Robert Zion
20.01.2013 | 15:49 118

Über alte neue Formen des Antisemitismus

Ein Zwischenbericht Über die längeren Linien des Antisemitismus

„Die SS hat alles Mögliche getan, um die Spuren der Vernichtung zu verwischen, Oberstes Gebot war, dass keinerlei Hinweise zurückbleiben durften. Man organisiert Transporte, fährt fort zu vergasen und zu verbrennen, während die Front sich auf wenige Kilometer den Lagern nähert und die Wehrmacht auf alles angewiesen ist, was an Menschen und Material noch übrig war. Es sollte eine ‚Endlösung’ sein, die ‚Judenfrage’ ein für allemal beantwortet werden. Man durfte nicht auf halbem Wege stehen bleiben, denn es galt, dem Endlosen, dem nicht enden Wollenden ein Ende zu setzen…..“ (Jean-François Lyotard, 1988).

Es ist bei dieser Debatte immer ratsam, gleich zu Beginn den eigenen Hintergrund offen darzulegen. Der Autor dieser Zeilen trägt einen sowohl religiös als auch säkular hochgradig besetzten Namen, den Davidstern um den Hals und Spinoza im Herzen, ist aber weder beschnitten, noch würde er sich die Anmaßung erlauben, sich als „Atheist“ zu bezeichnen. Seine Einführung in die Philosophie hat er von einem Juden und einem Araber erfahren, die beide gleichermaßen eine strikt ethische Fragestellung an Letztbegründungsversuche in der säkularen Moderne des christlichen Abendlandes anlegten. Sein Jüdischsein ist also keines der Gemeinschaft oder des Bundes mit Gott, sondern eines der Erfahrung einer semitischen Unterscheidenheit avant la lettre, gewissermaßen also eines vor dem Buchstaben/dem Gesetz. Nun ist dieser Erfahrungshorizont im akkulturierten und assimilierten Judentum in Deutschland bis 1933 für sehr viele keine Seltenheit gewesen. Ein Weg der wohl mit Moses Mendelssohn begonnen hat, der zentralen Figur des deutschen Reformjudentums wie der jüdischen Aufklärung insgesamt, und der in Auschwitz nicht nur gewaltsam beendet, sondern sich damit auch rückwirkend weitestgehend deligitimiert hat. So ist es heute in Deutschland ein fremder Gedanke geworden, dass die semitische Erfahrung im christlichen Säkularismus seine besondere Beharrung und Kraft aus einer sehr spezifisch religiösen Differenz bezieht, dass es also unterschiedliche Ausprägungen des Säkularismus gibt. Auch die Formulierung dieser Erfahrung verdanken wir - bereits früh formuliert - Mendelssohn: "Meine Religion kennet keine Pflicht, dergleichen anders als durch Vernunftgründe zu heben, befiehlt keinen Glauben an ewige Wahrheiten. Ich habe also einen Grund mehr, Ueberzeugung zu suchen."

Vor diesem Hintergrund also musste der Autor in der eigenen Partei und darüber hinaus im vergangen Jahr anhand der Beschneidung eine Debatte über Antismemitismus und sogar mit Antisemiten führen. Es hat dabei keinen gemeinsamen in das Alltagswissen und der Altagswahrnehmung eingegangen Erfahrungshorizont mehr gegeben, weder der spezifischen semitischen Differenz, noch des historischen Wissens. Die Debatte wurde weitestgehend ahistorisch geführt, lediglich der Holocaust/die Shoa wurde als die mittlerweile alltagssprachlich gewordene „Moralkeule“ angeführt. Ihr Zielpunkt war schnell erkennbar: Unter der Prämisse eines christlich-mehrheitsgesellschaftlichen Säkularismus sollte eine politische Entscheidung über die zu vollziehende Ent-Scheidung religiöser Differenzen herbeigeführt werden. Wieder einmal ging es also darum, „dem nicht enden Wollenden ein Ende zu setzen“ (Lyotard). Solche Debatten, hier im politischen Raum und an den virtuellen Stammtischen des Internets geführt, sind nicht neu. Es gab sie bereits auf höchster intellektueller Ebene in der Bundesrepublik. So hatte bereits Jürgen Habermas, der sich dabei zum einen sehr wohl darüber bewusst gewesen ist, dass es im techno-wissenschaftlichen Raum unserer säkularisierten Gesellschaften eine „Legitimationsproblematik normativer Letztbegründungen“ gibt, zum anderen keine Skrupel, in seiner Abwehr alles Pluralistisch-„Postmodernen“, dem Denker der Differenz Jacques Derrida zu unterstellen, dieser „bleibe der jüdischen Mystik nahe“. Das Jüdische also als das „Irrationale“, „Mystische“ und – damit konnotiert –  „Barbarische“, das „Andere“ also schlechthin.

Doch kann noch weiter zurückgegangen werden, um diese alte neue Form des Antisemitismus, der wie bei der „Beschneidungsdebatte“ im Namen des „Säkularismus“, der „Aufklärung“ und der „Menschenrechte“ auftritt, wiederzuentdecken. 1956 erinnerte der französisch-jüdische Moralphilosoph Emmanuel Lévinas daran, dass die Säkularisierung in der Tradition des Rationalismus der Aufklärung gegenüber den Juden „nichts anderes meine als Christianisierung“. In der Tat hatte selbst Immanuel Kant keinerlei Skrupel sich innerhalb seiner protestantisch geprägten „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ zwar für die rechtliche Gleichstellung der Juden einzusetzen, zugleich aber eine „Euthanasie des Judentums“ einzufordern.

Wie weit und koninuierlich gegenwärtige Versuche der Herbeiführung einer Entscheidung über die Ent-Scheidung der Differenzen zurückreichen, hat Stefan Ripplinger 2001 dargelegt: „Die deutsche Aufklärung etwa war sich über den Weg aus der Religion durchaus einig, er sollte über Protestantismus und Deismus in den moralisch gegründeten Atheismus führen. Nur der Protestantismus als reflektierter Monotheismus biete, so die allgemeine Auffassung, die Voraussetzung für eine sittliche Säkularisierung, und seine Werte und Vorstellungen von Menschenrecht und Humanität, die auf der lutherischen Theologie von lebendigem Wort und unmittelbarer Verbindung mit Gott ruhen, seine Metaphysik von Ich und Nation, seine Politik der paulinischen Gemeinschaft haften noch heute den scheinbar religionsfernsten Philosophemen an. Die Aufklärung vollendete die Christianisierung. Und auch eine andere Gemeinsamkeit verbindet die religionsphilosophischen Vorstellungen der Aufklärer: Sie bestritten nicht nur, dass es eine jüdische Aufklärung geben könnte, sie erklärten das Ende der als atavistisch empfundenen jüdischen Kultur zur Voraussetzung eines geordneten Übergangs zu einer universalen Kirche. Nicht ohne Grund waren nicht nur die deutschen Aufklärer, sondern noch ihre rechten und linken Gefolgsleute im 19. Jahrhundert (Fichte, Feuerbach, Hegel, Marx) ohne Ausnahme Antisemiten.“

In der säkular-protestantischen Bundesrepublik von heute, von der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten – sogar von Einzelnen in meiner eigenen Partei – mittlerweile auch offensiv politisch repräsentiert, sind die „Religioten“, so der Kampfbegriff eines neuen aggressiv-missionarischen „Atheismus“, jedenfalls immer die anderen. Das „Andere“, dass dann im politischen Raum – auch der Linken – bis zu abstrusen Projektionen aufgeblasen wird. Ob nun ein Günter Grass, in der Aufarbeitung seiner ihm zeitweise entfallenen Vergangenheit im Dienst für den ersten „Maulhelden“ in der Waffen-SS, bei Israel Vernichtungsabsichten gegenüber dem zweiten „Maulhelden“ Ahmadinedschad vermutet, oder ob von Jakob Augstein eine mächtige Einflussnahme der Juden vermutet wird, von denen es aber gerade mal soviel auf der ganzen Welt gibt wie Bayern. Von der „Gefahr für den Weltfrieden“, das von einem Land ausgehen soll, dass nur von sich ständig auch als solche erklärenden Feinden umgeben ist, das aber gerade einmal die Größe – und dabei noch eine geringere Wirtschaftskraft – des Bundeslandes Hessen hat, ganz zu Schweigen.

Der „Frieden“, gar der „Weltfrieden“ und die „Menschenrechte“ also sind es – vollkommen unabhängig davon, ob es jenen überhaupt gibt oder das diese sich keineswegs über Religionen ausschweigen und auch nicht nur Individualrechte sind –, unter deren Nennung sich das in der Bunderepublik ereignet hat, was Alfred Bodenheimer das „Restrangement“ genannt hat. Das zweifache „Nie wieder“ nach Auschwitz, dass das deutsch-jüdisch-israelische Verhältnis geprägt hat, das „Nie wieder sich wehrlos ins Schicksal ergeben“ der Juden und das „Nie wieder herrschende Gewalt anwenden“ der Deutschen, hat wohl, soviel ist zu sagen, die längeren Linien des Antisemitismus und des Herrschaftswillens nur verdeckt. Sie konnten wohl wieder virulent werden, weil nach 9/11 und dem Kölner Gerichtsurteil (das ja zunächst einen islamischen „Fall“ betraf) das Jüdische plötzlich wieder als solches und quasi als Kollateralschaden des allgemeinen Abwehrkampfes gegen den Islam wieder in Erscheinung trat. Die von christlichen Politikern hierzulande erfundene „gemeinsame jüdisch-christliche Tradition“, ist eben auch Teil dieses Abwehrkampfes gegen alles Semitische gewesen und hat sich seitdem auch gründlich entzaubert. Mit der letztendlichen Entscheidung des Bundestages, auch dies schreibt Alfred Bodenheimer, drohen damit die Juden in Deutschland quasi wieder in den vormodernen Status des „Schutzjudentums“ zurückzufallen. Sicher kann man dies den Bundestagsabgeordenten nicht vorwerfen, sie sollten sich dessen nur bewusst sein, dass die Juden in Deutschland nur mal wieder nach dem Spruch aus dem Matthäus-Evangelium, das nicht das ihre ist, zu leben gezwungen sein könnten, dem Kaiser zu geben haben, was des Kaisers ist, damit dieser ihm auch zugestehe, dass sie Gott geben können, was Gottes ist.

Die „Friedensaktivisten“, „Menschenrechtler“ und „humanistischen Atheisten“ werden dafür schon Sorge tragen. Sie haben die öffentliche Meinung auf ihrer Seite. Die „Dialektik der Aufklärung“ mit ihrem immer öfter im Absolutheitsanspruch daherkommenden social engineering, über deren bis ins Rücksichtsloseste gehende Ausprägungen bereits Zygmunt Bauman in seiner Untersuchung über die „Moderne und den Holocaust“ geschrieben hat, schreitet weiter voran.

Robert Zion

Kommentare (118)

wwalkie 20.01.2013 | 16:25

Schön dass es bei Ihnen einmal nicht um eine "Politodizee" der Grünen geht. Schön., dass ich Ihnen endlich einmal zustimmen kann. Ihr Beitrag gehört für mich zu einem der besseren in dieser unsäglichen "Debatte", die noch lange nicht beendet ist. Die geschichtsignorante Selbstsicherheit der im letzten Absatz angesprochenen Jusqu'au-Boutisten des Menschenrechts lässt Schlimmes befürchten.

