Michael Jäger
11.01.2013 | 09:00 82

Eine Neue für Romeo

Machtkampf Glaubt man der amerikanischen Autorin Hanna Rosin, dann naht das Ende der Männer. Aber stimmt die These?

Wenn in letzter Zeit von der Wirtschaft der Vereinigten Staaten die Rede war, dann ging es meist um ihren Niedergang. Das ist nicht erst seit der hausgemachten Immobilienkrise der Fall. Aber jetzt, so scheint es, sind die USA wieder die Avantgarde: Frauen übernehmen die Macht! Die Wirtschaft wird weiblich!

Mit dieser These wartet Hanna Rosin auf, eine amerikanische Journalistin. Ihr soeben erschienenes Buch trägt den Titel Das Ende der Männer. Ist es wirklich so weit gekommen – wenn nicht hierzulande, dann wenigstens dort? Und wenn die USA zum Matriarchat werden, zeigt uns das unsere eigene Zukunft?

Aber Vorsicht: Es ist möglich, dass solche Fragen diesseits und jenseits des Atlantiks nicht ganz dasselbe bedeuten.

Picken wir also einen Aspekt, nämlich den der Partnerschaft, heraus, und vergleichen, wie Hanna Rosin und Hartmut Rosa, der in Jena lehrende Soziologe, ihn jeweils behandeln. Während Rosa kritisch erörtert, wie sich die ökonomischen Entwicklungen immer mehr beschleunigen, und es als Schaden wertet, dass daraus für viele Männer und Frauen eine Nötigung zur bloßen Lebensabschnittspartnerschaft entspringt, erscheint dieselbe Beziehungsform bei Rosin als „moderne“ Tatsache, der man sich anpasst. Sie zu bewerten wäre in ihrer Sicht absurd. Was sie herausstellt, ist ja gerade, dass Frauen mehr Macht erlangen, weil sie in Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft die Männer übertreffen. Bei Rosin bekommt selbst Romeo, der den Tod sucht, weil seine Beziehung zu Julia in die Brüche gegangen ist, von einer Elftklässlerin zu hören: „Was soll denn daran so schlimm sein? Such dir einfach eine andere.“

Worum geht es beim Thema „Frauenmacht“ und „Männermacht“? Um gleiches Recht für alle, hätte ich gedacht. Jeder und jede hat den Anspruch auf Chancengleichheit, und es soll nach Leistung entlohnt werden, unabhängig vom Geschlecht. Obwohl dieses Recht kollektiv gegen Kollektive durchgesetzt werden muss, gegen Männerbünde nämlich, die sich in Führungsetagen verschanzen, ist es doch ein Recht der Individuen, abgeleitet vom dem Grundsatz, dass „alle Menschen gleich geboren sind“.

Das ist nicht alles, denn zu fragen wäre auch nach dem Zusammenwirken der Geschlechter. Hannah Arendt beschreibt das Phänomen Macht als Effekt gelingender Assoziation von Individuen. Bedarf es neuer Formen des Zusammenlebens, um Frauen und Männer zu einer einzigen Macht zusammenzuschließen, oder entwickeln sich solche Formen ohnehin? Arendt dachte bei ihrer Machtdefinition insbesondere ans Zusammenleben der Menschen in den Vereinigten Staaten. Lang ist’s her!

Männliche Risikolust

Rosin versteht unter Macht etwas ganz anderes: die Kraft, andere niederzuringen. Im harten Konkurrenzkampf nicht „loser“ zu sein, sondern „winner“. Ausdrücke, die in den USA allgegenwärtig sind.

Ja, man kann „Frauenmacht“ und „Männermacht“ so verstehen: als Kraft zweier Kollektive, einander Arbeitsplätze wegzunehmen, wenn es nicht genug gibt. Dies wäre eine Art, Rosins Buch zu diskutieren: Hat sie recht mit der Behauptung, in den USA seien die Frauen gerade dabei, den Konkurrenzkampf zu gewinnen und „die moderne Wirtschaft“ in Eigenregie zu übernehmen? Ganz überzeugt bin ich nicht.

Gut, es bleiben dort fast nur noch soziale und Dienstleistungsberufe übrig, klassische Frauenberufe also. Männer sind häufig nicht bereit, in solchen Branchen Arbeit zu suchen. Aber findet deshalb ein Machtwechsel zugunsten der Frauen statt? Außerdem sind die USA in einem Bereich, der Informatik, noch immer sehr innovativ. Hier trifft Rosin fast nur Männer an.

Was die Führungsetagen angeht, behauptet sie selbst nicht, die Frauen hätten sich da schon durchgesetzt – das wäre auch zu absurd –, meint aber, der Prozess sei unaufhaltsam, weil „die moderne Wirtschaft“ mehr weibliche Vorsicht und weniger männliche Risikolust erfordere, wie sich ja in der Immobilienkrise gezeigt habe. Fraglos unterstellt die Autorin, dass Risikolust eine Folge von Männlichkeit sei; während man sie doch auch von systemischen Zwängen herleiten könnte. Sind wir risikobereit, weil wir es sein wollen? Oder müssen wir es sein, weil wir eine Konkurrenz schon vorfinden, die „nicht schläft“, wie man ja auch in Deutschland sagt?

In den USA ist Wettbewerbsorientierung etwas anderes als hier. Vor einem Vierteljahrhundert erschien Mit vereinten Kräften, das vieldiskutierte Buch des Pädagogen Alfie Kohn, das dem zugespitzten amerikanischen Konkurrenzverhalten nachgeht. Da Kohn sein Material von der Crème der Sozialwissenschaft seines Landes bezogen hatte, bestand kein Grund, seine Diagnose zu bezweifeln. Die Sozialwissenschaftler hatten festgestellt, dass sich Amerikaner, Erwachsene wie Kinder, viel konkurrenter als europäische Vergleichgruppen verhielten. In Kohns Buch aus dem Jahr 1986 gab es auch ein Kapitel über das weibliche Konkurrenzverhalten. Da lesen wir von all den „Workshops und Seminaren, Büchern und Artikeln“, die „die Frauen ermutigen, rückhaltlos zu konkurrieren“ – wenn auch noch nicht, dass es im Erfolgsfall zum „Ende der Männer“ kommt.

Der große Unterschied zwischen damals und heute liegt darin, dass Kohn in Europa wohlbekannte Sozialwissenschaftler aufführen kann – Karen Horney und Carl Rogers, Robert Bellah und Abraham Maslow, David Riesman und Margaret Mead, Paul Watzlawick und Amitai Etzoni –, die das Konkurrenzverhalten ausnahmslos kritisieren und ihm entgegenhalten, dass man ja auch kooperieren könnte.

Mead zum Beispiel blickt auf frühe Gesellschaften zurück, die sich auch ohne Konkurrenz sehr gut zu helfen wussten. In prähistorischen Kulturen konkurrierte man nicht um die Güter, sie wurden geteilt. Nun, solche ethnischen Untersuchungen gibt es auch heute, und sie werden von Hanna Rosin auch zitiert. Doch wie es scheint, werden sie nicht mehr angestellt, um Konkurrenz mit Kooperation zu vergleichen. Es geht um eine andere Frage: Wenn man patriarchale mit matrilinearen Stammeskulturen vergleicht, wo ist die Konkurrenzorientierung stärker? Im ersten Fall bei den Männern, im zweiten bei den Frauen, meldet Rosin erfreut.

Mut statt Anpassung

Da tun sich Abgründe auf, die der Spiegel nicht erfasste, als er vorige Woche mit Rosins Buch die Titelstory bestritt. Dort griff man im Grunde nur einen Aspekt auf: die Ehe berufstätiger Gattinnen mit Gatten, die den Hausmann geben. Halten solche Gatten das aus, war die Frage. Ja, warum sollen sie es nicht aushalten. Zumindest hat der Spiegel damit aber den Aspekt unterstrichen, der nicht nur auf Konkurrenz (der Gatte verlässt das Berufsleben, weil die Gattin dort erfolgreicher ist), sondern mehr noch auf Kooperation zielt. Bravo! Es passt auch zur hiesigen Debatte über die Herdprämie. Dass Frau Rosin empfiehlt, den Hausmann, wenn er faul ist, zu „feuern“, blendet der Spiegel allerdings lieber aus.

Aber geht es nur um die Ehe? Eine gemeinsame Macht von Frauen und Männern, genutzt zur Umwälzung einer wenig menschenfreundlichen „modernen Wirtschaft“, sollte doch auch in neuen Formen des Zusammenlebens erfahren und ausgeübt werden können. Nach ihnen zu fragen, würde den Horizont erweitern.

Und um es in der Sprache der Harry Potter-Romane zu sagen: Wir erkennen an, dass Hermine die Führung hat, weil sie sehr intelligent und ihr Freund Ron viel dümmer ist. Mutig statt angepasst sind beide – auf dieser Basis lieben sie sich.

Kommentare (82)

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2013 | 09:59

Naja, die Lesart des Autors ist ziemlich verkopft für ein augenscheinlich recht trivial und daher marktgängig geratenes Buch.

Die Autorin rudert inzwischen kilometerweit zurück:

"

ZEIT ONLINE: Immer wieder: das Matriarchat! Der alte feministische Traum. Sie beschreiben eine ganze Stadt, die von Frauen dominiert wird. Aber ist das nicht ein Ammenmärchen, bedeutet es nicht, dass Frauen ohne Hilfe von Männern einfach alles alleine machen müssen? Früher hielt man es für einen Albtraum, in dem afroamerikanische Unterschichtfrauen gefangen waren.

Rosin: Oh ja, ich finde es furchtbar, diese Ausdehnung des amerikanischen Matriarchats. Die Menschen möchten Liebe. Kinder brauchen mehrere Erwachsene. Es ist in jedem Fall besser für Frauen, wenn sie die Unterstützung eines Mannes haben, und auch für die Kinder ist es gut, wenn mehrere Erwachsene da sind.

ZEIT ONLINE: Sie leben so, oder?

Rosin: Ja. Meine Ehe und meine Arbeit und meine Möglichkeit, Kinder zu haben, beruhen auf mehreren Säulen. Erstens gibt eine Magazin-Kultur in Amerika, die nicht dem Tagesrhythmus der Zeitungen unterworfen ist, man muss nicht jeden Tag da sein, und verdient doch gut. Und zweitens haben mein Mann und ich ein flexibles Arrangement. Als ich in New Hampshire die Wahlberichterstattung machte, blieb er hier und schrieb ein Buch. Als ich dieses Buch schrieb, übernahm er viel mehr von der Kinderarbeit als sonst. Da ist ein Gefühl der Fluidität."

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-01/hanna-rosin-interview/komplettansicht

Lustig ist, daß der Mann die Kinderarbeit übernimmt. Ist die in den USA nicht auch verboten?

Helga 11.01.2013 | 16:06

Warum soviele Überlegungen.

Probiert es selber mit Familie zu leben und Ihr werdet eine Menge entdecken.

Zumindest diejenigen, die nicht irgendwo im Mittelpunkt stehen  brauchen.  Und nur die  sollten sich lieber im Arbeits-und Karierreleben anpassen, nie  politische Abenteuer kritisieren  und möglichst immer schick angezogen sein.

Und dann können die sich auch noch mindestens drei Geschlechter zulegen.

Das ist der neue Mensch...aber auch der ist Gott sei Dank auch sterblich

Magda 12.01.2013 | 17:33

Und mir wird auch gleich wieder übel, denn da wird über die Selbstbilder vom Mann als alleinigen Familienernährer geredet, die jetzt seit etwa 10 Jahren sich langsam ändern. Meine Güte, was ist das für ein unhistorisches, westdeutsch fixiertes

Bild. Und dazu noch Christoph Kucklick, der von allen Medien inzwischen hofiert wird, weil er die Abwertung des Mannes zum Thema einer Doktorarbeit gemacht hat und damit durch die Lande zieht. 

Mich hat mein ganzes Leben lang noch kein Mann ernährt, wir haben immer beide gearbeitet, wie es auch üblich war in einer anderen Welt. 

 

philmus 13.01.2013 | 15:40

"Westdeutsch fixiertes Bild" hin oder her, offensichtlich tun sich viele Männer damit schwer, ihre angestammte Rolle zu hinterfragen. z.B.  zu Hause bleiben und die starken Schultern zum Babys tragen verwenden. Da ist noch viel zu tun, wenn das für so viele so garnichtmal denkbar ist. Schade. Natürlich gibts da noch die andere Seite:

Frauen, die bereit sind, auch mal die alleinige Ernährer-Rolle zu übernehmen, gibts ja angeblich genug - auch wenn sie mir noch nicht begegnet sind. geht ja auch nur, wenn das Einkommen stimmt. da ist dann der Punkt, wo emanzipierte Männer ein Interesse haben sollten am feministischen Kampf um gleiche Bezahlung.

Leider fürchte ich, zur Zeit sind die Fronten ziemlich verhärtet: Maskulisten und Feminist(Inn)en arbeiten grad ziemlich einträchtig daran, alte Rollenzuschreibungen zu reproduzieren, der alte, edle Begriff "Emanzipation"  ist eher selten zu lesen.

 

Am schönsten wäre natürlich Teilzeit für Alle. Aber solang das irgendwie immer als Frauenthema kommuniziert wird, seh ich da wenig Chancen:  Wo sind denn die Männer, denen es aufstößt, daß sie entweder Karriere oder Kinder (von denen man auch was mitkriegt, meine ich) haben können? Es ist so peinlich.

