Michael Angele
08.11.2012 | 15:00 16

Windelweiches Kunstverständnis

Kommentar Welterbe schützen, Blockflötenunterricht fördern, niemandem auf die Füße treten: Kulturpolitik à la CDU/CSU

Windelweiches Kunstverständnis

Förderung von Blockflötenunterricht tut keinem weh

Foto: asleeponasunbeam/Flickr

Die Partei, die Folgendes zu ihrem Programm erhebt, möchte ich noch erleben: Kultur ist keine Sache von allen für alle, in einer demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft ist sie Sache einer Minderheit, mein Gott, es ist nun einmal so. Kultur ist anstrengend, vielen macht sie keinen Spaß, sei’s drum. Die Anderen fördern das Innovative und das Neue, schon aus Prinzip fördern wir deshalb das Unproduktive und das Veraltete, und da, wo die anderen schreiben, dass die Alarmglocken läuten müssen, wenn Kunstfreiheit beschnitten wird, sagen wir: diese Glocken sofort wieder ausschalten, stattdessen eine Kunst fördern, die unseren Freiheitsbegriff radikal hinterfragt.

Die anderen, das meint hier die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Deren Arbeitsgruppe Kultur und Medien hat nun ein kleines Kulturbuch vorgelegt. Zyniker werden sagen, dass von solchen Publikationen kein Erkenntniswert ausgeht. Das ist falsch. Man kann klar erkennen, was die CDU/CSU will, weniger deutlich wird, was unter den Tisch fällt. Aber das zu erkennen, ist genau so wichtig.

Nun überrascht es nicht, dass eine Volkspartei auch in der Kulturpolitik primär das fordert, was keinem weh tut, zumal die Kulturausgaben nur 1,9 Prozent des öffentlichen Haushalts ausmachen; warum sich unnötig Feinde machen? Wer wäre gegen die Förderung des Instrumentalunterrichts an Grundschulen, den Schutz des Welterbes und Geld für ein kreatives Europa, und wer kann wirklich etwas dagegen haben, wenn die Freiheit der Kommunikation im Netz mit dem Schutz des geistigen Eigentums ausgesöhnt werden will? Die Barrierefreiheit in den Theatern ist ebenso eine gute Sache wie ein Kino für alle und überall, und, nun gut, den rechten Flügel befriedet man mit einem Koordinierenden Zeitzeugenbüro, das der Verklärung des SED-Regimes entgegentritt. Ansonsten herrscht das Prinzip der größten allgemeinen Zustimmung. Die Zauberformel dafür lautet: Ohne Kultur keine Bildung, ohne Bildung keine Kultur. Das versteht sich nun wirklich von selbst.

Kritisch und widerspenstig

Oder vielleicht doch nicht; denn wenn der Bildungskomplex am Ende dazu führt, dass dröge Plädoyers für den Wert der Bildung geschrieben werden, würde man vielleicht besser gleich darauf verzichten. Und sich auf die harten Tatsachen beschränken: Kultur und Kreativität sind wichtige, in Zahlen messbare Wirtschaftsfaktoren. Die Kreativbranche schafft heute schon so viele Arbeitsplätze wie der Fahrzeugbau. Man würde gerne glauben, dass in dieser Aussage von Dagmar Wöhrl ein Rest von Provokation gegen eine billige Idealisierung von Kultur mitschwingt, aber sie ist wohl einfach so gemeint, wie sie da steht.

Deprimierend an diesen Vorstellungen ist, dass in ihnen nichts vom Widerständigen und Nicht-Verhandelbaren an der Kunst mehr aufscheint. Man muss ja schon froh sein, dass der im Kurswert tief gefallene Begriff der Kritik nicht ersatzlos durch den der Neugierde ersetzt wurde. Monika Grütters, die Vorsitzende des Kulturausschusses, fordert immerhin, was bis vor Kurzem in jedem Deutschunterricht selbstverständlich war: dass man Intellektuelle und Künstler immer wieder auffordern müsse, kritisch und widerspenstig zu sein. Und dann gibt es noch Norbert Lammert. Er schreibt, dass die wichtigste Qualifikation des Kulturpolitikers in der Einsicht in die eigene Bedeutungslosigkeit liege und er demütig daran arbeiten möge, dass andere schöpferisch sein können. Lammert sagt das nicht aus Arroganz, sondern weil er den Eigensinn der Kunst erkannt hat. Man muss es im Kontext dieser Broschüre betonen.

Kommentare (16)

Sisyphos Boucher 09.11.2012 | 09:21

@Michael Angele

Nehmen wir den Begriff Kultur als das, was er bezeichnet, als die Art und Weise, als die Form, als Prozess und Zustand von Zivilisatonsbildung und Zivilisationsgestaltung, dann spiegelt sich im allgemeinen Verständnis von Kultur zuerst der allgemein vorherrschende Zeitgeist.

