Konfuzikuntz
02.01.2013 | 06:02 73

Augsteins Lager

Das absolute Böse? Der Antisemitismusvorwurf gegen Jakob Augstein kann nicht politisch und mit Blick auf Israel verstanden werden. Sondern nur psychologisch und mit Blick auf Deutschland.

 

Gaza: Da hatte ich mal ein Lager...

Prost! Jakob Augstein ist kein Feind jüdischer Kultur. Ihm das zu unterstellen ist abwegig. Allein - das unterstellt ihm niemand. Er mag politisch träumen wovon er will, wenn er am Flughafen von Chicago ein paar orthodoxe Juden sieht, dürfte ihm gewiss eher ein paar kosmopolitische Gedanken beschäftigen als der verkniffene Traum von einem Ort, an dem dann Aschewolken aufsteigen.

Doch wenn das so ist, was niemand bestreitet- warum bezeichnet Jakob Augstein dann Gaza als ein "Lager"? Weiß er nicht, was er damit macht? Was das heißt? Hat das Wort nicht den Sound, den es hat? War Treblinka ein Landstrich?

Gleich in medias res!

Die "Auszeichnung" des Simon-Wiesenthal-Centers ist richtig.
Und Sie ist richtig tragisch. Es musste so kommen. Und die Geschichte dürfte noch weiter gehen. Denn es ist ein tief eingebranntes polit-psychologisches Thema.

Man kommt dem Verständnis dessen, was da passiert, nicht mit Blick auf Israel näher oder wenn man glaubt, Augstein habe persönlich etwas gegen Juden. Das ist nicht der Fall und darum geht es auch überhaupt nicht. Es ist in gewisser Hinsicht sogar ein gutes Zeichen, dass man keinen "schlimmeren" Antisemiten findet als Augstein.

Was die augsteinschen Israel-Texte allerdings sehr schön spiegeln ist die psychische Situation mancher unserer Landsleute "post-Holocaust".

Seine ganze Israelpublizistik sagt uns zwischen den Zeilen vor allem eines: Nämlich dass er ein Deutscher ist. Klar, wieso nicht. Er schreibt ja nicht im historisch luftleeren Raum.

Hmm... Stimmt! Nur dass dem Leser zwischen Augsteins Zeilen das mitunter neurotische Geraune jener Gruppe von Mitbürgern entgegenschwappt - denen

(a) uneingestandenermaßen historisch Unverdautes im Magen liegt und die

(b) dazu neigen, dies dadurch zu kompensieren, dass sie andere mit dem Dreck bewerfen - den sie selbst gar nicht angestellt haben.

Ob da ein durchaus respektabler Publizist dafür eine "Auszeichnung" erhalten hat - und womöglich die Welt nicht mehr versteht?

 

Augstein the German

Man stelle sich Jakob Augstein einmal als, sagen wir, Luxemburger vor. Vielleicht als Herausgeber einer Tageszeitung, in der er sich von Zeit zu Zeit in Leitartikeln zu politischen Fragen äußert und dies natürlich auch zu Nahost tut. Was glauben Sie: Hätte er da auch das Wort "Lager" geschrieben? Mit all seinen Implikationen?

Eher nicht, oder? Es ist außerhalb Deutschlands nämlich nur sachlich falsch und beinhaltet nicht die Möglichkeit, die "eigene" (?) historische Last durch einige Formulierungen, um deren Wirkung ein Mann wie Augstein genau weiß, den Juden ans Bein zu binden.

Das Wort "Lager" UND dazu ein jüdisch-israelischer Kontext... das sind, sorry Herr Augstein, assoziative Ascheberge. Schön, wenn die Juden sowas auch mal hinbekommen, oder? Dann durfte der Führer ja doch abrechnen... Im Ernst: Eine industrielle Vernichtung von Menschen im Gaza-Steifen? Wenn das stimmt, schließe ich mich sofort denen an, die Sie da gegen das Simon-Wiesenthal-Center verteidigen...

Die Augsteinschen Nahost-Beiträge erfüllen eine Doppelfunktion: Meinung zu Israel schreiben. Und historische Phantomschmerzen, an denen er - und nicht nur er, es geht mir um das Muster - offensichtlich leidet, auf die schlechtest denkbare Art und Weise auf Israel zu projizieren... Natürlich nur rein zufällig auf Israel...

Doch ob die historischen Verdauungsprobleme von Menschen bestimmer national-historischer Herkunft dadurch weggehen, dass man andere – natürlich sind es nur rein zufällig Juden - als dunkle Bösewichte mit "Lagern" darstellt? Ist das die richtige Therapie? Ohne den Doktor um Rat zu Fragen einfach mal im Gutmenschenanzug losstiefeln?

Liegt die Lösung des Problems, das die Betroffenen da so quält wirklich in der israelischen Politik? Im Lager Gaza? Hat man denn wirklich keine historischen Verdauungsprobleme mehr, wenn die angeblichen Aschewolken dort abziehen? Oder liegt das Problem nicht vielleicht doch eher in Deutschen Köpfen? Hmm?

Eigene Glaubenssätze hinterfragen.

Es behauptet niemand, dass Augstein Lager für Juden eröffnen will oder irgendetwas mit Julius Streicher zu tun hat. Das ist vollkommen abwegig. Er ist auch kein "schlimmer Antisemit". Und dennoch...

Ich trage schwer am Holocaust und einer politischen Theologie des absoluten Bösen, die Erbschaft der zwölfjährigen deutschen Geschichte , der ewig zu Gedenken ist... Ich weiß im Grunde, dass das falsch ist und ahne, dass ich damit die Zukunft erschwere. Aber das hieße ja Hitler vom dunklen Sockel zu nehmen. Nicht mehr des Führers gedenken - Ihn womöglich vergessen, den lächerlichen Kasper...
Sag das nicht so laut! Da! Schau! Die Juden haben auch Lager!


Mehr Relativismus wagen. Gegen die Metaphysik des Todes.

Lieber Herr Augstein:

Das Konzentrationslager haben die Engländer erfunden. Im Burenkrieg. Mit dem politischen Exterminismus und dem gezielten Töten ganzer Bevölkerungsgruppen haben ihre Freunde, die russischen Kommunisten sich erste historische Sporen verdient...

Aber - das darf doch niemand wissen! UNSERE SCHULD MUSS SINGULÄR! TOTAL! EINZIGARTIG IN DER WELTGESCHICHTE! ACH WAS! IN DER EWIGKEIT SEIN!

Wir tragen Verantwortung für das absolute Böse.

***

Gewiss überzeichnet, was ich da schreibe. Aber ganz falsch?

Was denken Sie?

Ob derartige Glaubenssätze nicht irgendwann abfärben?

Und so ist die autosuggestive aufgeladenene Last fremder Verbrechen (und deren Verabsolutierung) - immer schwerer auszuhalten.

Es sollte noch ergänzt werden, dass das hier skizzierte Mindset ganz gerne progressive Kreise befällt. So dass man auf einmal Jenseits von Gut und Böse dasteht... :)

Und der Druck steigt. Man hat die Tatsache, dass man sich Hitlers Verbrechen freiwillig umhängt - nämlich verdrängt. Bis man sie dann in einer Art projektiver Übersprungshandlung eben mal wieder dem ewigen Juden um die Ohren haut, weil man das Gefühl hat, sonst zu ersaufen. Antisemit? Nein, ist man keiner. Man ist streng dagegen, dass man die Juden zu Sündenböcken macht. Deswegen schützt man sie offiziell vor deutschen Nazis, die tief in die Gesellschaft eingesickert sind. Es eigentlich immer waren. Sogar von "linken Antisemitismus" ist da die Rede. Ein einzigers Lager, der Gazastreifen.

Das - oder ungefähr das - ist der  "Augsteinsche Antisemitismus".

Er ist ein Selbsterleichterungsantisemitismus freiwillig Vorfahrenschuldüberladener und Gutgesinnungsesoteriker.

Und weil man sich als Inhaber eines solchen Mindset gar nicht erst bemüht, zu den Guten zu gehören, sondern stets sicher ist, dass dies per se vollautomatisch der Fall ist, glaubt man selbst mit einer Formulierung, die vor allem nach einem klingt: nämlich nach Ascheregen über dem östlichen Mittelmeer, noch historisch verantwortlich zu handeln. Dabei macht man das genaue Gegenteil. Und spürt die die eigene Unaufrichtigkeit nicht.

Es hat auf der ganzen Welt "gelagert" im zwanzigsten Jahrhundert. Aber in Gaza? Heute?

 

Der dunkle Tempel

Wer im ersatzreligiösen Holocaust-Tempel betet, bekennt sich zu folgenden Glaubenssätzen: 

Ich bin total gut. Die Deutsche Geschichte ist total böse. Denn das Böse wurde den Deutschen geschickt. Ich bin daran nicht schuld. Aber ich trage die weitere Verantwortung für das totale Böse.

Da biss sich die Katze in den Schwanz.

Der absolute Holocaust des politneurotischen "Denkens" in Deutschland (wäre es nicht so geschmacklos, könnte man fast einen Witz mit einem Goebbels-Zitat daraus machen) ist so tief eingebrannt, zugleich so alltäglich und, sorry, so indiskutabel, so gaga, dass dass der bloße Hinweis auf die Möglichkeit des Falsch-Liegens für die Anhänger schmerzhaft ist und schwere Dissonanzen erzeugt - die dann projiziert werden.

Wer diesem Denken angehört, den könnte Achmadinedschad zur nächsten Holocaustleugnerkonferenz einladen - er würde es in vollkommener Arglosigkeit nicht verstehen. Es ist eine dogmatisch arretierte Glaubenswelt, in der ein deutscher Verleger besten Willens seinen Ruf ramponiert.

Hitler ist die dunkle Gottheit (man ist ja Atheist) und die israelische Regierung mit ihrer Politik, ach was, ihrem Lager! - der Fußabtreter.

Ein Geisterfahrer? Hunderte! :)

 

Auf die Politcouch!

Es ist, wieder sachlicher formuliert, letztlich ein polit- und kollektivpsychologisches Thema, ein Wahnsystem.

Und es ist innerhalb dessen unmöglich, einen Überblick über die eigene Lage zu bekommen. Zumal man ja die eigene Unruhe loswerden will angesichts der vergessenen Selbstverpflichtung, nicht Sonntagsmorgens des Guten, sondern lieber, angeblich in Sack und Asche, des absolut Bösen zu gedenken  - und daraus auch noch politischen Sinn ziehen zu müssen...  Man ist als gutgesinnungsmäßig eingenordeter Antifaschist hierzulande ein bisschen Satanist und irgendwie auch ein bisschen Hitlers Testamentsvollstrecker. Das ist krank. Und das stößt auf. Und man kotzt damit dann die Juden voll. Und beschimpft seine Mitbürger, die es einem sagen. Natürlich als Nazis.

Aber man sieht es nicht einmal im Ansatz. Wie gesagt. Die spinnen alle.

 

Im Hauptquartier des Wahnsinns

Man ist dem Guten und dem Bösen zugleich verpflichtet! UND WIRD DARÜBER LANGSAM VERRÜCKT. Es hüpfen zwar keine rosa Eichhörnchen durchs Bild.  Aber es gehen laufend solche eigenartige "Würdigungen" ein. Eigenartig...

Wie schön, dass man da den philosemitischen Helm noch ein wenig enger schnallen und sich damit trösten kann, dass ja auch die Juden da ein Lager betreiben...

Der Führer bittet zum Tee.

 

THERAPIEVORSCHLAG

Man kann es so gut meinen, wie man will. Eine Gesinnungstethik ist auf dem Boden der Wirklichkeit nicht von Belang. Es zählt was man tut. Und wenn man einen Sündenbock für die eigene Verlogenheit braucht, dann liegt man auch dann falsch, wenn man der Gärtner ist.

Augenaufschlag. Aber wir meinen es doch alle gut.

Hört auf, geschichtliche Ereignisse zu sakralisieren. Hört auf, Euch Steine aufzuladen (seelisch vor allem, realpolitisch kann man da drüber reden), die nicht Eure sind. Und wenn Ihr das schon glaubt, tun zu müssen, dann werdet mit Euren Bauchschmerzen diesbezüglich bitte alleine fertig. Ich habe auf Euren selbstgerechten Hitlerkult keine Lust. Das Simon Wiesenthal-Center, für die ganz vernagelten Freaks unter Euch demnächst wahrscheinlich eine jüdische Naziorganisation bekritteln, übrigens auch nicht.