Okay, daß die paar, die lieber Kinder haben, nicht an den Stellen sitzen, wo man vernehmlich ist (Redaktionen etc), ist eine Erklärung. Bißchen wenig für das schwache Bild, das männliche Beiträge zu der Problematik abgeben.

Für mich ist ganz klar, daß Männer ein Gefühl dafür kriegen müssen, wo ihnen das patriarchalische Rollenbild Nachteile bringt. Nicht finanzielle, aber was Teilhabe an den Freuden des Lebens angeht. Auch wenn ihnen von feministischer und maskulistischer Seite das Gegenteil eingeredet wird. Das männliche Interesse an Emanzipation kann geweckt werden, zumindest sehe ich das als Aufgabe zur Zeit.

philmus 13.01.2013 | 15:46

Das ist auch so eine Festlegung im Denken, die zweierlei Folgen hat:

1. Wird von Frauen eigentlich erwartet, sich zwischen Frau-Sein oder Erfolg zu entscheiden.

2. Wird der Erfolg der Emanzipationsbemühungen von irgendeinem grundsätzlichen Systemwechsel abhängig gemacht.

 

und 3. verstärkt dieser Mythos bei den Frauen das Gefühl, qua Geschlecht am Zustand der Welt unschuldig zu sein. Vielleicht in Teilen realistisch, fürs Selbstbild bequem, aber fürs Interesse am Hinterfragen alter Rollen fatal: warum sollte ich was ändern, wenn ich qua Geschlecht zu den Guten gehöre?

Sich einmischen heißt die Unschuld verlieren.

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Ehemaliger Nutzer 13.01.2013 | 16:31

An und für sich alles richtig, was du schreibst. Der westdeutsch fixierte Blickwinkel unterschlägt ostdeutsche Frauenselbstbilder oder stülpt diesen sein Deutungsmuster über.

Allerdings vernahm ich auch Klagen darüber, daß die ostdeutschen Männer auch eine eher lässige Einstellung zu häuslich - familiären Tätigkeiten hatten und diese ganz gern ihren Partnerinnen bzw. den Müttern ihrer Kinder überliessen.

Ne Studie dazu gibt es glaube ich auch irgendwo, aber da dürftest Du die Expertin sein.

Ich denke aber, man kann diese Frauenbilder bzw. weibl. Geschlechtsrollen in konträren Systemen sowieso nicht vergleichen, das fängt bei den Chancen in der Schule und Berufswahl an, führt über die Kinderbetreuung bis hin zur partnerschaftlichen inkl. sexueller Selbstbestimmung u.a.m.

Zurück geblieben ist davon in Ost - D nur die bessere Versorgung mit KiTas und die "vererbte" Selbstverständlichkeit weiblicher Vollerwerbstätigkeit. Das Modell lässt sich aber nicht ohne Weiteres auf westdeutsche Verhältnisse übertragen, schon gar nicht im Südwesten oder in eher ländlichen Regionen.

Auf der anderen Seite erinnere ich mich auch an die fortgesetzte Abqualifizierung und Relativierung westdeutscher durch die formal emanzipierteren ostdeutschen Frauen - was deren Kämpfe und Errungenschaften wider eine zuweilen sehr restaurative Familien - und Frauenpolitik in der alten BRD betrifft.

Als Mann habe ich beide Varianten nur aus zweiter Hand kennengelernt, sehe aber nicht wohin - abgesehen von der historischen Aufarbeitung - eine Gegenüberstellung führen sollte -  in Bezug auf das Verhältnis zu Männern "hüben wie drüben".

Das Einzige, was mich dabei als Mann betrifft, sind die immer noch recht unterschiedlichen Attraktivitätsraster in Ost und West auf weiblicher Seite. Die männlichen scheinen mir da wie dort sehr ähnlich und unverändert.

Es hat sich viel auf weiblicher Seite getan, aber das ist auf männlicher Seite nicht wirklich angekommen, fürchte ich.
Naja und die Abwertung von Männern durch Männer ist auch nichts Neues, jedenfalls nicht im Westen...

Gruß

Magda 13.01.2013 | 17:28

es kommt bei solchen Gegenüberstellungen auch immer drauf an, welche Generation verglichen wird. Es gab nach der Wende massenweise Paare, bei denen entweder der Mann oder sehr oft auch die Frau alleinige Ernährer waren, weil es viele Entlassungen gab. Es gab bei den Männern kein so verfestigtes Männerbild, die "drehten nicht so auf". Das änderte sich wohl bald.

"Für mich ist ganz klar, daß Männer ein Gefühl dafür kriegen müssen, wo ihnen das patriarchalische Rollenbild Nachteile bringt."

Das wäre gut, denn Männer sagen ja selbst, dass die meiste Gewalt unter Männern stattfindet.

Magda 13.01.2013 | 17:29

Woher stammt bloß der Mythos, dass Frauen das Gefühl haben, am Zustand der Welt unschuldig zu sein. Es gab unter HistorikerInnen - schon vor Jahr und Tag - ausladende Diskurse über Frauen als Täterinnen in der NS-Zeit. Das ist eher ein Männermythos über einen gar nicht so evidenten Frauenmythos. Ich habe noch nirgendwo gehört, dass Frauen sich als das "bessere" Geschlecht verstehen, aber die männliche-patriarchale Gesellschaft in der Tat für eine Ordnung, die Männern den meisten Schaden macht. s.o. auch bei Philmus.

Magda 13.01.2013 | 17:32

Da gibts bestimmt Untersuchungen, aber ich müsste - von vorne recherchieren . Parat habe ich da immer nur mein eigenes - zugegeben generationsentsprechendes - Erinnerungsbild. Die Frauen waren einfach sicher, dass sie arbeiten gehen werden. Es gab ganz wenige Ausnahmen. Das hat sie belastet manchmal, aber auch gestärkt. Stimmt, dass Männer nicht so rasend fleißig waren im Haushalt, nicht alle. Es gab ja auch massenweise Scheidungen. Trotzdem war ihr Verhältnis zu den Männern nicht so rasend krampfig. Das war - mir erinnerlich - wechselseitig so.
Beruflich war ihr Aufstieg auch begrenzt.

"Auf der anderen Seite erinnere ich mich auch an die fortgesetzte Abqualifizierung und Relativierung westdeutscher durch die formal emanzipierteren ostdeutschen Frauen - was deren Kämpfe und Errungenschaften wider eine zuweilen sehr restaurative Familien - und Frauenpolitik in der alten BRD betrifft."

Also ich erinnere mich nach den Wendejahren an Westfrauen, die uns aber ziemlich bevormundeten und die Welt erklärten. Das war streckenweise ja auch interessant, aber sie waren anstrengend, die Frauen.. Die Westfrauen haben aber auch nie "die Männer" angeklagt, sondern patrarchale Strukturen. Von daher kann ich das Gejammer der Männer, sie würden ständig abgewertet gar nicht verstehen.

"Naja und die Abwertung von Männern durch Männer ist auch nichts Neues, jedenfalls nicht im Westen..."

Da haben wir als Beispiel gerade die Broder-Augstein-Debatte. Wobei auch Frauen das gut können, aber so eine Gangart ist selten.

Magda 13.01.2013 | 17:33

Huch, ich habe hier versucht, auf die Schnelle zu antworten. Oberflächlichkeiten bitte ich vorerst nachzusehen. Wenn ichs schaffe, mache ich dazu nochmal was. Aber, wie gesagt, es ist mir dann immer, als hätten andere, wissenschaftlichere und kompetentere Frauen dazu schon so viel gesagt und geschrieben. Muss ich mal auskramen, wenn es Diskussionsstoff bringt. 

 

philmus 13.01.2013 | 17:52

"Die Westfrauen haben aber auch nie "die Männer" angeklagt, sondern patrarchale Strukturen"

Das ist nicht wahr. (Oder Sie nehmen nur die intellektuellste Spitze wahr.)

Bzw als wäre das immer so einfach zu trennen. Erstmal haben sie ihre eigenen Nachteile in patriarchalen Strukturen thematisiert, naheliegend. Und daß Männer sich zum großen Teil der Auseinandersetzung verweigert haben, macht es nicht leichter. Es wäre ja die Aufgabe der Männer, sich zu einem post-patriarchalen Selbstbild zu bekennen, und da sind (bis jetzt eher nur) die Keime vorhanden.

Insofern sind natürlich "die Männer" angeklagt worden und mußten sich, solange sie sich mit den alten Strukturen identifiziert haben, auch "abgewertet" fühlen. Natürlich nicht immer zu Recht.

 

 

THX1138 13.01.2013 | 17:54

Neulich, auf dieser Welt in weiter Ferne, einer anderen Kultur also: Nur noch Frauen auf Baustellen von 60-stöckige Wolkenkratzern, die in Schwindel erregenden Höhen Badewannen montieren, Warmwasser- und Stromleitungen in die Wände einziehen, Metallarmierungen legen und Betonwände hoch ziehen, Matrosinnen on Board von Containerschiffen und 360'000+ BRT grossen Supertankern, Lastwagenfahrerinnen zuhauf, Ölbohrplattformen mit Frauen, die Knie tief im Bohrschlamm stecken, Ingenieurinnen, die Lastwagen, Schiffe, Flugzeuge, Brücken, Tunnels, Sateliten, Raketen und alternative Energiegewinnungsformen entwickeln, IT-Spezialistinnen, die weit über das neue IPv6-Protokoll hinaus denken, Frauen in tiefen Strassengraben, die Abwasserleitungen verlegen, Frauen bei der Müllabfuhr, Frauen, die sofort kommen, wenn das Türschloss kaputt- oder der Schlüssel verloren gegangen ist und man, ach was: frau nicht mehr ins beheizte Wohnzimmer kommt... Richtig, wir Männer sind am Ende: Gut, dass uns das endlich mal jemand sagt!

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Ehemaliger Nutzer 13.01.2013 | 18:22

Huch magda! ich fand auf die Schnelle erfrischen, am Ende verstehst du sicher warum...

Das Stichwort Generation ist in diesem Fall ein gutes:

mich haben als West-Jugendlicher die jungen Frauen in der damaligen DDR der 70er fasziniert, eben wegen dem was Du unverkrampft nennst und solange sie nicht wussten, daß ich ein Wessi bin (ich wirkte nicht so, weil im Westen quasi ostdeutsch familialisiert-sozialisiert) auch offen für Gespräche usw.
;-)
Dabei hatte ich das Glück schon durch meine republikflüchtige Mutter darauf vorbereitet zu sein, daß „die DDR-Mädels“ völlig anders als die im Westen drauf waren, andere Pläne schmiedeten und die Jungs anders behandelten bzw. mit diesen flirteten – was häufig viel direkter und selbstbewusster ausfiel – nun ja, ich muß gestehen, daß ich zwar nicht wirklich schüchtern war, aber anfangs so meine Probleme hatte damit und den diversen Verlegenheiten in die ich dadurch geriet umzugehen...
;-)
Naja, die Rückseite davon war natürlich die Grenze bzw. Mauer im Kopf. Das war während dieser alljährlichen Verwandtschaftsbesuche – 2-3 Wochen – keine leichte Nummer manchmal, mann blieb ja trotz auftretender Anziehungskräfte zwangsläufig auf Distanz zu weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen, was die in Unkenntnis meiner West-Herkunft nicht selten zum Anlass nahmen sich über meine „Stoffeligkeit“ im Umgang köstlich zu amüsieren.
;-)
Jedenfalls gefiel mir diese andere Art des Auftretens im Geschlechterverhältnis und wurde für mich zum Auswahlkriterium – im Westen...
Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, hatten es aufgrunddessen die West-Frauen nicht eben leicht mit mir...
Tatsächlich war die Welterklärung gerade bei den abiturierten und studierten West-Frauen schon vor der Grenzöffnung kein Phänomen, daß auf den Bezug zu Ostfrauen beschränkt war – die Belehrungen, als „Aufklärung über das Patriarchat“ verpackt, verwandelten Partnerschaften in „Beziehungskisten“ und die Problematisierung „des Mannes an sich“, speziell des eigenen Partners wurde für nicht wenige zum Steckenpferd. Gebracht hat es wenig, aber das war schon vorher klar.
Anstrengend allemal das.

Was die Abwertung von Männern durch Männer betrifft, so waren damit die sich mit der weiblichen Akademisierung ins Intellektuelle verschiebenden Hahnenkämpfe, insbesondere in der West-Linken sehr beliebt, gemeint. Herrjeh, das haben viele West-Frauen damals gar nicht begriffen, daß die Endlos-Schwurbeleien der Männer sich gar nicht gegen sie richteten, sondern ein Imponiergehabe zur präventiven Abwehr von Mitbewerbern war – die Kerle wollten einfach mit ihrer Eloquenz und Belesenheit punkten, weil sie fälschlicherweise annahmen, daß die attraktive Studentin hinten links auf sowas steht. War aber auch´ne schöne Zeit, denn ich stand meistens hinten links...

Letzter Punkt:

meinst du der Broder wertet den Augstein ab? Na, da habe ich meine Zweifel, denn die Wirkung scheint mir eher, daß er ihn unabsichtlich aufwertet und reichlich Beachtung verschafft hat.
Ich gucke mal nach dem Stand der Diskussion. Evtl. bis nachher.

THX1138 13.01.2013 | 20:11

Machen wir uns nichts vor: Dieses Buch ist ein kommerziell konzipiertes Fragment, dass auf hauptsächlich medialen Radau ausgelegt ist. Rosin schreibt für the Atlantic, wahrhaft eine Referenz, erschien doch vor gut drei Jahren ein Artikel mit genau dem gleichen Titel wie das vorliegende Buch- geschrieben von derselben Autorin, notabene: Wie Phantasielos, ein bereits bestehendes Denkkonzept kommerziell noch zusätzlich zu erweitern, weil erwähnter Artikel damals um die Welt ging und einen Sturm der Entrüstung in Männerkreisen ausgelöst hat.

