Michael Jäger
23.12.2012 | 09:00 105

Der Ewiggestrige

Helmut Schmidt Der Ex-Bundeskanzler trauert der Atomenergie hinterher und hält die Klimakatastrophe für ein Gerücht. Der Mann wird heute 94 Jahre alt

Der Ewiggestrige

Als weltökonomisches Orakel ist und bleibt Helmut Schmidt gefragt

Foto: Thomas Peter / AFP - Getty Images

Am 23. Dezember wird Helmut Schmidt 94 Jahre alt. Er war Bundeskanzler zwischen den Jahren 1974 und 1982. Seit 1983 ist er Mitherausgeber der Zeit.

Der Sozialdemokrat kommentiert noch heute das Zeitgeschehen. Zum Beispiel befürwortete er frühzeitig Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur. Was er sonst in den letzten Jahren vorschlug, erfüllt die meisten Parteifreunde mit Grausen: Einfrieren von Hartz IV auf niedrigem Niveau, höheres Rentenalter, Abbau des Kündigungsschutzes und so weiter. Er hängt immer noch der friedlichen Nutzung der Atomenergie an und hält die Klimakatastrophe weiterhin für ein Gerücht. Wenigstens hat er den Kosovo-Krieg als Völkerrechtsbruch abgelehnt. Und bei allem, was er sagt, ist ein Subtext nicht zu überhören: Ja, als ich Bundeskanzler war ...! Das ist nur menschlich.

Aber war das wirklich eine goldene Zeit, als er regierte?

Was ihn auszeichnete, war sein Talent als Krisenmanager, das er als Wehrmachtsoffizier mitbrachte. So wurde der Hamburger Innensenator Schmidt im Jahr 1962 überregional bekannt, als eine Sturmflut über die Stadt hereinbrach und er den Großeinsatz der Rettungsdienste koordinierte. Er bat die Bundeswehr, ja die Nato um Mithilfe; ins Grundgesetz, sagt er, habe er in diesen Tagen nicht geschaut. Das hat wohl auch der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht jeden Tag getan, als er 1977 dem „Großen Krisenstab“ zur Bekämpfung der RAF-Terroristen vorsaß, der das Organ eines unerklärten Ausnahmezustands war, wie der Historiker Wolfgang Kraushaar sagt.

Noch bevor er Kanzler wurde, kam dem Bundesverteidigungsminister Schmidt die Offiziersvergangenheit zustatten, als ihm in der Regierung Brandt/Scheel die Aufgabe zufiel, die Bundeswehr zu reformieren. Dass es ihm gelang, dürfte der bis dahin wichtigste Erfolg seiner politischen Laufbahn gewesen sein. Der Kampf zwischen demokratischen Reformern und Wehrmachts-Traditionalisten in der Bundeswehr wurde erst damals zugunsten der ersteren entschieden.

Von einem Kanzler wünscht man sich eigentlich etwas mehr als Management-Fähigkeiten. Doch Schmidt verstand es, sich als großen Macher zu stilisieren. So wurde er in bürgerlichen wie Arbeiterkreisen populär. Noch als er das Amt 1982 verlor, glaubte wohl eine Mehrheit der Westdeutschen, er sei einem Dolchstoß in den Rücken zum Opfer gefallen, ausgeführt vom Koalitionspartner FDP und seiner eigenen Partei, die sich beide von ihm abwandten.

Kein starker Mann

Das taten sie, weil er in der ökonomischen Krise den Sozialstaat abzubauen begann und so die nachfolgende Unionsregierung vorbereitete. Er konnte dennoch von sich sagen, die Arbeiter verstünden ihn besser als die SPD-Funktionäre. So beklatschte eine entlassungsbedrohte Belegschaft seinen folgenlosen, aber doch kritischen Satz, die Geschäftsführung habe erst gehandelt, „als die Kacke schon am Dampfen war“.

Ein starker Mann war er damals nicht, über starke Worte gebot er allemal. Deshalb wurde er ja liebevoll „Schmidt-Schnauze“ genannt. Auch im Bürgertum konnte er punkten, zum Beispiel weil er sich gern auf die Philosophie Karl Poppers berief, die zu seinem demonstrativen Pragmatismus passte. Außenpolitisch war es seine folgenreichste Tat, zusammen mit dem französischen Präsidenten Valerie Giscard d’Estaing die Europäische Währungsunion und damit auf lange Sicht den Euro auf den Weg gebracht zu haben.

Oft wird hervorgehoben, dass es ihm gelungen sei, Deutschland international aufzuwerten. So war er 1977 zum politischen Gipfeltreffen auf der Insel Guadeloupe eingeladen, wo er mit den Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs und der USA konferierte. Zum ersten Mal erschien da die Bundesrepublik als mitführende westliche Großmacht. Die Konferenz war freilich vor allem deshalb bedeutsam, weil sie die Nachrüstung der Nato auf westdeutschem Boden gegen die sowjetischen SS-20-Raketen beschloss.

Im Grunde besiegelte sie Schmidts politisches Schicksal. Gegen die neue Runde des Wettrüstens entstand jene Friedensbewegung, die die Grünen schließlich in den Bundestag brachte. Aber auch seine eigene Partei folgte ihm nicht mehr, so dass die FDP es für ratsam hielt, den Koalitionspartner zu wechseln. Jetzt war der Krisenmanager überfordert.

Die "Nachrüstung"

Er selbst hatte die Situation mit wirren Kreuz- und Querzügen heraufbeschworen. Viel hielt er sich darauf zugute, als Erster auf die SS-20-Raketen verwiesen und eine „Wiederherstellung des Gleichgewichts“ angemahnt zu haben. Und tatsächlich, weder die Sowjetunion noch die USA konnten anfangs seiner Klage einen Sinn abgewinnen. Als dann aber die USA die Gelegenheit nutzten, ihre eigene neue Raketengeneration, die Pershing II, als Abwehr der SS 20 zu präsentieren, war ihm das auch wieder nicht recht.

Helmut Schmidt hatte sich vorgestellt, das Gleichgewicht würde durch den Abbau des sowjetischen, nicht durch den Ausbau des amerikanischen Raketenprogramms wiederhergestellt werden. Die USA hielten sich leider auch nicht an die Sprachregelung, den Rüstungsbeschluss der Nato als „Doppelbeschluss“ hinzustellen, wonach es ein paar Jahre Verhandlungen geben sollte und man erst nach deren Scheitern die Pershings stationieren würde. Sie verhandelten nicht, sondern nutzten die Jahre zur Raketenproduktion. Da wurde Schmidt nervös. Er griff einerseits den US-Präsidenten Jimmy Carter an und zog andererseits über die „Angst“ der Friedensdemonstranten her. Ein Offizier mag Angst haben, er zeigt sie aber nicht! Kurz, sein Rationalismus stieß auf Grenzen.

Kommentare (105)

der-Splitter-im-Auge 23.12.2012 | 10:11

Schmitt ist der eigentliche Totengräber der Sozialdemokratie.

Kanzlerkandidaten der SPD:
1976 Helmut Schmidt
1980 Helmut Schmidt
1983 Hans-Jochen Vogel
1987 Johannes Rau
1990 Oskar Lafontaine
1994 Rudolf Scharping
1998 Gerhard Schröder
2002 Gerhard Schröder
2005 Gerhard Schröder
2009 Frank-Walter Steinmeier
2013  Peer Steinbrück

Sueddeutsch Zeitung vom 20. Dezember:
Schmidt verrät, was seine Reden kosten
"Billiger Appell an die Neidgefühle kleiner Leute": Im Streit um die Vortragshonorare des SPD-Kanzlerkandidaten stellt sich Altkanzler Schmidt vor Steinbrück. Er selbst habe es sich zur Regel gemacht, keinen Vortrag für weniger als 15.000 Dollar zu halten.

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Ehemaliger Nutzer 23.12.2012 | 10:26

Wie passt das denn zusammen: Erst ist Schmidt ein überschätzter Kanzler, dann aber soll er der Totengräber der Sozialdemokratie gewesen? Das wäre wohl eine Unterschätzung der Sozialdemokratie.....und eine Überschätzung Schmidts. Ebenso war auch Brandt ein völlig überschätzter "Reform"-Kanzler, der nur die damals längst fällige Ostpolitik erfolgreich vollzog.

Diese postume Überhöhung der Kanzler-Personen ist in der Verkennung der realen Macht eines Bundeskanzlers begründet. Die relevanten politischen Entwicklungen werden nicht in der Legislative oder Exekutive angeschoben, sondern in den vielen kleinen Alltags-Lebenskreisen der Menschen: Da entstehen neue Wirtschaftsformen, neue Formen des Zusammenlebens, neue Kulturen usw.usf.

Also ist egal ob Brandt, Schmidt, Kohl oder Müller-Meier-Schulze Bundeskanzler sind.

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Ehemaliger Nutzer 23.12.2012 | 10:33

Was viele Menschen an Schmidt fasziniert, war und ist doch seine Vergangenheit, sein politisch-moralischer Habitus, gewürzt mit einer begnadeten Rhetorik. Das bundesdeutsche Schiff schlingerte damals mächtig (Ölpreisschock, Weltwährungskrise, Inflation weltweit, RAF-Morde, Massenarbeitslosigkeit), die ersten gingen schon über Bord (1982 waren erstmals über 2 Millionen Arbeitslose registriert) und dann hat der Bürger einen Kapitän auf der Brücke, der "klare" Ansagen macht. Da kommt es eben nicht darauf an, WAS er sagt, sondern vor allem WIE. Das gibt vielen Menschen eine Schein-Sicherheit und eine Schein-Orientierung.

 

Michael Jäger 23.12.2012 | 11:42

Daß es Schmidt gelungen ist, die Bundeswehr zu reformieren, halte ich übrigens überhaupt und schlechthin für seinen wichtigsten politischen Erfolg, nicht nur „bis dahin“, wie oben im Text steht. Da hat er wirklich was Gutes für unser Land getan und war nicht nur Manager. Auch würde ich zuspitzen, daß er überhaupt und schlechthin kein starker Mann war, nicht nur „damals“ während der Nachrüstungsdebatte; er stilisierte sich nur als einen solchen. Oder wenn das Stärke war, was er vorführte, was Gerhard Schröder nachahmen wollte und was jetzt Peer Steinbrück nachahmen will, dann war es doch eine Stärke minderer Güte. Willy Brandt, der manchem äußerlich schwächer erscheinen konnte als Schmidt und der jedenfalls nicht der Managertyp war, war als Kanzler viel stärker, weil er eine politische Wende zu etwas mehr Frieden (außenpolitisch) und Emanzipation hin (innenpolitisch) gegen heftigen Widerstand der Unionsparteien durchsetzte.

MopperKopp 23.12.2012 | 13:02

Fritz J. Raddatz zu Helmut Schmidt, trefflichst, ich kann mich somit bremsen:

 

"Helmut Schmidt, für viele ein Vorbild für alles mögliche, gilt Ihnen als Negativbeispiel in Sachen guter Stil. Hat das auch damit zu tun, dass Sie den Mitherausgeber der „Zeit“ generell nicht allzu sehr verehren?

Fritz J. Raddatz: Ich verehre ihn nicht nur nicht, ich verachte ihn. Schmidt ist ein Bescheidenheitsprotz, der öffentlich Erbsensuppe predigt und heimlich Subventionswein trinkt. Will sagen: Dieser an Geschwätz-Diarrhoe leidende Ersatz-Hindenburg benutzt den Apparat des Bundeskanzleramtes, immerhin steuerbezahlte Leute, als seien sie seine persönlichen Domestiken. Nach einer internationalen Konferenz wurde von ihm jüngst der Satz „Rollt mich hier raus“ kolportiert, mit dem er seine Bodyguards anherrschte, als seien sie sein privater Pflegedienst. Das sind sie aber nicht. Warum nimmt er sich das also heraus? Ist er was Besseres als die anderen? Nein. Er ist ein gescheiterter Politiker und ein Angestellter eines Zeitungsverlages. Nichts anderes. Es ist also eine Frage des moralischen Stils."

MopperKopp 23.12.2012 | 13:12

Und weil es so schön passt, ein weiteres Zitat, wieder Fritz J. Raddatz zu Helmut Schmidt:

 

„Zeit“-Herausgeber Helmut Schmidt nennen Sie einen „vollmundigen Banausen“. Warum dieser Ton?