Wie wäre es einfach mal mit ein klein wenig Realismus und einem klaren Blick auf die angeblich so alleinfinstere eigene Geschichte? Dann müssten nicht mehr die Israelis für Eure unhaltbaren Lebenslügen herhalten. Wäre das was? So aus historischer Verantwortung vielleicht? Hmm? :)

Liebe ist für alle da. Doch ihr identifiziert Euch mit dem absoluten Bösen. Hitler war ein Verbrecher. Aber Ihr blast ihn zur dunklen Gottheit auf und wollt auch noch die Tempelherren sein. Es ist ekelhaft. Und die Scheiße, in der Ihr meint, Euch suhlen zu müssen, Sie fängt an abzufärben.

Und so gehen zusehends "Auszeichnungen" ein. Und die Institutionen, deren Stempel sie tragen, sie werden renommierter. Die Welt ist kompliziert geworden.

Wie beruhigend ist es da doch, zu den Guten zu gehören.

Kommentare (73)

seriousguy47 02.01.2013 | 08:56

Ich habe jetzt nicht die Zeit, ein Adorno-Zitat zum Zusammenhang von schlampig Formuliertem und schlampig Gedachtem zu suchen, um mich damit ideologisch abzusichern.

Deswegen vermute ich jetzt einfach mal, dass Sie mit Augstein (und einem Großteil der FC) das schlampige Formulieren als Ausdruck schlampigen Denkens teilen.

Beispielhaft dafür nehme ich das Wort "Lager", das Sie flugs Augstein als "Vernichtungslager" unterschieben wollen, was er so sicher nicht gemeint hat.

Augstein seinerseits vermeidet es offenbar (?) zum einen, die Lagerkommandanten von Gaza (Hamas) zu nennen und zum andern auf deren ideologische Wurzeln hinzuweisen: zumindest in Teilen der Faschismus/ mörderische Antisemitisnmus. Sollten bislang unbewiesene Gerüchte zutreffen, dass israelische Geheimdienstler die faschistische Hamas gefördert haben, um die linke Fatah zu schwächen, wäre die Chose noch delikater....

Sie und Augstein haben also allen Grund zum Nachjustieren. Jedenfalls ist die Verwendung des Begriffes "Lager" im Augsteinschen Zusammenhang keineswegs automatisch als antisemitisch zu verorten, wie Sie gerne suggerieren möchten.

Auch aus einem anderen Grunde nicht, den Sie und andere Antisemitismus-Krieger gerne übersehen. Nachgeborene wie ich sind unter Aufsicht von Alliierten, zurückgekehrten Emigranten und schuldbewußten Altvorderen zu einem hoch ethischen und moralisch aufgeladenen Demokratie- und Rechtsstaatsverständnis erzogen worden. Augstein später in seinem Elternhause wohl eher noch mehr.

Attacken auf die USA und/ oder Israel und die Verwendung von Begrifflichkeiten wie "Lager" sind in solchem Zusammenhang inhaltlich einzuordnen als möglicherweise überdrehte moralische Attacke aus einem möglicherweise moralisch überdrehten Politikverständnis heraus. Manchmal vielleicht auch einfach als Ausdruck enttäuschter "Liebe"/ Bewunderung/ Verehtrung.....

Das kann man anders sehen, man kann es kritisieren, man kann auf die von Ihnen genannten möglichen Konnotationen hinweisen. Nur den Antisemitismus darf man nicht bemühen. Sonst schmäht man dessen reale Opfer durch Inflationierung des Begriffes und des Leids, das aus ihm resultierte.

Und kritisieren sollte man Augsteins schlampige Denke, die er gerne mit dem Titel "Meinungsmedium"  veredeln möchte. Indirekt dazu:

http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2013/01/das-ende-der-zeitung/

 

ebertus 02.01.2013 | 09:14

ich gestehe! Bis zum "Therapievorschlag" habe ich den Text lediglich überlesen, da triggert mir zuviel Historisches, zuviel "Deutsches", als wenn es diese noch zu definierende Spezies überhaupt noch gebe und gar Gefahr besteht, dass "Die Deutschen" als letztes/einziges/ultimatives Feindbild womöglich aussterben könnten - und damit das hierzulande gern zelebrierte "Godwin's Law" ebenfalls.

 

Wie wird denn der Deutsche, der Delinquent im Sinne von Sippenhaft überhaupt definiert? Nationalstaatlich, religiös, ethisch, geografisch, kulturell? Ab wann kippen Qualitäten in Quantitäten, werden sarrazineske "Gene" verwässert?

 

No way! Wenn zwei das gleiche sagen, realistischerweise genau so bennenen müssten, dann sollte sie es tun.  Die Tonlage darf nach gefühlter, jeweils eigener, gefühlter Historie auf Seiten der "immer Guten" vs. der "immer Bösen" gern etwas unterschiedlich sein; mehr jedoch nicht. 

 

Und die Therapie? Ist mir zu verschwurbelt, zu wenig konkret, zu sarkastisch-suggestiv im Sinne des Vorgenannten. Vielleicht mal Avraham Burg lesen, genauer dessen: "Hitler besiegen". Das gibt es Therapie ohne Ende für Juden/Israelis und das darf auch gern auch jenseits dieser Zielgruppe, gar spiegelverkehrt gelesen, verstanden werden.

 

Ansonsten -wiederhole mich- einfach mal kritische jüdische und nordamerikanische Medien, Literatur etc. lesen. Begriffe und Sachverhalte, bei denen hierzulande der gestandene Israelsupporter dem (gespielten?) Herzkasper nahe kommt,  die werden dort und oft auch sehr seriös, breit diskutiert.

Augsteins Wortwahl ist dagegen extrem gesoftet.

 

freedom of speech? 02.01.2013 | 09:51

"...Der Antisemitismusvorwurf gegen Jakob Augstein kann nicht politisch und mit Blick auf Israel verstanden werden...."

Was soll denn so eine Liste dann bewirken? Am Ende der Liste selbst steht: http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TT_2012_2.PDF

we invite members of the public to forward to the wiesenthal center anti-semitic and/or anti-israel so that such incidents can be exposed and that the perpetrators be held accountable in the court of public opinion. 

 

GEBE 02.01.2013 | 12:33

Meine Güte!

„Doch wenn das so ist, was niemand bestreitet- warum bezeichnet Jakob Augstein dann Gaza als ein "Lager"? Weiß er nicht, was er damit macht? Was das heißt? Hat das Wort nicht den Sound, den es hat? War Treblinka ein Landstrich?“

 

Wenn nun für sich neutrale Begriffe, weil sie auch von den Nazis und im Zusammenhang des „Tausendjährigen Reichs“ zur Verwendung gekommen sind, für die Zukunft als kontaminiert gelten sollen, dann, ja dann ist das Ziel der Nazis tatsächlich erreicht worden: Die Verhaftung und Umerziehung für die nächsten noch 920 Jahre(!) durch anglo-amerikanischen Logen, die die neue Weltherrschaft diktieren. Denkverbote fangen u. a. auch stets mit der Sperrung des Gebrauchs von Begriffen an!

GEBE 02.01.2013 | 12:41

P.S.:

Was Sie, Herr Kunz, hier vollziehen, ist nichts weiter, daß Sie eben aus dem Begriff unter eigenem Zusammenassoziieren einen polemischen Unbegriff und eine dreckige Ausrichtung konstruieren.

Das, Herr Kunz, weist stets auf die eigenen „Denk“-Strukturen, auf die eigenen Gedankeninhalte, und auf nichts anderes. An Ihrer Stelle würde ich dieses Blog, wegen seiner Dämlichkeit, löschen.

GEBE 02.01.2013 | 13:44

Ich habe den Eindruck, daß man Herrn Kunz nicht gerecht wird, wenn man ihn nur auf „deutschtümelnd“ reduziert; dafür hat er schon einiges geschrieben, was wirklich sehr klug war und überhaupt nicht diese Färbung aufgewiesen hat – was durchaus möglich gewesen wäre, wäre er nur schlicht „deutschtümelnd“. Hier allerdings scheinen ihm die sprichwörtlichen Gäule durchgegangen zu sein.

(Wissen Sie, das mit dem „deutschtümeln“ ist ja zudem ein solch unscharfer Begriff, mit dem man allenfalls agitatorisch und demagogisch herumschlägt und große Gefahr läuft, es sich leicht machen, in Schubkästen einzusortieren. Ich selbst habe große, liebevolle Affinitäten zu deutschem Geistesleben, zu deutscher Kultur, zu deutscher Literatur usf., und bin auch der Ansicht, das diese eine wichtige (viel zu klein gewordene) Rolle innerhalb der Welt spielen; deswegen könnte man auch mich billig als „deutschtümelnd“ bezeichnen und versuchen, mich mit einer entsprechenden Political-Correctness-Schublade zu erschlagen, weil ich der geistlosen pan-Anglo-Amerikanisierung mit ihrer Dressur zur Beliebigkeitshuldigung entschieden entgegenstehe.)

 

JR's China Blog 02.01.2013 | 13:52

Und die Institutionen, deren Stempel sie tragen, sie werden renommierter.

Das bezweifle ich. Institutionen, die so dürftig arbeiten (ein paar Augstein-Zitate, ein langes Broder-Zitat, und unter Vermeidung einer eigenen Stellungnahme), tun das aus meiner Sicht zu Lasten ihrer Reputation.

Aber in einem Punkt gebe ich Ihnen gerne Recht, Herr Kuntz: die ganze Debatte sagt sehr viel über Deutschland aus. Anstatt sich zu fragen, was zu Hause schiefläuft, "befasst" man sich lieber mit Israel. Dafür gibt es inzwischen mehr "Experten" als für den Fußball.

Und damit wird es in Deutschland nicht besser.

Angelia 02.01.2013 | 14:06

"Anstatt sich zu fragen, was zu Hause schiefläuft, "befasst" man sich lieber mit Israel. Dafür gibt es inzwischen mehr "Experten" als für den Fußball.

Und damit wird es in Deutschland nicht besser."

Was für eine traurige Killerphrase, du liebe Güte.

Was denken Sie welche Folgen ein politisch instabiler Naher Osten auch für Deutschland haben könnte. In einer global miteinander verknüpften Welt empfiehlt es sich einfach über den Tellerrand hinaus zu blicken.

GEBE 02.01.2013 | 14:13

@ Angelia

"In einer global miteinander verknüpften Welt empfiehlt es sich einfach über den Tellerrand hinaus zu blicken."

Es sollte dieser Blick allerdings ein nicht politisch-utilitaristischer sein. Ansonsten schaut man zwar über den eigenen Tellerrand, aber jedoch nur auf den Teller des Gegenübers - allenfalls noch bis zur Tischkante.

Ich halte JR's China Blog's obigen Kommentar durchaus für sehr gerechtfertigt.

silvio spottiswoode 02.01.2013 | 14:18

Diesen Text haben wir jetzt echt gebraucht, oder? Antisemiten auf die Politcouch. Hmm?

Das ist sicherlich irgendwo gut gemeint. Auch entbehrt es nicht eines gewissen Humors. Aber, wollte man diesen Text jetzt – tiefenpsychologisch – einfach mal in seine Einzelteile zerlegen, dann offenbarten sich einem doch einigermaßen gruselige Befindlichkeiten.

Ich muss zugeben, dass ich den Text recht durchgeknallt finde. Ihn nicht verstehe oder nicht verstehen will. Und überhaupt, wie, um Himmelswillen, kann man so schräg drauf sein dieser zutiefst traurigen, grauenhaften – letztlich unendlich tragischen – Thematik kollektiver Mitschuld mit derart kaltem, böswilligem, besserwisserischem Zynismus zu begegnen. Da weiss man gar nicht wo man beginnen soll, um eine Verständigung herbeizuführen.

Wie ernst sollte man das nehmen? Ist Andreas Kuntz, der Autor, noch bei seinen sieben Sinnen oder schon jenseits, komplet meschugge, nur noch dem albtraumhaften Wahn seiner eigenen Fabrikationen verpflicht?

Sollte man als Leser da jetzt Mitleid haben? Versuchen zu erklären? Sollte man alle Fakten aufzählen, um erst einmal die Sachlage verständlich zu machen? … Da wäre es natürlich einfacher, säße man am selben Tisch. Allein das Bild des Gegenübers, die Mimik, die Gestik, die Stimmlage, die Betonung der Silben würden einem sicher mehr als genug Aufschluss über sein Gegenüber geben.  Oft viel mehr, als der geübte Beobachter eigentlich wissen möchte. Also, will man das? Da wären alle Fragen wahrscheinlich schnell beseitigt.

JR's China Blog 02.01.2013 | 15:10

Was für eine traurige Killerphrase, du liebe Güte.

Das ist ein vorschnelles Urteil, Angelia. Beachten Sie einfach den Link, den ich in den Kommentar eingebaut habe, auf den Sie sich beziehen.

