Michael Angele
12.07.2013 | 06:00 32

Lass mich dein Spion sein

Le Carré & Co Niemand will überwacht werden, aber die Geheimdienste üben eine große Faszination auf uns aus. Schuld daran trägt die Literatur

Lass mich dein Spion sein

Langsam werden die Wahrzeichen des Kalten Kriegs brüchig: die ehemalige Abhörstation der US-Army auf dem Berliner Teufelsberg

Foto: Leo Seidel/ Ostkreuz

Neulich hat sich Joachim Gauck wieder einmal unbeliebt gemacht. Sollte es sich bei den Taten von Edward Snowden um „puren Verrat“ handeln, hätte er kein Verständnis, sagte er dem ZDF. Man muss gar nicht an Gaucks umstrittenes Wirken als Pfarrer in der DDR erinnern, um festzustellen, dass aus diesem Urteil der Geist des Kalten Kriegs spricht. Das gilt auch dann, wenn man Gauck so verstehen will, dass er für einen Verrat aus idealistischen Motiven dann doch Verständnis hätte (und tatsächlich will Snowden ja so verstanden werden). Wer für Verrat an sich kein Verständnis hat, spricht als Geheimdienstler, Bundespräsident, Gesinnungsethiker, Springer-Journalist oder Verschwörer, jedenfalls nicht als Leser von Spionageromanen. Hier ist der Verrat das Strukturprinzip. Für ihn hat man immer „Verständnis“.

In den eigenen Reihen

Zwar ist die erzählerische Kraft des Verrats viel älter als der Kalte Krieg, man denke nur an die Judas-Legende, aber sie kulminiert in der heroischen Phase der Geheimdienste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit einem wohligen Gefühl las man deshalb in der Zeit, dass dieser Krieg keinesfalls vorbei sei. Die Aktualität von Verdachtslogik und „negativer Anthropologie“ belegte der Autor Adam Soboczynski mit Sigmar Gabriels wohlfeiler Parole zum Überwachungs-Skandal: „Merkel muss sagen, ob sie davon gewusst und es geduldet hat.“ Mal abgesehen davon, dass es womöglich noch beunruhigender wäre, wenn die Bundeskanzlerin wirklich nichts gewusst hat, versucht Gabriel die Massen in der Tat mit einem konspirationstheoretischen Evergreen zu empören: Der eigentliche Gegner – sagen wir ruhig, der Verräter – verbirgt sich in den eigenen Reihen.

Selbstbeschäftigung

Nun wird man das Gefühl nicht los, dass die Geheimdienste im Kalten Krieg mindestens so sehr damit beschäftigt waren, Maulwürfe aufzuspüren, wie sie versucht haben, an geheime Informationen über Dritte zu kommen, die dann vielleicht getürkt waren. Es ist nicht zuletzt dieser evidente Selbstbezug, der Geheimdienste in unserer Fantasie so abenteuerlich, zugleich aber auch harmloser macht, als die Erregungsrhetorik unserer Tage behauptet. Dieser Verdacht drängt sich umso leichter auf, als Geheimdienste über sich selbst öffentlich ja nicht sprechen und sich auch in der aktuellen Lage daran halten.

Man ist also auf schöne Literatur angewiesen. Aber das ist nicht schlimm. Es gibt eine Studie, die eindrücklich belegt, wie Fiktionen die Logik des Geheimen enträtseln: Eva Horns Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion, erschienen 2007 bei Fischer Taschenbuch. Man würde dem Buch wünschen, dass es wie 1984 (siehe unser A–Z) einen Verkaufsaufschwung erlebt.

Stellvertreterkrieg

Noch einmal gefragt: Warum ist die Agentenliteratur besessen vom Verrat? Und warum kommen darin so viele Doppelagenten vor? Eine raffinierte Antwort findet man in John le Carrés Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam. Wer das Buch gelesen hat und seinen Inhalt nacherzählen will, stolpert über das, was seine Faszination ausmacht. Alec Leamas, ein britischer Spion, quittiert zum Schein den Dienst, verkommt und wird vom DDR-Geheimdienst angeheuert.

Der vermeintliche Überläufer wird in die DDR gebracht, dort von Fiedler verhört, einem Mitarbeiter des Abwehrchefs Mundt, der von Fiedler verdächtigt wird, für die Briten zu arbeiten. Überläufer Leamas soll in langen Verhören diesen Verdacht erhärten. Tatsächlich wird Leamas von seinem eigenen Geheimdienst in einer komplizierten Intrige dazu getrieben, Mundt von diesem Verdacht zu befreien. Fiedler geht dabei ebenso drauf wie Liz, die eine Affäre mit Leamas hatte, und Leamas selbst, der sich opferte, damit Mundt nicht auffliegt. Denn Mundt ist, wie sich herausstellt, tatsächlich ein Agent des Westens.