Schmidt ist eine ganz andere Kategorie. Ich nehme ihm übel, dass er uns die Ohren vollsalbadert mit allem – wie der Euro gerettet wird und was er von Marlene Dietrich hält und wie es mit Giscard d’Estaing war und so weiter. Ich kenne nur keine Begründung von ihm, wieso er Oberleutnant in Hitlers Wehrmacht war. Für die Laufbahn als Offizier musste man sich freiwillig melden. Ich habe das recherchiert in einem militärhistorischen Institut. Womöglich wollte er sogar General werden, sagt aber heute, weil das so populär ist, im Taxifahrerdeutsch: Krieg ist Scheiße. Er hat doch in dieser Scheiße ganz schön mitgerührt, im Ostfeldzug. Hat er je gesagt, ich habe da einen dicken Fehler gemacht? Ich erinnere mich nicht. Also würde ich gerne wissen, wie er sich fühlte, als er den Eid ablegte auf den Führer …

… deshalb war Helmut Schmidt doch noch lange kein Nazi. Jeder Soldat der Wehrmacht musste ab 1934 auf Hitler schwören.

Ich rede nicht von Nazi. Ich rede vom Raubkrieg gegen die Sowjetunion und davon, dass einer freiwillig Führungskraft der Nazi-Armee wurde. Die Eidesformel lautete: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“ Ich möchte vom früheren Bundeskanzler nur wissen, wie war ihm da zumute? Wie lange fühlte er sich an diesen Eid gebunden? Das interessiert mich, nicht seine Meinung über Marlene Dietrich.

Harry O. Too 23.12.2012 | 14:04

Eine sehr schöne Form des Verklärens war es auch, ihm dir Chance im TV zu bieten, sich als philosophischer Kopf zu präsentieren - was für alle, die auch nur den Schimmer einer Ahnung von Philosophie-Geschichte haben, sehr entlarvend war. Er konnte nicht mal als Einäugiger unter Blinden durchgehen. Und aufs Philosophieren verstand er sich doch erst recht nicht. Ab da hab ich ihn nicht mehr respektiert. Er war dann nur noch "Schmidt-Schwätzer"  für mich.

JR's China Blog 23.12.2012 | 15:55

Für viele Deutsche drückt sich in Schmidts Haltung vermutlich "Korpsgeist" aus. Ich weiß nicht, ob es noch andere europäische Länder gibt, in denen das gut ankäme, bzw. in den 1970ern gut angekommen wäre.

Fans hat er allerdings in China. "Ein starker Mann", kein Waschlappen wie Sun Yat-sen (oder Willy Brandt). Und die Begeisterung ist gegenseitig.

Seine Honorare sind mir egal, ebenso wie Steinbrücks. Ein Problem habe ich nur, wenn landauf, landab eine große Klappe mit Urteilsvermögen verwechselt wird.

Insofern ist Schmidt auch aber gar nicht das Problem. Er verkörpert es höchstens. Jedenfalls auf der Glotze.

Lapis 23.12.2012 | 16:12

Da gab es doch neulich dieses Interview mit Fritz J. Raddatz in der FAZ, in der er seine Einschätzung von Helmut Schmidt zum Besten gab:

 

>>Helmut Schmidt, für viele ein Vorbild für alles mögliche, gilt Ihnen als Negativbeispiel in Sachen guter Stil. Hat das auch damit zu tun, dass Sie den Mitherausgeber der „Zeit“ generell nicht allzu sehr verehren?

Ich verehre ihn nicht nur nicht, ich verachte ihn. Schmidt ist ein Bescheidenheitsprotz, der öffentlich Erbsensuppe predigt und heimlich Subventionswein trinkt. Will sagen: Dieser an Geschwätz-Diarrhoe leidende Ersatz-Hindenburg benutzt den Apparat des Bundeskanzleramtes, immerhin steuerbezahlte Leute, als seien sie seine persönlichen Domestiken. Nach einer internationalen Konferenz wurde von ihm jüngst der Satz „Rollt mich hier raus“ kolportiert, mit dem er seine Bodyguards anherrschte, als seien sie sein privater Pflegedienst. Das sind sie aber nicht. Warum nimmt er sich das also heraus? Ist er was Besseres als die anderen? Nein. Er ist ein gescheiterter Politiker und ein Angestellter eines Zeitungsverlages. Nichts anderes. Es ist also eine Frage des moralischen Stils.<<

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Ehemaliger Nutzer 23.12.2012 | 17:07

Bei Schmidt wurden die ersten zarten Reformansätze für die Politik unter Brandt sozusagen wieder zurückgeführt zum starken Staat gegenüber den Bürgern! Die Verfassung hat ihn eh' nicht interessiert.

Der Mann wird heute leider total überbewertet und seine Arroganz nimmt dies gerne hin!

mymind 23.12.2012 | 19:06

Die Kommentare, die hier z. g. Teil abgelassen werden, sind schon arg verwunderlich. Man muss Helmut Schmidt nicht toll finden & ihn abfeiern, aber dieses, für manche FC-Kommentatoren typische, grottenartige Niedermachen ist ätzend! Die Wortwahl von Raddatz für eigene Ansichten sprechen zu lassen, das ist nicht nur feige, sondern entspricht einem charakterlichen ´Stil´, der genauso fragwürdigt ist wie der von FJR…

damit meine ich insbesondere den  hirnrissigen Inhalt des Satzes:  Ich verehre ihn nicht nur nicht, ich verachte ihn

Aber zurück zu Helmut Schmidt: Auch bei mir stieß sein Rationalismus & nicht nur der,  auf Grenzen _ ob Nato-Doppelbeschluss (auch wenn anders gedacht), Atomkraft, sein Umgang mit der Friedens- & Umweltbewegung etc., was im Beitrag nicht erwähnt wird, ist seine Haltung zur Terrorismusbekämpfung. Aber: was heute, nach über 30 Jahren, Anlass zum Schmidt-Bashing genutzt wird, dabei pickt sich jeder das Baustein heraus, das ihn gerade bewegt, war damals immerhin Anlass & Bewusstsein aufzubegehren, was auch geschah. In den Nachfolgeregierungen wurden noch viel elementarere Entscheidungen auf den Weg gebracht, die dieses Land, ihre Menschen & internationale Politik betreffen, allerdings mit einer Umsetzungsmethode, die nunmehr die Schaffung  vollendeter Tatsachen proklamiert, nach dem Motto: Friss oder…So vieles ist alternativlos geworden, selbst Kriege…Nach 16 Jahren Kohl geht sozusagen alles glatt durch, mit dem entsprechenden Input in den Medien etc.

Zuletzt: Bei Helmut Schmidt gab es noch den Anschein eines Kanzlers bzw. eines Politikers, der meint was er sagt & was er tut. Insofern wusste der Wähler woran er ist. Darüber hinaus schätze ich durchaus, dass er nach dem Erreichen aller höchstmöglichen Ämter & nach deren Aufgabe Politiker geblieben ist, Politik nicht als Karrierestufe begriffen hat. Wem es zu viel oder unerträglich ist, was er immer noch zu sagen hat, der kann ja abschalten. In vielen Punkten würde ich mir wünschen, dass heutige Politiker einen Hauch von Weltanschauung haben, wie Helmut Schmidt & wenige andere seiner politischen Zeitgenossen.

Happy Birthday, Helmut Schmidt.  

Georg von Grote 23.12.2012 | 19:52

Ich bleibe dabei, ich finde Jägers Artikel gelungen.

Vor allem, weil er nicht auf den Sturmflut- oder Mogadischu-Schmidt abstelolte, wie es so viel tun, sondern die Meriten da herausstellt, wo es die wenigsten mitbekommen haben, der Bundeswehrreform.

Da mein Vater ja hoher Offizier war und zum Teil auch auf der Hardthöhe arbeitete, haben wir al Familienmitglieder so einige Verteidigungsminister aus zweiter Hand genießen dürfen. Schmidt wurde als einziger wirklich respektiert und zwar bis in die Führungsspitzen. Und ohne diese Bundeswehrreform sähe der Verein heute noch anders aus.

Ich selbst erlebte ja als heranwachsender Schmidt vor allem im Fernsehen und da als Schmidt Schnauze. Wir hatten sehr freidenkende Lehrer, die sich nicht an Lehrpläne hielten und wenn es passte und im TV gerade eine interessante Debatte lief, dann saß die ganze Klasse vor der Glotze. Was lehrreich war und Spaß machte, denn die Schlagabtausche zwischen Schmidt-Strauss, Wehner-Strauss und einigen anderen, die die Wortfetzen fliegen lassen konnten, waren einfach unbezahlbar. Da bewunderten wir Schmidt sogar teilweise ob seiner geschliffenen Rhetorik.

Die Bewunderung ließ in seiner kanzlerzeit nach, bei der RAF Geschichte, beim Nato-Doppelbeschluß und irgendwann war Schmidt Ex-Politiker und man vergaß ihn mehr und mehr, zumal ich auch seiner politischen Linie nicht mehr folgen konnte.

Erst viel später lernte ich ihn kennen. Es war ein Zufall und zwar ein Zufall auf Raten, denn damals in den 90ern flog ich oft zwischen München und Hamburg hin und her und witzigerweise saßen wir immer in der selben Reihe, er auf der linken Seite, ich auf der rechten.

Und beim dritten Mal kamen wir ins Gespräch. Nichts Tiefgründiges, Smalltalk die ersten Male, erst gegen Ende wurde es etwas politischer, aber er konnte zuhören und er achtete genau auf das, was man sagte und hakte da immer wieder ein, wo er meinte, es müsse sein. Keine langen gespräche auf dieser Stunde Flug, meistens korrigierte er auch irgendwelche Papiere oder machte Anmerkungen an der Seite von Artikeln.

Und er hatte Flugangst, wie stark weiß ich nicht, habe ihn nie gefragt, aber das Erstarren und Einkrallen bei Start und Landung waren untrügliche Zeichen.

Irgendwann waren unsere Businesszeiten bei der LH passé und seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich bin sehr zwiespältig bei Schmidt, einerseits mag ich ihn, andererseits lehne ich vieles ab, was er heute noch postuliert.

Heute amüsiert es mich nur, wie sie alle, wenn Sie ihn im Gespräch haben wollen, vor ihm zu Kreuze kriechen. So wirklich wagt keiner ihm zu widersprechen.

ich würde ihn gerne mal fragen, ob er bei solchen Auftritten nicht lieber mehr Reibung hätte.

Er soll seinen Geburtstag genießen und von mir einen Glückwunsch dazu.

 

 

mymind 23.12.2012 | 20:58

Die Geschichte mit der Flugangst ist mir äußerst sympathisch, da ich inzwischen auch zu den  ´irrationalen´ Fluggästen zähle. Zwar bin ich froh über jegliche Ablenkung, aber wenn es turbulent wird, dann meditiere ich lieber vor mich hin…

Seine heutigen Positionen, nicht alle,  unterscheiden sich in einigen Punkten von seinen damaligen als Kanzler,  was ich nachvollziehbar finde, weil sich nicht nur unsere Gesellschaft & die Welt verändert. Wenn demzufolge auch ein alter Knochen mal seinen Standpunkt redigiert, finde ich es eher positiv als negativ.  Dass er sich in einigen Standpunkten nicht ändert, z.B. wenn es um Krieg geht, ebenso. Was lehnst Du denn von seinen heutigen Positionen ab, mal abgesehen von den Punkten, die ich weiter oben erwähnte?

Das Herumgekrieche um seine Person ist natürlich auffällig, keine Ahnung ob ihm das immer nur gefällt. Es ist vorstellbar, dass er fundierte Gegenargumente nicht kaltschnäuzig abbügelt, so wie er es manchmal in dem Versuch dessen,  auch etwas milder tat, aber nur: fundiert waren diese Gegenargumente leider nicht. Ich meine damit z.B. die Diskussionen, wenn es um China geht oder um Kriege im ´Namen von Menschenrechten´ etc. , in denen er sehr harsch reagieren kann, was u. A. auch darauf bezogen werden kann, dass er ggf. mehr Einblick in die Materie hat…

Konfuzikuntz 23.12.2012 | 21:00

Nein, man sollte ihn nicht glorifizieren. Gewiss nicht. Schaut man sich allerdings die Ahnengalerie der Kanzler seit Bismarck an, so gehört er doch gewiss zu den Besseren, wie ich finde. Er ist alles andere als im Amt gescheitert. Und es ist wirkt eigenartig, dass die SPD sich mit ihm so schwer tut, aber den ziemlich gescheiterten Frahm glorifiziert.

