Michael Jäger
13.12.2012 | 12:32 35

Staatsfeind Nr. 1

DDR Friedrich Schorlemmers politische Autobiografie zeigt uns einen Menschen, der die Kraft des Symbolischen erkannt hat

Staatsfeind Nr. 1

Friedrich Schorlemmer hört genau zu, was der Schabowski da sagt: Berlin Alexanderplatz, 4. November 1989

Foto: Jandke/Caro/Ullstein

Friedrich Schorlemmer, der evangelische Pfarrer im Ruhestand und frühere Bürgerrechtler der DDR, hat eine Bilanz seines politischen Lebens vorgelegt. Diese Autobiografie war notwendig, denn man weiß nicht genug von Schorlemmer, wenn man nur weiß, was in den Zeitungen stand: dass er 1983 im Lutherhof zu Wittenberg ein Schwert zur Pflugschar umschmieden ließ, 1989 zu den Rednern der Kundgebung vom 4. November auf dem Alexanderplatz gehörte und 1993 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Nein, es lohnt zu wissen, wie er gedacht hat und sein Pfarramt für die tagtägliche politische Auseinandersetzung zu nutzen verstand. Denn man kann von ihm lernen.

Was ihn der SED gefährlich machte, so sehr, dass ein Stasi-Papier ihn als „Staatsfeind Nr. 1“ aufführt, war seine Fähigkeit, politische Themen und Widersprüche durch Symbolhandlungen zu illustrieren. Sicher hat ihn die Bibel ermutigt, die ja eine Fülle von Symbolhandlungen verzeichnet. So veranlasst der Prophet Jeremia einige Älteste und Priester dazu, mit ihm, der einen Krug in der Hand hält, zu einem nahegelegenen Tal zu ziehen. Dort angekommen, zerbricht er den Krug und verkündet das Wort seines Gottes, ebenso werde Jerusalem zerbrochen und das Tal werde die Toten nicht fassen. Man könnte das abtun und sagen, der Mensch von heute denke nicht mehr in Bildern. Aber warum sind wir dann so auf Filme versessen? Warum können uns Bilder, die das Fernsehen auswählt und zeigt, politisch so stark beeinflussen?

Dürrenmatt nachgespielt

Bei Schorlemmer traf manches zusammen, ihm das Gespür für die Kraft der Bilder zu geben. Zum einen zog ihn im Studium die Theologie Rudolf Bultmanns an, der gelehrt hatte, die Bibel müsse „entmythologisiert“ werden. So nahm er biblische Metaphern nicht für bare Münze, war dann aber umso sensibler für den Verlust, den ein „Bilderverbot“ mit sich bringen würde. Zum andern liebte er ohnehin die Kunst und verstand es, ihr Botschaften und Anregungen abzulesen. Wenn er zum Beispiel von den Theateraufführungen Ariane Mnouchkines auf Pariser öffentlichen Plätzen schwärmt, in denen die Große Revolution nachgespielt wurde und „Geschichte einem Volksfest glich“, fügt er hinzu, „das Theatralische im besten Sinne des Wortes“ habe auch die Kundgebung vom 4. November 1989 geprägt. „Brecht“, schreibt er, „sah in der Freundlichkeit eine philosophische Kategorie, der Blick in ein gütiges Gesicht war ihm der Blick in eine ‚schöne Gegend‘. An diesem Novembertag war der totbetonierte Berliner Alexanderplatz die schönste Gegend der DDR.“

Jene Schwertaktion zeigt deutlich, dass Symbolhandlungen auch heute noch politische Sprengkraft entfalten können. Jahrelang hatte Schorlemmer dafür geübt. Eine Mauer aus tapezierten, beschrifteten Obstkisten hatte er zum Beispiel gebaut, ein Tor durch sie gebahnt und es durchschritten. Sein Publikum war zunächst die Studentengemeinde. Mit der spielte er auch Dürrenmatts Drama vom Herkules nach, der den Augiasstall ausmistet. Die Schwertaktion fand dann unter den Augen der Westpresse statt. Sie war wohlüberlegt, weil sie sich zwar gegen die Stationierung sowjetischer SS 20-Raketen richtete, auf die Sowjetunion aber auch berufen konnte. Denn die hatte längst vor der Umschmiedung ein Mahnmal vor dem UN-Gebäude in New York gesetzt.

Grundlegende Wende

Natürlich hätte Schorlemmer nichts ausrichten können, wären nicht die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und überhaupt die Entspannungspolitik des Westens vorausgegangen. Infolge der „KSZE-Akte“ mussten sich die Warschauer-Pakt-Staaten in der Repression von Kritikern gewisse Zügel anlegen. Im Übrigen war Schorlemmer durch seine Kirche geschützt. Trotzdem waren seine Handlungsmöglichkeiten eng begrenzt, und er hat mit dem kleinen Pfund zu wuchern verstanden. Dass seine Aktion den Auftakt zur Entstehung vieler Friedensgruppen in der DDR bildete, denen die Kirche Obdach gab, ist bekannt, weniger aber, dass hiervon eine prägende Wirkung noch auf die Wende von 1989 ausging. Aus solchen Gruppen gingen die Anführer der Revolution hervor, die auch deshalb friedlich blieb, weil die Anführer den Frieden eingeübt hatten.

Auch das kirchliche Gebot, „die Feinde zu lieben“, war wichtig. Auf den Sturz der SED-Herrschaft arbeitete Schorlemmer hin, doch nicht um dann gnadenlos mit ihren Mitgliedern zu verfahren. Vielmehr meinte er, die neue demokratische Herrschaft müssen mit ihnen zusammenarbeiten. Über den Umgang mit dem Erbe der Diktatur hatte es bereits 1988 Debatten in seiner Kirche gegeben. Dabei „schwebte“ Schorlemmers Gruppe „so etwas wie die Kommissionen für ‚Wahrheit und Versöhnung‘ in Südafrika vor“. In diesem Geist berichtet er von widerwärtigen Stasi-Praktiken, aber auch von einem Kollegen, dem IM „Bernstein“, der ihn nie verriet, ja an den er sich „besonders dankbar“ erinnert.