Es geht dabei um verschiedene Formen, in der unsere "Eliten" unser Fieber messen und sich dann beruhigt wieder zurücklehnen.

Die allgemeine Fixierung auf den Nahen Osten ist nämlich vor allem unpolitisch. Wenn wir unser eigenes Haus nicht etwas anständiger bauen können, ist der starre Blick übers Mittelmeer nichts weiter als eine Ersatzhandlung.

Mit wütenden Kommentaren beim Freitag - und die vorzugsweise immer in die gleiche Kerbe - bleibt hier alles beim Alten.

Insofern wäre allenfalls die ewige Nahost-Leier die "Killer"-Debatte. Würde sie generell in einer vernünftigen Form geführt, wäre diese Bezeichnung allerdings nicht gerechtfertigt.

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Ehemaliger Nutzer 02.01.2013 | 15:14

Um den ganzen Text zu lesen, dafür war er mir zu dümmlich. Herr Augstein wird also zu Recht als "Antisemit" beschimpft, und das er deutscher ist, macht es nur noch schlimmer wie?

Wer berechtigte Kritik an Israel übt - egal, wo er herkommt - wird also automatisch zum "Antisemiten"! Auch wenn nur die Wahrheit dargestellt wird! Ich bin Deutscher, bewusst kein "Semit" also scheinbar "Antisemit" und mag die Politik Israels überhaupt nicht! Aber das werde ich ja wohl in einer Demokratie frei äussern können. Und das die Palästinenser in ihrem eigen Land in Lagern gehalten werden (Gaza ist das Grösste!) gefällt mir auch nicht - egal wie der Begriff hier belastet ist - es ist eben die Wahrheit. Und es gibt die Wahrheit von 1949 und von 1967! Wer wehrt sich denn andauernd gegen UN-Beschlüsse? Warum will Israel besetztes Gebiet nicht wieder räümen - das ist die entscheidende Frage.

silvio spottiswoode 02.01.2013 | 17:36

O oh. Jetzt wir's gaaanz schwierig, Meister Gebe. Verdrängung ist aber auch eine Strategie, zuweilen sogar keine schlechte.

Ausgehend von den Tatsachen jedoch, hier von ihrem Profilbild und den dazugehörigen Informationen: Sie, ein steinalter, und sicherlich sehr weiser Mann, also ca. 70 -90 Jahre alt, d.h. wahrscheinlich irgendwann zwischen 1920 und 1945 geboren …  Ich sage es wirklich höchst ungern, aber da müßten Sie schon sowas wie ein hartgesottener Widerstandskämpfer gewesen sein, um in der Tat keinerlei moralische Verantwortung für das geschehene Unrecht zu tragen. Denn hinter dem Begriff der kollektiven Mitschuld verbirgt sich ja immer auch – für die allermeisten – gerade eine moralische Schuld. Das Schweigen dem Unrecht gegenüber, dem sie täglich, stündlich überall begegneten.

Ich wurde jedenfalls 30 Jahre später geboren, sehe aber durchaus eine historische Verantwortung, die es nach wie vor – und immer wieder neu – in Deutschland zu bewältigen gibt. Natürlich muss dies freiwillig geschehen. Aus unserem tiefsten Innersten heraus sollte da ein Wunsch nach Gerechtigkeit und Ausgleich sein. Kein Zwang, keine Verpflichtung, kein Muss.

Wir alle sind ein Teil im Band der Kontinuität unserer Vorfahren. Ihr aller Leben wurde von diesen Geschehnissen unwillentlich beeinflusst. Auch ich bin Teil einer langen Kette. Mich ihrer zu entledigen würde den Verlust meiner Geschichte bedeuten. Entwurzelt im Niemandsland der unerträglichen Leichtigkeit des verantwortungslosen, unverorteten Seins.

Alles hier ist bis heute von der Vergangenheit durchtränkt, das spürt man in Deutschland regelrecht. Nirgendwo ist Geschichte so mit den Händen greifbar. Man erlebt das in der Kultur, in den Orten, bei den Menschen und ihren Geschichten. Sogar in der Natur, wenn man auf Spaziergängen unverhofft über Trümmer aus dem Krieg stolpert.

Aber, wenn es Sie beruhigt "kollektive Mitschuld mit Ausnahme von GEBE!". (Wobei ich mir da an ihrer Stelle jetzt eher Sorgen machen würde.) Let's agree to disagree on this one. In aufrichtiger Hochachtung.

Georg von Grote 02.01.2013 | 17:54

Jetzt muss ich widersprechen, Spottiswoode und GEBE Recht geben.

Das Gefasel von "kollektiver Mitschuld" ist Unsinn. Ich wundere mich, dass dieser Begriff immer noch herangezogen wird.

Erklären Sie bitte mal einem nach dem Krieg geborenen, für was der kollektiv mitschuldig sein soll. Damals in meiner Jugend sprach man sogar noch von "bis ins siebte Glied". Auch so ein Quatsch. Das chte Glied ist dann automatisch von jeglicher Schuld befreit, oder wie?

 

Es geht hier nicht um Schuld. Es geht nur um Verantwortung und das ist nicht das selbe und auch nicht vergleichbar.

Und diese Verantwortung kann keine kollektive Verantwortung sein, sondern die muss jeder für sich fühlen, mit ihr umgehen und sie einsetzen.

Wäre sie kollektiv, dann wäre sie nichts wert, sondern nur ein Lippenbekenntnis. Denn dann könnte ich sie delegieren auf andere im Kollektiv.

Nein diese Verantwortung muss ich selbst tragen und spüren. Aber Verantwortung kann mir, im Gegensatz zur Schuld, die einen lähmt, nicht verbieten, Kritik zu üben.

silvio spottiswoode 02.01.2013 | 20:17


Geoge Sir, I really hate having this conversation, sniffle. I'd so like to say she'l be right, mate. But alas, here we go:


Individuelle Verantwortung ist wichtig, aber nicht die ganze Geschichte. Folgt man den kritischen Theoretikern, dann geht es beim Umgang mit Schuld nicht um die Tätergeneration , nicht um ein oberflächliches "Zugestehen oder Leugnen objektiver Tatbestände, sondern um die Tendenz des Individuums, sich selbst einzubeziehen." Oder, sagen wir einfach Emparhie. Wärme. Mitmenschlichkeit. Und das wäre dann auch meine Hauptkritik an dem obigen Text. Er ist so kalt.

Unter anderem von Arend und Adorno wurde ja durchaus begründet die These vertreten, dass "je stärker die Einzelnen persönlich das Geschehene auch als Folge persönlicher Handlungen begriffen haben, desto größer ist auch die Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen." Adorno folgert weiter, "dass eigentlich nur der vom neurotischen Schuldgefühl frei ist und fähig den ganzen Komplex zu überwinden, der sich selbst als schuldig erfährt, auch an dem, woran er im handgreiflichen Sinne nicht schuldig ist." (T. W. Adorno: Schuld und Abwehr, S. 320. ff)

Also, ich finde das macht eine Menge mehr Sinn, als das ganze Gerede von der Individualisierung von Erinnerung und persönlicher Verantwortung. Denn bei dem Thema geht es eben nich nur um den Einzelnen.

Konfuzikuntz 02.01.2013 | 20:38

Welches Therapiekonzept empfehlen Sie denn nun? :)

Und dran denken. Einzeltherapie ist zu teuer. Und natürlich kein Zwang. Alles schön offen, demokratisch, diskursiv.

Ich kann nur den Punkt anvisieren, wo Balsam drauf muss.

 

aber eben nicht der Balsam von Augstein mit der Projektion auf das heutige Israel. Es hilft Majestix nicht, wenn anderen erzählt, sie hätten Leberprobleme Ihre. Aber wenn man sich das angewöhnt hat und es sagt einem einer, wird man wütend...

 

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Ehemaliger Nutzer 02.01.2013 | 21:54

Sie meinen sicher mit dem verdenglishten Begriff mindset die individuell und dabei jedoch kollektiv bzw. uniforme Sinneinlegung der gleichfalls nach dem Vereinbarkeits-Sinn in politisch korrekten Denken nach einer halbwegs standfesten Einstellung suchenden Bevölkerung mit deutscher Sozialisation und deutschem Pass, denen das Schuldbewusstsein gegenüber dem jüdischen Volk(!) quasi mit der post45Muttermilch eingeflösst wurde?

Und amüsieren sich darüber, daß in Spätfolge dieser über Generationen erfolgten Einflössung ideologischer Essentials via deutschem Erziehungs - und Bildungssystem in weiten Teilen der hiesigen Bevölkerung jedesmal wenn das Judentum bzw. das Israelitentum zur Sprache kommt, auch auf Seiten des gepflegten Journalismus rhetorische Blähungen zutage treten?

Nun ja. Ich empfehle Ihnen mal nachzulesen warum Augstein und vor allem durch wen er auf die "Bestenliste" in Sachen antisemitische Äusserungen gelangt ist.

Man begründet übrigens ideologische Lager, indem man die Begriffe unscharf macht - z.B. die Differenz von Kritik am Judentum bzw. jüdischen Gebräuchen (die ich schlicht als patriarchalisch bezeichnen würde) zur Kritik an der Regierungspolitik des Staates Israel (die ich als USA-abhängigen Sub-Imperialismus klassifizieren würde). 

Augstein hat immerhin darauf hingewiesen, daß die Verunschärfung von o.g. Begriffen seitens der israelischen Regierung erheblich zur o.g. Lagerbildung beiträgt und ich treibe das noch weiter:

die israelische Regierung instrumentalisiert den Holocaust um die Gegner ihrer Siedlungs, Expansions - und Atompolitik in die antisemitische Ecke stellen zu können - das gelingt ihr zwangsläufig mit Kritik aus deutschen Landen am Besten.

ebertus 02.01.2013 | 22:59

"...das gelingt ihr zwangsläufig mit Kritik aus deutschen Landen am Besten"

Ja, das ist wohl korrekt so, aber ansonsten sieht es zunehmend mau aus, was ein globales Befinden über das Handeln des Staates Israel und damit seiner Regierung angeht. Um mal den Bloautor zu zitieren:

Ein Geisterfahrer? Hunderte!

Nein, Millionen bis Milliarden, die überwiegende Zahl der Staaten dieser Erde scheint die genannte "Instrumentalisierung des Holocaust" (und gern frei nach Avraham Burg) nicht mehr mitmachen zu wollen; wie dies nicht zuletzt die Unbotmäßigkeit bei der UN-Abstimmung zu einem palästinensischen Staat zeigte. Eine Schimäre nur noch, welche durch die israelische Siedlungspolitik mittlerweile totgeritten ist.

Annexation of West Bank, darüber diskutiert man "drüben"; und sehr ernsthaft bis hin zur NYT.

Geisterfahrer? Tausende...!

JR's China Blog 03.01.2013 | 09:54

Wer mit Begriffen schlampig umgehen will, soll das tun - das steht jedem frei. Dass Sie dafür allerdings Laotse anführen - der bemühte sich durchaus um Begrifflichkeiten - ist ebenfalls nachlässig. Nicht zu reden von Ihrer Behauptung, "die übrigen Kommentare" zeigten exakt den "Mindset", auf den Sie verweisen wollten. Ihren mindset wiederum glaube ich von evangelikalen Christen zu kennen, die in schönem Wetter zur Beerdigung ein freundliches Zeichen Gottes sehen, und schlechtes Wetter als Tränen des lieben Gottes interpretieren. Nach dem Motto: Alles hat die Bedeutung, an die ich glaube.

Und hier endet das moralische Recht auf persönliche Schlampigkeit. Auf dieser Basis Antisemitismus zu diagnostizieren ist widerlich. Nicht jeder heißt Augstein und kann schlecht recherchierte Vorwürfe locker abtropfen lassen.

ebertus 03.01.2013 | 10:03

Oder Judith Butler lesen, vielleicht die Adorno-Vorlesungen aus 2002 als "Kritik der ethischen Gewalt"

 

Kommen (dürfen)  Juden eigentlich auch auf diese "Liste"? Ob jemand per se immer nur Opfer und immer unschuldig, nie Täter sein kann, darüber reflektierte Butler bereits vor zehn Jahren in dem genannten Text - auch mit Blick auf "die Juden", auf Israel.

Und wenn man mal verfolgt hat, wie und mit welchen "Argumenten" hierzulande ein strammer Konvertit und eine EX-IM (letztere gar im Freitag) über Butler hergefallen sind, dann wäre diese -soweit die Argumente der honorigen Berufsbetroffenen stimmen- doch eine Kandidatin für die Liste; und weit vor Augstein.

seriousguy47 03.01.2013 | 15:02

"die israelische Regierung instrumentalisiert den Holocaust um die Gegner ihrer Siedlungs, Expansions - und Atompolitik in die antisemitische Ecke stellen zu können - das gelingt ihr zwangsläufig mit Kritik aus deutschen Landen am Besten."

