oi2503
14.02.2013 | 19:56 17

Mein Leben als Heuschrecke (1)

Private Equity Was passiert eigentlich, wenn eine Heuschrecke, ein private equity Unternehmen, eine Firma übernimmt. Erste Eindrücke, sehr subjektiv.

Mein Leben als Heuschrecke (1)

Foto: quinet/ AFP/ Getty Images

Fast zwei Monate sind es nun, die eine Heuschrecke das Unternehmen, in dem ich arbeite, übernommen hat. Zwei Monate voller Auf und Ab, wobei die Aufs sich wirklich an einem Finger einer Hand ablesen lassen.

Inzwischen wurde ein neuer – zusätzlicher – Geschäftsführer installiert, Hofschranze des neuen Gesellschafters (Eigentümer), der dem Unternehmen die Schulden aus dem Kauf übergeholfen („Aquisitionsfinanzierung“ nennt er das) und sich den direkten Zugriff auf alle Transaktionen beschafft hat. Nichts geht mehr ohne die Oberheuschrecke in FFM.

Aber auch mit ihr geht nichts mehr. Mein Arbeitsleben lässt sich eigentlich nur noch als Paradoxon beschreiben. Es geht drunter und drüber obgleich sich nichts bewegt. Und doch ist eine angespannte, nervöse Energie spürbar. Es läuft auf Entscheidungen zu. Sie werden bald getroffen werden. Bald, demnächst. Vielleicht.

Und so warten wir. Können, nein dürfen nichts machen. Die Grundzüge unserer Unternehmenskommunikation (in der ich arbeite) werden gerade zerpflückt. Die Heuschrecke als solche spricht nicht gerne über sich. „Nicht gerne“ ist dabei britisches Understatement. Und so möchte sie auch nicht, dass wir unseren Weg der Transparenz und des vertraulichen Umgangs mit den Medien weitergehen. Obgleich das Vorgehen der nächsten drei Jahre so wie es uns skizziert wurde, weiter reicht der Horizont einer Heuschrecke anscheinend nicht, sich durchaus als konsequente Fortsetzung des Bisherigen kommunizieren ließe. Die Geschichte der alten Company wird gekappt und durch das Nichts ersetzt. Ein Teil meines Jobs, meiner Aufgabe wird durch das Nichts ersetzt. Ein integraler Bestandteil der Kommunikation in meinen Augen. Marketing allein reicht nicht.

Der Zweck des Unternehmens liegt für so eine Heuschrecke darin, möglichst viel Geld für sie zu machen. Wie das erreicht wird, ist ihr gleich. Es gibt keine Vision außerhalb von Geld, Geld, Geld. Das in unserem Fall wohl am Kapitalmarkt gemacht werden soll. Produkte, Objekte und deren Qualität sind gleichgültig. Was zählt ist die vermutete Vermittelbarkeit für vermutete Käufer von Anteilen (in 3-5 Jahren). Zuvor müssen die Schulden zurückgeführt und einige Tätigkeiten (einige ist wieder ziemlich untertrieben) gekappt werden. Sagt die Heuschrecke.

Seit gestern gibt es ein neues Organigramm. Das allerdings unwahr ist, weil es schon ein weitergehendes gab und wahrscheinlich immer noch gibt. Auf der Basis dieses Organigramms werden nun Personalgespräche geführt werden. Ganze Abteilungen „wandern“. Von einem Kästchen ins andere, in manchen Fällen ist auch der Umzug von einer Stadt in die andere vorgesehen. Die Abteilungsleiter sollen nun in der nächsten Woche wohl aufgefordert werden, Namen zu benennen und Anzahlen von Kollegen, die das Unternehmen verlassen müssen, sollen, können. Und das, obgleich in den meisten Bereichen noch komplett unklar ist, wie es weitergehen wird, welche Aufgaben welchen Arbeitsumfang erfordern.

Es gibt einen Sozialplan. Der stammt noch aus der Zeit vor Heuschrecke und musste übernommen werden mit dem Kauf des Unternehmens. Allein dieser Sozialplan bewirkt, dass die Kollegen noch nicht in Scharen abgewandert sind, sich Neues gesucht haben. Jeder kann sich ausrechnen, welche Abfindung er im Fall einer betriebsbedingten Kündigung erhält. Ab sofort wird nur noch gepokert.

Sollte dies zu „weinerlich“ dahergekommen sein, dann ist das nur teilweise so gemeint. Ich trauere um die „alte“ Company und um all das, was wir geleistet haben, zusammen, in den letzten Jahren. Was kommt kommt und es wird für mich okay sein. Spannend ist es auf alle Fälle, diesen Prozess zu beobachten, so viel Menschenverachtung gebündelt in ganz wenigen handelnden Personen. Zu beobachten, wer versucht über die große Ranschmeisse seinen Arsch ins Trockene zu bekommen, wer widersteht, wo die Streber sitzen, wie sie sich bewegen. Und wie die alte Sozialstruktur teilweise schon jetzt kaputt ist. Schon jetzt? Schon seit einigen Wochen.

Wenn möglich, werde ich weiter berichten.

P.S. Einige der Kollegen, die nun wohl demnächst das Unternehmen verlassen werden, haben ein Jahr lang neben ihren eigentlichen Aufgaben und zusätzlich zu diesen an der Verkaufsfähigkeit des Unternehmens gearbeitet. Ironie? Ach iwo, ganz normaler Finanzkapitalismus, hautnah erlebt.