Leamas kann Mundt, den Ex-Nazi, nicht ausstehen und gewinnt Sympathie für den jüdischen Kommunisten Fiedler, der von Mundt nicht ausgestanden wird: Wer ist hier Freund und wer Feind? Es ist die Leistung von John le Carré, dass er die Wesensverwandtschaft von Feinden und die Fragilität von politischer Freundschaft herausgestellt hat. „Du und Mundt seid doch Feinde, oder?“, fragt Liz am Ende beunruhigt.

„Spionieren unter Freunden, das gehört sich nicht“, meinte der frühere BND-Chef Hans-Georg Wieck dieser Tage. Es macht nicht den Anschein, dass er ein Leser von John le Carré ist. Anders Peer Steinbrück. Aus sicherer Quelle weiß man, dass der Kanzlerkandidat die Romane le Carrés gut kennt, und möglicherweise erklärt das auch, warum er sich im aktuellen Überwachungsskandal von Gabriel die Butter vom Brot nehmen lässt. Ob seine Zurückhaltung politisch klug ist, wird sich weisen. Nicht bekannt ist, ob Steinbrück die vergiftet-tröstliche Botschaft des Romans teilt. Im großen selbstreferenziellen Spiel der Dienste mag es skrupellos zugehen, aber das sei eben der Preis dafür, dass „poplige kleine Normalbürger wie du und ich ein sicheres Leben haben“, wie Leamas sich ausdrückt. Oder in den Worten von Eva Horn: Im Kalten Krieg führten Geheimdienste ihren Krieg „an Stelle des ‚großen Kriegs‘“.

Versammlung von Lesern

Aber was ist von dieser Beruhigung geblieben, in einer Zeit, in der ein Film wie Skyfall das große Spiel der Geheimdienste nur noch als Parodie inszenieren kann? In einer Zeit, in der die Überwachung von ein paar Büros der EU als vielleicht empörend, aber technisch geradezu als lächerliche Aufgabe erscheint im Vergleich zur Überwachung von feindlichen Gruppierungen, die dezentral und nur lose informell operieren und mit dem „Dschihad-Experten“ einen neuen Typus von Interpreten hervorgebracht haben? Überhaupt scheint es, dass der Stand der Überwachungstechnik der Faszination am Geheimdienst gehörig ans Zeug flickt.

Es mag ja einen leichten Schauer erzeugen, wenn man nun hört, dass das Tempora-Programm des britischen Geheimdienstes schlichtweg „alle Daten aufsaugt, egal worum es geht“. Aber es braucht schon die ganze Kraft der Übersetzung, um uns zu erklären, was mit der Metapher „aufsaugen“ genau gemeint ist, und es trägt auch nicht gerade zur mythenbildenden Kraft bei, dass der britische Geheimdienst GCHQ heißt. GCHQ, das klingt wie eine Kriegserklärung an die bezaubernde Vorstellung vom Geheimdienst als einer Versammlung von kundigen Lesern.

Was immer das Lesen von Literatur sein mag, so dachte man, es ist immer dann ein Akt von Spionage, wenn es mehr will als nur buchstäblich verstehen: Was will uns der Autor damit in Wahrheit sagen? Worin liegt der tiefere Sinn in diesem Gedicht? Ist es nicht eigentlich eine Allegorie auf die Finanzkrise? – Alles Fragen der Hermeneutik. So wie umgekehrt in den Geheimdiensten, so dachte man, Leser im emphatischen Sinn arbeiten. Leser, die eine vermeintlich harmlose Äußerung mit Geschick und Geduld als Befehl zu einem Attentat dechiffrieren können.

CIA innerhalb der CIA

Gewiss besteht dieses Lesen dann nur in seltenen Fällen aus dem Lesen von Romanen, aber es kommt vor. „I work for the CIA. I am not a spy. I just read books“, stellt sich der Held in Sydney Pollacks Thriller Die drei Tage des Condor vor. Condor und seine Mitarbeiter arbeiten unter dem wunderbaren Namen „American Literary Historical Society“ an der Dechiffrierung der Agenten-Literatur. Sie suchen nach geheimdienstlich relevanten Zeichen, nach einem Plot, der zu einem realen Szenario führen könnte. Condor wird fündig und kommt – natürlich – einer geheimen CIA innerhalb der CIA auf die Spur, die eine verdeckte Operation zur Sicherung der Ölquellen plant.