Indessen ist die Haltung seiner Kirche schon zu Zeiten beeindruckend, wo sie noch gar nicht erwartet, dass die SED-Herrschaft bald enden könnte. Denn immer lässt sie ihre Gegenposition erkennen, obgleich sie auch immer mit dem Staat dialogisiert. Da gab es dann welche wie Manfred Stolpe, den späteren Ministerpräsidenten von Brandenburg, der den Dialog führte, in der Kirche zur Vorsicht und Zurückhaltung aufrief und doch auch über Schorlemmer seine schützende Hand hielt. Man fragt sich am Ende: Warum sind nicht auch die Kirchen der Bundesrepublik zu so einer Politik fähig?

Sie könnten den maroden Kapitalismus geißeln und so höflich wie klar eine andere Gesellschaft fordern. Auch von ihnen könnten Symbolhandlungen ausgehen, die den Menschen die Unerträglichkeit gewisser Verhältnisse provokant vor Augen führen. Und warum reden die Pfarrer nicht, wie Schorlemmer geredet hat? „Wer aber die Zuversicht verloren hat, der tut nichts mehr. Er wartet auf das Nichts“, sagte er 1988 auf einer Ökumenischen Versammlung. Da befand man sich schon im Vorfeld der Revolution. 2012 schreibt er: „Eine grundlegendere Wende als in jenem Herbst steht uns ins Haus.“

Kommentare (35)

Gustlik 13.12.2012 | 12:52

Als "Staatsfeind" war es einfacher, in die Tagesschau zu kommen. Da bekam sogar die Provinz ihr Privileg. Hauptsache, die DDR, der ungeliebte Transitnachbar, wurde gelöchert. 
Für heutige Symbolhandlungen stünde mindestens ein Abseilen vom Fernsehturm zur Verfügung. Da gäbe es sicher 45 Sekunden Tagesschau. Thema wäre egal. Abrüstung wäre gut.

Hans Springstein 13.12.2012 | 13:35

Ja, als "Staatsfeind" von denen einen gehasst und bekämpft, von den anderen dafür gelobt und unterstützt, solang bis der Staat, der ihn der Feindschaft bezichtigte, verschwunden war ... Wen interessiert heute noch, was Schorlemmer, denkt, sagt, vorschlägt, einfordert (und wofür ich ihn immer noch gut finde)? Den Mächtigen in diesem vereinheitlichten Staat dient er doch höchstens nur noch als illustrierende Bühnenfigur, wenn mal wieder an die grausame Diktatur DDR erinnert werden muss, damit den Bürgern mal wieder richtig eingehei(z)t werden kann und sie angstschlotternd einsehen, wie gut sie es doch heute haben ... Ich finde gut, dass Schorlemmer sich solchem Missbrauch auch schon verweigert hat.

Hans Springstein 13.12.2012 | 13:49

Aber ich glaube, Schorlemmers Behauptung „Eine grundlegendere Wende als in jenem Herbst steht uns ins Haus.“ ist mehr der Hoffnung als der realen Einschätzung der Lage geschuldet.

Die Bundesrepublik löst grad mal wieder eine Reihe ihrer Probleme auf Kosten anderer: "Deutschland steht am Beginn der größten Einwanderungswelle seit Jahrzehnten. Forscher rechnen mit 2,2 Millionen Menschen, die bis 2017 in die Bundesrepublik kommen - vor allem wegen der Krise in Südeuropa. In der Wirtschaft sind die Zuwanderer hochwillkommen." Ja, als billige Arbeitskräfte, die keinen Mindestlohn einfordern, weil sie froh sind, überhaupt für Arbeit Lohn zu bekommen, nachdem der Exportweltmeister BRD ihre früheren Arbeitsplätze in der Heimat kaputt konkurriert hat. Wir profitieren ein weiteres Mal von der Krise der anderen Länder, die wir mit verursacht haben, in mehrfacher Hinsicht. Wobei "wir" falsch ist, es handelt sich nur um die führenden Kreise der Bundesrepublik, nicht um die Mehrheit ihrer Bürger. Und ich befürchte, genau diese Mehrheit wird keine "grundlegendere Wende" einfordern, sondern diese Einwanderer bekämpfen, weil sie ihnen die übrig gebliebenen Arbeitsplätze angeblich wegnehmen ... Ein Herbst wie der 1989 in der DDR ist weit weg, dazu fehlt auch sowas wie die Mauer von damals. Die Grenzen sind weit offen: Wer die Nase voll hat, geht raus aus diesem Land, wer hier bleibt, sieht jene, die herkommen, weil es bei ihnen noch schlechter ist, nur als Konkurrenten ... und die daraus entstehenden Konflikte nutzen jenen, die von der ganzen Entwicklung profitieren, weil alle, die nur ihren Nächsten (Einwanderer) bekämpfen, nicht ihre Profite gefährden und nicht fragen, wie sie zu diesen kommen.

Aber eigentlich wünsche ich mir, Schorlemmer behielte Recht ...

Tedfell 13.12.2012 | 14:11

Warum wird ein Pastor wie Gauck Bundespräsident und nicht einer wie Schorlemmer? Die Antwort auf diese (rhetorische) Frage erwärmt meine Sympathie für Schorlemmer, die ich schon damals für ihn gewann. Schorlemmer hat sein Maul  auch nach der Wende aufgetan - gegen die "neuen" Verhältnisse, die für uns Westler ja die alten sind.

Wie sehr musste die SED-Führung mit Blindheit geschlagen gewesen sein, um einen solchen Menschen zum Staatsfeind zu erklären? Schorlemmer steht, als Theologe und Pastor, auf der Seite der "Kleinen", des "einfachen Volkes" oder wie immer man dies ausdrücken mag. Er hat, um's altmodisch zu sagen, einen Klassenstandpunkt. Den hat Gauck allerdings auch - auf der anderen Seite der Barrikade.

 

Seifert 13.12.2012 | 15:30

Lieber Michael, herzlichen Dank für diesen sehr guten Beitrag! Ja, warum sind die christlichen Kirchen Mitteleuropas so mutlos geworden? Vor 30 Jahren hatten sie noch einen konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung (GFS) gewagt, der zur Ökumenischen Versammlung im Mai 1989 in Basel führte. Damals hat man etwas davon gespürt, dass die Mauern in Europa bald fallen könnten. Ich entsinne mich an das Gespräch einer Frau aus der DDR, die an der Versammlung teilnahm und voller Hoffnung auf Veränderung war. Damals wurde etwas in Gang gesetzt, das aber mit dem neoliberalen backlash der 1990er Jahre leider unter die Räder geriet.

