Michael Jäger
20.07.2012 | 15:39 15

Robert, der Kampf geht weiter

Nachruf Er hat die Arbeitsgesellschaft radikal kritisiert, mit dem "Schwarzbuch Kapitalismus" breite Schichten erreicht und die Krise lange kommen sehen. Zum Tod von Robert Kurz

Robert, der Kampf geht weiter

Robert Kurz auf dem Attac-Kapitalismuskongress 2008

Foto: Hanno Böck

Robert Kurz verstarb am Mittwoch, den 18. Juli 2012, im Alter von 68 Jahren an den Folgen einer Nierenoperation. Ein herausragender Kopf des deutschen Marxismus ist damit, wie man sagt, für immer verstummt, doch wird sein umfangreiches Werk zu vielen noch lange sprechen. Unter allen deutschen Marxisten war Kurz wohl der, dem die größte Aufmerksamkeit auch der außermarxistischen Öffentlichkeit zuteil wurde. Sein erfolgreichstes Buch, das Schwarzbuch Kapitalismus, veröffentlicht 2001, hat bisher fünf Auflagen erlebt, wenn man die erweiterte Neuauflage 2009 dazuzählt, und wurde von allen großen Zeitungen besprochen. Weithin bekannt wurde er indessen schon durch sein Buch von 1991, das so sehr in die Zeit passte und ihr zugleich den Krieg ansagte: Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie.

Der Titel war Programm, und das Programm fortzuschreiben, konnte Kurz in den folgenden zwei Jahrzehnten nicht schwerfallen. Er gehörte zu denen, die den Ausbruch der Krise der Weltökonomie im Jahr 2008 lange vorausgesehen hatten. Zur Immobilienspekulation sagte er 2001 in einem Vortrag: „Wenn diese Blase platzt, entspricht der Unterschied zur Weltwirtschaftskrise etwa dem, ob man aus dem Erdgeschoß oder aus dem 50. Stock 'runterfällt. Und deswegen versuchen die internationalen Finanzinstitutionen und das Bankensystem mit allen Mitteln, diese Blase am Platzen zu hindern. Sie versuchen eine logische, und ich denke, letztlich praktische Unmöglichkeit, nämlich dieses fiktive Kapital entweder bis in alle Ewigkeit weiterwuchern zu lassen, sozusagen als unproduktive, aber gültige Geldschöpfung, oder eben diese Blase sanft platzen zu lassen. Ein sanftes Platzen kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen.“

Den unsanften Krisenprozess konnte Kurz noch bis zum Ende des vorigen Jahres in seiner Kolumne im Neuen Deutschland begleiten, und wie immer waren seine Kassandrarufe zum Erschrecken: Der Glaube der Politiker, sie hätten aus früheren Krisen gelernt und könnten deshalb die jetzige überwinden, sei illusionär, schrieb er etwa, denn sie bedächten nicht, dass es sich um Krisen in einem ständigen Wachstumsprozess handle, die also jedesmal auf höherer Stufenleiter ausbrächen und deshalb stets neuartige Implikationen mit sich brächten; und: Wenn der Euro zusammenbreche, müsse die D-Mark extrem aufgewertet werden und in der Folge werde der deutsche Export stranguliert.

Arbeit, Ware, Geld abschaffen

Über sein theoretisches Werk lässt sich selbstverständlich streiten. Selten jedoch kann ein Streit so lohnend und produktiv sein wie hier auf diesem hohen Niveau; es wäre zu wünschen, dass er jetzt verstärkt fortgeführt würde. Das angekündigte posthume Erscheinen seines letzten Buches Geld ohne Wert. Grundrisse zu einer Transformation der Kritik der politischen Ökonomie in diesem Jahr könnte den Anlass geben. Will man Kurz im gegenwärtigen Marxismus verorten, so sind es besonders zwei Eigentümlichkeiten, durch die er heraussticht. Die eine ist, dass er nicht erst kritisiert, was Marxisten als „abstrakte Arbeit“ bezeichnen, also die Arbeit als Basis der Warenförmigkeit der auf den Märkten gehandelten Güter und letztlich des Geldes. Er sieht das Übel vielmehr schon in der „konkreten Arbeit“, die den irgendwie nützlichen Gebrauchswert der jeweiligen Ware produziert. Schon diese „konkrete Arbeit“ werde von der „abstrakten“ bis ins Mark bestimmt. Kurz wird so zum radikalen Kritiker der „Arbeitsgesellschaft“.