Er kann sich vor den eigenen Leuten retten und übergibt seine Geschichte der New York Times. Der unter dem Eindruck der Watergate-Affäre entstandene Film ist ein emphatisches Werk der Aufklärung, das um den nachrichtendienstlichen Kern des Begriffs weiß. Man fühlt sich abermals an den ‚guten Verräter‘ Snowden erinnert, verfolgt seine Geschichte fasziniert als eine Art Revival des Kalten Kriegs und fragt sich etwas desillusioniert, ob in Zukunft dann auch Computerprogramme Verrat begehen können?

Um diese Frage zu beantworten, muss man zeitlich wohl noch vor den Kalten Krieg gehen. Zum Ersten Weltkrieg. Zu Mata Hari, die 1917 als Doppelagentin in Frankreich hingerichtet wurde, obwohl bis heute ungeklärt ist, ob sie überhaupt spioniert hat oder ob diese Rolle nicht in einer Reihe mit ihrer Inszenierung als orientalische Tänzerin und Kurtisane zu sehen ist. „Käufliche Liebe und Spionage, das älteste und das zweitälteste Gewerbe der Welt, werden zur Kippfigur“, schreibt Eva Horn. Was ist Schein? Was Sein? Dort, wo sich diese Frage unmöglich beantworten lässt, bleibt es spannend.

Kommentare (32)

rechercheuse 12.07.2013 | 06:30

authetizität und geheimdienst -

wie das wechselspiel von feuer und wasser - muss ich mich vor dem verbrennen oder dem ertrinken retten?

 

ewig spannende fragen und wenig verbindliche antworten >>> adrenalin+doppelt geld kassieren ... für viele "extremsportler" das lebenselixier

 

ein gegenstück ist der "kuß der spinnenfrau" wo ein spion aus liebe die seite wechselt

Dersu Usala 12.07.2013 | 11:25

Ein ketzerischer Vergleich: Die Öffentlichkeit wehrt sich gegen den Ausbau der Überwachungsmöglichkeiten, Vorratsdatenspeicherung, PRISM, INDECT, Gendatenbanken, Mautkameras etc. Das aktuelle Problem für die Persönlichkeitsrechte/Bürgerrechte/Demokratie ist dabei weniger der existierende Missbrauch, sondern die wachsenden Möglichkeiten zum Missbrauch. Der Missbrauch (die Straftat) soll verhindert werden, bevor seine Ermöglichung real wird.

Mit dieser Begründung gehen auch die Geheimdienste ihrer Arbeit, verhaften Straftäter, die ihre Tat noch gar nicht begangen haben.

Nils Markwardt 12.07.2013 | 12:20

Insofern man dem Unbewussten der Sprache folgt, könnte man ja auch fast sagen, dass Literatur per se etwas spionageartiges, zumindest intrigantes innewohnt. Denn im Englischen und Französischen bedeuten "plot" und "intrigue" ja gleichermaßen Handlund wie Verstellung. Und nimmt man z.B. Schiller, so sind Don Karlos, Der Geisterseher Fiesco, selbst Wilhelm Tell gewissermaßen Spionagestücke avant la lettre. (Man wünschte sich er hätte auch noch sein Polizey-Fragment fertig gestellt).Umso komischer, dass die Literaturwissenschaft Thriller und Spionageromane tendenziell noch immer nur mit spitzen Fingern anfasst. Ausnahmen wie Peter von Matt bestätigen da wohl die Regel.

Tollschock 12.07.2013 | 12:33

Geheimdienst ist faszinierend? Ja ist klar ich mag es verraten und verkauft zu werden. Ich bespitzel gern Menschen aus meinem Umfeld und auch ansonsten mag ich Menschen die alles besser können als andere.

Das ist nicht so ganz mein Zugang zu dieser Sorte Mensch die da am wirken ist. Man benötigt schon ziemlich viel charakterliche Merkmale um diesen "Dienst" zu versehen. Es sind eher die nicht so positiven Merkmale zumindest für mich. Das ist ja nicht die Polizei sondern das ist sozusagen die 5te Kolonne. Denn sie entzieht sich weitestgehend der Kontrolle durch den Wähler und selbst nur wenige Politiker haben Einfluß auf das Geschehen innerhalb dieses verschworenen Zirkels. Auch tauchen nirgendwo Rechenschaftsberichte auf die eine wirkliche Kosten-Nutzenrechnung zulassen. Aber diese Frage stellt sich natürlich nicht in Zeiten des bösen Terrorismus aus dem nahen Osten obwohl der Ursprung doch im Westen liegt. Direkt sind ehemalige Kolonialmächte darin verstrickt und auch die ehemalige englische Kolonie im Westen hat nur imperialen Dünkel. Die westlichen Alliierten haben mehr Tote zu verantworten als jeglicher Terror (die Nazis und Stalin mal ausgenommen) der islamischen Welt. Der Tod ist also folglich eher ein Begleiter der ach so tollen kapitalistischen Systeme anglophiler Ausprägung. Daraus folgt auch das deren Spionageapparat am größten sein muss. Denn wer soviel Gewalt in die Welt bringt hat natürlich viele Feinde. 

