Die schwierige Kultur des Pluralismus
Zum Breivik-Vorwurf. Die Notiz beschreibt Erfahrungen in der Online- und Netzdiskussion.
Ich will nicht klagen. Wer austeilt, muß einstecken können. Eine zutreffende Binsenweisheit gesunden Menschenverstandes. Außerdem hatte ich gewissermaßen Glück. Das Feuilleton dieser von mir hochgeschätzten Zeitung fing einen Essay von mir auf, der sowohl im Druck als auch online erschien. Dass dieser thematisch eher randständige Beitrag zur „jungen Lyrik“ eine solche Resonanz fand, hätte ich nie erwartet. Beifall und Kritik hielten sich in etwa die Waage, hinzu kamen ein paar Kuriositäten, die sich auf einem Online-Forum im karnevalesken Maskenball der Pseudonyme immer tummeln. Parallel zum „Freitag“ brachte eine junge Greifswalder Online-Zeitschrift die etwas schärfere Fassung des Essays und fand es zunächst spannend, gleichzeitig Texte von mir daneben zu stellen, die auf diese Weise am eigenen Anspruch zu messen waren, ausgewählt allerdings von der Redaktion, nicht von mir.
Das alles regte die sog. Lyrikszene bzw. deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten heftig auf, und zwar nicht nur die kleine Polemik als solche, sondern wohl gleichfalls der relativ prominente Erscheinungsort und der zunächst nicht unmittelbar greifbare Autor. Erhebliche Turbulenzen, große Betroffenheit: Der „Freitag“ wäre auf mich hereingefallen! „Ein rechtspopulistischer Lyrikplappermaulwurf“ hätte sich eingeschlichen! – Mittlerweile liegt mein Pseudonym längst offen, insbesondere in Ergebnis eifriger Recherchen eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers, der, was ich nicht wusste, sowohl gegenüber dem Greifswalder Verlag, der Greifswalder Online-Zeitschrift als auch wohl gegenüber der Junglyriker-Szene allgemein als eine Art administrierender Bewerter oder mindestens Mentor fungiert, hochgeschätzt, hochagil, hochempfindlich.
Dass hier eine moderate Replik von Beate Tröger gegen meinen Beitrag gestellt wurde, so gründlich im Argument wie besonnen im Ton, konnte meinen neuen, mir größtenteils völlig unbekannten und mit Nicknames verschleierten Opponenten als Kompensation keinesfalls genügen; mehr noch, zu den härtesten Einwendern gehört neuerdings insbesondere die Greifswalder Online-Zeitschrift selbst, jene, die mich Wochen zuvor geradezu vorauseilend auf eine Weise protegiert hatte, die ich selbst als allzu offensiv bis suspekt empfand. Jetzt beeilt sie sich ebenso engagiert zu erklären, ich hätte sogar meinen „Ehrendienst“ bei der NVA lyrisch romantisiert. Ja, es gibt Texte von mir dazu, insbesondere zum heiklen Thema Grenze, aber die vermitteln genau das Gegenteil! Diese Materialien sind aber dank erfolgreicher Verhinderungen nirgendwo zu lesen, so dass darüber alles Beliebige behauptet werden kann.
Zunächst andernorts, dann auch hier gingen die Wellen hoch, denn mit meinem „Klarnamen“, wie es im Jargon der Kommentatoren heißt, war schnell offenbar, dass ich für die „Junge Freiheit“ schreibe; und das hatte hier wie anderswo in etwa die Wirkung, als hätte es zwölf geschlagen und die Maske des Roten Todes sei – wie in Poes Geschichte – mitten in der Gesellschaft des Prinzen Prospero aufgetaucht und müsse zur Beruhigung aller Gäste demaskiert werden. Bis Prospero selbst mit dem Dolch die Verfolgung aufnimmt …
Dass einer, nachdem er aus besonderen Gründen literarisch fünfundzwanzig Jahre schwieg und sich auf Tagebuch und Presse beschränkte, dass so einer sein Schreiben wieder aufnimmt und Texte durchreicht, ohne zu den diversen Zirkeln und Duzgemeinschaften der „Szene“ zu gehören, konnte man noch als die unerhörte Frechheit eines dreisten Dilettanten abtun; aber dass der auch noch von der „Jungen Freiheit“ kam, diesem schlimmen Blatt, das ging nun gar nicht! Die sich wichtig nehmenden Foren reichten es allzu gern durch, sich darin sicher, dass nichts einen Autor so wirksam diffamieren und seine Publikationen verhindern kann wie der Alarm, er wäre „rechtspopulistisch“ und ein „Sarrazin-Freund“. Beides Unfug, zudem literarisch ohne Belang, aber sehr effizient. Weshalb eigentlich diese auffälligen Hassreflexe gegenüber jemandem, den man doch andererseits als armseligen Amateur ansieht?