JR's China Blog 23.12.2012 | 21:51

Was China betrifft, vertritt Schmidt praktisch die gleichen Positionen wie die englischsprachige chinesische Presse (Global Times, China Daily, etc.) - ob er sich nun zu Zheng He äußert und behauptet, dieser habe keine militärische Gewalt angewandt, oder ob er ziemlich krasse Fehldarstellungen des Koreakriegs abliefert.

Als seine China-Gesprächspartner sind eigentlich nur aktive, pensionierte oder mittlerweile verstorbene Spitzenkader bekannt ("Huang Hua ..., ein wunderbarer Kerl"); und auch außerhalb Chinas weiß ich von keinen Auftritten mit Chinesen, die der Beijinger Führung ablehnend gegenüberstünden.

Da kann sich ein Deutscher auch mit dem Set in Hollywood treffen und hinterher dem Fernsehvolk "Amerika erklären". 

Was übrigens nicht verboten wäre. Ich würde Schmidt nur keinen Satz über China glauben, den ich nicht selbst überprüfen kann.

Seine Kanzlerschaft ist für mich zu lange her, als dass ich versuchen würde, sie mal eben schnell in einem Kommentar zu bewerten. Aber gerade darum sind Artikel wie dieser für mich informativ.

mymind 23.12.2012 | 22:05

Wie Sie evtl. bislang nachverfolgen konnten,  verlasse ich mich äußerst selten rein auf Aussagen von Politikern.

Bez. China habe ich auch ein wenig Erfahrung, der meinen Kenntnis- Horizont erweitert hat & meine Neugier, mein Interesse für weitere Erkenntnisse & Einschätzungen weckte.  Wie Sie wissen, ist eine unabhängige & einigermaßen objektive  Berichterstattung hierzulande kaum möglich.

Es bedarf keinen Helmut Schmidt für meine Einschätzung über China. Aber ja , ich finde es ganz angenehm, wenn ein hochangesehener Politiker offensichtlich bestimmte Details im Umgang mit China begriffen hat & diese trotz aller Fäuste in den Taschen kundtut, dabei ist es mit egal wer ihn in letzter Zeit  berät. Im Übrigen schätze ich ihn durchaus so ein, dass er sich ein eigenes Bild machen konnte, er reist ja nicht erst als Greis durch das Land.

 

 

 

 

Georg von Grote 23.12.2012 | 23:06

Wir sind bei Schmidt gar nicht so weit auseinander. Was ich an ihm kritisiere, sind seine heutige Haltung zur Ataomenergie, die er einfach nicht revidieren will, etwas, was ich bei einem wachen Geist wie ihm einfach nicht verstehe. Die Geschichte um den Nato-Doppelbeschluß sowieso und er hat offenbar damals die Friedens- und Ökobewegung unteschätzt und hält auch heute noch wenig davon. Vielleicht interessiert ihn das auch überhaupt nicht mehr, das könnte auch ein Grund sein. Seine damalige Haltung im deutschen Herbst trage ich ihm nach. Er hat damals bei der terroristenverfolgung Weichen gestellt, die heute noch auf falsche Gleise führen. Dass er den Rechtsstaat beschädigt hat, wäre zu hoch gegriffen, aber er hat Bürgerrechte geopfert, die heute noch nicht wieder hergestellt sind.

Letztlich auch seine Haltung zu kriegerischen Einsätzen der BW. Das allerdings mag an seinem unerschütterlichen Pragmatismus legen und damit sind wir bei den Fähigkeiten, die ich an ihm sehr schätze. Dieser Pragmatismus zeigt sich in seinen Ausführungen zur Finanzkrise. Er sieht die Tatsachen, seziert sie und zeigt Möglichkeiten auf, die gangbar sind und verläßt sich nicht auf Versprechungen und Wolenkuckuckusheime. Wir sind nun mal nicht allein in der Welt und müssen mit dem arbeiten und Lösungen finden, was machbar ist und nicht, was wir uns gerne wünschen würden. Das gilt auch für seine Einschätzung zu China. Schmidt weiß ganz genau, was da in Punkto Menschenrechte abläuft, aber er sieht auch, dass wir das im Moment nicht ändern können. Wir können aber China nicht boykottieren, wir sind von China abhängig, auch wenn wir es uns nicht eingestehen wollen. Wirtschaftlich abhängiger als von jedem anderen Land. Da ist Schmidt der Realpolitiker, wie ich sie mag. Und dann nach wie vor seine Rhetorik. Er kann noch jetzt im hohen Alter Sachverhalte gnadenlos auf den Punkt bringen und das in einem Ductus, den ich sehr schätze. Und er kann immer noch einen nicht gerade kompetenten Diskussionsgegner nur mit einem Halbsatz in Grund und Boden stampfen und dafür bewundere ich ihn immer noch.

mymind 23.12.2012 | 23:40

Also seinen Standpunkt zu völkerrechtswidrigen Kriegen, habe ich auch schon unterschrieben bevor er sich öffentlich äußerte….

Was China angeht, meine ich genau das, was Du als 1. Priorität schreibst & was hier immer zuerst genannt wird: Menschenrechte. In China passiert aber mehr als Menschenrechtsverletzungen & mit ein wenig mehr Hintergrundwissen über Geschichte & pol. Umwälzungen dieses riesigen Landes sowie Aufenthalt vor Ort, können auch differenziertere Sichtweisen entstehen. Da geht es nicht nur um westliche Abhängigkeiten etc. hier & Böserbubenstaat dort. Es geht um Menschen, wie sie leben, fühlen, hoffen usw. & so fort.

Natürlich sind die Zustände in den meisten industriellen Produktionsstätten, tw. auch auf Baustellen,  furchtbar, nicht nur in China, auch in dem demokratischen & von westlicher Kritik verschonten Indien, oder wie zuletzt zu erfahren in Bangladesh. In 1. Linie ist selbstredend der Staat zur Verantwortung zu ziehen, indem er seinen Unternehmern Reglements vorschreibt. Darüber hinaus sind aber auch alle Unternehmen zur Brust zu nehmen, die knallhart schachern & sich bewusst sind, unter welchen Bedingungen produziert wird & manchmal auch muss, wenn eine Jeans nur 3 € als Produktionspreis =  10 € als Endpreis kosten darf. Solche  Preise sind pervers & ich hoffe, dass diese gierige Preispolitik bald ein Ende nimmt.

Das ist mein Wort zum Jahresende. Allen schöne Weihnachten & guten Rutsch, wie die Chinesen das aussprechen, lasse ich mal….

Cliomara 24.12.2012 | 01:55

Schmidt scheiterte 1982 an seiner eigenen Partei. Die Mehrheit der SPD trug den Nato-Doppelbeschluss nicht mehr mit. Große Teile der Partei widersetzten sich auch Kürzungen in der Sozialpolitik.

Dennoch würde ich die Amtszeit von Schmidt positiver bewerten als Michael Jäger. Als Krisenmanager bewies er auch in Bonn Format. Schmidt lehnte so etwas wie "geistige Führung" durch den Regierungschef immer ab. Aber sein Pragmatismus hatte ein ethisches Fundament. Das bräsige Gerede seines Nachfolgers war im Vergleich dazu eine Zumutung.

Dass Schmidt heute einen fast legendären Ruf genießt, sagt auch einiges darüber aus, wie wenig wir im Augenblick von unserer derzeitigen politischen Elite halten. Denn Patentrezepte hat der 'Weltökonom' Schmidt im Jahr 2012 ebenso wenig wie in der Rezession 1981/82.

 

Dennoch: ein beeindruckendes Politikerleben.

Da mag Fritz Joethe Raddatz anderer Meinung sein.

JR's China Blog 24.12.2012 | 09:43

Da ist Schmidt der Realpolitiker, wie ich sie mag. Er kann noch jetzt im hohen Alter Sachverhalte gnadenlos auf den Punkt bringen

Tut er aber leider im Zusammenhang mit China nicht, Herr von Grote. Da ist nicht das Auf-den-Punkt-bringen angesagt, sondern das Weichspülen chinesischer Geschichte und die unkritische Übernahme chinesischer Propaganda.

Sie tragen Schmidt seine Weichenstellung bei der Terroristenverfolgung nach., Herr von Grote. Das gehört übrigens hierher. Es ist abenteuerlich zu glauben, dass heuchlerische Mahnungen der heutigen Kanzlerin (oder vor einigen Jahren Sarkozys) China in irgendeiner Weise etwas aufoktroyieren könnten, wie gerne unterstellt wird. Unabhängig davon, ob das Schmidts Vorstellung ist oder nicht: über Menschenrechte anderswo möchte er am liebsten gar nicht sprechen, und wenn das Thema gar nicht vermeidbar ist, erklärt er, die VBA-Truppen auf dem Platz des Himmlischen Friedens hätten sich "gewehrt", weil sie "mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen" wurden. Und außerdem habe ja "Deng sein Gesicht verloren". Wie wäre es mit einer ganz anderen Antwort? Z. B.: "Bringen wir erstmal unseren Dreck in Ordnung - die Bundeswehr soll demnächst auch 'in außergewöhnlichen Notfällen' im Innern eingesetzt werden dürfen"? In dem Moment könnte er sich die Suche nach Entschuldigungen für ein Massaker nämlich sparen, und würde auch nicht mehr danach gefragt.

Niemand ist verpflichtet, anderen Regierungen Vorhaltungen zu machen. Man kann, wenn es um geschichtliche Wahrheiten gehen, ja auch "die Schnauze halten", um mit Hannah Arendt zu sprechen. Aber wer Menschenrechtsverletzungen schönredet, trägt nichts zur Klärung bei. Wer reden will, soll es ohne falsche Rücksicht tun. Und wer Menschenrechtsverletzungen in China oder anderswo in der Welt für akzeptabel hält, soll einen überzeugenden Grund dafür nennen, warum Grundrechte dann nicht - z. B. in der Terroristenbekämpfung in Deutschland - auch außer Kraft gesetzt werden dürfen.

Um klar zu sein: Schmidt befürwortet keine Menschenrechtsverletzungen. Er ist erklärtermaßen "ein Gegner von allen Menschenrechtsverletzungen; aber er ist ein Anhänger der Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates.

Das wäre ein konsequenter Standpunkt, wenn er auf den Verzicht auf Moralpredigten hinausliefe. Aber wenn auch eine deutschlandinterne Diskussion und Orientierung hinsichtlich chinesischer Menschenrechtspraxis als "Einmischung" gelten soll, dann können wir uns die Thematisierung deutscher Grundrechte ebenfalls sparen.

Michael Jäger 24.12.2012 | 10:44

Ich habe den „Doppelbeschluß“ ja gar nicht beklagt – nicht mehr, damals gehörte ich schon zu denen, die das taten -, sondern nur festgestellt, daß er daran politisch gescheitert ist. Ich gebe Ihnen aber recht, mit „Der Ewiggestrige“ kann man seine politische Laufbahn und Leistung nicht zusammenfassen. Man braucht ja nur an die von mir besonders hervorgehobene Bundeswehrreform zu denken, wo man es nun wahrlich mit Ewiggestrigen zu tun bekommt, aber aufseiten von Schmidts Widersacher eben in der Bundeswehr. Der Ausdruck „ewiggestrig“ kommt in meinem Text nicht vor und die Überschrift ist nicht von mir.