Ich bin kein Freund der Gewalt. So ist die islamische Variante der Selbstverwirklichung durch Terror widerlich. Jedoch wird deren Grausamkeit bei weitem durch die legitimierte Gewaltpolitik der Nato wie auch anderer Staaten übertroffen. Der Irak zeigt sehr deutlich das der Anlass dieser Eroberungskriege sehr niederer Natur ist. Klar Saddam war ein Despot und extrem grausam jedoch haben die amerikaner es wieder einmal geschafft ein Land im Chaos versinken zu lassen. Es wurde nichts gewonnen aber vieles zerstört. Und wenn man fertig ist dann schnell feige verpieseln und den Irak wie damals Vietnam im Dreck liegen lassen. Die Spionage spielt doch mit der Politik zusammen ein dreckiges Spiel und wir alle wählen diesen Dreck auch noch. Manchmal ist es schwierig das alles noch hinzunehmen ohne wirklich wütend zu sein. Es versaut einem aber häufig den Tag wenn man wieder einmal grinsend angelogen wird und der Lügner auch noch dreist behauptet die Wahrheit nicht zu kennen.

Hans Springstein 12.07.2013 | 13:56

Bedenkenswerte Gedanken. Eva Horns Buch steht seit langem in meinem Regal. Ich werde es wohl demnächst endlich lesen.

Und ich muss gestehen, die Geheimdienste haben schon etwas Faszinierendes. Diesem Bann zu widerstehen kostet etwas intellektuelle Kraft. So ging es mir jedenfalls. Ein Freund von mir war mal aktiv dabei, als ein Geheimdienst aufgelöst wurde, eben das vermeintlich allmächtige Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Die konkrete Realität schien wenig gemein zu haben von der fantasiegesteuerten Vorstellung davon. Ich denke, das gilt für alle Geheimdienste.

balsamico 12.07.2013 | 14:26

Niemand will überwacht werden, aber die Geheimdienste üben eine große Faszination auf uns aus. Schuld daran trägt die Literatur.

 

Auch das wird man, Snowden sei Dank, überdenken müssen, ebenso Julius Cäsars Wort, dass man den Verrat liebe, aber nicht den Verräter. 

 

Dass geheimdienstliche Tätigkeit und die im Zusammenhang damit stehenden Verhaltensweisen von Menschen gerne literarisch verarbeitet werden hat einen einfachen Grund: Die Spannung, die den Leser ans Buch fesselt bzw. fesseln soll, ist sofort da und muss nicht erst mühsam aufgebaut werden. Außerdem fallen dank des Genres inhaltliche Schwächen weniger stark auf als bei anderen Sujets.

 

So gern ich Krimis lese, auch solche die mit Geheimdiensten zu tun haben, so sehr bin ich davon überzeugt, dass "der Fall" Snowden damit nichts zu tun hat. Snowden ist kein Spion, sondern ein Nerd, der in ein Wespennest gestochen hat, mit allen Folgen, die das hat, sowohl für die Wespen als auch für ihn selbst. Verräter sind andere Typen.

 

Der Hauptunterschied zu einschlägigen Romastoffen ist, dass bei Snowden nichts verpackt, verborgen, verschleiert oder verhüllt wird, sondern dass bei ihm das genaue Gegenteil geschieht: nämlich dass offengelegt und bewusst gemacht wird, mit welcher Kaltschnäuzigkeit sich die Geheimdienste des Privaten schlechthin bemächtigen, vorgeblich zur Bekämpfung des Terrorismus, in Wirklichkeit, weil ihnen das Private schon immer ein Dorn im Auge war, weil es ein Bereich ist, der sich per se ihren Blicken zu entziehen trachtet, und was ihnen maßlos stinkt, weil sie das Vorhandesein solcher Bereiche von ihrem Selbstverständnis her nicht dulden können, denn darin könnte ja hinter ihrem Rücken alles Mögliche ausgeheckt werden. Und wo kämen wir da hin?