Der Greifswalder Verlag, der erst gar nicht genug Texte von mir einsammeln konnte und den ich sehr vertraulich, aber wohl allzu freizügig über mein Pseudonym wie über meine gesamte Biographie informiert hatte, machte sogleich dicht; ein anderer Verlag, der einen repräsentativen Lyrikband vorsah, sagte mir schriftlich mit explizitem Verweis auf die „Junge Freiheit“ ab. Es ging auch nicht um weitere Nachweise für oder gegen mich, für oder gegen die inkriminierte Zeitung, sondern nur noch darum, DASS ich an diesem Ort schreibe, einerlei was. Wo staatliche Zensur in Ergebnis des demokratischen und Emanzipationsprozesses längst nicht mehr existiert, wirkt um so sicherer der Verhinderungsmechanismus maßgeblicher Institutionen, Gruppen und Personen, die sich selbst als Protagonisten pluralistischer Kultur ansehen und anpreisen.
Ein JF-Autor mit Essays und Gedichten, das ist ein rotes Tuch für all die operettenhaften Nicknames auf dieser und auf anderen Bühnen. Dass anstehende Publikationszusagen an mittlerweile drei Adressen reflexartig und sehr erschrocken zurückgenommen wurden, ist offenbar lange nicht genug. Insbesondere die Greifswalder Online-Zeitung verteidigt jetzt auf ihren Seiten mühselig die Offenlegung des Pseudonyms; und hier im „Freitag“ wird – unter dem bedachtsamen Beitrag Frau Trögers – in einer Weise gegeifert, die zeigt, dass die Multiplikatoren der „Szene“ vollständig ihre Contenance verloren haben. Selbstverständlich ohne Gesicht und anonym auftretend. Cyber-Mobbing klingt dagegen wie ein harmloses Gesellschaftsspiel. Vorläufiges Extrem der Schmähungen: Ich werde von „Marsborn“ – ein mythisch-freudianisches Signal? – als „Möchtegern-Lyrik-Breivik“ angesprochen, also mit einem rechtsradikal motivierten Massenmörder verglichen. Von allen anderen, trivialeren Kränkungen mal abgesehen, ist das nicht nur starker Toback, sondern ein Auftritt, der zeigt, dass gegenüber so einem wie mir jetzt keine Disputationsregeln mehr gelten brauchen und nur noch starkes Geschütz sprechen soll. Zur Erinnerung: Es ging eingangs um Literaturkritik.
Andererseits muß ich dem „Freitag“ für sein utralibertäres Verfahren dankbar sein, in der Diskussion alles und jeden umstandslos freizuschalten. Das schult. Gewissermaßen ja eine Art Agora, von der ich allerdings nicht weiß, ob vor Zeiten dort jede Unflätigkeit – meist verbunden mit gedanklicher Untiefe – toleriert wurde. Immerhin hatte damals jeder ein Gesicht. Ich werde mich davon nicht stören lassen, sondern ruhig weiterarbeiten – im Als-ob freier Publizistik.

Kommentare (6)
Als ich ihren damaligen Artikel las, empfand eine innere Ablehnung Ihnen gegenüber, mir war, dass Sie sich nicht einfühlen konnten oder wollten, dass manche in der Ichform ihre Gedichte verfassen, weil wir heute in einer anderen Zeit leben in der, echte Gefühlsempfindungen, kaum noch anzutreffen sind. Einmal, weil sie hinderlich sind, um in dieser unserer Gesellschaft reibungslos zu funktionieren. Und ein anderes mal, gibt es sehr viele junge Menschen die von Eltern aufgezogen wurden, die selbst ihrer eigenen Bedürfnisse und Gefühle nicht gewahr sind und deswegen den Kindern eine Liebe mitgeben die mit Bedingungen verknüpft sind und darauf ausgerichtet, dass zuviel an Gefühl nur hinderlich ist und man dadurch schnell ins Abseits gerät und durchs soziale Netz fällt.
Dass diese Menschen auf der Suche sind nach Identität und ihrem Inneren Kern der noch nicht erloschen ist, jedoch einer Nahrung bedarf die deine gestohlene Kindheit wiederbelebt. Dem gegenübergestellt, wenn Sie von G. Benn erwähnen, so fehlt der Kontext seiner Sozialen Stellung als Arzt der es sich erlauben konnte unter Einfluss von Kokain, das Ich zerfallen zu lassen und mit ihm auch alle Formungen.
“Den Ich-zerfall, den süßen, tiefersehnten,
Den gibst du mir“: (Du, mein geliebtes Kokain)
Wo kein Ich ausgebildet, kann auch kein Ich zerfallen. Sie verstehen, dass mache junge Dichter die Sehnsucht innewohnt, in Kontakt zu treten, angesprochen werden wollen, den inneren authentischen Kern zu berühren.
..wild und sorglos vor sich hinplappern und bei ihrer „introvertierten Innenschau in bemühter, die erste Person allzu wichtig nehmender Ausdrucksweise von Selbsthilfegruppen“ lediglich noch über das Layout den Anschein von Dichtung aufrecht zu erhalten versuchen..."
