Michael Angele
21.01.2013 | 10:30 33

Lunik 9 sehen oder nicht

Kulturhauptstadt Košice ist stolz auf seine multikulturelle Geschichte und Gegenwart. Aber gilt das auch für die Roma? Von den Zweifeln und Obsessionen einer Pressereise

Nur von der Vizebürgermeisterin kam nichts zu den Roma. Eine Viertelstunde saß sie den Journalisten aus Deutschland in diesem altehrwürdigen Rathaussaal gegenüber, neben ihr saß der Projektmanager und erklärte die Kulturhauptstadt. Skizzierte die Verteilung der 60 Millionen Euro, die aus Europa geflossen waren, sprach von der Multikultur, die schon lange in Košice ist, und der Kreativwirtschaft, die bald kommen würde, katapultierte die Stadt mit einem „unser Motto: Interface Košice“ von der Donaumonarchie über den Realsozialismus ins 21. Jahrhundert und gab bekannt, dass man nach der Kulturhauptstadt den Titel einer „Unesco City of Media Arts“ anstrebe.

Während der Projektmanager mit der monotonen Stimme eines Bürokraten die ambitionierten Ziele referierte, saß die junge und sehr blonde Vizebürgermeisterin da, spielte mit ihrem aufregenden Mund, mit ihren grazilen Fingern und sah den Redner kalt an: Was für ein Idiot. „Am Ende müssen die Zahlen stimmen“, sagte sie, als der Unfähige seine Rede beendet hatte, dann rauschte sie ab, Termin mit dem Bürgermeister. Man wird von Renáta Lenártová noch hören, da bin ich mir ziemlich sicher. Nicht so sicher bin ich, was sie zu den Roma gesagt hätte, wenn wir sie gefragt hätten. Und wir hätten sie gefragt. Wir haben ja alle gefragt.

In Metzenseifen

Während des Fluges hatte es angefangen. „Ich habe beschlossen, dass wir nicht nach Lunik 9 fahren“, sagte mir die kundige Reiseleiterin. „Dieser Voyeurismus muss nicht sein.“ Ich nickte. Auf YouTube gebe es Videos, die zeigten, wie hoch der Müll zwischen den Plattenbauten steht. Ich nickte wieder, obwohl ich die Videos nicht kannte. Aber ich hatte von Lunik 9 bei Karl-Markus Gauß gelesen, dem österreichischen Schriftsteller. Eigentlich wollte ich das Roma-Ghetto an der Peripherie der 250.000 Einwohner-Stadt Košice unbedingt sehen, aber ich wollte kein Voyeur sein. Ist das möglich?

Zur Kulturhauptstadt gehört die Umgebung von Košice. Am nächsten Tag fuhren wir ins ostslowakische Erzgebirge. Kurz vor Medzev fuhr der Bus an einer Hüttensiedlung vorbei, in deren Mitte zwei elende Plattenbauten standen. Anstelle der Eingangstüren klafften schwarze Löcher, aus denen Frauen mit Kindern auf dem Arm einen Polizeieinsatz beobachteten. Am Rand der Siedlung waren ein paar bunte Häuser mit kleinen Gärten zu sehen.

Medzev, auf Deutsch Metzenseifen, ist ein Dorf mit einer Hauptstraße, die gerade von ein paar Roma gekehrt wurde. Wir näherten uns den Frauen und Männern scheu, wurden unbefangener, demonstrierten unsere Unbefangenheit, alberten rum, schossen Fotos und erfuhren, dass sie für ihre Arbeit von der Kommune bezahlt werden. Sie nannten uns eine geringe Summe. Wir hätten gerne mehr erfahren, aber auf uns wartete Rudolf Schuster. Schuster ist ein Mann, der größer wirkt, als er ist; er war der erste Staatspräsident der slowakischen Republik nach der Trennung von Tschechien. Schuster ist aber auch Museumsdirektor. Geboren in Metzenseifen, hat er sein Geburtshaus zu einem Museum für Filmkameras umfunktioniert. Es erinnert an seinen Vater, der in den zwanziger Jahren ins Amazonasgebiet aufgebrochen war, um die Indianer zu filmen. Der Sohn hat den Film des Vaters rekonstruiert und ein Buch darüber geschrieben. Schuster hat viele Bücher geschrieben. Einen Schnaps hat er auch erfunden und damit Hillary Clinton getröstet. Die Neugierde des Schriftstellers, der Charme des Diplomaten und die List des Dörflers; all das ist in seine Gesichtszüge eingegangen. Schuster ist ein Karpaten- oder Zipser-Deutscher.