Dieses Buch ist von einer Medienschaffenden für die Medien geschrieben worden- und nicht für Emma- und Otto-Normalverbraucher, die einem schlecht bezahlten Dienstleistungsjob nachgehen und gar nicht anders können, als ihr Kind in eine Kita zu geben, weil ein Einkommen alleine nicht ausreicht, um alle Rechnungen bezahlen- und die Familie ernähren zu können. Dieses Buch ist eine akademische Nabelschau, reflektiert sie doch ausschliesslich das akademisch gebildete Milieu in den Vereinigten Staaten von America. Und ja: Dieses Buch ist dem 1%-Feminismus geschuldet, einem zum Eliteprojekt verkommenen Teil der Frauenbewegung, der vor lauter Bäumen nur noch DAX 30-Vorstände und Frauenquoten in einer offenbar immer noch von Männern dominierten Welt sieht.

Dieses Buch wird, völlig los gelöst von der Alltagsrealität von mindestens 90 Prozent aller Menschen, sicherlich zu einem Phänomen führen, dass weithin als Mediendiskurs bekannt ist, einem Diskurs also, der hauptsächlich von Medienschaffenden geführt wird. Und das in einer Zeit, in der sich die Branche in einer historischen Krise befindet- ein schlechtes Omen, sowohl aus intellektueller Sicht als auch aus Sicht einem möglichen Erkenntnisgewinns, der aus der Lektüre dieses Buches gezogen werden könnte: Wir sind, sofern politisch wenigstens einigermassen geerdet, weit entfernt von einem Ende der Männer. Doch, wie gesagt: Hier handelt es sich um einen Mediendiskurs. Und wie es um diese ganz spezielle Art von Diskursführung im Zeitalter explodierender Daten- und Informationsmengen bestellt ist, hat vor Jahren einmal der von mir immer noch hoch verehrte Medienwissenschaftler Neil Postman (1931- 2003) ausgeführt:

"(...) Wir beschäftigen uns mit Bruchstücken von Ereignissen aus aller Welt, weil wir über eine Vielzahl von Medien verfügen, die sich ihrer Form nach zum Austausch bruchstückhafter Botschaften eignen.

Während die Menschen früher nach Informationen suchten, um den realen Kontext ihres Daseins zu erhellen, müssen sie jetzt Kontexte erfinden, in denen sich sonst nutzlose Informationen scheinbar nutzenbringend gebrauchen lassen.

Ich gehe so weit, zu behaupten, dass dem surrealistischen Rahmen der Fernsehnachrichten [Medien] eine Theorie der Anti-Kommunikation zugrunde liegt, die einen Diskurstypus propagiert, der Logik, Vernunft, Folgerichtigkeit und Wiederspruchslosigkeit preisgegeben hat. In der Ästhetik bezeichnet man diese Erscheinung zumeist als Dadaismus, in der Philosphie als Nihilismus, in der Psychiatrie als Schizophrenie. Die Theatersprache kennt sie unter dem Namen Varietė."

 

 

Martin Gebauer 13.01.2013 | 20:52

«Frauen heiraten nach oben, weil sie es sich leisten können.
Männer heiraten nach unten, weil sie sonst Single blieben.» - Eva Illouz

Die ein Kind Politik und das abtreiben weiblicher Föten führt letztlich dazu, dass Frauen aus China und Vietnam sich immer weniger mit Männern aus armen und bäuerlichen Familien zufrieden geben. Sie suchen sich stattdessen einen Mann aus der städtischen Mittelklasse. MEHR

Der Männerüberschuss in den ärmeren Regionen der Erde, aus denen dank westlicher Entwicklungshilfe auch Mädchen eine Schule besuchen konnten und dadurch später in die Großstätte abwandern, hat auch noch einen sehr tragischen Effekt der wenig beachtet wird.

Wenn man etwas nachforscht, so ist zu erkennen, dass der Krieg im Nahen Osten, aus den vernachlässigten ländlichen Gebieten in die Städte getragen wurde. Verarmte zum Teil altertümlich stark religiöse ausgerichtete ledige Männer, rufen den Arabischen Frühling aus. Anfänglich unterstützt von den höheren Töchtern der Mittelschicht. Doch, je mehr, das Archaische, die Städte überschwemmt, merken die Unterstützerinnen, dass es so, nicht gedacht war. Die jungen gebildeten Frauen die ihren Platz in zunehmend säkularer Gesellschaft suchten und in Positionen drängten die ausschließlich den Männern vorbehalten waren, müssen jetzt Mitansehen, dass genau das Gegenteil eintritt. 

Johannes Renault 13.01.2013 | 22:00

Das Ende der Männer. Battlefront 2142.

Die Oberkommandantin der Frauenabteilung aus Bonnis-Ranch gibt bekannt:

Das zeitliche Einpendeln der Menstruationszeiten auf grosse Gruppen im Amazonen-Staat führt zu zusätzlichen Spannungen in der Gesellschaft.

Die Masse teilt sich dadurch in zunehmendenmaße in drei Teile, welche Schwerpunktmässig zu unterschiedlichen Terminen menstruiert. Die grösste Gruppe, welche vom Mond abhängig, den "natürlichsten" Zeitpunkt der Monatsblutung für sich proklamiert, stellt auch die meisten "Hohepriesterinnen" in der Regierung.

Immer, und bei allen drei Gruppen, finden die ihnen spezifischen Menstruationsbeschwerden zu den ihrer "Kaste" anhänglichen Zeiten statt. Die damit einhergehenden Stimmungsschwankungen belasten den Ablauf der Staatsgeschäfte.

Bestimmte Menschenkuh- u. Säugetiereigenen Paarungserscheinungen, genetisch, laufen ins leere, bzw. werden unterdrückt.

Wissenschftlerinnen raten dazu, in der zeit des Eisprungs, in der der Trieb natürlicherweise am grössten ist, auf einsamen Lichtungen im Wald, das Gesäss mittels Hohlkreuz-Technik herauszustellen um zumindest der alten "mit-den-Fingern-durch-das-eigene-Haar-fahren-Symbolik" auf "althergebrachte weise" rechnung zu tragen. 

Patriachlische Horden aus dem Süden und Osten werden später die danieder liegende Amazonen-Gebietskörperschaft überrennen.

Mord, Raub, Vergewaltigung und Versklavung werden den Staat in die Geschichte der Mythen jagen. Kurzfristige heranzüchtung wehrhafter Männchen wird nicht von Erfolg gekrönt sein. Fehlende Verschriftung der Kultur und die Venichtung der limitierten Buch u. Kodex-Bestände tragen zum geistigen Untergang bei.

Nur ich, der heimlich in den inneren Gemächern der "Hohen Priesterinnen" verweilte, werde eine schöne Zeit gehabt haben. Manchmal etwas schwer zu ertragen, aber was solls.

Michael Jäger 14.01.2013 | 00:48

So kann ich das nicht sehen. Ein Buch nur von Medien für Medien? Oben hat das ja auch schon jemand hingeschrieben. Zunächst einmal: Das ist eine Wahrheit, die für alles gilt, was in der Zeitung steht, die also nicht spezifisch für Rosin ist, uns in der Sache Rosin nicht voranbringt. Ja, Medienleute informieren sich in Medien; aus diesem - Fragestellungen mit auf den Weg gebenden – Rahmen heraus wird dann auch die Wirklichkeit beobachtet und in ihr recherchiert. Schon die Wortwahl ist hier schwierig, denn was ist wirklich, was nicht? Luhmann schreibt irgendwo, die Medien definieren, was die Wirklichkeit ist...

Rosin hat in ihrem Buch ganz schön viel recherchiert. Es stimmt auch nicht, daß sie nur auf die Akademiker-Welt blickt. Der Punkt ist aber tatsächlich, daß sie durch die Mitteilung ihrer Sichtweise, von Gesprächen und Statistiken die Wirklichkeit zu definieren versucht. Und da der Spiegel, die Zeit, das Kulturradio usf. sich dranhängen, muß man dem Definitionsversuch eine gewisse Macht zuschreiben. Das heißt, er könnte Erfolg haben. Das ist genauso, als wenn einer schreibt „die Türken sind unser Unglück“ und es kommt mit medialer Unterstützung auf die Bestsellerlisten. Was bringt es da zu sagen, Rosin habe für die Medien geschrieben? Die Medien werden doch dann gelesen, und dann lassen sich Emma- und Ottonormalverbraucher tatsächlich massenhaft herbei, Rosins Buch zu kaufen. Auf Verständnisbarrieren wird es nicht stoßen, da es in einer Art Micky Maus-Sprache geschrieben ist. Und was lesen die Leute dann? Welchem Beeinflussungsversuch sind sie ausgesetzt? Wenn ich sehe, was im Spiegel davon rübergekommen ist, denke ich, sie sind auf das, was sie erwartet, gar nicht vorbereitet – und lesen also entsprechend wehrlos -, nämlich auf diese Unterjublung eines brutalo-konkurrenten american way of life, als deren Sprecherin aufzutreten Rosin keine Hemmungen hat. Ich will morgen mal ein paar Zitate bringen, damit man sich eine Vorstellung machen kann.

Es stimmt leider nicht, daß das, wovon sie schreibt, „völlig losgelöst von der Alltagsrealität von mindestens 90 Prozent aller Menschen ist“. Vielmehr schreibt sie über Konkurrenz, deren Realität unbestreitbar und überall bekannt ist, und lotet eine mögliche Steigerung konkurrenten Verhaltens aus – in den USA Realität, wäre es in Deutschland, ja in Europa eine Steigerung -, zu der es tatsächlich kommen könnte, besonders wenn die Propagandamaschine läuft und man ihr nicht ins Wort fällt.

MopperKopp 14.01.2013 | 11:09

Es ist auch ein produktiver Gedanke. In Holland gibt es ein Dort für Demenz-Kranke, die dort in einem für sie sehr offenen Umfeld leben. Man geht auf die betroffenen Menschen zu und bietet ihnen ein Umfeld, welches sie bewältigen können. Ähnliches kenne ich aus Gesprächen mit älteren Menschen bezüglich Text. Abstrakter langer Text kann kaum noch bewältigt werden, während bildhafte Sprache den gleichen Sachverhalt transportiert. Über ein mangelndes anspruchvolles Angebot sind viele ältere Personen sehr traurig, da sie gerne weiterhin neue geistige Gebiete durchwandern würden. Eine Aufgabe, von der beide Seiten profitieren, meiner Meinung nach.

THX1138 14.01.2013 | 13:07

Ob und wie mediale Diskurse auf die Lebenswirklichkeit übergreifen, darüber kann gestritten werden, sicherlich. Ob sie einen nachhaltigen Effekt auf das Zusammenleben von mehr als 90 Prozent aller Menschen haben, daran wage ich zu zweifeln. Das kompetitive Element ist ein typisch angelsächsiches Phänomen. Wenn aus einem Wirtschaftssystem letztendlich nur noch so etwas wie ein 'alle gegen alle' (Leviathan) übrig bleibt, dann haben das einzelne Individuum- und damit die ganze Gesellschaft- ingesamt verloren: Dann wird es für alle eiskalt, item. Letztendlich spricht Rosin ja das Zusammenleben von Mann und Frau an und verweist auf mögliche Lebensformen der Zukunft. Das Zusammenleben der Individuuen hat sich, ueber die Zeit betrachtet, in den immer gleichen Konstellationen abgespielt: Mutter, Vater, Kind, organisiert in Sippe oder Familie, ob bei den Pfahlbauern oder in der postindustriellen Gesellschaft: Die Organisationsstrukturen bleiben immer die gleichen, daran wird auch das ganze intellektulle Blabla nichts aendern. Dass Männer im privaten Raum (in der Reproduktionssphäre) nahezu entrechtet wurden, haben sie sich selbst und ihrem verkehrten Rollenverständnis zu zu schreiben: Sie haben es zugelassen, nun sollen sie auch die Konsequenzen tragen. Ob sich Macht lediglich aus Sicht der Reporoduktionssphäre definieren lässt, muss ich nicht einmal hinterfragen: Ganz klar nein, s. meine oberen Kommentare. Insofern ist die leidige Machtfrage also noch mehr als offen. Dass Frau Rosin das mit Teil 2 ihres fahlen Denkkonzeptes anders sieht, damit kann ich gut leben, sowohl als Mann als auch Mensch.

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2013 | 13:37

Ich würde hier das Marketing vom Buch bzw. dessen Inhalten unterscheiden wollen. Das Marketing ist auf Markt – bzw. Mediengängigkeit zugeschnitten und wenn Sie schreiben, daß sie in einer Art „Micky-Maus“ Sprache schreibt bzw. argumentiert, dann sind die Inhalte auf ein breites – vermutlich überwiegend weiblich – mittelschichtsorientiertes – Publikum zugeschnitten.
Wen interessiert das Konkurrenzverhalten unter aufstrebenden Frauen? Zuallererst diesen Typus Frauen und evtl. noch deren Partner soweit vorhanden und an deren Fortkommen interessiert.