Das ist einfach verletzend. Denken Sie an ihre eigene Kindheit und die vielen Verletzungen die Sie in sich tragen und Sie immer auch an Ihre eigene Hilflosigkeit erinnern. Die Junge Welt ist eine Projektionszeitung und wer dort veröffentlicht zeichnet ein Bild von sich nach außen, doch das weiß man zuvor. Die Abstraktion ihrer Texte stehen im Wiederspruch Ihrer Gedichte, weil Abstraktionen die wirklich auch ohne Kokain segmentieren.
weil Abstraktionen die Wirklichkeiten (auch ohne Kokain) segmentiertieren.
Da ich einen Text fast immer direkt ins Netz schreibe und selten vorher durchlese, gibt es immer ein paar kleine unebenheiten.
Da fällt mir auf das ich "Junge Welt" schrieb, gemeint war natürlich "Jungen Freiheit" Ich habe dort ein paar Artikel von Ihnen gelesen und errinerte mich: "Mach doch mal einen Waldlauf" deswegen kam ich auf "Benn" und weil ich selbst nach möglichkeit täglich laufe, hat mich der Artikel interessiert und ja, was Sie über das Laufen schreiben kenne ich zudem konnte ich meinem Bild, dass ich mir zuvor von Ihnen machte, etwas hinzufügen, so dass ich mir vorstellen konnte, "wer" sie sind und ich fühlte diese Selbstdiziplin, die sie sich auferlegten um Ihre Ziele zu erreichen. Doch darin liegt eben auch die Gefahr, sich selbst zum Mittelpunkt zu machen. Manchmal ist es besser, den Mittelpunkt zu sehen, als im Mittelpunkt zu stehen.
Es berührt mich sehr unangenehm, dass Sie versuchen den Anschein zu erwecken, dass Sie wegen Ihrer jungen Freiheit Tätigkeit für ihren Artikel so heftig angegriffen wurden. Die Kritik war massiv und traf einen bedeutungslosen Dilletanten in der Tat nur deswegen, weil der Ort so prominent war. Da war ja noch gar nicht bekannt, wer Sie sind.
Warum tun Sie so, als wäre der Ausrutscher von Marsborn typisch für die Reaktion ihrer Gegner? das empfinde ich als eine Lüge. (Wie man ja auch etrügt, wenn man unter Pseudonym sich selbst affirmiert.) Ebenso muss man schon sehr eigensinnig sein, wenn man die Reaktion als ausgewogen bezeichnet. Was ihre Zustimmer an Stereotypen hatten, wogen ihre Gegner mit fundierten Argumenten auf.
Wenn sie sich doch wünschen, dass man Sie nach Ihren texten beurteilt, warum erwähnen Sie hier Ihren Klarnamen nicht? (Sondern muten ihm etwa eine Recherche in der von Ihnen so gescholtenen Lyrikzeitung zu? Jeder kann da übrigens prüfen, inwieweit ihre parteiische Zusammenfassung des dortigen Geschehens denn zutrifft.)
Offensichtlich hat sich der Freitag erpressen lassen, weil er naiv auf ihre Darstellung der Zusammenhänge herein gefallen ist. (Ich will es fast hoffen, denn ansonsten sind so dürre Unerheblichkeiten im Freitag ja in der Tat seltener. Operettenhaft ist es in der Tat, der Star sind sie ... der Freitag sollte schauen, ob er sein Kompetenz in Sachen Lyrik nicht etwas aufrüstet bevor er wieder solche Artikel aufnimmt.
PS: Warum machen sie alle Ihre Gegner haftbar für irgendeine (zwei) Lyrikherausgeber, die vielleicht besonders links stehen? hätten Sie sagen wir mal, die interessantesten zwei Lyriker haftbar gemacht für die Lyrikszene, dann hätte ihr Artikel keinerlei Grundlage, aber sie wollten dafür ja lieber irgend eine wenig bekannte, wenig gelesene Lyrikseite im Netz verantwortlich machen wo Leute schreiben, die öffentlich kaum eine Rolle spielen. (Das muss ja nicht schölecht sein, es gibt ja immer Unbekanntes, was gut ist, dies wars aber nicht.)
Hochgeschätzer "Als-ob-freier Publizist" Heino Bosselmann aus Torgelow, letzter aufrechter Kämpfer für die Freiheit des Wortes gegen die "sog. Lyrikszene bzw. deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten" (...wer soll das eigentlich genau sein? Weiß dort schon irgendjemand von Ihnen - und wenn ja, warum sollte er/sie?) - Ich freue mich schon wirklich sehr auf die nächsten tausend Fortsetzungsseiten Ihres kommenden online-Häppchen-Manifests zur Errettung der deutsch-abendländischen Dichtung im mutigen Einzelkampf! Das wird, ob nun beim Freitag oder anderswo, vermutlich ein unbeirrbar sprudelnder Quell literarischer Viertelbildung und polemischer Großmannssucht - köstliche Labsal für die gesamte Gegenwartsliteraturmafia in Europa und dem nordöstlichen Vorpommern ... und die Schwierigkeiten mit dem Pluralismus bekommen Sie sicher auch noch in den Griff!;-)
In köstlich amüsierter Heilserwartung - Ihr mythisch-freudianischer (verdammt! entlarvt!! und so kenntnisreich!!!) - MB