Wir sollten wieder mehr von Imperialismus sprechen.

schlesinger 20.01.2013 | 18:13

Ohne Habermas verteidigen zu wollen - denn seit seiner naiv-illusorischen Forderung vom "herrschaftsfreien Diskurs" kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen - würde mich interessieren, woher sie wissen, wie er das mit der "jüdischen Mystik" gemeint hat.

Habermas warf Derrida offenbar vor,

<<dieser „bleibe der jüdischen Mystik nahe“. Das Jüdische also als das „Irrationale“, „Mystische“ und – damit konnotiert –  „Barbarische“, das „Andere“ also schlechthin.>>

Nun gibt es de facto eine jüdische Mystik, und Mystik liegt kraft Definition quer zur Vernunft.

Daran änder sich nichts, ob die Mystik arabischer, indischer oder jüdischer Herkunft ist. Das "Andere" ist die Mystik bezogen auf die Vernunft, für die Habermas zweifellos plädiert, allemal. Darin kann ich keine Wertung seitens Habermas sehen. Schon gar nicht eine Konnotation wie "Barbarisch". Haben Sie einen Beleg für diese harte Interpretation oder ist das lediglich Ihr Bauchgefühl?

Ihre als Tatsache postulierten "längeren Linien des Antisemitismus" klingt nach den kruden Thesen Goldhagens. Den Deutschen steckt der A. ein bisschen im Blut, wie Goldhagen andeutete?

Offenbar musste wirklich erst einer wie Jonathan Littell kommen, um auf 1400 Seiten im Detail die vielleicht wichtigste Lehre aus dem Holocaust zu ziehen ("Es darf nie wieder geschehen" ist keine Lehre, sondern eine moralische Forderung).

Nein, es war nicht der Teufel (= religiöse Interpretation). Nein, es war nicht eine kleine Clique NS-Verbrecher, die alle übrigen Deutschen nötigten (=politisch-ideologische Interpretation).

Es war das Zusammenspiel einer barbarischen Ideologie plus - und das ist das wesentliche - kleinteiligen gesellschaftlichen Prozessen, die einen nennenswerten Teil der Gesellschaft einbezogen hat und zum Mittäter machte. Dasselbe könnte in beinahe jeder Gesellschaft geschehen und geschah ja auch. Den Millionen ermordeten Armeniern ist kein Trost, dass es keine Historie des Antiarmenierismus gab.

Man lese auch das aktuelle Werk Baberowskis über Stalin. Die Millionen, die unter Stalins Regime ermordet wurden, können  nicht als klare Gruppe benannt werden, weil es viele getroffen hat und potentiell jeden treffen konnte. Das macht den Massenmord in der Darstellung oder Erinnerung weniger griffig. Aber um kein Jota grausamer.

Dass Sie Grass ebenso wie das mediokre Medien-Mittelmaß die SS-Zugehörigkeit vorwerfen, wo er gerade mal unwissende 17 war, führt mich zusammen mit der merkwürdigen Habermas-Kritik zum vorläufigen Schluss, Ihnen genügen vielleicht etwas zu schnell gewisse Stichwörter ("SS", "jüdische Mystik"...), um ein bestimmtes Motiv erkennen zu können.

ebertus 20.01.2013 | 18:22

Israel mit Hessen zu vergleichen, das hat was...

Einem hier erwähnten Emmanuel Lévinas wird von Judith Butler neben anderen Irrungen zum Staate Israel schon mal "unverhohlener Rassismus" bescheinigt (in "Kritik der ethischen Gewalt", S 126/127). Mann/frau suche sich gern das jeweils Passende heraus.

Zu der mittlerweile alltagssprachlich gewordenen „Moralkeule“ darf an einen Beitrag von Alan Dershovitz bei der Jüdischen Allgemeinen erinnert werden. Da können sie strampeln wie sie wollen, die "richtigen" wie die spiegelverkehrten Deutschen. Der letzte Absatz dort ist Programm!

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Noch mal zum Bundesland "Hessen": Realer, realistischer als (sorry) das Gedöns zu eines neuen aggressiv-missionarischen „Atheismus“ hierzulande ist das, was dort in Israel aktuell und absehbar passiert, sich entwickelt. Da sei sogar mal auf die dahingehend oft ambivalet erscheinende taz verwiesen. So ist der Autor, Gideon Levi als Jude und Israeli, in seinem ironisch-fatalistischen Tenor kaum noch zu überbieten. Welcher Sack Reis hierzulande und dahingehend noch so umfällt, das ist aus globaler Perspektive wohl immer weniger relevant.

 

seriousguy47 20.01.2013 | 18:37

"Es war das Zusammenspiel einer barbarischen Ideologie plus - und das ist das wesentliche - kleinteiligen gesellschaftlichen Prozessen, die einen nennenswerten Teil der Gesellschaft einbezogen hat und zum Mittäter machte."

Ein "plus" fehlt mir, nämlich der unabhängig von jeglicher Ideologie und Gesellschaftsstruktur nun einmal gegebene Menschentyp, bei dem bestimmte neuronale Bremsen nicht scharf genug eingestellt oder gar nicht erst vorhanden sind. Er wird üblicherweise durch die äußerlichen gesellschaftlichen Normen und Sanktionen in Schach gehalten. Werden diese Normen und Sanktionen dahingehend geändert, dass das bislang Übliche als nicht mehr normkonform gilt und das bislang sanktionierte als erwünscht, dann kann sich dieser Typ austoben und wird dafür auch noch belohnt.

Das ist zunächst einmal vollkommen unabhängig von Antisemitismus. Antisemitismus ist lediglich ein Weg, solche Menschen gegenüber einer bestimmten Gruppe zu entfesseln. Solche Prozesse aber fest  an Antisemitismus zu koppeln, ist höchst gefährlich, erlaubt es solchen Menschen u.U. doch, sich gegenüber  Menschen zu entfesseln, denen "Antisemitismus" angeheftet wird.

Es ist also nicht nur denkbar, sondern im Internet geradezu greifbar, dass potentielle "Streicher", "Kunstmaler","SSler",  "System-Bejubler", "Mitläufer" usw. sich als militante Philosemiten und "Antisemitismus"-Krieger aufspielen, weil es ihnen in diesem Bereich erlaubt  - es sogar erwünscht - ist , ihre speziellen "Qualitäten" ein Stück weit auszuleben.

Und genau da wird es richtig gefährlich. Die rechten Gröhler sind sicht- und hörbar und sozial geächtet. Die anderen sind auch da, werden aber übersehen - oder gar wegen ihres sozial erwünschten "Mobbens" nach oben gespült.

 

ebertus 20.01.2013 | 18:54

Jein, wenngleich Gedanken und Assoziationen natürlich frei sind.

Aus der inflationären Distanz betrachtet, war/ist das natürlich ebenfalls Antisemitismus. Nein, nicht das, was die CDUer in Hessen dort brutalstmöglich auf die entsprechenden schwarzen Konten umlenkten.  Es ist vielmehr die Kritik an diesem doch absolut systemkonformen Gebahren. Weil jegliche Kritik am segensreichen Finazkapitalismus per se antisemitisch ist. 

 

seriousguy47 20.01.2013 | 19:38

 „ ….a German group visited the Knesset and met with German-born members, including me.

They went out of their way to praise Israel, lauding everything we had been doing, condemning every bit of criticism, however harmless it might be. It became downright embarrassing, since some of us in the Knesset were very critical of our government’s policy in the occupied territories.

For me, this extreme kind of pro-Semitism is just disguised anti-Semitism. Both have a basic belief in common: that Jews – and therefore Israel – are something apart, not to be measured by the standards applied to everybody else. ...“

Uri Avnery, April 14, 2012

http://www.tikkun.org/nextgen/gunter-grass-the-terrible

Adorno zur Logik des Antisemitismus

"Ein besonders hintersinniges Argument ist: »Man darf ja gegen Juden heute nichts sagen.« Es wird sozusagen gerade aus dem öffentlichen Tabu über dem Antisemitismus ein Argument für den Antisemitismus gemacht: wenn man nichts gegen die Juden sagen darf, dann – so läuft die assoziative Logik weiter – sei an dem, was man gegen sie sagen könnte, auch schon etwas daran. Wirksam ist hier ein Projektionsmechanismus: daß die, welche die Verfolger waren und es potentiell heute noch sind, sich aufspielen, als wären sie die Verfolgten. Dem kann man nur dann begegnen, wenn man nicht etwa idealisiert, wenn man nicht etwa Lobreden auf große jüdische Männer hält oder hübsche Bilder von israelischen Bewässerungsanlagen oder Kibbuz-Kindern dort vorführt, sondern eben die jüdischen Züge, auf welche die Antisemiten deuten, erklärt, ihr Recht und ihren Wahrheitsgehalt darstellt. Überhaupt ist es viel besser, als die Juden zu verharmlosen und sie als eine Art von Lämmerchen oder Sonnenjünglingen vor Augen zu stellen, zu sagen, daß sie eine große, stürmische und wilde Geschichte hatten, in der es genausoviel Furchtbares gibt wie in der Geschichte anderer Völker auch. Abstoßend wäre ein sentimentales Reklamebild.“

[Band 20: Vermischte Schriften I/II: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 17630
(vgl. GS 20.1, S. 368-369)]

wwalkie 20.01.2013 | 20:10

Lieber Robert Zion,

Überdeutlich zeigt sich, wie recht Sie haben.

Da wird locker-flockig unter Verweis auf  israelische Bürger zum Boycott aufgerufen (was in Israel politisch Sinn machen mag - worüber zu diskutieren wäre, aber bitte in Israel), als ob  dies so selbstverständlich wie der Boycott südafrikanischer Waren früher wäre (von den neoliberalen Affinitäten solcher Auifrufe ganz zu schweigen).

Da wird scheinbar kritisch von einem Israel- und Judenbild gesprochen, das langsam nicht mehr  feierlich sei."Nicht mehr feierlich?

Da wird entschieden: Dasselbe könnte  in  fast jeder Gesellschaft entstehen - und geschah ja auch. Und der Massenmord  an den Armeniern erscheint auf einmal als Äquivalent zum Holocaust. Da übertreibt man auch locker-zynisch die Opferzahlen - .der Armenier. Der Stalinismus darf in diesem Kontext natürlich nicht fehlen. So war es schon in den 50ern. Willkommen in denselben, Schlesinger.

Fehlt noch die anthropologische Fixierung für alle Zeiten:

Ein "plus" fehlt mir, nämlich der unabhängig von jeglicher Ideologie und Gesellschaftsstruktur nun einmal gegebene Menschentyp, bei dem bestimmte neuronale Bremsen nicht scharf genug eingestellt oder gar nicht erst vorhanden sind, weiß seriousguy, der jetzt auch hirnphysiologisch- und psychologisch forscht. Und darum weiß er:

Solche Prozesse aber fest  an Antisemitismus zu koppeln, ist höchst gefährlich, erlaubt es solchen Menschen u.U. doch, sich gegenüber  Menschen zu entfesseln, denen "Antisemitismus" angeheftet wird. Zu entfesseln.

 Un d da wird es richtig gefährlich,  weiß er. Für wen, sagt er nicht.

Der anachronistische Zug - er  hält auch in der Freitag-Community. Wann fährt er endlich weiter?

 

kenua 20.01.2013 | 20:35

Gut gebrüllt, Löwe. Sie beherrschen die Kunst, wenn wir es mal so nennen wollen, die konkreten Anlässe Ihrer Einlassungen als spezielle Beispiele allgemeiner Prinzipien zu fassen, die Sie sogleich anführen. Man übersetzt beim Lesen wieder zurück und bemerkt Ihre Verfälschungen, die Übersetzung in Ihnen genehme Abstraktionen, die Sie vorwerfen.