Die zweite Eigentümlichkeit: Weil Arbeitsethos ein Kennzeichen der gesamten „Moderne“ seit dem 16. Jahrhundert ist, erweist sich Kurz ebensosehr als kritischer Modernisierungstheoretiker, wie seine Analyse immer von den Marxschen Grundkategorien ausgegangen ist. Beide Eigentümlichkeiten haben ihn für viele Debatten, die geführt werden, anschlussfähig gemacht und so zu seiner Bekanntheit beigetragen. Zugleich aber musste sein Gegenstandpunkt zur Moderne vielen die Sprache verschlagen, denn der empfohlene Ausweg besteht darin, „konkrete Arbeit“, Ware und Geld radikal abzuschaffen um einer neuen Ökonomie willen, in der die Menschen ihre Tätigkeiten nur noch sprechend, im permanenten „Palaver“, aufeinander beziehen. Die Zeit dazu sei infolge des ökonomischen Gewinns und der Arbeitszeitersparnis, die von der mikroelektronischen Revolution ausgingen, reichlich da.

Man muss dieser Analyse nicht folgen, um erkennen zu können, dass sie wichtig und anregend ist. Die Debattenkultur ist leider nicht so entwickelt, wie sie es sein sollte. Fast scheint es, als werde mit einem wie Kurz in der „bürgerlichen“ Öffentlichkeit sachlicher diskutiert als in marxistischen Kreisen, wo es häufig, einer längst überholten Hermeneutik zufolge, nur darum geht, ob jemand Marx „richtig verstanden“ habe oder nicht. Am Werk von Kurz ist aber offenbar, dass es äußerst Bedenkenswertes selbst dann enthält, wenn man die Frage unbeantwortet lässt, ob seine Marxinterpretation und sogar überhaupt seine Grundannahmen angemessen erscheinen oder nicht. Robert Kurz ist tot, doch er lebt auch weiter: Er hat alles gesagt, was er sagen wollte, und es ist ihm gelungen, die Öffentlichkeit dafür zu interessieren.

Kommentare (15)

Seifert 20.07.2012 | 16:55

Lieber Michael, herzlichen Dank für diesen guten Nachruf! Ich habe einiges von Robert Kurz gelesen, aber leider vieles nicht so recht verstanden. Manches Mal hat er für mein Empfinden zu "hermetisch" argumentiert, doch wenn es um konkrete Analysen einer konkreten Situation ging, dann haben mich seine Überlegungen sehr bereichert. Dafür bin ich ihm dankbar.

Herzliche Grüsse, Kurt

Oberham 20.07.2012 | 18:24

Danke für den Nachruf! In vielem stimme ich mit Kurz überein - wobei für mich die Lösung im global implementiertem Postmaterialismus greifbar ist.  Dazu bedürfte es im Grunde nur eines einfachen Paradigmenwechsels - Robert Kurz hat mit vielen seiner Thesen - vor allem von der Arbeitswelt - in diese Richtung gedacht - seine Bücher sollten in jeder ÖB stehen.

ebertus 20.07.2012 | 18:54

Bin über sein Buch "Die Antideutsche Ideologie" aus 2003 auf Robert Kurz gekommen, habe danach noch "Weltordnungskrieg", ebenfalls aus 2003 gelesen sowie einige weitere, kürzere Texte welche in Krisis und dann Exit! bzw. auch im Netz veröffentlicht wurden.

Seine letzten Beiträge in Konkret -diese extra wegen Kurz mal gekauft- fand ich eher flach, beinahe dem (kritischen) Mainstream hinter her laufend und ob ich mir nun den angekündigten Gremliza-Sammelband für rund zwanzig Euro kaufen sollte, da bin ich mir wirklich nicht sicher.

Die Kurzschen, sehr realistisch geschilderten und in diesen beinahe zehn Jahren vielfach bereits eingetroffenen Visionen und Annahmen sind beeindruckend, wenngleich mir der Autor über weite Strecken einem elitären Negativen zugeneigt scheint. Na und, könnte man flapsig sagen, die Verhältnisse sind nun mal so - und dann zusammen mit Robert Kurz wieder im Elfenbeinturm verschwinden.

Was mir inhaltlich oft negativ aufgestoßen ist, mag meinerseits und natürlich sehr vereinfachend mit dem geflügelten Wort vom "Alle doof, außer Robert" umschrieben werden. Kurz setzt sich in der Regel -wenn überhaupt- beinahe ausschließlich negativ mit anderen Denkern, Soziologen, Philosophen et al. auseinander, welche gerade im späten zwanzigsten Jahrhundert und bis in die Jetztzeit sich äußern. Kurz "spinnt" sich seine eigene Welt zusammen, das aber -zugegeben- sehr konsequent.

Und will mich abschließend natürlich wegen dem Vorgenannten gern angreifbar machen: Parallel zu Kurz habe ich Zizeks "Auf verlorenem Posten" und Negris "Goodbye Mr. Socialism" gelesen; bei letzterem auch gern seine differenzierten Hinweise zu Hannah Arendt und ihre Totalitarismustheorie verfolgt. Möglicherweise keine bessere, keine wissendere aber dennoch eine andere, eine globalere und offenere Perspektive als die aus dem Bayerischen Voralpenland.