„Wir hatten es im Sozialismus schwer“, sagte er. Er hatte es dennoch geschafft und wurde in den achtziger Jahren Bürgermeister von Košice. Man nannte ihn den Gorbatschow der Slowakei. Unter Schuster wurden die Roma aus der Altstadt nach Lunik 9 umgesiedelt, sie kamen aus maroden Häusern in recht komfortable Neubauten, die Idee galt als fortschrittlich. Heute gibt es in den Wohnungen kein fließend Wasser mehr. Die Stadtverwaltung von Košice hat es einfach abgestellt, nachdem die Rechnungen längstens nicht mehr bezahlt wurden, oder nicht bezahlt werden konnten, je nachdem, wen man dazu hört. Aber von dieser Katastrophe erfuhren wir erst später, und so assoziierten wir nichts, als Schuster erzählte, wie er als Bürgermeister das knappe Wasser von Metzenseifen ins 30 Kilometer entfernte Košice geleitet hatte, was ihn in der Stadt beliebt, in seinem Dorf jedoch unbeliebt gemacht habe.

Dennoch wollten wir seine Meinung zur Lage der Roma erfahren. „Man müsste die Kinder in Internatsschulen stecken“, sagte er, weg von den Eltern, denen jeder Gedanke an Bildung fern liege. Den Teufelskreis durchbrechen. Wir sollten diese Antwort noch öfter bekommen. Er meine das nicht abschätzig, sagte Schuster, er sei selbst in ein Internat gegangen (und man sah ja, wie weit er es gebracht hatte). Aber mehr wollte Rudolf Schuster nicht über die Roma sagen, lieber zeigte er uns den Garten, in dem er Hillary Clinton verköstigt hatte.

Ein wenig Disziplin

Später kam die Bürgermeisterin von Metzenseifen dazu. Wir konfrontierten sie mit dem geringen Lohn für das Kehren. Sie bestätigte die Summe und wechselte rasch das Sujet. Es half ihr aber nicht, denn einer von uns sprach sie auf das Elend an, das wir vom Bus aus gesehen hatten. Dazu könne sie nichts sagen, die Siedlung liege auf dem Gebiet des Nachbarorts. Sie hatte es nun eilig wegzukommen, offenkundig war man nicht an den Sehenswürdigkeiten ihrer Gemeinde interessiert.

Dabei gibt es ja was zu sehen. Metzenseifen ist nicht nur die Wiege des slowakischen Dokumentarfilms, sondern auch die Heimat der Hammermühle. Und es gibt in diesem weltverlorenen Ort ein Kunst-Kaffee. Aber natürlich war es nicht die aktuelle Ausstellung mit Pop-Art des Besitzers und Künstlers Helmut Bistika, die unsere Gespräche beherrschte, sondern Äußerungen seines Großvaters. Auf die sich nun wie von selbst einstellende Frage nach der Lage der Roma hatte er in einer Sprache geantwortet, die man nicht mehr für möglich gehalten hätte. Der Satz „Ein wenig Disziplin hat noch keinem geschadet“ war der harmlosere Ausdruck einer von Zucht und Ordnung geprägten Weltsicht. Wie viele mochten insgeheim so denken wie er? „Der arme alte Mann“, sagte der Fernsehjournalist K.

Als wir später wieder an der Roma-Siedlung vorbeifuhren, fotografierten ein paar von uns. Einzelne rutschten dazu auf die andere Seite des Busses, andere schienen sich bewusst dagegen entschieden zu haben, auch ich, der ich von meinem Entschluss einerseits kein Aufhebens machen wollte und andererseits einen lächerlichen Stolz entwickelte. So klar es war, dass die meisten später nur am Rand über die Roma schreiben würden – man sollte ja von der Kulturhauptstadt berichten –, so offenkundig war es, dass die „Roma-Frage“ uns gepackt hatte. Klar, wer so sehr mit der mulitkulturellen Identität wirbt, wie die Kulturhauptstadt Košice, muss sich fragen lassen, wo in diesem Konzept die sichtbarste und nach den Ungarn zahlenmäßig zweitgrößte Minderheit bleibt. Es gibt das Romathan-Theater von Karel Adam, einem beeindruckenden Mann, das war‘s dann schon.

Ein Modethema

Aber unsere Obsession ging tiefer. Sie war Ausdruck einer großen Ratlosigkeit. „Sie wollen sich eben nicht integrieren“, wurde uns immer wieder gesagt. Die Leute sagten es nicht aggressiv oder abfällig, sondern als sei es eben einfach so. Etwas sträubte sich gegen diese Sicht, aber wir spürten schon auch, dass es keine „einfachen Lösungen“ gibt (natürlich ist schon das Wort Lösung idiotisch). Und so wurden wir empfänglich für Sätze wie die des Schriftstellers Dušan Šimko, der uns durch die Kulturgeschichte seiner Geburtsstadt führte (er lebt in Basel) und auf die obligate Frage nach der Lage der Roma lakonisch meinte, es sei ihnen wohl im Sozialismus am besten ergangen. Damals gab es Arbeit für alle. Heute sind fast alle Roma arbeitslos.