Mir scheint das Buch ist durchaus zeitgemäß und symptomatisch für eine Entwicklung an der die Autorin nicht nur beteiligt ist, sondern daran auch maßgeblich mitwirkt bzw. mitzuwirken sucht, die in der BRD aber noch nicht so ausgeprägt und deshalb schwerer freizulegen ist.
Feststellbar ist hierzulande, daß das Zusammenwirken von weiblicher Bildungsexpansion und – geschlechterpolitisch beförderten - strukturellem Wandel dazu geführt hat, daß sich eine Vielzahl ambitionierter Frauen nicht nur formal emanzipieren sondern auch etablieren konnten.
Diesen wird von Seiten der Medien und im Genderdiskurs bis runter zu den Frauen – und Boulevardmagazinen und Fernsehserien eine Vorbildposition zugeschrieben, die insbesondere in der Debatte um Vereinbarkeit von Familie und Beruf – wobei Vereinbarkeit durchweg weiblich konnotiert ist – zum Tragen kommt.
Rosin ist in persona jener Typus einer erfolgreichen und anerkannten Frau und Mutter, die zudem zusammen mit dem Vater ihrer Kinder als ihrem Mann in einem vergleichsweise zeitlich privilegierten Partnerschaftsarrangement lebt und arbeitet – womit sie die Verwirklichung des erneuerten american dream or way of life repräsentiert – der somit als, natürlich nur bei energischer Anstrengung und erfolgreichem Konkurrenzverhalten, für jede sich befleißigende Frau und Mutter erreich – und realisierbar erscheint.
Abgesehen davon, daß darin ein altamerikanischer puritanischer Arbeits – und Leistungsethos wiederbelebt wird, verweist dies auch auf die Herausbildung einer weiblichen Elite, deren Ausgangspunkt durchaus in der Akademisierung der Debatte und Berufsbilder – insbesondere der im Medien, Bildungs – und Dienstleistungssektor (als von gebildeten Frauen der sog. Westlichen Welt favorisierte Branchen) – zu finden ist.
In der Zusammenfassung kann man feststellen, daß es besonders die Frauen waren, die von Haus aus beste Chancen hatten den strukturellen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft für sich zu nutzen, d.h. die die aus akademisch vorgebildeten bzw. bildungsprivilegierten Schichten kamen.
Am unteren Ende der (vom weiblichen Aufstieg durch Bildung und der in diesem Zusammenhang berechtigterweise erstrittenen und so erweiterten gesellschaftspolitischen und soziokulturellen Teilhabe geprägten) sich in diesem Prozess zwangsläufig ausbildenden gleichgeschlechtlichen Hierarchie steht der Typus der prekären akademisch gebildeten, möglichst bilingualen und dennoch unterprivilegierten Einwanderin, deren „Teilhabe“chance oft nur darin besteht sich im Haushalt der erfolgreichen Frauen zu verdingen, da sie ja auch sprachlich wie intellektuell mithalten kann und weiss, daß Frauen die es in die genannte Elite geschafft haben, darauf viel Wert legen (erst recht wenn die Angestellte auch mit dem Nachwuchs betraut werden soll).
In diesem Leitbild von der modernen erfolgreichen Frau und Mutter ist folglich auch ein gelungenes Haushalts – und Familienmanagement enthalten, das sich praktisch weniger auf den Partner und Vater (der daran i.d.R. nur partizipiert) stützt, als vielmehr auf die Frauen, die weit unterhalb dessen agieren – nicht selten aber dem gleichen Aufstiegs – und Etablierungsideal anhängen, in dem sie aber nur eine untergeordnete Rolle spielen...
Da ich berufs – und familiär bedingt mit diesen zusehends elitärer werdenden Sphären vertraut bin, könnte ich hier einige Beispiele bringen, die die These untermauern, daß Rosins Buch durchaus ein reales Fundament hat, sich einreiht in die Phalanx der i.d.R. unkritisch herausgestellten Erfolgsgeschichten und Vorbilder, die auf einen postmateriellen Trend bei den weiblichen Leitbildern – und Motiven hinweisen, der sich nicht nur in den Medien abbildet, sondern sich zunehmend vor der eigenen Haustür „materialisiert“.
Daher nehme ich im Fazit an, daß das Buch nicht nur medial rezipiert und kritisiert wird, sondern gute Absatzchancen bis hin zum Bestseller hat.

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2013 | 15:02

Hallo thx1138,
sie schreiben bzgl. Partnerschaft und Familie:
„Die Organisationsstrukturen bleiben immer die gleichen, daran wird auch das ganze intellektulle Blabla nichts aendern. “

Da meine ich, irren Sie gewaltig – zumindest was die hochindustrialisierten Teile dieser Welt, insbesondere die BRD, betrifft.
Vor allem unterschätzen Sie, wie die weibliche Bildungsexpansion und zunehmende Erwerbsbeteiligung den Wandel der sozialen Strukturen – in die Partnerschaft und Familie notwendig eingebettet ist – forciert bzw. diese tiefgreifend verändert hat.
Es ist ja nicht so, daß hierzulande immer mehr Abiturientinnen und Akademikerinnen gibt die auf den Arbeitsmarkt strömen und sich ansonsten wie gehabt verpartnern, Kinder bekommen und sich im Kreis ihrer Freundinnen und anderer Mütter einrichten.
Das klappt schon deshalb nicht, weil zur Verlängerung weiblicher Bildungswege auch die Phase der beruflichen Etablierung hinzukommt und daher die Familiengründung im Vergleich zu früheren Zeiten um etliche Jahre hinausgeschoben wird.
Das patriarchale bzw. Gattenfamilien-Muster
schwängern, heiraten, an Heim und Herd binden
funktioniert nicht mehr und dieser Typ Familiengründung ist faktisch, nicht zuletzt durch medial verstärkte Diskurse, weithin abgewählt – d.h. ein Mann der solches anstrebt fällt inzwischen mehrheitlich aus den Attraktivitätsrastern von Frauen, deren Leitmotiv sich grundlegend verändert hat. Diese basieren a auf bezahlbaren Verhütungsmitteln mit denen Sie bestimmen kann, wann und von wem sie schwanger wird. Hinzu kommt b eine geschlechterpolitische Alphabetisierung von Frauen die im Bildungssystem inzwischen Standard ist und c können Frauen heute durch eigenes Einkommen der traditionellen Domestizierung ihrer Existenz wirksam entgegen treten und sich ggf. eine vom Partner unabhängige schaffen.
Dies konfligiert aber d damit, daß sich die lokalen sozialen Netzwerke von Frauen und Müttern durch deren außerhäusliche Erwerbstätigkeit tendenziell auflösen und der Vergröberung der Versorgungs-Maschen durch kostenpflichtige familiennahe/ergänzende Dienstleistungen – die wiederum mehrheitlich von Frauen und Müttern ausgeübt werden – entgegengewirkt wird.
In der Zusammenfassung ist dieser Prozess fortschreitender Akademisierung und Professionalisierung (insbesondere im Gesundheits, Pflege, Erziehungs – und Bildungssektor) nicht nur irreversibel, sondern breitet sich sowohl in der Horizontalen (Gesellschaft) wie in der Vertikalen (beruflichen Hierarchie) mit hoher Dynamik aus und wirkt von dort in Partnerschafts – und Familienmodelle zurück, die damit kaum Schritt halten können.
Der einzige Bremsklotz in dieser Entwicklung ist „der Mann“, weil dessen Bildungs – und Aufstiegschancen viel mehr als bei „der Frau“ von der sozialen Herkunft abhängen (siehe nationales Bildungspanel – Prof. Blossfeld) und er ungebrochen am Berufsleben als Lebensmittelpunkt festhält, während das Privat – bzw. Familienleben dem nachgeordnet wird und er so in das u.g. weibliche Sozial, Familien – und Zeitmanagement mehr oder weniger passiv eingeflochten wird. DAS ist bei näherer Betrachtung keine Abwertung männlicher bzw. väterlicher Existenzformen, es ist nur das folgerichtige Ergebnis einer Entwicklung von der diese regelrecht überrollt oder im Besten Falle nur überholt wurden.
Um ein Bild von W. Benjamin zu nehmen, der Mann von heute steht bzgl. Familie und Partnerschaft in einer Landschaft, in der nichts mehr so ist wie es früher mal war und er feststellen muß, dass seine Selbstwirksamkeit und soziale Einbindung nur noch eine Erinnerung zu sein scheint. Tja, die Zahl der im Verlaufe dessen von Männern verpassten Chancen aufzuzählen erspare ich mir und Ihnen besser...

THX1138 14.01.2013 | 15:27

Sippe oder Familie, daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Wobei Sippe auch als Familien externe Dienstleistung betrachtet werden kann- was zwar einer Ausweitung des Begriffs Sippe gleich kommt, aber angesichts der Modernisierung durchaus zulässig ist. Zudem: Ich glaube nicht an die Atomisierung der Gesellschaft, so wie sie von Rosin illustriert wird. Ich bin sehr stark mit dem asiatischen Raum verbunden. Das Kollektiv, wie auch immer geartet (Familie, Sippe, Clan, Staat, Firma, etc.) ist in dieser Weltregion dem einzelnen Individuum immer übergeordnet, was sich, wie wir im Westen langsam schmerzhaft feststellen müssen, immer mehr als Wettbewerbsvorteil heraus stellt, wohingegen sich unsere Hyperindividualisierung- und die damit verbundenen (sozialstaatlichen) Kosten aufgrund der demografischen Alterung und des wachsenden Drucks auf die Lohnstückkosten- immer mehr als ausgesprochener Nachteil herausstellt.

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2013 | 16:26

Hallo thx1138,
sie schreiben bzgl. Partnerschaft und Familie:
„Die Organisationsstrukturen bleiben immer die gleichen, daran wird auch das ganze intellektulle Blabla nichts aendern. “

Da meine ich, irren Sie gewaltig – zumindest was die hochindustrialisierten Teile dieser Welt, insbesondere die BRD, betrifft.
Vor allem unterschätzen Sie, wie die weibliche Bildungsexpansion und zunehmende Erwerbsbeteiligung den Wandel der sozialen Strukturen – in die Partnerschaft und Familie notwendig eingebettet ist – forciert bzw. diese tiefgreifend verändert hat.
Es ist ja nicht so, daß hierzulande immer mehr Abiturientinnen und Akademikerinnen gibt die auf den Arbeitsmarkt strömen und sich ansonsten wie gehabt verpartnern, Kinder bekommen und sich im Kreis ihrer Freundinnen und anderer Mütter einrichten.
Das klappt schon deshalb nicht, weil zur Verlängerung weiblicher Bildungswege auch die Phase der beruflichen Etablierung hinzukommt und daher die Familiengründung im Vergleich zu früheren Zeiten um etliche Jahre hinausgeschoben wird.
Das patriarchale bzw. Gattenfamilien-Muster
schwängern, heiraten, an Heim und Herd binden
funktioniert nicht mehr und dieser Typ Familiengründung ist faktisch, nicht zuletzt durch medial verstärkte Diskurse, weithin abgewählt – d.h. ein Mann der solches anstrebt fällt inzwischen mehrheitlich aus den Attraktivitätsrastern von Frauen, deren Leitmotiv sich grundlegend verändert hat. Diese basieren a auf bezahlbaren Verhütungsmitteln mit denen Sie bestimmen kann, wann und von wem sie schwanger wird. Hinzu kommt b eine geschlechterpolitische Alphabetisierung von Frauen die im Bildungssystem inzwischen Standard ist und c können Frauen heute durch eigenes Einkommen der traditionellen Domestizierung ihrer Existenz wirksam entgegen treten und sich ggf. eine vom Partner unabhängige schaffen.
Dies konfligiert aber d damit, daß sich die lokalen sozialen Netzwerke von Frauen und Müttern durch deren außerhäusliche Erwerbstätigkeit tendenziell auflösen und der Vergröberung der Versorgungs-Maschen durch kostenpflichtige familiennahe/ergänzende Dienstleistungen – die wiederum mehrheitlich von Frauen und Müttern ausgeübt werden – entgegengewirkt wird.
In der Zusammenfassung ist dieser Prozess fortschreitender Akademisierung und Professionalisierung (insbesondere im Gesundheits, Pflege, Erziehungs – und Bildungssektor) nicht nur irreversibel, sondern breitet sich sowohl in der Horizontalen (Gesellschaft) wie in der Vertikalen (beruflichen Hierarchie) mit hoher Dynamik aus und wirkt von dort in Partnerschafts – und Familienmodelle zurück, die damit kaum Schritt halten können.
Der einzige Bremsklotz in dieser Entwicklung ist „der Mann“, weil dessen Bildungs – und Aufstiegschancen viel mehr als bei „der Frau“ von der sozialen Herkunft abhängen (siehe nationales Bildungspanel – Prof. Blossfeld) und er ungebrochen am Berufsleben als Lebensmittelpunkt festhält, während das Privat – bzw. Familienleben dem nachgeordnet wird und er so in das u.g. weibliche Sozial, Familien – und Zeitmanagement mehr oder weniger passiv eingeflochten wird. DAS ist bei näherer Betrachtung keine Abwertung männlicher bzw. väterlicher Existenzformen, es ist nur das folgerichtige Ergebnis einer Entwicklung von der diese regelrecht überrollt oder im Besten Falle nur überholt wurden.
Um ein Bild von W. Benjamin zu nehmen, der Mann von heute steht bzgl. Familie und Partnerschaft in einer Landschaft, in der nichts mehr so ist wie es früher mal war und er feststellen muß, dass seine Selbstwirksamkeit und soziale Einbindung nur noch eine Erinnerung zu sein scheint. Tja, die Zahl der im Verlaufe dessen von Männern verpassten Chancen aufzuzählen erspare ich mir und Ihnen besser...

