Michael Jäger
26.12.2012 | 11:00 13

Passten Politik und Liebe 68 eher zusammen?

Männersache Zumindest schlossen sich politischer Streit und Sex damals nicht gegenseitig aus. Man schrie sich an – und schlief anschließend miteinander. Eine nostalgische Erinnerung

Passten Politik und Liebe 68 eher zusammen?

Illustration: Otto

Haben sich Männer und Frauen besser verstanden, als ich jung war? Das sind zwei Fragen: Ob sich junge und ob sich ältere Leute beiderlei Geschlechts damals besser verstanden? Ältere schwerlich. Die Erziehung des männlichen Geschlechts durch den Feminismus hat Spuren hinterlassen. Harmonischer ist das Verhältnis der Geschlechter wohl nicht geworden, aber dafür ehrlicher. Das reicht schon, es besser zu nennen. Und wenn man die jungen Leute damals und heute vergleicht? Vorsicht, hier kommt meine Nostalgie ins Spiel: Denn wie sollte ich meine Jugend gegen eine von heute vertauschen wollen?

Was damals so aufregend war, ist mit dem Stichwort „Feminismus“ schon angedeutet. Der entstand ja in der 68er Zeit. Er entstand zwischen jungen Männern und Frauen, die darin einig waren, dass revoltiert werden müsse. Aber dann kam noch diese unerwartete Sonderrevolte der Frauen gegen die Männer dazu. Es reichte auf einmal nicht mehr, gegen den Imperialismus zu kämpfen, wenn die Männer ihr autoritäres Gehabe nicht ablegten.

Anschreien und Vögeln

An einen „Penisneid“ der Frauen zu glauben, fiel nach ihrem erfolgreichen Feldzug gegen das Pinkeln im Stehen immer schwerer. Aber wie in alten Zeiten, von denen berichtet wird, dass ein Grabenkampf zwischen Männern und Frauen ausbrach, hat er auch damals meistens nicht zum „Gebärstreik“ geführt. Das war das Aufregende. Man war mit einer Frau zusammen, die einen politisch angriff – und wollte trotzdem mit ihr vögeln, und sie wollte es auch.

Dabei musste es nicht immer um den Feminismus gehen. Die Frauen, die ich damals kannte, waren nur selbstbewusst. Meine Jugendliebe war Maoistin und Italienerin, ich war weder das eine noch das andere. Nostalgie lass nach! Einmal besuchte ich mit ihr ihre maoistischen Freunde. Da war einer von einer anderen Fraktion anwesend. Als er zur Bekräftigung seines Standpunkts auf ein Mao-Zitat in der mitgebrachten Zeitung zeigte, wurde ihm entgegengehalten, das Zitat sei zwar von Mao, gelte aber nicht, denn die Zeitung sei konterrevolutionär. Das war so ungefähr unser Diskurs.

Die Worte meiner Italienerin, oft gehört, klingen mir noch im Ohr: „You are idiotic, it is very clear for me.“ Wir waren wütend, wir schrieen uns an, und danach ... Wenn wir uns mal gerade vertrugen, war das ein geflügeltes Wort zwischen uns: „E poi? E poi?“ – „Und dann?“ Es war nicht gerade langweilig. Nein, es war schön, in der Revolte zu leben.

Kommentare (13)

Georg von Grote 26.12.2012 | 13:33

Selten so geschmunzelt in der Erinnerung an die Zeiten, die da beschrieben werden :-)

Erinnert mich an einem Moment als mich vor ein paar Jahren meine Töchter aus heiterem Himmel und unverblümt fragten, wohl wissend, was ihre Eltern damals so alles "getrieben" haben.

Sag mal, bist Du Dir eigentlich ganz sicher, dass da draussen nicht irgendwo noch Geschwister von uns herumlaufen?

Ich war erstmal baff und konnte die Frage weder mit ja noch nein beantworten :-)

Joachim Petrick 29.12.2012 | 01:53


Lieber Michael,

nach Deinem schweren Rollenhut als Autor für den Helmut Schmidt Artikel "Der Ewigestrige" tust Du gut daran diesen abzulegen und Dir einen ganz anderen, einen frivolen "SexyDevil"  Autor Rollenhut aufzusetzen.

Mein neuer Rollenhut als Autor schaut so aus:

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/der-spontanfick-ist-selten-wie-das-einhorn


Joachim Petrick
29.12.2012 | 01:36
Der Spontanfick ist selten wie das Einhorn

Sex and Drive68 Quasseln, Lachen, Blumenpflücken beim Sex ist erlaubt, Frivolitäten & Furzen auch. Irgendwelche kelinkarierten Sentimentalitäten dagegen nicht.

