Paul Duroy
23.12.2012 | 17:13 2

Das Reich der Marktwirtschaft

Menschenbild Über die Lüge einer Notwendigkeit des totalen Marktes und den Verlust eines prospektiven Menschenbildes

Das Zeitalter, das sich in diesen Jahren ergibt, ist eines, das an mir vorueberzieht, das ich durch mich hindurchlaufen lasse oder vielleicht ebenso gut eines, durch das ich hindurchgeschliffen werde...es ist keines mehr, an dem ich bedeutenderen partizipativen Anteil habe oder haben moechte.

Statt die Bilanz eines Jahres zu ziehen, gälte es, die Bilanz eines Zeitalters zu ziehen. Sich einzugestehen, dass wir kein Projekt mehr haben. Die Beförderung des Menschenbildes ist kein Konzept mehr, und meine Freunde sagen, ich soll nicht darueber nachdenken, sondern mir Gedanken machen, wie ich mein eigenes Leben auf die Reihe bringe. Die Mitgliedschaft am Neuen Zeitalter passt zu und spricht bereits deutlich aus ihnen. Jeder kontraproduktiv geäußerte Gedanke ist ein ausschließender und explizit systemgefährdender, den es zu korrigieren gilt.

Der Buchhalterblick meiner Freunde uebersieht das Problem, das ich mit dem Zeitalter habe: es laesst mich nicht. Es laesst mich nicht, sondern es will mich...es will mich irgendwie haben, irgendwie besitzen, irgendwie teilen, irgendwie anschließen, irgendwie verbrauchen.

Es soll Menschen geben, die mit ihrer Zeit nicht einverstanden sind und da nicht sehen, warum sie MITziehen sollen und schaffen an ihr. Wenn das große Ganze ihnen nicht mehr taugt, kann sich ein Akt der Abgrenzung vollziehen. Wenn das Gefuehl aufkommt, gegen ein System anzustehen, dessen Lebensstrom allein das Geld, der Profit und die Marktbefähigung sind, hilft nur die Diaspora, der Gang in das eigene Exil, der Aufbau einer inneren DDR oder in der äußersten Konsequenz die Destruktion, mag diese sich gegen das System oder gegen einen selbst wenden.

Man muss sich nach den Aussagen der Zeitgenossen mit dem Zeitalter engagieren, seinen kleinen schmierigen Pakt mit dem Geist des Zeitalters schließen, um nicht zurueckzufallen oder unzeitgemäß zu erscheinen. ''Willkommen im 21. Jahrhundert'' heißt es dazu oft genug auch. Das ist eine Resultativfloskel, die jeden Einwand ohne Argument ersticken moechte. Der Tenor: jede Kritik am Zeitalter ist unzeitgemäß. Eine gewaltige Apotheose der reinen Zeitlichkeit. Eine Art Kapitulation des Denkens, eine Vernknüpfung der menschlichen Idee an die Zeitlichkeit als Schicksal und Fatum: kritisiere nicht das Zeitalter, die Dir entgegenkommende Zeit ist größer als Du und jeder Deiner Einwände und Ideen.

Die Zudringlichkeiten aus allen Richtungen werden größer. Die Mitteilung wird abverlangt, wird erzwungen, und warum ist man eigentlich nicht bei facebook? Man konnte bereits in den letzten Tagen in den amerikanischen Leitmedien die nicht einmal mehr subtile Schlussfolgerung erleben: wer nicht bei facebook ist, ist per se ein Soziophobiker und auch Amokpotential lauert aus dieser Richtung kommend. Hieraus erweist sich bereits der Gesinnungsterror des Teilens, Mitteilens und ''sozialen'' Netzwerkens: bist du nicht dabei, bist du per se verdächtig.

Dass die Schlussfolgerung aber auch in die Gegenrichtung erfolgen könnte, dass die Abwendung Gründe hat, die in der Gesellschaft liegen, wird selbstredend kaum erwogen. Es gibt eine ausreichende Anzahl an Menschen, die sich von dieser Bewertungsgesellschaft abwenden und ins innere Exil (da das äußere Exil, zB die Flucht in den Naturraum, kaum noch moeglich ist oder schon zur ''hippen'' Haltung einer bewohlstandeten Mittelklasse verkommen ist, die den Naturraum zersiedelt und ''kultiviert'' hat) abwandern, weil sie sonst nur das Gefuehl haben, das bestehende System, würde an Dummheit und Sinnlosigkeit wachsen, sie tumorartig überwachsen.

