Peter Nowak
04.03.2013 | 14:59 3

Das Kommunistische Manifest im Theater

Marxlesung Der Schauspieler Rolf Becker hat in Berlin das Kommunistische Manifest gelesen. Ein besonderer Theaterabend

Das Kommunistische Manifest im Theater

Foto: effeciemme / Flickr (CC)

„Da wird zwei Stunden Marx gelesen  und die Leute zahlen auch noch“, wundert sich ein junger Mann am Samstagabend vor dem Neuköllner Heimathafen. Dort hatte sich eine lange Schlange an der Kasse gebildet. Tatsächlich wollten viele Menschen  den Schauspieler Rolf Becker bei der Lesung des Kommunistischen Manifestes  hören. Der Saal war fast bis auf dem letzten Platz gefüllt. Kaum jemand hat den Saal vorzeitig verlassen, so dass die Menschen auf ihre Kosten gekommen sein werden. Es scheinen auch überwiegend Menschen gewesen sein, die zumindest Marx nicht so fern stehen. Dass zeigte sich am Applaus an bestimmten Stellen,  wo  Marx den Nerv der Zeit scheinbar  oder  tatsächlich getroffen hat.

Becker verstand es auch,in zweimal 45 Minuten den durchaus nicht einfachen Text unterhaltsam zu vermitteln. Am Ende wurde man sich, dass die Zeit tatsächlich  schon vorbei ist. Selbst als jemand, der den Text schon einige Male gelesen hat, merkt  man beim Zuhören  auf. Meistens ist es eine positive Überraschung, wenn Marx gesellschaftliche  Phänomene, die wir heute so oft diskutieren, schon 1848 so prägnant beschrieben hat. Der Passus gehört auf jeden Fall dazu, wo er beschreibt wie die heilige Familie vom Kapitalismus immer mehr demaskiert wird und die im Rahmen der Familie getätigten Beschäftigungen zu  Lohnverhältnissen  und Waren werden. Wem  fällt da nicht die wachsende Reproduktionsbranche und der boomende Caresektor ein?  Gelegentlich bleiben beim Zuhören auch ein Befremden zurück. Wenn Marx etwa zu den Maßnahmen eines  Programms auch „gleichen Arbeitszwang  für Alle“ und die „Einrichtung industrieller Armeen“ forderte. Ob es nur zeitbedingte Forderungen sind oder ob hier eine Lohnarbeitsvergötterung durchschimmert, die im Nominalsozialismus ihre verheerenden Auswirkungen haben sollte, muss offen bleiben.  Und liefert er mit dem Passus, das Proletariat werde der Bourgeoisie „nach und nach“ alles Kapital entreißen“ nicht ein Einfallstor für reformistische Illusionen eines allmählichen Hineinwachsens in den Sozialismus, wie sie in allen Arbeiter_innenparteien historisch zu beobachten waren und sind?   

   Becker hält sich mit ergänzenden Bemerkungen zurück. Nur einmal macht er eine Ausnahme, als er berichtet, wie ihn  Stefan Hermlin erzählt habe, er habe in den  DDR-Ausgaben des Kommunistischen Manifests    den Passus, wo Marx die freie  Entwicklung jedes Einzelnen zur Grundlage für die freie Entwicklung Aller machte, umgedreht gelesen.  Dort habe dann gestanden, dass die freie Entwicklung Aller die Grundlage für die freie Entwicklung des Einzelnen wäre. Sicher kein Zufall, schließlich lässt sich damit besser ein etatistischer Staatssozialismus begründen, den Marx gerade nicht befürworte.

Warum das Gespenster-Zitat?

 Angesichts der rundum gelungenen Lesung bleibt nur ein Kritikpunkt, der sicher nicht an Rolf Becker geht. Wie kann man nur bei den vielen prägnanten Marxzitaten für die Lesung ausgerechnet mit dem  abgenudelten Gespensterbonmot werben und Marx noch Vampirzähne auf den Werbeflyern und Postern imprägnieren?  „Der Arbeiter hat kein Vaterland“, wäre dann vielleicht  doch nicht allen im Zielpublikum vermittelbar gewesen.

 

Peter Nowak       

Kommentare (3)

gelse 04.03.2013 | 20:57

>>...„Da wird zwei Stunden Marx gelesen  und die Leute zahlen auch noch“,...<<

Erstaunlich, ja.
Ich habe damals, 1070/71 für den "Kapital-Arbeitskreis" nur Freizeit und etwas Hirnschmalz investiert. Das war aber auch nix zum Angeben, eher eine Fundgrube für Denkanregungen...

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„Der Arbeiter hat kein Vaterland“...
Das war damals auch kein grosses Thema: Wir wussten es einfach.