Malte Krøgergaard
02.03.2012 | 03:33 15

Auf Tuchfühlung mit der Gerechtigkeit

Fairtrade Wenn schon Konsum, dann zu fairen Bedingungen. Klingt erst mal gut, aber hält der gerechte Handel, was er verspricht? Immerhin bietet er Konsumenten eine Alternative.

Niemand Geringeres als Vivienne Westwood klärte neulich die Öffentlichkeit per Interview darüber auf, dass es mit der Konsumgesellschaft Grenzen haben muss. "Kauft weniger!" rief sie den Massen zu und man traut sich kaum zu behaupten, dass sie dabei die ein oder andere offene Tür eingerannt hat.

Dabei könnte man glauben, es gibt ja noch den Mittelweg, der da lautet: Fairtrade. Obwohl, was in Form von Kaffee und Kosmetik inzwischen Eingang ins Mainstream-Kaufverhalten gefunden hat, ist im Hinblick auf Kleidung noch nicht ganz so stark in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt - die Mode mit Herz und Verstand, das Gewissen im Kleiderschrank. Spenden und Kaufen in einem?

Vielleicht sprach die Designerin den vernünftigsten Satz, der im Zusammenhang mit all dem Hickhack um fairen Handel, sweatshop-freie Shirts und Öko-Baumwolle seit langem gefallen ist. Hier im Freitag war es ganz aktuell der Text von Felicity Lawrence, in dem sich die Autorin sinnvollerweise gegen eine Art Ablasshandel für Gutmenschen aussprach, die sich reflexartig und im Glauben, etwas für eine bessere Welt zu tun, auf Produkte mit Fairtrade-Logo stürzen.

 

Fair und im Trend?

So weit, so gerecht. Schnell wird bei den ehrlich Empörten dann auch der Ruf nach politischen Gegenmaßnahmen laut, die aber wiederum selten im einzelnen durchdacht und erörtert werden. Erstens liest man nichts über die Konsequenzen, die ein Einschreiten der Politik zwingend nach sich ziehen würde (ich denke da vor allem an stark erhöhte Produktpreise in den postindustriellen Abnehmerländern). Zweitens scheint es auch nicht so interessant zu sein, inwieweit solche Maßnahmen überhaupt von der breiten Bevölkerung getragen würden. Gehen wir von Menschen aus, die ernsthaft Anteil nehmen an den Lebensbedingungen anderer - was ist ihnen die Fairness wert?

Der Jutesack beispielsweise hat sich, völlig überraschend, nicht durchsetzen können. Auf Luxus mag man nicht verzichten. Bio, fair und Haute Couture, das muss irgendwie zusammengehen. Gerechte Mode kommt so auch an bei den Gutbetuchten, die wiederum keinen Hehl aus ihrem erweiterten Bewusstsein machen wollen. Schlussendlich fügt sich die Frage nach dem Wie und Woher der Stoffe nahtlos ein ins binäre Fashion-System von In und Out - und läuft damit Gefahr, aus der Mode zu kommen.

Am besten lässt sich das am amerikanischen Hersteller American Apparel beobachten, dessen Gründer Dov Charney noch 2005 in den USA zum "Unternehmer des Jahres" gekürt wurde. Im selben Jahr jauchzte die FAS über vorbildlichen Umgang mit den Mitarbeitern und ausbeutungsfreies Herstellen von hipper, cooler Kleidung, die eben nicht wie selbstgestrickt daherkommt. So angestaubt wie das klingt, wurde natürlich nicht vermieden zu erwähnen, dass gerade junge Konsumenten angesprochen werden sollten. Kaum fünf Jahre später läutet in der ZEIT auch schon das Totenglöckchen. Der Umsatz ist eingebrochen, schnell war das Image futsch, Vorwürfe von Diskriminierung der Angestellten wurden laut - ausgeträumt!

 

Nein, danke. Ich kaufe nicht.

Fairer Handel ist trotz allem sicher nicht die schlechteste Methode, auf moralische Schieflagen im globen Handel zu reagieren. Denn nachweislich macht er die Bedingungen der Menschen, für die er ersonnen wurde, nicht schlechter. Er mag keine abschließende Lösung sein, aber eine Linderung ist er allemal. Und vor allem hat er Signalwirkung! Worauf es ankommt, sind wohl letztlich die unabhängigen Kontrollen, denen er unterliegen muss. An dieser Stelle sehe ich viel eher einen Einsatzbereich der Politik als in der Preisgestaltung. Am Ende muss der Konsument hierzulande fähig sein, eine mündige Entscheidung treffen zu können und dabei sicher sein, keinem Etikettenschwindel zu unterliegen.

Ansonsten halte man es mit Vivienne Westwood und übe Verzicht. Die Dame trägt zum Beispiel so gut wie nie Unterwäsche. Und was man nicht trägt, das muss man gar nicht erst kaufen.