Kann man es Šimko verdenken, dass er uns nicht durch die Stadt führte, um uns über die Roma Dinge zu sagen, die er vielleicht auch nicht wusste, sondern um uns zu zeigen, dass außer dem weltberühmten, ungarisch-stämmigen Sándor Márai noch andere, nicht zuletzt jüdische Schriftsteller in dieser k. und k.-Provinzmetropole gewirkt haben? Und war nicht überhaupt der fast vollkommene Verlust der jüdischen Kultur auch schmerzhaft? Aber jetzt bloß nicht in eine Konkurrenz der Opfergruppen treten. „Wir entwickeln eine Obsession!“, sagte ich. „Die Roma sind ein Modethema“ geworden, meinte die Radiojournalistin B. Für sie gelte das nicht, sie habe sich schon in Pécs damit beschäftigt. Das ungarische Pécs war Kulturhauptstadt 2010.

„Die NGOs interessieren sich gerade sehr für uns. Alle sprechen über uns. Das ist das Problem. Wir wollen selbst sprechen“, sagte Jarmila Vaňová von der Roma-Presseagentur MECEM später. Wir nickten heftig.

Am Abend vor der Abreise kam eine SMS der Reiseleiterin. An ihrem Tisch hätte sich der Wunsch gebildet, vor dem Abflug nun doch nach Lunik 9 zu fahren. Sie würde ein paar Taxis organisieren, die uns hinbringen werden. Ich kam ins Grübeln.

Kommentare (33)

anne mohnen 22.01.2013 | 12:45

Danke für den sehr persönlichen Bericht,lieber Herr Dr. Angele. Meiner Meinung und meinem Empfinden nach, ist diese Art der Reflexion derzeit eine kluge Herangehensweise, über die größte Minderheit in Europa zu schreiben: ganz subjektiv(!)- einmal nur  Eindrücke schildern, eben beobachten, aufschreiben (…)

In der Tat hat sich der Zerfall der Sozialistischen Länder im besonderen Maße für die Romvölker als bittere Verlustgeschichte entpuppt. Wie keine andere Minderheit werden die Romvölker in Europa ausgegrenzt. Sie erinnern, Herr Dr. Angele, in diesem Zusammenhang auch daran, dass Herr Gauss sich in seinen  Büchern und Artikeln der Geschichte der Minderheiten in Europa angenommen, u.a. die Ursachen dieser Ausgrenzungsgeschichte beschrieben hat: Immerhin dienten unter Tito in der jugoslawischen Armee Generäle, die den Romvölker angehörten. Gauss zufolge, ist der Reichtum der Romakönige eben nicht auf Diebstahel gegründet, , sondern auf dem geschickten Handel mit Altmetallen usw. Auch kann man bei Gauss nachlesen, dass die Ausgrenzung der Romvölker erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts massiv stattfindet und  in engem Zusammenhang mit bedeutenden wirtschaftlichen Umbruchsituationen steht, aus denen sie als Verlierer hervorgingen. Klaus-Michael Bogdal analysiert und dokumentiert in Europa erfindet die Zigeuner. Ein Geschichte von Faszination und Verachtung brillant die 600jährige Geschichte der Romvölker in Europa.

Doch was heißt das heute? Stets dünn ist und war die Patina humanistischer Reden sowohl im Westen als auch im Osten Europas? Inzwischen sickert wieder rechtes Gedankengut, wie nicht nur der Fall Ungarn zeigt, sogar faschistisch-rassistische Gedankengut in die sogenannte Mitte der Gesellschaft ein.

Wenn Europa einen Ruck braucht, dann macht es einmal mehr Sinn, sich wegzubewegen von seinem vermeintlichen Zentren; Brüssel, Paris, Berlin, London. Ich finde positiv, dass Städte wie Košice ins Blickfeld geraten, und dass man dahin fährt „wo es auch wehtut.“ Einst Ort gelungener Integration von vielen Volksgruppen, wäre es mein Wunsch, dass Europa an diese Tradition gelebter Vielfaltprogrammatisch anknüpfte, wie sie die Geschichte von Košice bezeugt: „Yes, we can“(!) – jenseits vom überholten „Freund-Feind“-Schematismus ist das doch die große europäische Integrationsaufgabe der nächsten Jahrzehnte. Die dauerhafte Finanzkrise lenkt nur davon ab.

LGa m

marian_sk 23.01.2013 | 14:55

Hallo Michael. Schoen haben Sie es beschreiben.

