Michael Angele
16.12.2012 | 09:00 2

Aus der Familie der Projektemacher

Powerpaar Tanja und Johnny Haeusler wurden mit spreeblick.com bekannt. Nun haben sie ein Buch über Kids im Internet geschrieben. Ein Porträt

Die Sammlung „Kleine Irrtümer über bekannte Blogger und Social-Media-Netzwerker“ muss um drei Einträge erweitert werden. 1.) Der Name des Blogs spreeblick.com sollte keine besonders raffinierte und dialektische Antwort darauf sein, dass das Netz ja eigentlich keine Heimat hat. Vielmehr war Spreeblick einfach der Titel eines um das Jahr 2000 von Johnny und Tanja Häusler geplanten Berliner Stadtmagazins, das nicht über das Planungsstadium gekommen ist. 2.) Johnny und Tanja Haeusler sind nicht von Kreuzberg nach Tempelhof gezogen, weil der gebürtige Berliner Haeusler eine Immobilie von seinen Eltern geerbt hatte, sondern weil die Mieten in Tempelhof noch okay sind. 3.) Ihr erstes, gerade bei Goldmann erschienenes Buch ist keine Antwort auf den Bestseller Digitale Demenz von Manfred Spitzer, obwohl Gegenstand und Haltung von Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet den Schluss nahelegen.

Pädagogischer Nutzen

Dieser Irrtum sei unter ihren Bekannten verbreitet, sagt Tanja Haeusler. Aber viele verkennen den Vorlauf, den ein Buch normalerweise hat. Vielleicht machen sich Leute, die viel im Netz unterwegs sind, einfach keine Vorstellung mehr davon, dass analog zu publizieren Zeit braucht? Was Netzgemüse aber definitiv nicht sein will: eine Warnung, dass kommende Generationen automatisch verdummen, weil sie mit dem Netz aufwachsen. Eher ist das Gegenteil der Fall: Das Buch ist die nett gemeinte Aufforderung, die digitale Lebenswelt der (eigenen) Kinder zu verstehen und zu begleiten. Dieser Optimismus ist übrigens erfahrungsgesättigt: Johnny Haeusler war nicht nur Radiomoderator und Rockmusiker, sondern auch Spieletester. Vor allem aber haben die Häuslers, 1964 und 1966 geboren, zwei Söhne, die heute zehn und 13 Jahre alt sind.

Wenn Tanja Haeusler den pädagogischen Nutzen des Netzes betonen will, sagt sie ein bisschen umständlich das Wort„kollaborativ“. Diesen gemeinsam erworbenen Nutzen muss man offenbar auch internetaffinen Eltern erklären; denn die meisten Kinder werfen heute sogar digital natives auf sich selbst zurück. Auch Leute aus dem Umfeld der re:publica seien verunsichert und suchten Rat, meint Tanja Haeusler.

Seit 2007 organisiert sie diesen größten deutschen Social-Media-Kongress, immer auch darauf bedacht, möglichst viele Frauen einzuladen. Ein Drittel der Vortragenden ist mittlerweile weiblich, immerhin.

Aus den Telefonkabinen

Tanja Haeusler sieht sich als politische Frau, zählt zu den „irgendwie Linken“, ohne besondere Sympathien für die Piraten erkennen zu lassen. Ihr Mann Johnny gilt, nicht zuletzt in Fragen des Urheberrechts, unter Bloggern als Stimme der netzpolitischen Vernunft. Sie wiederum ist vor allem an bildungspolitischen Themen interessiert, sieht große Defizite in der Vermittlung von Medienkompetenz an den Schulen. Fatal wäre es aber, wenn man hier einem weiteren Irrtum aufsäße: Medienkompetenz zu vermitteln ist keine Sache von IT-Spezialisten. „Die digitale Revolution ist keine technische, sie ist eine gesellschaftliche“, heißt es in Netzgemüse.

Gesellschaftlich, das meint nicht nur, die Folgen seines Tuns abzuschätzen. Es zielt auch auf die Frage, welches Wissen man im Netz wie gewinnen und weiterverwerten kann. Ganz konkret: Wie zitiere ich richtig? Tanja Haeusler berichtet von einem Freund, der eigentlich als Hauswart bei einer Schule anheuerte, und in Eigeninitiative dort einen Blog mit interessierten Schülern startete, für den er dann eine halbe Stelle bekam. Es tut sich etwas. Und auch Netzgemüse bekommt mehr Lesungsanfragen von Schulen als von Buchhandlungen.