Kommentare (15)

memyselfandi 02.03.2012 | 21:00

Herr Krogergaard, "neulich" ist relativ, denn die Westwood sagt das schon seit Jahren und immer gerne zu ihren Modeschauen, und das "ausgrechnet" in der Anmoderation zu Ihrem Artikel trügt auch, denn gerade die Westwood sagt das und das macht Sinn. Wir erinnern uns, die hat auch schon ein Manifest geschrieben.
Und was sie sagt ist auch nicht nur "kauft weniger", sondern kauft Qualität, kauft weniger, wascht weniger, denn Waschen ist eine der großen Umweltsünden. Das mit der Unterwäsche habe ich hingegen noch nie gehört, aber es taugt halt in einem Artikel, irgendwie.

So, weiter im Text, fair-trade ist gut, wenn auch keine Heiligsprechung für Menschen mit Gutmenschenschlechtemgewissen... ja, das ist auch nicht neu. Aber immerhin gibt es fair-trade und die Leute, einige, machen sich ihre Gedanken, kann so schlecht nicht sein.
Noch besser wären Artikel die uns allen sagen wir mögen vernünftiger einkaufen (mit dem Wort Verzicht holt man kaum einen Hund hinterm Ofen vor), dann würde die 4. Gewalt im Staate ihre Macht sinnvoll einsetzen.

Malte Krøgergaard 03.03.2012 | 01:08

Lieber memyselfandi, "neulich" bezieht sich ganz einfach auf das aktuelle Interview, das ich verlinkt habe. Man kann auch gerne "neulich wieder" sagen.
Vom Wörtchen "ausgerechnet" möchte ich mich insofern distanzieren, da diese kleine Anmoderation von der Redaktion verfasst wird, wenn ein Text auf die Startseite gesetzt wird. Mir ist schon klar, dass die Queen of Punk nicht ganz plötzlich ein Damaskuserlebnis hatte.

Ich weiß nicht, wie viele von uns sich Artikel wünschen, die uns sagen, wie wir es besser machen. Dieses Wissen muss ich sowieso schuldig bleiben. Meine Meinung habe ich ja kundgetan, vom alleinig erhobenen Zeigefinger halte ich dagegen eher wenig.

tlacuache 03.03.2012 | 09:56

Nach 12 Jahren im Exil:
"Ablasshandel" geht in die richtige Richtung, "Feigenblatt" trifft es eher, "Westwood" ist eine professionelle Selbstvermarkterin mit dem moralischen Anspruch der in etwa so weit reicht wie der WWF oder Sportschuhhersteller im fernen Osten, die Kinderarbeit ab jetzt mit 400 % Aufschlägen belohnt.

Nebenbei, die "4. Gewalt" hat als Basis ihrer Existens Anzeigenkunden, die meist Jutesäcke vermarktet.

Nichts gegen den anregenden Beitrag, aber der Hype um Westwood ist in ungefaehr so wichtig wie ein Palmoeltropfen einer Monoplantage von 10 Millionen Hektar.
Es soll Länder geben, da können sich die Kinder gar keine Unterhose leisten, da die Eltern damit beschäftigt sind, was sie Morgen auf dem Teller haben, an Uebermorgen denken sie lieber gar nicht, oder anders gesagt, Unterhosen made in Beijing bei einem Einzelhandelsriesen IST fair - trade, zumindest aus der Sicht des Konsumenten, oder will hier ernsthaft einer die gesamtheitlichen Kosten uebernehmen, also virtuelles Wasser oder gar Sozialleistungen einer breitmaschigen kratzenden Juteunterhose?
da bleiben wir doch lieber bei 5.99 €, und weich ist die auch noch...

Malte Krøgergaard 03.03.2012 | 12:27

Ich glaube, als Hype kann man es noch nicht bezeichnen. Natürlich IST Westwood weder die Öko-Päpstin oder Queen of Fairness, denn in ihrer Position kann sie am effektiven Verkauf und der Einstellung der Leute überhaupt nichts ändern. Was ihren tatsächlichen moralischen Anspruch angeht, dazu kann ich nichts sagen.

Wohl aber taugen eine Westwood, ein Clooney u.a. als Gradmesser der öffentlichen Wahrnehmung. Und während die eine das ökologisch-ökonomische Gewissen gibt, stellt sich der andere für Ausbeutungskaffee, umhüllt von tonnenweise Plastik, vor die Kamera. Damit hat er sich bekanntlich nicht nur Freunde gemacht.

Letztendlich kann aber nur die breite Masse der Konsumenten etwas am Marktgeschehen ändern. Und das war ja meine Frage - was ist uns die Fairness wert, nicht in Feigenblättern, sondern in Euro und Cent?