Lapis 24.12.2012 | 15:37

Ein paar Schmidt-Zitate zur Einwanderung:

 

- "Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag." - DGB-Veranstaltung, Hamburg, November 1981

- "Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze." - DIE ZEIT, 5. Februar 1982

- "Die Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft in der Lage sein müsste, sich als multikulturelle Gesellschaft zu etablieren, mit möglichst vielen kulturellen Gruppen, halte ich für abwegig. Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen." - Frankfurter Rundschau, 12. September 1992, S. 8

- "Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen." - Die Zeit, Nr. 18/2004, 22. April 2004

- "Mit einer demokratischen Gesellschaft ist das Konzept von Multikulti schwer vereinbar. Vielleicht auf ganz lange Sicht. Aber wenn man fragt, wo denn multikulturelle Gesellschaften bislang funktioniert haben, kommt man sehr schnell zum Ergebnis, daß sie nur dort friedlich funktionieren, wo es einen starken Obrigkeitsstaat gibt. Insofern war es ein Fehler, daß wir zu Beginn der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land holten." - Hamburger Abendblatt, 24. November 2004

- "Sieben Millionen Ausländer in Deutschland sind eine fehlerhafte Entwicklung, für die die Politik verantwortlich ist. ... Weitere Zuwanderung aus 'fremden Kulturen' muss unterbunden werden. ... Als Mittel gegen die Überalterung der deutschen Gesellschaft kommt dieser Ansatz nicht in Frage." (Focus, 6. November 2005)

- "Allerdings habe ich erst recht keine positive Prognose, wenn wir weiterhin den Beitritt der Türkei zur EU in Aussicht stellen. Denn dann würden zig Millionen Moslems freien Zugang zu ganz Europa haben und unsere Arbeitsmärkte und Sozialsysteme überschwemmen. Da könnten wir auch gleich Algerien, Marokko, Libanon, Syrien mit einplanen. Und deren Konflikte – etwa zwischen Kurden und Türken – fänden dann in unseren Städten statt. Das wäre eine gewaltige Fehlentwicklung!" (Bild, 23.11.2010)

seriousguy47 24.12.2012 | 15:50

Man sollte bei Schmidt zwischen Leistung und Person unterscheiden. Ich vermute mal, für viele ist unerheblich, ob irgendeine "historische" Leistung von ihm bleibt. Ich könnte mir vorstellen, sein Ansehen beruht auf einer öffentlichen Wahrnehmung als sozialdemokratisch wiedergeborener Adenauer. Die letzte großväterliche Autorität, die uns in diesen unsicheren Zeiten verblieben ist.

Und dann ist da ja noch der Sturmflut-Mythos, der ihn in der nachträglichen Verklärung quasi als Messias, oder wenigstens Moses erscheinen lässt.

Und sein Auftreten. War er nicht der erste deutsche Nachkriegs-Spitzen-Politiker, der ein Englisch sprach, dessen man sich nicht fremdschämen musste?

Was er sagt, spielt da möglicherweise keine Rolle, nur dass er noch was sagt.

Interessant scheint mir auch der Mythos vom "starken" Mann. Hat er nicht früh einen Herzschrittmacher benötigt???? Leidet er nicht an einer Nikotinsucht? Wo ist da die (innere)  "Stärke"? Ist sie vielleicht bloß aufgesetzt, gespielt? Zu einem hohen gesundheitlichen Preis?

Dazu fiel mir noch die tiefe Antipathie gegenüber Jimmy Carter ein. Sah er in dem vielleicht das, was er an sich selbst nicht sehen wollte: "Weichheit"/ "Schwäche"?

Und: Neulich las ich von einer Doku, die den Spuren einer Solaranlage nachspürte, die Jimmy Carter am Weißen Haus hatte installieren lassen. Wer hätte also wohl zum Arzt gehen sollen, der mit der Unweltvision oder der mit dem unheilbaren Faible für Kernenergie?

Damit käme ich zu einem historischen Verdienst neben der Bundeswehrreform: Schmidt darf sich wohl als der illegitime Vater der Grünen betrachten. Ohne ihn wären die heute bloß ein Flügel der SPD.

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Ehemaliger Nutzer 24.12.2012 | 16:24

@MICHAEL JÄGER 23.12.2012 | 09:00

 

Hier scheint ja einiges durcheinander gekommen zu sein. 

Noch als er das Amt 1982 verlor, glaubte wohl eine Mehrheit der Westdeutschen, er sei einem Dolchstoß in den Rücken zum Opfer gefallen, ausgeführt vom Koalitionspartner FDP und seiner eigenen Partei, die sich beide von ihm abwandten.

Das taten sie, weil er in der ökonomischen Krise den Sozialstaat abzubauen begann und so die nachfolgende Unionsregierung vorbereitete.

Mein lieber Scholli, das grenzt schon an Geschichtsklitterei. Oder ist es einfach Unkenntnis?

Willy Brandt wurde in den eigenen Reihen von Anfang an von den sogenannten Kanalarbeitern - heute als Seeheimer Kreis firmierend - bekämpft. Willy Brandt wurde natürlich auch massiv von der Union bekämpft. Das kann man mindestens bei Albrecht Müller und Wolfgang Lieb auf den Nachdenkseiten nachlesen oder als Journalist bei ihnen persönlich erfragen, wenn man nicht Zeitgenosse ist und die 70er-80er politisch nicht bewußt miterleben konnte und nicht erlebt hat.

Willy Brandt wurde auch durch die DDR bekämpft, indem sie ihn den Herrn Guillaume als Kuckucksei ins Kanzleramt schmuggelten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Guillaume-Aff%C3%A4re

Schließlich wurde die erste sozialliberale Regierung Deutschlands auch von der sich selbst als RAF bezeichnenden Mörderbande bekämpft. Das ist besonders bemerkenswert.

Als Helmut Schmidt die Regierung führte, war auch der Terror der RAF auf dem Höhepunkt. Ein Terror gegen einen sozialliberalen Staat und seine Bürger, nicht etwa gegen eine erzkonservative, rückschrittliche und obrigkeitsstaatliche mit Altnazis durchsetze Regierung, wie die Adenauersche.

Helmut Schmidt sollte also die wirtschaftlichen Probleme lösen, welche auch durch eine ignorante und abwehrende Industrie und Wirtschaft erzeugt und mit der sogenannten Ölkrise von 1973 immens verstärkt worden waren und wurden. Er sollte die innenpolitischen Probleme lösen, die mit dem Terror der RAF einhergingen. Und er sollte weltpolitische Probleme lösen, in einer Zeit, als sich die Machtblöcke noch waffenstarrend gegenüberstanden und beide deutsche Staaten jeweils eingebunden waren. Eine Menge Aufgaben für einen neuen Kanzler.

Ihm zu unterstellen, er wollte den Sozialstaat abbauen [ und dass sich deshalb seine eigenen Genossen als auch der Koalitionspartner FDP von ihm abwandten, das ist glatte Geschichtsfälschung.

Die Herren Lambsdorff-Tietmeyer bereiteten das Ende der sozialliberalen Koalition vor, indem sie den sogenannten Scheidungsbrief verfassten. Dieses Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist die neoliberale Kampfschrifft zur Zerstörung des sozialen Rechtsstaates und sie liest sich wie eine Blaupause der Schröderschen Agenda 2010, wie man leicht feststellen kann. http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0079_lam&l=de 

Es war Helmut Schmidt, der 1982 dieses rabiate, marktradikale Umerziehungs- und Umgestaltungprogramm ablehnte, woraufhin die FDP mit fliegenden Fahnen zur CDU/CSU lief, zu denen bereits  in weiser Voraussicht Kontakte geknüpft worden waren.

Es war dann Helmut Kohl, der damit begann, den sozialen Rechtsstaat zu zertrümmern, indem er massiv in die sozialen Errungenschaften und Rechte der Bürger eingriff. Mit Helmut Kohl begann dann offiziell die schon zuvor vom Unternehmerlager vorangetriebene marktradikale Umgestaltung der Bundesrepublik. Nicht mit Helmut Schmidt.

Man muss Helmut Schmidt nicht mögen, man muss seine Kanzlerschaft nicht im nachhinein glorifizieren, heroisieren oder sonst etwas in der Richtung. Aber man muss bei historisch belegen Fakten bleiben.

Man sehe und höre dazu mal auf Phoenix die Bundestagsdebatte, wo Helmut Schmidt die Leute, die die Bundesrepublik marktradikal umformen wollten, auf genau diese Tatsachen hinwies. 

JR's China Blog 24.12.2012 | 17:05

Zum 1. Zitat - Willy Brandt hat es acht Jahre zuvor gepflegter ausgedrückt: "Wenn die Zahl der Ausländer, die als Minderheit in einer Nation leben, eine bestimmte Grenze überschreitet, gibt es überall in der Welt Strömungen des Fremdheitsgefühls und der Ablehnung, die sich dann zur Feindseligkeit steigern." Tut sich m. E. nicht viel. Schmidt hat ja nicht unterstellt, das wäre in erster Linie den Zuwanderern anzulasten.

Zum 2. Zitat: gemacht im Zusammenhang mit der Forderung der Arbeitgeber, Ausnahmen beim Anwerbestopp zuzulassen.

Zum 3. Zitat: stimme ich nicht zu, finde ich aber auch nicht abschätzig.

Zum 4. Zitat: abschätzig vielleicht, aber vor allem gegenüber den "Intellektuellen" (wen immer er damit auch gemeint haben mag).

Zum 5. Zitat: glaube ich eher nicht. Aber dass Schmidt das glaubt, erklärt vielleicht seine Bewunderung für die Leistungen des chinesischen politischen Systems.

Zum 6. Zitat: stimme ich auch nicht zu - allerdings war der Anwerbestopp sicher nicht zufällig eine sozialdemokratische Entscheidung.

Zum 7. Zitat: Beim Türkei-Beitritt plädiere ich fürs Abwarten - wie übrigens auch viele Türken. Einziger Einwand meinerseits: "überschwemmen". So redet man nicht über Menschen. Schmidt erwähnte übrigens im selben Interview neben der islamischen Welt auch Russlanddeutsche: "Wir sind heute de facto ein Einwanderungsland, aber uns fehlen die Regeln dafür. Zum Beispiel haben wir Hunderttausende Menschen aus Osteuropa als Deutsche aufgenommen, weil sie mal eine deutsche Urgroßmutter hatten – unabhängig davon, was sie können oder leisten."

Kurz gesagt: Schmidt spricht generell gerne abschätzig - Journalisten (und SPD-Parteilinke) können davon ein besonders langes Lied singen. Sie können sich die Luft aber auch sparen - er ist ja nicht mehr aktiv. Wie ich selbst über Schmidts düster gefärbtes Weltbild denke, habe ich hier ("Korpsgeist"), hier und hier geschrieben. Aber das war's dann auch. Es gab und gibt schlechtere Bundespolitiker.

lebowski 24.12.2012 | 20:01

@Aqua-Jedi

Es waren weder Schmidt noch Kohl, die den Sozialstaat zertrümmert haben. Unter Kohl ließ es sich noch ganz kommod in D leben. Hätte Kohl was in der Richtung versucht, wären die Gewerkschaften auf die Barrikaden gegangen. Nö, den Sozialstaat zertrümmern konnte nur ein Sozialdemokrat. In diesem Fall war das Schröder.

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Ehemaliger Nutzer 24.12.2012 | 21:56

LEBOWSKI 24.12.2012 | 20:01

Ich schrieb auch, dass Kohl damit begann den sozialen Rechtsstaat zu zertrümmern, nicht das er ihn so zertrümmert hat, wie das dann unter der Schröderschen Agenda 2010 (inhaltlich nahezu identisch mit dem Lambsdorff-Tietmeyer-Papier 1982) geschah. Kohls Angriffe auf den sozialen Rechtsstaat, geleitet durch das Lambsdorff-Tietmeyer-Papier, erschienen nicht so spektakulär, weil sie einerseits Schritt für Schritt kamen und andererseits durch die von rechten Sozialdemokraten dominierten und gelähmten Gewerkschaften nicht thematisiert und bekämpft wurden. Zunächst wurde unter Kohl die Höhe des Arbeitslosengeldes gesenkt, dann die Zumutbarkeitsregeln verschärft, dass übte Druck auf die Löhne und die zu akzeptierenden/anzunehmenden Arbeitsbedingungen aus, weil das Arbeitslosengeld und auch die daran angelehnte Arbeitslosenhilfe bis dahin so etwas wie eine unterste Barriere darstellten. Gleichzeitig wurde das Arbeitsförderungsgesetz dahingehend geändert, dass alle Arbeitnehmer bei Aussperrung durch die Unternehmer kein Arbeitslosengeld erhalten durften. Damit wurde die Streik- und Kampfbereitschaft der Gewerkschaften geschwächt und das Drohpotential der Unternehmer erhöht. Und die berufliche Aufstiegsfortbildung (Meister- und Technikerausbildung mittels AFG-Förderung) bei Arbeitslosigkeit wurde stark eingeschränkt, obwohl gerade das ein Weg aus der Arbeitslosigkeit und eine notwendige Anpassung an technische Entwicklungen war. Richtig ist, dass Schröder dies dann vollständig zerschlug und abschaffte und durch das billige Surrogat Bildungsgutschein ersetzte. Damit wurde man zum Bittsteller ohne Rechtsanspruch auf Fortbildung reduziert, ganz nach dem Gusto der FDP übrigens. Schröder war damit der beste Neoliberale aller Zeiten.