Hallo thx1138,

 

ich gehe mal den Indizien folgend davon aus, daß Sie sich auf meinen Beitrag beziehen – da wäre es nett gewesen, den Antwortbutton zu klicken, damit ich benachrichtigt werde.

Inhaltlich muß ich Ihner, ziemlich ökonomistisch daherkommenden, Sichtweise grundsätzlich widersprechen, da das Outsourcing familiärer Grundfunktionen nicht nur dem Ideal der bürgerlichen Gattenfamilie – mit der Hausherrin im Zentrum des Geschehens – widerspricht, sondern auch die scharfe Trennung von innerhäuslicher Privatheit und außerhäuslichem Gelderwerb diffundieren lässt.
Es ist eben in diesen postmodernen Familienkonstellation nicht so, daß da der koloniale und neokoloniale Lebensstil der großbürgerlichen Familie wieder aufersteht, denn in diesem waren die Hausangestellten in den häuslichen Rahmen verbindlich integriert und die ganze Sozioökonomie des Familiären beruhte auf Ererbten, Vermögen, Anlagen und privatwirtschaftlich Erwirtschafteten, sehr selten nur auf gutbezahlter angestellter Tätigkeit.
Letzteres ist das Fundament kleinbürgerlicher Familienkonstellationen, deren Ausbreitung heute durch das Modell der Doppelverdienerschaft befördert wird.
Dies ist die Zielgruppe von Frau Rosin und der ins gleiche Horn stoßenden „Emanzipations-Industrie“, die allerdings den neokolonialen Lebensstil als Inspirationsquelle hernimmt, ihn vom Domestizierungs-Geruch dieser Epoche befreit und einen zum individualistischen Lifestyle passenden Anstrich verleiht.
Faktisch aber hat sich der Charakter der familiennahen Dienstleistungen vom einstigen Privileg der Oberschichten zur Massenware für die aufstrebenden Mittelschichten und das begüterte Kleinbürgertum entwickelt, dessen substantielle Basis zusehends im Doppeleinkommen besteht, mit dem sich dann die kultivierten Abgrenzungen nach unten verfestigen lassen können.
Wenn Sie dem asiatischen Raum nahe stehen, wissen Sie, daß dieses Modell auch dort auf dem Vormarsch ist, natürlich unter den Vorzeichen eines anderen Kulturkreises.
Wir haben Freunde in Singapour, als dem Vorreiter dieser Entwicklung in der Region, welche die stetige Auflösung der Sippenstrukturen vollstreckt – auch indem die ein – und wanderarbeitenden DienstleisterInnen monatelang von den eigenen Familien, dem Clan, der Sippe entfernt tätig sind und dieser Arbeitsmarkt sich exponentiell ausbreitet.
Daher verstehe ich nicht, wie sie annehmen können, daß die ihnen vertrauten Strukturen auch weiterhin Bestand haben werden, da sie doch schon heute durch sozialstaatliche Eingriffe und familienpolitische Krücken für die unteren Schichten erhalten werden müssen.
Aber vielleicht ist dies nicht ihre Welt, sowenig wie es den ambitionierten und beruflich erfolgreichen Frauen und Müttern in den westlichen Staaten einfällt das allseits gepriesene family-management incl. Outsourcing kritisch zu hinterfragen.
Es ist nämlich so, daß mit der Herausbildung der neuen Eliten (siehe Beitrag von mir dazu) und der Ausbreitung der Doppelverdienerschaft in Partnerschaft und Familien die Zahl der ins Land geholten unterprivilegierten – und bezahlten Hausangestellten wächst und diese im Zuge der globalen Entwicklung des Phänomens somit zu MassenarbeiterInnen werden, siehe auch den Boom der Vermittlungsagenturen sowohl in der westlichen wie in der asiatischen Welt.
Und der Bedarf wächst, das ist im Zuge der sich ausbildenden neuen Mittel – und Oberschichten insbesondere in China und Indien schon heute absehbar.
Damit, d.h. mit zunehmender Unabhängigkeit der Einzelnen von Staat, Firma und Familienbanden, fällt auch über kurz oder lang die von der Wirtschaft gepriesene Unterwürfigkeit bzw. der „Tugend“ des vorauseilenden Gehorsams gegenüber dem immer abstrakter werdenden „Übergeordneten“.
Was allerdings einen Unterschied markieren wird, ist die über alle politischen Gegensätze hinweg ungebrochen zunehmende Popularität des Neokonfuzianismus, der die Einstellung vieler Menschen zu ihrer Arbeit und dem sozialen Miteinander prägt und sicher auch zu einem anderen Grundverständnis von Individualität und Gesellschaft beiträgt. Mithin hat das kulturelle und geistige Erbe im asiatischen Raum sicher mehr Gewicht im Alltag als im Westen.

Joachim Petrick 14.01.2013 | 17:23


Lieber Michael,

in früheren Stammeskulturen ging es selbstverständlich auch um Konkurrenz, nur eben nicht gegenüber Gütern, menschlichen Diensleistungen, sondern um die Gunst und Zuneigung von Göttern.

"Bei Rosin bekommt selbst Romeo, der den Tod sucht, weil seine Beziehung zu Julia in die Brüche gegangen ist, von einer Elftklässlerin zu hören: „Was soll denn daran so schlimm sein? Such dir einfach eine andere.“
Die Elftklässerin ist nur scheinbar patent unterwegs. Im Grunde unterwirft die sich dessen, was Romeo verweigert, nämlich den Tod Juias als nastürlich  gegeben anzunehmen und sich dadurch dem System zu unterwerfen. Da wählt Romeo lieber den Freitod.

Die Selbstmrodraten steigen übrigens in der Jugend wie in Single-  haushalten beängstigend, gerade auch im Alter.

Gehst Du mit Deinem, unterhaltsam gelungen, vorzüglich  lesbaren Artikel nicht risikofreudig das Wagnis ein,  Deine Artikel zum "Umbau des Geldes" zu dementieren?

Ich kann auch nicht erkennen, dass die Risikofreudigkeit von Männern zur Weltfianzkrise 2008 geführt hätte, eher das Gegenteil, nämlich frühzeitig, in Wahrnehmung warnend kritischer Stimmen,  aus der Masse der risikoscheu investierenden Lemminge auszuscheren.

Am Ende, sind, sowohl Frauen als auch vor allem  Männer, fern von sozial belastbar geschlechts- , migrations- , generationsbezogen, kultur- und  generationsübergrteifenden Netzwerken,  mehrheitlich vereinsamt, sozial und finanziell unterversorgt


tschüss


Jochen

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2013 | 18:56

Hallo Herr Jäger,

wie schon geschrieben, finde ich Ihre Rezension von Rosins Buch interessant und anregend.
Auf die angekündigten Auszüge bin ich gespannt, denn kaufen und lesen werde ich das Buch schon aufgrund des Marketing und der Präsentation der Autorin nicht.
Ärgerlich finde ich bei Ihrem Beitrag den letzten Abschnitt, weil er im Gegensatz zum Vorhergehenden sämtliche Klischees um die Bezeichnung „Hausmann“ bedient und damit geschlechtsstereotypisch bestätigt – wie beim Spiegel und Rosin wohl auch.
Damit unterscheiden sich Ihre Aussagen in der Qualität am Ende nicht mehr von denen die Sie vorgeben zu kritisieren.
Unsäglich ist der Abschlußvergleich einer Beziehung einer erfolgreichen Frau mit einem „Hausmann“:
>Wir erkennen an, dass Hermine die Führung hat, weil sie sehr intelligent und ihr Freund Ron viel dümmer ist. Mutig statt angepasst sind beide – auf dieser Basis lieben sie sich.<
DAS ist eine dermaßen platte und verkitschte Mutmaßung über Paarbeziehungen in denen er der häuslich präsentere Elternteil ist, dass man sich über ihre wohl auf Belustigung des „linken Boulevardpublikums“ setzende Pointe – entscheidend für das Gelingen einer solchen Paarung sei die individuelle Unangepasstheit – schon gar nicht mehr ärgern kann.
Letztlich bestätigen sie damit das auf der traditionellen Rollenverteilung basierenden und aus der herrschenden Geschlechterordnung sich speisende Vorurteil, daß eine Beziehung in der die Frau als beruflich erfolgreichere Partnerin eines offenbar weniger cleveren „Hausmannes“ notwendig die intelligentere Person sei und – wie Hermine – auch die beziehungsführende Instanz.
(diese Position nimmt Hermine in den Büchern und Filmen ganz klar ein)
Damit erklären sie im Grunde nur Ihren intellektuellen Bankrott im Sinne einer Kapitulationserklärung vor den spießbürgerlichen Deutungsmustern, in denen ein Mann nur als männlich gilt, wenn er seinen Job macht, d.h. beruflich erfolgreicher ist als seine Partnerin – wenn nicht ist er im partnerschaftlichen Innenverhältnis der Dümmere, der Schwächere, der Pantoffelheld, das Weichei, der Loser usf.
Damit befördern Sie eine Haltung unter Männern sich in der Partnerschaft und als Elternteil sich nicht auf diese einzulassen, damit mann im öffentlichen Leben wie im Freundes – und Bekanntenkreis „nicht als der Dumme dasteht“.
Demnach sind auch Sie dieser Überzeugung und somit als ein linksintellektuell daherkommender Spießer qualifizierbar, meinen Sie nicht?

Das wäre ja noch schöner, wenn sich ein Typ den Sie als „Hausmann“ identifizieren, sich auch im Verhältnis zur eigenen Partnerin nicht als minderbegabt und durchaus konkurrenzfähig zeigen würde.
Dann würde Ihr Geschlechter-Weltbild wohl einen Knacks bekommen?
Sehen Sie denn nicht, wie borniert dieses ist?

Aus meiner Sicht ist es durchaus intelligent wenn mann sich nicht lebenslang auf den eigenen Beruf und die Karriere konzentriert, sondern im Sinne einer auf den Lebensverlauf schauenden Chancengerechtigkeit als Mann auch zum richtigen Zeitpunkt der Partnerin den Vortritt lässt, wenn die Gelegenheit für sie – und das ist selten genug im Leben einer Frau und erst recht einer Mutter – da ist.
Meine Frau ist dreifache Mutter und die ihr als solche von der Gesellschaft und Öffentlichkeit zugeschriebenen Aufgaben sind mit denen die ihr als leitende Angestellte zufallen schon rein zeitlich nicht zu vereinbaren. Also standen wir, da ich bereits eine ähnliche Position eingenommen, am Scheideweg vor der Frage wie wir die Gesamtaufgabenstellung bewältigen und haben uns klar gegen das family-outsourcing entschieden.
Das hatte einen einfachen Grund: ich konnte, in Teilzeit, auch von zuhaus arbeiten und ich wollte mir das Heranwachsen unserer Kinder nicht entgehen lassen, sondern dabei sein.
DAS muss mann sich erstmal leisten können. Dennoch bin ich in den Augen meiner Mitwelt zum „Hausmann“ mutiert und somit „der Dumme“.
Aber ahnen Sie, wie egal mir das ist, wenn ich mir die Persönlichkeitsentwicklung meiner Frau und unserer Kinder ansehe?

Vermutlich nicht.

Michael Jäger 14.01.2013 | 20:58

Lieber Allessanders, Ihre Kritik ist erfrischend und, obwohl scharf, in keiner Weise verletzend. Darüber freue ich mich unabhängig von der Sache, um die es geht. Ich habe überhaupt den Eindruck, daß der Ton sich in der Community gebessert hat. In der Sache bin ich aber mißverstanden, und ich glaube sogar ohne eigenes Verschulden. Denn ist es nicht eindeutig, daß der Satz über Hermine und Ron sich auf Menschen beiderlei Geschlechts bezieht, die nicht zusammen eine Ehe bilden? Ich schreibe doch vorher: „Aber geht es nur um die Ehe?“ „... sollte doch auch in neuen Formen des Zusammenlebens ...“ Dann kommt: „Und um es in der Sprache der Harry Potter-Romane zu sagen...“ Ich rede hier nicht vom Hausmann, denn Ron ist kein solcher. Er ist Schulkamerad. Ich wollte am Schluß des Artikels darauf hinaus, daß Männer und Frauen in den verschiedensten Situationen des Zusammenlebens oder auch nur Nebeneinanderexistierens die Möglichkeit haben, sich kooperativ statt konkurrent zu verhalten, und daß sie sie ergreifen sollten. Und worauf es dabei ankommt: nicht auf Anpassung (Rosin), sondern auf Mut in der Auseinandersetzung mit schlimmen Mächten, in diesen Romanen durch „Lord Voldemort“ vertreten. Solidarisches Zusammenleben also auf der Basis des gemeinsamen Versuchs, zwischen „gut und böse“ zu unterscheiden. Und ich wollte freilich auch unterbringen: Wenn Hermine intelligenter ist als ich, ja klar, dann hat sie die Führung. Das gilt unabhängig von Ehe oder was immer. Nein, in einer Ehe darf man so nicht einmal fragen, das weiß ich auch! Doch in manchen Situationen stellt sich die Frage sehr wohl.

Was den Hausmann angeht: Das hat der Spiegel in den Vordergrund gestellt. Ich habe diesen Extremfall aufgegriffen und gesagt, ja, warum nicht. Ich weigere mich, darin „das“ Problem zu sehen. „Das“ Problem ist in meinen Augen, welche Aufgabe sich Mann und Frau, Männer und Frauen  gemeinsam stellen. Ich hätte wohl noch einen Satz dazuschreiben sollen, daß nicht jeder, der zuhause bleibt, deshalb ein Hausmann ist. Aber worum es mir übergreifend geht, ist, daß sich Leute, die in der Ehe leben, nicht in Konkurrenz zu Leuten in anderen „Formen des Zusammenlebens“ sehen sollten. Und genauso umgekehrt.