 

Aber wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Geheimdienste dank moderner Technik das Private unter den Nagel reissen. Wir müssen ihnen sehr deutlich klarmachen, wo ihre Grenzen sind, die sie zu respektieren haben. Das hat nichts mit einem Agententhriller zu tun, sondern ist von allen Demokraten zu leistende Knochenarbeit, in der wir nicht locker lassen dürfen. Die Methoden der Geheimdienste müssen ans Licht gebracht, hinterfragt und en detail geregelt werden. Das ist kein Stoff für einen Roman sondern eher für ein furztrockenes Lehrbuch in Verwaltungsrecht!

 

Ich habe heute morgen im DLF einen US-Geheimdienstler, dessen Namen nicht genau gehört habe, sagen hören (sinngemäß):

Erstens:

Es ist richtig, dass die USA spionieren.

Zweitens:

Der Verfassungsartikel, der es uns verbietet, Amerikaner auszuspionieren, ist kein internationaler Vertrag (ergo ist es uns erlaubt, z.B. Europäer auszuspionieren).

Drittens:

Wenn die Europäer meinen, sich über uns aufregen zu sollen, dann mögen sie einmal gucken, was ihre eigenen Geheimdienste so treiben. 

 

Damit sollten wir den Mann beim Wort nehmen. Wir sollten gucken, was unsere Geheimdienste machen und außerdem dafür sorgen, dass niemand, egal welcher Nationalität er ist, von irgendwelchen Geheimdiensten anlasslos ausgeschnüffelt wird. Wenn er in einen bösen Verdacht geraten ist und ein zur Beurteilung des Verdachts ausgebildeter Richter zu der Auffassung gelangt, man müsse sich um ihn kümmern, ist es etwas anderes. Aber die Menschen anlasslos und flächendeckend auszuspionieren - das geht nicht. Das gehört auch nicht in Romane verpackt sondern laut undschonungslos angeprangert.

 

IronCandy 12.07.2013 | 15:22

Geheimdienste machen Demokratie steuerbar und Imperialismus ohne Krieg möglich.

 

Es ist nicht im geringsten verwunderlich dass Geheimdienste extrem weiß gewaschen werden in jeglicher Form, denn Sie sind systemrelevant.

James Bond ist in dieser Hinsicht wie Jesus, eine Person hinter der sich tausende von Meuchelmördern, Drogendealern, Fundamentalisten, Faschisten und Massenmörder verstecken können.

Denk nicht drüber nach was der CIA tut! Seht euch lieber die CIA Tussi aus dem neuen Bond-Film an.

Und wenn doch mal was passiert egal wer es war: Der CIA wars!

Dass fasst alle Geheimdienste der NATO-Länder und etliche Halbkolonien des Westens bereits zu einem großen Kongolmerat der Totalüberwachung verschmolzen sind ist auch egal.

Der CIA wars und der tötet ja nur Verrückte irgendwo in Somalien!

 

@Topic Ich glaube nicht dass die Menschen wirklich von Geheimdiensten fasziniert sind.

Es ist vermutlich eher so dass Sie sich zu einem Zerrbild dessen hingezogen fühlen(was in der "Kultur" von heute propagiert wird), denn was die Literatur mit der Wirklichkeit gemein hat ist meistens auf einige Äußerlichkeiten bzw. technische Vorgehensweisen beschränkt und beleuchtet in keiner Weise die wirkliche Motivation bzw. Verflechtung der Geheimdienste innerhalb des Establishments.

 

balsamico 12.07.2013 | 16:31

@Balsamico.  Vieles richtig, aber Snowden wird nun mal schon als Verräter bezeichnet - auch ex negativo, dass er eben keiner sei. Und natürlich hat er ganz nüchtern gesagt, Geheimnisse verraten.

Da bin ich nicht so sicher. Soviel ich weiss, hat er bisher nur Methoden und Arbeitsweisen der NSA verraten. Ich weiss nicht, ob das in den USA als Geheimnisverrat zu bewerten ist. In Deutschland eher nicht. Da wäre wohl § 94 StGB einschlägig, welcher lautet:

(1) Wer ein Staatsgeheimnis

1. einer fremden Macht oder einem ihrer Mittelsmänner mitteilt oder

2.sonst an einen Unbefugten gelangen läßt oder öffentlich bekanntmacht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen,

und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland herbeiführt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) In besonders schweren Fällen ist die Strafe lebenslange Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter

1. eine verantwortliche Stellung mißbraucht, die ihn zur Wahrung von Staatsgeheimnissen besonders verpflichtet, oder

2. durch die Tat die Gefahr eines besonders schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland herbeiführt.