Die Kirchen leiden heute unter ihrem Verlust an gesellschaftlichem Einfluss, an Mitgliedern und damit auch an finanziellen Mitteln. Sie wagen es kaum noch, Widerspruch gegen jene Entwicklungen einzulegen, die auf weitere Entsolidarisierung und Verarmung einerseits sowie auf das Schüren chauvinistischer Ressentiments hinauslaufen. Das hat aber nicht nur mit den Kirchen zu tun, sondern auch mit jenen, die sich als "links" verstehen. Viele von ihnen halten die Kirchen für reaktionär und setzen sie mit dem Papst und anderen Hierarchen gleich - ohne zu begreifen, dass die Linke auf die jüdisch-christliche Tradition angewiesen ist: auf eine Tradition der Befreiung aus der Knechtschaft und der Herrschaft von falschen Göttern, die die Menschen zu ihren Marionetten machen wollen.

JR's China Blog 14.12.2012 | 05:32

Ob Schorlemmer der bessere Bundespräsident wäre, lasse ich dahingestellt - und schließe ich keineswegs aus. Aber zum einen war Gauck schon einmal eine Verbesserung, verglichen mit seinem Vorgänger. Und immerhin hat er kürzlich auf die Marktmacht der Kunden verwiesen - zwar im Zusammenhang mit ausländischer Produktion, aber immerhin: wann hat zuletzt ein Politiker Verbraucher darauf hingewiesen, dass sie Einfluss haben (und boykottieren können)?

Das letzte Mal, an das ich mich an eine vergleichbar "explosive" Aussage erinnern kann, war Ute Voigt - und die wollte es dann irgendwie wohl doch nicht gewesen sein. Das war im April 2005.

Gauck ist lernfähig. Das ist für einen Politiker nicht wenig - und wenn wir schon von Pastoren reden: es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die das nicht nötig haben.

Das geht nicht gegen Schorlemmer - aber es geht gegen eine m. E. oft zu bequeme Bewunderung für (scheinbar) ungebrochene Lebensläufe.

mcmac 14.12.2012 | 12:06

Lieber Michael Jäger,

 

als ich gestern die Zeitung aufschlug, sah ich Ihren Artikel – und hatte damit das letzte, noch fehlende Weihnachtsgeschenk... (Also: Vielen Dank!)

 

Ja, der Gedanke, den einige Kommentatoren hier hatten, kam mir auch sofort. Warum Gauck?..

 

Friedrich Schorlemmer beherrschte und beherrscht das, was Sie selbst einmal als „Die Kunst der Provokation“ hier beschrieben haben (ein Beitrag von Ihnen zu Occupy – wozu dem Rostocker Pfarrer auch nur Zynisches einfiel). Im Gegensatz zu Gauck wagte sich der freundliche und gewitzte Schorlemmer frühzeitig aus der Deckung und bezog Position, als es noch ziemlich ungemütlich war. Das hat er auch nach der Wende so gehalten, auch als Mitherausgeber und Autor dieser Zeitung. Als Mediator und Schlichter für S21 war er im Gespräch; allein, viele in Stuttgart kannten ihn gar nicht. Der listige Geißler wurde es dann. Nun wird die Stadt zerstört und das Monstrum gebaut...

 

Denke ich an den 4. November 1989, auch an die Rede Friedrich Schorlemmers dort und schaue ich mich heute um, schnürt sich mir die Kehle zu: Was ist aus diesen Utopien geworden? Friedrich Schorlemmer ist nicht mehr Herausgeber dieser Zeitung. Und ein eloquenter Selbstdarsteller, der immer im Warmem, auf Seiten des geistigen und gesellschaftlichen Mainstreams stand, ist Präsident dieser Republik.

 

Danke nochmals + lg

Magda 14.12.2012 | 13:01

"Was ihn der SED gefährlich machte, so sehr, dass ein Stasi-Papier ihn als „Staatsfeind Nr. 1“ aufführt, war seine Fähigkeit, politische Themen und Widersprüche durch Symbolhandlungen zu illustrieren"

Ich denke, er hatte auch die Fähigkeit, die "Genossen" an ihre eigenen Ideale zu erinnern. Mit solchen Leuten gingen sie besonders gnadenlos um. Irgendwie rochen die den Braten. Er hat die ja scheinbar nur beim Wort genommen. Ich fand das damals klasse und liebenswürdig listig. 

"Aus solchen Gruppen gingen die Anführer der Revolution hervor, die auch deshalb friedlich blieb, weil die Anführer den Frieden eingeübt hatten."

Welche Revolution? Ich glaube nicht, dass das eine Revolution war, was sich da abgespielt hat.

Mir hat - auch - imponiert, dass er sich nicht in der Nähe der Macht rumgedrängelt hat, sondern zurück gegangen ist zu seinen Wurzeln. 

 

Joachim Petrick 14.12.2012 | 18:09

Michael Jäger

 


Lieber Michael,
Du schreibst:
"Natürlich hätte Schorlemmer nichts ausrichten können, wären nicht die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und überhaupt die Entspannungspolitik des Westens vorausgegangen"

Ist das nicht, angesichts der Tatsache etwas zu bescheidenformuliert, dass die 68er Bewegung ihre historische Duftmarke bereits, hüben & drüben,  lokal und global, gesetzt, die Blockstaaten nach dem Ende des Vietnamkrieges in den KSZE Prozess vor sich hergeschoben hat?

Friedrich Schorlemmer ist wahrlich allen Lobes wert. Doch wer ihm als Person gerecht werden will, sollte von ihm auch ein ganzheitliches Bild zeichnen, zu dem auch durchaus kritische Töne und Fraben gehören.

Warum hat Friedrich Schorlemmer sich z. B. kommunikativ  so unterbelichtet hier in der Freitag Community als deren Mit- Herausgeber eingebracht?

War Friedrich Schorlemmer da mit seinem kultivierten Posaunen Symbolik Latein bereits am Ende?, dass ihm der Atem fehlte, sich nach dem Umruch des Freitags zur Online- Zeitung im Jahre 2009 als einfacher Blogger Autor, hier, Zunge zeigend, andere Beiträge kommentierend,  zu Worte zu melden?
tschüss
Jochen

siehe dazu:

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/klarsicht-im-freudenfeuer-und-hoffen


Joachim Petrick
14.12.2012 | 02:19
Klarsicht im "Freudenfeuer" und hoffen?