Der allgemein vorherrschende Zeitgeist begreift die Welt nur in Zusammenhängen von Warenproduktion und Warenverwertung.

Eine kritische Kultur - was wäre das? - setzt Kulturprotagonisten voraus, die nicht im Zeitgeist gefangen sind. Doch selbst die besten Ideen, wenn sie nicht sowieso schon von vornherein auf ihre Verwertbarkeit hin entwickelt wurden, werden relativ schnell ihres gestalterischen, d.h. kritischen Potentials entblättert, sobald sie zur Ware gemacht werden. Schließlich ist Kultur heute Warenproduktion und Warenverwertung.

Die Kritik an den Konservativen, deren Kulturverständnis vor allem etwas über ihr Menschenbild offenbart, ist wohl berechtigt, aber wirkungslos, wenn nicht sogar sinnfrei, wenn sie nicht zugleich eine viel entschiedenere Kritik des Kulturbetriebes und der Kulturschaffenden einschließt. 

Die Politik - selbst übrigens Kultur - ist ein nachhallendes Echo, im besten Falle der unmittelbare Reflex auf das, was sich im Kulturgeschehen aktuell abspielt. Die tatsächlich gestalterische Kraft geht von den Protagonisten der Kultur im engeren wie im weitesten Sinne aus, allerdings gehemmt oder gefördert vom (Kultur-)Markt. 

Das durchaus jämmerliche Verständnis von Kultur, das nicht nur die Konservativen verinnerlicht zu haben scheinen, ist Ausdruck der Jämmerlichkeit unseres Kulturbetriebes insgesamt. Anführbare Ausnahmen würden das bei kritischer Betrachtung im Detail nur bestätigen. 

wwalkie 09.11.2012 | 09:56

Und dabei war so viel Kultur noch nie. Nehmen wir den Bildungsbereich und verengen wir diesen auf die "Schulkultur". Dazu gehören als Genitivkonstruk oder als Kompositum -ich assoziiere frei:

Feedbackkultur, Förderkultur, Forderkultur, Kultur des Förderns und Forderns, Leistungskultur, Kultur des Hinschauens,Ressourcengerechtigkeitskultur, Migrantenkultur, Elternarbeitskultur, Streitschlichtungskultur, Klausurenkultur, Entschuldigungskultur, Müllvermeidungskultur, Patenkultur, Pausenkultur, Freizeitkultur, Kultur des "Wir lassen keinen zurück", Kultur des Kümmerns, Kultur des Helfens, Personalkultur, Methodenkultur ...

Und wenn alle diese Kulturen durch eine "Implementierungskultur" fraktal und systemisch nicht nur Wort, sondern auch Fleisch geworden sind und wenn wir irgendwann vielleicht sogar eventuell die Zeit finden, dann, ja dann, wird sie vielleicht zur Schulkultur gehören ... die Kulturkultur.

Sisyphos Boucher 09.11.2012 | 11:08

Ich glaube, wir missverstehen uns.

Unabhängig davon, dass es überhaupt nichts daran auszusetzen gibt, dass Blockflötenunterricht gefördert werden soll - besser als nichts - stellt sich für mich nicht die Frage, ob dieser Unterricht selbst warenförmig ist. Eine solche Diskussion ist natürlich Blödsinn, oder? Wenn ein Flötenlehrer gezwungen ist, Unterricht gegen Entgelt anzubieten, dann ist sein Unterricht eine Ware. Damit ist alles und zugleich nichts gesagt.

Wir sollten vielmehr Kunstbegriff und Kulturbegriff nicht miteinander verwechseln. Kunst ist, was der Künstler zu Kunst erklärt. Egal, ob uns das im Einzelfall gefällt oder unsere persönliche Ästhetik berührt oder nicht. Kultur aber ist, unter welchen Bedingungen ein Künstler Kunst zu Kunst erklären kann oder diese überhaupt erst machen kann

Wenn die Politik schließtlich einem Kulturverständnis folgt, nach dem die Förderung von Blockflötenunterricht die Essenz kultureller Förderung sein soll, dann wohl auch deshalb, weil der Kulturbetrieb ein solches Verständnis selbst produziert, indem er Kategorien von niederer und höherer Kultur schaft, Differenzierungen, die nur deshalb existieren und eine Berechtigung haben, weil sie Maßstäbe für Verwertbarkeit herstellen. 

Die einzige Gegensteuerung aus dem Kulturbetrieb, die ich wahrnehme, ist das Lamento über die mangelnde Förderung. Eine kritische, d.h. eben auch selbstkritische Kulturbewegung sehe ich dabei hierzulande nicht, wobei ich die berühmten (seltenen) Ausnahmen nicht in Abrede stellen möchte. 

