwortlichen von ihren Zuschauern halten: Nicht besonders viel. Das mit dem Geld-Reinstecken hat seine Grenzen, wie wir letzte Woche zu lesen bekamen. Eine Produzentenstudie hätte gezeigt, dass vor zehn Jahren für eine Tatort-Folge im Schnitt 1,43 Mio Euro ausgegeben worden seien, während es heute nur noch 1,27 Mio seien. Früher seien für eine Folge 28 Drehtage angesetzt worden, heute nur noch 22. Nun liegt es augenscheinlich daran, dass das Schweizer Fernsehen noch nicht in diesen Low-Budget-Dimensionen denkt und deshalb auch aufwendiger produziert.

Trotzdem scheinen die Drehbuchautoren abgekupfert zu haben. Wurde letzte Woche der Zuschauer in die Vorstellung versetzt, die mit dem Auto Abgestürzte sei tot, um später als Überraschungsgast wieder aufzutauchen, war es diesmal ähnlich. Der durch Suizid angeblich Verblichene erschien uns als lebendes und sogar mordendes Subjekt. Beide fanden am Ende trotzdem den Tod. Deshalb erkläre ich: Diese Tatort-Pointe ist ab jetzt verbraucht.

Eh-DD 11.02.2013 | 09:29

Gut wars - aber was in der Schweiz gebrüllt wird: Alter Schwede!

 

Die zwei mich extrem störenden Punkte wurden jedoch schon angesprochen:

1. Was war nochmal der Grund, ET in die Tiefgarage zu folgen? (Btw: endlich ein Handy, das auf der -3-Ebene eines Betonbaus funktioniert ;) )

2. Wer wurde denn als Ersatz-Leiche verbrannt? (Btw: Kann man wirklich sichergehen, dass eine Leiche DNA-unbeprobbar abbrennt?)

Dennoch: Schöne Bilder - und MENSCHEN vor der Kamera!

Amanda 11.02.2013 | 12:29

Das mit der abgebrannten Leiche hab ich mich auch gefragt - eine Leerleiche, sozusagen.

Synchronsyndikat in D, vielleicht. Obwohl die bei den Szenen im Großraumbüro echt geackert haben müssen, dass das einigermaßen...

Mir fiel relativ früh der Satz "Fastnacht, das ist immer die Fastnacht der Nichtfastnachtfeiernden" ein, und dann sagte Reto, er nehme das irgendwie total persönlich.

Miamaria 11.02.2013 | 15:27

Ja, Mord und Karneval wird sehr gern genommen im Tatort, es gab auch 1992 einen mit Martin Lüttge als Kommissar Flemming in "Der Mörder und der Prinz" (Düsseldorf) Ich meine, dass es sogar mal einen Frankfurter Fassnacht Tatort gab.

Mich hat die Nachsynchronisation nicht gestört, einen Tatort mit Untertiteln hätte ich mir nicht angeschaut, da des schwyzer dütsch nicht mächtig. Bin halt nur eine gewöhnliche TV-Glotzerin.:)