Michael Jäger
12.09.2012 | 09:25 34

Die Kunst der Provokation

Occupy Ist Occupy gescheitert, weil die Proteste nicht radikal genug waren? In der vorigen Ausgabe diskutierte die Community. Nun antwortet Freitag-Autor Michael Jäger

Die Kunst der Provokation

Es fehlt nicht an Gewalt, sondern an einer klugen Idee, um aus dem Frust der Menschen einen Flächenbrand zu machen

Illustration: Otto

Da der Irrsinn der Finanzmärkte und einer Politik, die sich ihnen anpasst, einfach immer weiterläuft und auch die Occupy-Bewegung nicht geholfen hat, ist der Ruf nach einer irgendwie stärkeren Form von Widerstand nur zu verständlich. Und was wäre stärker als „die Gewalt“? Es klingt plausibel: Occupy war zu nett – Revolutionen pflegen gewaltsam zu sein, und um endlich etwas zu ändern, wird man um eine Art Revolution nicht herumkommen.

Aber „die Gewalt“, was ist das denn überhaupt? Welche mögliche Aktion hier und jetzt gemeint sein könnte, bleibt schleierhaft. Steinwürfe auf Polizisten oder die Zerstörung von Fensterscheiben führen auch nicht weiter als Occupy. Sonst müsste sich längst viel verändert haben, denn solche Taten gibt es Jahr für Jahr. Das wäre anders, wird man vielleicht einwenden, wenn eine große Bewegung hinter ihnen stünde. Aber dann müsste gesagt werden, wie die große Bewegung erschaffen werden soll. Es gibt keine, Gewalt könnte nur von kleinen Grüppchen verübt werden. Was soll es nützen? Oder soll wieder eine RAF gegründet werden? Selbst dieser Irrweg könnte nur beschritten werden, wenn eine Massenbasis schon vorher da wäre. Entstand doch die RAF aus der 68er-Bewegung und nicht umgekehrt.

Dass es einen historischen Zusammenhang von Gesellschaftsveränderung und Revolution, von Revolution und Gewalt gibt, ist unbestreitbar. Ob er nur manchmal besteht oder allgemein notwendig ist, wäre erst noch zu untersuchen. Hier wollen wir nur fragen, wie er aussah, wenn es ihn gab. In den klassischen Revolutionen, der französischen von 1789 und der russischen von 1917, war die erdrückende Mehrheit der Revolutionswilligen für den Sieg entscheidend. Von einzelnen Ausschreitungen abgesehen, die mal nur das vorübergehende Machtvakuum anzeigten (Juliaufstand in St. Petersburg), mal auch auf wirre Art den revolutionären Prozess voranbrachten (Sturm auf die Bastille), wurde Gewalt erst zum notwendigen Revolutionsthema, als die Revolutionsgegner mit Waffen auf ihre Niederlage reagierten und die revolutionären Kräfte sich auf dieselbe Weise verteidigen mussten (Aufstand in der Vendée, Kornilowputschversuch). Wenn die Verteidigung gelang, dann wieder unter der Voraussetzung der Mehrheit der Revolutionswilligen. Diese Voraussetzung setzt ihrerseits voraus, dass ein innergesellschaftlicher Konflikt bewusst geworden und zugespitzt, das heißt mit völliger Klarheit herausgearbeitet worden war. Dafür ist immer eine lange Inkubationszeit nötig (in Frankreich die Epoche der Aufklärung, in Russland ein Jahrhundert vergeblicher zaristischer Reformversuche).

Massenbasis entsteht nicht durch Gewalt

Die Gewalt, mit der die Bolschewisten nach der Oktoberrevolution eine Verfassung verhinderten, wird heute schwerlich jemand nachahmen wollen. Es war Gewalt gegen die schlecht organisierte Bevölkerungsmehrheit, gestützt auf die Minderheit einer noch jungen, aber schon disziplinierten Arbeiterklasse. Da es eine große Minderheit in einem großen Land war, zeigt auch dieser Weg, so wenig er ein Vorbild sein kann, vor allem die Bedeutung der Massenbasis. Die entscheidende Frage ist immer: Wie kommt eine Massenbasis zustande? Und niemals kann geantwortet werden: „durch Gewalt“. Wenn es eine Massenbasis gibt, kann Gewalt wirksam sein. Wenn es keine gibt, führen Gewalttaten dazu, dass sie nicht entstehen kann.

Dies wird in Umkehrung auch dadurch bewiesen, dass die Massenbasis eines reaktionären Regimes zerbricht, wenn es seinerseits gewalttätig wird. So war es mit dem Nimbus des Zaren vorbei, als eine Bauerndemonstration sich seinem Palais näherte, um eine Petition zu überreichen, und von Soldaten zusammengeschossen wurde. Hier muss natürlich ergänzt werden, dass ein gut organisierter Staat, der gegen seine eigenen Bürger regiert, sich auch auf eine kleine Minderheit von Soldaten gestützt behaupten kann, seit die Waffentechnik industrialisiert und zuletzt auch noch computerisiert worden ist. Ein solcher Staat kann nur von der eigenen Armee besiegt werden.

Wir begreifen in diesem Zusammenhang Hannah Arendts Unterscheidung zwischen Gewalt und Macht. Unter Macht – nicht mit Herrschaft zu verwechseln – versteht sie die Wirksamkeit einer Mehrzahl von Menschen, denen es gelungen ist, sich fest zusammenzuschließen. Deshalb kann sie schreiben: „Der Extremfall der Macht ist gegeben in der Konstellation: Alle gegen einen, der Extremfall der Gewalt in der Konstellation: Einer gegen alle. Und das Letztere ist ohne Werkzeuge, d.h. ohne Gewaltmittel niemals möglich.“ Mit dieser Unterscheidung kann sie die 68er-Revolte verteidigen: Sie führt deren Stärke gerade nicht auf Gewalt, sondern auf Macht zurück. „Deshalb ist die oft gehörte Behauptung, eine Handvoll unbewaffneter Extremisten sei imstande, ‚gewaltsam‘ – durch Geschrei, Spektakel, Krawall – den Abbruch stark besuchter Vorlesungen zu stören, obwohl eine große Mehrheit für deren normale Durchführung stimmte, so irreführend.“ Vielmehr müsse angenommen werden, „dass die Universitäten sehr viel mehr Studenten gegen sich haben, als man gemeinhin glaubt, und dass die militante Minderheit ein größeres Machtpotenzial besitzt, als die in öffentlichen Abstimmungen ermittelte Zahl erwarten lässt“. Böse fügt sie hinzu: „Man braucht sich nur vorzustellen, was geschehen wäre, wenn ein paar unbewaffnete Juden im Vor-Hitler-Deutschland versucht hätten, die Vorlesung eines antisemitischen Professors zu unterbrechen, und die Absurdität des Geredes von der ‚Handvoll‘ extremer Elemente springt in die Augen.“

Das Problem beim Namen nennen

Arendts Beispiele zeigen, worum es wirklich geht – auch heute. Hätten die 68er-Militanten wirklich Gewalt angewandt, wären alle empört gewesen und einverstanden mit dem Ruf nach der Polizei. Was aber taten die Militanten stattdessen und wodurch kam es, dass immer mehr Studenten sich ihnen anschlossen? Man nennt es Provokation. Das Wort bedeutet, es ist etwas vorhanden, das trotzdem erst noch hervorgerufen werden muss. Damit das Etwas hervortritt, muss es beim Namen genannt werden. Das ist die Kunst der Provokation. Es kann sich um eine Kampfbereitschaft handeln, die den Kampffähigen noch nicht bewusst ist, es aber wird, wenn jemand imstande ist, ihnen ein plausibles Kampfziel zu nennen. Oder um eine übertünchte Hässlichkeit der Zustände, die hervortritt, wenn es der Provokation gelingt, sie nackt vorzuführen. Hierfür ist Rudi Dutschkes Auftritt in einem Westberliner Weihnachtsgottesdienst ein unvergessliches Beispiel: Er trat einfach an die Kanzel, wo der Pastor schon stand, und redete der Gemeinde wegen des grausamen Vietnamkriegs der USA ins Gewissen. Die Folge war, dass einer der anwesenden Christen mit dem Krückstock auf ihn einschlug. Über der Szene hing Christus am Kreuz.

Eine vergleichbare Provokation hatte sich vorher bei einer Immatrikulationsfeier der Freien Universität abgespielt: Als nach dem Rektor wie üblich der AStA-Vorsitzende sprach, hielt er sich nicht an die ihm aufgeherrschte Vereinbarung, gewisse kritikwürdige Dinge nicht anzusprechen. Flugs wurde ihm das Mikro entzogen. Daraufhin verließen er und die beiden anderen AStA-Vertreter, die zwischen den Dekanen auf dem Podium gesessen hatten, den Saal – rechts, links und durch die Mitte, eine Minute lang, während alles schwieg. Es war eine unvergessliche Lektion: Widerstand ist machbar! Wir Neuimmatrikulierten hatten das echt nicht gewusst, begriffen aber sofort.