Michael Jäger 25.12.2012 | 01:12

Bitte genau lesen, lieber Aqua-Jedi. Ich habe nicht geschrieben, daß Schmidt den Sozialstatt abbauen "wollte", sondern daß er ihn abzubauen begann, und das stimmt, das ist die historische Wahrheit.  Das war noch vor dem FDP/Scheidungsbrief. Und ich habe ihm noch zugutegehalten, "in der ökonomischen Krise". Er "wollte" bestimmt nicht, aber er glaubte zu müssen, TINA, there is no alternative. Und das ist das alte Lied mit dieser Sorte Sozialdemokraten, und wenn wir Steinbrück als Kanzler bekommen würden, dürften wir dasselbe zum xten Mal erleben. Schmidts Schritte zum Abbau des Sozialstaats waren die kleinsten, warum wohl, weil es die ersten waren, Kohls Schritte waren dann größer, und Schröders Schritte waren noch größer. Schmidts Schritte waren aus heutiger Perspektive noch so klein, daß Sie sich schon gar nicht mehr daran erinnern, aber sie reichten durchaus, ihm die Gewerkschaften in der letzten Zeit seiner Regierung zu entfremden. Schauen Sie doch selbst nach, gehen Sie in die Bibliothek, machen Sie sich kundig, es gibt z.B. eine "Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", wo ein ganzer Band der Schmidt-Regierung gewidmet ist. Na, wie ich mich kenne, werde ich selbst wieder so gutmütig sein, es Ihnen zu erzählen, nach Weihnachten, trotz ihres unverschämten Tonfalls.

Ich kann diese Leute wie Schmidt oder Schröder oder Steinbrück ja verstehen, Leute, die meinen, wenn sie nicht ein bißchen hart wären, würden andere noch viel härter sein. Aber ich bleibe dann auch bei meiner Einschätzung, daß diese Linie des "nur ein bißchen Hartseins" genau die Vorbereitung der nachfolgenden Linie des "viel härterseins" darstellt, objektiv darstellt. Leute dieses Schlags wehren nicht den Anfängen, sondern sind selbst die Anfangenden. Noch einmal, ich habe den Artikel nicht geschrieben, um Schmidts historische Verdienste zu schmälern, schon aber wollte ich in den Mittelpunkt stellen, daß er ein starker Mann nun gerade nicht war. Ein starker Mann würde nicht, wenn wieder mal, wie periodisch, die nächste kapitalistische Krise ausbricht, die Bevölkerung mit hoffentlich nur ganz wenig Grausamkeit quälen, sondern...

Den Oskar Lafontaine gab es damals übrigens auch schon, das hätte ich vielleicht noch einbauen sollen. Er war damals Bürgermeister von Saarbrücken. Als Schmidt in der ökonomischen Krise die Tugenden der Arbeit wie Pflichterfüllung, Pünktlichkeit usw. rühmte, wurde von Lafontaine das Statement verbreitet: "Damit kann man auch ein KZ betreiben." Wenn ich mich recht erinne, ist Lafontaine dadurch erstmals überregional bekannt geworden.

Michael Jäger 25.12.2012 | 01:45

Schmidt als Vater der Grünen, das sehe ich auch so, auch in dem Sinn, daß das ein weiteres Verdienst von ihm ist. Mir ist schon die Frage durch den Kopf gegangen, ob man sein Provozieren des NATO-"Doppelbeschlusses" - gerade wenn man sich erinnert, daß sowohl die Sowjetunion als auch die USA sich anfangs die Augen rieben und nicht verstanden, was das sollte - ob man das nicht als seinen unbewußten Versuch interpretieren könnte, die deutsche Öffentlichkeit vor eben dem zu warnen, was er offiziell für richtig erklärte, nämlich daß man immer nach dem Rüstungs-"Gleichgewicht" streben müsse. So viel ist jedenfalls wahr, die "Gleichgewichts"-Ideologie war das Schlimme, und Schmidt hat sich alle Mühe gegeben, die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen wunden Punkt zu lenken.

kenua 25.12.2012 | 10:47

Herr Jäger, so weit so schön.

Aber es ist doch klar, die einzigen Politiker, die Sie akzeptieren, sind Linke.

Ich hab es nur angelesen, es mag sein, wie es ist, aber eigentlich reicht schon die Überschrift:

ein nicht ( Linker, aktueller Herrscher eines ex-Kommunistischen Landes (Putin, China), islamischer (Mursi, Palästina) Politiker) :

und er wird nicht verteidigt, es wird nicht versucht, mit mehr oder weniger Gewalt zu relativieren ( die Pressefreiheit im Westen nützt eh nichts ), positive Aspekte raus zu quetschen ( Mursi ist kein politischer Abeneuerer ), sondern kritisiert.

Die Überschrift hätte gereicht, welche Details Sie zusammensuchen, ist einfach unwichtig. Denn wenn Sie über jemand aus der obigen Zielgruppe schreiben, der genau die gleichen Methoden und Tricks benutzt oder benutzte, dann wird relativert....

weiterhin erfolgreichesArbeiten, um die Leserschaft bei der Stange zu halen.

Oberham 25.12.2012 | 11:11

.... dieser Mann hat aus meiner Sich nichts verdient, nichts aber auch gar nichts.

Kein Mensch micht Macht, der in den letzten Jahrzehnten in unserem Land auch nur eine Träne des Mitgefühls verdient hätte.

Da sind nur gewissenlose Verbrecher auf der Agenda aufgelistet!

Egomanen, Karrieristen, debile Trottel. zynische Strategen - wie auch immer man sie beschreiben möchte.

Schmid ist altersdebil, aber seine Boshaftigkeit, die ist noch immer quicklebendig - meine guten Wünsche bezogen sich auf die Negierung der menschverursachten Klimaerwärmung, im Übrigen - für die Geschichtsschreiber wäre es eine sinnige Synapse zu seinem bundesdeutschem Wirken als Krisenmanager und Kanzler - wo sein Weg begann - da endet er.

Oder sollte man doch seine Taten als Offizier der Naziwehrmacht näher beleuchten?

 

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Ehemaliger Nutzer 25.12.2012 | 13:42

MICHAEL JÄGER 25.12.2012 | 01:12

Lieber Herr Jäger, mein Gedächtnis funktioniert recht ordentlich, deshalb stolpere ich dann auch über solche Aussagen, wie Ihre über Helmut Schmidts Regierungszeit, die Sie dann auch belegen können müssten.

Was ein Kanzler vermag oder auch nicht, läßt sich wohl schwer beurteilen, zumal er es mit mächtigen Gegenspielern aus der Politik und vor allem aus der Wirtschaft zu tun hat. Und schließlich muss ein Kanzler mit seiner Richtlinienkompetenz ein Kabinet führen und für alle Bürger handeln.

Aus der Alltagserfahrung können schon Schüler berichten, dass man als Klassensprecher schnell scheitern kann. Als Erwachsener mit fachlicher wie disziplinarischer Verantwortung weiß man dann, dass schon eine kleine Gruppe Mitarbeiter nicht so einfach zu führen ist.

Was ich glücklicherweise recht früh verstanden habe, nämlich seit meiner Zeit in der Gewerkschaft Anfang der 70er, dass die Bundesrepublik überwiegend konservativ-rückschrittlich regiert wurde und wird, und zwar unabhängig davon, ob die CDU/CSU oder die SPD die Regierung stellte. Die große und kurze historische Ausnahme war an die Glücksfälle der Geschichte - Gustav Heinemann und Willy Brandt - gebunden. Von der SPD habe ich schon damals nichts Gutes erwartet und tu es auch heute nicht, weil ich in der Gewerkschaft mit den rechten Sozialdemokraten (und das ist seit 100 Jahren die Mehrheit in der SPD) genügend Erfahrung sammeln konnte. Das ist eben bis heute so geblieben. Deshalb bin ich über die Spitzen der SPD nicht verwundert.

Die politische Änderung in der Parteienlandschaft in den späteren 70ern (Gründung der Grünen) habe ich als das Begriffen, was sie war, ein Sammelbecken für Leute (Jusos, Julis, K-Gruppler,  Ökos, usw.), die es in ihren Stammparteien zu nichts bringen konnten und zu nichts gebracht hatten. Sie nutzten die Gunst der Stunde und schufen sich ihre eigenen Wege zu den Fleischtöpfen. Was man nirgends deutlicher sehen konnte und kann, als bei den Grünen.

seriousguy47 25.12.2012 | 18:06

Lieber Michael Jäger,

der Beitrag scheint mir im Moment schwer verdaulich, weil er einen Heldenmythos auf dessen Höhepunkt mit der Realität zu konfrontieren sucht. Bevor ich also überhaupt abklopfen kann, was davon tatsächlich Realität ist und was Meinung, müsste ich das eigene Wahrnehmungsmuster ändern. Andere Kommentatoren scheinen da in anderer geistiger Verfassung zu sein.

Mich blockiert die verfestigte Erinnerung an eine Zeit, wo ich die Devise hatte: Right or wrong, Hauptsache SPD.  Erst ...nein, ich sag's jetzt nicht ... hat das jüngst geändert.

Genauer gesagt müsste ich wohl sagen: Hauptsache nicht CDU. Und ich könnte mir vorstellen, dass das anderen auch so geht. Das meinte ich, wenn ich oben davon sprach, dass es bei der Schmidt-Verehrung wohl gar nicht darauf ankommt, ob und was er geleistet hat. Hauptsache er hat die Stellung gehalten.

Insofern ist der Beitrag wohl eine notwendige Denk-Provokation, die allerdings mit Emotionen rechnen muss. Ich meine, zu sagen, dass er den Brandtschen Versuch verbockt hat, links-ökologisches Bürgertum in die SPD zu integrieren, sagt sich leicht. Dass er sehr viel mehr verbockt haben könnte, dass seine Verehrung gar ein langer Selbstbetrug mit Realitätsverweigerung sein könnte geht dann aber doch an die geschönte (?) Erinnerungssubstanz.

Wie ich schon angesprochen habe, fände ich eine Gegenüberstellung von Schmidt und Carter sehr reizvoll. Mit dem Lambsdorf-Papier könnte man die Positionsentwicklung von Karl Schiller vergleichen u.v.a.m.

Die ZEIT hat sich einmal die Mühe gemacht, den "geistigen" bzw. "Berater"-Hintergrund deutscher Kanzler auszuleuchten und für Schmidt dies angegeben:

"Im übrigen liest sich die Liste seiner deutschen Gesprächspartner wie ein „Who’s who“ der Bank- und Geschäftswelt: die Bankiers Guth, Ponto, Hesselbach, Emminger, Pohl; Grünewald (Bayer), Plettner (Siemens), Merkle (Bosch). Karl Schiller und Karl Klasen, der findige Unternehmer Körber sind einige Namen aus dem Hamburger Einzugsgebiet. Auf internationaler Ebene gehören dazu: Giscard, Callaghan, Kissinger, Sonnenfeldt."

Auch zum "Machtwechsel"  ein konkreter Hinweis: es waren in diesem Fall nachweislich die "Eliten", die diesen Machtwechsel wollten, lange bevor er vollzogen wurde. Und ich meine, dass dies auch medial "begleitet" wurde. So meine ich mich zu erinnern, dass Kohl und sein Team anfangs quasi als die deutschen "Kennedys"(???)  gehandelt wurden - was man im Nachhinein gar nicht mehr fassen will....wenn mich die Erinnerung nicht trügt....