Zamurei 20.07.2012 | 19:10

Der klügste Kopf unserer Zeit, hat aufgehört zu denken. Ich habe alle seine Bücher gelesen und von Niemanden mehr über die Funktionalität und Grenzen der kapitalistischen Ökonomie gelernt als von Robert Kurz.

Obwohl mir der Mann persönlich nicht bekannt war, bin ich selbst erstaunt   wie außerordentlich betroffen ich bin und wie nah mir sein Tod geht. Er hat vollbracht, was DDR Staatsbürgerkundelehrer jahrelang vergebens  versuchten, mir nämlich die Theorien eines Karl Marx nahe zu bringen. Wobei sich der Kurzsche Marx, freilich  geradezu fundamental von jener demagogischen Witzfigur unterschied, mit der ich in der DDR   vergebens malträtiert wurde.

Bereits 1991 , als der kapitalistische Endsieg und gar das Ende der Geschichte ausgerufen wurde, schrieb Kurz als Einziger , was damals keiner sehen wollte und wohl auch nicht konnte, daß der Zusammenbruch des stalinistischen Kasernenkommunismus, erst der Anfang einer   viel viel tiefer gehenden finalen Systemkrise der Waren produzierenden Ökonomie globalen Charakters war und daß dem vermeintlichen westlichen Sieger noch bevorstehen würde   was DDR und RGW damals zusammenbrechen ließ.

      http://www.amazon.de/gp/product/images/3379015032

/ref=dp_image_0?ie=UTF8&n=299956&s=books       http://www.udo-leuschner.de/rezensionen/rl9409kollaps.htm

Heute da täglich fast, ein Rettungsschirm den nächsten jagt, wissen wir wie Recht er hatte. Für Niemand der die Kurzschen Analysen gelesen hat, können jedenfalls die sich tagtäglich potenzierenden Krisenmeldungen wirklich überraschend sein.

Einen wie ihn, gibt es wahrlich nicht alle Tage. Der Mann war das größte ökonomische Genie der bedeutendste Wirtschaftshistoriker und Sozialtheorethiker seit Marx.   Sein brachialer Humor, sein bitterböser zuweilen an Kark Kraus erinnernder Sarkasmus, mit dem er die verlogenen Zumutungen eines menschenverachtenden Systems   gekonnt auf die Schippe nahm, ist nicht nur eine sozialtheorethisch bedeutende Leistung, nein es ist mehr, es ist Literatur, die Lektüre seiner Bücher ein geistreicher literarischer Genuss.Ich habe noch viel von Ihm erwartet, er wird mir fehlen. Jammerschade

thinktankgirl 20.07.2012 | 23:22

Bereits 1991 , als der kapitalistische Endsieg und gar das Ende der Geschichte ausgerufen wurde, schrieb Kurz als Einziger , was damals keiner sehen wollte und wohl auch nicht konnte, daß der Zusammenbruch des stalinistischen Kasernenkommunismus, erst der Anfang einer   viel viel tiefer gehenden finalen Systemkrise der Waren produzierenden Ökonomie globalen Charakters war und daß dem vermeintlichen westlichen Sieger noch bevorstehen würde   was DDR und RGW damals zusammenbrechen ließ.

Genau diese Aussage  von Kurz ist mir Erinnerung geblieben.

@Michael Jäger

Auch von mir vielen Dank für diesen schönen Nachruf!

Tiefendenker 21.07.2012 | 14:11

Wohl die traurigste Nachricht des Jahres 2012. Bei vielen sagt man ja RIP - Rest in Peace. Das trifft auf Robert Kurz nicht zu. Seine Gedanken, seine Art der Analysen und die Anregungen, über uns selbst nachzudenken, werden uns noch sehr lange beschäftigen.

Ich meine auch, er war ein absoluter Ausnahmedenker in der Größe eines Karl Marx, der sich die Freiheit genommen hat, sich nicht gedanklich einengen oder für blöd verkaufen zu lassen. Ich würde ihn auch nicht als Maxist einsortieren, sondern als Avantgardist der mordernen Wertetheorie. Er hat da durchaus etwas Eigenständiges geschaffen, auch wenn er er sich von den Grundlagen her auf Marx bezogen hat.

Ich vermute, mit einigen Jahren Abstand wird den meisten erst so richtig klar werden, um wen wir da trauern, wen wir da verloren haben. Ich kannte ihn persönlich zwar auch nicht, war aber stets sehr beeindruckt von seiner Stringenz im Denken und seinem Einsatz für eine Gesellschaft, die ihm viel zu wenig zurückgegeben hat.

Gerade jetzt im Juli 2012 ist sein neuestes Buch "Geld ohne Wert" erschienen. Darauf freue ich mich schon. Wie könnte man ihn besser ehren, als diese Gedanken nachzuvollziehen...

Erneut vielen Dank an den ebenfalls sehr geschätzten und gern gelesenen Michael Jäger für diesen Nachruf!!!