Wie funktioniert Widerstand?

Warum genügt nicht auch heute ein Funke, um den Ärger der Menschen zum Flächenbrand zu entzünden? Weil es an Gewalt fehlt? Nein, was fehlt, ist der zündende Gedanke. Eine Provokation hat immer etwas mitzuteilen. Sie ruft zwar hervor, was schon da ist, aber indem sie eine letzte Bedingung hinzufügt. Durch sie tritt der mögliche Widerstand erst in die Existenz. Da war noch eine Unklarheit! Vielleicht die Frage, wo der Widerstand konkret anzusetzen hätte, um wirksam sein zu können, oder die Frage, was er denn, wenn er könnte, an die Stelle der kritikwürdigen Zustände setzen würde. Gestehen wir es doch, von Antworten auf diese Fragen sind wir heute weit entfernt. Und wer eine Fensterscheibe einwirft oder sich mit der Polizei balgt, kommt ihnen dadurch nicht näher.

Solche Antworten, wären sie vorhanden, würden erst einmal die Militanten selbst zusammenschweißen – die kleinen Gruppen, von denen die Provokation ausgehen müsste. Mit Arendt gesprochen hieße das, sie hätten dann „Macht“. So wäre auch der Elan da, den sie zum Provozieren brauchen. Tatsächlich erleben wir oft das Gegenteil: Gruppen schließen sich zusammen und zerfallen wieder. Selbst die Linkspartei ist ständig vom Zerfall bedroht. Würde es ihr helfen, wenn sie sich Gewalt verordnete? Aber so wenig wir ihr den Untergang wünschen, weil es ihrer Kampfweise noch an Genialität fehlt, so wenig haben wir Anlass, Occupy zu schmähen. Occupy war ein guter Anfang mit guter Parole: „Wir sind die 99 Prozent.“ Wer mehr will, muss einen Vorschlag machen: wie wir es anstellen, die 99 Prozent zu provozieren.

Kommentare (34)

Lethe 12.09.2012 | 10:15

Fast gleichgültig, wie schlecht es Menschen geht, es kann ihnen immer noch schlechter gehen. So schlecht es in Deutschland Menschen in der Abhängigkeit vom sozialen System auch gehen mag, sie können immer noch aus dem sozialen System herausfallen und sich vor die Notwendigkeit gestellt sehen, ihr Heim unter einer Brücke suchen. So groß ein Slum in einer mittelständischen Stadt auch sein mag, er kann immer noch monströs werden. So prekär das Einkommen und die Arbeitsplatzsicherheit im Callcenter auch sein mögen, es könnte auch zur Arbeitslosigkeit kommen. Tritt noch Verantwortung hinzu, für Angehörige etwa, kleine Kinder zum Beispiel, ist immer die Frage, ob dieser Verantwortung innerhalb des Systems nachgekommen werden kann, oder ob die Situation es notwendig macht und rechtfertigt, direkte Verantwortung zunächst nach hinten zu schieben und vorrangig den Systemwechsel zu erzwingen.

Revolutionäre generieren sich im Wesentlichen nur aus zwei Gruppen von Menschen: junge Menschen, die noch keine Verantwortung tragen, Macht wollen und dem Gang durch die Instanzen misstrauen, und ältere Menschen, die mitsamt ihrer Verantwortung bereits mit dem Rücken an der Wand stehen. Alle anderen sind aufgrund der Befürchtung, der gesellschaftliche Entgleisungsprozess könne durch Aktionen in sein Kippstadium übergehen, für aktives revolutionäres Tun verloren.

Anders gesagt, die Mehrheit der Leute hat immer noch etwas zu verlieren. Und sei es nur eine Illusion, die ihr Leben in Pastellfarben weichzeichnet.

Und dann, wie sagte ein Freund so schön? "Was ändert sich durch Revolutionen? Die Bedienungsmannschaften der Kanonen werden ausgetauscht." Oder etwas weniger martialisch, eine Schicht von Herrschenden wird durch eine neue Schicht von Herrschenden ausgetauscht, eine Gruppe Bürokraten durch eine andere Gruppe Bürokraten ersetzt, und gäbe es keine Staats-PR wüsste schon 20 Jahre später kaum noch jemand etwas von einer Revolution.

Sünnerklaas 12.09.2012 | 11:04

Ich erinnere nur daran, wie harsch der Staat nach 1968 reagiert hat: mit dem Radikalenerlass (von SPD und UNION gemeinsam beschlossen, der UNION danach u.a. von Herbert Wehner in die Schuhe geschoben). Die Berufsverbote wurden einfach einmal pauschal erlassen.

Was mich an Occupy stört, ist dessen geringer Wille, für die Durchsetzung der berechtigten Ziele auch ein Wagnis einzugehen. Mir erscheint es, man wollte einfach einmal ein bisschen protestieren - sich aber gleichzeitig im bestehenden System bequem einrichten.

Macht kommt aber von MACHEN - und dazu bedarf es den Willen etwas zu Machen, es bedarf Ziele, es bedarf Strukturen und es bedarf Mut.  All das habe ich bei Occupy nicht beobachten können; die Protestierenden sind beim ersten kleineren Problem einfach nach Hause zu Mami und Papi gerannt.

Joachim Gauck hat durchaus recht, wenn er Occupy als "alberne Veranstaltung" bezeichnet hat.

Es bedarf keiner Gewalt, um ein Ziel zu erreichen - es bedarf vielmehr Durchsetzungswillen und Überzeugungskraft. Dies alles zusammen bezeichnet man als MACHT.

CAG_Mannheim 12.09.2012 | 11:19

Acta als Metapher.

Ich bin nicht bereits, das Gewaltthema auch nur anzudiskutieren, wenn es um angebliche 99% von Menschen geht, deren protestierende Repräsentanten mit einem iBook auf den Knien zelten gehen. Solange hier nicht klare Pro-Forderungen formuliert werden, hinter welchen die Protestiere auch stehen, will sagen: Die sie vor einer Kamera zumindest nachsagen können, sehe ich absolut keine homogene intellektuelle Gruppe.

Die Selbstverständlichkeit, mit welcher die Globalisierungsgegner eine moralische Hegemonie für sich behaupten, empört schon gar nicht mehr. Wir kennen es zu gut von den Grünen und sehen heute die Ergebnisse, etwa das völlig aus dem Ruder gelaufene Pfandsystem oder das Duale System Deutschland, E10 und natürlich die aktuelle Biosprit-Debatte. Nicht alles, was kurzfristig moralischen Rückenwindhat, erweist sich als nachhaltig Gutes bringend. Das müssen wir einfach im Zuge der Anerkennung hoher Komplexität in unseren Gesellschaften und Wirtschaften mittlerweile als gesicherten Erkenntnisstand sehen.

Daher sollte also auch die Systemkritik, wie von Occupy vorgetragen, die moralischen Implikationen mitdiskutieren und nicht verheimlichen. Wie etwa, dass die Globlaisierung hunderte von Millionen Menschen in Schwellenländern wohlhabender, gesünder und längerlebend gemacht hat. Alle Menschen haben das gleiche Recht auf Wohlstand. Negieren wir das, machen wir uns im selben Augenblick moralisch derart unglaubwürdig, dass wir nicht länger behaupten können, nur der Protest gegen "Das System" sei eine positiv zu bewertende Aktion. Nein, er ist wirklich lächerlich und naiv und er verschandelt Parks.

Erdlingsdings 12.09.2012 | 11:43

Der zündende Gedanke fehlt, sehr richtig. Aber wie kann dieser aussehen? Welche Ideen wäre geeignet um eine Massenbasis zu schaffen? Die Reichen und ihre Finanzgeschäffte stärker besteuern? Die Finanzinstitute besser regulieren und deren Transparenz herstellen? Mehr Demokratie fürs Volk und weniger Macht für den Staat? Nichts davon würde eine solche Massenbasis generieren. Nicht etwa weil es schlechte Forderungen sind, sondern weil derartiges nicht nach Veränderung sondern nach Stabilisierung des (schlechten) Bestehenden riecht. Wirkliche Veränderung müsste eben viel tiefer ansetzen aber diese Konsequenz wird nicht gezogen, da befürchtet wird man würde eine zu radikale Botschaft kommunizieren. Radikal hört sich ja auch zu sehr nach Extremismus und Sprengstoffgürtel an...

Hier liegt das Dilemma: Eine Massenbasis ereiche ich nur, indem ich wirkliche Veränderungen anstrebe. Diese erfordern aber tiefgreifende systemische Veränderungen, welche dummerweise aber nur durch eine gewisse Radikalität erreichbar sind. Radikalität jedoch will keiner, weil das zu sehr nach bösen, ideologisch verbohrten Menschen aussieht.