Vielleicht ist es auch interessant, sich nochmals in die Stimmung zu versetzen, die 1982 herrschte. Beispiel AEG:

http://www.zeit.de/1982/33/auch-riesen-koennen-sterben/komplettansicht

Das mal so als Ergänzung für näher Interessierte.....

 

Berufsjugendlicher v2.0 26.12.2012 | 14:54

Nur mal Rande, ich fand den Artikel auch sehr gut und trefflich abgestimmt auf manch Meinungsgewäsch in der Nostalgie-Ausgabe. Ich erinnere mich am Bad in der Menge mit "Helmut, Helmut"-Rufen neben dem anderen letzten Preussen Honecker.  Das mit der Bundeswehrreform war mir entfallen, vielleicht auch weil sein Hamburger SPD-Genosse Apel wieder die Orden einführte. Wie er immer mit der Sparknute rumwedelte z.B. als Schmidt 1974 das Bafög auf Darlehen umstellte und später immer wieder verlautbarte, das sein Haushaltsstrukturgesetz noch nicht ausreichend grausam war. Der Titel "Ewiggestrige" ist schon sehr passend, was seine bevormundendes Auftreten betrifft. In einer Diskussion mit dem Theatermenschen Heiner Müller hat er die übelste Suada losgelassen, als Müller sinngemäß sagte, solange der Müllman auf der einen Strassenseite weniger verdient als der auf der anderen stelle dies das gemeinsame Nationalgefühl der beiden für ihn in Frage. Ich vermute mal, Schmidt hat die Nato-Nachrüstung nur angeschoben, weil Brandt damals wesentlich populärer war als er. Brandt wäre vermutlich auch nicht mehrmals in der "emotionalen Pissrinne" bei Beckmann gelandet.

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Ehemaliger Nutzer 26.12.2012 | 16:42

Zum BaFöG mal ein paar Fakten:

1971 Regierung Brandt

Das Bafög trat am 01. September 1971 in Kraft. Damit gab es erstmals einen Rechtsanspruch auf eine finanzielle Unterstützung des Staates während eines Studiums. Ziel des Gesetzes ist es, durch finanzielle Unterstützung von Studenten aus finanzschwächeren Familien berufliche Chancengleichheit herzustellen.
Der Zuschuss des Staates zum Bafög betrug 100%, es gab daher keinen Darlehensteil.

ab 1974 Regierung Brandt/Schmidt

Es wurde ein fester Darlehensteil von anfänglich 70 DM pro Monat eingeführt.

1983 Regierung Kohl

Förderungen nach dem Schüler-Bafög wurde weitestgehend abgeschafft.

ab 1983 Regierung Kohl

Der Zuschuss des Staates wird bis auf 0% heruntergefahren. Studenten erhalten ein zinsloses Darlehen in Höhe von 100%.

1990 Regierung Kohl

Der Zuschuss des Staates beträgt 50%, die restlichen 50% sind zinsloses Darlehen.

1996 Regierung Kohl

Eine Förderung über die Förderungshöchstdauer hinaus ist nur durch ein verzinsliches Bankdarlehen möglich.


So viel zu den Fakten.

danki 26.12.2012 | 17:14

Helmut Schmidt gehört auch zu der Sorte von Sozialdemokraten,die wie später der Blender Schröder diese Partei entsozialdemokratisiert hat.Hartz IV-ler sind alles Faule,Rente 67,Atomenergie,etc. ist eines Sozialdemokraten nicht würdig.Mit diesen Ansichten kann er genauso die CDU vertreten.Nur die Wähler haben die Spezialdemokraten damit abgestraft.Eigentlich unverantwortlich,dass wir bis auf DIE LINKE keine Opposition mehr haben.

Berufsjugendlicher v2.0 26.12.2012 | 22:03

Ja, aber das müssen auch schon Spezialkräfte sein, die auf die Titelseite sowas bringen wie: "Früher baute man Flughafen zu Ende". Tempelhofs Flughafengebäude wurde nie fertiggestellt und BER wäre wohl besser nie in Auftrag gegeben worden:

"Gigantisches Desaster"

http://www.tagesspiegel.de/berlin/ber-kritiker-faulenbach-ein-flughafenplaner-schert-aus/7525094.html

Joachim Petrick 27.12.2012 | 00:13


Lieber Michael,

Deinem überaus lesenswerten Artikel über Helmut Schmidt stelle ich meinen folgenden Artikel ergänzend bei.

Der legendäre Begriff "Schmidtschnauze" für das Im Stakatotempo daherkommende Redetalent  Helmut Schmidt wurde übrigens nicht von Anhängern, sondern von politischen Gegnern Helmut Schmidts als Kampfbegriff erfunden und erlebte erst sehr viel später seine liebenswert gemeinte Umdeutung.

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/helmut-schmidt-der-unzweideutige

Joachim Petrick


26.12.2012 | 23:44
Helmut Schmidt, der "Unzweideutige"

Johannes Renault 27.12.2012 | 02:49

Er diente ja seinem zweiten Herrn, dem nach dem Führer, der BRD ganz passabel. Auch schloss er sich klug einer der drei Hoch-Priesterschaften an. In einer solchen (der S.P.D.) konnte er weiter an der Kariere stricken.

Ich kenn einen gleichen Dienstgrad wie er, der schlug sich gleich mit dreitausend Mogadischus und Hamburgfluten um. Der Organisierte das Überleben u. die Rettung eines ganzen (Bundes-) Landes während der Schlachten um Königsberg. Der war das gleiche wie Schmidt, nur aber deshalb den Rang, da er schon im 100 000 - Mann Heer während Weimar aufgrund des Überlebens in der Krise dabei war. Der krichte kein Orden, den zogs auch nicht zu den "Hohe-Priestern", seine Karierepläne waren keine mehr.

Dem ollen Schmidt gönne ich sein getue. Von den Zweifelhaften in den Parteien einer der harmloseren Parvenüs. Aber Held in Hamburg, Mogadischu, RAF... ich bitte uns! 

Michael Jäger 27.12.2012 | 12:21

Nein, ich mußte mich vom Titel „Der Ewiggestrige“ zwar distanzieren, bin aber trotzdem nicht der Meinung, daß der Kollege oder die Kollegin, der/die den Titel gemacht hat, deshalb Kritik verdient. Wir suchen nur alle jeder auf seine Weise die Wahrheit. Der Grund der Titelgebung liegt ja durch den Untertitel zutage: Immer noch hängt Schmidt an der gestrigen Atomenergie usw. Der Zusammenhang von Titel und Untertitel offenbart ein Mißverständnis, vor dem nur ältere Leute wie ich gefeit sind. Auch der entsprechende Wikipedia-Artikel z.B. ist offenbar von einem jüngeren Menschen verfaßt worden. Da kann man lesen, ein Ewiggestriger sei ein Mensch, „der an seinen alten politischen Meinungen festhält“. Der oder die Verfasser(in) erkennt nicht die Absurdität dieser Definition, in der impliziert ist, daß es sachhaltsunabhängig viel besser sei, seine politische „Meinung“ - oder Überzeugung, wie man doch auch sagen könnte - mit der Windfahne zu wechseln. Bezeichnend denn auch, daß der Artikel sich auf den Duden beruft, ohne es erwähnenswert zu finden, daß der Duden als Synonym für den „Ewiggestrigen“ den „Reaktionär“ aufführt. Bezeichnend weiter, daß Wikipedia Schiller erst von da an zitiert, wo „das ewig Gestrige“ nur ganz abstrakt definiert wird, den Kontext aber wegläßt. Wallenstein sagt bei Schiller:

„Und was ist dein Beginnen? Hast du dir’s
Auch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,
Die ruhig, sicher thronende erschüttern,
Die in verjährt geheiligtem Besitz,
In der Gewohnheit fest gegründet ruht,
Die an der Völker frommen Kinderglauben
Mit tausend zähen Wurzeln sich befestigt.
Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft;
Den fürcht’ ich nicht.“

Und dann erst kommt, was Wikipedia zitiert: „Ein unsichtbarer Feind ist’s, den ich fürchte, [...] das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt
Und morgen gilt, weil‘s heute hat gegolten!“

Der „Ewiggestrige“ ist eben nicht einfach jemand, der an irgendwelchen alten Überzeugungen festhält, sondern der den Kinderglauben an den geheiligten Thron und alles, was damit zusammenhängt, auch wenn der Thron schon verschwunden ist, wie z.B. der Wilhelminismus im Militär der Weimarer Republik, nicht aufgibt. Der also an bestimmten Überzeugungen festhält, derart daß man ihn synonym als „Reaktionär“ bezeichnen kann, ein Wort, das auch nicht mehr gebräuchlich ist seit zwanzig Jahren. Das Problem ist, man sieht dem Ausdruck „der Ewiggestrige“ diesen bestimmten Sinn nicht an, so wie man ja auch dem „Zitronenfalter“ nicht ansieht, daß er keine Person oder Maschine ist, die Zitronen faltet. Und dann kann es geschehen, daß man Helmut Schmidt einen Ewiggestrigen schimpft, Schmidt, dem man alles Mögliche vorwerfen kann, aber nicht das.

Joachim Petrick 27.12.2012 | 16:30

Michael Jäger Michael Jäger 27.12.2012 | 12:21

 

Lieber Michael,
Du schreibst:

" Immer noch hängt Schmidt an der gestrigen Atomenergie usw. "

Damit streifst Du danlkenswerter Weise eine große Debatte, die mit den strammen Ostermarschierern , zu denen Helmut und Loki Schmidt gehörten, in Westdeutschland mit geladenen, ungeladenen Abordnungen aus Ostdeutschland begann, um, blockübergreifend, einem kollektiven Sichherheitssystem, das auf der militärischen wie zivilen Nutzung der Atomenergie basieren sollte, als globalem Projekt Nahrung zu geben.

Diese Debatte von damals sollten wir n. m. E. heute mit Blick auf die immer noch in Deutschland und andernorts stationierten atomaren Waffensysteme, samt deren atomaren Giftmüll,  und Hinweis auf die internationalen Verpflichtungen der Atommächte, die denen  aus dem Atomsperrvertrag von 1957 erwachsen, mit all unserem Elan neu aufgreifen.

Darin ist Helmut Schmidt keineswegs der "Ewiggestrige" sondern ein Weltsenator, der seinen Finger auf alte Misstände legt.

Das globale Projekt der Atomkraft scheint mehr als gescheitert, welches neues globales Projekt im Namen der Idee eines unteilbaren Weltfriedens tritt an seine Stelle?

siehe dazu meinen weiterführenden  Blog:

Helmut Schmidt der "Unzweideutige"

Du schreibst an anderer Stelle hier, dass Du den NATO- Doppelbeschluss heute, anders als im Jahre 1982 bewertest, wenn ja, warum?


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Ehemaliger Nutzer 27.12.2012 | 17:32

@Michael Jäger: Wenn die Bundeswehrreform wirklich das politische Meisterstück gewesen soll, dann gibt es noch sehr viel mehr "große" Politiker. Diese angebliche große Reform war doch im Kern nichts anderes, als die Begrenzung der ungezügelten Preistreiberei der Rüstungsindustrie gegenüber der Bundesregierung.

Die wirkliche Meisterleistung von Schmidt liegt m.E, darin, dass er die bundesdeutsche Wohlstandsgesellschaft, v.a. die Arbeitnehmerschaft, auf die zunehmenden Anforderungen der beginnenden Globalisierung in den 70er Jahren "vorbereitete. Was die liberalen "Partner" damals verlangten hinsichtlich Sozialstaatsabbau, Umverteilung von unten nach oben (man denke dabie nur an die Diskussionen damals um eine Sonderabgabe von vermögenden usw.), Eindämmung der Mitbestimmung in den Unternehmen, Begrenzung des gewerkschaftlichen Streikrechts (Aussperrung) usw. konnte mit einem sozialdemokratischen Kanzler eben subtiler in die tägliche Politik eindringen. Dazu war Schmidt genau der richtige Mann. Ein Brandt hätte das nicht gekonnt, weil er politisch weiter links stand als Schmidt.