Nicht nur die Phantom-Thema von Zigeunern, sondern auf die Bemerkungen ueber Stadtsangestellten.  Uebrigens die von Ihnen beschreibte Roma Siedlung liegt in Dorf "JASOV", und ja, gehort nicht zum Metzenseifen.  Meine Mutter lehrt an der Schule von Jasov, so hore sehr viel ueber die Sachen die dort so passieren. 

Hoffentlich wird es fuer Sie noch eine Moeglichkeit geben zuruck zu kommen, und beschaeftigen sich nicht nur mit die Thema Kosice Europas Kulturhauptstadt - alias Potemkinsches Dorf, aber auch mit die andere  wichtigen Fragen die wirklich einen grossen Einfluss an Leben in Ost-Slowakei haben. 

Grusse aus der Slowakei. 

Ps: Herr Schuster war erst der zweite Prezident von Slowakei ( Erster war Michal Kovac)

Michael Angele 23.01.2013 | 15:18

Lieber Marian, ganz herzlichen Dank für ihre Zeilen, es würde mich brennend interessieren, was ihre Mutter zu sagen hat. Hätte man es gewusst... Aber vielleicht ergibt sich ja eben wirklich noch einmal eine Möglichkeit.

Mein kleiner Artikel hat schon ein Echo in der lokalen Presse gefunden. Leider verstehe ich kein Wort

 

http://www.sme.sk/c/6677569/vidiet-lunik-9-alebo-nic-pise-o-navsteve-kosic-nemecky-novinar.html

 

Radovana 23.01.2013 | 18:57

Die meisten Slovaken sind sauer, dass sie als Rassisten presentiert werden, weil die Zigeuner so leben, wie sie leben. In Roma-Projekte fliesst sehr viel Geld, ohne Erfolg. Die meisten Slovaken denke über die Roma als über eine Last, die sie nicht loswerden können und die nur Geld kostet.

In der Diskussion waren Vorschlage Besichtigungen für deutsche Turisten zu machen und damit Geld zu verdienen; Herr Bürgemeister sollte den Journalisten die Wähler von der Partei "Smer" zeigen; Herr Schuster mit Gorbatschov zu Vergleichen ist Unsinn, hort man erstes Mal; man sollte den Journalisten einen Film zeigen, wie Lunik IX neu ausgesehen hat, damit sie den Unterschied merken; paar Sprüche über Türken in Deutschland; nicht alle Roma leben so schlecht wie die in Lunik IX; man sollte alle Roma nach Deutschland schicken um die Geburtsrate dort zu erhöhen; es leben Roma auch in Marseille, warum geht man nicht diese besichtigen, usw.

Marcus 23.01.2013 | 22:02

Lieber Michael, wenn Sie sich für Roma in der Slowakei interessieren, kommen Sie einfach am Donnerstag, den 24.1. um 18.15 zur Vorführung des Dokumentarfilms Zigaretten und Lieder: http://www.slawistik.hu-berlin.de/institut/fachgebiete/westslawische_sprachen/cigarety-pesnicky

Dieser Film hängt mit der Kultur (die wahrscheinlich Ihr Reiseziel  war) besser  zusammen, als das Roma-Ghetto. Also Sie sind herzlich eingeladen. Roma-Thema ist eigentlich kein Tabu, es hängt nur von dem Kontext ab.

Michael Angele 24.01.2013 | 09:26

Liebe Leute aus der Slowakei, ich freue mich natürlich, dass mein Artikel in ihrer Presse beachtet wird. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich auch richtig verstanden werde. In meiner Reportage ginge es mir um die Unsicherheit, Faszination, Zweifel, Selbstgerechtigkeit etc. im Umgang mit dem schwierigen Thema. Ich wollte kein "Wissen" über die Roma verkünden (das ich nur bedingt habe) und niemanden vorverurteilen. Es ist zwar idiotisch, sich selbst zu zitieren, aber die wichtigste Passage dazu lautet:

 

„'Sie wollen sich eben nicht integrieren'“, wurde uns immer wieder gesagt. Die Leute sagten es nicht aggressiv oder abfällig, sondern als sei es eben einfach so. Etwas sträubte sich gegen diese Sicht, aber wir spürten schon auch, dass es keine „einfachen Lösungen“ gibt (natürlich ist schon das Wort Lösung idiotisch).