"Angst vorm Fliegen"

crumar 29.12.2012 | 02:58

Als ein "Nachgeborener" empfinde ich ein wenig Neid bei solchen Beiträgen, da die Unbeschwertheit eines universellen revolutionären Aufstands bei mir nicht mehr angekommen ist.

Wir hatten nur noch den Abklatsch der Revolution und moralinsauren Sex. Letzteren nicht am Anfang, sondern er wurde es. Mir erschien der Feminismus des Alltags als Ersatz für die katholische Kirche einerseits - Lust kam auf den Prüfstand.

Nicht dass es die Lust nicht mehr gab; sie wurde jedoch heimlich vollzogen. Dass wir ihr nachgaben schadete der Reputation und da wurde es dann protestantisch: Einer Romanze nachzugeben hätte die nächste Kampagne gefährdet!

 

Das Arbeitsethos des Revolutionärs, der Revolutionärin verträgt sich sich nicht mit durchvögelten Nächten. Was genau haben wir eigentlich mit diesem Unsinn gewonnen?

Ich bereue es, diese spießige Doppelmoral mitgetragen zu haben.

Aus den hippieesken Anfängen wurde die reglementierte "Beziehungskiste" mit ihrem eigenen, schrägen Problemhorizont. Ich hätte nie gedacht, ich würde da einmal landen - und jetzt ist es das Beste, was ich zu erwarten haben können muss.

Diesen backlash haben wir uns selber zugefügt

Gruß, C.

.

 

Joachim Petrick 29.12.2012 | 15:33

Michael Jäger

 

LIeber Michael,
Du schreibst:
"Die Erziehung des männlichen Geschlechts durch den Feminismus hat Spuren hinterlassen. Harmonischer ist das Verhältnis der Geschlechter wohl nicht geworden, aber dafür ehrlicher. "

Das finde ich eine gewagte These. Wer hat hier wen erzogen, wenn ja, war das nicht eher eine Wechselbeziehung bei der Geschlechter Erziehung?

Die Männer, wie Frauen  entsprachen ja durchweg gleichermaßen nicht mehr dem Männer- , Frauenbild, das die Medien noch immer, trotz pharmazeutischer Pillen Revolution,  wie eine Monstranz vor ihnen hertrugen.

War der Feminismus in der Nachkriegszeit nicht auch eine Reaktion auf den, medial befeuerten Versuch, Frauen, weg von Arbeitsplätzen,  wieder an die drei Kirche, Küche, Kinder ( KKK), an Haus und Herd zu biinden.

Bis 1974 waren Ehefrauen gesetzlich noch gehalten, bei Arbeitsaufnahme, die Einwilligung ihrer Gatten vorzuweisen.

Anschreien und Vögeln

Das klingt zündend, birgt es aber nicht zugleich auch die alte Gefahrenlage, statt wirkich einen Konflikt, ausdiskutierend, zu schlichten gar zu lösen, um des lieben WG- Friedens Willens, Sex anzubieten?

Joachim Petrick 29.12.2012 | 23:39

Michael Jäger Michael Jäger 29.12.2012 | 15:57

 

@Michael Jäger
"Anschreien und Vögeln" ist eine gute Zwischenüberschrift (die nicht von mir ist), aber was gemeint ist, muß man dann doch dem nachfolgenden Text entnehmen.  Damals war es nicht so, daß die Debatte durchs Vögeln ersetzt oder in harmlosere Bahnen gelenkt, gar unter Kontrolle gebracht wurde."

Was heißt hier damals?, wenn ja, warum so verallgemeinernd?
Die Erläuterungen bleibt Dein Text  n. m. E. schuldig.
 War es nicht auch häufig so, dass, das Anschreien nicht selten den Sinn fürs Vögeln austrieb?, außer  es ging und geht um Triebabfuhr im Sinne der Deeskalierung von Gewalt?

Dass Drogen unterschiedlichster Art, legale, illegale, Schlafentzug,  auch eine Rolle bei der Frage von Vögeln oder nicht Vögeln spielten, erwähnst Du nicht. Warum?

Hast Du damals in einer so heilen Welt des des Bündnis von Politik und Eros gelebt?, dass heute die nachgewachsene Generation nur neidisch werden kann und sich fragt, warum gelingt uns das nicht, was unseren 68ern Eltern angeblich so gut  gelang?

Joachim Petrick 29.12.2012 | 23:47

Michael Jäger Michael Jäger 29.12.2012 | 16:00

 

@Michael Jäger
 "Man muß auch nicht immer das Klischee der reihumbumsenden WG zugrundelegen. Ich jedenfalls habe damals nicht in einer WG gewohnt."

Wohl wahr, außer man erweckt einen verallgemeinernden Eindruck, dass damals alles viel unproblematischer mit dem Sex und der Beziehungkiste war, als heute, wenn ja, warum?

In Westberlin habe ich zuerst bei einer Wirtin mit anderen Studenten gelebt, dann in WGs