Autobiografie Friedrich Schorlemmers politische Autobiografie "Klar sehen und hoffen" ist im Aufbau Verlag erschienen, 354 Seiten, 22.99 €


Hans Springstein 15.12.2012 | 12:28

Ich bezweilfe, ob Gauck "lernfähig", er hat nur clevere Berater, jetzt so als Bundespräsidentendarsteller.

Und der Unterschied zwischen Gauck und Schorlemmer ist: Ersterer hat immer gut funktioniert, weil er vermutlich weiß, was er davon hat. Das lässt sich von Zweitem nicht sagen, weshalb er sympathischer wirkt. Und Schorlemmer hat im Gegensatz zu Gauck nicht vergessen, dass Freiheit und sichere soziale Existenz nicht voneinander zu trennen sind.

Und apropops Gauck besser als Wulff: "Das kleinere Übel"-Argument kann ja nicht das Entscheidende sein, wie überhaupt dieser Vergleich nicht das Entscheidende sein kann, wenn es darum geht, wie Gauck eingeschätzt werden kann. Was für ein Niveau ...

Joachim Petrick 15.12.2012 | 13:14

Hans Springstein Hans Springstein 15.12.2012 | 12:28

 

Inzwischen wird Joachim Gauck in der ZdF Wochenschau als Mythos, als Mysterium gehandelt, weil es den GAUCK an sich gar nicht gibt. Seitdem er als Gruß- August der deutlichen Freiheit am Hindukusch zum Bundespräsidenten gewählt wurde, ist er für das deutsche Volk eine unsichtbare Größe, weil er unterbelichtet durch leibliche und geistige Abwesenheit glänzt.
Denn als Bundespräsident ist sich Joachim Gauck Volk genug, dass es in aller Freiheit zu bändigen gilt

Vielleicht sollten wie aber wie Jakob Augstein auch erst einmal über unsere Enttäuschung hinwegkommen, dass sich die Ikonen der DDR Bürgerbewegung, darunter Friedrich Schorlemmer, Daniela Dahn, noch vor zwei Jahren Herausgeber des Freitag,  u. a., sowenig in der Freitag Community, Zunge zeigend, präsent, einbringen.

Verstehen, warum bei diesen Ikonen unter den DDR Bürgerbewegten so wenig Substanz abrufbar scheint, die fürs Zeitalter des Internet mit seinen Communities, wie hier im Freitag, kompatibel ist, ohne diesen das vorhalten zu wollen.

Als Phänomen erscheint mir das allemal.

ChristianBerlin 16.12.2012 | 23:25

Lieber Michael,

vielen Dank für diesen (mal wieder) anregenden Artikel!

Man fragt sich am Ende: Warum sind nicht auch die Kirchen der Bundesrepublik zu so einer Politik fähig?

Sie könnten den maroden Kapitalismus geißeln und so höflich wie klar eine andere Gesellschaft fordern.

Meine Antwort wäre: 

Die Kirchen sind seit damals (89/90) fast nur noch mit der Frage nach dem eigenen Überleben beschäftigt.

Die Lage ist für sie sehr ernst. Vor allem im sog. Beitrittsgebiet sind sie heute schwächer als vor der Einheit. Heute gerade von einem (kopmtenten) Oberkirchenrat gehört: In Halle an der Saale, einem Ausgangsort des Pietismis, gibt es nur noch 6 % evangelische Christen. Ein Pfarrer in der Altmark hat inzwischen 38 ehemalige Gemeinden zu versorgen (Dörfer mit je einer Kirche), dazu im Moment noch eine Vakanz mit 22 weiteren. Im Laufe der neunziger Jahre hat sich die Anhaltische Landeskirche halbiert, im Jahrzehnt danach dann fast auf Viertel reduziert. Der gewachsenen politischen Bedeutung der Kirchen bei öffentlichen Einweihungen und Empfängen oder an Institutionen, zu denen ihnen früher der Zugang erschwert oder verwehrt war (Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse, Polizei, Militär usw.) korrespondiert mit einer schwindenden Akzeptanz in der Bevölkerung, was die Mitgliedszahlen betrifft. 

Noch immer verliert die Kirche deshalb vor lauter Sorge um das eigene Fortbestehen alles andere aus dem Blick - und büßt damit ihre Glaubwürdigkeit ein, für mehr zu stehen als das eigene Bestehen und die eigene Macht. 

Dein Vorschlag würde voraussetzen, dass die Kirche statt der Sorge um das eigene Bestehen wieder Gottes Sorge um den Zustand dieser Welt in den Blick nimmt, dass sozial und politisch engagierte Pastoren die Aufmerksamkeit und Solidarität anderer Mitchristinnen und Mitchristen, andersgläubiger wie säkularer Mitstreiter und engagierter Medienmacher  erfahren und die Leitungsebene zu ihnen steht, statt um staatliche Gelder zu zittern (wie sie jetzt wegen der Einbindung in besagte Institutionen in Strömen fließen).

Themen, die es wert wären, dass dazu etwas vom Evangelium her gesagt wird, gäbe es mehr als genug. Man müsste die finden, die garantiert kein anderer aufgreift, dann wäre man wieder im Geschäft - als ernst zu nehmender Gesprächspartner.

So könnte es gehen. Wunschdenken?

Lukasz Szopa 17.12.2012 | 11:09

@ Seifert und @ChristianBerlin:

Wenn die Kichen vor lauter Sorge um den Mitgliederschwund aber ihre eigenen Ziele und Ideale vergessen, und sich mehr um das (schwindende) Kirchen-Ich kümmern, und nicht um die Menschen, die alten- und neuen Gläubigen und Mitgliedern, wird es ihnen ergehen wie einem kriselnden Unternehmen, welches allein im Sparen die Lösung sieht (und nicht in Innovation und Investition): Es werden noch mehr Leute austreten (oder aussterben, und keine neuen hinzukommen), es wird noch weniger Geld geben, und weniger Sinn (auch der Pfarrer muss irgendwie motiviert sein...).

Aber - es gibt Pfarrer und Gemeinden, wo regelmäßig, mit fast revolutionären Eifer, die soziale Ungerechtigkeit und andere Misstände (aber auch die Umweltzerstörung, Geldgier und Konsum) kritisiert werden. Zumindest kenne ich hier in Berlin zwei-drei davon (katholisch, altkatholisch, evangelisch). Wie gesagt - regelmäßig. Und jedes mal dient die Bibel als eine Schatzkammer an Beispielen und Zitaten. Ergebnis: die Sonntags-Gottesdienste sind vielleicht nicht überfüllt, aber - zumindest den Sitzplätzen nach - voll. Und man sieht den Menschen oft an, wie auch den Pfarrern, dass hier wichtige Worte gesprochen werden und ankommen.