 

Objekt der Aufklärung und Säkularisierung ist Religion im Allgemeinen, deren Macht und vor allem deren konkrete Vorschriften dem Kanon der Menschenwürde, -rechte und individueller Freiheit untergeordnet werden. Dabei ging es primär um das Christentum, dessen politischer und gesellschaftlicher Einfluß zurechtgestutzt wurde.

Dieses Prinzip gilt für ALLE Religionen, also auch für das Judentum, nicht speziell für „die anderen“, wie Sie es fälschlicherweise behaupten. Wenn sich nun Gruppen speziell über intensive Religiösität definieren, kann das zu Problemen führen, damit sind aber nicht speziell diese Gruppen gemeint, sondern diese Errungenschaften, die für ALLE gelten, die hier leben wollen. Es ist natürlich eine Versuchung für solche Gruppen, diese Prinzipien dann als Vorurteile gegen ihre speziellen Riten zu diffamieren. Bei Ihrem intellektuellem Niveau sollten Ihnen solche Unterscheidungen möglich sein.

 

„sind die „Religioten“, so der Kampfbegriff eines neuen aggressiv-missionarischen „Atheismus“, jedenfalls immer die anderen“

Da die christlichen Religioten gezähmt wurden, bleiben nur noch die anderen übrig. Der oben beschriebene Sachverhalt. Wenn Sie ein bischen innehalten in Ihrer larmoyanten Polemik, dann bemerken Sie vielleicht, daß immer wieder kleinere Scharmützel mit fundamentalistischen christlichen Splittergruppen aufflammen, die wieder zurückgepfiffen werden. Wenn man die missionarische Aggressivität dieser Atheisten gegen die der Religioten abwägt, ergibt sich solch ein Überhang auf der religiösen Seite, daß Ihre Formulierung einfach frech ist.

 

Der für Sie entscheidende Mendelssohn formuliert : "Meine Religion kennet keine Pflicht, dergleichen anders als durch Vernunftgründe zu heben, befiehlt keinen Glauben an ewige Wahrheiten. Ich habe also einen Grund mehr, Ueberzeugung zu suchen.“

 

Wenn Sie diesen Satz auf die Beschneidung anwenden, dann folgt sofort deren Ende. Was soll an ihr Vernunft sein ?

 

„Seine Einführung in die Philosophie hat er von einem Juden und einem Araber erfahren, die beide gleichermaßen eine strikt ethische Fragestellung an Letztbegründungsversuche in der säkularen Moderne des christlichen Abendlandes anlegten.“

Diese Fragen würden mich interessieren, etwas mehr Fleisch, also konkretere Beschreibung, wäre angebracht. Sie werfen diesen Knochen hin, er soll wohl eine diffuse Abwertung der Aufklärung und des Atheismus sein, gespeist aus geheimnisvollen Quellen. Das gibt es was, was ihr nicht wißt, vielleicht auch nicht versteht, aber ihr dürft euch deshalb nicht mehr sicher sein.

 

Ich bin gegen die hier herrschende zu rückhaltlose Unterstützung der Palästinenser, aber das Argument, Israel wäre so klein wie Hessen ist einfach dumm. Hessen hat nämlich keine Atombomben, und wenn man alle Konzentrationslager zusammenzählt, ist das nicht mal ein Dorf.

 

 

schlesinger 20.01.2013 | 20:45

Sie zeigen den Pawlow'schen Reflex derer, die den Holocaust als  Heilige Kuh menschlicher Verbrechen stilisieren haben:

Du sollst keine anderen Verbrechen neben mir haben!

"Wir leben schon so lange im Strom der offiziellen Worte 'erdrücken', 'ersticken', 'vernichten', 'zermalmen', 'ausrotten', 'im Blut ertränken', 'ins Grab bringen' usw, dass uns die alltägliche Wiederholung unflätiger Schimpfwörter keinen Eindruck mehr macht." (Die russische Schriftstellerin und Zeitzeugin des stalinistischen Terrors Sinaida Gippius. Vgl Baberowski, S. 56).

Dem roten Terror fielen zw. 3 und 20 Millionen Menschen zum Opfer.

Das ist das Bemerkenswerte an denen, die so unendlich teilnahmsvoll sein wollen am Holocaust: Sie bleiben ungerührt bis zynisch ignorant gegenüber den übrigen monströsen Verbrechen, sehen sie als unzulässige Gleichsetzung, als Verharmlosung des einen Verbrechens, das man unbedingt singulär haben will.

Die killing fields in Kambodscha, die GULAGs, die Massaker in Ruanda: Das alles sind auf ihre Art ebenso unfassliche Verbrechen.

Wer ist so kalt und kann sich hinstellen und sagen "Ja, Stalins Morde waren schlimm, ja, Pol Pot war ein Verbrecher, ABER alles nichts gegen den Holocaust"? Welcher höheren Wahrheit soll das dienen?

Aus Fixierung aus das größte Verbrechen, das Deutsche je vollbracht haben - nach ihrer abscheulichen Vorübung gegenüber den Hereros - missachtet man die einfache Tatsache:

Ob Hunderttausend, eine oder 20 Millionen: Die Zahl resultiert nur aus den Umständen. Hätte es mehr Indianer gegeben, hätten die amerikanischen Siedler mehr beseitigt. Hätte Kamboscha aus 50 Millionen Menschen bestanden, hätten die Khmer auch davon ein Fünftel (10 Mio) umgebracht, und nicht nur 1,5 Millionen mit Plastiktüten erstickt oder Feldhacken zerstückelt.

Erschlagen ist erschlagen ist erschlagen.

elisRea 20.01.2013 | 21:28

Sehr gerne. Bitte schön:

"Angesichts der schändlichen Komplizenschaft der deutschen Regierung rufen wir alle europäischen Staatsbürger auf, im Einklang mit der palästinensischen Forderung nach BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) israelische Waren solange zu boykottieren, bis Israel für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird. Dies ist die einzige uns verbleibende friedliche Maßnahme, um Druck auszuüben und die Palästinenser in ihrem gerechtfertigten Kampf zu unterstützen."

http://www.juedische-stimme.de/?p=988

Der restlich Text ist auch  interessant.  Würden Sie den dortigen Behauptungen zustimmen oder lassen Sie sich widerlegen?

Leider fehlt das Bild von der Karte. Ich bitte Sie darum falsche Angaben argumentativ zu widerlegen.

 

schlesinger 20.01.2013 | 21:52

Jetzt verstehe ich den Satz. Finde die Analogie aber missglückt: Ein KZ war die ultmative Bedrohung für die, die drin waren oder hinein kamen... Auch die Schwere des Begriffs geht doch ziemlich daneben: Soll Israel für seine Nachbarn oder die Palästinenser eine Gefahr ähnlich einem KZ sein? Das ist absurd, Gaza hin oder her. Aber vielleicht haben Sie etwas anderes sagen wollen.

kenua 20.01.2013 | 22:31

Ihr Schluß ist : ich weiß nicht: rückwärts.

Wenn die geringe Größe Israel nicht so harmlos macht wie Hessen, heißt das noch nicht, daß die Unterschiede gleich groß sein müssen wie bei dem anderen unpassenden Beispiel: es geht um die prinzipielle Unmöglichkeit dieser Vergleiche.

Ihre Vermutung ist der gleiche Fehler: es ist nicht gleich, aber auch nicht gleich ungleich. Es ist davon unabhängig.

seriousguy47 20.01.2013 | 22:34

Mal abgesehen von ihrer peinichen Anschleimerei an Herrn Zion, die wohl bedeuten soll: Ich danke dir, Herr, dass ich nicht so bin wie jene - frei nach Jesus (über Pharisäer, der Artikel ist bewußt weggelassen). Also mal abgesehen davon zeigt Ihr Zitieren von mir  sehr schön die "gutmenschliche" Selbst-Entschuldung Deutscher von der Vergangenheit durch Weglassen der menschlichen Seele und ihren Ersatz durch politische/ ideologische Etiketten. Indem Sie konsequent leugnen, dass der Faschismus nicht ein "Unglück" war, das in Form eines Monsters aus dem österreichischen Hinterland über uns kam, sondern die Entfesselung eines immer vorhandenen Potentials menschlicher  Seele, schaffen Sie den Argumentationsboden dafür, dass Sie zu etwas nie fähig wären. Das mag so sein, aber der Beweis dafür steht für uns alle aus. Und zwar global. Diese Realitätsverleugnung korrespondiert mit der Aggression, die alle die trifft, auf die man meint, die eigenen seelischen Untiefen projezieren zu können.

Über die Folgen solch einer verlogenen Einstellung in der Pädagogik mag ich gar nicht reden. Mir ist dafür gerade einfach zu übel....Nur soviel noch: angesichts des Falles Filbinger wurde irgendwo die Frage gestellt "Was hättet ihr damals denn getan?". Ich habe sie mir gestellt. Und da ich zu einer 100prozentig sicheren Antwort realistischerweise nicht in der Lage bin, versuche ich es hin und wieder mit Demut. Würde ich Ihnen und Ihresgleichen auch empfehlen. Die Selbstgerechtigkeit, die da gelegentlich zur Schau gestellt wird, widert mich an. Das musste mal raus.

ebertus 21.01.2013 | 09:37

"Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und regressiver Antikapitalismus sind keine Alleinstellungsmerkmale einer bestimmten politischen Richtung, sondern in der gesamten Gesellschaft verbreitete Geisteskrankheiten,..."

Nicht zuletzt an diesen Text des LAK-Shalom hatte ich bei meiner Formulierung oben gedacht. Das ist ja noch krasser, noch lustiger beinahe als schnöde Israelkritik. Die immerhin ist unter einem 10-Punkteprogramm, unter entsprechenden DDD-Tests und sonstigen Sprachregelungen doch zumindest theoretisch gestattet - praktische Beispiele fehlen mir da gerade...

Aber dass ein Staat an sich, ein bestimmtes Wirtschaftssystem grundsätzlich nicht mehr kritisiert werden darf, Kritiker zu Geisteskranken erklärt werden, das muss mann/frau sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Und nun denke niemand, die Jungs von diesem "Shalom" wären Sektierer. Das sind genau die spiegelverkehrten "richtigen" Deutschen, von denen Robert Kurz mal schrieb, das ist -wenn auch intellektuell, akademisch verbrämt- genau diese Art von Israelsupport, welche mir auch hier aus dem Blog entgegen kommt und in der Regel unter dem Stichwort "Antideutsche" firmiert. Nur das letztere -Ironie der Geschichte- dem unterschwellig zelebrierten Herzensthema des Autors hier weitgehend untreu geworden sind, in der Mehrzahl contra Beschneidung positioniert sind; mein Eindruck.

schlesinger 21.01.2013 | 11:54

Korrekt, Ihe Beschreibung

"die Entfesselung eines immer vorhandenen Potentials menschlicher  Seele [ plus Behauptung ] , dass Sie zu etwas nie fähig wären. Das mag so sein, aber der Beweis dafür steht für uns alle aus. Und zwar global."