Übrigens hat Schmidt die politische Mitte eben nicht für die SPD gewonnen, sondern im Gegenteil er hat sie zunehmend verloren. Zuerst verlor die SPD damals die Städte (Beispiele: Berlin und Hamburg!!!) und Ballungsgebiete unter Schmidt und dann auch die Regierungsfunktion im Bund. Das jahrelange Lavieren von Schmidt zwischen einem Lambsdorf am Kabinettstisch und einem Eppler in der eigenen SPD kann man auch als prinzipienlos werten.

Der Nachrüstungsbeschluss war m.E. nicht der wirkliche Grund für sein Ende als Bundeskanzler. Denn genau da hielt ihm ja die SPD, unter großen Schmerzen, zumindest in ihren Beschlüssen, die "Treue", bis zur Selbstverleugung. Erst nach seinem Ausscheiden als Bundeskanzler wandt sich die SPD auch in ihren Beschlüssen gegen den Nachrüstungsbeschluss.

 

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Ehemaliger Nutzer 27.12.2012 | 17:54

Schmidt als "Weltsenator"? Er war ein großer Krisenmanager, nicht mehr und nicht weniger. Aber zur Lösung der sich verfestigenden Massenarbeitslosigkeit Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre hat Schmidt zum Beispiel damals nichts substanzielles beigetragen. Das waren dann damals die Herren Steinkühler und Lafontaine, als sie damals die politische heiße Diskussion um die Verkürzung der Arbeistzeiten mit oder ohne Lohnausgleich (als eine Möglichkeit der besseren Verteilung der Arbeit) führten.

Er führte die BRD in die Globalisierungs-Vorläufer hinein: Ölpreisschock, Dollar-Krise - aber nicht mit neuen Ideen, sondern im Versuch die alten politischen Mittel auf die neuen Rahmenbedingung anzupassen. was zunehmend scheiterte.

Sein Festhalten am NATO-Doppelbeschluss war seinem Credo "Nie wieder Krieg" entsprungen. Schmidt betonte immer die gleichberechtigten 2 Seiten des NATO-Beschlusses: erst Verhandlung und dann Stationierung. Dafür hat er sich damals mit Carter und Reagan angelegt und innenpolitsich viel Prügel eingesteckt. Schmidt wußte, dass es nur einem Krieg geben könnte, wenn eine der beiden Seiten damals nicht mit der eigenen Vernichtung rechnen mußte. Er hatte die berechtigte Angst, dass Mitteleuropa sowohl für die USA (da weit weg vom eigenen Land) und auch für die Russen (weil in Sekunden erreichbar mit eigenen Atomraketen) zum Schauplatz eines Atomkrieges werden könnte.

Was Schmidt aber heute zu China sagt ist größtenteils nur als Witz zu lesen: China als Vorbild zu preisen, seine gesellschaftliche Dynamik der Schwäche des Westens gegenüberzustellen zeugt nicht gerade von Objektivität. Dass in China im Prnzip die selben Prozesse ablaufen wie in Deutschland des 19 Jahrhunderts, habe ich vom sogenannten Weltökonomen nicht gelesen. Chinas "Dynamik" baut bisher v.a. auf die Expansion der Landwirtschaft und der arbeitskräfte-intensiven Industrien und das alles unter Ausschluss weiter demokratischer und sozialer Rechte. Das erinnert alles sehr an die industrielle Entwicklung Deutschlands im 19.Jahrhunderts mit Sozialistenverbot und Niederschlagung von regionalen Aufständen (davon hört man in den hiesigen Medien nie etwas, aber Chinesen berichten davon). Dazu die dadurch mögliche riesige Akkumulation von Kapital. Alles das sind Parallelen, die Schmidt zu sehr ausblendet.

Schmidt ist ein Mann mit einer sehr interessanten Biografie. Die Kriegserfahrung hat ihn geprägt. DAS war und ist sein großes politisches Credo: Nie wieder Krieg!  Aber der "Weltökonom" ist deshalb er noch lange nicht. Das die Medien ihn gerne dazu hochstilisieren, schön und gut. Doch man sollte sich davon nicht blenden lassen.

Joachim Petrick 27.12.2012 | 19:56

Michael Jäger Michael Jäger 27.12.2012 | 16:53

 

 


@Michael Jäger

Wenn es da für  Dich mit Blick auf den NATO- Doppelbeschluss aus Überzeugung nach 30 Jahren  nichts mehr zu klagen gibt, ist die Welt entweder doch eine Scheibe und alle damaligen Rüstungsprobleme weg vom Erden Tisch, wenn nicht, wenn die Welt also doch eine Kugel, die Weltpolitiken Karusselle sind, erleben wir womöglich schon Morgen den NATO- Doppelbeschluss auf ganz anderen Ebenen als stilprägend, z. B. im Bereich Kampf gegen den Hunger, gegen die Armut als letzten Wachstumsmarkt  in der Welt?

D. h. der Hunger, die Armut in der Welt muss erst,  Ressourcen raubend,  hochgrüstet wachsen, bevor Hunger, Armut, Bildungsferne  entrüstet abgerüstet werden kann?

Vieleicht beantwortest Du doch noch, hier in Deinem oder in meinem Blog,  meine Frage, nach globalen Projekten, die, wie einst die Atomkraft, als Ideen Grundpfeiler für einen, unteilbar, blockübergreifenden Weltfrieden stand?

Lieber Michael,
ich finde, wenn Du damals 1982/83 über den NATO- Doppelbeschluss geklagt hast, hast Du heuite noch mehr Gründe , angesichts seiner stilbildenden Folgen,  zu klagen, ohne als "Ewiggestriger" zu gelten..

Mir fällt dabei erinnerlich, irritierend, auf, dass Du auch im Fall Deines  RAF- Artikels  das Klagen in verschiedene bzw.  jede Richtungen aufgegeben hast, was Dir damals, zu Gründungszeiten der RAF 1969, als jugendliches Mitglied der Soziaistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) sicher geläufig war?

Geschieht das aus gleichem Grund Deines heutigen Verständnisses der Wahrnehmung von Urteilskraft?, wenn ja, bist Du auf jeden Fall der Fälle auch okay.
In diesem Sinne

tschüss
Jochen

Joachim Petrick 27.12.2012 | 20:48

Avatar der arme berliner 27.12.2012 | 17:54

 


@der arme berliner

Der Titel "Weltsenator" für Helmut Schmidt soll signailisieren, dass Helmut Schmidt, sich in allem was er tat, unterließ, als Vision abtat  und dachte und denkt, einem großen Weltzusammenhang verpflichtet scheint, der bei der Suche nach Sicherheitspartnern, innen wie außen, allerorten in der Welt, keinen Unterschied zwischen Edlen und Schurken macht.

Darin ist Helmut Schmidt reiner Hanseat

Es geht also um die politische Philosophie für die Helmut Schmidt zu stehen scheint, die ihm zu öffentlichen Urteilsbekundungen auf ganz unterschiedlichen Gebieten in Poltik, Wirtschaft, Kultur, Wissen, Religion verhilft und nicht darum, was ihm als Politiker, kleinteilig da, großartig hier,  gelang oder nicht gelang-

Da hat Helmut Schmidt, wie Micky Maus, den philosophischen Bogen raus und zwar durchaus im Sinne eines, hier und da,  linksdurchwirkten, Boulevard.

So wird gerne in den Medien überhört, welches Urteil Helmut Schmidt über die Amtskirchen in Deutschland, der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg fällt, auch qwenn er weiter Mitglied der lutherischen Kirche in Hamburg bleibt.
Helmut Schmidts verstorbener Parteifreund Hans Apel ist genau aus ähnlichen Gründen aus der Amtskirche ausgetreten
Helmut Schmidt klagt an, dass die Amtskirchen nämlich in Sachen Aufbau von Demokratie in Gesellschaft, Kirchen, Stiftungen, Wirtschaft, Wissenschaft, Rechtswesen, Kultur bis heute kläglich versagt haben.

Mei Nung 27.12.2012 | 23:56

Helmut Schmidt umwehen Mythen, an denen er weitgehend selbst mitgestrickt hat.

Allein die Geschichte des Nachrüstungsdoppelbeschlusses: Da umweht ihn  durch seine berühmte Londoner "Entdeckung von Disparitäten" eine Art Heldenverehrung, weil er den Beschluss nach seiner eigenen Erzählung erst eigentlich so richtig ins Rollen gebracht haben will ( dabei waren diese Disparitäten in Wirklichkeit so gar nicht vorhanden , da die SS20 an der Zweitschlagfähigkeit der NATO schon allein deshalb nichts ändern konnten, weil sie die amerikanischen, britischen und französischen SSBN nicht vollständig ausschalten konnten).   Insgesamt betrachtet war Schmidt nur ein (Rüstungsindustrie-Verlautbarungs-)Rädchen unter vielen, das nur beschleunigt hat, was längst von der US-Administration bereits vorbereitet worden war, weit vor der Brüsseler Entscheidung: Denn in den USA hatte schon  vor Schmidts "genialer" Entdeckung das eigentliche Augenreiben stattgefunden - und zwar bei den damaligen Falken im Kongress und sogar bei den Softies unter den Demokraten angesichts Carters (durchaus ehrenwerten) Gewissensbissen gegenüber der Neutronenbombe, was wiederum den Falken willkommener Anlass war, der US-Rüstungsindustrie , quasi als Wiedergutmachung, die Modernisierung ihres europäischen Nukleararsenals zu ermöglichen , um so das ( durch Carters Zögern?) entstandene strategische Abschreckungsungleichgewicht gegenüber der Sowjetunion wieder ins Lot zu bringen.

Schmidt braucht diese Mythen, die ihn wie ein Nebel umhüllen, und falls dieser Nebelvorhang mal aufreissen sollte ( weil sich jemand daran erinnert, dass er auch mal, hinter dem Rücken von Partei und Fraktion, im Bundessicherheitsrat ein U-Boot-Waffendeal mit Pinochets mörderischem Chile abgewickelt hat), dafür hat er ja dann seinen Zigarettenqualm. Und die( mir absolut) rätselhafte Verehrung durch einen Großteil der Bevölkerung und ( eines großen Teils) der Medien.

Michael Jäger 28.12.2012 | 01:15

Lieber Joachim, in dieser Diskussion scheint es nur darum zu gehen, wie man die Wörter gebraucht. Ich "bedaure" den NATO-Beschluß noch heute, verbinde aber keine Emotion und schon gar keine Intention mehr mit ihm, weil er einfach, wie man sagt, Geschichte ist. Deshalb sage ich, ich "klage" heute nicht mehr. SEW-Mitglied war ich übrigens 1969 noch nicht, sondern zwischen 1970 und 1976.

Michael Jäger 28.12.2012 | 01:26

Nein, was Schmidts Bundeswehrreform mit der „Preistreiberei der Rüstungsindustrie“ - sicher im Allgemeinen ein wichtiger Gesichtspunkt - zu tun hatte, entzieht sich meiner Kenntnis und auch meinem Interesse. Es ging um was Anderes, er hat die „Staat im Staate“-Strukturen zerschlagen, durch welche die Armee in der Weimarer Republik so gefährlich war. Das Wichtigste war wohl die Gründung der Bundeswehruniversitäten und die gesetzliche Bestimmung, daß nur Offizier werden kann, wer an einer dieser Unis studuiert und seine Prüfung bestanden hat.  

Joachim Petrick 28.12.2012 | 01:53

Michael Jäger Michael Jäger 28.12.2012 | 01:15

 


Lieber Michael,
das verstehe ich gut. Klagen über Geschichte  verhilft ja zu nichts außer zu Ohnmachtsgefühlen.

Trotzdem kann Geschichte Ansporn sein, Personen, wie Hermut Schmidt, weniger in Verschwörungsgeschichten, denn in persönlichen Haltungen und Einstellungen zu verorten, die aus der Zeit gedeutet, sehr wohl Sinn machen, auch wenn der einem nicht gefällt.
Mir geht es jedenfalls zunehmend so.

Wenn Du also erst ab 1970 - 1976 in der SEW Mitgleid warst, was hast Du damals über die RAF gedacht?
 
Mir erschien die SEW mit ihrer Zeitung "Die Wahrheit" damals in Westberlin, wenn auch wacker, eher undurchsichtig.

Warum bist Du 1976 aus der SEW ausgeschieden?