Michael Angele 24.01.2013 | 09:36

@Marcus.  Wir haben wunderbare Lieder im kleinen Büroraum des Romathan-Theater gehört, es war herzzerreißend, was Karel Adam  und Kali Cherchen extra für uns gespielt und gesungen habe, wir haben  sehr interessante Dinge über das Theater erfahren, welche Stücke sie spielen, welche Kritik sie darin selbst üben (Zinswucherei unter Roma ist ein solches Thema, zum Beispiel), aber sie täuschen sich: das Reiseziel war die "Kulturhauptstadt 2013" und dazu gehört nach meinen Dafürhalten sehr wohl ein "Roma-Ghetto". In diesem Zusammenhang: Ich war ja erstaunt, wie nahe Lunik IX an der Innenstadt dann doch liegt, ich hatte es mir GANZ WOANDERS, gleichsam exterritorial vorgestellt. Dabei ist es ja so: Man kann zu Fuß hinlaufen (auch weil keine Tram fährt).

barbakanka 24.01.2013 | 22:00

ich wuerde es gerne korrigieren. Die Romas muessen nicht so leben, die wollen so leben. Komisch dass die nicht Roma Bevolkerung nicht so lebt obwohl auch da viele arbeitslos sind. Hmm, wenn man ja ganz neue WOhnungen bekommt, die aber innerhalb 2 jahre zerstort z.b. die Heizkorper rausreist und verkauft, Toalette auseinanderschlagt und dann vom Fenster scheisst oder Boden verbrennt verdient nicht wirklich Sozialhilfe die BTW hoeher ist als die meisten Weissen bekommen. Und korrigieren - RUdolf Schuster war nicht der 1. Präsident. Das war Michal Kovac. Schuster war nur der 1. Präsident der direkt gewählt wurde

Denisa 24.01.2013 | 23:15

Herr Angele, tja mit den Zigeunern ist es schwierig. Die Internatschulen die Rudolf Schuster erwahnt hat waren hier schon und wurden als rasistisch abgestampelt und geschlossen. Wie Lunik IX ausschaut ist nicht die Visitenkarte von Kosice als Stadt. Cca. 1x pro Jahr lasst die Stadt auf eigene Kosten den Mull wegraumen - das letzte Mal hat man 30 Kontainer Mull aus Lunik IX weggebracht. Die bewohner haben wenig geholfen. Und trotzdem ist da jedes Jahr wieder ein Mullberg. Die Bewohner schmeissen oft den Mull einfach aus dem Fenster. Die Wohnungen sind  ausgewohnt (ein Termin, der gerade dank den Zigeunern entstanden ist), die Statik der Gebaude auf Lunik IX ist beschadigt. Schwarzgebaude werden auf anderer Leute privaten Grundstucke gebaut. Es gab Falle, das die Sozialarbeiter gefragt wurden, wie viele Kinder man braucht, um einen bestimmten Betrag an Kindergeld zu bekommen. 

Schade, dass Sie nicht Slowakisch sprechen. 

http://janmacek.blog.sme.sk/c/301577/Otvoreny-list-uciteliek-z-vychodneho-Slovenska.html - dies ist ein Brief von Grundschullehrerinen aus Dobschau (Dobsina) - die Zigeunerkinder haben bei der Einschulung keine Hygieneangewohnheiten, sie haben Lause, es kommt zu Fallen von sexueller Belastigung gegenuber den Mitschulern und Lehrerinen. Und viele andere Horrorgeschichten. 

Ein anderer Fall der medialisiert wurde ist Herr Oskar Dobrovodsky http://oskardobrovodsky.blog.sme.sk/ der von seinen Nachbaren regelrecht schikaniert wurde usw. Und solche falle gibt es massig.

Vor ein Paar Jahren hat man das Sozialgeld gekurzt. Die Reaktion war plundern, weil sie kein Geld furs Essen hatten. Hauptsachlich wurden aber Zigaretten und Alkohol gestolen.

Das Paradox ist selbst Zigeuner die arbeiten, sich um die Kinder kummern und normal leben, distanzieren sich von der Art die Lunik IX ua. bewohnt und eine Meinung aussern, die voll und ganz dem entspricht, was normalerweise als rassismus und Diskrimination betitelt wird. 

TINA 25.01.2013 | 03:20

Guten Abend Herr Angele, 

erstens danke für Ihren Artikel. Roma/Zigeuner sind ein nicht gerade einfaches Thema. Aber versuche ich doch ein paar Zeilen als der Einheimische. Vieles, was mir bei dem Artikel auch eingefallen ist, haben schon manche vor mir geschrieben.