Seifert 17.12.2012 | 11:32

Ich bin sehr froh, dass ChristianBerlin die Debatte wieder zum Ausgangspunkt zurückgeführt hat! Die Auseinandersetzung um Schorlemmer contra Gauck ist nämlich in dieser Hinsicht ziemlich fruchtlos, weil sie nichts zur Klärung der Frage beiträgt, welche Bedeutung das befreiende Erbe des Evangeliums für unsere mitteleuropäischen Gesellschaften noch besitzt.

Wir stehen vor ein ziemlich paradoxen Situation: Die "christlich-abendländischen Werte" werden in Festtagsreden hochgehalten und dienen gegebenenfalls auch als Beitrag zur ideologischen Abwehrfront gegen islamistischen und anderen "Fundamentalismus". Im Alltag hingegen schwindet das dahin, was christliche Überzeugung und christliches Ethos verkörpert hat, und macht der gemeinen Religion des Kapitalismus Platz, die den Reichtum verherrlicht und jene zu ihren Helden kürt, die sich mit Rücksichtslosigkeit durchzusetzen pflegen.

Wir sind - was die Verächter der Religion freuen wird - in einer nachchristlichen Zeit angekommen, die sich allerdings noch der alten Zeichen und Symbole zu bedienen weiss. Doch damit ist, anders als diese Verächter glauben, kein geistiger Fortschritt verbunden, sondern eher eine Wiederkehr der alten Geister, die den Glauben an das "Schicksal" predigen, die die Sterne oder andere Mächte verkünden, auf die wir keinen Einfluss haben.

Ein Beispiel für die Macht solcher Geister und die Möglichkeit, den Kreislauf des Schicksals zu beenden, liefert eine Szene aus dem jüngsten Film von Ken Loach: Angels' Share. Robbie ist ein Junge aus der englischen working class, die keine Arbeit mehr hat und nur noch rumhängt, säuft und sich prügelt. Er muss sich wehren, obwohl gar nicht klar ist, um was es eigentlich geht. Schon sein Vater hat sich mit dem Vater seines Feindes geprügelt - so geht die Gewalt von einer Generation zur nächsten weiter. Robbies Freundin hat ein Kind bekommen, einen Jungen. Ihre Frage angesichts der scheinbaren Aussichtlosigkeit der Lage dieses jungen Paares lautet: Willst du denn, dass sich dein Junge auch wieder mit dem Jungen deines Feindes prügeln muss? In dieser Frage schimmert etwas durch von den Möglichkeit eines Wandels, einer metanoia im christlichen Verständnis. Dass die Lösung im Film dann eher mrächenhaft daherkommt, tut hier wenig zur Sache. Wichtig scheint mir dieses andere: das Aufzeigen einer Alternative, die dem scheinbaren Schicksal trotzt. Das ist für mich eine "evangelische" Perspektive, und es wäre an der Zeit, dass diese Perspektive wieder sichtbarer wird - allen Zukunftsängsten der Kirchen zum Trotz.

anne mohnen 17.12.2012 | 18:42

Lieber Michael,

eine sehr schöne Rezension, die Schorlemmer mehr als freuen dürfte.

Ich teile die hier geäußerte Meinung, dass es den Medien sehr wohl anstünde, sich mit der Kapitalismuskritik der großen christlichen Kirchen auseinanderzusetzen.

Wenn ich in dem Zusammenhang insbesondere an die katholische Kirche denken, nicht um die Einlassungen anderer zu schmälern, ganz im Gegenteil, derzeit herrscht hierzulande in beiden Konfessionen ein unerhört hohes Reflexionsniveau, vielmehr weil ich diese Positionen gründlicher rezipiert habe. Diese Kapitalismuskritik spielt sich nun wahrlich nicht auf dem Niveau von Bibelzitaten ab, wie hier im Thread behauptet wird, sondern im Rahmen der Sozialethik, sozialpolitischer Konzepte sowie einer damit einhergehenden scharfen Kapitalismuskritik

Wird dies zur Kenntnis genommen?

Es ist es durchaus nicht so, dass Kirche, Glaube z.B. in Zeitungen keine Rolle mehr spielte. Klicks auf weltonline, spiegelonline, dZeit, Focus belehren eines Besseren.

Doch während dZeit oder der Spiegel noch umfänglicher berichten, differenzierter kommentieren und analysieren, befördern dWelt und Focus (Weigart) ein sehr eingeschränkt konservatives bis hin randständiges Bild von Katholizismus - Stichwort „Matusek“, einhergehend mit einer bestimmten poltischen Einstellungen, die allenfalls von bestimmten Zirkeln in der Kirche geteilt werden.

Die Linke hingegen überlässt die Rezeption von Glaubensfragen, Kirche und Theologie den konservativen Kräften in den Medien, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Mehrheit keinen Zugang mehr dazu hat.

Dies als Vorwurf an die Linken zu formulieren, wäre freilich zu einfach. Vor fast vierzig Jahren schrieb einer der bedeutendsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner zum bereits zum eingegrenzten Thema „Der Adressat der heutigen Theologie“: „Wer heute zur Theologie kommt – und dabei handelt es sich nicht nur um solche, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten-, ist im Durchschnitt nicht in seinem Glauben beheimatet, der – gestützt durch ein homogenes, allen gemeinsames religiöses Milieu – selbstverständlich wäre. Auch der junge Theologe hat heute einen angefochtenen, einen ganz und gar nicht selbstverständlichen Glauben, und er braucht sich dessen nicht zu schämen. Er kann sich durchaus zu dieser seiner ihm vorgebenenn Situation bekennen, weil er heute in einer geistigen Situation lebt oder sogar schon aus einer solchen kommt, die das Christentum nicht als selbstverständliche, indiskutable Größe erscheinen läßt.“ (Grundkurs des Glaubens. Eine Einführung in den Begriff des Christentums)

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sich im Laufe der letzten vier Jahrzehnte die Situation zugespitzt hat. Die Frage wäre dann freilich, wie die Kirchen darauf reagiert haben: das Studium, die akademische Lehre, Öffentlichkeitsarbeit etc.