Red Bavarian 12.09.2012 | 12:40
Gewalt ist - obzwar verlockend - ein Irrweg. Das Kernproblem ist die geringe Beteiligung der Bevölkerung an Protesten. Das erfahren wir Bewegten immer wieder. Kritisch stelle ich fest, dass es erstens zu viele Ängstliche gibt, zweitens zu viele Gleichgültige, drittens zu viele Anpasserische. Zu Letzteren zähle ich auch den homo consumens, wie ihn Erich Fromm konstatiert hat; also der Mensch, der sinnlos und besinnungslos konsumiert, um somit seine innere Leere zu kompensieren. Bei bewegten Infoständen und Aktionen in der Innenstadt ist es schon bemerkenswert, wie die konsumierenden Massen dergestalt herumwuseln. Bei diesem Einkaufswahn entsteht auch der trügerische Eindruck, dass die Menschen alle noch genug Geld hätten, derweil ist es aber so, dass es massive finanzielle Unterschiede in den Großstädten gibt; und wer die mentalen Augen aufmacht und sich nicht nur in den Einkaufsmeilen verlustiert, sieht die wachsende Armut auch. Und da fängt eine grundlegende Sache an: die Aufklärung, die vor jedem expliziten Protest liegt. Die notwendige Radikalität besteht darin, dass hemmungslos aufgeklärt werden muss.
FKritik 12.09.2012 | 14:32

Danke für den sehr guten Beitrag!

Wir 68er erinnern uns natürlich gerne an die Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs und der vielfältigen Bewgungen, das hilft aber nur bedingt, denn letzlich wurde keine grundlegende Transformation erreicht (konnten diese auch wohl nicht erreichen).

Warum sollte Occupy die 99% provozieren??? Mir wäre lieber sie würden die verantwortlichen Politiker provozieren. Wo blieb beispielsweise der Protest, z.B. vor den Parteibüros auch der SPD und der Grünen, nach der Zustimmung zu ESM und Fiskalpakt, als viele Menschen verärgert waren. So, nach dem heutigen Urteil, steht diese Politik als alternativlos da. Wenn es noch die Chance gibt eine andere Politik gegen die Macht der Finanzoligarchien zu machen, muss sich der Protest nicht nur gegen Banken und EZB richten, sondern auch gegen politisch Verantwortliche.

Im übrigen sitzen nicht die 1% in den Banken sondern als Milliardäre in diversen Unternehmen und Finanzinstitutionen. Die 99% sind keine homogene Masse sondern sozial sehr unterschiedlich, wenn Provokation dann wohl den Kern der gutsituierten Mittelschicht.

Otis B. Driftwood 12.09.2012 | 17:53

"Da war noch eine Unklarheit! Vielleicht die Frage, wo der Widerstand konkret anzusetzen hätte, um wirksam sein zu können, oder die Frage, was er denn, wenn er könnte, an die Stelle der kritikwürdigen Zustände setzen würde. Gestehen wir es doch, von Antworten auf diese Fragen sind wir heute weit entfernt."

Diesen Antworten sind wir heute so nah wie noch nie. Unser historischer Erfahrungshorizont reicht bis zu den gegenwärtigen Unzulänglichkeiten unseres Wirtschaftssystems und den heutigen "postdemokratischen" Verstrickungen der politischen und wirtschaftlichen Macht. Den Anfang möge sich jeder und jede selbst denken.

Hunderte von humanistischen Denkerinnen und Denkern - von Mill und Marx, über Ahrendt und Nussbaum, bis von Oertzen und Crouch - haben aus ihrer Kritik der gesell. Verhältnisse positive Visionen gezeichnet, die wir einsehen und analytisch anwenden könn(t)en.

Was, warum falsch läuft, ist - zumindest aus linker, humanistisch-demokratischer Perspektive - lediglich (sehr leseintensive) Recherche- und Kombinationsarbeit. Was bleibt ist das Problem der Provokation, bzw. Überzeugungsarbeit, dass der Autor sehr schön herausstellt. Wie klärt man Menschen auf?

Gewalt mit einer solchen Grundüberzeugung als Lösung zu propagieren, ist als führe man mit dem SUV zum Bio-Bauern. (Oscar Wilde) 

Konfuzikuntz 12.09.2012 | 18:11

Ist die Bildunterzeile ernst gemeint? Man ist sich nicht sicher, ob man einen solchen Satz eher bei Robespierre oder bei Goebbels findet. Er appelliert an die Moral politischer Sprengsatzleger, die von organischer Entwicklung nichts, vom Ausschütten des Kindes mit dem Bade erfahrungsgemäß hingegen viel verstehen. Insofern finde ich auch das Räsonnieren über eine neue RAF selbst dann daneben, wenn es mit Disclaimer erfolgt. Was bitte haben denn Andreas Baaders Polizistenmorde etc. etwa mit der notwendigen Einführung einer Finanztransaktionssteuer zu tun? Womöglich - nichts?

Weiterführende Gedanken.

Die Massenbasis besteht. Man muss sie nur anzusprechen wissen.

Innerhalb der die Menschen atomisierenden Dogmen der Zeit ist das jedoch nicht  möglich. Eine Gesellschaft aus - ich übertreibe es - halbdepressiven Singles, von denen keiner verhungert und erfriert und die sich, um über die Runden zu kommen, dann den ganzen Tag gegenseitig irgendwelchen Kram verkaufen, den keiner braucht… Die wird nicht aufstehen. Das „wogegen“ kann der ein oder andere – vielleicht – formulieren. Das „wofür“ nicht.

Zumal der Kapitalismus im Rahmen völliger Freiheit (und Bindungslosigkeit) die politische Isolation des Einzelnen bewirkt.

Grundlage des Kapitalismus ist der Liberalismus, gewissermaßen das Betriebssystem. Um es klar zu sagen: Es verträgt sich nicht, ein Freund des Liberalismus und zugleich ein Gegner des Kapitalismus sein zu wollen. Außer natürlich um den Preis völliger Wirkungslosigkeit und vergeblichen Zeltens, symbolisch nicht nur vor Banken, sondern auch VOR dem Parlament, IN dem (in wessen Interesse nochmal?) ganz bestimmte Gesetze gemacht werden.

Den Liberalismus bekämpfen heißt übrigens nicht den Rechtsstaat bekämpfen. Ganz im Gegenteil. Er heißt auch nicht aufs gemeinsame Kiffen verzichten. Das ist alles nicht gemeint.

Den Liberalismus bekämpfen heißt, ihn als Wirtschafts- und Sozialideologie mit offenem Visier zu stellen. Geistig.

"Liberal" ist ein vieldeutiges Wort. Es würde mich überraschen, wenn das liberal in den Statuten des Freitag an Adam Smith und den angelsächsischen Kapitalismus meint.

Doch man täusche sich nicht: Im deutschen Bundestag sitzen vier bis fünf (wirtschafts-liberale Parteien und nicht nur die erzliberale FDP, der Wahlergebnis mit der Macht ihrer Ideen in keiner Beziehung steht.

Allerdings muss da schon etwas sein, was man den Menschen als real existierende Alternative anbieten kann: Und das ist die Wirklichkeit. Ein neoutopistisches "Hammer und Sichel, aber ohne Anstehen für Klopapier", das will keiner hören.

Dies ist nach dem problematischen Freiheitsbegriff der zweite Punkt, an dem man sich nicht in die Tasche lügen sollte. Zumindest dann, wenn man sich für Wirkung interessiert und nicht für irgendwelche wirkungslose "Kritik" und politische Selbstbefriedigung im Hinterzimmer.

Das künstliche Kollektiv des parteigesteuerten Massenmenschen ist nicht die Antwort der Zeit, weil es die altliberalen (und viel zu eng gedachten) Kategorien von Produktion und Besitz lediglich revolutionär herumdreht. Der Kommunismus ist als Materialismus gescheitert, nicht am guten Willen.

Man bringt auf künstlichem Weg aber keine Würde da hinein.

Wer versteht, was damit gemeint ist, kann auch klar erkennen, wonach die Menschen sich sehnen. Es ist das Eigentliche, das was immer gilt und was da gewesen war, ehe eine nivellierende McWorld jede Kultur auf diesem Planeten angegriffen und in den Dienst des Geldes gestellt hat.

Sie sind klein geworden, die materialismusfreien Zonen. Und so wird schon vom Urlaub in Buthan geträumt. Die Attraktion ist die nichtverdorbene, ursprüngliche, spirituelle Welt mit Liebe, Nebel und Geheimnissen.