Das ist wohl so und ist auch anderswo und unter anderen Überschriften durchaus üblich. Ich würde aber schon bitten, nicht zu übersehen, dass "der Holocaust" ein tief eingebrannter Teil der Geschichte vieler Juden und Israelis ist, der auch mitschwingt, ohne bewußt instrumentalisiert werden zu müssen.

Das würde ich insbesondere von einer schändlichen Instrumentalisierung unterscheiden wollen.

ebertus 03.01.2013 | 17:29

Daher hatte ich auch Avraham Burg genannt,  dessen Buch: "Hitler besiegen" im Hinterkopf. Weil gerade ein Jude und dazu einer, der die israelische Politik über Jahre mitbestimmt hat kompetent und allemal berechtigt ist, über die Instrumentalisierung des Holocaust ernsthaft zu reflektieren - wie er es in dem genannten Buch als beinahe roten Faden, als Therapie für seine Landsleute und auch die in der Diaspora eben tut.

Was ich an kritischen Stimmen, an Aufruhr zum Erscheinen der hebräischen Ausgabe (2007) nachgelesen habe, das hat sich wohl 2012 bei Shlomo Sand wiederholt. Letzter ist in meiner Lesepipeline, wenn der genannte Text von Judith Butler abgeschlossen, verstanden, reflektiert und damit verarbeitet ist.

Konfuzikuntz 04.01.2013 | 04:17

Da habe ich Ihnen tatsächlich Unrecht getan.

Es ging mir um die bezeichnenden Kommentare von Vaustein, Gebe, Grote und Antaress. In der Tat standen da noch andere, inhaltliche Kommentare dazwischen, darunter auch Ihrer.

My apologies.

___

Zu Ihrem ursprünglichen Kommentar: In der Tat versteckt sich das SWC ein Stück weit hinter Broder. Dadurch werden Augsteins Formulierungen aber nicht besser. Diese wären auch dann zu bedauern, wenn die "Ehre" einer Top-10-Plazierung an ihm vorbeigegangen wären.

Broder hat sich in gewisser sprachlicher Hinsicht übrigens auch  "radikalisiert" in den letzten Jahren. Das alles rechtfertigt aber wie ich finde nicht das, was ich oben den Selbsterleichterungsantisemitismus der freiwillig Vorfahrenschuldüberladenen. 1968 beginnt langsam Faulgase zu entwickeln.

Daher auch die Replik auf das Stichwort "sich mit Adorno ideologisch absichern", wie es in dem anderen Kommentar hoben eißt.

Man kann ja durch mit mir diskutieren, wenn man mag (und dazu im Stande ist). Aber da für mich ist das sterbende Denken der Frankfurter Schule keine Referenz, die mich irgendwie beeindrucken und zum Zusammenschlagen der Hacken veranlassen könnte.

Das Denken von Gestern ist nicht deswegen zeitlos, weil man vielleicht gar kein anderes kennt.

Deswegen das symbolische Einwerfen einiger ebenso möglicher "Referenzen" (gegenüber denen so mancher Freudomarxist übrigens das geistige Format eines rachitischen Briefmarkensammler behält).

Wobei das nur ein Contra auf diese "Argumentationsstil" war (der dann auch aus mangel an Zeit ins Wasser fiel.  Ich selbst würde nie auf die Idee käme, anzunehmen, dass meine Argumentation dadurch besser würde, dass ich mich auf irgendwelche Denker berufe, die ich schätze. Wobei selbst das noch weniger absurd wäre, als mit der oben ausdrücklich so formulierten Maßgabe, sich  "ideologisch" absichern" zu wollen, an den Start zu gehen. Das ist ja nun wirklich ein Diskussionsverhalten, wie man es eher in Diktaturen erwarten würde. Oder unter "Gläubigen", die für alles ein Zitat aus heiligen Schriften suchen.

 

JR's China Blog 04.01.2013 | 08:45

Herr Kuntz, lassen Sie uns doch einfach mal darüber reden, wie dieses mediale Spiel funktioniert: es gibt ein Tabu - den Antisemitismus. Wer seinen eigenen öffentlich demonstriert hat - und wo ein kritisches Maß an Einigkeit darüber besteht, dass er ihn demonstriert hat -, steht da wie ein Alkoholiker. Allerdings wie einer, dessen Suff hochansteckend ist, und sogar über Zeitungspapier und Webseiten übertragbar.

Je geringer der Bildungsgrad im Publikum oder beim Vorturner, desto größer a) die Wahrscheinlichkeit des bewussten oder erst recht des unbewussten Antisemitismus, und b) die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie sich im Ausdruck vergreift. Selbstverbesserung im Sinne vom "Bewältigen" der Stereotypen setzt ja auch Reflexionsfähigkeit voraus.

Also Vorhang auf für die Meinungseliten. Manche stellen sich auf die "sichere Seite" (Netanyahus bzw. Israels, die nicht deckungsgleich sind, aber in einer Demokratie natürlich etwas miteinander zu tun haben), und die anderen turnen auf dem Israel-kritischen Barren herum. Uuii, gefährlich! Und so mutig! Das Publikum applaudiert, bis der Star auf die Matte klatscht. (Und anders als beim Sport darf man im Medienzirkus manchmal noch lange darüber streiten, ob er überhaupt auf der Matte liegt, oder sich erfolgreich festgehalten hat.)

Und - eigentlich selbstredend - gibt es sowohl auf der Augstein- als auch auf der Netanyahu-Seite (in Deutschland) Leute, die Antisemiten sind und solche, die es nicht sind.

Das macht die Nahost-Diskussionen so "spannend". Zählen Sie mal, wie viele Kommentare und wie lange Debatten jeder solche Post bekommt - egal, wie gut oder schlecht geschrieben. Für einen wie Frau Baureithels gibt es gerade mal 24 Kommentare - für Ihren bereits jetzt über vierzig.

Wenn dann in der hohlen Debatte jemand glaubt, es liege wieder einer auf der Matte, dann setzt sich jeder auf die Sau, die jubelnd  durchs Dorf rennt, und schreibt einen Post darüber. Und einer dieser aktuellen Posts, der die "Auszeichnung" für Augstein bejaht, behauptet noch nicht einmal, Augstein sei ein "Antisemit". Er behauptet statt dessen, er verdiene die Position unter den Top-Ten der Liste, weil er doch die deutsche "Post-Holocaust"-Neurose so schön verkörpere.

Das ist Ihr Post, Herr Kuntz.

Da können Sie Augstein für seine vom Wiesenthal-Center verwendeten Zitate kritisieren, so lange sie wollen: ihre eigene Herangehensweise ist mindestens ebenso frivol. Nur komplizierter. Besser wäre es, man erinnerte sich respektvoll an die Toten - und an die Holocaust-Überlebenden. Vielleicht auch daran, dass viele davon Mitbürger waren oder sind.

Georg von Grote 04.01.2013 | 09:04

Ich beobachte ja nun Kuntz und die diversen einschlägigen Mini-Broders hier schon eine ganze Weile und hatte die gesamte Bagage ja auch schon an der Backe.

Und je länger ich ihr Treiben beobachte, desto mehr drängt sich mir die Frage auf, wer da wohl mehr Probleme hat.

Der, der wohl wissend um die Vergangenheit und den Holocaust und seine Wirkungen durchaus im Auge habend und nicht verdrängend, trotzdem wagt, fundierte Kritik zu üben, ohne dabei zu diskriminieren oder sind es die Kuntzes, born2bemilds, Koslowskis und wie sie noch alle heißen mögen, die nach wie vor vom Geschehen derart traumatisiert sind, dass sie nicht mehr in der Lage sind, klar zu denken und zu differenzieren? Ich gehe sogar weiter und stelle die Frage, ob es nicht gerade die Kuntzes sind, die den Juden den Holocaust nicht verzeihen können und ihre Probleme dadurch versuchen zu kanalisieren, dass sie blindwütig auf jeden einschlagen, der ihnen dieses mühsam aufgebaute potemkinsche Dorf des Gutmenschen und selbsternannten Antisemitendetektors einreissen könnte. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, die letztere Version ist zutreffend.

JR's China Blog 04.01.2013 | 10:28

... , desto sicherer bin ich, die letztere Version ist zutreffend

"Sicherheit" scheint mir auf diesem Gebiet nicht die Regel zu sein, Herr von Grote, unabhängig davon, auf welchen Verein die Vermutungen gerade zielen. Gäbe es eine Statistik darüber, wie viele "Pro-Israel"-Aktivisten (als wäre jeder "andere" ein "Anti") sich mit ihrer Positionierung eine Art Ablasshandel gönnen, würde ich der Statistik vermutlich mit Zurückhaltung begegnen. Ich bin sicher, beide Versionen des Antisemitismus existieren, und ich bin mir ebenso sicher, dass mir beides begegnet. Aber ich versuche es nicht zu quantifizieren. Mindestens zum Teil ist diese Art Wahrnehmung "gefühlt, nicht gewusst". Wichtiger als das Nachzählen bei "den Anderen" ist mir das Nachdenken über mich selbst. Das ist als Erstes meine ganz persönliche Aufgabe - und für jeden anderen, der dazu bereit ist, ist es eine genauso persönliche Aufgabe. Nicht "privat", aber persönlich - und man muss damit nicht unbedingt auf den Markt gehen.

Aber ohne jetzt die von Ihnen genannten Namen im einzelnen zu kritisieren - dazu habe ich in der FC zum Thema zu wenig mitgelesen - ich finde schon, dass der "Antisemitismus"-Vorwurf häufig manipulativ verwendet wird. Und es ist gut, wenn manipulative  Herangehensweisen an Wirkung verlieren.

Ich glaube, ich bin dann mit der Diskussion zum Thema auch fürs erste durch. Wenn man jahrelang die gleichen Positionen vertritt, und sich dabei im Wesentlichen immer mit den gleichen Leuten auseinandersetzt, scheint mir das zu einer problematischen Verfestigung zu führen. Ich kann das nicht genauer benennen - aber ich glaube, mir selbst verordne ich diese Arbeitsteilung: die Nachrichten diskutieren, aber über das, was es "mit mir macht", selber nachdenken.

Ausnahmen mögen dabei die Regel bestätigen.

Lukasz Szopa 04.01.2013 | 11:59

Wenn man - in Deutschland, wie Hr. Augstein - das Wort "Lager" in Zusammenhang mit "Israel / Palästina" verwendet, ist klar, dass es nicht eine wertfreie Äußerung ist. Damit ist diese nicht zwangsläufig "anti-irgendetwas", da aber Worte in einem lebenden und nicht vakuumisierten Raum leben und wirken - ist es mindestens absichtlich provozierend. Auch wenn Augstein nur "Lager" und nicht "Konzentrationslager" oder gar "Vernichtungslager" sagte. Natürlich, er hätte auch mehr provozieren können, indem er "Ghetto" gesagt hätte. Da wäre er sogar sachlich näher, denn seit dem Mittelalter - als "Ghetto" eindeutig als ein Stadteil für Juden gemeint war - hat sich das Wort gewandelt, so werden z.B. Pariser Vororte oder Neukölln oft "Ghettos" genannt - auch wenn dort nicht so viele Juden wohnen.

Um noch sachlicher zu sein, und weniger provozierend, hätte Augstein aber auch "Township" als Metapher verwenden können. Wäre zutreffender was Gaza angeht.

Ob Augstein anti-irgendetwas ist oder nicht, wird bestenfalls er selbst wissen und beurteilen können. Für mich ist klar, dass er mit seiner Wortwahl provozieren wollte. Doch ich klassifiziere es in die einfache, durchschaubere Wortprovokation, wie z.B. wenn ein Gegner der staatl. Eingriffe gleich von "(sowjetischer) Planwirtschaft" redet.

Lukasz Szopa 04.01.2013 | 12:02

Nachtrag zum Wort "Lager" - nicht nur in Deutschland wäre das Wort nicht neutral. Auch im polnischen, jugoslawischen, russischen wird damit sofort etwas assoziert - und zwar meist Gefangenen- und KZ-Lager (aber auch GULAG). Hingegen denkt man bei dem Wort "camp" in den USA selten an die Lager für japanischstämmige US-Bürger im 2. Weltkrieg, oder in GB an die Lager aus dem Burenkrieg. In diesen Sprachen ist es schon näher zum Ursprung des Wortes - nämlich einem "Lager" wie "Pfadfinderlager" oder "Expeditionslager".