Wenn nämlich symbolische Aktionen von Seiten der Kirchen verlangt werden, wie sollten diese dann gestaltet werden, dass sie verstanden werden auch von denen, die im Glauben nicht mehr zu Hause sind, ihm skeptisch bis feindselig gegenüberstehen?

Der aktuelle Papst fordert ja eine Ent-Weltlichung der Kirche, sozusagen „die Aufklärung der Aufklärung“: Gebete, Prozessionen, Verbrennen von Geldscheinen? Wie käme das an und wie höbe es sich ab von Aktionismus anderer Systemkritiker. Und wäre es in dem Zusammenhang nicht wichtig, solidarisch nach Bündnispartnern Ausschau zu halten. Was bedeutete dies für symbolische Aktionen?

Schorlemmer, und dies meine ich nicht als Kritik, stand ja einem klaren, fassbaren System gegenüber. Heute tehen  vielen Opponenten, ob religiös oder nicht,  sich einem schwer fassbaren, scheinbar unangreifbaren Finanzkapitalismus gegenüber, der sich so entmaterialisiert hat,  dass ich mich frage, ob Symbolik überhaupt noch Sinn macht, oder gar nur mehr wie aus der Zeit gefallen wirken muss.

Mir drängt sich derzeit zuvorderst das Problem auf, dass man darüber reden müsste, welche Ursachen es haben könnte, dass das Thema Religion gegenwärtig die Öffentlichkeit geradezu okkupiert, jedoch die großen Kirchen in Europa daran weitestgehend unbeteiligt sind. Warum gelingt es den evangelikalen Kirchen, und dies zeigt sich ja in Lateinamerika und derzeit in China, beachtliche Zulauf zu verzeichnen.

LG am

 

ChristianBerlin 17.12.2012 | 20:00

Danke für den ermutigenden Bericht. Die sehe ich mir auch gern an (alle drei), wenn Du daraus einen konkreten Geheimtipp machst.

Ich weiß wohl, dass vereinzelt noch viel möglich ist. Nur bleibt das jeweils ein Einzelereignis unterhalb der politisch relevanten Wahrnehmungsschwelle der Medienöffentlichkeit.

Um über die hinweg zu kommen, müssten wir entweder wieder die Geschlossenheit von der Basis her hinbekommen wie dereinst in den 80ern (in Ost und West), oder wir müssten markante Statements von den Spitzen erreichen, wie zuletzt Margot K's "Nichts ist gut in Afghanistan", das eine breite Medienresonanz gefunden hat.

Nicht, dass das unmöglich wäre oder die Themen und das, was vom Evangelium her zu ihnen zu sagen wäre, nicht auf der Hand lägen. Nur sind die Zuständigkeiten dafür in Randbereiche ausgelagert, während zentral alle Kräfte das eine Thema bindet: Der Selbsterhalt.

ChristianBerlin 17.12.2012 | 23:14

In den ersten Jahren nach dem Mauerbau war Wolfgang Welsch Mr.Staatsfeind Nr. 1. Den Titel konnte er aber in den 80ern so nicht mehr verteidigen, denn wie man lebendig rauskam, war da schon bekannt: Sich verhaften und freikaufen Lassen, war wesentlich sicherer als die Welsche Fluchthilfe. Friedrich hätte m.E in dieser letzten Phase des Kalten Krieges (nach dem Tod Leonid Breschnews) durchaus Anspruch auf den Titel, allerdings nicht als Einzelkämpfer, wie Welsch, sondern als einer von mehreren Köpfen einer breiten Bewegung, die davon lebte, das viele im Rahmen der aufgeweichten Fronten zwischen Staat und Kirche das gleiche dachten, sagten und taten. Die Reihe der Namen, die mir dazu einfallen, nimmt kein Ende. Ein paar kennst Du ja ebenfalls noch persönlich. 

Das Kuriose ist, dass der Kelch harter Repressalien an Friedrich Schorlemmer durch einen Glücksfall vorüberging. Er sollte tatsächlich einmal verhaftet werden, war aber vorgewarnt worden und außerdem an dem Tag sowieso nicht da. Die Operation lief ins Leere, sorgte aber für feuchte Beinkleider bei einigen Kirchgängern, die zunächst ahnungslos auf dem Weg zum Gotteshaus plötzlich mitbekamen, dass in jedem Busch einer von der Stasi saß, aber vom Schock getroffen weitergehen mussten, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Ich weiß nicht, ob die Geschichte so in seinem Buch steht (hab's nicht gelesen), kenne sie aber von einem befreundeten Journalisten, der ihn damals gewarnt hatte. 

Warum man ihn nicht einfach später verhaftet hat, weiß ich nicht. Aber das war mit Sicherheit eher eine politisch kalkulierte Aktion als eine justizielle, die kann im nächsten Moment schon wieder nicht mehr gepasst haben (Wenn dazu was im Buch steht, wäre ich natürlich neugierig).

Michael Jäger 18.12.2012 | 01:18

Nee, das steht nicht in seinem Buch, ist ja interessant. Schorlemmer fragt sich natürlich selbst, warum er nicht verhaftet wurde, und sieht sich durch die allgemeine politische Situation (KSZE-Akte) sowie durchs Dach der Kirche geschützt. Man muß auch wissen, daß er mehrmals in todesgefährliche Unfälle verwickelt war (vom hohen Haus herabgestürzt, ohne sich zu verletzen usw.) und wohl eine etwas dickere Haut entwickelt hat, ähnlich wie Luther nach dem Blitzeinschlag, könnte man vielleicht fast sagen.

Michael Jäger 18.12.2012 | 01:37

Lieber Christian, Deine Gegenüberstellung - Selbsterhaltung oder die Aufgabe erfüllen - ist klärend für mich, so "nackt" hatte ich das noch nicht gesehen. Da fallen mir meine letzten Gespräche mit Wolfgang Ullmann ein. Leider fingen wir erst relativ kurz vor seinem Tod an, uns über diese Dinge zu unterhalten. Er war jedenfalls bereits zu dem Schluß gekommen, daß es der Kirche geradezu gut täte, wenn sie auf sehr kleine Reste zusammenschmölze und sich weder in der Schutzlosigkeit wie in den ersten Jahrhunderten  nach Christus befände. Ich glaube, irgendwo hat er das auch veröffentlicht, muß mal in meinen Akten nachschauen. Wahrscheinlich muß man es sich gar nicht so radikal vorstellen wie er, aber er gibt da einen Maßstab.