Das "revolutionäre" Stichwort ist nicht Revolution. Es heißt Kultur. Irgendwo zwischen dem, was ich hier andeute und dem, was die US-amerikanischen Kommunitaristen darunter verstehen. Dieses Stichwort verträgt sich mit Internationalismus, Völkerfreundschaft und farbenfrohen Tänzen übrigens ganz ausgezeichnet.

Allerdings wagt man im Zeltlager vor der Bank so nicht zu denken. Denn "Kultur" = bürgerlich = Rechts = [Schimpfwort Ihrer Wahl]

Die putzige Suche nach dem großen Stichwort wird auch nicht dadurch besser, dass man es basisdemokratisch zu finden versucht. Was die ganze Verzweiflung der Piratenpartei um ein Programm erklärt. Und da sich - überrschaft es wirklich? - so keine Antwort finden lässt, sehnt man sich nach dem großen Zauberwort. DER Utopie, die die Welt verändern wird. Dabei lauscht man feisten Gewerkschaftlern, die den Materialismus lehren. Warum ein sinnvolles Dasein, wenn ich doch 2% mehr Lohn bekommen und mir einen größeren Fernseher kaufen kann?

Es gibt da ein magisches Denken ziemlich weltfremder Menschen, die glauben, Sie kämen an das Aktienkapital einer Bank heran, wenn Sie nur lange genug vor deren Hauptverwaltungsgebäude in der Kälte zittern.

Und so tritt sie auf der Stelle, die Revolution... Die Linken würden gerne revolutionieren, starren aber verzweifelt auf die liberalen und neomarxistischen Fäden in ihrer Hand, aus denen sie so gerne das große – wirksame - Stichwort ablesen würden.  

Die Konservativen kennen das Stichwort. Weil es da ihre ist: Kultur. Sie sind aber keine Revolutionäre. Und würden niemals nicht ihre Zeit dafür hergeben, "für eine gute Sache" wirkungslos im Zelt zu frieren.

Und so passiert nichts. Die machtlose Linke glaubt allen Ernstes, sie würde allein mit dem Finanzkapitalismus fertig und hält die Konservativen für dessen Agenten. Das ist ein gewaltiger Irrtum. Und die Konservativen hält die Linke für weltfremd. Was auch nicht stimmt. Sie ist nur ideologisch verrannt und vollkommen wirkungslos.

Allerdings kann man die Lücke nur überbrücken, wenn man aufhört, sich zu bekriegen. Denn auf eine seelenlos-ausgelutschteWelt hat keiner Bock. Es wird allerdings nichts passieren, solange die einen im Zelt herumträumen - wovon nochmal? - und die anderen darüber fassungslos den Kopf schütteln und bis etwas passiert eben den nächsten Urlaub im buddhistischen Kloster mit Aktienspekulationen finanzieren.

 

Ramon Galuptra 12.09.2012 | 18:17

Ich kann Herrn Jäger eindeutig zustimmen. Provokation ist das richtige Mittel. Und ja es ist eine Kunst. Es ist ein Balanceakt zwischen zwischen Peinlichkeit und Rechtsbruch.

Nur um etwas zu Bewegen benötigt man eine breite Masse. Bei dem Occupy Thema wird sie nicht zu stande kommen. Die Menschen beschäftigen sich nicht wirklich damit. Weil sie es nicht verstehen und es auch nicht verstehen wollen. Heute morgen hat das Bundesverfassungsgericht ein entscheidendes Urteil gefällt. Und wen interessiert es? Nicht mal unter freitag.de gibt es dazu einen Beitrag. Ich habe versucht mit einigen (realen) Menschen darüber zu diskutieren.. nur zuckende Schultern.

Man kann provozieren, wie man möchte. Das Thema ist nicht massentauglich. Ein Bahnhof schon. Da kann sich jeder etwas drunter vorstellen.

Traurig aber wahr.

2049er 13.09.2012 | 11:04

ein feines pflänzchen klettert aus dem boden und es sagt: schlichte produktion mit der damit vorhandenen sinngebung löst die herrschende dienstleistung mit ihrem "Ich bin halt da" ab.

dienstleistung ist eine idee, um massen in arbeit zu halten, aber sie bietet kein vorankommen, sondern bastelt nervtötend an sich selbst herum. was stört, an dem aktuellen Zustand ist die Belohnung des Schwachsinns. die milliardenschwere förderung von dingen, die keiner braucht.

dieses im hinterkopf schwelende wissen eines jeden sinnlos angestellten menschen " ich werde eigentlich nicht gebraucht", schickt millionen in den sog. "burn out". macht unzufrieden. lenkt ab.

warum wird nicht das belohnt, was über sich hinauswächst, was neues erschafft, gutes erschafft. warum sind wir vom weg der evolution freiwillig abgekommen ?  

 

 

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Ehemaliger Nutzer 13.09.2012 | 14:27

Radikal extremistische Kapitalisten terrorisiert unser aller Haushalte und Leben - in allen Kulturen - auf der ganzen Erde.

Provokation .. bis die Wutblase platzt.

Aufklärung über- und Befreiung von Gewalt - ist ein älteres und größeres Thema, als Geldwert-Stabilität oder Systemfrage. Das funktionieren des Geldes durch unser alltäglich beim Einkauf bestätigten Glauben an 'das Geld', hält uns (Polizei & Protestierende) nur von der Konfrontation ab, das Thema Gewalt öffentlich zu behandeln.

Nun - wie wollen wir leben?

Es ist ja nicht die Erkenntnis, dass Gewalt nichts Gutes sei (und so einfach ist es ja auch nicht) - dass die Verhältnisse auf 'westlich-zivilisierten' Straßen, auf der ganzen Erde friedlich erscheinen. Wo die großen Straßen sauber sind und glatt, da herrschen Angst, Schuld und Scham, nicht Regierung oder Freiheit.

Als ob es erst konkret der Gewalt bedarf, um das Wesentliche in der Befreiung von Gewalt und Macht, für ein friedliches menschliches irdisches Sein zu erkennen - zu benennen - um endlich durch emanzipierte Verhalten, die Verhältnisse liebevoll gestalten zu können.

Bei der Analyse für die Aufklärung genau hin zu gucken, ist - beim Thema Gewalt- unzumutbar. Betrachte ich hingegen das Spiel, den Kampf zwischen Macht und Gewalt bei sich fortpflanzenden Katzen .. könnte ich auf die Idee kommen, dass Mann mit Gewalt und Frau durch Macht, ihrem Ziele sich zu nähern versuchen.

Soo schwach, aber ursprünglich begründet - trenne ich strickt Mann(Gewalt) und Frau(Macht), um sie dann, vielleicht -je emanzipiert- wieder zusammen bringen zu können. D.h.: stelle ich die Gewaltfrage (und die stelle ich!), dann Frage ich nach der Emanzipation des Mannes von seiner Gewalt und von der Macht von Frau.

"Revolution ohne Frauen und Kinder ist langweilig und gewalttätig"

Tatsächlich findet Emanzipation von etablierten Verhältnissen statt - rechts- wie links motiviert wird versucht, einen maximal selbst-(rechts/links)-bestimmten Alltag zu leben. Die Methoden (Verhalten) für sich, für das eigene Umfeld und für die eigenen Mitmenschen, unterscheiden sich dabei im Grunde nicht, aber das merken die in Rechts-Links-Modellen gefangenen nicht. Die Unterschiede tauchen bei der Arbeit 'gegen Etwas' auf. Das ist aber dumm.

Bei allem Konflikt und aller Provokation, V-Leuten und Agent Provokateure: Alternativlose Polizei und perspektivlose Protestierende sind und bleiben allein - oder - Der großen monotheistische Friede bleibt den in Überheblichkeit Gefangenen verwehrt ;-)

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Ehemaliger Nutzer 13.09.2012 | 15:32

richtig ist:

Das "revolutionäre" Stichwort ist nicht Revolution. Es heißt Kultur. [...] Dieses Stichwort verträgt sich mit Internationalismus, Völkerfreundschaft und farbenfrohen Tänzen übrigens ganz ausgezeichnet.Allerdings wagt man im Zeltlager vor der Bank so nicht zu denken. Denn "Kultur" = bürgerlich = Rechts = [Schimpfwort Ihrer Wahl]

Weiter gedacht bedeutet dies:

Occupy scheitert mittelfristig an seiner unterentwickelten Protest - und Provokationskultur.

Das hat auch was mit der Digitalisierung von Vernetzung zu tun. Man kann zwar einen Flash&Fun-mob herbeibeamen, aber keinen größeren Haufen Leute für eine politische Veranstaltung oder Demo aktivieren.Es geht heute nicht mehr darum die Debatte in den öffentlichen Raum zu tragen und diesen eine Zeitlang mit dem Thema und der eigenen Diskussionskultur zu besetzen - es geht nur noch darum punktuell Präsenz und Flagge zu zeigen.