Lukasz Szopa 04.01.2013 | 12:08

@ Georg von Grote & Vaustein:

Ich finde es nicht in Ordnung, den Text dadurch zu kritisieren, indem man sich in der Vita oder Herkunft des Autors herumwühlt oder diese erdichtet. (Außer der Autor bedient sich seiner Biografie selber im Text - was Andreas Kuntz hier nicht tut).

Es erinnert nicht nur an die "Interpretations-"Methoden vieler Diktaturen, es zeigt auch, dass man anscheinend keine (ausreichenden) Argumente aus dem Text selbste hat - und dann kommt zusätzlich die "Biografie-Keule". Dabei hatten Sie beide ohnehin genügend Gegenargumente und Antworten (ob man denen zustimmt oder nicht, ist jetzt zweitrangig).

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Ehemaliger Nutzer 04.01.2013 | 19:09

Glückwunsch, Grote! Traumatisiert bin ich tatsächlich. Von Ihrer betörenden Sprachgewalt, besonders in ihrem letzten Blog. Dort wage ich deswegen gar nicht zu kommentieren.
Vor dem, (nach ein, zwei, drei Klaren?), Denkgiganten G.v.G. neige ich mich in Ehrfurcht. Nur noch Franz Josef Wagner kann es, annähernd, mit seinem gequirltem Sprachschweiß aufnehmen.
Da trieft aus jedem Pixel des Monitors die Selbstgerechtigkeit der verfolgenden Unschuld und die "fundierte Kritik" fußt auf den (Ab)Schaumblasen eines unheilbar gesunden Volksempfindens.  
Keinen Gedanken haben und ihn nicht ausdrücken können, das macht, frei nach Karl Kraus, diesen fantastischen Journalisten und Juristen.

Konfuzikuntz 04.01.2013 | 22:37

Dieses Blog dreht sich darum, dass man den deutschen Blickwinkel auf das Nahost-Problem und das sichtbare Aufkommen des linken Antisemitismus hierzulande (im Sinne dessen was ich obenbe schreibe und dessen Kerngedanken Abghoul gleich im ersten Kommentar zitiert) - nur rein innenpolitisch verstanden werden kann. Die Welt ist voll von Konflikten. Die Regierung Netanjahu ist ebensowenig eine Versammlung von Heiligen wie Fatah und Hamas. Nur wenn aus grau plötzlich schwarz-weiß wir (und das ist bei Leuten wie Grote oder eben Augstein als deren "politischem" Sprachrohr) - dann stimmt etwas nicht. Und der Grund ist die eigene Politpsyche. 

Schauen Sie sich mal Grotes letzten Kommentar hier an. Da sieht er den Punkt, betet ihn 1:1 nach - und projiziert ihn auf mich.

Es ist genau das in sich geschlossenen Wahnsystem, das ich oben beschreibe. Und es ist nicht ungefährlich. Es befällt zwar nur Linke und dort insbesondere 68er. Als - wer will es ihnen eigentlich verdenken - besonders geschichtsneurotische Nachkriegsgeneration. Aber es dauert eben noch ein paar Jahre, bis sie abtreten. Und dieses Land sollte höllisch aufpassen, dass es nicht anfängt, das publizistische Auskotzen der eigenen Seelenprobleme für politische Berichterstattung zu halten. Das "Lager" ist nur eines von vielen Beispielen und Augstein, der sehr wohl formulieren kann, wiederum nur das publizistisch sichtbarste Beispiel einer deutschen Befindlichkeit.

Georg von Grote 04.01.2013 | 23:05

Nennen Sie mal konkrete Beispiele, wo bei mir aus grau schwarzweiß wird, meientwegen suchen Sie auch bei Augstein.

Sie werden da nicht fündig, mein Bester.

Die, die sich nach wie vor in einem geschlossenen Wahnsystem befinden, sind sie und Ihre "Mitstreiter", die Ewiggestrigen.

Schauen Sie sich doch mal Ihre Blogs und Kommentare genau an. Sie lecken nach wie vor noch ständig die "Wunden" der deutschen Vergangenheit und bewegen sich keinen einzigen Schritt vorwärts.

Die 68er, die Ihnen so derart auf den Keks gehen (erinnert mich irgendwie an Westerwelle) sind, bis auf wenige Ausnahmen längst in der Zukunft angekommen. Da, wo Sie wahrscheinlich nie hinkommen werden :-)

ebertus 04.01.2013 | 23:29

Es ist genau das in sich geschlossenen Wahnsystem, das ich oben beschreibe. Und es ist nicht ungefährlich. Es befällt zwar nur Linke und dort insbesondere 68er. Als - wer will es ihnen eigentlich verdenken - besonders geschichtsneurotische Nachkriegsgeneration. Aber es dauert eben noch ein paar Jahre, bis sie abtreten.

 

Ja, das selektive Wahnsystem. Sehr deutsch wohl in diesem bedingungslosen, oft besinnungslosen Support des Staates Israel, der lediglich spontan erschrickt, wenn plötzlich ernsthaft Jüdisches in Form von Religion und Riten über uns hereinbricht. Wo der gern antideutsch, atheistisch, bellizistisch gebrauchte Term vom Judenstaat, Judenblut, Judentum, Jude, Jude, Jude etc. eben nicht nur ein historischer Gruselfaktor bleibt; für jedwede Diffamierung zu gebrauchen ist.

Ja, das dauert wohl noch ein paar Jahre, bin erst Jahrgang 1947 und war damals auch so maches Mal unter den Wasserwerfern am Westberliner Kranzlereck. Nur diese deutsche Schimäre trägt eben auch nicht mehr wirklich, wie die zunehmende weltweite Isolierung Israels zeigt und nur hierzulande unter der gesofteten Sprachregelung nebst Staatsräson noch nicht so durchgeschlagen ist.

Halte es daher immer gern mit Robert Kurz, dessen "Die Antideutsche Ideologie" aus 2003. Nach Kurz geht genau dieses spiegelverkehrte "richtige" Deutschtum außerhalb des deutschen Sprachraumes im Grunde nur mit rechten, mit reaktionären, mit bellizistischen Denkmustern und Verhaltensweisen zusammen.

Die letzten zehn Jahre bis zum hier und heute bestätigen genau das...

Konfuzikuntz 04.01.2013 | 23:33

Herr Kuntz, lassen Sie uns doch einfach mal darüber reden, wie dieses mediale Spiel funktioniert

Gerne. Es ist allerdings viel mehr als ein mediales Spiel. Die Medien sind nur - das Medium. ^^

es gibt ein Tabu - den Antisemitismus. Wer seinen eigenen öffentlich demonstriert hat - und wo ein kritisches Maß an Einigkeit darüber besteht, dass er ihn demonstriert hat -, steht da wie ein Alkoholiker. Allerdings wie einer, dessen Suff hochansteckend ist, und sogar

über Zeitungspapier und Webseiten übertragbar.

Meinungen sind viral. Memtheorie etc.

Je geringer der Bildungsgrad im Publikum oder beim Vorturner, desto größer a) die Wahrscheinlichkeit des bewussten oder erst recht des unbewussten Antisemitismus, und b) die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie sich im Ausdruck vergreift.

Siehe Augstein und seine Anhänger. Wobei auch Broder gut daran getan hätte, sprachlich anständig zu bleiben. Es ist bei ihm auch einige Batzigkeit hineingekommen.

Selbstverbesserung im Sinne vom "Bewältigen" der Stereotypen setzt ja auch Reflexionsfähigkeit voraus

Lassen Sie mit Blick hierauf und das, was ich mit dem "Mindset" gemeint habe, das Aufzubrechen oder zum Mindesten zu beschreiben ich diesen Blog geschrieben habe, doch einfach einmal GvGs letzten Kommentar (9:04 an Sie) auf sich wirken. Ein Wort von Freud dazu: Projektion. :)

Also Vorhang auf für die Meinungseliten. Manche stellen sich auf die "sichere Seite" (Netanyahus bzw. Israels, die nicht deckungsgleich sind, aber in einer Demokratie natürlich etwas miteinander zu tun haben)

Wieso auf die "sichere Seite"? Dazu ist politischer Journalismus nicht da. Aber eben auch nicht dazu, die eigenen Neurosen zu kurieren. Was Augstein macht.

und die anderen turnen auf dem Israel-kritischen Barren herum. Uuii, gefährlich! Und so mutig!

Und das hat, dabei bleibe ich - übrigens so sehr wie das andere - innenpolitische Gründe. Die gleichen Deutschen, die sich so eindeutig auf die Seite der Palästinenser schlagen, habe sich für Tutsi und Hutu überhaupt nicht interessiert. Geschweige denn sich in einer Schwarz-Weiß-Malerei an einer Seite abgearbeitet. Wobei - wenn die eine Seite, hoffentlich die stärkere, jüdisch gewesen wäre... War das nicht was mit Opa auf dem Wachturm? Wäre doch einer schöner Seelenbalsam, wenn es Opfer der Opfer gäbe, nicht wahr?

Ein Journalist, der sich in seiner "Berichterstattung" von solchen Motiven leiten lässt, und das ist bei Augstein der Fall, hat ein Problem. Es geht ihm nicht um "Antijudaismus". Das schreibe ich ganz oben auch. Es geht ihm Selbsterleichterung. Er setzt die Regierung Netanjahu in gewisser Hinsicht mit Anne Frank gleich. Opfer der Opfer... Das ist aber völliger Unsinn. Es hat eine rein therapeutische Funktion - allerdings auf eine verlogene und schädliche Weise.

Das Publikum applaudiert, bis der Star auf die Matte klatscht. (Und anders als beim Sport darf man im Medienzirkus manchmal noch lange darüber streiten, ob er überhaupt auf der Matte liegt, oder sich erfolgreich festgehalten hat.)

Ja, es hat auch etwas von Medienzirkus. Allerdings zu einem Thema, das hierzulande eine tiefere Bedeutung hat als die Frage, wie sich Ägypten an der Grenze zum Gaza-Streifen verhält. (Auch so was: Gaza-Problematik = Israel)

Und - eigentlich selbstredend - gibt es sowohl auf der Augstein- als auch auf der Netanyahu-Seite (in Deutschland) Leute, die Antisemiten sind und solche, die es nicht sind.

Nein. Sie finden auf beiden Seiten viel Schlechtes: Unredlichkeit, intellektuelle Überforderung, Taktiererei, was Sie wollen.

Broder mag Augsteins Unfug so weit hochjazzen wie er will - Antisemitismus richtet sich gegen alles jüdische! Man könnte Broder und seinen Anhängern eher vorwerfen, sie seien israelische Agenten.  Aber das subtile Die Juden sind die Bösen! findet man bei Broder nicht. Bei Augstein schon. Wie gesagt... Hier spielen zwei Seiten miteinander. Die beide beide keine Heiligen. Und es geht in der Diskussion hierzulande - wie gesagt um Deutschland...

Das macht die Nahost-Diskussionen so "spannend". Zählen Sie mal, wie viele Kommentare und wie lange Debatten jeder solche Post bekommt - egal, wie gut oder schlecht geschrieben. Für einen wie Frau Baureithels gibt es gerade mal 24 Kommentare - für Ihren bereits jetzt über vierzig.

Meiner ist genial. Deswegen so viele Kommentare. Verdient es Kommentare, dass Frau Baureithel 20 Jahre nach Fukuyamas eigenartigem Werk auffällt, dass einer lineares Geschichtsdenken falsch ist? Man lese Spengler, Toynbee, Huntington. Vielleicht auch Jared Diamond. Wenn man überhaupt noch aushält, dass es "Rise and Fall" gibt. (Auf Ihrem Kompetenzfeld: Ihr geliebstes China erlebt nach mindestens einem Jahrhundert der "Depression" nun einen neuerlichen Aufstieg. Dieser wird auch nicht ewig anhalten... etc. Geschichtsphilosophien, die "Wellen" oder "Kurven" ausschließen, sind albern. :)


Wenn dann in der hohlen Debatte jemand glaubt, es liege wieder einer auf der Matte, dann setzt sich jeder auf die Sau, die jubelnd  durchs Dorf rennt, und schreibt einen Post darüber. Und einer dieser aktuellen Posts, der die "Auszeichnung" für Augstein bejaht, behauptet noch nicht einmal, Augstein sei ein "Antisemit". Er behauptet statt dessen, er verdiene die Position unter den Top-Ten der Liste, weil er doch die deutsche "Post-Holocaust"-Neurose so schön verkörpere.

Das ist Ihr Post, Herr Kuntz.