Die „Auszüge“ aus Rosins Buch will ich erst morgen bringen, heute erst einmal noch auf weitere Kommentare eingehen.  

Michael Jäger 14.01.2013 | 21:17

„... sich zwischen Frau-Sein und Erfolg zu entscheiden.“ Dazu erzählt Alfie Kohn in seinem erwähnten Buch eine interessante Geschichte: Es gab in den 1960er Jahren in den USA einen sozialwissenschaftlichen Erklärungsansatz, demzufolge Frauen von "Erfolgsangst" geleitet seien. Sie wüchsen "mit der Vorstellung auf, Leistungsstreben sei unweiblich".

In empirischen Untersuchungen wurde diese Erklärung widerlegt. Nein, "Erfolgsangst" war schon damals in keiner Weise geschlechtsspezifisch. Während sich aber „keine geschlechtsspezifische Differenzin der Erfolgsangst [ergab]“, lagen „auf der Erfolg-durch-Konkurrenzverhalten-Skala [...] Männer höher als Frauen". Man hatte Erfolg mit Erfolg durch Konkurrenz gleichgesetzt– eine Konfusion.

Michael Jäger 14.01.2013 | 21:28

Das ist eine interessante Beobachtung, daß die Westfrauen nicht die Männer kritisiert haben, sondern die patriarchalen Strukturen. Tja, wenn sie "den Männern" face to face gegenüberstanden... Wenn sie unter sich sind, ist es schon anders, oder. Eine Diskrepanz, die sich wohl teils daraus erklärt, daß die Kritik an "den Männern" nur zu neunzig Prozent berechtigt ist, nicht zu hundert Prozent, und das auch gewußt wird, teils aber auch umgekehrt daraus, daß sie sehr berechtigt ist, man aber Menschen, denen höhere Autorität zugeschrieben wurde (wie z.B. auch Chefs), nicht so leicht ins Gesicht hinein die Meinung sagt.

Michael Jäger 14.01.2013 | 22:00

„Gehst Du mit Deinem, unterhaltsam gelungen, vorzüglich lesbaren Artikel nicht risikofreudig das Wagnis ein, Deine Artikel zum ‚Umbau des Geldes‘ zu dementieren?“ Ich nehme mal an, Du wunderst Dich, daß ich hier „gegen Konkurrenz“, dort aber „für Konkurrenz“ geschrieben habe (im 7. Kapitel des 4. Teils, vom Inhaltsverzeichnis her aufzurufen). Tja, ich unterscheide zwischen vier Haltungen zur Konkurrenz, auf etwas Einfacheres gelingt es mir nicht das Problem zu reduzieren: der „brutalo-konkurrenten“ Haltung, die in den USA verbreitet ist; der etwas gemäßigteren europäischen Haltung; der Haltung jener Kritiker, die meinen, ein effektives ökonomisches System könne ganz und gar auf jegliche Konkurrenz verzichten; und einer vierten Haltung, die ich präferiere: Konkurrenz in genau definierten und auch kontrollierten Grenzen. Solche begrenzte Konkurrenz soll auch ganz anders sein als die jetzige im kapitalistischen Europa: sich vom selbständigen, vom eigensinnigen Nebeneinanderherlaufen, auch Zusammenstömen, was ja der Wortsinn von concurrere ist, so wenig wie möglich unterscheiden. Ich habe bei Elinor Ostrom Überlegungen gefunden, die dem nahekommen.

Es geht da nicht um Männer und Frauen, sondern um Konkurrenz, aber Rosin überzeugt uns, daß wenn es um Konkurrenz geht, auch Frauen und Männer sich fragen müssen, welche Haltung sie dazu einnehmen.

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2013 | 22:42

Hallo Herr Jäger, 

zunächst einmal freue ich mich, daß Sie meine zuweilen scharfe Kritik nicht in den falschen Hals bekommen haben und hinsichtlich Partnerschaft – ob nun mit Trauschein oder nicht – entgegen Rosin nicht für das Primat der Konkurrenz, sondern für einvernehmliche Kooperation plädieren – was im Artikel unscharf blieb, aber durch die genialische Option des Austauschs des Produzenten mit dem Rezipienten hier geklärt werden kann.

 

Soweit d´accord.

 

Was mir immer noch nicht passt ist Folgendes:
„Was den Hausmann angeht: Das hat der Spiegel in den Vordergrund gestellt. Ich habe diesen Extremfall aufgegriffen und gesagt, ja, warum nicht. Ich weigere mich, darin „das“ Problem zu sehen.“

Erstens:

das ist kein Extremfall, da mittlerweile 1/5 der hierzulande berufstätigen Frauen „Familienernährerinnen“ sind – siehe www.familienernaehrerinnen.de
Zweitens:

ist es in der Tat „der Hausmann“ in Bezug auf Geschlechterverhältnisse als nicht nur symbolisierte Ordnungsvorstellungen hegemonialer Männlichkeit (nach Connell u.a.) „das“ Problem schlechthin, da in dieser Figuration von Männlichkeit derjenige der in dieser Position ist, nicht nur feminisiert also „entmännlicht“ wird, sondern noch unterhalb des bekennenden Homosexuellen – des Schwulen – verortet wird und zwar nicht nur von Männern, sondern auch und gerade von Frauen.

Das bedeutet, daß die soziostrukturelle Abwertung und Disqualifizierung von Männern / Vätern praktisch und alltäglich in dem Hausmann-Sujet kulminiert und faktisch die Unterlage von Weiblichkeits – und Männlichkeitsmustern substituiert, die sich auf dieser Basis ihrer jeweiligen Geschlechtlichkeit versichern.

Faktisch gibt es zwar keine „Nur-Hausmänner“ aber dieses Motiv wurde geschaffen, damit sich moderne Männlein und Weiblein davon abgrenzen können, da ja ein „Hausmann“ keine oder zumindest deutlich weniger verwertbare und gesellschaftliche relevante Leistung erbringt, also eine soziale Reputation nahe Null besitzt.

Am Thema Hausmann zeigt sich folglich das Ensemble der Lebenslügen bei beiden Geschlechtern, denn jede beruflich erfolgreiche Frau (allen voran Merkel) verbirgt wo sie kann ihren Partner und jeder häuslich präsentere Mann meidet die Öffentlichkeit wo er kann.

Oder kennen Sie eine Paarung dieser Art wo das anders wäre?

Wissen Sie, ich verstehe diese Geschlechtergeschichten sowieso völlig anders.
Meine Entscheidung an Stelle meiner Frau die häuslichen und familiären Aufgaben zu übernehmen war nicht nur eine freiwillige, sondern eine bewusst entschiedene Absage an Männlichkeitsmuster.
Ich hatte eine Unzahl von Gründen und auch keine Lust mehr mich als Mann unter Männern täglich beweisen, behaupten und als überlegen in jeder Hinsicht darstellen zu müssen.
Und wissen Sie was?
Ich bin stolz darauf dieses Hamsterrad für meine kleine beschissene Existenz außer Funktion gesetzt zu haben. Meine Frau übrigens auch und unsere Söhne haben ganz andere Pläne...

Magda 14.01.2013 | 22:59

Nee, also das sehe ich anders. Es gab und gibt ja schließlich auch Männer - Wissenschaftler und Zeitkritiker -vor allem West - selbst die die patriarchalen Strukturen kritisieren.

Es ging nicht "gegen die Männer" auch bei den Westfrauen nicht, das macht die Sache auch irgendwie klein. Das hat was von "Kneipengerede". natürlich waren die Männer dann irgendwie genervt, weil sie die Strukturen "persönlich" nahmen.

Wenn aber jemand wie Erhard Eppler konstatiert hat. "Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden", dann ist das nicht gegen andere Männer gerichtet, sondern gegen Strukturen. Und ich fand das sehr weise. Die neu ernannten Männerrechtler halten das für unerhört. Für mich ist das stringent und logisch.

THX1138 14.01.2013 | 23:40

@allesanders: Familienernäherinnen haben sich ihre Rolle nur selten freiwillig ausgesucht, wie aus einem Papier der deutschen Hans Böckler Stiftung hervorgeht. Dabei werden drei Arten von Haupternährerinnen aufgeführt: die Freiwilligen, die Zufälligen und die Widerstrebenden. Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland «überwiegt die Zahl der Frauen, die unbeabsichtigt Familienernährerin werden – wegen der Trennung vom Partner beziehungsweise der Arbeitslosigkeit oder Berufsunfähigkeit der Väter (...) Frauen werden überwiegend unfreiwillig Familienernährerinnen, entweder als Partnerinnen von arbeitslosen oder prekär beschäftigten Männern – oder als allein Erziehende.» Erwähntes Böcklerpapier ist zwar online nicht mehr aufgeschaltet, aber ich kann das bei Bedarf gerne nach reichen. 

Mehr zu Familienernährerinnen hier: http://www.clack.ch/index.php/ressort/artikel/leben/1427/wenn_die_frau_das_geld_nach_hause_bringt

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Ehemaliger Nutzer 15.01.2013 | 08:56

Guten Morgen, 

nochmal: bitte benutzen Sie den Antwortbutton, dann bekomme ich Ihre Replik durch Benachrichtigung und nicht durch Zufall mit. Danke.

Das Papier der HBS kenne ich natürlich, ich komme ja aus dieser Ecke der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, außerdem erhalte ich die newsletter der FES und der Projektstelle des DGB www.familienernaehrerinnen.de – aber danke für den link, den kannte ich noch nicht.

Daher ist mir klar, daß die Paarungen von sog. Familienernährerinnen mit sog. Hausmännern seltenst, wie bei uns, familien – und lebensplanmäßig zustande kommen, sondern i.d.R. durch den sozialen Abstieg, Erkrankung o.Ä. des Partners bedingt ist.
Allerdings ist diese Konstellation weiter verbreitet als gemeinhin angenommen wird und die Crux dabei ist, daß es schwierig ist an diese Männer/Väter heranzukommen, denn die haben – im Gegensatz zu Frauen/Müttern in vergleichbarer Lage – keine Lobby noch Interessenvertretung, geschweige denn Anlaufstellen.
Diese sich nahezu im Verborgenem ausbreitende Familienform ist nicht nur ein ziemlich harter Prüfstein für die Beziehung, sie wird nach außen hin auch oft nicht sichtbar – viele der Betroffenen schämen und ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Dies umso mehr je geringer ihre Chancen am Arbeitsmarkt mit der Zeit werden und sie sich in prekärer Beschäftigung, Leih – und Zeitarbeit durchwursteln, wenn sie nicht schon langzeitarbeitslos sind.
Ein Problem dabei ist die psychische Disposition, da Männer/Väter in so einer Lage sich nicht zu Unrecht durch das Etikett Hausmann gedemütigt und in der Teilhabe am öffentlichen Leben durch ihren niederen Status abgehängt sehen, ergo unter Männern ausgesprochen defensiv agieren und durch die Abhängigkeit von der Frau oft an Selbstbewusstsein verlieren, weil diese Partizipation gemeinhin als ein „auf der Tasche liegen“ wahrgenommen wird.
Tatsächlich gilt die Hausmann-Existenz, unabhängig davon ob er beruflich tätig ist – es zählt nur ihr Einkommensvorsprung und Zeitaufwand für ausserhäusliche Erwerbstätigkeit – als parasitär und ist somit in der gleichgeschlechtlichen Status-Hierarchie ganz unten angesiedelt.
Nicht viel anders sieht es bei Frauen und Müttern aus, die – wie sie zutreffend bemerken – durchaus keinen so definierten Hausmann an ihrer Seite haben möchten, nicht zuletzt weil es auch für sie einen Status – und Ansehensverlust unter Frauen bedeutet, da ja von deren Seite unterstellt wird, sie halte einen Partner aus, der auf ihre Kosten lebt – wie unemanzipiert...
Diese Schematisierungen unter dem Vorzeichen eines im Kern immer noch sehr traditionellen Rollenverständnisses sind auch bei den sog. modernen Frauen und Müttern weit verbreitet und zeigen wie sehr die als überkommen geltenden Geschlechter – als Ordnungsvorstellungen auch in den vermeintlich als emanzipiert geltenden Frauenbildern eingelagert und in Gestalt von Statusdenken konserviert sind.
Um auf den Artikel zurückzukommen:
Im Rahmen der weiblichen Konkurrenz ist Frau mit einem Hausmann als „Klotz am Bein“ weniger konkurrenzfähig, erst recht wenn dieser in Lethargie / Apathie gefallen ist, d.h. nur seinen Hausjob macht und nebenher irgendwie zum Familieneinkommen beiträgt.
Wenn er aber im Hintergrund ein Aktivposten ist, der auch zu ihrem beruflichen Erfolg beiträgt und den Nachwuchs auf die Erfolgsspur bringt bzw. gebracht hat, sieht das ganz anders aus...
Allerdings wird das dann i.d.R. aus Neid und Mißgunst gern kleingeredet, ignoriert oder ironisch kommentiert – als Ausnahme von der Regel, welche selbige bestätigt.
So schliesst sich der Kreis schlichter Denkungsarten, die auch unter Akademiker – und RedakteurInnen bei diesem Thema weit verbreitet ist.

BG

philmus 15.01.2013 | 13:07

Die Stelle, wo Männer dann eben doch durch Konkurrenzverhalten Erfolg trotz "Erfolgsangst" (das Wort trifft nicht, was ich meinte) haben, ist die Interessante: Warum tu sie das?