Die Unfähigkeit der meisten das (a) zu sehen und (b) unangenehmerweise hinzunehmen führt zu den Mustern einfacher Schuldzuweisungen "da die Bösen, hier die Guten" (die das zumindest von sich denken & behaupten. Das ist naiv, ignorant und weltfremd.

schlesinger 21.01.2013 | 12:07

Da mag wwalkie gar nicht gerne hören, was der israelische Schriftsteller Nir Baram heute in der SZ schreibt:

"Seit lan­ger Zeit schon gibt es diese Hoffnung des li­beralen Lagers in Israel, dass eines Tages die Welt dafür sorgt, dass sich Israel verän­dert. Aber Netanjahu hat in den letzten vier Jahren bewiesen; dass das nicht inErfül­lung gehen Wird. Er hat gezeigt, dass er nichts tun muss für eine Zwei- Staaten-Lö­sung, und trotzdem greift die Welt nicht ein."

Denjenigen, die fordern die Debatte den Israelis zu überlassen, geht es doch nicht darum zu vermeiden, dass sich Unbeteiligte auf irgendwie unqualifizierte Weise einmischen. Es geht um einen Maulkorb.

Die Bush-Getreuen hätten auch lieber gehabt die Europäer hätten angesichts der herbeigelogenen Irakkriegs die Klappe gehalten und Putin wollte auch, dass man endlich seine "lupenreine Demokratie" anerkennt.

ebertus 21.01.2013 | 13:09

Weil der Blogautor den Freitag eh' wohl nur als kostenloses Medium nutzt, sich eher nicht an den Diskussionen hier beteiligt, so darf dennoch an seinen Hinweis zu Emmanuel Levinas verwiesen werde. Judith Butler schreibt u.a.:

Das Schicksal Israels mit dem Schicksal der Juden gleichzusetzen ist an sich schon fraglich, da hiermit sowohl die Diaspora- als auch die nichtzionistischen jüdischen Traditionslinien übergangen werden. Und es ist darüber hinaus eindeutig falsch zu behaupten, dass allein Israel in jenen Jahren unter Verfolgung litt, wenn man die massenhaften Zwangsumsiedlungen von über 7ooooo Palästinensern aus ihren Häusern und Dörfern allein im Jahr 1948 in Rechnung stellt, ganz zu schweigen vom anhaltenden Kriegs- und Besatzungszustand. Es ist schon merkwürdig, dass Lévinas hier die ›Verfolgung< ihrer konkreten historischen Erscheinungsformen entkleidet und als scheinbar zeitloses Wesen des Judentums ausweist. Würde Letzteres stimmen, dann ließe sich jedes historische Gegenargument einfach aus definitorischen Gründen zurückweisen, nach dem Motto: »Juden können keine Verfolger sein, weil Juden per defınítionem die Verfolgten sind.«

Dass er ›Israel< auf diese Weise mit Verfolgung assoziiert, ist eng mit Lévinas`Auffassung von der vor-ontologischen Struktur des Subjekts verzahnt. Wenn man die Juden genau deshalb für ›auserwählt< hält, weil sie die Botschaft der Universalität übermitteln - und universell ist für Lévinas die Strukturierung des Subjekts durch die Verfolgung und den ethischen Anspruch, die das Subjekt erst einsetzt -, dann werden die Juden zum Modell und exemplarischen Fall Vor-Ontologilscher Verfolgung. Das Problem dabei ist natürlich, dass die Kategorie des ›Juden< Teil einer kulturell konstituierten Ontologie ist (wenn ›Jude< nicht der Name für den Zugang zum Unendlichen selbst sein soll), und wenn nun ›dem Juden< der Status eines ›Auserwählten< in Sachen ethischer Empfänglichkeit zukommen soll, dann findet damit im Lévinas'schen Werk eine vollständige Verwechslung von Vor-Onrologischem und Ontologischem statt. ›Der Jude< ist nicht Teil der Ontologie oder der Geschichte, und doch soll gerade diese Ausnahmestellung Behauptungen über die Rolle Israels als - historisch betrachtet - ewiges und alleiniges Opfer von Verfolgung begründen. Dieselbe Verwechslung zwischen den beiden Sphären tritt auch in anderen Kontexten deutlich zutage, wenn Lévinas in unverhohlenem Rassismus behauptet, Judentum und Christentum seien schlechterdings die kulturellen und religiösen Voraussetzungen ethischer Relationalität, und vor dem »Aufstieg der zahllosen Massen unterentwickelter asiatischer Völker« warnt, die ››diese wiedergefundene Authentizität« des jüdischen Universalismus bedrohen.“ Dies wiederum ist ein Echo seiner Warnung, dass die Ethik nicht auf ››exotische Kulturen« gegründet werden kann.

Judith Butler "Kritik der ethischen Gewalt" S. 126/127

...und wo habe ich das mit den "unterentwickelten asiatischen Völkern" denn schon mal gelesen? Gern etwas krasser noch in der Ausdrucksweise. Naja, wohl eben nur Butlers Meinung zu Levinas...

Aber vielleicht wären dem Autor die anderen, die wie einen Popanz vor sich her getragenen "großen Namen" ebenfalls ein wenig zu dekonstruieren...

 

Daniel Domeinski 21.01.2013 | 13:22

Ein insgesamt interessanter Artikel. An einem Punkt würde ich klar widersprechen. Sie schreiben:

 

Der „Frieden“, gar der „Weltfrieden“ und die „Menschenrechte“ also sind es (...) unter deren Nennung sich das in der Bunderepublik ereignet hat, was Alfred Bodenheimer das „Restrangement“ genannt hat. Das zweifache „Nie wieder“ nach Auschwitz, dass das deutsch-jüdisch-israelische Verhältnis geprägt hat, das „Nie wieder sich wehrlos ins Schicksal ergeben“ der Juden und das „Nie wieder herrschende Gewalt anwenden“ der Deutschen, hat wohl, soviel ist zu sagen, die längeren Linien des Antisemitismus und des Herrschaftswillens nur verdeckt.

 

Hier wäre stärker zu differenzieren. Es gab und gibt nicht die eine Lehre, die aus Auschwitz gezogen wurde, weder bei den Juden noch bei den Deutschen. Auf der zwischenstaatlichen Ebene wählte die alte BRD möglichst enge Beziehungen zu Israel in den Bereichen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik. Ein „Nie wieder herrschende Gewalt anwenden“  existierte allenfalls  in der politischer Rhetorik der verschiedenen Bundesregierungen. In der Praxis ist die Eingliederung in den westlich-antikommunistischen Staatenbund unter Führung der USA angestrebt worden. Die Diffamierung der Friedensbewegung in Deutschland als antiwestlich oder gar antisemitisch bereitete  auch den Diskurs zur "Normalisierung der deutschen Nation" vor, nach dem die BRD sich stärker als eigenständiger Akteur in der globalisierten Welt definiert, der seine Zurückhaltung gegenüber "Militäreinsätzen" zu überwinden habe. Auf den Boden dieser "Normalisierung" konnte sich die Aggressivität in der "Beschneidungsdebatte" entfalten. Eng verbunden mit dem neuen Selbsverständnis der BRD als westlichen Staat, der seine historische Schuld überwunde habe,  ist auch er Integrationsdiskurs, der ebenfalls in die "Beschneidungsdebatte" hinspielte. Aus Angst vor den Ansehnsverlust in der westlichen Welt intervenierte schließlich die politische Elitein die Debatte und ermöglichte so eine Lösung des Konfliktes, die, wie Sie zurecht feststellen, für viele Juden in Deutschland sehr ambivalent ausfällt.

 

schlesinger 21.01.2013 | 14:33

Wurde mit keiner Silbe behauptet.

Der Hinweis auf den roten Terror etc. dient zur Veranschaulichung, dass die Fixierung auf ein Etikett namens Antisemitismus potentiell auch in die Irre führen kann.

Den Opfern aller zeiten und Systeme und Umstände ist gleich, aufgrund welcher Etikettierung sie ermordet, gefoltert oder auch nur diskriminiert werden.

Nun ist es aber so, dass Antisemitismus ein globales Thema mit besonderm hohem Aufmerksamkeitswert ist.

Nicht aber der "Anti-Kulakismus" Stalins, "Anti-Armenierismus", "Anti-Aboriginismus"  etc.pp. (obwohl diese Untaten sich tlw. auch über Jahrhunderte erstreckten)

Ich fürchte die Zeitläufte sind so erfinderisch, dass sie jederzeit unter allen möglichen Etiketten Menschen in den Fleischwolf schicken.

Ob es dabei hilfreich ist, den Antisemitismus als Gefahr gewissermaßen zuoberst zu stellen - das ist er, soweit man von der "Popularität" der Thematik ausgeht - sei dahingestellt.

Die unzähligen Bauern, die Stalin zum Opfer gefallen sind, sind vergessene, namenlose Tote. Ihrer gedenkt niemand mit Hilfe eines einprägsamen Begriffs.

Insofern war der Absatz, auf den Sie Bezug genommen haben, kein unmittelbarer Vorwurf an Hr. Zion, sondern eher ein ergänzender Hinweis zur übergeordneten Thematik.

elisRea 21.01.2013 | 15:15

"... den Davidstern um den Hals und Spinoza im Herzen, ist aber weder beschnitten, noch würde er sich die Anmaßung erlauben, sich als „Atheist“ zu bezeichnen..."

Spinoza, den Abweichler, den von den Oberhäuptern der eigenen jüdischen Gemeinde Verachteten und Gebannten, den, der für seine Überzeugungen gelitten hat und standhaft geblieben ist, den haben Sie im Herzen. Das ehrt Sie und erfordert Mut, wenn auch nicht so viel wie damals - heutzutage gegen den Strom zu schwimmen, seinen Überzeugungen treu bleiben, sich nicht zu verkaufen... Respekt.

Was mich irritiert ist, dass Sie im gleichen Atemzug mit Spinza von "Atheist" reden. Können Sie diesen Zusammenhang erklären?

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"Mendelssohn: "Meine Religion kennet keine Pflicht, dergleichen anders als durch Vernunftgründe zu heben, befiehlt keinen Glauben an ewige Wahrheiten. Ich habe also einen Grund mehr, Ueberzeugung zu suchen.""

Mendelssohn, Reformjudentum und Beschneidung - dazu hat sich bereits ein Forist geäußert und ganz richtig bemerkt, dass sich die Praxis der Beschneidung mit der Auffassung Mendelssohns und insbesondere mit der fortschrittlicher Reformjuden des 19.Jhdt. nicht vereinbaren ließe.

Was sagen Sie, als Verehrer Spinozas und Mendelssohns dazu?

Was sagen Sie zu dem Argument von Reformjuden des 19.Jhdt., dass nicht die Beschneidung Zeichen des Bundes zwischen Israeliten und Gott sei, sondern der Dekalog/das Halten der mosaischen Gebote (der Sinaibund)?

Manche meinen Beschneidung sei einfacher zu ertragen als das Halten an die Gebote wie z.B: nicht morden, nicht stehlen, nicht falsche Zeugnis geben, nicht das Haus des Nächsten begehren...

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"...der Juden und das „Nie wieder herrschende Gewalt anwenden“ der Deutschen,.."

Sie wissen aber schon, dass Sie mit der Gegenüberstellung in die völkische Falle tappen, deutschen Juden das Deutschsein absprechen und sie somit in eine jüdische "Rasse" hineindeklinieren? Oder habe ich Sie missverstanden und Sie spielen auf die mehrheitlich polnische Nationalität jüdischer Opfer an?

"Die Deutschen" - das hatten wir schon ...

wer nicht spalten und nicht Juden und Nichtjuden gegeneinander ausspielen will, sollte sich m.E. differenzierter ausdrücken.

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"Die von christlichen Politikern hierzulande erfundene „gemeinsame jüdisch-christliche Tradition“,.."