Sicher haben es diese Leute schwer, weil sie oft arbeitslos sind. Da gibt es 2 überwiegende Gründe - entweder kommen sie aus der Region, wo auch sonst Problem mit der Arbeit ist (nicht nur Krise, über die man heutzutage so gerne spricht, aber auch die Politik den letzten 20 Jahren hat viele Arbeitsplätze für ganz einfache Arbeiter mit der Grundausbildung erfolgreich abgeschafft) oder sie wollen/können nicht arbeiten. Jeden Tag in die Arbeit gehen und den ganzen Tag schuften für so wenig Geld, wenn man da am Sozialamt langsam für keine Arbeit mehr bekommt.. So wenig bekommen übrigens nicht nur Roma, aber in armen Regionen alle. Jemand hat aber Gefühl, daß man einfach auch unter diesen Bedingungen arbeiten muß, jemand nicht. Je nach dem, was man als Vorbild schon immer gesehen und gelernt hat. Und da irgendwo liegt das größte Problem – immer wieder kommen auf die Welt (nicht wenige, weil auch das bringt Geld) Kinder, die in so einer Welt wie Lunik 9 aufwachsen und mit diesem Lebensanfang dann kaum Chance für ein 'normales' Leben haben. Da fehlen ab Anfang an Hygieneangewohnheiten, elementare Erziehung, irgendwelches Verständnis für Disziplin. So kommen die 6 -7-jährige Kinder in die Schule mit einem großen Nachteil, der sich mit den Jahren nur gradiert. Dafür ein gutes Beispiel ist gerade das Problem mit der Schule, in der sich die Schulverwaltung so eine Ungerechtigkeit getraut hat, die zwei Klassen zu machen – eine für 'weisse', eine für Roma (Artikel, an den oben Denisa Link gegeben hat). Dabei haben sich die Lehrerinnen nur Mühe gegeben, diesen Kindern nur (für andere Kinder) ganz normale Sachen beibringen. Ohne es extra bezahlt zu haben (und dabei bekommen sie um ein paar Euro mehr als die Arbeitslosen) nur dafür, weil sie ohne das mit den Kindern nicht weiter kommen können. Ähnliches berichtet auch ein Priester, der direkt auf der Schule in Lunik 9 gearbeitet hat. Am Anfang geht es noch teilweise, langsamer aber doch können die Kinder in dem 1. bis 3. Schuljahr lernen, man braucht viel VIEL Geduld und Verständnis. Dann aber Ende, weil die Atmosphäre in der Familie ist meistens alles nur nicht anregend, also sicher nicht was die Ausbildung angeht. Alkoholismus, Rauschgift, Prostitution. Und jetzt auf so einem kleinem Platz so konzentriert. Nein, im Vergleich zu EU, erlaube ich mich zu glauben, daß die Internatschule gar nicht so schlechte und rasistiche Idee wäre.

Ja, sicher sollten sich Kosice etwas einfallen lassen, falls sie sich als so eine multikulturelle Stadt präsentieren wollen, weil man konnte das sicher erwarten, daß diese Fragen kommen. Aber ich glaube es war wohl mehr wichtig, daß es so gut ausschaut und an solche Zusammenhänge wurde einfach nicht gedacht. Da muß ich aber sagen, daß Lunik 9 vor allem voll von Asozialen ist, nur einfach das größte Bestandteil daran die Roma haben. Es wurde als vielleicht die schönste Siedlung von Kosice am Ende 80-en Jahren gebaut und zuerst waren es – glaube ich – Dienstwohnungen für Polizei. Also Top. Dann hat eben der 'Gorbatschov' diese geniale Idee gehabt und dabei sicher zwei dicke Fliegen mit einer Klappe geschlagen – zwar waren die Zigeuner weg aus der Stadtmitte und noch die lukrative Plätze auf einmal frei. Aber was solche Leute von neuen Häusern machen können wurde schon lange klar – das Thema war schon oft im Sozialismus da. Und damals haben Roma nicht nur Arbeit gehabt (manchmal nur auf dem Papier, weil mehr Lust daran hatten Sie auch damals nicht), sondern Geld dafür bekommen, daß sie überhaupt die Kinder in die Schule schicken. Heute bekommen die Kinder 'nur' das Mittagessen in der Schule. Aber gut so, weil sonst haben viele sicher kein vernünftiges Essen am Tag. Und die Stadtverkehr ignoriert seit einer Zeit Lunik 9, weil man kann wirklich nicht alle ein paar Monate Buse neu kaufen, täglich mehrmals waschen und Polizei für jedes Bus bezahlen.

Fast jeder kennt da auch 'gute' Roma/Zigeuner und kann sie unterscheiden. Nur ja, bei der Roma-Kriminalität, ob sie schon Gründe hat welche hat, muß man mit leichter Diskrimination rechnen. Leider. Obwohl man weiß, das es ungerecht ist. Obwohl man dagegen kämpft. Ein Warnsignal ist eingebaut. Ähnliches habe ich nach der Wende erlebt, als ich in Österreich manchmal im Laden war. Gleich, wenn sie slowakische Sprache gehört haben, waren sie aufmerksam. Ich fühlte mich richtig blöd. Aber ungerecht war es nicht. Ich konnte es verstehen. Noch Tafel, wo im Slowakischen stand:Nicht klauen, sonst rufen wir die Polizei an. War es eine Diskrimination? Es war einfache Folge.