*

Davon ist er doch ziemlich weit entfernt, wenn ich es richtig sehe. Sicherlich wird er aber irgendwelche privaten Verpflichtungserklärungen unterschrieben haben (er war ja nicht beim Staat beschäftigt), wonach er sein Wissen nicht an die große Glocke hängen durfte. Ob das den Vorwurf des Geheimnisverrats trägt, wage ich zu bezweifeln. Vertragsverletzung, fraglos. Rauswurf auch; evtl. Schadensersatz, weil man umdisponieren muss. Aber Spionage oder Geheimnisverrat? Aber das ist ja auch nur der Vordergrund des Problems. In ein paar Tagen ehren wir die Männer des 20. Juli als Helden. Alles - nach dem Gesetz - glatte Hochverräter. Ok, die NSA ist nicht Hitler. Aber auch sie handelt gegenüber Millionen von Menschen höchst verwerflich. Das spricht für Snowden.

Magda 12.07.2013 | 17:59

Ist es denn Geheimnisverrat, wenn man "glaubt", was viele jetzt behaupten? Es sei ja alles bekannt. Dann sind in der Tat nur noch die Methoden geheim, mit denen ausspioniert wird. In dem von Ihnen favorisierten Cicero-Beitrag wird ja auch konstatiert, dass Snowden nichts Neues verraten hat. Von daher müsste man ihn bestrafen für die Bewusstmachung von Dingen, die ohnehin bekannt sind.

http://www.cicero.de/weltbuehne/edward-snowden-nsa-skandal-fachkreisen-war-niemand-ueberrascht/54999

Ich denke bei Geheimdiensten auch weniger an Faszinierendes oder an das 007 Kaschperltheater.

Ich habe zu DDR-Zeiten mit Interesse die Erinnerungen von Ruth Werner,http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Werner

der Schwester des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers Jürgen Kuczynski, gelesen "Sonjas Rapport". Sehr zu empfehlen. In der DDR kannte das Buch fast jeder. Sie stand im Dienste der GRU.  http://de.wikipedia.org/wiki/Glawnoje_Raswedywatelnoje_Uprawlenije 

und hat schon in einem früheren Buch - "Ein ungewöhnliches Mädchen" - die "Abenteuer" des Kundschaftens beschrieben. Woher kriegt man in Shanghai jener Zeit Draht für eine Radioröhre? Sie hat Kupferröhren um eine Bierflasche gewickelt. Wie bringt man unauffällig eine Antenne an, wenn der Hauseigentümer das nicht merken darf. Wie versorgt man ein Kleinkind bei diesem Geschäft. Das war noch ein Vielseitigkeitsjob und immer von Todesgefahr begleitet. 

In Shanghai kannte sie Richard Sorge. http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Sorge

Später agierte sie in der Schweiz, wo sie für Sandor Rado,  http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor_Rad%C3%B3

 einem Mitglied der "Roten Kapelle, http://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Kapelle

 funkte.

In seinen Aufzeichnungen erklärte Rado, dass die wichtigste Arbeit des Kundschaftens das Analysieren ganz öffentlicher Dokumente ist. Er hatte in Genf eine karthographische Agentur und gewann dort sehr viele Erkenntnisse, die er an die GRU weiterleitete.

Ruth Werner war auch in Großbritannien tätig. Ich will nicht alles ausbreiten. 

Das Leben von Ruth Werner war ein einziges, gefährliches Abenteuer. Sie war immer verschwiegen, aber die erste und einzige "Parteistrafe" wegen Vernachlässigung von Wachsamkeit erhielt sie in einer DDR-Dienststelle, weil sie wohl irgendwelche Geheimdokumente aus Versehen nicht in den Panzerschrank geschlossen hatte. So ist das Leben.

Aber Ruth Werner, die dem Stephan Hermlin mal eine Ohrfeige angedroht haben soll, weil der sich als "spätbürgerlicher Schriftsteller" sah, was sie dekadent oder was weiß ich fand, war bestimmt keine Mata Hari. Eher wohl eine  sehr pflichtbewusste, sehr prinzipielle Person, nicht zu erschüttern.  Sie war Oberst der Roten Armee und als sie 2000 starb war auch ein Gesandter der Russischen Föderation bei der Beerdigung zugegen.  Das Leben ist spannender als so sehr ausgedachter Kram. 

 

rechercheuse 13.07.2013 | 10:35

Denk nicht drüber nach was der CIA tut! Seht euch lieber die CIA Tussi aus dem neuen Bond-Film an.