Wieso erfundene? Können Sie das erklären oder begründen? Sind die Nazarener, Therapeuten oder wie immer die Anhänger des "Ketzers" ursprünglich hießen, keine Juden gewesen, die sich auf das mosaische Gesetz beriefen? Geht das Christentum nicht auf eine jüdische Tradition zurück? Ist der Kern der Bergpredigt nicht Toraauslegung?

Herr Zion, Sie sind Politiker, ein Grüner, wie Sie schreiben. Ich erwarte von einem Volksvertreter, dass er, wenn er  hier im Freitag spekulative und provokative Behauptungen aufstellt, auf Nachfragen antwortet und Missverständnisse aufklärt.

Was sonst sollte der Zweck Ihres Artikels sein?

Daniel Domeinski 21.01.2013 | 15:49
Natürlich bedürfen noch viele Vebrechen in der Menschheitsgeschichte eingehender Auseinandersetzung. So wie es ein wissenschaftliches Gebot ist, Differenzen in der Motivation, der Planung und Durchführung der Verbrechen herauszuarbeiten, ist es ein moralisch nicht gerechtfertig, ein Ranking des Bösen aufzustellen. Doch was hat das mit Herrn Zion und seinem Artikel zu tun? Herr Zion bezieht sich nun einmal auf die "Beschneidungsdebatte", die von vielen in Deutschland lebenden Juden als aggressiv und antisemitisch empfunden wurden. All diesen Menschen Instrumentalisierung der Shoa oder Sympathien für rechtszionistische Politik zu unterstellen, wie es in diesem Thread schon wieder praktiziert wird, trägt nicht zur Versachlichung der Debatte und gegenseitigen Verständnis bei. Gleiches gilt auch für die Debatten um Grass und J.Augstein.
wwalkie 21.01.2013 | 15:58

Sie merken es einfach nicht.

Nir Baram  spricht, wie übrigens auch Shlomo Sand, dessen  Bücher ich hier ziemlich positiv besprochen habe, von der "Welt" (hauptsächlich natürlich von den USA). Da müssen "wir" uns nicht unbedingt angesprochen fühlen. Ich plädiere hier eindeutig für politisch bewusste Zurückhaltung in diesen Fragen.

By the way. Dass ich die anderen "extremnely violent societies" (Gerlach) nichtaus dem Blick verliere, ist für mich eine Selbstverständlichkeit.Iich wende mich allerdings gegen die Attitude des "Die Anderen haben doch auch...!"

ebertus 21.01.2013 | 16:07

"Die von christlichen Politikern hierzulande erfundene „gemeinsame jüdisch-christliche Tradition“,.."

Danke, das fügt sich in kaum zu überbietender Chuzpe, geradezu bigott mit (einem) des Autors "beloved thinker", der Juden- und Christentum gegen die anbrandenden asiatischen Horden gemeinsam sieht:

"...wenn Lévinas in unverhohlenem Rassismus behauptet, Judentum und Christentum seien schlechterdings die kulturellen und religiösen Voraussetzungen ethischer Relationalität, und vor dem »Aufstieg der zahllosen Massen unterentwickelter asiatischer Völker« warnt,..."

Da wissen die Muslime wenigstens, "wo der Hammer hängt", hatten sie doch -und obwohl in Mehrzahl tangiert, gar betroffen- während der Beschneidungsdebatte so "richtige" falsche Freunde an ihrer Seite.

schlesinger 21.01.2013 | 16:22

Ihrer Logik, dass S. Sand / N. Baram zwar die Welt meinen, aber wir uns ausgerechnet nicht angesprochen fühlen sollten, kann ich nicht folgen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Nir Baram in einem Interview mit der SZ ausgerechnet das hiesige Leserpublikum nicht ansprechen wollte.

Wenn Sie "die anderen "extremnely violent societies" (Gerlach) nichtaus dem Blick verliere(n)" wären wir in diesem Punkt gar nicht auseinander.

Allerdings sehe ich keine Notwendigkeit, aus dem Hinweis auf die anderen Verbrechen sogleich eine "Attitüde" à la  ""Die Anderen haben doch auch...!" zu konstruieren. Wobei wohl zutrifft, dass es so sein kann.

Vielleicht können Sie mir zustimmen, dass annähernd jeder in der westlichen Welt den Holocaust und die Problematik des Antisemitismus kennt, aber allenfalls vage von anderen kaum minder monströsen Verbrechen gehört hat. Mit dem Hinweis auf die anderen Geschehen soll m.E. keinesfalls etwas von der Erinnerung an und Verantwortung für den deutschen Völkermord genommen werden.

schlesinger 21.01.2013 | 16:47

Hr. Zion schrieb schließlich "Über die längeren Linien des Antisemitismus", und hat "anhand der Debatte" zur Beschneidung über den Antisemitismus argumentiert. Die Debatte war offenkundig nur Anlaß. Daher auch das Zitat zur SS und die historischen Rückbezüge.

Ich habe Zweifel, ob man die Geschichte des Antisemitismus vom Holocaust her rückwärts erklären sollte. Diesen Determinismus hat auch Goldhagen verfolgt. Und ich habe den Eindruck, dass es Hr. Zion ähnlich hält (Vielleicht täusche ich mich).

Daher die Verweise auf Stalin & Co.: Irgendjemand findet immer eine haarsträubende Begründung, um andere auszulöschen. Dafür braucht es keine "längere Linien".

Gibt es die längere Linie des Antisemitismus wirlich? Oder werden nur einzelne Punkte so miteinander verbunden, dass sie zur Linie werden, wobei die die Shoah als ultimativer Beweis gelten soll?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie man zunächst annehmen möchte. Wie "dicht" müssen Ereignisse liegen, damit ich sie gewissermaßen zur Linie zusammenfassen darf?

wwalkie 21.01.2013 | 17:01

Da haben wohl Ihre  "neuronalen Bremsen" nicht ganz funktioniert. Aber wenn's hilft.

Verlangen Sie bitte nicht, dass ich mich mit Ihrer völlig unhistorischen Faschismustheorie auseinandersetze.  Mir würd's schon reichen, wenn Sie statt "projezieren" künftig wie Adorno und Horkheimer "projizieren" schreiben würden. Dann wären Ihre "Projektionen" wenigstens richtig geschrieben.

elisRea 21.01.2013 | 18:47

"Verlangen Sie bitte nicht, dass ich mich mit Ihrer völlig unhistorischen Faschismustheorie auseinandersetze. "

Um beurteilen zu können, ob eine Faschismustheorie "historisch oder unhistorisch" - ich würde "richtig oder falsch oder zum Teil richtig, zum Teil falsch" sagen - ist, müssten Sie sich zuvor damit auseinandersetzen. So läuft jedenfalls Wissenschaft.

Um hier Propaganda in billiger und leicht zu durchschauender Desinformantenstrategie zu platzieren ist es natürlich alles andere als nötig sich mit Sachverhalten auseinanderzusetzen, zu argumentieren und gegebenenfalls zu widerlegen.

Ob Sie und andere hier, die,  den Sachverstand dazu haben und die fachlichen Methoden zum wissenschaftlichen Argumentieren (begründen, bvelegen, beweisen) beherrschen, müssten Sie und andere hier, erst noch unter Beweis stellen.

Ich würde mich freuen, wenn ich von Ihnen etwas zur Sache, um die es geht, lernen könnte.

Sie können mir auch gerne verraten, was ich machen muss, um in einem Beitrag ein Bild zu positionieren, z.B. das über die schrittweise Kolonialisierung Palästinas?

Das gibt Pluspunkte für Ihr Karma.

elisRea 21.01.2013 | 19:15

Sie zitieren Lyotard. Warum eigentlich gerade den?

"Es sollte eine ‚Endlösung’ sein, die ‚Judenfrage’ ein für allemal beantwortet werden. Man durfte nicht auf halbem Wege stehen bleiben, denn es galt, dem Endlosen, dem nicht enden Wollenden ein Ende zu setzen…..“

Er und ich glaube Sie u.a. auch, haben übersehen, dass es galt, der "jüdischen = bolschewistisch/kommunistischen Weltgefahr" ein Ende zu setzen. Wieso wird das so gerne geleugnet oder verschwiegen?

Hat Lyotard Ihrer Ansicht nach Recht, wenn er schreibt: 

"Lyotard wies den klassischen Humanismus vor allem deshalb zurück, weil er den Menschen entweder auf ein Bild festlege, oder, paradoxerweise annehme, dass das Humane etwas sei, was jedem Menschen von Geburt an zukomme und dann doch wieder fordert, dieses erst durch den Terror der Bildung zu verwirklichen. Warum, so Lyotards Frage, wo doch das Humane uns allen eigen ist, müssen wir es dann erst durch Bildung gewinnen?"

Ich behaupte: Er hat nicht Recht! Das Allgemeinmenschliche (=Humane) ist jedem Menschen von Geburt an eigen.

Was sagen Sie dazu? Das müsste Sie doch interessieren, wenn Sie ihn zitieren. Können Sie mich überzeugen, dass er doch Recht hat?

wwalkie 21.01.2013 | 20:07

Dieser Kommentar hat was ... Symptomatisches. Da man nicht weiß, mit wem man "diskutiert", kann solch ein Kommentar passieren.  Elisrea merkt es  nicht, fragt sich auch nicht,  es ist halt kein Problem für ihn (oder sie), dass es sein könnte, dass der von ihm (ihr) Angegriffene sich ziemlich gut in Faschismustheorien auskennt. Er (sie) merkt auch nicht, wie peinlich es  für ihn (sie) sein könnte, würde seine  (ihre) Naseweisheit offenbar..

Wie wird das weiter gehen? Die Bildung nimmt ja nicht unbedingt zu.

elisRea 22.01.2013 | 00:18

Sie reden mit mir über mich? :-)

Wenn Sie sich in Faschismustheorie auskennen, prima. Das konnte ich an Ihren Beiträgen, die ich  bisher gelesen habe, nicht erkennen. Ich sagte ja bereits, dass ich gerne von anderen, auch von Ihnen, lerne.

Deshalb nun meine Frage an Sie:

Im letzten Freitag war ein informativer Artikel über die bevorstehenden Wahlen in Israel zu lesen. Auf der gleichen Seite wurden die Parteien vorgestellt, die zur Wahl stehen.

Sind da Ihrer Meinung nach Parteien dabei, die faschistisch, nationalistisch, nationalsozialistisch sind?

Mit der Bitte um Begründungen, warum, warum nicht, inwieweit...

Ich bin sehr gespannt auf Ihre Antwort.

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Kriegen Sie das mit dem Bild auch nicht hin? Sie wissen doch: Gerecht ist, dem Feind Gutes zu tun.

h.yuren 22.01.2013 | 11:43

lieber robert,

mir fällt auf das missverhältnis von 58 beiträgen und 55 kommentaren am virtuellen stammtisch des internets hier.

Die deutsche Aufklärung etwa war sich über den Weg aus der Religion durchaus einig,...

dass es so etwas wie die deutsche aufklärung gegeben haben soll und nicht bloß das echo der französischen aufklärung im deutschen wald, ist eine steile these, die mich herausfordert.

dann dieser postulierten deutschen aufklärung auch noch nachzusagen, sie sei sich über den weg aus der religion einig gewesen, ist wohl auf allerhand hypothetitischem gebaut, nicht auf historischen fakten.

aufklärung ist im deutschen zuerst und vor allem ein militärischer begriff und einer der sicherheitsdienste. in frankreich und dem einen oder anderen land in westeuropa, z.b. den niederlanden, war das anders und besser. da lässt sich erfahren, was aufklärung in der tat bedeutet. angefangen bei jean meslier.

wenn im deutschen von aufklärung die rede ist, so in der regel im pejorativen sinn. du machst keine ausnahme.

elisRea 22.01.2013 | 13:18

Ich kann mir denken, warum Sie nicht antworten.