Die Idee von Freiheit hat sich zu einer zunehmend stumm bleibenden Ahnung von Notwendigkeit, Selbst-Ertüchtigung und Wertschöpfung transformiert...dabei wird damit gerechnet/kalkuliert, sich solange zum partizipativen Opfer des Systems zu machen (auch wenn der Opfer-Begriff ansonsten so verhasst ist, dass er zum Schimpfwort verkommen ist, nachdem er seine aus der christlichen Metaphorik überkommene positive metaphysische Kraft vollstandig verloren hat), bis man mit einigem Glück soweit gekommen ist, selbst ein größeres Rad im System zu drehen, Geld zu haben, Wohlstand zu mehren, in Besitz anzulegen, zu investieren, um zu gewinnen und disponieren zu können. Das allein zählt. Wie wir ansonsten leben wollen, welchen Begriff wir noch von Natur und Werten haben, die nicht finanziell zu ermessen sind, was unser modernes Menschenbild sein soll, woran wir noch glauben sollen und welcher Sinn uebrigbleibt, wenn wir alle diese metaphysischen Werte vom Geld abkoppeln, das sind Fragen, die sich nicht einmal mehr stellen. Diese Fragen werden nicht mehr verstanden.

Dieses Zeitalter erstickt an der reinen Gegenwart, die im Grunde als permanent eintreffendes Kondensat einer Zukunft verstanden werden soll. Zukunft wird dabei nicht mehr als etwas Gestaltbares erlebt oder beschrieben, sondern wie eine Schicksalsmacht, der wir uns, wenn auch proaktiv, unterwerfen sollen. Klimawandel lässt sich also ohnehin nicht mehr aufhalten, die Verarmung der Gesellschaften lässt sich nicht mehr aufhalten, die alternativlose Universalweltherrschaft des Marktes lässt sich nicht mehr aufhalten (vielmehr müsse man sich ihr endlich anpassen, was letzterdings nur bedeutet: an ihr aktiv mitwirken!), die Ausbeutung der Natur wird unwiderruflich die krassesten Züge annehmen, was sich natürlich auch nicht aufhalten lässt, da China, Indien, Brasilien und dergleichen schließlich auch ihr Stueck vom großen Kuchen einlösen wollen.

Am schicksalhaft gedeuteten ''alternativlosen'' Charakter politischer Entscheidungen bis hin zur Marktstroemen, auf die die Menschenhand keinen Einfluss hat, entlarvt sich die Schicksalsgläubigkeit dieser Epoche. Alles passiert nur noch...ändern kann man nichts mehr. Der Mensch hat die Autorenschaft über das System, in dem er lebt, verloren...eine neue Um-Welt ist entstanden, die er nur noch rezeptiv versteht, nicht mehr aktiv formend. Dabei ergibt sich eine noch fatalere Verschiebung des Blickes des Menschen auf die Umwelt: dadurch, dass die digitale Welt mehr und mehr zur eigentlichen Umwelt wird, ist der Weg zur schonungslosen Ressourcenausbeutung der analogen ''Natur''welt freigestellt. In ebendem Maße, in dem der Mensch den Bezug zum Naturraum verliert, steht dieser endgültig zur Vernichtung durch Ausbeutung frei. Da der Naturraum immer expliziter (und somit selbstverstaendlicher) als Ressourcenraum verstanden wird, wird der Widerstand gegen die Vernichtung unseres Ursprunges notwendig verschwindend gering. Eine bunte neue digitale Scheinwelt wird dagegen zum ''Refugium'' des unverorteten Menschen.

Es mag also nicht verwundern, dass selbst kritische Geister, die noch ein wenig denken mögen, der Schicksalshaftigkeit des Zeitalters unterliegen und dem ''System'' (wie auch immer man es spezifizierend benennen will), keine ideenreichen Reformvorschläge mehr zu unterbreiten vermögen, sondern ihm allein noch Diagnosen ausstellen.

Der Mensch hat an sich selbst zuviel. Die Masse an Reizen, die uns zu überfluten droht, ist die kritische Masse, die es ''gebraucht'' hat, den Zusammenhaengen nicht mehr entkommen zu können. Die Verstrickung ist allgegenwärtig. Die größte Systemkritik wäre das unausgesetze Schweigen und Nichtmitmachen, aber in der Konsequenz bedeutet diese Aufkündigung der konfirmativen Partizipation am System der Marktbefähigung die Zermürbung der eigenen Existenz. Das System sorgt nachhaltig dafür, dass seine radikalsten Kritiker den Preis für ihre Kritik zu zahlen haben: den Ausschluss aus der Lebensgemeinschaft.

Die Heilsbotschaft, die man zu diesen ''besinnlichen'' Tagen hin fast mit der Belieferungsnotwendigkeit eines Zeitungsabonnenten erwartet, ist eine solche, die in ihrer Konsequenz und Freiheit dem System nach Art eines Machtkampfes der Prinzipien gegenuebertritt: Rettung ist nicht innerhalb der Immanenz des bestehenden Systems möglich. Der fatale Zusammenhang muss gebrochen werden. Freiheit schafft sich nur durch qualitative Sprünge...jeder einzelne muss einstehen für das Maß an Veränderung, das er in die Gesellschaft einbringen will. Wenn wir nicht ganz dem Schicksalswüten eines Zeitalters erliegen wollen, das Illusion und verlogenen Zugewinn an die Stelle von nachhaltigen Werten setzt.