Michael Jäger 18.12.2012 | 01:54

Liebe Anna, ja, es kommt viel Kapitalismuskritik aus den Kirchen. Das habe ich schon auch bemerkt. Das geht bis dahin, daß Papst Benedikt zum Studium der Werke von Karl Marx aufgerufen haben soll, leider weiß ich nicht mehr, wo ich das gelesen habe. Also da sind die Kirchen weiter als andere Institutionen. Aber man kann ja trotzdem, darüber noch hinaus, etwas von ihnen erhoffen, was nun wirklich ein Schritt nach vorn wäre. Das wäre, wenn sie sich hinstellten und sagten, in aller Ruhe und Bedachtsamkeit: Leute, die Kapitallogik muß beseitigt und es muß diese Produktionsweise durch eine andere ersetzt werden; sucht endlich danach, macht Vorschläge, statt in den jetzigen Verbrechen (der Gottlosigkeit) zu verharren usw. Und wenn nicht gleich der Papst so spricht, könnten es doch viele, viele kirchliche Gruppen tun.

Symbolhandlungen werden verstanden, wenn sie gut gemacht sind, denke ich. Wenn man eine Sache wirklich im Kern erfaßt ist, kann man sie auch versinnlichen, egal wie "kompliziert" sie ist. Das ist im Westen allerdings viel schwerer als es im Osten war, aber warum sollte es eine unlösbare Aufgabe sein. Das Problem ist wahrscheinlich nicht, daß uns die Symbolphantasie fehlt, sondern daß es so schwer ist, den Kern oder die Kerne der Sache zu erfassen.

anne mohnen 18.12.2012 | 14:19

Lieber Michael,

die zweite Enzyklika Spe salvi  von Benedikt XVI - hier der Text – wird sehr kontrovers auslegt. : »Marx hat mit eingehender Genauigkeit, wenn auch parteilich einseitig, die Situation seiner Zeit beschrieben und mit großem analytischen Vermögen die Wege zur Revolution dargestellt.«

Und dann schlussfolgert der Autor der AG Friedensforschung:

„Benedikt XVI. entfernt sich mit dieser Marx-Würdigung von einer Verketzerung seiner Ideen durch die katholische Kirche - ein höchst beachtlicher Vorgang.

weitere Links: http://www.unserekirche.de/gesellschaft/standpunkt/vatikanzeitung-wrdigt-karl-marx_4249.html

http://vox-nova.com/2008/04/23/pope-benedict-xvi-on-the-false-hope-of-marxism/

Während es beim Focus heißt: „Christentum versus Sozialrevolution"
„Der Leser entdeckt aber auch den Glaubenshüter Josef Ratzinger, der beispielsweise die lateinamerikanischen Befreiungstheologen immer wieder rügte. Das Christentum habe keine sozialrevolutionäre Botschaft gebracht, Jesus sei nicht Spartakus, kein Befreiungskämpfer wie Barabbas oder Bar-Kochba gewesen, betont der Papst. Jesus war die „Begegnung mit einer Hoffnung, die stärker war als die Leiden der Sklaverei.“

Oder bei dWelt, wenn Alan Posener  im ersten Teil seiner Kritik schreibt:

„Jedoch fehlt hier der Hinweis, dass wir im Lauf der Geschichte und unter erheblichen Kosten einige gültige Erfahrungen über den "rechten Zustand der menschlichen Dinge", besonders des Staatswesens, gemacht haben. Der demokratische Rechtsstaat ist der "Zustand der menschlichen Dinge", in dem es am einfachsten ist, gut zu sein, gemäß dem Schillerschen Diktum, dass jenes Staatswesen "ideal" wäre, das es jedem ermöglicht, gut zu sein, nicht, dass er so sei, verlangt. Es ist nicht wahr, dass die Demokratie ein ständiges Eintreten der Bürger für ihre Werte erfordert. Der Normalzustand der Demokratie ist im Gegenteil von einer gewissen Indifferenz der Bürger gekennzeichnet, und das ist auch völlig in Ordnung so. Freilich müssen die Bürger dann den demokratischen Staat verteidigen, wenn er angegriffen wird; das werden sie umso eher tun, je mehr der Staat sie im "normalen Leben" (da haben wir es) in Ruhe lässt, wie das Beispiel der USA (und der angelsächsischen Demokratien überhaupt) bewiesen hat. Ein klares Bekenntnis zum demokratischen Rechtstaat hätte man also an dieser Stelle vom Papst erwarten dürfen. Sein Fehlen - Stichwort "Relativismus - ist in hohem Grad bedenklich.“

Und in Teil II seiner Kritik heißt es dann bei Posener:

"Genauer: da der Papst weder eine gesellschaftlich und geschichtlich bedingte Aufwärtsbewegung der moralischen Empfindungen anerkennt, noch begreift, dass die Demokratie (um mit Schiller zu reden) "dem Menschen ermöglicht, gut zu sein", mehr noch (um mit Adam Smith und Alan Posener zu reden) dem Menschen ermöglicht, moralisch indifferent oder gar schlecht zu sein, ohne dass dies dem Gemeinwesen schadet, ja - im Falle des Egoismus, der Gewinn- und Geltungssucht usw. - sogar schlechte Eigenschaften und scheinbar unsoziale Verhaltensweisen mittels der Marktmechanismen verwandeln kann in gesellschaftliche Güter - da Benedikt, kurzum, die Vorzüge der modernen kapitalistischen Demokratie nicht begreift oder nicht gelten lassen will, bleibt er politisch und gesellschaftlich im Ungefähren, verfällt also dem politischen Relativismus ."

LG am

 

Seifert 18.12.2012 | 15:12

Liebe Anne Mohnen! Alan Posener - einer, der (um mit dem französischen Philosophen Alain Badiou zu sprechen) vom Glauben abgefallen ist (er war früher nämlich ein überzeugter Kommunist) und heute den Kapitalismus als die beste aller Welten lobt - ist wohl kaum die entscheidende Referenz für die Kritik am gegenwärtigen Papst. Der frühere Kardinal Ratzinger war als oberster Glaubenswächter gegen die lateinamerikanischen Befreiungstheologen vorgegangen (man erinnere sich an das Schweigegebot für Leonardo Boff in den 1980er Jahren). Von diesem Papst darf nicht allzu viel an Kapitalismuskritik erwartet werden - auch wenn die zitierte Äusserung zu Marx doch schon ganz beachtlich ist.

