Ralf Grötker
20.12.2012 | 17:13 10

Damals glücklicher

Ökonomik Nostalgie galt früher als Krankheit. Doch sie erfüllt wichtige psychologische Funktionen. Sie macht uns bewusst, dass Fortschritt nicht automatisch das Glück vermehrt

Damals glücklicher

Diagnose: „Hedonischen Hamsterrad“

Foto: Captainmcdan

Der norwegisch-US-amerikanische Politikforscher Jon Elster hat in einem seiner Bücher den bedenkenswerten Satz geschrieben: „Wir waren glücklicher, bevor wir diese schicken neuen Dinge hatten. Nun aber würden wir uns ohne sie jämmerlich fühlen.“ Gemeint ist: Tatsächlich waren wir früher glücklicher. Oder zumindest ist es gut möglich, dass wir glücklicher waren. Im Zuge von Fortschritt und Innovation haben sich nämlich auch unsere Neigungen und Wünsche verändert. Im Zuge von steigender Mobilität, immer besser sortierten Supermarkt-Regalen und allgegenwärtig verfügbarer digitaler Kommunikation sind wir anspruchsvoller geworden. Und das heißt unter Umständen auch: Obwohl vieles von dem, was wir uns in der Vergangenheit gewünscht haben, in Erfüllung gegangen ist, sind wir auf lange Sicht nicht glücklicher geworden.

Nostalgie wäre so betrachtet ein durchweg rationales Verhalten. Denn damit die Vergangenheit in einem guten Licht dasteht, reicht es aus, sich in jene Person zurückzuversetzen, die man selbst damals gewesen ist. Im Effekt entsteht so die Erinnerung an eine Situation, die aus damaliger Perspektive in mancher Hinsicht tatsächlich besser gewesen sein mag – für uns heute, mit gestiegenem Anspruch, aber keine attraktive Alternative mehr darstellen würde.

Auf diese Weise würde sich auch die eigentümliche Ambivalenz des nostalgischen Fühlens erklären: Die Ambivalenz rührt daher, dass wir im Vorgang des Erinnerns wechselweise die Perspektive unseres gegenwärtigen Ichs und jene unseres damaligen Ichs einnehmen – und im Zuge dieses Perspektivwechsels immer wieder zu einer anderen Bewertung vergangener Situationen gelangen.

Als „hedonische Anpassung“ wird das zugrundeliegende Phänomen übrigens in der ökonomischen Verhaltensforschung untersucht. Dabei geht es sowohl um die Anpassung an erfahrenes Glück wie an erfahrenes Unglück. Im Rahmen von empirischen Studien beispielsweise haben Forscher der Sussex University und des Max-Planck-Instituts für Ökonomik untersucht, wie verschiedene Krankheitsbilder sich langfristig auf Glück und Lebenszufriedenheit auswirken. Die Auswirkungen von Gesundheitsverbesserungen auf die Lebenszufriedenheit, so die Untersuchungen, werden drastisch überschätzt. Bei schwerwiegenden körperlichen Beeinträchtigungen wie sie etwa mit einer Querschnittslähmung einhergehen, wird die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Biologie hingegen systematisch unterschätzt – und damit der Verlust an Lebensqualität überschätzt. Die Auswirkungen von mentalen Beeinträchtigungen werden gegenüber körperlichen Erkrankungen als niedriger eingeschätzt – haben aber im tatsächlich eingetretenen Krankheitsfall einen stärkeren negativen Effekt auf die Lebenszufriedenheit als körperliche Leiden.

Hamsterrad

Bekannter als die Forschungen zur Gewöhnung an das Unglück dürfte die Abnutzung des Glücks sein – so die Diagnose des „hedonischen Hamsterrades“. Der Diagnose zugrunde liegt die Theorie, nach welcher der individuelle Mensch ein konstantes Glücks- oder Zufriedenheits-Niveau hat, welches sich durch Ereignisse wie eine Heirat oder eine Gehaltserhöhung allenfalls kurzfristig erhöht, bald aber wieder auf den früheren Normalzustand zurücksinkt. Nach der mit dem Begriff des „hedonischen Hamsterrades“ einhergehenden Diagnose streben wir als Gesellschaft nach immer mehr materiellen Ressourcen und immer stärkere Anreizen, um unser Glücks-Niveau zu halten. Die damit verbundenen Nebeneffekte – wie zum Beispiel längere Arbeitszeiten oder Wettrüsten in Sachen Statussymbole – tragen mit dazu bei, dass das Glücksniveau insgesamt jedoch nicht steigt. So betrachtet, wären unsere nostalgischen Gefühle keine irrationale Verklärung, sondern nur allzu vernünftig.