 P.P.S. Ich kann hier nicht "offener" schreiben, weil der Verkauf des Unternehmens ziemlich einzigartig war. Und ich mich noch ein wenig schützen muss. Sry dafür.

Kommentare (17)

hardob 14.02.2013 | 20:48

die wahre Heuschrecke

(http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heupferd_fg01.jpg)

Heuschrecken verursachen in unseren Breiten  wenig Sorgen. Menschen sind's, Verrückte, Soziopathen, Wirtschaftslenker eben. Mit ihnen ist nicht auszukommen. Ihnen ist nicht beizukommen. Wahrscheinlich gelingt es  Heuschrecken leichter das Absingen der "Internatinalen" beizubringen, als aus solchen "Investoren" Menschen zu machen. 

 

Um Dein Leid zu mildern, kann ich Dir nur mitteilen: "Du bist nicht alleine", anderen geht's noch viel dreckiger als Dir. Hier kannst Du es hörenoder hier nachlesen, falls die Links funktionieren.

 

http://www.dradio.de/download/187204/

http://www.dradio.de/download/187204/

oi2503 14.02.2013 | 21:24

"Um Dein Leid zu mildern, kann ich Dir nur mitteilen: "Du bist nicht alleine", anderen geht's noch viel dreckiger als Dir."

Da ist der falsche Eindruck angekommen, ein wenig befürchtet. Es gibt bei mir kein Leid, das ich gemildert haben wollte. Der Beitrag war der Versuch einer Beschreibung, nicht mehr, nicht weniger. Und dass es anderen noch dreckiger geht hat, leider oder vielleicht zum Glück, wohl noch niemendem geholfen. Da ich keine "Hilfe" brauche, ist das okay.

Behalte dir dein "emotionales Ohr".

LG, Oi

Anchesa 15.02.2013 | 01:38

Lieber OI,

danke für den Versuch der Schilderung. Ich weiß, es fällt schwer, vor allem, weil man bei jedem Wort vorher die Konsequenzen überdenken muß.

Auch bei uns nichts neues...

Vorher : Wir alle arbeiten am Erhalt der Firma... Die Führungsebene muß verkleinert und effektiviert werden... Wir müssen unsere Räumlichkeiten verkleinern...

Jetzt : Die Angestellten (nicht alle) Lohnkürzung... die Führungsebene wird vergrößert... die Räumlichkeiten bleiben zu groß...

Und man fühlt sich weiter ohnmächtig und verraten !

VG

A.

PS. Ich wünsche Dir für die nächsten Monate viel Kraft und Geduld !

tlacuache 15.02.2013 | 05:48

Drucken Sie jetzt, lieber Freitag.

OI, eine gute Einfuehrung in die Heuschreckenforschung.

Anmerkung:

..."Am Anfang des Heuschreckenschwarms steht üblicherweise eine Nahrungskrise: Weil das Angebot an Fressbarem knapper wird, müssen die Tiere ihre Distanz zueinander aufgeben – in erzwungener Gemeinschaft machen sie sich auf die Suche nach Nahrung. Damit steigt für sie aber auch das Risiko: Insekten, die nicht mit dem Strom ziehen, laufen Gefahr, von Artgenossen angegriffen und verspeist zu werden"...

Uebrigens aus dem Handelsblatt...

 

oi2503 15.02.2013 | 05:59

"Ein guter Kommunikationsmann ist nie ein reiner Söldner..."

Stimmt, das geht nicht. Weil wir immer wieder die Fragen der Journalisten hören und bei jeder Maßnahme eben auch diese schon mitdenken. Und versuchen in diesem Sinne die Top-Führungsriege zu beraten. Und nur, wenn du, also ich, dabei einigermaßen ehrlich den Gesprächspartnern außerhalb der Company gegenüber glaubwürdig sein kannst, entsteht vielleicht auch Vertrauen.

"Kommunikation ist Unternehmenskultur, (...)"

Und Nicht-Kommunikation auch.

"(...) die Aufgabe in letzter Konsequenz (auch) politisch."

Strategisch würde ich es nennen. Und genau da ist die Crux. Strategisch sein und trotzdem glaubwürdig. Manchmal auch Dinge verschweigen, manchmal Sachen "unter drei" ansprechen. Das geht nur, wenn du kommunizierst. Wenn nicht, bleibt dir keine Möglichkeit auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen.

 

oi2503 15.02.2013 | 06:04

Liebe Anchesa,

vielen Dank für die Wünsche. Kraft und Nerven kann ich brauchen.

"Vorher : Wir alle arbeiten am Erhalt der Firma... Die Führungsebene muß verkleinert und effektiviert werden... Wir müssen unsere Räumlichkeiten verkleinern..."

Ja, so einen Moment gab es bei uns auch. Das war das eine Auf, von dem ich schrieb. Die Heuschrecke berichtet der Belegschaft, sie macht das gut, scheint ehrlich zu sein und es blieb so ein Gefühl von "die sind doch gar nicht so schlimm wie befürchtet". Das hat sich im Moment schon, wenige Wochen später, als großer Luftballon, geplatzt, erwiesen.