Eine erwägenswerte Eigenschaft wäre zB auch die Ertüchtigung des eigenständigen Denkens, statt einem Diskurs der Moderne nachzuhecheln oder den erratischen Leitmedien in ihren Schwanengesängen auf Notwendigkeiten zu folgen. Und dann den Überschritt zu schaffen, das eigene kritische Denken nicht nur abends resigniert abzuseufzen, bevor man am Morgen sich wieder aufmacht zur Partizipation und Arbeit am und im falschen Systems. Nur ein Sprung rettet uns aus den Zwängen, als in die unabänderlich gesteckt wir uns denken. Die eigene Freiheit denken und diese dann vollziehen, das ist die radikale Geburt des Menschen in seine Mündigkeit.

Der Mensch ist dabei, die Bedingungen seines Seins aufzulösen in einer Art, die ihm nicht bewusst ist und die er sich nur unter hoher Reflektion (für die wir jedoch keine Zeit mehr aufzubringen möchten) bewusst machen kann. Dabei wird alles darauf hinauslaufen, den Menschen durch das Erstreben seines Bewusstseins, sich als freies Geschöpf zu denken, als Menschen zu retten.

Wenn das Menschenbild sich dagegen in ein Menschenbild der Notwendigkeit und der Unterworfenheit wandelt, wird es notwendig ein passiv-rezeptives Menschenbild, eines, das sich selbst zur Disposition freigibt. Welche Macht dann ueber uns waltet, ist noch nicht auszumachen, am Horizont dessen, was wir schicksalsblindwütig auf uns selbst zukommend vermeinen, nur dürfen wir sicher sein, dass es kein gütiger Gott sein wird und kein jubilierendes Reich der Glückseligkeit, sondern eine Größe, der wir dann nichts mehr entgegenzusetzen haben werden, nicht unseren Markt, und nicht unsere bunten Bilder, nicht unsere Netzwerke und nicht unser Geld, nicht unsere schöne bunte Welt und nicht unsere frivole Heiterkeit...eine Kraft, die sich nicht korrumpieren lässt, da sie nicht ermessen, bewertet, gekauft, vermarktet und eingepreist werden kann...eine Kraft, die heranwächst und die nur noch nicht benannt ist, da sie implizit wie ein stiller Keim der ungehemmt beschleunigten Entwicklung des Marktes innewohnt. Die bewusstlose Kehrseite unserer Rating-Effektivkultur, deren Zeit erst noch kommen wird, eine reine gleichgültige Kraft, die sich nicht korrumpieren lässt, gerade weil ihr alles gleichviel und gleichwenig wert ist.

Eine dann unabwendbare Kraft, die sich der eine herbeiwünscht, der andere fürchtet und von der die meisten nicht einmal ahnen, dass sie der Entwicklung bereits innewohnt...wenn aber ihre Zeit gekommen ist, was wird das fuer ein Advent!?

Ich wünsche all meinen Lesern ein besinnliches Fest...

''Surely some revelation is at hand;
surely the Second Coming is at hand. (...)
And what rough beast, its hour come round at last,
Slouches towards Bethlehem this time to be born?...''

William Butler Yeats, The Second Coming

...nächstens mehr...

 

Kommentare (2)

Paul Duroy 25.12.2012 | 12:31

Lieber Yuren,

um Ihre Frage nicht falsch zu verstehen: können Sie sie etwas deutlicher machen? Welches Bild ist denn für sie das ''gezeichnete Menschenbild''...?

Aber vorab schon einmal eine Teilantwort: in der Weise, in der Theologen oft trommeln, die Gegenwarte handele gottvergessen, scheint es dagegenzunehmend so, dass die Gegenwart ''menschvergessen'' handelt. Zwar ist es der Mensch, der die Natur zerstört und die Interessen seiner eigenen Art zur schieren Aufrechterhaltung durchdrückt, aber er hat dabei kein humanistisch-anthropologisches Projekt mehr. Das Projekt des Menschen lautet zunehmend: das Überleben sichern.  Aber welches Überleben?

Ästhetische oder humanistische Ansätze zur Deutung des modernen Menschen: Fehlanzeige! Überall Markt, Ressourcenausbeutung und schön ist allein noch, was im Digitalen ''Reich'' neue Welten schafft. Aber Schönheit ist ohnehin kaum noch ein Kriterium.

Es ist eine Entwicklung, die noch zu implizit ist, als dass man sie begrifflich bereits astrein fassen könnte. Es ist die Idee von der Schatten-Evolution einer Dynamik, die sich der Steuerung des Menschen entzieht. Es wirkt, als vollziehe der durch den Menschen bewusst gewordene Modus der naturwissenschaftlichen Gesetzlichkeit (die Mathematik insbesondere) in diesen Zeiten eine Bewegung gegen ihren eigenen ''Schöpfer'', den Menschen, eine Bewegung, die über den Menschen bereits hinausweist. 

Die dynamisch bewusstgewordene Mathematik instrumentalisiert den Menschen und gibt ihm sein Bewusstsein verfremdet zurück. Der Mensch löst sich derart von seinem natürlichen (nicht zuletzt auch physischem!) Ursprung und gerät in eine beschleunigte Evolution, von der nicht klar ist, wohin diese Dynamik den Menschen befördert oder ob sie die Kategorie ''Mensch'' überhaupt erhalten wird.