Kommentare (10)

kenua 21.12.2012 | 11:39

Zum ersten sind die Kindheitserinnerungen fast alle geschönt, und als Kinder sind die meisten Menschen sorgloser und glücklicher. Das erklärt die Nostalgie. Die Nachgeborenen verklären dann die Zeit, die ihre Eltern nicht mehr wollen. Schon die alten Römer beklagten den Verfall der Sitten.

Das Hamsterrad hat nichts mit Fortschritt zu tun, sondern mit der Rückentwicklung der Wirtschaft zum Neoliberalismus im Zeichen der Globalisierung. Würden die technischen Möglichkeiten vernünftig genutzt, hätten wir das Paradies auf Erden.

Das wir schon einmal hatten: die jesuitischen Restriktionen in Südamerika: materiellen Überfluß bei einer 2-Tage-Arbeitswoche. Weil für den Bedarf der Menschen und nicht für das Vermögen der Reichen gearbeitet wurde.

Für den Mathematiker gibt es da eh kein Problem: Fortschritt ist per Definition, was glücklich macht.
Dann kann das, was uns unglücklich macht, kein Fortschritt sein.

Allerdings ist dann das allgemeine Heranwachsen und Älterwerden kein Fortschritt, das ist aber biologisch bedingt.

 

Ratatörskr 23.12.2012 | 10:26

Hier möchte ich einen Gedanken schreiben, den ich bei allen diesen der Gigantomie unterworfenen Technikwunder nicht los werde:

Seit der genialen Architektur der ägyptischen Pyramiden und ihrer noch heute atemberaubenden Schönheit und Qualität, vergißt man, dass sie auch Denkmäler des menschlichen Leids der Sklaven sind! Was erzählen uns davon die Geschichtsbücher, wenn sie diesen Punkt überhaupt erwähnen?  Was sind die "Siegessäulen" nach den Kriegen? Als Mahnmale des unvorstellbaren Leids werden sie uns nicht präsentiert.

Das gilt, so meine ich, bis heute! Die asiatische Gigantomanie steht der westlichen in nichts nach!

Um alle diese Technikwunder zu finanzieren müssen abertausende Menschen schuften, auf die eigene Lebensqualität und die ihrer Familien verzichten. Nur, damit z. B. eine Familie in Singapur in einem mehr als 2oo m über der Erde liegenden Pool zu schwimmen und den "gigantischen Anblick" der Sonne zu erleben! (so ähnlich wurde die Begeisterung dieses Erlebnisses formuliert).

Nein, die Menschheit war nie glücklicher. Ob die so getriebenen Wissenschaftler und Techniker glücklich sind? Ist das nicht zweifelhaft, weil sie womöglich den zum Glück   notwendigen Pol nicht in sich finden? 

 

 

 

 

 

 

Martin Gebauer 24.12.2012 | 12:04

Es liegt unserem logischen, linear denkenden Menschenverstand am nähesten so zu denken, wie es in dem Artikel ausgedrückt ist.

Doch vergessen wir nicht, was uns anerzogen wurde: “Jeder ist seines Glückes Schmied“, oder “vom Tellerwäscher zum Millionär“. Es ist derer viele Beispiele, die zur Illusion beitragen, dass es so etwas, wie ein Glücks-Niveau, gäbe.

Meine Erfahrung ist, dass in die Betrachtungen aus der Vergangenheit heraus und der Erinnerung an ein damaliges, unfassbares Glück, alle Panzerungen, die wir um unser Glücksempfinden, drum herum legen, im Laufe der Zeit, es uns unmöglich machen, wirkliches Glück noch einmal zu empfinden.

Wären wir augenblicklich in der Lage, diese Panzerungen abzulegen, dann wäre Glück, ein Gegenwärtiges, zeitloses hier und Jetzt. 

Martin Gebauer 24.12.2012 | 15:51

Um meinen Kommentar besser zu verstehen, poste ich hier, ein aktuelles Beispiel:

Internationale Pop-Sensation PSY http://www.nasa.gov/centers/johnson/home/jsc_gangnam_style.html schrieb einen Song namens "Gangnam Style" und machte ein Tanz Musik-Video, das für immer die Herzen und Köpfe von Millionen von Menschen erobert hat. (mittlerweile eine Milliarde)