Doch, Augstein ist ein Antisemit. Im Sinne dessen, was der erste Kommentar hier im Thread zitiert. Er hat nichts gegen jüdische Kultur. Aber es ginge ihm - aus Gründen der deutschen Geschichte - seelisch besser, wenn die Palästinenser den Konflikt gewinnen und die Israelis mit ihren Nazimethoden (...) auslöschen.

Da können Sie Augstein für seine vom Wiesenthal-Center verwendeten Zitate kritisieren, so lange sie wollen: ihre eigene Herangehensweise ist mindestens ebenso frivol.

Ist es frivol, wenn man jemanden, der sich eine global schallende Ohrfeige eingefangen hat, von einer Organisation, die er ja durchaus respektiert, erklärt, wie es dazu kam, dass es so laut geknallt hat?

Seine Äußerungen über Israel sind wie Sie sind. Aus Gründen - die in Deutschland liegen. Nicht mehr und nicht weniger.

Nur komplizierter. Besser wäre es, man erinnerte sich respektvoll an die Toten - und an die Holocaust-Überlebenden. Vielleicht auch daran, dass viele davon Mitbürger waren oder sind.

Das stimmt. Allerdings wird das eben dadurch konterkariert, dass diese letztlich umgekehrt nekrophile 68er-Generation nur tote Juden  (von den Nazis umgebracht) als gute Juden ansieht und weil sie das nicht aushält anfängt, den lebenden Juden in einem grotesken schwarz-weiß-Denken nachzusagen, sie seien ja Nazis. Nach dem Motto "Ich halt´s nicht aus, ewiger Täter zu sein, wenn das Opfer keine Opfer hat." Das ist abartig.

Denn man ist gar kein Täter. Es soll sogar Opas gegeben haben, die keine waren.

JR's China Blog 05.01.2013 | 09:57

Doch, Augstein ist ein Antisemit. Im Sinne dessen, was der erste Kommentar hier im Thread zitiert. Er hat nichts gegen jüdische Kultur. Aber es ginge ihm - aus Gründen der deutschen Geschichte - seelisch besser, wenn die Palästinenser den Konflikt gewinnen und die Israelis mit ihren Nazimethoden (...) auslöschen.

Jeder Leser soll Mutmaßungen dieser Art selbst beurteilen, Herr Kuntz. Für mich ist das Diskussionsthema einstweilen durch.

miauxx 05.01.2013 | 19:30

Boahh - ich glaube, Augstein wäre im Leben nicht draufgekommen, was Sie ihm da tiefenpsychologisch unterjubeln.

Mich Ihren beeindruckenden Einlassungen erinnernd, werde ich wohl künftig in jedem Text oder jeder Erzählung eines deutschen Autors stockend innehalten müssen, wenn es z.B. heißt: und dort schlugen wir unser Lager auf.

Es sei denn, ich werte das hier Gelesene als das, was es ist: Kaffeesatzleserei!

"Das Wort "Lager" UND dazu ein jüdisch-israelischer Kontext... das sind, sorry Herr Augstein, assoziative Ascheberge."

Die Frage ist doch, wer hier über die Maßen assoziiert? "Jüdisch-israelischer Kontext"??

Man kann mit Sprache viel machen (das zeigen auch Ihre kreativen Texte) und nicht alles erklärt sich gleich auf den ersten Blick. Damit aber die Gedankenwolken sich nicht ins Unermessliche auswachsen und etwas Geschriebenes am Ende alles und nichts bedeuten kann, empfiehlt sich doch, der Reihe nach vorzugehen. Und da sollte man zuerst einmal sehen, was denn wirklich geschrieben steht; d.h. einen Text wortwörtlich nehmen!

Konfuzikuntz 06.01.2013 | 04:43

Boahh - ich glaube, Augstein wäre im Leben nicht draufgekommen, was Sie ihm da tiefenpsychologisch unterjubeln.

Das ist richtig. Projektion und Verdrängung sind unbewusst. Augstein kann schreiben. Und differenziert denken. Vermeintlich "rätselhafte  Äußerungen" entstehen erst da, wo das Unbewusst die Regie übernimmt. Die Gründe habe ich genannt.

 wohl künftig in jedem Text oder jeder Erzählung eines deutschen Autors stockend innehalten müssen, wenn es z.B. heißt: und dort schlugen wir unser Lager auf.

Kindergarten. Es geht nicht um das Wort "Lager", sondern um den Kontext. Da Sie keineswegs intellektuell unzurechnungsfähig sind, lügen Sie sich hier selbst in die Tasche.

"Das Wort "Lager" UND dazu ein jüdisch-israelischer Kontext... das sind, sorry Herr Augstein, assoziative Ascheberge."

Die Frage ist doch, wer hier über die Maßen assoziiert? "Jüdisch-israelischer Kontext"??

Für die 68er und Ihre "intellektuellen" Nachkommen sind die von den Nazis getöteten Juden gut - und die heute in Israel lebenden Juden böse. Augstein das Speerspitze dieser Publizistik. Natürlich ohne Zusammenhang... Come on!

Man kann mit Sprache viel machen (das zeigen auch Ihre kreativen Texte) und nicht alles erklärt sich gleich auf den ersten Blick. Damit aber die Gedankenwolken sich nicht ins Unermessliche auswachsen und etwas Geschriebenes am Ende alles und nichts bedeuten kann, empfiehlt sich doch, der Reihe nach vorzugehen. Und da sollte man zuerst einmal sehen, was denn wirklich geschrieben steht; d.h. einen Text wortwörtlich nehmen!

Text sind Symbole. Und in Ihne steckt so soviel Bewusstes wie Unbewusstes. In denen von Augstein. In Ihren. Und auch in Meinen. Wobei man über den Sachverhalt an sich - zumindest ein Stück weit - ein Bewusstsein haben kann. Und nochmal prüfen kann, ob das, was man sagen will, auch das ist, was man sagt...

miauxx 06.01.2013 | 13:18

"Das ist richtig. Projektion und Verdrängung sind unbewusst. Augstein kann schreiben. Und differenziert denken. Vermeintlich "rätselhafte  Äußerungen" entstehen erst da, wo das Unbewusst die Regie übernimmt. (...)
Für die 68er und Ihre "intellektuellen" Nachkommen sind die von den Nazis getöteten Juden gut - und die heute in Israel lebenden Juden böse. Augstein das Speerspitze dieser Publizistik. Natürlich ohne Zusammenhang... Come on!
(...)
Wobei man über den Sachverhalt an sich - zumindest ein Stück weit - ein Bewusstsein haben kann. Und nochmal prüfen kann, ob das, was man sagen will, auch das ist, was man sagt..."


Sie haben sicher recht, dass in jedem Text Un- bzw. Unterbewusstes steckt. Das ist ganz wie der Stil den man schreibt (gleiches gilt fürs Musizieren oder auch Malen). Auch den erzieht man sich nur zu einem gewissen Teil an. Der Kern aber prägt sich unbewusst; ist unausweichlich.

Den Vorwurf, "Kindergarten. Es geht nicht um das Wort 'Lager', sondern um den Kontext", habe ich freilich provoziert. Entsteht dieser von Ihnen entdeckte Kontext nicht aber doch einzig, wenn man dem heutigen Israel mit eigentlich eben solchen "historischen Verdauungsproblemen", wie Sie sie Augstein oder den "68ern" unterstellen, begegnet? Wenn ich jetzt einmal Ihre Methode des Kontra gegen Augstein oder "die 68er" übernähme, so hieße das doch, dass ich mich gezwungenermaßen außer Stande sehe, Dinge in Israel so zu benennen, wie sie mir erscheinen. Und zwar einzig, weil ich aus Deutschland heraus schreibe oder spreche. Für mich kann Israel dann gar kein Staat sein, der ebenso wie andere nun einmal im globalen Geflecht des 21. Jh. agiert, sondern allein eine bloße Trutzburg von "Opfern", deren Tun ebenso einzig defensiven Charakter trägt. Alle Scheußlichkeiten, die darin vielleicht zum Tragen kämen, wären nicht als solche, wie wir sie zu allen Zeiten und allerorten durch Menschen verübt beobachten konnten und können zu benennen. Ich würde die in Israel lebenden und agierenden Menschen in ihrer Verfasstheit auf einen Sonderstatus "Mensch" setzen: Sie hätten allesamt die bzw. eine vermutete Verfasstheit derer, die noch das Glück hatten, ein KZ wieder verlassen zu können. Auch wenn es mir sehr unangenehm ist zu schreiben: Auch das wäre am Ende eine Reduzierung als "ewiger Jude" - nur eben in einer gewendeten Bedeutung des Nazisprechs.

Das ist jetzt freilich eine furchtbare Wortklauberei, die ich da veranstalte. Aber ich fühle mich dazu geradezu provoziert, wenn ich eben genau eine solche lese: Man könne Israel doch nicht einfach so und in deutscher Sprache vorwerfen, "Lager" zu errichten. Ich weiß nicht, wie Sie auflösen wollen, dass selbstverständlich "Konzentrationslager" und damit eine möglichst wirksame rhetorische Keule im Hintergrund mitschwinge, wenn die Art und Weise der Behandlung von Gaza durch Israel als "Lager" bezeichnet wird?! Was Sie ausführen, wäre so freilich möglich. Trotzdem würde ich darauf beharren, die Wortwahl Augsteins zunächst einmal so zu nehmen, wie sie da steht. Dass Texte Symbole seien, würde ich so auch nicht unterschreiben. Ein Symbol ist ein Stellvertreter-Zeichen; es repräsentiert. Also eine spezifizierte Form von Zeichen. Bezeichner (Symbol) und Bezeichnetes (Sache) gehen hier eine der Form nach mindestens sehr ähnliche Beziehung ein. Texte sind zunächst einmal "nur" Zeichen (dabei zusammengesetzte). Sie lösen sich, im Gegensatz zur Anforderung an ein Symbol, nicht ohne weiteres auf; hier liegt viel zwischen Bezeichner und Bezeichnetem.


Ist es am Ende aber unmöglich zu sagen, die Politik Israels finde ich stark kritikwürdig, ja, sie bringt mich bisweilen innerlich richtig auf, ich sehe Gaza nahe bei einem Lager, ohne dass mir, ganz freud'sch, eine irgendwo tief in der Seele sitzende Abneigung gegen Juden unterstellt wird? Gut, vielleicht wäre es etwas anderes, Augstein hätte bei Ihnen auf der Couch gelegen. Aber so? Von Juden hat er nichts geschrieben. Also bleiben wir doch zunächst einmal bei der Wahrheit, so, wie sie da steht.

Konfuzikuntz 06.01.2013 | 22:50

Wenn ich jetzt einmal Ihre Methode des Kontra gegen Augstein oder "die 68er" übernähme, so hieße das doch, dass ich mich gezwungenermaßen außer Stande sehe, Dinge in Israel so zu benennen, wie sie mir erscheinen. Und zwar einzig, weil ich aus Deutschland heraus schreibe oder spreche.

Erstens schreibt Augstein nicht aus Deutschland heraus, sondern nach Deutschland hinein (wo dürften denn mindestens 95% der Leser von SPON wohnen? In welcher Sprache schreibt er nochmal? etc.pp.) 

Es geht ihm ja gar nicht darum, den Israelis irgendetwas "zu sagen". Er ist für diese nicht allzusehr von Belang. Er stellt den Nahostkonflikt publizistisch dar - für deutsche Leser.

Und zweitens, noch wichtiger, habe ich nirgends geschrieben, dass der Selbsterleichterungsantisemitismus generell unter allen Deutschen besteht. Er ist nur unter denjenigen zu finden, die meinen, Hitlers Politik gedenken zu müssen und denen das aufstößt (was allerdings ganz logisch ist). Es ist so als würde man meinen, ununterbrochen nach Fäkalien riechende Luft schlucken zu müssen und sich dann wundern, dass man irgendwann zu Rülpsen anfängt.  Man hat keine Lust mehr darauf, es ist einem schlecht, aber statt sich einzugestehen, dass das Luftschlucken Unsinn ist, beginnt (bewusst und unbewusst) diejenigen anrülpsen, denen zuliebe man die Luft angeblich schluckt. Und gleichzeitig redet man sich ein (man hat ja den letztlich therapeutschen Freudomarxismus der 68er vergessen) und braucht abzuwehrende Feindbilder - dass die lächerliche NPD kurz der Machtübernahme steht, gewissermaßen die Luft total braun ist. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Der Haufen ist Pleite, zersetzt, zerstritten und in Umfragen an der Nachweisbarkeitsgrenze. Aber - tief einatmen nicht vergessen - es muss Nazis geben, gegen die der Hilterschuldkultbewusste Polithampel in Deutschland "sein" kann.
 Und darüber wird er selbst einer. Haben Sie Netzmanns völlig zu Recht gelöschten Artikel nicht gesehen?