Die Diskussion entwickelt die Aktionsform. Wir sehen an dem bunten Strauß von Aktionen der OccupyistInnen, daß sie ohne inhaltliche Diskussionen über den Zusammenhang von Aktionsform und Thematisierung vorgehen und wahllos Aktion mit Thema verknüpfen.

Das läuft auf Aktionismus ohne Bodenhaftung hinaus, denn um Massen zu mobilisieren, muß man mit den Leuten reden, d.h. ins Gespräch kommen.

Wie aber soll man mit von der Massenkonsumkultur und dem Ethos der Arbeitsgesellschaft betäubten Leuten ins Gespräch kommen, wenn man deren Lebens - und Arbeitsformen nicht etwas radikal anderes entgegensetzt, wie z.B. die 68er das Kommuneleben, oder die Instandbesetzungen der 70/80er Jahre in West-D ???

Das Problem ist: seit der Eingliederung der neuen Länder in die BRD ist wörtlich der "rote Faden" zur Kultur gelebten Widerstands zerschnitten. Abgesehen davon wissen die Ost-Deutschen damit mehrheitlich nichts anzufangen, bis heute nicht. Viele halten die Konsum&Arbeits-Leitkultur für das Nonplusaltra bzw. für mehr-geht-nicht. Und basta.

Wir brauchen nicht nur eine andere soziokulturelle Ausrichtung, wir brauchen auch Räume um diese zu leben. Der öffentliche Raum aber ist durchseucht mit Statussymbolen, Konsumismus und Kommerz.

Wer Banken angreifen will, sollte z.B. bei McDonalds, H&M, Douglas usw. anfangen und deren Produktions - wie Arbeitsbedingungen öffentlich thematisieren. Das ist für die die arbeiten anschlussfähiger als eine abstrakte Bankenkritik.

Und: wer zusammen kämpfen will, sollte in gewisser Weise auch eine verbindende Vorstellung davon haben, wie man miteinander heute und in Zukunft, auch mit Kindern (immer wieder gern vergessen von den kinderlosen AktivistInnen), leben will. Kultur muß lebbar sein, um lebendig werden zu können. Nur lebendige Kultur wird von Mensch zu Mensch weitergetragen. Politische Arbeit braucht eine lebendige Diskussions, Zusammenarbeits - und Aktionskultur, sonst hängt sie von den Aktualitäten der Tagespresse ab und geht ein wie eine Primel, wenn die Medien das Thema auslaufen lassen.

Sieht so aus, als wäre occupy eine dieser Primeln.

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Ehemaliger Nutzer 14.09.2012 | 02:11

>>Vielleicht die Frage, wo der Widerstand konkret anzusetzen hätte, um wirksam sein zu können, oder die Frage, was er denn, wenn er könnte, an die Stelle der kritikwürdigen Zustände setzen würde. Gestehen wir es doch, von Antworten auf diese Fragen sind wir heute weit entfernt.<<

Ich gestehe.

>>Occupy war ein guter Anfang mit guter Parole: „Wir sind die 99 Prozent.“ Wer mehr will, muss einen Vorschlag machen: wie wir es anstellen, die 99 Prozent zu provozieren.<<

Die Parole war (beinahe) gut. Ich glaube auch, dass die meisten (Spieß-)Bürgerinnen und Bürger die Wahrheit hinter dieser Parole längst erkannt haben. Mein Problem ist, dass ich versucht bin, Dinge wie "Occupy kam zu früh" oder "Uns geht es noch viel zu gut" sagen zu wollen. Letzteres hielte dem Einzelfall nicht stand - aber welche Aussage tut das schon..?

Die Tendenz einer begonnenen und weitaus ungemütlicher werdenden Talfahrt (wie ich es immer nenne) zeichnet sich klar ab. Das ist nicht das Problem. Das erkennen Großeltern im Zweifel an den gebrochenen Lebensläufen und den Zukunftsängsten der eigenen Enkel.

Ich will hier mal nicht von "Revolution", sondern von (demokratisch legitimiertem Recht der Wahlberechtigten auf politische) "Veränderung" sprechen. Da fängt es doch an: Warum gehen die Leute nicht wählen?

Kürzlich lese ich:

>>Geringverdiener - also jene mit einem Einkommen von unter 1000 Euro monatlich - wenden sich am ehesten der Piratenpartei zu oder seien im Nichtwähler-Milieu zu finden (...) Ein Drittel der Arbeitslosen gehe überhaupt nicht wählen, hieß es weiter. (...) Die Wähler der Piratenpartei lebten der Studie zufolge häufig in einer "prekären Lebenssituation": Sie hätten von allen Parteianhängern die größte Angst um ihren Job. (...) Interessanterweise sei das Durchschnittsalter der Nichtwähler gesunken: "Das bedeutet, dass immer mehr jüngere Wahlberechtigte nicht mehr wählen gehen." (...) Nichtwähler beschrieben sich in den Befragungen auffallend oft ängstlich (...) Nichtwähler und rechte Wähler zeigen eine "ausgeprägte depressive Grundstimmung", Piraten-Wähler sind am wenigsten depressiv.<< (Quelle)

Als leicht übertherapierter Hase in Sachen Angst stelle ich mal fest: Depression und Resignation scheinen bei denen, die Veränderungen am Nötigsten hätten, vorzuherrschen.

Aus der Angsttheorie weiß ich, dass das beschissene Gefühl der Angst dem ursprünglichen Zweck dient, den Körper auf Kampf oder Flucht vorzubereiten. Wenn beide Reaktionen als ausweglos erkannt werden, muss das zwangsläufig zu einem resignierten Wegducken führen.

Aber resigniert Weggeduckte zu etwas "provozieren" zu wollen, ist wohl nicht so leicht. Was nützen einem denn auch behauptete 99% als Rückendeckung, wenn man das Gefühl hat, dass die ganze Welt gegen einen arbeitet..?

Und überhaupt: Warum wählen die, die wählen gehen eigentlich immernoch das, was sie da wählen? Haben sie Angst, ihre Situation  könnte nach den immer notwendiger erscheinenden, grundlegenden Veränderungen insgesamt schlechter darstellen als heute? Wahrscheinlich. Ich kann das sogar nachvollziehen, denn ich bin wie gesagt (fast) der Meinung, dass es uns immernoch viel zu.. (s.o.)

99% der Deutschen - das meint beinahe alle Deutschen. Und denen geht es angeblich allen mies, weil es einem einzigen Prozent besser geht, als es ihm gehen dürfte/müsste. Aber das stimmt ja so nicht. Man vergleiche doch nur einmal, was die IG-Metall für ihre Beschäftigten herausholt und wie's bei Verdi aussieht. Allein dazwischen tun sich doch Abgründe auf, die mit nichts zu erklären sind.

Wie eint man einen 57-jährigen, ungelernten Arbeiter, der es im Stahlwerk zum Vorarbeiter geschafft hat (5000 Brutto) mit einem frisch diplomierten Taxifahrer (1100 Brutto)? Oder eine pensionierte Oberstudienrätin (GRÜNE) mit dieser aus Markus Lanz bekanntenn Vollzeitaktivistin Poddig? Das will mir alles noch nicht so in den Kopf.

Ich befürchte, dass es alles noch viel viel zu frügh ist. Kampf und Revolution sind doch Begriffe, die man aus Situationen kennt, in denen Menschen ehemals verschiedenster Lebenssituationen auf grundlegendste Bedürftnisse zusammengeschrumpft und - geschweißt wurden: Hunger, Durst und kein Dach über dem Kopf.

Es wird wie gesagt dem Einzelfall nicht gerecht, aber sowas kennen wir doch flächendeckend gar nicht mehr. (Gott sei Dank nicht!) Nicht einmal im Südeuropa des Jahres 2012. Ich bin arbeitsuchend und rauche wie ein Schlot. Das ist doch keine Grundlage für einen Umbruch. Notfalls könnte ich mit meinem Freund zu meinen Eltern ziehen. Sind alles keine wirklichen Probleme. Jedenfalls noch nicht. Kommt aber wieder. Und dann klappt's auch mit der Revol Provokation. Ganz bestimmt.

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Ehemaliger Nutzer 14.09.2012 | 02:30

>>Kampf und Revolution sind doch Begriffe, die man aus Situationen kennt, in denen Menschen ehemals verschiedenster Lebenssituationen auf grundlegendste Bedürftnisse zusammengeschrumpft und - geschweißt wurden: Hunger, Durst und kein Dach über dem Kopf.<<

Kälte habe ich vergessen. Es gibt sicherlich auch immer mal wieder system-politische Gründe, die zusammenschweißen. Aber auch so weit sind wir noch nicht. Obwohl die Anfänge, deren zu wehren wäre, bereits klar erkennbar sind. Goldman Sachs entert Europas Regierungen, die demokratisch unkontrollierbare EZB knüpft Bedingungen, Gauck unterschreibt für ESM, das Bundesverfassungsgericht muss Parlament spielen, die Geheimdienste arbeiten gegen uns, die Berufsarmee wurde erfolgreich installiert, der Überwachungsstaat perfektioniert usw. usw. Kommt alles nach und nach und wahrscheinlich wieder früher, als uns allen lieb ist. Bevor's besser wird, muss es immer erst ganz ganz schlimm werden. War doch schon immer so..