Dabei kennt Tanja Haeusler noch eine Welt ohne Netz. Erzählt, wie es war, als sie nach einem abgebrochenen Kunstgeschichtsstudium als Requisiteurin beim Film arbeitete und aus Telefonkabinen voller kaltem Rauch heraus die Recherchen betrieb. Später erlebte sie, wie die Dotcom-Blase platzte; als ein großer Kunde pleite ging, war mit ihrer gemeinsamen Firma defcom Schluss. Und spreeblick.com wurde von einem Blog zur Hauptbeschäftigung der beiden. Soeben hat Johnny Häusler dort beschrieben, unter welchen Bedingungen Musiker auf YouTube Geld verdienen. Typisch für Angebot und Stil von spreeblick.com.

Analog

Öfter stellt Tanja Haeusler jedoch das Bedürfnis fest, sich der Welt wieder unmittelbar zu nähern, haptisch, ohne Netz. Sie steht mit ihrer Sehnsucht natürlich nicht allein da. Vermutlich erleben wir gerade die erste Generation, die sich ein Stück weit wieder aus dem Netz befreien muss, ohne es ganz verlassen zu wollen. Die Häuslers überlegen sich, man hört es gerne, wieder eine Zeitung zu abonnieren. Für sich, aber auch für die Kinder, damit die nicht nur die Netzlogik beherrschen, also etwas finden, was man sucht, sondern auch diese Erfahrung machen: auf etwas stoßen, was man gar nicht gesucht hat.

Diese Sehnsucht hat auch ihren Mann befallen. Zurzeit ist er mit seiner Band auf Tournee: Plan B hat sich gut 15 Jahre nach ihrem Ende wieder zusammengefunden und ihre drei LPs als Downloads zugänglich gemacht. Tanja Haeusler sagt, dass viele überrascht sind zu erfahren, dass der Mitbetreiber von spreeblick zugleich der Frontmann einer Band ist, die als Vorgruppe der Ramones und von The Clash bekannt wurde.

Na gut, man könnte es wissen: Das Motto von spreeblick, „I live by the River“, ist eine Songzeile aus dem bekanntesten Song von The Clash: „London Calling“. Überhaupt sei die Verbindung von (Post)-Punk und Web 2.0 nicht so weit hergeholt, meint Tanja Haeusler. Damals hieß es, drei Akkorde genügen und fertig ist die Band. Heute bloggt man eben – und fertig ist der Text.

Kommentare (2)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 16.12.2012 | 20:32

Plan B, als Vorgruppe von den Ramones und The Clash - ich bin überrascht über die Reunion.

Übrigens waren bzw. sind die Texte von The Clash und teilweise auch von den Ramones besser als der Großteil der Musik, die aber auch mit dem damaligen Zeitgeist des "no future" und einer Art Endzeitstimmung kontextualisiert werden sollte.

Tja, sieht so aus als ob die digital future mit ihren zahllosen IT-basierten Blasen und Halluzinationen schon zuende ist, bevor sie so richtig angefangen hat - sowenig wie das umlaufende Kapital noch mit dem fixen verbunden zu sein scheint, so wenig scheint die virtuelle noch Bodenhaftung in der wirklichen Welt zu haben.

In der Tat, die Renaissance des Haptischen hat längst begonnen, man schreibt z.B. wieder von Hand und in der Schule werden Scanner für Wikipedia u.a. Textbausteine in Referaten angewandt, die jener infantil gedachte copy&paste Überlistung der zensurierenden Lehrkräfte allmählich das Wasser abgräbt.

Schade, daß M.Angele nicht auf die Frage der Medienerziehung bzw. Medien - und Sinneskompetenz als Schlüsselqualifikationen für die kommende Generation eingeht - aber vielleicht gibt das Buch nicht so viel her und es ist ja auch eine schwierige Sache diesen Zusammenhang in vorgegebener Zeichenzahl herzustellen.

Wünschenswert jedenfalls wäre diese Thematisierung, zumal sie sich für alle Eltern in heutiger Zeit dringend stellt.

Ich guck mal was der Junge gerade so macht...

Manchmal bleibt nichts übrig, als den via Netz einziehenden Suchtfaktoren den Stecker zu ziehen und mit den kids vor die Tür zu gehen und Erfahrungen zu machen, die es wert sind erzählt zu werden.

;-)