 

Für mich kann Israel dann gar kein Staat sein, der ebenso wie andere nun einmal im globalen Geflecht des 21. Jh. agiert, sondern allein eine bloße Trutzburg von "Opfern", deren Tun ebenso einzig defensiven Charakter trägt.

Genau. Denn da leben gar keine Opfer.

Stop sacrificing your victim. But do it in your mind. And please before telling us, that it is as guilty as you...

 

Alle Scheußlichkeiten, die darin vielleicht zum Tragen kämen, wären nicht als solche, wie wir sie zu allen Zeiten und allerorten durch Menschen verübt beobachten konnten und können zu benennen. Ich würde die in Israel lebenden und agierenden Menschen in ihrer Verfasstheit auf einen Sonderstatus "Mensch" setzen: Sie hätten allesamt die bzw. eine vermutete Verfasstheit derer, die noch das Glück hatten, ein KZ wieder verlassen zu können. Auch wenn es mir sehr unangenehm ist zu schreiben: Auch das wäre am Ende eine Reduzierung als "ewiger Jude" - nur eben in einer gewendeten Bedeutung des Nazisprechs.

Klar, das musste kommen. So kann man nämlich wer die Schluckatmung weiterbetreiben und behaupten, die Rülpser dienten der Überwindung eines neuen Bösen. Man wird das exakte Gegenteil dessen erreichen, was man angeblich will. Und zwar im eigenen Kopf. Man denke an Ignazio Silone...

Das ist jetzt freilich eine furchtbare Wortklauberei, die ich da veranstalte.

Es geht. Entscheidend ist, dass Sie verstehen, warum Sie sie betreiben... :)

Aber ich fühle mich dazu geradezu provoziert, wenn ich eben genau eine solche lese: Man könne Israel doch nicht einfach so und in deutscher Sprache vorwerfen, "Lager" zu errichten.

Es ging mir wie gesagt um die innenpolitische Perspektive auf das was Augstein schreibt. Er hat es ja nicht an die Knesset gefaxt.

Ich weiß nicht, wie Sie auflösen wollen, dass selbstverständlich "Konzentrationslager" und damit eine möglichst wirksame rhetorische Keule im Hintergrund mitschwinge, wenn die Art und Weise der Behandlung von Gaza durch Israel als "Lager" bezeichnet wird?! Was Sie ausführen, wäre so freilich möglich.

Na immerhin. :)

Trotzdem würde ich darauf beharren, die Wortwahl Augsteins zunächst einmal so zu nehmen, wie sie da steht. Dass Texte Symbole seien, würde ich so auch nicht unterschreiben. Ein Symbol ist ein Stellvertreter-Zeichen; es repräsentiert. Also eine spezifizierte Form von Zeichen. Bezeichner (Symbol) und Bezeichnetes (Sache) gehen hier eine der Form nach mindestens sehr ähnliche Beziehung ein. Texte sind zunächst einmal "nur" Zeichen (dabei zusammengesetzte). Sie lösen sich, im Gegensatz zur Anforderung an ein Symbol, nicht ohne weiteres auf; hier liegt viel zwischen Bezeichner und Bezeichnetem.

Das stimmt, ist mir aber epistemisch zu eng geführt, zu linguistisch. Symbolik ist doch mehr als Semiotik.

Ist es am Ende aber unmöglich zu sagen, die Politik Israels finde ich stark kritikwürdig, ja, sie bringt mich bisweilen innerlich richtig auf, ich sehe Gaza nahe bei einem Lager, ohne dass mir, ganz freud'sch, eine irgendwo tief in der Seele sitzende Abneigung gegen Juden unterstellt wird? Nein, Sie haben keine Abneigung gegen Juden. Sondern gegen Hitler.

Gut, vielleicht wäre es etwas anderes, Augstein hätte bei Ihnen auf der Couch gelegen. Aber so? Von Juden hat er nichts geschrieben. Also bleiben wir doch zunächst einmal bei der Wahrheit, so, wie sie da steht.

Suum cuique. Und es hindert Sie ja niemand daran, die Hypothese mit dem Luftschlucken mal im Hinterkopf zu behalten. Da kommen noch ganz andere Bubbles. :)

miauxx 07.01.2013 | 20:16

"Das ist jetzt freilich eine furchtbare Wortklauberei, die ich da veranstalte."

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"Es geht. Entscheidend ist, dass Sie verstehen, warum Sie sie betreiben... :)"

Nun, was ich in meiner "Wortklauberei" geschrieben habe, ist nicht meine Ansicht! Dieser ganze Absatz soll als Konjunktiv begriffen werden! Er soll nach- und überzeichnen, wie ich mir die Denke eines jemanden vorstelle, der uns in einer äußerst phantasievollen Interpretation  auseinandersetzt, warum "Lager Gaza" aus der Feder eines deutschen Autoren (ob nun aus Deutschland heraus oder in es hinein - geschenkt!) nichts anderes als ein "Selbtserleichterungsantisemitismus" sei. Der Absatz will die Art und Weise Ihrer Textaus - und überdeutung übernehmen - quasi als Parodie.

Das SWC und Rabbi Cooper folgten offenbar allein einer lobbyistischen Kampagne gegen Augstein aus Deutschland. Ihnen war Augstein bis her wohl nicht einmal annähernd ein Begriff. Die Aussagen Augsteins sind nur mit wirklich viel Phantasie oder eben allein bösem Willen, der Meinungen contra Israel per se unterdrückt sehen will, als Antisemitismus zu deklarieren. Hat dem SWC vielleicht am Ende tatsächlich noch jemand gefehlt, um die Top 10 vollzukriegen?  Insofern weiß ich nicht, wie man sich auf diesen Zug aufsetzen und Augstein ein mehr oder weniger bewußtes Anspielen auf "Konzentrationslager" hinterherschicken kann?!

Ausnahmsweise verlinke ich sogar mal eines der Flaggschiffe des konservativen Boulevards, Fleischhauer. Und DIE ZEIT.

 

miauxx 07.01.2013 | 22:49

Durchaus vorstellbar!  Und auch wenn er einer 'im Geheimen' mit den "Grünen" symapthisierender Redakteur wäre :-) - s. unsere Diskussion im "Utopisten"-Artikel.

Aber da er nun für SPON schreibt - spielen Sie mit "Wes Brot ich ess..." unmittelbar auf Augstein als Teilhaber am "Spiegel" an - also dass Fleischhauer deshalb Augsteins "Lied singt"? Und nicht nur des Berufsethos ("Unabhängigkeit der Presse"), der Kollegialität und "Freundschaft" mit Augstein wegen, wie er unterstreicht?

 

 

Konfuzikuntz 07.01.2013 | 23:20

Nun aus dem lustigen Soziotop des Links-Sein ist der "aus versehen konservativ" gewordene Herr Fleischhauer ja nun wirklich in so maßvoller wie glaubhafter Weise ausgezogen.

Der gleiche Mann hätte - wenn er schon immer so gedacht hätte, wie er heute denkt und infolgedessen eher nicht beim Spiegel groß geworden wäre, sondern eher bei der Welt, und dann auch nicht mit seinem Co-Blogger von SPON und im Grunde Arbeitgeber Augstein zu tun hätte, sondern eher mit Broder und seinen Buddies großgeworden wäre - vielleicht etwas anderes geschrieben.  Und gewiss nichts persönliches. Es hat Augstein zudem niemand die persönlichen Manieren abgesprochen. Man kann auch mit manikürten Händen der Meinung sein, dass Israel den Weltfrieden bedroht.

Man stelle sich einmal vor, Friede Springer hielte nur 25%, aber würde bloggen, vielleicht mit einem für Springer-Verhältnisse linken, aber auch ganz knuffigen Journalisten, mit dem sie persönlich gut und kann, von dem sie es schätzt, dass er ein buntes Pferd im Stall ist. Was sollte ein solcher Menschen denn machen, als sie zu verteidigen, wenn sie unter Beschuss gerät? So "professionellerweise wie vielleicht auch persönlich? Fleischhauer wird die Augsteinschen Formulierung gewiss schräg finden, sich vielleicht auch das ein oder andere dazu denken. Aber das er ihm bei einem Kaffee und schreibt es nicht öffentlich. Er will ja nicht der Renegat sein - der auf einmal neben dem Superantisemiten bloggt.

miauxx 07.01.2013 | 23:50

"Was sollte ein solcher Menschen denn machen, als sie zu verteidigen, wenn sie unter Beschuss gerät?"

Naja, Fleischhauer hätte ja auch schweigen können zu Augstein; sich ein anderes Thema suchen können ... Weiß nicht, wie das da so abläuft bei SPON was die Kolumnisten angeht. Also ob sie ganz frei von der Leber weg - eben wie Blogger - ihre Texte reinstellen oder es vielleicht doch auch Absprachen mit der Redaktion gibt; virtuelle Redaktionssitzungen oder so.

"Fleischhauer wird die Augsteinschen Formulierung gewiss schräg finden, sich vielleicht auch das ein oder andere dazu denken."

Kann man wohl annehmen! Und am Ende machen eben auch die Journalisten ganz einfach und zuerst "ihren Job", wie der Amerikaner sagt. Insofern ist es freilich gut möglich, dass ein Fleischhauer sich etwas aus den Fingern saugte, um Hof und Arbeit zu verteidigen. Ganz pragmatisch halt.

"Der gleiche Mann hätte - wenn er schon immer so gedacht hätte, wie er heute denkt und infolgedessen eher nicht beim Spiegel groß geworden wäre, sondern eher bei der Welt, und dann auch nicht mit seinem Co-Blogger von SPON und im Grunde Arbeitgeber Augstein zu tun hätte, sondern eher mit Broder und seinen Buddies großgeworden wäre - vielleicht etwas anderes geschrieben."

Naja, und wenn er halt schon immer bei der "Welt" gewesen wäre, wäre das halt anders passiert. Dann müsste er einem Ulf Poschardt oder vielleicht auch mal Broder an die Seite springen. Aber vielleicht argwöhnen wir auch zu viel? Wenngleich es freilich immer eine Grenze gibt, was in einer jeweiligen Zeitung  - zumal mit Konzernhintergrund - geht und was nicht, muss es nun auch nicht zwangsläufig so sein, dass Fleischhauer nur eine "Ausputzer"-Rolle übernommen hat. Es ist ja keinesfalls so, dass Augstein nur "linke" Ansichten bedient hätte.

Konfuzikuntz 08.01.2013 | 02:30

Es ist ja keineswegs so, dass Augstein nur "linke" Ansichten bedient hätte.

Keine Frage. Es ist aber schon ein Unterschied, ob man

(a) Augstein inhaltlich zustimmt - und das tut man eben (außen) auf der Linken, nicht zuletzt auch in dieser Community, oder ob man sich

(b) allgemein hinter ihn stellt (durchaus auch aus Gründen der Pressefreiheit, bis in die CDU hinein) - ohne ihm aber zugleich inhaltlich zuzustimmen (was übrigens die smarteren seiner Verteidiger tun) oder gar über seine Formulierungen ein positives Wort zu verlieren.

Was ich in diesem Blog beschrieben habe, sind die mentalen und "geschichtspsychologischen" Gründe für den Stil, den Subtext und die Zwischentöne von Augsteins Israel-Publizistik (die ja sehr wohl Adressaten hat...) sowie für die Zustimmung, die er erfährt.

Der Nie-wieder-Deutschland-Fraktion (der Augstein angehört; er hat vor laufender in die Nationalflagge geschneuzt)stößt der gleichzeitig von ihr selbst betriebene Schuldkult und die lächerliche Hitlerfixierung auf. Der Unfug, kaum etwa anderes als Nationalsozialismus in Geschichte durchzunehmen etc.etc.etc.

Aber sich einzugestehen, dass man sich gewissermaßen den seelischen Teil der Nerobefehle zur politischen Lebensaufgabe gemacht hat (ein Kernprojekt von 1968), was vollkommen verrückt aber unter der radikaleren Linken Tat für Tag zu beobachten ist - kotzt man damit Israel voll. Was mich eben beschäftigt (und zwar schon länger, Augstein gab erst den Auslöser), ist sich jene (ehemals) antideutsche Linke wie Ionescos Nashörner in lupenreine Rechtsextremisten verwandeln. Achtermann und selbst Domeinski sagen es Netzmann, aber er versteht es nicht.

Er geht da gerade eine rote SA an den Start (zu der ich Augstein nicht zähle, auch wenn er mit ihr flirtet) und die sich zugleich nichts so flehentlich wünscht wie das Verbot der NPD, deren Denkmuster sie gerade übernimmt.