Johannes Paul II. war da aus einem anderen Holz geschnitzt - zwar Antikommunist durch und durch, aber mit einer Sensibilität für jene ausgestattet, die sich in einer Position der Machtlosigkeit vorfinden und ihre Lage nur durch kollektive Anstrengungen verändern können. Deshalb (und nicht nur als Pole) war JP II so stark mit der Solidarnosc-Bewegung verbunden. Er bezog sich immer wieder auf die katholische Soziallehre, die vom Vorrang der Arbeit gegenüber dem Kapital spricht. So hielt er das kapitalismuskritische Element der christlichen Tradition lebendig.

anne mohnen 18.12.2012 | 17:31

Sehr geehrter Herr Seifert,

Posener zu erwähnen, macht aus meiner Sicht Sinn. Auch wenn er  Atheist ist, so steht er als dWelt-Autor, wie ich oben schrieb,  für einen bestimmten Zugriff auf Religion in den Medien. Posener diskutiert ja erst gar nicht Benedikts Einlassung zum Marxismus.

In der Tat wäre Benedikts Kapitalismuskritik einmal näher zu untersuchen. Gleichwohl gibt es katholischen Sozialethiker, die auf diesem Felde sehr explizit sind. Der Vatikan, Rom allein macht ja nicht die katholische Kirche allein aus, auch wenn in der Verengung von Kommentatoren wie Posener etc. solch ein Eindruck   kolportiert  wird.

Was  Ratzingers frühere Tätigkeit als oberster Glaubenshüter anbelangt,  so handelte er im Namen von Johannes Paul II, dessen "eiserne Faust" der Deutsche war.

Boff war ja nicht das einzige Opfer, dem der Mund und das Schreiben verboten wurde. Theologisch war der Polen-Papst, wie so viele aus dem Ostblock kommende Priester oder Ordensleute, die ich kennengerlernt habe, kein Intellektueller westeuropäischer Provenienz. Das ist ihm nicht zum Vorwurf zu machen, wohl aber sein Misstrauen.  Der westeuropäische, insbesondere der deutsche Katholizismus war Johannes Paul II  suspekt.  Dabei hatte er ihre Speerspitze beim Vatikanum II kennengelernt ; vor allem die Gedanken der Nouvelle Théologie mussten ihm sehr vertraut sein. Laborem exercens (1981), auf die  Sie sich sicherlich beziehen,  steht meiner Meinung nach auch unter dem Einfluss dieser Begenung und liest sich nach wie vor  als eine wichtige Aussage über den Stellenwert von Arbeit für und von Menschen.

Meiner Meinung nach folgt Benedikt XVI strikt seinem Vorgänger, der mit seiner Antrittsenzyklika Redemptor Hominis (1979?  den Trend zu einer Ent-Weltlichung einleitete und schließlich hart einforderte.

Im Falle der Befreiungstheologie, ich habe das schon öfter angemerkt, war die Haltung Roms besonders rigide in der Durchsetzung. Inzwischen als wichtige theologische Aussage nahezu pulverisiert und Ordensleute,  wie Boff,  längst ihr Ordenshabit abgelegt haben, laufen die Armen in Scharen den Evanglikalen und Pfingstgemeinde in Lateinamerika und China zu. Finanziert durch amerikanische Christen, gehen mit diesen Strömungen handfeste politische Ziele einher. Dies müsste die katholische Kirche sehr schmerzen, stattdessen hat Rom dort bis auf wenige Ausnahmen nur mehr konservative Hardliner als Bischöfe eingesetzt.

 

 

Seifert 18.12.2012 | 18:00

Liebe Anne Mohnen! Sie kennen sich gut aus in Sachen katholische Kirche! Mein Einwand zu Alan Posener bezog sich nicht darauf, dass er Atheist ist, sondern dass ich ihm in "Glaubensfragen" im weiteren Sinne nicht traue. Er kritisiert den Papst nicht von links her, wie dies hier in der Freitag-Community zumeist geschieht, sondern von rechts - als einen zu wenig verlässlichen Verteidiger der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" sozusagen.

Ich wünsche Ihnen eine schönen Abend!

Herzliche Grüsse, Kurt Seifert

anne mohnen 18.12.2012 | 20:45

Lieber Herr Seifert, ich habe Posener schon verstanden, insbesondere seine politische Intention. Offenkundig urteilt das rechte Lager recht unterschiedlich in Hinblick auf Kirche und Religion, deshalb mein Link zum Fokus. Befragte man Michael Hesemann, der auch für dWelt schreibt, zu dieser Schrift , lautete das Urteil anders.  DWelt möchte, wie sollte es auch anders für eine Zeitung sein, ein Spektrum von Meinungen abbilden.

Übrigens Herr Kauder, der mächtige Fraktionsvorsitzende der CDU, der  wie Gröhe einem evangelikalen Protestantismus zugeordnet wird,  Hausautor dWelt ist, hat dem Papst bei seinem letzten Deutschlandbesuch zugerufen, er möge wieder zur christlichen Mission aufrufen. Auch ein Unzufriedener mit Rom.

Robert Zapf 18.02.2013 | 14:15

Ich stimme Ihnen da voll zu. 

Ich selbst hatte damals auch noch Daniela Dahn auf meiner Liste.

Zumindest hätte ich von den Linken gedacht, daß sie solche Leute fragen würden. Vielleicht haben sie es auch, ich weiß es nicht.

Nichts gegen eine Frau Jochimsen, nur als parteiübergreifend, selbst wenn sie sich so versteht, kann ich sie nicht sehen, da die selbst Mitglied der Linken ist.

Und für den Bundespräsidenten würde ich dann entweder einen parteilosen Kanditaten vorschlagen oder einen aus einer anderen Partei, den ich aber persönlich als integer ansehe.

Robert Zapf 18.02.2013 | 14:28

Das finde ich auch positiv.

Und wahrscheinlich hätte er aus diesem Grund das Amt, wäre es denn an ihn herangetragen worden, leider ( aus meiner Sicht ) auch abgelehnt.

Ist aber alles Spekulation.

Was für mich aber stehen bleibt, nach Agenda 2010, Hartz I bis IV, Kriegseinsätzen der Bundeswehr, ist die Tatsache, das Rot/Grün sich treu bleibt.

Sollte ich manchmal schwankend werden, hilft mir diese Erinnerung immer wieder bei meiner Wahlentscheidung.