Johnson Space Center Teammitglieder, darunter Astronaut Clayton Anderson, schlossen sich in dem Video an und tanzen. Etwa eine Woche nach dem ersten Shooting, wurde ein ein-Minuten-Clip produziert. ... Viele weitere Mitarbeiter zeigten Interesse und präsentieren ihre Arbeit bei der NASA und weitere Standorte für Dreharbeiten. Viele Parodien von "Gangnam Style" wurden gemacht, einschließlich Videos von der US Naval Academy, der US Military Academy und Massachusetts Institute of Technology. Aber JSC Schöpfung mit ihren pädagogischen Aspekt, unterscheidet sich von denen. Mit extra Unterstützung von JSC Public Affairs Officer Nicole Cloutier und vielen Dank an die JSC-Team, kann das Video nun auf dem ReelNASA YouTube-Kanal als "NASA Johnson Style (Gangnam Stil gefunden werden . Parody) " Sehen Sie das Video jetzt an: http://go.nasa.gov/ZmRigo

lebowski 30.12.2012 | 12:18

Die hedonische Anpassung ist euin wichtiger Punkt und zeigt, wieso das Argument von Ökonomen, dass es noch nie so viel Wohlstand wie heute gegeben habe, völlig ins Leere geht.  Denn Wohlstand bedeutet ja keineswegs Glück. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass Menschen, die früher anstelle von Computerspielen Doppelkopf oder ähnliches gespielt haben, erheblich zufriedener waren.

rheinhold2000 17.02.2013 | 10:18

"

Die hedonische Anpassung ist euin wichtiger Punkt und zeigt, wieso das Argument von Ökonomen, dass es noch nie so viel Wohlstand wie heute gegeben habe, völlig ins Leere geht.  Denn Wohlstand bedeutet ja keineswegs Glück. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass Menschen, die früher anstelle von Computerspielen Doppelkopf oder ähnliches gespielt haben, erheblich zufriedener waren."

Dem würde ich aus meiner individuellen Erfahrung heraus vehement wiedersprechen.

Dieses Antihedonistische "Konsum macht nicht glücklich" stimmt ganz einfach nicht. Der Kauf z.B. meines Smartphones hat mir jede Menge Glücksmomente gebracht und bringt mir auch heute noch jede Menge Glücksmomente, einfach weil mich intelligente Technologie begeistert. Und so geht es mir häufiger.

In der "guten alten zeit" wäre ich Todunglücklich.

rheinhold2000 17.02.2013 | 10:27

"Als „hedonische Anpassung“ wird das zugrundeliegende Phänomen übrigens in der ökonomischen Verhaltensforschung untersucht. Dabei geht es sowohl um die Anpassung an erfahrenes Glück wie an erfahrenes Unglück. Im Rahmen von empirischen Studien beispielsweise haben Forscher der Sussex University und des Max-Planck-Instituts für Ökonomik untersucht, wie verschiedene Krankheitsbilder sich langfristig auf Glück und Lebenszufriedenheit auswirken. Die Auswirkungen von Gesundheitsverbesserungen auf die Lebenszufriedenheit, so die Untersuchungen, werden drastisch überschätzt. Bei schwerwiegenden körperlichen Beeinträchtigungen wie sie etwa mit einer Querschnittslähmung einhergehen, wird die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Biologie hingegen systematisch unterschätzt – und damit der Verlust an Lebensqualität"

Auch das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen, als ich mal über einen längeren Zeitpunkt krank war habe ich das als eine Reduzierung von Glück empfunden.

Der "hedonistischen anpassung" kann man übrigens ganz gut Ausweichen indem man verschiedene Reize setzt die sich abwechseln und kontrastieren. Das machen menschen z.B. indem sie im Urlau einfach mal die Umgebung wechseln. Die Urlaubstimmung (Glück) könnte man ja nicht über einen längeren zeitraum aufrechterhalten, deswegen setzt man ab und zu einen Kontrast (Alttag: anderes glück) +++

lebowski 17.02.2013 | 12:19

@Reinhold2000

"Der Kauf z.B. meines Smartphones hat mir jede Menge Glücksmomente gebracht und bringt mir auch heute noch jede Menge Glücksmomente, einfach weil mich intelligente Technologie begeistert. Und so geht es mir häufiger."

Und hedonische Anpassung bedeutet eben, dass nach kurzer die Glücksmomente beim Smartphone nachlassen und es zu einem ganz normalen Alltagsgegenstand wird. Jedenfalls ist es mir noch nicht untergekommen, dass ich bei technischen Neuerungen sehr lange Begeisterung gespürt habe. 

Der Ärger, den Nutzer von Smartphones hervorrufen durch ihr permanentes Gebrabbel und das unentwegte Starren auf diese albernen Displays, hält allerdings erheblich länger vor.