Netzmann wäre nach dem Absondern seines Drecks (man kann das wirklich nicht anders nennen) sofort zur Demo gegen Nationalismus gelaufen.

Vielleicht sollten wir darüber weiterdiskutieren. Sind Sie nicht auch gegen deutschen Nationalismus? Und finden sie nicht auch, dass Israel Deutschland erpresst? :)

Deutlicher kann man den Punkt kaum machen... Bei Augstein ist es nicht ganz so sichtbar, zumal er seine lockeren Flirts mit den auf einmal zu einem Judentheme national argumentierenden Sozialisten innerhalb seiner Israelpublizistik betreibt und nur das ein oder andere Triggerwort benutzt, das man sehen kann, aber eben nicht muss. Netzmann ist da "deutlicher". Und vielleicht ein besseres Beispiel für meine These.

miauxx 08.01.2013 | 21:53

"Sind Sie nicht auch gegen deutschen Nationalismus? Und finden sie nicht auch, dass Israel Deutschland erpresst? :)"

Eigentlich geht es mir so: Diese ganzen Diskussionen zum Thema sind einerseits immer von Expertenwissen ("damals '48 war das so und so, die Juden haben dies, die Araber das gemacht ..."   so in der Art) oder andererseits von solchen Befindlichkeits- und Motivationsanalysen geprägt, wie Sie sie eben angestellt haben. Das alles soll aber irgendwie immer so verdammt endgültig und natürlich überzeugend wirken. Und dann steht am Ende immer die große Frage, wie "wir als Deutsche" uns denn nun zu positionieren hätten. Das kann in der Form wie jüngst durch Netzmann geschehen (habe ich erst jetzt auf Ihren Link hin gelesen). Aber auch in der Art der versuchten Aufdeckung der eigentlichen Motivation hinter dem Geschriebenen von x oder y, das längst nicht so explizit daher kommt wie ein Netzmann.

Das, d.h. beide der genannten Strategien, macht das Ganze in meinen Augen so verdammt problematisch und provoziert die eigentlich stets gleichen endlosen threads. Und mit beiden genannten Vorgehensweisen habe ich auch meine Probleme: Weder passt mir die, komischerweise auch plötzlich von links geäußerte, Problematisierung, wie es "uns" als Deutschen denn mit Israel heute so geht, noch ist es das Bloßlegen einer vermeintlichen Motivation, wenn jemand von einem "Lager Gaza" spricht. Für mich ist das beides gleichermaßen pathologisch.

Ich sehe bei Augstein keinen Flirt mit dem "nationalen Sozialisten" von links. Möglich, dass das in ihm irgendwo so verborgen ist und dann eben auf diese Weise ein bisschen heraus will. Aber nochmal: Warum, um Gottes Willen, soll ich das in Augsteins Geschriebenem erkennen? Dass es geht und mit durchaus nicht völlig phantastischen Begründungen, haben Sie demonstriert. Meinen Sie aber nicht, dass es möglich ist, Gaza als "Lager" und das "Heranzüchten der eigenen Feinde" in eben diesem zu erkennen und fertig? Sicher, Sie wollen Augstein mehr empfehlen, auf diese Wortwahl zu verzichten, weil die eben dies und das hervorrufen könnte, als dass Sie ihn wirklich verdächtigen. Aber kommen wir da eben nicht an den so überstrapazierten Punkt, dass eine Kritik an Israel eben kaum möglich ist, ohne nicht unredlicher Hintergedanken verdächtig zu werden? Dass man also stets verdächtig ist, doch viel mehr sagen zu wollen, als man gesagt hat?

Und: Soll die pure, erste und ja auch irgendwie authentische Emotion stets nur zurückgehalten oder wenigstens stark abgewogen werden? Auch in einem spontanen Rechts- und Unrechtsempfinden sollte sein Raum gegeben werden! Es ist nur allzumenschlich und damit bei weitem nicht immer von einem Kalkül bestimmt!

Und wenn ich für mich spreche, so würde ich sagen, dass ich eine Erpressung Deutschlands durch Israel überhaupt nicht wahrnehmen kann. Wohl aber ein Verhalten Israels, das aufs Ärgste herrschaftlich, nationalistisch, ausgrenzend und jegliche Internationalität ablehnend erscheint. Damit nimmt es sich freilich nicht viel mit auch anderen Staaten. Ich möchte das aber gerade im 21. Jh. nicht kommentarlos belassen und sympathiere mit jedem, der das auf diese Fakten konzentriert ebenso benennen würde und noch viel mehr mit solchen, die sich auch entsprechend engagieren. Wohl trenne ich dabei aber zwischen Staat und Menschen! So sehe ich sehe keinen Anlass, irgendetwas per se gegen Juden zu haben. Es gibt nicht hier oder da auf der Welt die besseren Menschen und dort die schlechteren. Die Vereinnahmung ganzer Bevölkerungen durch die stets ganz eigenen und bestimmten Interessen der jeweiligen Staatlichkeit  -  schlimmer dabei die Bestimmung "des Volkes" -  sowie die auch von außen kommende Verwechslung von "Staat" und den in einem jeweiligen Gebiet lebenden Menschen, ist dabei eines der großen Übel, welches am Ende immer wieder den letzten Rest zur Mobilmachung gegen die "Anderen" abgibt (dagegen guckst du hier). Ich möchte mir dann aber auch nichts anderes einreden lassen! Weder, dass ich eben nur als Deutscher rede, noch dass ich, wenn ich Israel benenne, "freilich" Juden an sich bezeichne.

Glauben Sie mir einstweilen, dass Ihre suggestive Fragestellung, "Sind Sie nicht auch gegen deutschen Nationalismus? Und finden sie nicht auch, dass Israel Deutschland erpresst? :)", bei mir nicht verfängt! :-)

 

 

 

 

Konfuzikuntz 08.01.2013 | 23:47

Die Frage  sollte nicht verfangen! Und schön, wenn sie das nicht tut... Es gewiß nicht das Ziel meines Bloggens, zum Aufkommen eines linksantisemitischen Selbstentlastungs- oder Projektionsnationalismus beizutragen.

Dieser ist lupenreine SA-Denke. Zwar in den Äußerungen nicht so militant wie die historische, aber gedanklich fast noch verschrobener, weil man das Deutschland, das man wie Netzmann ja "vor den Juden retten" will - eigentlich verachtet...

Die gleiche Klientel dürfte Augstein bewundert haben, als er vor laufenden Kameras in die verhasste Bundesflagge geschneuzt hat...  Aber natürlich sieht man keinen Widerspruch.

Und wie leicht es den Nazis gefallen ist, die Masse der Mitglieder der kommunistischen Kampfbünde in die SA zu übernehmen, das hat man natürlich vergessen.

Diese Klientel ist persönlich fast unaufrichtig, geschichtsneurotisch, im politischen Denken formvollendet schizoid, und infolge der immer bizarreren Kaschierung der eigenen Lebenslügen als Hohepriester der Hitlerverengung (man sehe sich nur die Verzweiflung eines Grote an, der ja nicht dumm ist, aber dessen bizarres Bloggen allein dem Ziel dient, sich seine Lebenslüge, jahrzehntelang im Hitlertempel gedient zu haben, nicht einzugestehen). Und somit ist sie letztlich auch intellektuell indiskutabel. Da kommt eine große bräunliche Blase auf, die dann platzt. Wer sich wagt, hineinzustechen, dem wirft man aus dem Inneren der Blase Deutschtümelei vor (siehe Vaustein oben).

Ein klein wenig grotesk?

Der Schoß ist fruchtbar noch. Aber das Balg wird noch durchgeknallter sein als das Letzte. Auch wenn es gewiss geringeren welthistorischen Schaden anrichten wird. Die immense Macht des deutschen Reiches, dieses "Riesenspielzeugs", wie Sebastian Haffner es genannt hat, sie ist ja weg. Ist auch besser so.

Das macht es aber noch nie besser, dass da  Leute in den politischen Startlöchern sitzen (man könnte sie die Fäkalluftschlucker nennen), die vorgeben, dagegen zu sein, dass jemand die (in der Tat verrückte Position) "Ich liebe Deutschland und will es deswegen vor den bösen Juden schützen" einnimmt - die selbst dann aber zu einem vollends bizarren "Ich hasse Deutschland - und will es vor den bösen Juden schützen" heruntergekommen sind. Das ist intellektuell noch unter (!) SA-Niveau. Und es wird dadurch auch nicht besser, dass noch keine Scheiben einwirft.

Broder hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Vergesst Auschwitz!" Vielleicht hätte er besser geschrieben: Werdet Euch Eurer zwangsneurotischen Angewohnheit bewusst, rund um die Uhr nach Fäkalien riechende Luft herunterschlucken zu wollen... und die Kinder in der Schule Nationalsozialismus zu lehren.

Aber das ist eben nicht so griffig.

Ich bin ja auf diese Ausgabe des Freitag mal gespannt. :-)

miauxx 09.01.2013 | 19:11

"Ein klein wenig grotesk?"

Wenn Israel-Kritik den beschriebenen Schwenk in Richtung einer Sorge um Deutschland vollzieht, widerspreche ich Ihnen nicht. Genausowenig, wenn sich offenbar eine Obsession auslebt, die verlauten lässt, als Deutscher möchte man doch nun endlich (!) auch mal sagen, wie es sich mit Israel nun tatsächlich verhalte. Letzteres ist vielleicht am ärgsten; ersteres vielleicht noch grotesk.
Sicher werden wir beide uns aber vorerst nicht darüber einigen können, wo die Schranke zur Groteske bzw. Schlimmerem anzusetzen wäre. Dem Netzmann etwa sollte man in meinen Augen schon etwas entgegensetzen. Ihn jedoch abschließend schon in die rechte Ecke zu stellen oder als grotesken "nationalen Sozialisten" zu stempeln, würde mir zu weit gehen bzw. zu vorschnell sein. Zwar sind das keinesfalls harmlose Töne, die vielleicht nur etwas unrichtig sind, doch glaube ich eher an eine Art Affekthandlung mit einem gehörigen Schuss Naivität. Nun, ich habe die Diskussion dort nicht weiter verfolgt (gibts den Blog eigtl. noch?, ma kucken) ...


"Die gleiche Klientel dürfte Augstein bewundert haben, als er vor laufenden Kameras in die verhasste Bundesflagge geschneuzt hat... "

Habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was meint der denn?? Den Auftritt Augsteins kannte ich bis her noch gar nicht! Nun habe ich ihn gesehen und muss sagen: Naja, ist halt die Kategorie der Albernheiten, die fast immer am Ende von A&B kommen ... Mäßig lustig, aber auch nicht zu hoch zu hängen. Wer das Schneuzen in die Fahne nun irgendwie ernst, gar als Statement, nimmt, hat aber auch den berühmten Stock im Arsch. Sorry!

Ansonsten bin ich mit meinem Latein vorerst auch am Ende. Danke für die Diskussion! Ach ja - kennen Sie den Autor Schlesinger? Würde mich mal interessieren, was Sie von dem halten?

Konfuzikuntz 09.01.2013 | 19:47

Immer gern! ;)

 

PS: Schlesinger? DAS ist ein Israel-Kritiker.

Seine Themenauswahl ist vollkommen einseitig. Allerdings schreibt er sachlich und bloggt mit Anstand, ja fast schon eingem gewissen Stil. D'accord.

Ich würde einem Studienanfänger, der sich für die Feinheiten des Nahost-Konflikts und eine ganzheitliche Sicht der Dinge interessiert, dringed abraten, nur bei Professor Schlesinger zu studieren, diese aber  einen von mehreren Perspektiven zur Entwicklung eines eigenen Bildes empfehlen. Bei Schlesinger erfährt man etwas über Nahost und nicht über ihn selber. Vergleichen Sie seine Blogs doch mal mit denen eines Grote...

Bringt man seine 100%-Perspektive zumindest in Richtung 50/50 (es gibt keine vollkommen einseitigen Konflikte, das ist schon logisch unmöglich), kann man ihn durchaus mit Gewinn lesen.

Schlesinger würde ich von alledem, was ich hier schreibe, ausnehmen.

Er kommt ohne Unterton, ohne subtile Appelle und all das aus. Seine Perspektive ist einseitig. Aber er ist darin ehrlich. Ich halte seine Sicht der Dinge für falsch, oder zum mindesten in der Perspektive unter Beibehaltung des Stils erweiterbar, sein Schreiben ist aber definitiv kein Fall für die geschichtspsychologische Couch.

Oder aber er ist ein wirkliches Smart Ass. Dann könnte Augstein eine Menge von ihm lernen.