Weil sie, solange sie nicht "aus der Rolle fallen"  wollen, garkeine andere Wahl haben: es wird von ihnen erwartet, es wenigstens mit allen Mitteln zu versuchen.

Frauen dagegen behaupten sich quasi gegen ihre angelernte Rolle und die Konkurrenz selbst, schwimmen sozusagen (solange die Gesellschaftsstruktur  rein patriarchalisch ist/war) doppelt gegen den Strom. kein Wunder, daß sie schneller afgeben, zumal ja immer noch die alternative Wahlmöglichkeit besteht (zumindest theoretisch, auf die verfügbaren Rollenmuster bezogen), sich einen konkurrenzfähigen Mann zu suchen und auf Familie zu machen.

 

Nur mal so als Beschreibung der Ausgangslage. Inzwischen ist es natürlich komplizierter, seit 1. zum Rollenbild der emanzipierten Frau eine möglichst erfolgreiche Berufstätigkeit gehört und 2. zur Rolle des Mannes mehr Zeit für Familienarbeit gehört, aber die Forderung nach obligatorischer Berufstätigkeit erst ansatzweise relativiert wird.

Zurück zum Ausgangspunkt: Ängste haben alle gleichermaßen, aber die Rollenerziehung übt einen nanderen Umgang damit ein: Wer der Angst vor Konkurrenz nachgibt, ist im alten Sinne kein (guter, achtungswürdiger) Mann.

Michael Jäger 15.01.2013 | 20:55

Hier also ein paar Auszüge aus Rosins Buch.

Eine Untersuchung über Studentinnen stößt auf „Frauen, die ihr Liebesleben wie ausgebuffte Kopfjäger managten“. Auf einer Party beobachtet Rosin welche, die „das Selbstvertrauen und das Geld von Beinahe-Arrivierten [hatten], und sie protzten damit. [...] beide Geschlechter versuchten einander im Gespräch über berufliche Angebote und sexuelle Eroberungen auszustechen. Manchmal mischten sich beide Aspekte in einer einzigen Äußerung: ‚Goldmann und HSBC‘, prahlte eine Frau. ‚Und? Machst du’s mir jetzt, wie ich will?‘“

Wenn man sich der konkurrenten Welt anpaßt, nimmt man ihn Kauf, was dazugehört: „Frauen [...] berichteten, daß sie am Montagmogen in Konferenzen saßen, in denen zunächst einmal berichtet wurde, wer am Wochenende wen (oder was) gebumst hatte. Sie wurden routinemäßig von Männern belästigt, die ihnen immer ausgefallnere Pornos zeigten, die sie sich auf ihre Handys heruntergeladen hatten, und Schneeblasen war harmlos dagegen. Im Allgemeinen reagierten sie auf solche Dinge nicht, indem sie zum Rechtsanwalt gingen, sondern indem sie sich der Situation gewachsen (beziehungsweise geschrumpft) zeigten.“ Denn: „Wenn sie es schafften, die pornografischen Witze zu ignorieren, konnten sie sich auch auf dem Börsenparkett behaupten.“ „Für diese harten, ehrgeizigen Frauen bestand die Herausforderung darin, ihr Herz aus Stahl so lange zu behalten, bis sie unverwundbar erschienen, aber nicht so lange, bis sie ihre Chance auf privates Glück verspielt hatten.“

Mir als literatem deutschen Menschen fällt dazu natürlich Hauffs Erzählung Das steinerne Herz ein. Da wurde das schon verhandelt, und Hauff meinte ja, es sei nicht so leicht, so ein Herz wieder loszuwerden, wenn man es einmal hat.

Außerdem muß man angesichts dieser Passage wohl noch einmal daran erinnern, daß sie in einem Buch mit dem Titel Das Ende der Männer vorkommt.

Weiter: „Heutzutage wird das Problem auf dem Beziehungsmarkt nicht mehr durch die uralte Schwäche der Frauen verursacht, sondern durch ihre neue Dominanz. In einer Welt, in der die Frauen besser ausgebildet sind als die Männer und schon in den Zwanzigern mehr verdienen als sie, wird die Partnersuche kompliziert. Die Männer sind in zwei Gruppen gespalten: die (kleinere) der von den Frauen so genannten Player und die (viel größere) der Loser. Und die Frauen kämpfen um die knappe Beute. Player sind sehr gefragt und schwer zu kriegen. Verlierer sind nicht so begehrt.“ „Heute brauchen Frauen die Männer nicht mehr als Garanten von finanzieller Sicherheit und sozialem Einfluß. Sie können diese Dinge selbst erreichen. Also haben sie keinen starken Anreiz mehr, den Preis für Sex hochzuhalten. Deshalb ist Sex sexualökonomisch billig, ein regelrechtes Schnäppchen, und er ist für viel mehr Leute zugänglich.“

Wenn es dann zur Ehe kommt: „Seit ihrer frühen Zufallsbegegnung planen sie“, Steven und Sarah, „einfach alles: wann genau Sarah schwanger werden, wie lange sie in welchem Job arbeiten und wie viel Geld sie verdienen wird.“ Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Aber im folgenden Satz schwingt etwas mit, das in der Situation nicht aufgeht: „Sie verhandeln über jedes kleine Detail und ihre jeweiligen Ansprüche wie Topmanager bei Fusionsverhandlungen.“ Dieses Zusätzliche wahrzunehmen, das mit dem Kampf um Gleichberechtigung nichts zu tun hat, das auch mit der Mann-Frau-Beziehung überhaupt nicht spezifisch etwas zu tun hat, in diese aber eingehen kann (und Folgen werden nicht ausbleiben), darum geht es meines Erachtens.

Michael Jäger 17.01.2013 | 10:12

Ich als Mann sehe das auch so: daß es die Strukturen sind; daß man die "männliche Gesellschaft" überwinden muß. Ja, das ist gerade der überlegene Standpunkt gegen so ein "Das Kollektiv der Männer ist am Ende", wie man es aus Rosin herauslesen kann.

Trotzdem kann ich mich als Mann natürlich nicht hinstellen und sagen, ich sei eine Person keine Struktur und hätte folglich mit der "männlichen Gesellschaft" nichts zu tun. Das ist die Schwierigkeit. Und deshalb habe ich oft genug in meinem Leben, wie andere Männer auch, realen Anlaß zur Kritik an mir als Person gegeben.

philmus 17.01.2013 | 10:37

Wobei ich als Mann natürlich auch feststellen muß, daß diese "männliche Struktur" mir nur solange nutzt, wie ich die mir zugedachte Rolle spiele. Will ich anders leben, muß ich dagegen ankämpfen, und zwar u.U. auch gegen Frauen, denen die Struktur, so wie sie ist, ganz gut passt. Gibts  ja auch. So wie es eben sehr sehr viele Männer gibt, die keinen Grund sehen, irgendwas in Frage zu stellen, weil sie mit den Vorteilen zufrieden sind und die Einengung nicht spüren. Die werden dann, und zwar zum großen Teil zu recht, eben auch persönlich angegriffen; wie sollte es anders sein?

was Rosin eben (ob absichtlich ober nur implizit) herausstellt, so wie ich alle Rezensionen bisher verstehe, ist, daß diese Beharrung der Männer-Mehrheit sich gerade zunehmend als Weg ins gesellschaftliche Abseits herausstellt.

Kann ich erstmal nur begrüßen, die Diagnose, auch wenn sie sicher nicht global und überall paßt: für die von uns als hier schreibende bewohnte Welt ist das schon sinnvoll festgestellt.

philmus 17.01.2013 | 10:40

PS zu "So wie es eben sehr sehr viele Männer gibt, die keinen Grund sehen, irgendwas in Frage zu stellen, weil sie mit den Vorteilen zufrieden sind und die Einengung nicht spüren.":

Und die jetzt, wo es eng wird, den Grund in der Konkurrenz durch Frauen sehen. Kann man ja mal behaupten. Ob man das sinnvoll ist, hängt vom Interesse an Geschlechtergerechtigkeit und/oder Emanzipation als Bereicherung des menschlichen Daseins ab.

THX1138 17.01.2013 | 12:51

Was das soll, Herr Jäger? Ich bin als Mann beleidigt. Aber da ich ja zum starken Geschlecht gehöre, darf ich das nicht.

Soll ich Ihnen die ganze Wahrheit über die Geschlechterbeziehungen jenseits gut beheizter Schreibstuben näher bringen? Ganz einfach: Die Menschen- worunter nach gängiger und gesellschaftlich immer noch allgemein akzeptierter Definition immer noch Männer und Frauen fallen- werden sich in Zukunft bei ihrer Lebensgestaltung nach den vorherrschenden, ökonomischen Gegebenheiten richten, konkret: Wer mehr verdient, wird zum Haupternährer und wer weniger verdient, wird einen Grossteil der Haushalts- und Erziehungsarbeit übernehmen. Es versteht sich von selbst, dass die Rollen da Geschlechter unabhängig sind, wie zum Beispiel der von mir oben verlinkte Text (unter anderem Namen übrigens von mir für dieses Frauenportal verfasst) aufzeigt. Und dieser Wandel wird gänzlich ohne diesen marktschreierischen Hass auskommen, wie ihn Frau Rosin äusserst Medien- und Tantiemenwirksam propagiert: Der Geschlechterkampf wird ausbleiben, so meine Alltagserfahrung. Dafür haben sich Männer und Frauen immer noch viel zu gerne. Und es ist immer noch die Liebe und das gegenseitige Begehren, die ich in meinem ganz bescheidenen und selbstverständlich alles andere als repräsentativem Angestelltenalltag zwischen den Geschlechtern zu verspüren glaube. Der (intellektuelle) Hass spielt sich auf ganz anderen Ebenen ab- fern der Alltagswirklichkeit, das kann ich Ihnen versichern, lieber Herr Jäger: Ein Hoch auf die Liebe!

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Ehemaliger Nutzer 17.01.2013 | 13:24

Hallo Herr Jäger,

danke für die Auszüge, das erinnert mich als "literaten" Menschen an einen anderen sehr umstrittenen Autor, dessen Thesen Rosin offenbar mit Ihrem Buch vollumfänglich bestätigt:

"

„In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen.“

Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone"

Tendenziell bedeutet dies, da die Loser im Vergleich zu den Playern aus dem von gleichgeschlechtlicher Konkurrenz geprägten Attraktivitätsraster herausfallen, daß mit der Zunahme dieses meritokratischen Identitäts - und Lifestylemodells auf weiblicher Seite die Geschlechtersphären nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen auseinanderdriften - was bzgl. der Modernisierungsgewinnerinnen nur bedeuten kann, dass sich diese vor den Zumutungen der Loser in elitäre Reservate zurück ziehen.
Was meinen Sie?

 

Michael Jäger 17.01.2013 | 14:14

Uuh, jetzt haben Sie aber viele Fremdwörter gebraucht. Aber, ja, es ist wie Sie sagen. Nur gibt es hierzulande diesen Diskurs noch nicht: "winner, loser" - ich bleibe dabei, das zu betonen. Weil wir was dagegen tun können, daß er sich ausbreitet. Es wird doch immer wieder versucht. Vor ein paar Jahren erschien z.B. ein Büchlein von Enzensberger, Titel habe ich vergessen, des Inhalts, daß "die" Muslims, in der ganzen muslimischen Welt, sich als "loser" dem Westen gegenüber fühlten und deshalb so viele islamistische Terroristen hervorbrächten. Da sieht man auch schön, wie sich der Diskurs mal auf dies, mal auf jenes anwendet. Und wie absurd das alles ist. Wenn Worte einen Sinn haben, setzt "Verlierer" voraus, daß ein "Spiel" gespielt wird, dieses hat dann aber Spielregeln und die Teilnehmer am Spiel müssen den Regeln, ja überhaupt der Teilnahme zugestimmt haben. Haben Muslims sich freiwillig in irgendein Spiel begeben, das der Westen mit ihnen spielt? Und wie verhält sich bei den Geschlechtern und dem Marktkonkurrenzspiel?

THX1138 17.01.2013 | 14:16

Lieber allesandre: Sehr schön, dass Sie Houellebecq ins Spiel bringen! Und es ist absolut richtig, was Sie da schreiben: Frau Rosin scheint dessen Thesen zumindest auf den ersten Blick zu bestätigen. Auf den zweiten Blick hingegen, werden sowohl Houellebecq als auch Rosin von der von mir so gerne zitierten Lebenswirklichkeit wiederlegt: Da ich beruflich auch mit Menschen am unteren Rand der Gesellschaft zu tun habe, kann ich das Vorhandensein vom Typus beziehungslosem Loser eigentlich nicht bestätigen: Die Männer am unteren Rand der Gesellschaft, die ich kenne, leben praktisch alle in einer Paarbeziehung. Es wäre in diesem Zusammenhang vielleicht noch ganz interesant, herauszufinden, wieviele Männer jeweils je gesellschaftichen Schicht in einer Beziehung leben. Ich behaupte nämlich, dass sich der Bestand Beziehungsloser Männer sowohl unten als auch oben so in etwa die Waage hält. Dass diese von Rosin bezeichneten sog. Loser keine Frau mehr finden würden, was ja auch schon andere behauptet haben, halte ich für ein Leistungssteigerndes, neoliberales Gerücht.