Erdlingsdings 14.09.2012 | 11:05

@ XXM

"Bevor's besser wird, muss es immer erst ganz ganz schlimm werden. War doch schon immer so.."

Böse gesagt müsstest du die gegenwärtige "Talfahrt" ja dann begrüßen. Aber die Aussage selber stimmt nicht. Wäre das so, dann würde es in vielen Teilen der Welt täglich Revolution geben. Der Grad der eigenen Verarmung ist kein Indikator für das "Protestpotential". Eher schon die Geschwindigkeit  mit der Verarmung stattfindet. Erhöst du die Brotpreise 36 Monate um je 1 % wird das eher toleriert als wenn du sie einmalig um 36 % anhebst. Nimmst du in einem Rutsch den Menschen ihre demokratischen Rechte, erhebt sich ein Sturm, machst du innerhalb von 10 Jahren ein Gesetz nach dem anderen, mit dem gleichen Ziel, merkt kaum einer das man plötzlich in einer Diktatur lebt.

>>Kampf und Revolution sind doch Begriffe, die man aus Situationen kennt, in denen Menschen ehemals verschiedenster Lebenssituationen auf grundlegendste Bedürftnisse zusammengeschrumpft und - geschweißt wurden: Hunger, Durst und kein Dach über dem Kopf.<<

Wäre das so, dann wären Revolutionäre immer Obdachlose...Die Arbeiterbewegung zB rekrutierte eben nicht beim Lumpenproletariat (selbige waren ihnen herzlich egal) sondern bei denen die in Lohn und Brot standen. Natürlich ging es denen im Vergleich zu heute mies, aber dennoch waren sie nicht die allerärmsten Schweine ihrer Zeit.

"Warum gehen die Leute nicht wählen?"

Die Meisten wissen das die Parteien nur Postenbeschaffungsvereine sind. Politiker lügen wenn sie das Maul aufmachen und würden nie etwas tun was sie den Job kosten könnte. So oder so ähnlich sehen das "die Leute". warum also wählen gehen? Die Piraten werden gewählt, weil sie die Einzigsten sind denen man abkauft das sie nicht wegen der politischen Kariere, sondern aus Überzeugung handeln. Der programmatische Inhalt (oder dessen Inhaltslosigkeit) ist dabei herzlich egal, hauptsache sie sind "Ehrlich"...

Übrigens finde ich die Parole "Wir sind die 99%" Reklametechnisch wirklich gut, inhaltlich aber eher mau, wenn nicht gar irreführend. "Wir sind die 80%" würde es eher treffen, wäre aber nicht ganz so werbewirksam. Aber darum gehts ja schlussendlich: Nicht die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse sollen analysiert und transparent gemacht werden, sondern mittels kessen Parolen das "Medieninteresse" geweckt werden.

Ein letztes noch: Occupy ist nicht gescheitert, weil sie zu lahm, zu zahm oder theoretisch zu dumm waren. Sie sind gescheitert an der enormen Erwartungshaltung der kritischen Öffentlichkeit. Als sie Anfingen vor der Wallstreet ihre Zelte aufzubauen ging ein raunen um die Welt...nun gehts los, das ist der Anfang einer gewaltigen Protestbewegung und alles wird gut...so ähnlich kam es bei vielen rüber. Wäre ich Verschwörungstheoretiker würde ich behaupten, das die Medien Occupy nur deswegen so gepusht haben, um dem Volke hinterher die bittere Nachricht überbringen zu können: Siehste, es bringt nix dagegen zu sein, las es lieber!.........

Michael Jäger 14.09.2012 | 23:28

Danke für die vielen weiterführenden Kommentare. Ich hatte mit meinem Artikel eigentlich weiter nichts beabsichtigt, als dem Ruf nach der Gewalt den Ruf nach der Provokation entgegenzusetzen; aber all die Weiterungen, die hier verhandelt werden, sind natürlich das Thema, um das es eigentlich geht.

Ich will im Moment nur zweierlei bemerken. Erstens, wovon Otis ausgeht, daß die Frage nach dem Ziel von Marx und vielen anderen schon beantwoirtet sei und es nur noch drauf ankomme, solche vorhandenen Inhalte für die Provokation operabel zu machen, das erschließt sich mir nicht. Es ist im Allgemeinen richtig, ja. Aber das heißt nur, es ist jene Richtigkeit, die sich darin bewährte, daß der Sowjetkommunismus ausprobiert wurde. Der ist aber gescheitert. Und wer meint, er sei nur an äußern Barrieren gescheitert und nicht auch an innern, der lügt sich meines Erachtens - ich kann mich natürlich irren - in die Tasche. Nach meinem ganz privaten Dafürhalten liegt das Problem darin, daß der Kommunismus den Markt verworfen hat, statt ihn sich anzuverwandeln. Und sicher, auch das kann der totale Irrtum sein. Aber das ist jedenfalls die Ebene, auf der wir diskutieren müßten.

Zweitens ist auf den Eintrag von Pleifel zu verwesien, den ich leider erst sehr spät entdeckt habe. Er schreibt, daß er verreisen müsse, hoffentlich schaut er doch später noch einmal hier herein. Ich finde, er hat etwas Wichtiges herausgefunden: Das Höchste, wozu es die Linke derzeit bringt, ist die Analyse, daß mit der Unterwerfung unter das, was „die Märkte“ wollen, der Demokratie der Strom abgedreht wird, - diese Tendenz könnte bald in den Versuch übergehen, demokratische Verfahren offen zu beseitigen, - das ist dann die Stunde der Provokation, wo man gegen die Maßregelungen, die gegen die Demokratie gerichtet einzuführen versucht werden, in offenem „gesetzesbrecherischem“ oder auch maßnahmenbrecherischem Ungehorsam vorgehen muß.      

Reinold Ophüls-Kashima 16.09.2012 | 14:34

Wie immer ein Beitrag, der die Dinge auf den Punkt bringt und weiter führt. Die Provokation bräuchte ja noch nicht einmal wirklich radikal zu sein. Wie wäre es, wenn die Linkspartei überall plakatieren bzw. in Anzeigen fordern würde: Für Wachstum – den Euro retten: 20% mehr Lohn, 1000 Euro Mindestlohn, 1000 Euro Mindestrente, Verdoppelung des Hartz-IV-Satz - und dies mit einer Argumentation, wie sie von Heiner Flassbeck u.a. geleistet wird, unterfüttern. Und dann könnte man auch anfangen, darüber zu sprechen, was für ein Wachstum wir wollen – z.B. das eines ökologischen Umbaus.

Reinold

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Ehemaliger Nutzer 18.09.2012 | 02:59

Was occupy (und mir;) vielleicht gut tät: weniger Provokation - mehr Spektakel .. im Sinne [0] gepaart mit situationistisch-übernationaler Potenzialentfaltung .. irgendwo zwischen Hedonistische Internationale (Jugend), Flashmob (facebook-party) und anonymous anzusiedeln .. der situationistische [1] Aspekt trägt die okkupierende Tat befreiend in den Alltag .. also 'Rechte' können Das! .. mal so provoaktiv

empört gegen, engagiert für .. emanzipiert

[0] http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels

[1] http://www.theorie.org/titel/650_situationistische_revolutionstheorie_vol_1

Florian Zacharias Raffel 29.10.2012 | 13:55

Offener Brief an Michael Jäger:

Bezugnehmend auf den Artikel:http://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/die-kunst-der-provokation und insbesondere die Aussagen am Anfang: "Da der Irrsinn der Finanzmärkte und einer Politik, die sich ihnen anpasst, einfach immer weiterläuft und auch die Occupy-Bewegung nicht geholfen hat, ist der Ruf nach einer irgendwie stärkeren Form von Widerstand nur zu verständlich. Und was wäre stärker als „die Gewalt“? Es klingt plausibel: Occupy war zu nett – Revolutionen pflegen gewaltsam zu sein, und um endlich etwas zu ändern, wird man um eine Art Revolution nicht herumkommen."

Dazu möchte ich Folgendes zu bedenken geben:

Hallo Michael,

danke für Deine Artikel. Ich habe nach dem ersten Absatz aufgehört zu lesen und schreibe Dir mit der Hoffnung, dass wir einen Dialog beginnen können. 