Michael Angele 09.11.2012 | 12:10

Ah! Sehr gute Unterscheidung zwischen Kunst und Kultur! Die will ich mir merken, das ist wirklich sehr prägnant.

Nur eine spitze Bemerkung zum Flötenlehrer: Wenn er kein Geld verlangt, ist sein Unterricht wohl auch keine Ware. Nehmen wir an, der Unterricht bleibt in seinem Inhalt identisch: Was ist an Erkenntnis gewonnen, wenn man hier mit dem Warenbegriff handiert? (Abgesehen davon, dass er Geld nehmen kann, ohne dazu "gezwungen" werden muss)

Sisyphos Boucher 09.11.2012 | 13:08

Spitzfindig, wirklich spitzfindig. ;-)

Ob ein Flötenlehrer heute, hier und jetzt, Geld für seinen denkbaren (hoffentlich guten) Unterricht verlangt oder nicht, ist unerheblich. Wichtiger ist vielmehr, warum er Unterricht gibt, wer bei ihm aus welchen Gründen Unterricht nimmt und zu welchem Ergebnis sein Unterricht schließlich führt.

Die Bedingungen, unter denen der bezahlte oder nicht bezahlte Unterricht stattfindet, bestimmen letztlich den Charakter desselben. Insofern ist also auch ein unbezahlter Flötenunterricht unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen Ware. Das klingt sehr abstrakt, ist es aber nicht wirklich. 

Um es an einem anderen Beispiel deutlich zu machen: 

Es ist egal, ob man sein Kind auf eine staatliche Schule schickt oder auf eine private. Die eine bezahlt man indirekt mit Steuern, die andere zusätzlich noch mit einem monatlichen Beitrag. Aber die kulturelle Bestimmung beider Schulen ist die Produktion systemkonformer Arbeitskräfte. Beide Bildungseinrichtungen funktionieren  warenförmig, auch wenn wir das auf den esten Blick nicht bemerken (können, wollen). 

Abschließend: Das ist eine sehr kritische Diskussion, wie ich finde. Denn es berührt ja unsere ganz persönlichen Kulturvorstellungen. Keine wohlmeinende Mutter, kein noch so kluger Vater würde sich eingestehen, sein Kind zu uniformieren, nur weil es nach Lust und Laune von Klavieruntericht bis hin zu Reitstunden oder Fußballclub vielfältige Möglichkeiten des sich Austobens und Ausprobierens bekommt (mit oder ohne staatliche Kulturförderung). Und dennoch...

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Ehemaliger Nutzer 11.11.2012 | 11:03

Jean-Pierre Rampal konnte auch Blockflöte spielen.

Und da er tatsächlich spielen konnte auf der Blockflöte, ohne beständig behindert zu sein von seinem Unvermögen technisch wie musikalisch, konnte aus seinem Spiel auch ein kunstvolles Spiel werden: also etwas anderes als Pfeifen im Walde, den man vor lauter Bäumen nicht zu erkennen vermag.

Kunst"verständnis": auch so ein eigenartiges Wort.

Aber "Kunstfreunde", das sind meist die eigentlichen Totengräber jeder Kunst. Kann man Kunst lieben?
Besser wohl nicht - man müßte sich angesichts des noch Ungetanen schlicht ergrämen müssen.

Und das will doch keiner: Kunst soll schließlich Spaß machen wie bespaßen.

Und so wurde aus einem Kunst"begriff" letztenendes vielleicht auch sowas wie ein "Kunstgriff". Also ein Bespaßungsautomat, der über Eigenschaften einer wollmilchlegenden Eiersau zu verfügen hat.

Und so wurde, wird, und wird auch fürderhin Kunst verhandelt in den öffentlichen Refugien der kunstsinnigen Schichten eines Gemeinwesens.

lebowski 30.06.2013 | 23:08

"--fordert immerhin, was bis vor Kurzem in jedem Deutschunterricht selbstverständlich war: dass man Intellektuelle und Künstler immer wieder auffordern müsse, kritisch und widerspenstig zu sein."

 

Schöne neue Welt!  Schon komisch, wenn Politiker dazu auffordern, kritisch und widerspenstig zu sein. Das immerhin haben demokratische Politiker autoritären voraus. Die Einsicht, dass es nichts Systemstabilisierenderes gibt als Kritik.

Abends geht  man ins Kabarett, wo der Kapitalismus in lustigen Sketchen veralbert wird,  und am Morgen drauf schleicht  man sich dann wieder ins Büro, um irgendwelchen Planungszahlen zu genügen. Man darf auch gerne ein Che-Guevara-T-Shirt tragen und sich eine Fahne von seinem Lieblingsverein auf den Arbeitsplatz hängen. Hauptsache, man schuftet klaglos.