Michael Jäger 28.12.2012 | 10:46

Lieber Joachim, ich glaube, 1969 habe ich die RAF noch kaum ernst genommen, hatte aber schon Einiges von Lenin gelesen und lehnte da wie in den folgenden Jahren den „individuellen Terror“ ab, leninistischerweise. In den moskauorientierten Parteien lehnten wir aber überhaupt jegliche Gewaltanwendung ab, wir distanzierten uns gern von den maoistischen Parteien, indem wir sagten, die würden RAF und Gewaltanwendung überhaupt ja nur aus taktischen Gründen, weil die Zeit noch nicht reif sei, ablehnen. RAF und Maoisten waren in unserer Perspektive Bewegungen von „Bürger“söhnen. In allen drei Bewegungen, uns also eingeschlossen, ging es nicht zuletzt um den Vietnamkrieg, der ja erst 1975 beendet wurde. Das wird heute oft vergessen. Man stellt sich vor, daß z.B. die RAF irgendwie abstrakt auf die seltsame Idee verfallen sei, die Menschenrechte zu verletzen, aber tatsächlich war sie die Bewegung, die den antikolonalistischen Krieg in der Bundesrepublik selber gegen das hier stationierten US-Militär führen wollte – wahnsinniges Unternehmen, das bald genug in den bloßen Kampf für die Befreiung der RAF-Anführer aus den Gefängnissen umkippte -, während die Maoisten und wir Moskauorientierten nur gegen den Krieg demonstrierten, aber, was die Gewalfrage angeht, mit charakteristischem Unterschied. Die Losung der Maoisten war nämlich „Sieg im Volkskrieg“, unsere „Frieden für Vietnam“.

Aus der SEW bin ich 1976 ausgeschieden, weil es da für mich entschieden war, daß Demokatie vor Kommunismus kommt und nicht umgekehrt. Man kann es so formulieren, daß ich mich ausschließen ließ. Ich verfaßte nämlich mit einem gleichgesinnten Genossen zusammen eine gegen die antidemokratische Haltung und Struktur der Partei scharf polemisierende Broschüre, auf der unsere Autor-Namen standen, die wir dann unter allen Genossen, die an der FU studierten, ich glaube es waren 2000, verteilen ließen. Als sie fertig geschrieben und vervielfältigt war – bis dahin wußten nur noch weitere zwei Leute von der Aktion -, riefen wir an einem Samstag Abend so dreißig, vierzig Genossen an, die wir meistens nicht persönlich kannten, von denen wir aber annahmen, daß sie auf unserer Seite standen, und baten sie, am Sonntag morgen zu kommen, um die vervielfältigten Blätter zusammenzulegen, zu heften und anschließend noch am selben Sonntag in die Briefkästen der über Westberlin verstreut wohnenden 2000 Genossen zu stecken. Die Adressen der 2000 Genossen hatte ich im Büro der Parteiführung heimlich kopiert. Das klappte alles völlig ohne Probleme, und danach war natürlich die Hölle los.

In den darauf folgenden Jahren gehörte ich zu einer Gruppe von „Eurokommunisten“, worüber ich ja mal im Freitag einen langen Bericht geschrieben habe. In dieser Gruppe arbeiteten wir an einem Konzept des demokratischen Kommunismus. Ja, es gab eben Leute, die 1990 nicht aus allen Wolken fielen, sich die Augen rieben und sich fragten, wie sie nur so lange Zeit mit undemokratischen Verhältnisen einverstanden sein konnten. Das hatten wir schon hinter uns. Für mich gab es daher 1990 keinen Grund, von solchen Zielen wie „klassenlose Gesellschaft“ usw. Abstand zu nehmen. 1990 wurde der Freitag gegründet, dessen Redaktion ich von Anfang an angehörte.

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Ehemaliger Nutzer 28.12.2012 | 13:53

http://www.bmvg.de/portal/a/bmvg/!ut/p/c4/NYsxDoMwEATfwgd8SkEROn4RaCxjTucVnInw2fk-CCmacmZoppscGiQYjhx2-tAUMSw_t2gTp8goxieqOuESE2Iy9o9rfBpjhdQs5R_6wjD_eve9S7xrtftRrEbfbewup_QAPQ!!/

"Im ersten sozial-liberalen Kabinett unter Bundeskanzler Willy Brandt wurde Schmidt am 21. September 1969 zum Verteidigungsminister ernannt. Zu seinen Aufgaben gehörte die Umstellung der Bundeswehr im Rahmen der neuen NATO-Strategie der "Flexible Response", die sein Vorgänger Gerhard Schröder bereits eingeleitet hatte. Auch die Neuordnung der Ausbildung in der Bundeswehr und die Verkürzung des Grundwehrdienstes von 18 auf 15 Monate prägten seine Amtszeit."

Michael Jäger 28.12.2012 | 13:53

Nee, ein Katzensprung wird das nicht... Eher ein Hasensprung: "Das Unproportionierte in meinem Bau ist, daß meine Vorderbeine zu klein sind. Wie der Hase von Neu-Holland, habe ich ganz kleine Vorderbeine, aber endlos lange Hinterbeine. Gewöhnlich sitze ich ganz still; mache ich eine Bewegung,  so ist es ein ungeheurer Sprung, zum Entsetzen aller Derjenigen, mit denen ich durch die zärtlichen Bande der Verwandtschaft und Freundschaft verknüpft bin." (Kierkegaard)

MopperKopp 28.12.2012 | 14:42

Katzensprung, Hasensprung oder gar ein Sprung in der Schüssel? :-)
Wie komme ich auf solche Gedanken und bette Die Andere Gesellschaft in eine zeitliche Entwicklung mit autobiografischen Zügen ein? Folgende Fragen erhellen es vielleicht:

- Ist es als Opus magnum gedacht, bis in die Tiefen verständlich nur für die Gruppe der zwölf Eingeweihten, das dann allerdings auch nur in entsprechender Auflage gedruckt wird, bleischwer sozusagen?

- Soll es die Bibel einer eingeschworenen Gemeinschaft werden?

- Ist es beides Vorherige, spricht zusätzlich noch die Mitglieder der jetzigen Gesellschaft an?

Bei den Mitgliedern der jetzigen Gesellschaft gibt es ein Problem, über lange Jahre wurde ein Kurz-Schluss im öffentlichen Bewusstsein verankert: linker Autor -> Utopie, na klar, Stalin und Gulag. Finger weg.

Die Lektüre des oben verlinkten Beitrags "Wie man eine Sozialismus-Debatte erzwingt" zeigt, wie dieser Kurz-Schluss aufgebrochen werden kann, dass es überhaupt geht. Schon verwehte Spuren der Vergangenheit werden sichtbar, unterschiedliche Wegrouten, Abzweigungen, Gabelungen, im Zusammenspiel mit einer Lebensgeschichte, der Anschauung aus erster Hand, da hat sich nicht ein Kurz-Entschlossener, ein profitgeiler Schreiberling mal eben eine dem momentanen Zeitgeist entstsprechende Story aus den Rippen geschnitten, auch kein bekehrter Kommunist hat im aggressiven Fanatismus der Freiheit, der wie ein umgekehrter Totalitarismus wirkt, seine Seele nochmal verkauft, nein, hier beschreibt jemand mit viel Lebenserfahrung einen Weg in eine denkbare, machbare und vielleicht auch gangbare Zukunft und nimmt so viele Menschen wie möglich mit. Besser kann ich es leider nicht formulieren.

Michael Jäger 28.12.2012 | 14:51

Ich glaube, ich habe trotzdem recht. Man darf in diesem Fall, wo es nur um Daten geht, ganz einfach Wikipedia zitieren: „Am 11. Juni 1970 gibt der Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt(SPD) einen Erlass zur Bildung einer Kommission zur Neuordnung der Ausbildung und Bildung in der Bundeswehr unter Vorsitz von Thomas Ellwein heraus. Am 17. Mai 1971 legt die Kommission dem Bundesverteidigungsminister Schmidt das Gutachten vor. Es sieht vor, dass Offizieranwärter mit einer Verpflichtungszeit von mindestens zwölf Jahren künftig ein dreijähriges Studium an einer Hochschule der Bundeswehr erhalten sollen. Am 29. Juni 1972 stimmt das Bundeskabinett der Einrichtung von Hochschulen der Bundeswehr zu.“

Am 7. Juli wird Georg Leber Bundesverteidigungsminister. Er ist Gewerkschafter, hat mit Militärischem eigentlich gar nichts am Hut, muß aber jetzt das Amt von Schmidt, der anderweitig gebraucht wird, übernehmen und die Endstrecke der Bundeswehrreform beaufsichtigen:

„Am 3. Oktober 1972 erfolgt der Abschluss eines Abkommens zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg und der Bundesregierung über die Einrichtung einer wissenschaftlichen Hochschule für die Ausbildung von Soldaten der Bundeswehr. Am 16. Oktober 1972 und am 2. Januar 1973 erfolgen die Erlasse der Gründungsausschüsse für die Hochschulen der Bundeswehr in Hamburg und München. Am 14. Februar und am 4. April 1973 stimmt der Verteidigungsausschuß des Deutschen Bundestages der Errichtung von zwei Hochschulen zu. Am 5. und 11. Juli 1973 erteilt der Bundesverteidigungsminister Georg Leber den Befehl zur Aufstellung der Hochschulen in Hamburg und München.“

Wikipedia faßt denn auch ganz korrekt zusammen: „Die Universität der Bundeswehr München (UniBwM) wurde 1973, auf Bestreben des damaligen“ – „damaligen“ ist hier zu pauschal gebraucht, aber das ist ein stilistischer, kein sachlicher Fehler – „Bundesministers für Verteidigung Helmut Schmidt, unter dem Namen ‚Hochschule der Bundeswehr München‘ gegründet.“

Und die Universität der Bundeswehr Hamburg trägt den Namen „Helmut-Schmidt-Universität“.

 

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Ehemaliger Nutzer 29.12.2012 | 12:48

Naja, Herr Jäger. Ich bin 68 (geboren) und seh den Helmut Schmidt etwas anders als Sie.

Wer in Hamburg aufgewachsen ist, wird von seinen Eltern bzw. Großeltern die die Sturmflut 1962  miterlebt haben, nicht ein schlechtes Wort über den damaligen Innensenator zuhören bekommen.

In Ihrem Blog ,, wabbert'', so empfinde ich es, die Wehrmachtsvergangenheit des H. Schmidts durch die Zeilen.

Ich persönlich würde mich an Schröder's bzw. Kohl's Bundeskanzlerjahre abarbeiten. Aber das nur am Rande. Sie wollten ja etwas zu Schmidts Geburtstag schreiben.

 Der Ewiggestrige .. naja mit 94 Jahren, und wenn Mann/Frau die heutige Zeit so beurteilt, mit ihren merkwürdigen Werten, da lebt es sich in diesem hohen Alter vllt leichter gestrig.

H.Schmidt sollte sich  langsam aus der Öffentlichkeit zuückziehen. Dennoch sind es ja die Medien die ihn immer wieder reinzerren. Warum wohl ?!

Ach ja, und zu ,,der alten Tratschtante'' F. J. Raddatz wäre zu erwähnen, dass er über jeden und alles ,, ätzt'' was  ihn in seiner Vergangenheit auch nur im Ansatz gekränkt bzw. kritisiert hat. Stichwort Tägebücher...

So may I say : Who the fuck is Raddatz !?

 

MILANG 26.01.2013 | 12:01

Immernoch hat er das, was viele, beinahe keine Politiker, nicht mehr bzw. sehr sehr selten haben: Glaubwürdigkeit! HS ist immernoch ein Mensch mit inhaltsreichen Aussage/Kommentare. Die Mehrheit der heute aktiven Politiker tun nichts anders als NUR, wie er sagen würde, "Sabbelei" und in allen Seiten offen für "Kompromisse"!

Michael Jäger 26.01.2013 | 12:21

Auch Ihnen sag ichs noch mal, daß ich Schmidt nicht füt ewiggestrig halte, ich habe das nie geschrieben. In dem obigen Artikel habe ich nicht nur seine Grenzen aufgezeigt, sondern ihm auch Gutes nachgerühmt. Um aber die Haltung einnehmen zu können, daß ich nun wirklich "kein schlechtes Wort" über ihn verliere, hätte ich ja wirklich Hamburger sein müssen und außerdem nicht Journalist sein dürfen.