Malte Krøgergaard 03.03.2012 | 12:43

Ich gebe Ihnen sicher Recht, dass man momentan so manche bedauerliche Fehlentwicklung im journalistischen Betrieb zu verzeichnen hat. Sowohl das Hinterherlechzen hinter dem Tagesgeschehen, die zwanghafte Aktualität als auch die Tendenz zum Infotainment - da gibt es Baustellen, die man aber nur dann sinnvoll bearbeitet, wenn man bewusst Gegengewichte setzt.

Im Großen und Ganzen leben wir immer noch in einem an sich sehr gut informierten Land. Das heißt, sofern das Land hinsieht und -hört. Ihre Idee der Vorrolle ist schön, aber die wenigsten Leute werden eine "gewaltsame" Berichterstattung erdulden. Richtig so, denn zur Erziehung ist Journalismus nicht da.

tlacuache 03.03.2012 | 12:52

"Malte Krøgergaard schrieb 03.03.2012 um 11:27"
Stimme Ihrer Antwort komplett zu.
Nur mit dem "Gradmesser der öffentlichen Wahrnehmung" (Westwood, Clooney) kann ich gar nichts anfangen.
Wer Westwood im Freitag oder Spon liest ist kritikfähiger Konsument?
Wer Clooney in der Kinozeitschrift liest und Café aus dem Andenland schluckert ist nicht fair-trade-kompatibel?
Das können Sie mir, wenn Sie Lust haben, noch mal erklären.
Klar geht's um Euro und Cent Konsumverhalten, das wird aber durch die Hartz IV- und Steuererhöhungen nach dankenswerten Bankpleiten- Achsen in der Gesamtheit auch nicht einfacher...
;-)

Malte Krøgergaard 06.03.2012 | 03:49

Na ja, ich hatte da so an die Wechselwirkung zwischen Öffentlichkeit und Personen des öffentlichen Interesses gedacht. Und da fand ich es schön anzusehen, dass es z.B. nicht geht, wenn ein George Clooney sich als großer Menschenrechtler im Südsudan aufspielt und gleichzeitig Werbung für Gottes auserwählten Kaffee macht.

Und es zeigt auch, dass Protest witzig sein kann: www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,784595,00.html

Westwood ist eine ebensolche öffentliche Figur, egal, wie sie wirklich denkt und lebt. Aber das Publikum reagiert empfindlich auf Brüche und Halbwahrheiten, wenn sie bekannt werden. Diesen Test scheint sie bis jetzt zu bestehen.

Natürlich hat all das erstmal wenig mit den Zuständen in deutschen Geldbeuteln zu tun. Doch wie gesagt, Politik und Konsum hängen eng zusammen.
Ein paar Banken weniger, ein bisschen mehr Lohn und, wer weiß?, vielleicht wird bald kritischer gekauft. :)

tlacuache 06.03.2012 | 05:18

"Georg von Grote schrieb am 06.03.2012 um 03:00"
..."überhaupt keiner hier eine Ahnung hat"...

Ich hab' ab 1980 "fair-trade" Café aus Nicaragua geschluffelt, mein lieber GvG, 2004 hab' ich auch noch Seifen verkaufen wollen, fair - trade mässig, leider hat mich nicht gerade fair-trade-mässig ein
A... - Einzelhandelsriese preislich zermanscht.
Ausserdem ist der Café für Waffen (Ecuador, TAZ '81) auch Scheisse gewesen.
Komm' mal von deinem hohen Ross runter bitte,
Danke

memyselfandi 09.03.2012 | 11:15

Aber aber, Herr von Grote, für einen der Ahnung hat erwarte ich erstens, dass er Vivienne Westwood auch richtig schreibt, und dass er zweites uns Ahnungslosen mit Informationen beglückt, die er selbst als Wissensträger parat hat.
Gerade Westwood eignet sich für das Thema, dazu bräuchte man mit der geringsten Kraftanstrengung nur mal googeln, wenn man sich nicht schon ewig für das Thema interessiert.

Und mal nebenbei, Ihr arrogantes, aufgeblasenes Getue, ohne auch nur das zu präsentieren, was Sie anderen bemängeln, ist peinlich und irgendwie typisch deutsch.

memyselfandi 09.03.2012 | 11:19

Das Abgeben der Verantwortung höre ich immer wieder von Journalisten, die aber gleichzeitig sagen sie haben ein Mandat zur Aufklärung. Widerspricht sich irgendwie.

Wer wenn nicht die, die Informationen haben sollten denn auch miterziehen? Oder gehts am Ende doch nur um Auflagen und Ausnutzung der Unerzogenheit der Leser (um sich dann doch immer wieder über das ungebildete, sensationsgeile Publikum zu beschweren)? Das würde sich aber nicht mit den moralischen Maßstäben vertragen, die sich die Presse selbst oft genug verleiht.

So dumm ist das Publikum nicht, das nicht zu merken, ich bins jedenfalls nicht.