Dann einmal anders gefragt: Wenn deutsche Politiker schreien oder schreiben würden: "Deutschland den Deutschen. Ausländer raus."

Wo würden sie diese politisch einordnen?

Sie wissen, worauf ich anspiele?

Um der Ausgewogenheit willen:
"Ein Brief Nelson Mandelas vom 11. Februar 2002 an den amerikanischen Journalisten Thomas L. Friedman ( Kolumnist der New York Times) . . . ( Übersetzung A. Brinkmann / H. Drewes )
Der palästinensisch-israelische Konflikt ist nicht nur eine Frage der militärischen Besetzung, und Israel ist nicht ein Land, das " normal" errichtet wurde und 1967 zufällig ein anderes Land besetzt hat. Palästinenser kämpfen nicht für einen " Staat" , sondern für Freiheit, Befreiung und Gleichheit, gerade so wie wir in Südafrika für Freiheit gekämpft haben.
. . . . . Apartheid ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Israel hat Millionen von Palästinesern ihrer Freiheit und ihres Besitzes beraubt. Es erhält ein System von grober rassistischer Diskriminierung und Ungleichheit aufrecht. Es hat systematisch Tausende von Palästinensern eingekerkert und gefoltert, entgegen den Regeln des internationalen Rechts . Es hat insbesondere einen Krieg gegen eine zivile Bevölkerung, besonders gegen Kind er geführt.
. . . . Thomas, ich gebe die Nahostdiplomatie nicht auf. Aber ich werde keine Nachsicht mit dir üben wie es deine Anhänger tun. Wenn du Frieden und Demokratie willst, unterstütze ich dich. Wenn du formelle Apartheid willst, werden wir dich nicht unterstützen. Wenn du rassische Diskriminierung und ethnische Säuberung unterstützt, werden wir dich bekämpfen. Ruf mich an, wenn du herausgefunden hast, was du tun willst.
Nelson Mandela"
http://palaestina-israel.blog.de/2011/12/18/nelson-mandela-zionismus-apartheid-12322516/

Gegenargumente? Relativierungen?

Immerhin: Wir liefern Angriffswaffen (U-Boot-Lieferung) an ein Israel mit was für einer Regierung?

philmus 22.01.2013 | 14:19

Zum Verhältnis der deutschen Aufklärung zur Religion fällt mir z.B. ein, daß H.Heine in seiner (sehr amüsant zu lesenden) Darstellung der deutschen Philosophie für französische Leser sehr großen Wert darauf legt, Kant als geradezu etwas wie den Mörder Gottes darzustellen: Er habe den Glauben dermassen gründlich zur Strecke gebracht, daß man diese Tat dereinst als der französischen Revolution ebenbürtig ansehen werde, ja als die deutsche Revolution überhaupt.

Nur mal so, zur Populärrezeption dieser Problematik im 19. Jahrhundert. Von Kant stammt auch die berühmte Definition der Aufklärung ("Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit"), von der ich mir nicht sicher bin, ob sie nicht doch etwas älter ist als die militärische Verwendung des Wortes. Ich weiß es nicht, aber die deutsche Aufklärung so salopp wegzureden scheint mir etwas unredlich.

schlesinger 22.01.2013 | 15:10

Nur damit niemand diesen "Brief Mandelas" als echten Brief ansieht: Es war eine Kolumne von Arjan El Fassed, der diese Kunstform gewählt hat, um mit den mutmaßlichen Argumenten Mandelas einen fiktiven Brief an den als Israel-Freund betrachteten Friedman zu schreiben (Fassed übernimmt dazu z.B. frühere Gerichtsaussagen Mandelas aus der Zeit seiner Inhaftierung). Es ist also ein Brief "als ob von Mandela". Ein Mandela käme wohl auch kaum auf die Idee, einem amerikanischen Publizisten einen Brief zu Israel zu schreiben.

Aber deshalb, und das scheint mir wesentlicher, muss der Inhalt nicht "falsch" sein.

h.yuren 22.01.2013 | 15:18

Ich weiß es nicht, aber die deutsche Aufklärung so salopp wegzureden scheint mir etwas unredlich.

und welche werke kants hat der gute heine wohl gelesen, lieber philmus, dass er so redet? für teutsche gemüter war der kant schon ein revolutionär, für teutsche. kant wird darum auch gern als vollender und überwinder der aufklärung apostrophiert. hauptsache, weg mit dem aufkläricht! (dies schmähwort ist teutsch)  wie kam nur der vormals bekannte literaturkritiker vormweg auf die idee, ein buch zu verfassen mit dem titel: "Das Elend der Aufklärung" [in Deutschland]?

das heilige römische reich ist das faulige fundament für den muff aus 1000 jahren hierzulande. den werden wir so schnell nicht los. nie hat hier eine revolution mal etwas ausgemistet. aufklärung wäre die humane vorstufe wie dunnemals in la france.

philmus 22.01.2013 | 15:26

Wenn Sie das so sehen wollen, macht es wenig Sinn, Sie auf etwas hinzuweisen, was in Ihrer Sicht nicht vorkommt: der Beitrag deutscher Dichter und Philosophen zur Aufklärung.

Aber hat ein so kritischer Geist wie z.B. Lessing diese Nicht-Beachtung verdient?

ich denke, Heine hat das schon richtig gesehen, als er den Franzosen die deutsche Leistung der "Revolution im Reich der Ideen" nahebringen wollte.

Deutsch=Dumpf? Viel Spaß dabei, gibt ja genug Gesellen, die das so mögen...

elisRea 22.01.2013 | 16:27

Ich habe über den Brief diese Informationen:

"Ein fingierter Brief an Thomas L. Friedman (Kolumnist der New York Times)

Den folgenden fingierten Brief schrieb nicht Nelson Mandela Anfang April 2001, sondern ein Student in Südafrika. Er ist für uns von der Homepage der Universität von Johannesburg heruntergeladen worden. Der anonyme Autor verwendet Originalzitate und Standpunkte des "wise old man" und überträgt diese Sichtweise auf die Verhältnisse in Israel/Palästina."

http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Israel/mandela.html

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"Lieber schlesinger, hiermit bestätige ich, dass ich den Brief vom 11.2.2002, an Thomas l. Friedmann, höchspersönlich geschrieben habe. Die Gerüchte über einen anderen Autor, die mit meinem Namen unterschrieben hat, sind frei erfunden. Sie sollen lediglich dazu dienen, dem Inhalt weniger Gewicht beizumessen. Letztendlich aber, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu, ist es für die Beurteilung des Inhaltes egal, ob ich oder jemand anderes diesen Brief geschrieben haben, allerdings nicht für die damit verbundenen möglichen Konsequenzen.

Ich würde es sehr bedauern, wenn an meiner Stelle dieser junge Student, von dem behauptet wird, dass er den Brief geschrieben habe, als einer der schlimmsten Antisemiten der Welt auf die Liste des XXY-Centers gesetzt würde.

Schlesinger,  ich lehne gewisse Kunstformen nicht ab. Wenn du Wahrheit und Loyalität willst, werde ich dich unterstützen. Wenn du tricksen und täuschen willst, werde ich dich nicht unterstützen.

Nlsn Mandela"

www.nlsn-mndla-suedafrika.com

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P.S.: Weder kann ich für die Echtheit der Links noch des Briefes eine Garantie übernehmen. Möglicherweise handelt es sich um Kunstformen.

ebertus 22.01.2013 | 17:34

@ELISREA, @SCHLESINGER

Gern verweise ich im Zusammenhang mit Südafrika auf aktuelle Entwicklungen, hier via Mondoweiss.

Im Gegensatz zu dem gemäßigten Zionismus eines Kritikers der israelischen Besatzungspolitik wie Peter Beinart, dessen Blog OpenZion vertritt Mondoweiss einen eher antizionistischen Kurs, setzt sich u.a. intensiv und oft kritisch mit der Berichterstattung in den amerikanischen Medien auseinander, mit realistischen und weniger realistischen "Hoffnungen", aktuell einem Artikel von Roger Cohen in der NYT.

 

h.yuren 22.01.2013 | 17:35

Wenn Sie das so sehen wollen, macht es wenig Sinn, Sie auf etwas hinzuweisen, was in Ihrer Sicht nicht vorkommt: der Beitrag deutscher Dichter und Philosophen zur Aufklärung.

Aber hat ein so kritischer Geist wie z.B. Lessing diese Nicht-Beachtung verdient?

hat er wirklich nicht verdient, dass heute großzügig darüber hinweggesehen wird, wieviel steine ihm in den weg gelegt wurden.

philmus 22.01.2013 | 20:04

Und sie meinen tatsächlich, die Aufklärung wäre in allen Ländern außer Deutschland von den Herrschenden eher freudig begrüßt worden? Vielleicht, wenns hier nicht irgendwann eh off-topic wär, lohnte sich doch ein genauerer Blick - die Unterschiede zwischen den vielen Kleinstaaten zu jeweils verschiedenen Zeiten würden Bücher füllen - Ihr Pauschalurteil läßt sich, denke ich, nur bei seehr ungenauem Blick halten.

 

philmus 23.01.2013 | 12:22

In der Tat hatte selbst Immanuel Kant keinerlei Skrupel sich innerhalb seiner protestantisch geprägten „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ zwar für die rechtliche Gleichstellung der Juden einzusetzen, zugleich aber eine „Euthanasie des Judentums“ einzufordern.

Daraus abzuleiten, die Aufklärer wären irgendwie Vorreiter des späteren Antisemitismus gewesen, finde ich etwas gewagt.

Ich verstehe das eher so, daß die Toleranz, die immerhin auch eine aufklärerische Tugend war, nicht davon ablenken sollte, daß das Judentum als Religion natürlich genauso obsolet wird wie jede andere. Die Idee von der quasi "pädagogischen" Stufenfolge der Religionen im geschichtlichen Verlauf läßt natürlich das Judentum buchstäblich "alt" aussehen.

Aber das Ziel war ja, und das sehe ich als entscheidender an als diese geschichtspsychologischen Komplikationen, die Überwindung aller religiösen Dogmatik, der Protestantismus kommt letztendlich nicht besser weg.

Nicht ohne Grund waren nicht nur die deutschen Aufklärer, sondern noch ihre rechten und linken Gefolgsleute im 19. Jahrhundert (Fichte, Feuerbach, Hegel, Marx) ohne Ausnahme Antisemiten.

Sehen Sie, dafür waren für die wirklich ernsthaften Antisemiten Leute wie Marx und seine Nachfolger wiederum "jüdisch-bolschewistische" Unkultur.

Man sollte nicht vergessen, daß im Antisemitismus auch immer eine Art "Antikapitalismus für Doofe" mitspielt, also die Fokussierung der Wahrnehmung auf die erfolgreichen Juden führt zur Projektion der antikapitalistischen Ressentiments auf die Juden insgesamt, medienkräftig befeuert vom "deutschen" Kapital, dem diese Ablenkung natürlich super in den Kram passt.

Aber es gibt noch den anderen, eher rechten Strang des Antisemitismus - historisch erheblich wirksamer geworden - , für den das "zersetzende", "ungesund vergeistigte" Judentum geradezu eine Chiffre für die Moderne schlechthin wird - und damit unausgesprochen natürlich auch für die Wurzel derselben, die Aufklärung.