 

für mich sind eindeutig das propaganda-filme mit dem unterhaltungs"wert" der subtilen gehirnwäsche

 

mir ist schon ganz übel geworden, als ich "tatorte" und andere filme vor der jauch-sendung inhaltlich "abgestimmt" .... ouvertüre - emotionale einstimmung >>> verfestigung durch gebetsmühlenartiges alibi-("freie")meinungsgecastete-tendenz-diskussion ... nach dem modernsten gehirnwäscheprogramm präsentiert sah ...

anne mohnen 13.07.2013 | 11:09

Lieber Herr Dr. Angele,

das sehe ich auch so. Snowdon hat ein Geheimnis verraten, denn er arbeitete für ein Unternehmen, das, hier verwende ich einen Ausdrucks Dwights  Eisenhowers, zu einem (inzwischen riesig aufgeblähten, undurchsichtigen) militärischen-industriell Komplex gehört. Mit seiner berühmten Rede von 1961 lenkte der ehemalige Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg und 34. Präsident der USA den Blick weg von der klassischen Spionage-Suspense-Story. Allerdings kenne ich die Romane von le Carré zu wenig, um zu wissen, ob sie bereits etwas mit der Snowdon-Umgebung Booz Allan Hamilton zu tun haben.  Ihre Einlassung finde ich anregend genug, um mir demnächst einmal das Buch von Eva Horn vorzunehmen.

 

 

LG am

otto8 13.07.2013 | 13:30

Im Kalten Krieg führten Geheimdienste ihren Krieg „an Stelle des ‚großen Kriegs‘“.

Eine recht positive Lesart. Zu den großen Problemen des Kalten Kriegs gehört, dass er vom Westen gewonnen wurde und die Sieger es deshalb unterlassen hat,  sich kritisch mit all seinen Instabilitäten auseinanderzusetzen. So entsteht das irrige Bild einer cool & planvoll gewonnenen Schlacht. Wen interessiert noch die Kubakrise? Und wenn's schiefgegangen wäre, würden wir hier eh nicht mehr drüber diskutieren können.

Agententätigkeit ist mindestens genauso kriegsvorbereitend wie kriegsverhindernd. Insofern ist es doch die Frage, ob der Kalte Krieg momenan die richtige Gegenwartsfolie abgibt oder eher die Jahre vor 1914. Das sollte auch mal geschrieben werden von all den Leuten, die sich für literarische Mechanismen im Secret Service begeistern. Interdisziplinäre Lesarten und kulturwissenschaflicher Ansatz sind absolut legitim. Der Gegenstand ist aber genauso unschuldig wie bspw. eine V2-Rakete.

balsamico 13.07.2013 | 16:09

Snowdon hat ein Geheimnis verraten, denn er arbeitete für ein Unternehmen, das, hier verwende ich einen Ausdrucks Dwights  Eisenhowers, zu einem (inzwischen riesig aufgeblähten, undurchsichtigen) militärischen-industriell Komplex gehört.

Geheimnisverrat hängt jedenfalls hierzulande nicht davon ab, für wen jemand arbeitet. Es muss auch schon ein Staatsgeheimnis sein, bevor die einschlägigen Bestimmungen in den Blick geraten. Was ein Staatsgeheimnis ist, ist in § 93 StGB definiert, nämlich:

 (1) Staatsgeheimnisse sind Tatsachen, Gegenstände oder Erkenntnisse, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich sind und vor einer fremden Macht geheimgehalten werden müssen, um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden.

(2) Tatsachen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung oder unter Geheimhaltung gegenüber den Vertragspartnern der Bundesrepublik Deutschland gegen zwischenstaatlich vereinbarte Rüstungsbeschränkungen verstoßen, sind keine Staatsgeheimnisse.

Wenn eh alles bekannt war, was NSA & Co so treiben, hat er schon mal keine Geheimnisse ausgeplaudert, geschweige denn solche, die  vor einer fremden Macht geheimgehalten werden müssen, um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit des Staates abzuwenden. Ich weiss freilich nicht, ob die USA eine andere Auffassung dazu haben, was im strafrechtlichen Sinne ein Geheimnis ist, aber bevor man das nicht weiss, sollte man mit dem Verdikt "Geheimnisverrat" vorsichtig sein.

anne mohnen 13.07.2013 | 16:35

Die Pointe der Entwicklung ist doch, dass Firmen, und ich verlinkte auf das Unternehmen, für das Snowdon tätig war, zu diesem industriell-militärischen Komplex gehört. So ein Unternehmen handelt bzw. arbeitet bzw. nicht mehr, wie noch in dem Video mit D. Eisenhower gezeigt wird, mit Flugzuegen, sondern mit „Sicherehit“.

Es mag hierzulande beim Geheimnisverrat noch differenziert werden, in den USA käme er ja auch nicht vor ein Militärgericht, so betrachten die USA die Angelegenheit wie/als den Verrat von Staatsgeheimnissen.