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Ehemaliger Nutzer 17.01.2013 | 15:39

Die „Spielregeln“ der Geschlechterordnung basieren in einer „globalisierten“ Welt auf der Weltwirtschafts – als Sozialordnung, so meine These.
Diese haben sich nach dem vom Zusammenbruch des Ostblocks besonders in der arabischen Welt begünstigten Aufschwung innerislamischer Streitigkeiten – d.h. dem vom Westen bis zum Irak-Krieg verdrängten Aufflammen des sog. kalten Religionskriegs zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppierungen – grundlegend verändert.
In diesen Auseinandersetzungen spielen die Bevölkerungszuwächse in den reicheren (Öl) Staaten, vor allem aber das extrem gewordene Wohlstands – und Bildungsgefälle in der gesamten Region, eine gewichtige Rolle.
Tatsächlich stammt der „muslimische Loser“ als in der stilisierten Weltgeschichte auftretende Typ aus dieser noch nicht abgeschlossenen Epoche und dringt als letztlich exploitierter Unterprivilegierter und Deklassierter in die westlichen Metropolen vor – bringt dabei aber nicht nur die oft zur Folklore werdende – i.d.R. religiös geprägte - Kultur seines Herkunftslandes mit, sondern auch seine Geschlechterordnungsvorstellungen, deren im Westen besonders beachtetes Kennzeichen eine recht hohe Fortpflanzungsrate – die hierzulande ein Armutsrisiko – ist.

Ein weiterer umstrittener Autor ist in diesem Zusammenhang Gunnar Heinsohn, dessen „Söhne und Weltmacht“ inzwischen eine Standarderklärung liefert, die den Geostrategen leider sehr gut in den Kram bzw. Plan passt:
„Dort formulierte Heinsohn seine These, nach welcher ein Jungmännerüberschuss (youth bulge) einen Positionenmangel innerhalb einer Gesellschaft verursache. Dieser [in muslimisch geprägten Ländern häufig anzutreffende] Überschuss müsse sich abbauen, was er in Kolonisation, Krieg, Bürgerkrieg oder heutzutage in Terrorismus tue.“

Mit anderen Worten wird die demographische Entwicklung in den arabischen Ländern von den westlichen wie osteuropäischen Ländern mit Argwohn beobachtet und nicht selten als Bedrohungsszenario wahrgenommen, sobald sich die Indizien für o.g. Argumentation mehren, was ja bspw im Falle des syrischen Bürgerkriegs durchaus plausibel erscheint...

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Ehemaliger Nutzer 17.01.2013 | 16:01

Sicher haben Sie recht, wenn sie meinen, daß die Folgen sexueller Liberalisierung in erster Linie für die neuen Eliten gültig sind – weil sich dort der Matthäus-Effekt (wer hat dem wird gegeben) am deutlichsten abzeichnet.
Dennoch handelt es sich, insoweit gerade die weiblichen Vertreter dieser Eliten als Vorbilder für die „moderne Frau von heute“ gehandelt werden, eben nicht nur um ein neoliberales Gerücht.
Das zeigt sich weiter unten nicht unbedingt bei der Verpartnerung, sondern vielmehr bei der Bereitschaft eine Familie zu gründen – und die ist bei Männern, die nicht zu den Playern gehören oder gehören wollen – ohne damit gleich zu den Losern zu zählen – erheblich zurück gegangen, meine ich.
Auf der anderen Seite ist es so, daß die Attraktivitätsraster der „Playerinnen“ sich auf ihr eigenes Milieu beziehen und in „gehobenen Reservaten“ zur Anwendung kommen, der durchschnittliche Mann bekommt davon gar nichts mit.
Als jemand der losen Kontakt mit dieser Szene schon aus beruflichen Gründen pflegt, kann ich aber bestätigen, was die Rosin, etwas überzeichnet, beschreibt als neue Geschlechterordnung.
In diesen Kreisen spielt es für Frauen überhaupt keine Rolle ob der Typ auf den sie es abgesehen haben verheiratet ist, Kinder hat und was er ansonsten verkörpert – wenn die Gelegenheit günstig bzw. sein Widerstand gering ist, dann wird er „erlegt“...

THX1138 17.01.2013 | 23:04

In den gehobenen Reservaten, gut das Sie das noch einmal betonen. Ich habe, genauso wie Sie, einen sehr guten Kontakt zu sozial höheren Gefielden, mehr muss dazu nicht gesagt werden. Was Sie da beobachten, kann ich so nicht bestätigen. Ich weiss nicht genau, wie weit oben Sie Ihre Beobachtungen anstellen können, doch meine mache ich in einem Umfeld, dass, statistisch betrachtet, 6 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Und dort ist es vielmehr so, dass man- auch aus Vermögensgründen, Firmenbeteiligungen etc., zusammen bleibt, item: Inwieweit glauben Sie, taugen Mitglieder der Upper Class überhaupt noch als Vorbild für den ganzen Rest der Gesellschaft? Man spricht ja heute nicht ganz zu Unrecht von einem tiefen Misstrauen ggü. den Eliten aus Politik, Kultut und Wirtschaft: Und für diese Eliten wurde dieses Buch ja auch geschrieben. Was Sie- und Herr Jäger- offenbar glauben, hat sich schon in der Ökonomie als Trugschluss erwiesen: Der sog. Trickle Down-Effekt hat nie statt gefunden, wie auch und vor allem am Beispiel der USA und ihrem weithin sichtbaren Zerfall der sozialen Strukturen aufgezeigt werden kann. Das Verhältnis zwischen Eliten und Folch ist, gelinde ausgedruckt, zur Zeit mehr als nur zerrüttet. Insofern halte ich dieses Buch für kurzfristige Medieneffekte durchaus geeignet- aber einen nachhaltigen Effekt wird es im Bewusstsein der Bevölkerung nicht hinterlassen, davon bin ich nach wie vor noch überzeugt.

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Ehemaliger Nutzer 17.01.2013 | 23:45

Sowenig wie Sie glaube ich daran, daß sich die Rosin-schen Erkenntnisse aus den oberen Etagen bruchlos nach unten durchreichen lassen (tde).
Allerdings ist es so, daß Frauen in Fragen des sozialen Aufstiegs weit weniger von ihrer sozialen Herkunft abhängig sind als Männer.
Meine Begegnung mit den gehobenen Reservaten umfasst deutlich weniger als ihre 6%. Das Milieu in dem ich punktuell zu tun hatte und noch heute, aber wirklich nur sporadisch, tätig bin ist die „echte“ High-Society, als eine die es nicht nötig hat sich mit Promis einzulassen und dynastisch verfasst unter sich bleibt. Damit hatte ich als Künstler und Literat zu tun, aber auch der Pferde und Hunde wegen u.a.m.
Ein gern gesehener Gast also, ein unterhaltsamer Exot und potentieller Prostituierter für die Damen, mehr nicht. So als Feldstudie aber ganz interessant fand ich.
Die Rosin wäre ganz gern da, aber sie ist es nicht.

Deswegen denke ich, daß das was sie an Bildern zeichnet eher Wunschbild denn authentisch ist.
So abgewichst wie sie ihre Geschlechtsgenossinnen zeichnet sind die nur in der Konkurrenz in den unteren Preislagen, ganz oben geht es eher gesittet und aristokratisch zu.

Naja, wen mann dann von einer gewählt wurde, dann hatte mann eine Zeitlang keine Sorgen, auch ne Art von Sponsoring junger begabter...
;-)

THX1138 18.01.2013 | 06:53
Hm, das haben Sie aber sehr schön ausgedrückt: Männlicher Prostituierter... ein Mann für gewisse Stunden, nicht? Nun, ich habe mit den 6 Prozent auch nur eine sehr vage Beschreibung abgegeben. Dass die Firmenbesitzer gerne unter sich bleiben- und sich nur sehr ungerne mit der Basis, dem Plebiszit vermischen, das kennt man ja: Das war ja in der klassischen Aristokratie bis vor gut 100 Jahren auch nicht anders. Dass Frau Rosin nicht zur Creme de la Creme gehört, aber gerne dazu gehören würde, ist nahe liegend. Schön, dass wir uns einig sind, dass es bzgl. des hier besprochenen Buches keinen intellektuellen Trickle Down-Effekt geben wird. Etwas anderes wäre auch ganz erstaunlich gewesen.
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Ehemaliger Nutzer 18.01.2013 | 07:48

Was das Durchreichen der Rosin´schen Weisheiten nach unten betrifft, sollte das Leitmotiv der Autorin für ihr Buch und ihre Karriere bedacht werden, sie erwähnt es im ZO-Interview ausdrücklich:
sie bewundert ihre aus Israel in die USA einwandernde Mutter, die quasi im Alleingang den Aufstieg in die Mittelschicht und damit schon das geschafft hat, was heute für eine emanzipierte Frau aus diesen Lagen Standard ist.
Rosin hat also einen „Migrationshintergrund“ und ein ziemlich meritokratisch daherkommenden Aufstiegswillen, der sich mit dem american way of life als dem uramerikanischen Mittelschichtstraum paart und selbigen erneuert, zu einer Art
einwandern um aufzusteigen...
ich fasse das Buch daher als Aufforderung an die Adresse von Frauen aus dem Kleinbürgertum und der bislang sich abgehängt wähnenden Mittelschicht auf, sich bei ihrem zwangsläufig recht einsamen Weg nach oben nicht beirren zu lassen – sich aber dabei, das ist das Provozierende, nicht auf andere Frauen neben sich bzw. „nette Kolleginnen“ zu verlassen, denn die sind letztlich potentielle Rival, Konkurrent – und keine Freundinnen...
Damit spricht Rosin nur eine schlichte Alltags-Wahrheit aus, die der feministisch inspirierten Wir-Frauen-Fraktion diametral zuwider läuft, da diese auch im Berufsleben einen informellen Solidarverbund von Frauen idealisiert und anmahnt, den es so nicht gab noch gibt.
Zugleich sieht sie überall Belege für die unaufhaltsame Entwicklung einer zunehmenden Feminisierung der Wirtschaft, der Politik und des öffentlichen Lebens, was ja in der Tat zutrifft und auch angesichts der stetig steigenden Zahlen von aufstrebenden Absolventinnen aus dem multinational anschwellenden Kleinbürgertum und Mittelschichten (Indien, China, Brasilien u.a.) nicht von der Hand zu weisen ist.
Demgegenüber schwinden in den alten Industrieländern dank lean-production und lean-management die traditionellen Aufstiegs – und Etablierungswege für Männer, weil die Hierarchien abgebaut bzw. verflacht wurden und selbst das für die alte Befehls/Anweisungsfolge ehemals als Vorbild dienende Militär personell abgeschmolzen, dafür technologisch enorm aufgerüstet wurde.
Das ist exemplarisch, denn nicht nur der einfache Industriearbeiter wird kaum noch gebraucht, auch der einfache Soldat ist überflüssig geworden – in der Summe sind davon Millionen Männer auf dem Globus betroffen, die von aufstrebenden Frauen längst überholt wurden und werden.
Ich denke, das Ende dieser Männer ist gemeint, deren „Aussterben“ als Typ geht aber zuallererst auf den Strukturwandel und nicht auf die weibliche Emanzipation zurück – das ist ein fast schon traditioneller Denkfehler bzw. durch das Fehlen jeglicher polit-ökon. Analyse-Tools bedingt.
Fazit:
Rosin will „die Männer“ ärgern und Frauen aus ihrem Milieu ermutigen, lassen wir sie sich damit von der C- in die B – Promi-Liga spielen...

THX1138 18.01.2013 | 11:45

Brilliant und asbolut richtig: Es ist der volkswirtschaftliche Strukturwandel, der die Frauen noch oben schwemmt (mit Recht und zum Glück)- und nicht der Feminismus, wie vielerorten geglaubt wird. Letzterer hat lediglich den Weg sozusagen für die Frauen frei geschaufelt (Änderung im Familien- und Arbeitsrecht etc.)- den Rest erledigt erw. Wandel wie von selbst, fast von Geisterhand, wir wollen mal lieber nicht von der berühmt-berüchtigten 'unsichtbaren Hand', die es ja wahrscheinlich sowieso nicht gibt, ausser in den Köpfen neoliberaler Barrikadendenker, sprechen.

THX1138 18.01.2013 | 20:19

Aus einem soeben erfolgten Gespräch mit meiner Tochter, ihre Lehrerin hat ein Kind bekommen und ist jetzt im Mutterurlaub:

Schade, dass sie nicht mehr kommt, ich habe sie viel lieber, als ihre Stellvertreterin. Muss die eigentlich weg gehen, weil sie ein Kind bekommen hat?

Heute vielleicht schon noch, aber Deine Generation wird das, im Gegensatz zu unserer, wahrscheinlich anders handhaben. Deine Lehrerin hat jetzt Mutterschaftsurlaub.

Ach so, ja, stimmt. Warum anders?

Weil derjenige, der mehr verdient, weiter arbeiten gehen wird, wenn auch vielleicht weniger- und der Part, der weniger verdient, den Grossteil der Haus- und Erziehungsatbeit übernehmen wird. 

Sie schaut mich fragend an.

Warum sollte der Part, der zum Beispiel 10'000 Euro verdient, zuhause bleiben, während der Part, der nur 5'000 verdient, weiter arbeiten, als ob nichts geschehen wäre?

Stimmt, ist eigentlich logisch.

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Es geht auch ohne Hass- und das wird genau der Weg sein, den die meisten Menschen in Zukunft gehen werden, unabhängig davon, was ihnen die werthen Damen und Herren in ihren warm geheizten, fernen Schreibstuben alles beizubringen versuchen. Es versteht sich von selbst, dass 'wir da unten' das ganz stillschweigend und ohne intellektuelles Gedöns tun werden...