Ich habe wohl mehr geschrieben, aber wollte ein bißchen das Problem nahebringen. Weil ohne anderen Kenntnisse und Zusammenhänge sollte man Lunik vielleicht nicht anschauen. Das ist wie Turistik in ein Land nach dem Erdbeben. Auch wenn es mal die Journalisten sind. Obwohl – ich glaube nicht, daß Ihnen etwas passierte, weil Journalisten, die über die schreckliche Ungerechtigkeit der Umgebung schreiben wollen, sind von Lunik 9 -Einwohner willkommen. Das schlimmste daran ist, daß die anderen Leute – dank solchen medialisierten Fällen – sehr geschobene Optik haben. Sie können zwar sehen, daß die Roma stellen (nicht alle, aber doch sehr viele), schwarze Bauten bauen (auch wenn gar nicht so viele, wie es die radikalen Nationalisten behaupten und damit das einfache Volk füttern), nur irgedwie sind sie auch nicht gerecht, weil sie nicht in dieser Ausmaß die Politiker, Stadtverwaltungen, usw. kritisieren und bestrafen wollen. Also dasselbe, was eigentlich dieses Roma – Problem kräftigt: es fehlt die Konsequenz. Falls ich nicht wähle oder wähle Leute, die korrupt sind und alleine stellen (nur nicht so sichtbar wie die Roma), kann ich von diesen Leuten nicht erwarten, daß sie so ein Problem lösen können. Erstens – haben sie keine Zeit, weil das sofistizierte Stellen braucht mehr Zeit und Bekannten, zweitens – können sie oft vielleicht das Stellen schon nicht mehr identifizieren, oder wehren sich, weil es zu nah zu ihrer Tätigkeit wäre.

Liebe Grüße

Tina

Denisa 25.01.2013 | 10:54

Herr Angele es ist so. Das Aufraumen is in zich Pressemitteilungen Dokumentiert. Und ob man den Mull aus dem Fenster schmeisst oder nicht ist keine Frage des Geldes. Wie Tina spater geschrieben hat, viele Leute leben von dem selben Geld und gehen arbeiten. Ein Verkaufer verdient unter 500EUR und trotzdem geht er arbeiten zB. Und kriegt keine Wohnung um sonst. 

Was ich vorschlagen wurde? Fangen wir zB. damit an, dass die Zigeuner die in solchen Ghettos lernen, dass nicht um sonst ist. 

Sie wollen Wohnungen. Da sie die vorherigen neuen demoliert haben (ja, auch fur solche Situationen gibt es Reportagen mit vorher - nachher Bildern, sogar auch fur Lunik IX konnten wir das finden.). Prima. Da es Falle gab, dass sie von dem Bau wo die Wohnungen fur sie gebaut wurden Kupferdrate aus den Wanden Herausgerissen haben, machen wir es anders. Willst du wohnen? Ok. Hier werden Hauser gebaut, do kommst regelmasig zur Arbeit hier, hilfst hier, kommst nicht besoffen, wirst keine Ausreden suchen, wieso du nicht arbeitest. Und wenn alles fertig ist, kannst du die Wohnung fur symbolische 50 EUR kaufen zB. Damit kann man klar sagen - fur nichts kommt nichts, aber wenn du arbeitest wirst du belohnt. Und wer nicht, kann sich das um vollen Marktpreis kaufen oder unter der Brucke schlafen. 

Es ware eine Chance, dass Sie was fur sich tun, dass sie Arbeitsgewohnheiten bekommen und beweisen dass sie was tun wollen.

barbakanka 25.01.2013 | 10:58

hier noch ein Link mit Fotos von Lunikx IX in den 80ern  und jetzt. Es ist keine Schande arm zu sein. Aber es ist eine Schande Sachen zu zerstören die von der Geselschaft bezahlt worden sind um mein Leben zu verbessern. Deshalb tuen mir Romas nicht leid. Die sind selbst dafür verantwortlich dass die so leben. Und in der Schule bekommen sogar mehr Unterstützung als andere oder in der KITA wo man sich mit Hygiene usw. beschäftigen muss