Eine Geisteshaltung, die "deutsche Kultur" "westlicher Zivilisation" entgegenstellte und damit auch die Früchte der als französisch und englisch wahrgenommenen Aufklärung als sozusagen "artfremd" ablehnt, sieht im "kosmopolitischen" Judentum immer ein Symbol für das "entwurzelte" Geistige, das gewachsene Kultur zersetzt und über den Zweifel zum "Intellektualismus" führt - also ins negative gewendet das, was wir "Aufklärung" zu nennen gewohnt sind.

Dieser "Blut-und-Boden"-Antisemitismus als Chiffre für "Gegenaufklärung" ist aber der, der in Deutschland so schrecklich gewütet hat, sicher noch befeuert durch von den Kommunisten konvertierte Vulgär-Antikapitalisten.

Aber dagegen ist das, was man in der aufklärerischen Religionskritik etwa an religionsgeschichtlich und - psychologisch begründeten Einwänden gegen das Judentum als Rdeigion finden kann, niemals politisch wirksam geworden, und ich zweifele, ob hier der Begriff "Antisemitismus" in seiner Spezialität wirklich passt, geht es doch hier eher um Religionskritik im Ganzen.

Columbus 23.01.2013 | 19:11

"In der Tat hatte selbst Immanuel Kant keinerlei Skrupel sich innerhalb seiner protestantisch geprägten „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ zwar für die rechtliche Gleichstellung der Juden einzusetzen, zugleich aber eine „Euthanasie des Judentums“ einzufordern." (Robert Zion)

 

Lieber Herr Zion,

Die Stolperfallen des Missverständnisses und der absichtlichen und unabsichtlichen Fehlinterpretationen, rund um dieses Thema sind schier unermeßlich, immer noch und leider.

Anstatt erst gar nicht den Versuch zu starten, mit untauglichen Mitteln zu beweisen, was man längst feste glaubt, befördert man Gerüchte, auch wenn man Robert Zion oder Micha Brumlik heißt und daher einen Ruf hat.

Antisemitismus und heute vor allem auch wieder oberflächlicher und vorwiegend an Äußerlichkeiten orientierter  Fremdenhass, sind zwar durchaus zur Chronifizierung neigende Anschauungen, aber gerade der angebliche Nachweis, selbst Kant habe sich, "ohne Skrupel" bezüglich des Judentums solcher, heute  politisch inkorrekter Vokabeln bedient, läuft ins Leere.

Die Stelle, mit der sich Professor Brumlik beschäftigt, wird in Rudolf Eislers thematischem Kant Lexikon (1930) recht umfänglich und im Zusammenhang zitiert. Hintergrund ist bei Kant, dass er von einer monotheistischen Vernunftsreligion, mag sie auch protestantisch fundiert sein, träumt, in der die Gegensätze der abrahamitischen Religionen aufgelöst sind.

Sein Gedanke ist die Umkehr (als Dialektiker würde ich sagen, die Aufhebung) der Reformation und der früheren Abspaltung vom Judentum, durch eine Art, so würde ich es nennen, des "Vernunftsurglaubentum". Kant ist eher irgendwie Glaubenshippie und Bahai, Anhänger einer echten, gleichberechtigten Anthropologie, auch in Glaubensdingen.

Hier die Stelle mit dem vorgeblich skrupelosen Wortgebrauch  aus Eislers Zusammenstellung :

>>"Die Euthanasie des Judentums ist die reine moralische Religion mit Verlassung aller alten Satzungslehren, deren einige doch im Christentum (als messianischem Glauben) noch zurück behalten bleiben müssen; welcher Sektenunterschied endlich doch auch verschwinden muß und so das, was man als den Beschluß des großen Dramas des Religionswechsels auf Erden nennt (die Wiederbringung aller Dinge), wenigstens im Geiste herbeiführt, da nur ein Hirt und eine Herde stattfindet", Str. d. Fak. 1. Abs. Allg. Anmerk. Von Religionssekten (V 4, 96 ff.). "<<

Kant kann man Naivität in solchen Fragen vorwerfen, da er hier, nach allem Geschehen vor und nach der Reformation, einer Art paganen Urglaubentums das Wort redet. Die Ironie der Geschichte ist, das an dieser Stelle eine ganz andere Seelenverwandtschaft sichtbar wird, nämlich die von Kant und Marx und der Aufklärung in beidenüberhaupt, die daran festhält, es einfach nicht sein lässt, zu denken, es sei eine Vereinigung der Gegensätze in einer Synthese (Aufhebung) möglich.

Frei formuliert ist Kants Ausführung nichts anderes , als das "Absterben des Staates", eine notwendige, auch gewaltfreie  "Euthanasie", in den Augen des Kommunisten.  Es ist Einsicht in die Notwendigkeit, wenn vom Menschen als Gattung, Menschengeschlecht, Menschheit, überhaupt gesprochen wird, Futurum II sozusagen.

Hier liegt nun diese Utopie in weiter Ferne, wie es auch für den religiös gebundenen, monotheistischen Glauben gilt, obwohl alle drei Religionen fest annehmen, den einzig wahrhaftigen Ring schon am Finger zu haben.

Keinesfalls ist aber hier von Skrupellosigkeit, gar Antisemitismus zu sprechen. Ginge es nach Kant, gäbe es nur einen Hirtengott und seine Herde, wegen mir auch als eine Göttin oder gar als das Gott.

Beste Grüße und weiter

Christoph Leusch

 

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2013 | 11:57

Ok, was heute nicht alles – insbesondere von Zionisten und Judaisten - unter Antisemitismus zusammengefasst wird, hat einen religiösen Streit als Ursprung, der sich vom theologischen zum ideologischen entwickelt hat.
Ursprung war seinerzeit im Apostelkonzil die Auseinandersetzung von Judaisten und den sog. Urchristen über den Propheten Jesus von Nazareth, d.h. dessen Botschaften und Auslegungen (im sog. Torastreit), insbesondere des Bündnisses mit Gott (spätestens hier ging die Beschneidungsdebatte los), der Bedeutung und Bewahrung der hebräischen Sprache, Kultur und des Schriftgelehrtentums.

Wie alle wissen haben sich zum Ausklang des Hellenismus bzw. während der sog. Griechisch-römischen Epoche daraus verschiedene (sich durch kulturelle und sprachliche Vermischungen) rasch ausbreitende urchristliche Strömungen entwickelt, während die zweite und dritte judaische Diaspora einerseits den kriegerischen Auseinandersetzungen geschuldet, andererseits aber auch durch veränderte klimatische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen erzwungen wurde.
Wesentlich ist dabei jedoch auch, daß im Zuge dieser Entwicklungen die ehemals benachbarten (ursprunglich aramäisch) semitischen Sprachfamilien/stämme, von denen die hebräische und arabische bis in die Moderne kultiviert und sich durch die Verbreitung der „heiligen“ Schriften erhalten haben, verstreut und in sog. Sprachinseln marginalisiert wurden.
Antisemitismus gründet sich von dieser sprachhistorischen Wurzel her gedacht auf das Auseinanderdriften der griechisch-römischen und der aramäisch-semitischen, wobei Letztere nicht nur durch die militärisch und wirtschaftlich begründete religiös-kulturelle Hegemonie der im Weiteren christlich werdenden römischen Reiche und deren (romanischen bzw. latinisierenden) Nachfolger begründet ist, sondern auch durch die regional zusammenhängendere Ausdifferenzierung der arabischen im Unterschied zur in zahllosen verstreuten Gemeinden gepflegten hebräischen Schriftkultur und darauf aufsetzenden religiösen Praktiken und Bräuchen.

Antisemitismus hat somit zuallererst sprach – bzw. kulturhistorische Ursprünge, die sich aus der erst kolonial und dann hegemonial gestützten Ausbreitung der griechisch-römischen Alphabetisierung und Kulturierung – d.h. im Zusammenwirken mit der Verbreitung der neutestamentarischen Schriften durch die Expansion der alsbald im Okzident führenden christlichen Gemeinden erklärt, die durch das Bündnis des Adels mit dem unaufhaltsam mächtiger werden Klerus befestigt wurde – während sich nach Mohammed die arabische Sprache und der Islam als eine auch militärisch siegreiche und daher führende Religionsgemeinschaft vom Orient ausbreitete. Genau genommen richtet sich Antisemitismus daher nicht nur gegen das „Ein – bzw. Vordringen“ der judaisch-hebräischen Kultur, Religion und Sprache, sondern auch gegen die islamisch-arabische.

Will man die Tiefe des antisemitischen Ressentiments erfassen, sollte man sich vor Augen halten, daß es einen okzidental verortbaren Antisemitismus gibt, der sich als fremdenfeindliches Ressentiment gegen die i.d.R. urban situierten judaisch-hebräischen Communities artikuliert und sich nicht zwingend aus christlichen Glaubens – und Ordnungsvorstellungen speist, sondern zuerst aus der im Kulturkreis fremdartig wirkenden Lautsprache bzw. Oralität und sichtbaren Traditionen einer sich so schon äußerlich abgrenzenden Minderheit, die zudem hohen Wert auf Verschriftlichung und literale Bildung legt. Man sollte sich dabei vor Augen halten, daß innerhalb der so eine jüdische Identität ausprägenden Gemeinden Jahrhunderte vor der Industrialisierung (als Massenalphabetisierung) die Alphabetisierung der Gemeindemitglieder nicht nur in der hebräischen Sprache viel weiter war als im Aufnahmeland, sondern auch in der jeweiligen Landes – insbesondere der Amtssprache.
Dadurch, d.h. durch die Aneignung zweier und mehr Alphabete bzw. Sprachen, erwarben sich „die Juden“ eine Schlüsselkompetenz, durch die sie oftmals auch wirtschaftlich lohnende Schlüsselstellungen einnehmen konnten, aus der sich in der Moderne auch eine intellektuelle Elite entwickelte.
Die Ressentiments der weniger sprach – und schriftmächtigen Bevölkerungsmehrheit sind folglich auch anti-intellektuelle, die sich überwiegend aus deren strukturell bedingter Bildungs-Unterlegenheit speisen, welche allerdings von der mit der Aufklärung aufstrebenden nicht-jüdischen Intelligenz recht eigennützig angeheizt, mit christlichen Motiven verbrämt und ideologisiert wurden.

Demgegenüber übt die „Dialektik der Aufklärung“ sowohl eine Religions – wie Ideologiekritik und führt das tumbe antisemitische Ressentiment auf seine (sprach, kultur, bildungs – und sozial) historischen Wurzeln zurück und kann daher gar keine Verlängerung antisemitischer als in okzidentalen Kontexten anti-jüdischer Linien sein.

Ebensowenig kann es im arabischen Sprachraum (aufgrund des gemeinsamen aramäisch-semitischen Ursprungs) einen Antisemitismus geben, dieser ist vielmehr ein sich aus ganz ähnlichen Bildungsunterlegenheits-Erfahrungen und fremdenfeindlichen Motiven der (heute immer noch mit hohen Analphabetenzahlen kämpfenden) Mehrheitsbevölkerung speisendes anti-jüdisches bzw. auf politischer Ebene auch ein anti-israelisches Ressentiment.