Im übrigen fehlt mir jedes juristisches know-how um eine weitere Beurteilung abgeben zu können, wie das dann beahndelt würde.

LG am

Tollschock 14.07.2013 | 21:10

@Ironcandy

Geheimdienste gelten zum einen der Informationsgewinnung von Informationen die nicht öffentlich zugänglich sind. Desweiteren dienen sie dazu andere Geheimdienste (bzw. deren Aktionen) abzuwehren und um illegale Dinge auszuführen die nicht öffentl. werden sollen wohl aber dem Staate dienen.

Was eigentl. grundsätzlich irre erscheint ist das die ganze Welt unter Generalverdacht gestellt wird. Der vorgeschobene Terrorismus der islamischen Szene wird nur allzugern vorgeschoben um endlich umfassend alles und jeden belauschen zu können weil nahezu unerschöpfliche Mittel aus dem privatwirtschaftlichen Bereich staatlich finanziert werden. Schon lange gewollt nun endlich umgesetzt. Das ist eine lukrative Geschichte die da im Umfeld der NSA und CIA und anderen Geheimdiensten läuft. Schnüffeln und Security sind ein Milliardenmarkt.

Michael Angele 15.07.2013 | 09:41

@Magda.  "Das Leben ist spannender als so sehr ausgedachter Kram. " Ich weiß nicht, was wollen Sie damit sagen? Kein Mensch zweifelt daran, dass Ruth Werner eine interessante Figur ist. Das gleiche wäre über Kim Philby zu sagen.  Tinker, Tailor, Soldier, Spy von Le Carré, der auf der Philby-Figur beruht, ist aber trotzdem nicht weniger spannend :)

 

Und: "In dem von Ihnen favorisierten Cicero-Beitrag wird ja auch konstatiert, dass Snowden nichts Neues verraten hat."

Das ist eben nur halb richtig. Der Ciciero Online-Artikel maßt sich an zu behaupten, dass Snowen nichts Neues für Insider gesagt habe. Kann sein, kann nicht sein. Entscheind ist aber, und auf diese Differenz weist der Artikel hin, dass es darüber keinen öffentlichen Diskurs gab.

Michael Angele 15.07.2013 | 09:52

Will hier auch nicht den Rechthaber abgeben, aber wie sehr Snowden mit dem Thema des Verrats verknüpt wird, geht aus dieser kommentierten Presseschau der amerikansichen Medien hervor:

 

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/edward-snowden-und-die-us-medien-a-911097.html

Besonders viel Wasser gießt diese Headline auf die Mühle:

"Politico, titulierte Snowden als "Nichtstuer, der aus der Kälte kam".

balsamico 15.07.2013 | 10:00

@Balsamico. Irgendwas sträubt sich in mir dagegen, Snowden mit Stauffenberg und Mitverschwörer zu vergleichen. Weiß nicht genau, was. Aber es sträubt sich schon sehr.

Sicher. Vergleiche hinken ja meistens, manche mehr, manche weniger. Meiner hinkt vielleicht mehr, zugegeben. Aber wenn man ein bisschen nachdenkt, ist er gar nicht so abwegig. Denn es kommt ja nicht nur auf die objektiven Umstände an, sondern maßgeblich auch auf die Motive des bzw. der Täter. Und da gibt's dann schon Parallelen, insofern als sich Staufenberg wie Snowden berufen sahen bzw. sehen, der Menschheit einen Dienst zu erweisen und dieses Anliegen über das Gesetz stellten bzw. stellen. Snowden's Tat auf die schnöde Tat eines ordinären Geheimnisverräters zu reduzieren, halte ich jedenfalls für problematisch. Da ist mehr dahinter. Natürlich gibt es sog. "Überzeugungstäter," deren Überzeugung einfach falsch ist. Aber bei Snowden bin ich mir da nicht so sicher.

oi2503 17.07.2013 | 09:28

Wenn du so freundlich wärst, das "uns" durch ein "ich" zu ersetzen: "...aber die Geheimdienste üben eine große Faszination auf uns mich (also dich, MA) aus."

Und mir dann noch erklärst wo du denn den Verrat bei Edward Snowden siehst. Verrat an präfaschistischen Strukturen und deren Repräsentanten? Oder ist das nicht eigentlich nur die simple Aufdeckung einer fortgesetzt kiminellen Handlung? Ist in diesem Sinne investigativer Journalismus auch Verrat? Wurde Augstein der ältere dann 1962 eigentlich zu Recht in den Knast verbracht?

Best, Oi