http://kosice.korzar.sme.sk/c/6613045/lunik-ix-vyzeral-kedysi-uplne-inak.html

Jane Paulová 27.03.2013 | 14:36

Lieber Herr Angele,

ich bin slowakische Studentin an der Konstantin-Philosoph-Universität in Nitra und momentan schreibe ich meine Bachelorarbeit über österreichisch-slowakischen Beziehungen und Darstellung der Slowakei in Büchern von Karl - Markus Gauß, Martin Leidenfrost und Gabrielle Matzner - Holzer. Und bei jedem diesen Autor tritt das Roma-Thema immer auf. Leider musste ich feststellen dass,sowohl in Ihrem Artikel, als auch in diesen Büchern, wird das Desinteresse für Roma nicht nur von Seite der Behörden, sondern auch von Seite der Slowaken  gezeigt. Ja, das stimmt. Leider. In Karl-Markuss Gauß´Buch Die Hundeesser von Svinia, erfahren die Leser, das eigentlich nicht die Roma für ihren Armt und misserable Situation verantwortlich sind, sondern dass sie wegen der Industrialisierung und Zusammenbruch des Kommunsimus ihre  Arbeit verloren haben. Das stimmt auch. Leider. Aber jeden Tag verlieren tausende Menschen auf der ganzen Welt ihre Arbeit. "Normale" Menschen versuchen dann immer wieder auf irgendwelche Art und Weise die Arbeit zu finden. Als Slowakin, muss auch leider feststellen, dass die Roma keine Interesse für die Arbeit, Ausbildung oder Integration zeigen. Statt dessen trosten sich die Roma selber mit der Ausrede, dass keiner Arbeitsgeber ihnen die Arbeit anbieten würde. Entschuldigung für ihre Faulheit oder "Untauglichkeit"? Wenn sich jeder Slowake solche Ausrede ausgedacht hättee , hätten wir nicht so viele gebildete und fleißige Persönlichkeiten gehabt, hätten wir uns nicht weiter entwickelt. Die Roma sollten nicht auf ihre Sprache und Brauchtum verzichten, aber wir Slowaken erwarten, dass sie aus ihrer "Nebel der Apathie"  austretten und endlich was machen und sich wie alle andere auch bemühen ihr eigens Geld zu verdienen (und nicht nur die Unterstützungsgeld von Organisationen und Regierung zu ziehen), denn wir Slowaken haben keine Lust und Geduld mehr sie vom unseren (oft schwer verdienten) Geld zu unterstützen. Es gibt ja auch Roma die an Unis studieren, guten Job, schöne und gemütliche Häuser haben, aber die haben dafür was getan und nicht nur einach so in ihren Hütten auf die Hilfe gewartet und gejammärt, dass sie als Minderheit unterschätzt und unterdrückt sind. Das kann nämlich jeder. (P.S. Entschuldigung für meine Grammatik).....Jane

Jane Paulová 27.03.2013 | 14:36

Lieber Herr Angele,

ich bin slowakische Studentin an der Konstantin-Philosoph-Universität in Nitra und momentan schreibe ich meine Bachelorarbeit über österreichisch-slowakischen Beziehungen und Darstellung der Slowakei in Büchern von Karl - Markus Gauß, Martin Leidenfrost und Gabrielle Matzner - Holzer. Und bei jedem diesen Autor tritt das Roma-Thema immer auf. Leider musste ich feststellen dass,sowohl in Ihrem Artikel, als auch in diesen Büchern, wird das Desinteresse für Roma nicht nur von Seite der Behörden, sondern auch von Seite der Slowaken  gezeigt. Ja, das stimmt. Leider. In Karl-Markuss Gauß´Buch Die Hundeesser von Svinia, erfahren die Leser, das eigentlich nicht die Roma für ihren Armt und misserable Situation verantwortlich sind, sondern dass sie wegen der Industrialisierung und Zusammenbruch des Kommunsimus ihre  Arbeit verloren haben. Das stimmt auch. Leider. Aber jeden Tag verlieren tausende Menschen auf der ganzen Welt ihre Arbeit. "Normale" Menschen versuchen dann immer wieder auf irgendwelche Art und Weise die Arbeit zu finden. Als Slowakin, muss auch leider feststellen, dass die Roma keine Interesse für die Arbeit, Ausbildung oder Integration zeigen. Statt dessen trosten sich die Roma selber mit der Ausrede, dass keiner Arbeitsgeber ihnen die Arbeit anbieten würde. Entschuldigung für ihre Faulheit oder "Untauglichkeit"? Wenn sich jeder Slowake solche Ausrede ausgedacht hättee , hätten wir nicht so viele gebildete und fleißige Persönlichkeiten gehabt, hätten wir uns nicht weiter entwickelt. Die Roma sollten nicht auf ihre Sprache und Brauchtum verzichten, aber wir Slowaken erwarten, dass sie aus ihrer "Nebel der Apathie"  austretten und endlich was machen und sich wie alle andere auch bemühen ihr eigens Geld zu verdienen (und nicht nur die Unterstützungsgeld von Organisationen und Regierung zu ziehen), denn wir Slowaken haben keine Lust und Geduld mehr sie vom unseren (oft schwer verdienten) Geld zu unterstützen. Es gibt ja auch Roma die an Unis studieren, guten Job, schöne und gemütliche Häuser haben, aber die haben dafür was getan und nicht nur einach so in ihren Hütten auf die Hilfe gewartet und gejammärt, dass sie als Minderheit unterschätzt und unterdrückt sind. Das kann nämlich jeder. (P.S. Entschuldigung für meine Grammatik).....Jane