Ich nehme nur Bezug auf den ersten Absatz:

Erstens gab es gewaltfreie oder besser friedliche Revolutionen in der jüngeren Geschichte der Menschheit: Gandhis Kampf mit friedlichen Mitteln (1915-1947) für Indiens Unabhängigkeit, die Nelkenrevolution 1974 in Portugal und die friedlichen Massenkundgebungen in der DDR 1989 sowie die revolutionäre Arbeit des Neues Forums / Bündnis 90 ("Der Dritte Weg") sind nur einige Beispiel für den bewussten Verzicht auf Gewalt und dem strategischen Festhalten an der Friedfertigkeit.

Ziviler Ungehorsam durch friedliche Aktions- und Protestformen ist auch der #occupy Weg und schafft damit ein effektives und langfristiges sowie unzerstörbares Fundament für die Revolution.

Zweitens: die #acampada #occupy #globalchange Bewegung ist ein Prozess, der von vielen noch immer nicht in seiner Tiefe verstanden wurde. Allein die Idee des Dialoges und des Konsens sowie die Form der Asamblea können *Welten bewegen* - wenn wir konsequent auch an uns selbst arbeiten. Im Sinne von Rudi Dutschke: "Revolution ist nicht eine Sache von Tagen, wo geschossen wird und Auseinandersetzungen stattfinden. Revolution ist ein langer, langandauernder Marsch und Prozeß um die Schaffung von neuen Menschen..."

Drittens: diese #globalchange Revolution funktioniert nicht, wie alle anderen gesellschaftlichen Umwälzugsprozesse zuvor - diese Revolutionäre Bewegung "Eine andere Welt ist möglich" agiert u.a. dezentral, kooperativ nach dem Resonanzprinzip und der Idee der freien Individualität / Souveränität jedes Menschen - sowie der Lösungsorientierung.

Es zählen eben nicht mehr die alten bestehenden brüchigen *Konzepte* und *Muster* in den Köpfen der egoistischen Menschen. Ismen, Macht, Geld oder elitäres Wissen sind nicht mehr relevant in dieser Revolution.

Alle Menschen, die sich dem #globalchange anschließen sind verbunden durch gemeinsame Werte: Wahrhaftigkeit, Transparenz, Empathie, Lebendigkeit, Kreativität, Respekt und... letztendlich durch die "Goldenen Regel" im Nukleus bzw. letztendlich durch die Liebe (ja ich ahne es schon, bei diesem Wort werden einige wieder reagieren...).

Ich hoffe, meine Gedanken mögen auch andere inspirieren, die "ausgetretenden Pfade" zu verlassen und sich selbst neu zu entdecken. Dann beginnt Revolution. Egal wo und wie.


Herzlich revolutionäre Grüße,


Florian Zacharias Raffel




Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Nelkenrevolution

http://occupyberlin.info/blog/2012/10/29/an-diesem-kampf-habt-ihr-weiterzuarbeiten/

Michael Jäger 30.10.2012 | 01:37

Lieber Florian Zacharias Raffel, manchmal möchte man fast an "Gottes Fügung" denken - daß ich Ihren Kommentar zufällig überhaupt bemerke, wo ich seit Wochen nicht mehr auf meine Seite geschaut habe und die soziale, kommunikativen Funktion der Freitag-Community, wozu die Mail-Meldung von neuen Kommentaren gehört hatte, immer noch nicht wieder aus der Vernichtung auferstanden ist, das ist fast ein Wunder.

Ich habe eigentlich nur zu sagen, daß ich Sie bitte, den in Frage stehenden Artikel zu lesen, also nicht schon nach dem ersten Absatz aufzuhören. Sie scheinen diesem zu entnehmen, daß ich für Gewalt plädiere, während ich doch nur, was dem ersten Absatz eines Textes wohl angemessen ist, eine Meinung aufnehme - die kurz vorher hier  im Freitag vertreten worden war -, um mich anschließend an ihr zu reiben.

Ich plädiere in diesem Artikel ja gerade für die Methode Rudi Dutschke, und mir ist wohl bewußt (obwohl ich es meiner Erinnerung nach nicht ausspreche), daß es die Methode Gandhi ist, also gerade die als gewaltfrei geltende Methode. Dutschke hat Gandhis Methode durchzusetzen versucht.

Florian Zacharias Raffel 30.10.2012 | 22:29


Michael, 

vorab: für mich ist Gewalt, weder als politisches Mittel noch im zwischenmenschlichen Kontakt eine Option. Ich lehne Gewalt kategorisch und prinzipiell ab. Und daher habe ich auch auf Deinen ersten Absatz so reagiert: ich habe aufgehört zu lesen.

Ich danke Dir für Dein direktes Feedback und habe Deinen Artikel nun komplett gelesen.

Ja, Du distanzierst Dich mehrfach von Gewalt als revolutionären Weg und erläuterst auch gut warum Gewalt im revolutionären Prozess entstehen kann, aber eben nicht muss und warum diese nicht sinnvoll ist: "Entstand doch die RAF aus der 68er-Bewegung und nicht umgekehrt." und auch "Wie kommt eine Massenbasis zustande? Und niemals kann geantwortet werden: „durch Gewalt“."

Es sind aber auch Passagen in Deinem Artikel, die diese klare Position wieder aufweichen: "Wenn es eine Massenbasis gibt, kann Gewalt wirksam sein." oder im ersten Absatz "Revolutionen pflegen gewaltsam zu sein, und um endlich etwas zu ändern, wird man um eine Art Revolution nicht herumkommen." Deutest Du hiermit ein Art von minimal-invasiver Gewalt an? Welche Art mag sich der Leser vorstellen, wenn Du die These aufstellst: um etwas zu verändern, wird man um x oder x nicht herumkommen. Sind wir gefangen in einem sich ewig und immer wiederkehrenden Wiederholen der Geschichte. Ich denke so ist es nicht.

Welche Gewalt meinst Du hier? Sachbeschädigung, Ziviler Ungehorsam, bei dem es auch zu Knochenbrüchen oder anderen Verletzungen von Menschen (in Uniform, friedliche Zuschauer oder Demonstranten) kommen kann (und dies "in Kauf" genommen wird) oder meinst Du die pseudo-berechtigte Verteidigung der Revolution mit Waffengewalt (zur Abwehr von konterrevolutionären Kräften). Das wir aus Deinem Artikel nicht klar. Ich bitte Dich dazu noch einmal etwas zu schreiben.

Was Deine Darstellung der #occupy Bewegung betrifft, positionierst Du Dich eindeutiger: "…auch die Occupy-Bewegung (hat) nicht geholfen,…" oder auch "Es klingt plausibel: Occupy war zu nett…" - das klingt mir nach einem Blick von aussen. Als Aktivist, der seit dem 15.10.211 dabei ist, kann ich Dir von Vielem berichten, was als #occupy #acampada #edj Impulse seinen Weg in die Gesellschaft gefunden hat. Seien es die Call-Center der Finanzdienstleister, die alle Hände voll zu tun haben, zu erklären was Nahrungsmittelspekulation in Altersvorsorgepaketen zu suchen hat, Banken, die ihre Werbestrategien reihenweise überarbeiten lassen oder auch die Protestform des Zeltens auf städtischem Asphalt, die sogar von Schulen eingesetzt wurden, um gemeinsam für Ihre Forderungen (staatliche Förderung) "zu zelten". Oder auch Senioren, die zu Hausbesetzern wurden…

Aber nun wieder ernsthaft: Occupy Wall St. hat es geschafft, dass sich ein weltweit-vernetzter Protest immer weiter ausbreitet, der gemeinsame Kernwerte definiert: friedlicher Protest, Dialog, Konsens (Kooperation anstatt Konfrontation) und ein Individualitäts-Bewusstsein, dass alle alternativlosen Rettung-Konzepte, Ismen und Dogmen als obsolet entlarvt hat. "Eine andere Welt ist möglich!" ist sichtbar geworden und zwar weltweit: durch die Camps, die Arbeitsgruppen, die Solidarität und die Bündnisfähigkeit - ausserhalb aller trennenden Abgrenzungen.

Insbesondere der bewusste Verzicht auf Forderungen, hat gesellschaftlich erst Verwirrung, dann Ablehnung bis hin zur Häme ausgelöst, aber letztendlich einen selbständigen Gedankenprozess in allen Gesellschaftsschichten ausgelöst: kann es denn Forderungen geben, die alle zu erfüllen haben? Kann es denn ein Konzept geben, das all unsere ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme löst? Oder ist es nicht so, dass nach einem Jahr #occupy so langsam klar wird: es gibt bereits unzählige Konzepte, die miteinander interagieren können und es eben nicht mehr den einen Rettungsplan, den einen Erlöser geben wird - sondern wir alle sind die Befreier aus dieser dunklen Zeit, dadurch dass wir uns als planetarische Wesen wieder entdecken, die sich ihrer vollen Souveränität immer mehr bewusst werden… und daher wird auch immer offensichtlicher das die alten bestehenden Konzepte von Imperien, vereinigten oder nationalen Staaten vollkommen überholt sind.

Es geht bei #occupy eben nicht um Mehrheiten oder kritische Massen. Es geht im Kern, um Menschen, die sich von innen heraus befreien.

Diese innere Selbstbefreiung ist das eigentlich revolutionäre, denn es passiert kreuz und quer durch alle sogenannten Schichten. Mit Empörung, mit viel Engagement, Schmerz, Geduld und auch immer wieder laut und ungemütlich. Es ist ein innerer sowie gemeinschaftlicher Prozess, der nicht mehr zu stoppen sein wird: die Rücknahme und Annahme der eigenen Macht und Eigenverantwortung. Macht über sein eigenes Leben und eben nicht mehr über das der anderen. Macht wird wieder geteilt: in der Asamblea, in den hierarchielosen Arbeitsgruppen und durch den Verzicht auf Strukturen, in denen nur noch repräsentiert anstatt agiert wird.

Es geht nicht mehr um Mainstreammedienpräsenz oder Wählerstimmen und noch nicht mal mehr um Stimmungsbarometer oder Imagewerte. Der Prozess der #globalchange hervorgebracht hat basiert auf Resonanz sowie auf dem Prinzip der dezentralen und maximal flexiblen Bildung immer schnellerer Teil-Schwärme, die sich finden, zusammen agieren und sich wieder auflösen, um sich in neuen Konstellationen wieder zu mischen. Und dies ist nicht allein im "web 2.0" sichtbar.

Du schreibst "…der Ruf nach einer irgendwie stärkeren Form von Widerstand (ist) nur zu verständlich.." - Ja, aber… die Erkenntnis, dass wir ein Prozess sind und eben keine Bewegung, ist die entscheidende Veränderung der Sichtweise und des Blickwinkels: wir brauchen keinen Widerstand mehr. Viele haben sich bereits aus dem kapitalistischen System befreit und sind nicht mehr Teil dieses Wahnsinns, der die gesamte Menschheit und die Biosphäre dieses Planeten zu vernichten droht. Viele sind schon raus. Ausgestiegen, haben sich in den letzten Jahren Stück für Stück abgenabelt aus der Illusion des ewigen Wachstums. Raus auch aus der Angst, welche der eigentliche "Treibstoff" unserer sogenannten zivilisierten-westlichen Gesellschaft ist. Die Abhängigkeit von billiger fossiler Energie ist heilbar, auch die Sucht nach Geld, Zinsen und Zinseszinsen - aber die Machtlosigkeit und Steuerbarkeit die durch kollektive Angst möglich ist, sitzt tief eingeprägt in unseren Zellen. Seit Jahrtausenden. Aber diese dunkle Zeit endet. Jetzt.

Und solange wir die Angst in uns und in unseren Bewegungen belassen, werden wir auch immer wieder in Versuchung geraten, gedanklich schon zu den Waffen zu greifen oder verbal im hier und heute unsere "Gegner" und die "Andersdenkenden" zu attackieren. Es ist die Angst, die uns ständig einflüstert, wir könnten in einem revolutionären Prozess "unter die Räder" kommen oder zumindest unser "Hab und Gut" verlieren. Ja einige haben ihr Leben lang hart dafür gearbeitet, heute ein schuldenfreies Eigenheim zu besitzen. Milliarden Menschen auf der anderen Seite des Globus arbeiten ebenso hart und es reicht nicht für die Grundbedürfnisse… geschweige denn für Freizeit. Es ist die perfide Mixtur aus Angst und römischer Dekadenz, die uns steuert und "den falschen Göttern" huldigen lässt. Auch das hat #occupy weltweit angeregt: hinschauen und in Frage stellen. Den aus dem goldene Kalb ist längst ein tödlicher Stier geworden…

What is our one Demand? Ich denke, es ist die Menschlichkeit, die wir wieder entdecken und ins Leben zurückholen müssen. Eben nicht den Widerstand, nicht den gewaltbereiten Kampf gegen das System der entfesselten Hydra des global-feudalen Kapitalismus. Es ist einfacher aber dadurch nicht weniger kompliziert: sich selbst befreien.

Aus sich selbst heraus, frei werden. Die Tür zu jedem einzelnen geistigen Gefängnis geht von innen auf. Und kein Panzer, kein Soldat - keine Macht der Welt kann sich dem in den Weg stellen.

"…was (bisher) fehlt, ist der zündende Gedanke." Doch dieser eine Gedanke ist schon längst in alle Teile der Welt ausgeschwärmt: We are the 99% und wir lassen uns nicht mehr von dem 1% erzählen, dass die Welt und der Mensch nun mal so sind wie sie sind… und das alles so alternativlos bleiben muss… der Wandel, der #globalchange hat bereits begonnen. Wir sind mittendrin - in einem r/evolutionären Prozess, der die Menschheit befreit. Von innen und dann gemeinsam.

"Ein (….) Staat kann nur von der eigenen Armee besiegt werden." Und diese Armeen stehen in jedem von uns bereit: Empathie, Respekt, Kooperationsbereitschaft, bedingungslose Liebe und Freiheit von Innen.

Ich danke Dir, für Deine Inspiration, diesen Text zu schreiben. Ich danke Euch für den Weg, den wir gemeinsam gehen. Und ich hoffe, dass wir alle aus einer inneren Ruhe und Geduld heraus agieren können, auch wenn die Zeiten härter werden. Wir haben nichts mehr zu verlieren, also seit mutig, wagt es, erfindet Euch neu und lasst uns gemeinsam diese Welt neu gestalten. Ohne Krieg, ohne Zerstörung, ohne Normierung. Lasst uns diesen radikal-friedlichen Weg weiter gehen, auf dem wir uns seit einiger Zeit befinden.

Gern auch mit Provokationen. Besser noch durch gegenseitige Unterstützung.


Michael Jäger 31.10.2012 | 12:07

Lieber Florian, ich stimme allem, was Du schreibst, zu. Wie nah wir sind, ergibt sich auch aus dem Büchlein, das ich Anfang des Jahres zusammen mit Thomas Seibert geschrieben habe: Alle zusammen, jede für sich. Die Demokratie der Plätze, VSA-Verlag, Hamburg 2012, wo wir von Occupy ausgehen und diese Bewegung vollkommen positiv aufnehmen. Genau wie Du glauben auch wir, daß das Entscheidende die Selbstbefreiung der Einzelnen ist, und auch der Ausdruck „dunkle Zeit“ ist dem nahe, worüber wir schreiben.

Aber ich bitte Dich nun auch, meinen Text nicht projektiv zu lesen, sondern so, wie er da geschrieben steht. Ich habe angefangen: Der Ruf ... ist verständlich. Es klingt plausibel. Aaaaber ...! Der Ruf, das heißt die Frage. Als Frage, ob es nicht so und so sei, verstehe ich es gut. Ich halte es nicht für plausibel, aber es klingt plausibel. Nun folgt das Aber: Ich erkenne die Frage als Frage an, verneine sie aber.

Daß „Gewalt wirksam sein kann, wenn es eine Massenbasis gibt“, ist eine unbestreitbare Tatsache, die ich daher auch hinschreiben darf, ohne daß es Kritik verdient. Damit ist aber nicht gesagt, daß ich diese Art Wirksamkeit befürworte, im Gegenteil, mein ganzer Artikel weist sie zurück, und auch an dieser Stelle selber sage ich ausdrücklich, dieser Weg, für den ich die Bolschewiki als Beispiel anführe, könne kein Vorbild sein.

Die einzige wirkliche Differenz zwischen uns ist, daß ich im Unterschied zu Dir allerdings glaube, daß „der zündende Gedanke“ noch fehlt. „Wir sind die 99 Prozent“ ist eine gute Losung, aber nur als Absichtserklärung. Wir „sind“ die 99 Prozent erst, wenn die 99 Prozent selber auch bekunden, und nicht nur wir stellvertretend für sie, daß sie sich diesem Wir zurechnen. D.h. wenn sie, oder große Teile von ihnen, in Bewegung geraten. Sie werden das aber ohne „zündenden Gedanken“ nicht tun, das heißt ohne eine Vorstellung, wie es anders sein könnte. Wenn es wiederum, wie Du meinst, nur der Zusammensicht oder Zusammenfügung bereits vorliegender Ansätze bedarf, damit so eine Vorstellung entsteht, dann fände ich es hifreich, wenn Du dieses Zusammen einmal artikulieren, oder falls Du oder jemand anders es schon getan ha(s)t, auf den Ort hinweisen würdest, wo man es nachlesen kann.