Nach meiner Ansicht ist es zu einfach mit dem Antisemitismus-Vorwurf oder Philosemitentum die zugrunde liegenden und bis in die Gegenwart und Zukunft hineinreichenden Ressentiments einzudämmen oder gar entschärfen zu wollen.
Dies kann meiner Ansicht nach nur durch eine im Dialog geführte ideologiekritische Aufarbeitung geschehen, die aber mit der inflationären Verwendung des Begriffs und der ständigen religiös wie politisch motivierten Aufladung desselben blockiert wird.

elisRea 24.01.2013 | 16:53

["Die von christlichen Politikern hierzulande erfundene „gemeinsame jüdisch-christliche Tradition“,.."

"Wieso erfundene? Können Sie das erklären oder begründen? Sind die Nazarener, Therapeuten oder wie immer die Anhänger des "Ketzers" ursprünglich hießen, keine Juden gewesen, die sich auf das mosaische Gesetz beriefen? Geht das Christentum nicht auf eine jüdische Tradition zurück? Ist der Kern der Bergpredigt nicht Toraauslegung?"]

Vielen Dank, dass, wenn schon nicht der Autor des Artikels, Sie meine an ihn gestellten Fragen und noch dazu einige von mir nicht gestellten Fragen, zumindest zum Teil, beantworen.

"Ursprung war seinerzeit im Apostelkonzil die Auseinandersetzung von Judaisten und den sog. Urchristen über den Propheten Jesus von Nazareth, d.h. dessen Botschaften und Auslegungen (im sog. Torastreit), insbesondere des Bündnisses mit Gott (spätestens hier ging die Beschneidungsdebatte los), der Bedeutung und Bewahrung der hebräischen Sprache, Kultur und des Schriftgelehrtentums."

Was ich nicht verstehe, ist, was Sie mit der Bezeichnung "Judaisten"  (in dem von Ihnen beschriebenen Zusammenhang) genau meinen. Wenn Sie das erklären könnten,  wäre nett.

 

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2013 | 19:04

Judaisten:
dazu muß man in die alttestamentarische Überlieferung einsteigen. In Kurzform gab es ca. 1000 v. Chr. ein von Saul gegründetes Königreich Israel, in dem die israelischen Stämme des Nordens – aus denen Saul stammte – aufgrund der höheren Fruchtbarkeit der Böden und der besseren strategischen Lage denen im Süden, genannt Juda, überlegen waren.
Nach Sauls Tod fiel das Reich an David aus dem Süden (Juda), im Norden – also Israel – herrschte dagegen Wahlkönigtum, d.h. die Stammesfürsten hatten den König des Gesamtreichs zu bestätigen.
Die Hauptstadt von Juda war Jerusalem, die von Israel – nach der Epoche Salomon – Samaria.
Jerusalem wurde dadurch und auch in den späteren Gründungsversuchen das eigentliche geistig und kulturelle Zentrum in der Tradition des faktisch einzigen gesamtisraelischen Königs David.
Die späteren Könige des Nordreichs Israel kommen in der biblischen Geschichtsschreibung nicht besonders gut weg, da schon der erste (Jerobeam) ein Vasall von Ägypten gewesen sein soll und der Landstrich später von den Assyrern überrannt und die überlebenden Israeliten in alle Richtungen verstreut wurden – diese werden als „verlorene Stämme Israels“ bezeichnet.
Die judaischen Stämme hingegen konnten sich in ihrer Region festsetzen und sich durch jahrhundertelange Ansiedlungen, unabhängig vom jeweiligen Herrschaftssystem, Zug um Zug ausbreiten und dabei ihre auf Schriftsprache, Überlieferung, Ritualen usw. basierende kulturelle Identität nicht nur er – sondern auch (wenn auch oft im Verborgenen) entfalten.
Grob vereinfacht gesagt, war seinerzeit vom nördlichen Israel nichts mehr übrig und die Stämme der Judäer hatten als „Davidssöhne“ die geschicktere Überlebens – und kulturelle Selbsterhaltungstrategie.
Letztlich geht also alles was wir heute unter Judentum verzeichnen auf diese Vorgeschichte zurück.
Dies betrifft auch und vor allem die Sprachentwicklung – denn in Judäa wurde überwiegend aramäisch und kanaaisch (östlich vom Zweistromland die verbreitesten semitischen Sprachen) gesprochen, woraus sich später das Hebräische zur vollwertigen und daher zur (neben dem persisch-arabischen) dominierenden Schriftsprache der judaistischen – heute sagen wir jüdischen – Kultur, mit Jerusalem als ehemals glanzvoller Königsstadt, entwickeln sollte.

("Semitisch" ist daher keine Volks/Ethniebezeichnung - sondern ein  Bezeichnung für den Sprachstamm - bzw. Familie)

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2013 | 19:27

selbstverständlich meine ich mit judaistisch nicht judäisch - weil letztere eine falsche Bezeichnung wäre.

Die damalige war eine quasi monarchisch verfasste Stammesgesellschaft, Bürger gab es da nicht und die Identität der Untertanen war keine nationalstaatliche, das ist eine Erfindung der Moderne.

Judaismus meint also den Hauptbezug auf den Stamm bzw. Familien-Clan als Grundlage der Identität und Zugehörigkeit.
Ein solcher Ansatz ist im Prinzip lokal und regional vergleichsweise ungebunden, weshalb judaistisch als Uranlage der späteren jüdisch-hebräischen Kultur der richtigere Begriff ist.

Die Urchristen berufen sich auf das neue Testament, die Judaisten auf das alte, die Tora und Talmud inbegriffen (die Mystiker nehmen auch noch die Kabbala u.a. hinzu) - die jüdische Tradition wie wir sie kennen hat darin ihren Ursprung.

 

 

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2013 | 19:45

es gibt Zionisten die genau das anstreben, wobei die südwestliche Ausdehnung bis nach Eilat heute schon realisiert ist...

Nun, der Gründungsgedanke ist mit dieser Ausdehnungsvorstellung sehr stark verbunden - daraus erklärt sich also die Siedlungs - und Militärstrategie der israelischen Regierung recht eindeutig.

Das ist natürlich ein Sprengsatz in so einer Region, zumal die Israelis ihre Heimatlandansprüche aus einer längst untergegangenen Epoche rekonstruieren und dazu keine andere Legitimierung als die alttestamentarische Bibel und die Verheißung von Eretz Israel vorlegen können...

elisRea 24.01.2013 | 21:02

"selbstverständlich meine ich mit judaistisch nicht judäisch - weil letztere eine falsche Bezeichnung wäre..."

Ich möchte die Diskussion zu diesem Thema nicht so sehr vertiefen, weil sie doch sehr speziell ist und vom Artikelthema weit weg führt.

Nur noch einige kurze Nachfragen und Ergänzungen:

- Auf welche Textquellen beziehen Sie sich, wenn Sie von judaistisch sprechen?

- Von welchem griechischen bzw. hebräischen Wort leiten Sie diesen Begriff ab?

"Die damalige war eine quasi monarchisch verfasste Stammesgesellschaft, Bürger gab es da nicht..."

Welchen Zeitraum meinen Sie genau mit "damalig"?

Differenzieren Sie zwischen Freien (mit Bürgerrechten) und Sklaven?

"Judaismus meint also den Hauptbezug auf den Stamm bzw. Familien-Clan als Grundlage der Identität und Zugehörigkeit.
Ein solcher Ansatz ist im Prinzip lokal und regional vergleichsweise ungebunden, weshalb judaistisch als Uranlage der späteren jüdisch-hebräischen Kultur der richtigere Begriff ist."

Nach  meinen Informationen war die Bezeichnung "Jude" (gr. Judäer, hebr. JHVDJ) für die Angehörigen der israelitischen Stämme nach dem Untergang des Nordreiches Israel eine Fremdbezeichnung. Die bevorzugte Selbstbezeichnung war meines Wissens "Israelit".

"Die Urchristen berufen sich auf das neue Testament, die Judaisten auf das alte, die Tora und Talmud inbegriffen (die Mystiker nehmen auch noch die Kabbala u.a. hinzu) - die jüdische Tradition wie wir sie kennen hat darin ihren Ursprung."

Das würde ich sooo nicht formulieren.

Ich grenze, der Einfachheit halber,  "Urchristen" (=Judenchristen) auf die in der Apostelgeschichte beschriebenen Gemeinschaften ein und nenne die Anhängerschaft des Rabbi Joshua: Juden einer bestimmten religiösen (jüdischen) Richtung.

Nachweislich beziehen sich Rabbi Joshua (=Jesus) und die Apostel auf die Thora (=LXX). Der neue Bund beruht auf einer anderen Thoraauslegung als die, welche der damals (1.Jhdt) vorherrschenden Lehrmeinung entsprach.

Deshalb  galt Jesus für diejenigen jüdischen Schriftgelehrten/Juden, die diese Thoraauslegung nicht anerkannten als "Irrlehrer" (=Ketzer). Und deswegen gibt es für  Juden heute, die aus einer pharisäischen Tradition hervorgegangen sind, weder ein Neues noch ein Altes Testament.

Leo Prijs, ehem. Professor für Judaistik an der Uni München, beschreibt das so:

"Es bestand damals, zur Zeit der Entstehung des Christentums, eine religiöse Kontroverse zwischen Christen und Juden, ursprünglich zwischen Judenchristen und Juden, also zwischen Juden und juden, ähnlich etwa zur Zeit der Gegenreformation zwischen Christen  und Christen, wo man mit gegenseitigen globalen Anschuldigungen ebenfalls nicht hinter dem Berg hielt...." (Leo Prijs, Die Welt des Judentums, C.H.Beck-Verlag, München, 1982)

Das ist, wie ich finde, ein sehr spannendes Thema, das man vielleicht später noch einmal in einem anderen Strang aufgreifen kann.

Aber: Ein klein wenig hat es ja auch mit dem Artikel zu tun. :-)

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2013 | 22:21

ich werde mich hier bestimmt nicht auf die Feinheiten des Tora - als Ausgangsstreits der - wie sie richtig bezeichnen - Judenchristen und Judaisten (wie ich diese traditionelle - auch pharisäische - Richtung bezeichne) einlassen...

Dazu weiß ich darüber zu wenig und ich bin ja auch nicht auf Ihre Lockfragen in diesem Gebiet eingestiegen, oder?

Ich beschränke mich auf die allgemein zugänglichen historischen und philologischen bzw. linguistischen Feststellungen dazu.
Im Mittelpunkt meiner Betrachtungen steht durchaus nicht der Widerstreit der urchristlichen und der judaischen Toraauslegung, obwohl ich Ihnen da ansatzweise folgen kann.

Für mich steht im Zentrum der Debatte der Begriff Semitismus und Antisemitismus.
Beide erklären sich für mich aus historisch-sprachwissenschaftlicher Sicht als unbrauchbar für die Debatte über das moderne Judentum.

Interessant finde ich dagegen, daß sich im tumben anti-jüdischen (judaischen)- heute als antisemitisch deklarierten - Ressentiment durchweg Fremdenfeindlichkeit mit bildungsfeindlichem Anti-Intellektualismus paart, wobei das "Fremde" nicht einmal eine ethnische, sondern nur eine sprachlich-kulturelle Basis hat.

Ich weiß nun nicht, auf welcher Ahnengalerie Ihre Auseinandersetzung damit aufsetzt, bei mir ist es 1/4 meiner Herkunft. Ansonsten sehe ich mich der durchaus semitisch durchsetzten Tradition der Frankfurter Schule verpflichtet.

Ein eigener Blog reicht nicht. Ein Seminar müsste es mindestens sein, denke ich.

rose 25.01.2013 | 01:16

"Interessant finde ich dagegen, daß sich im tumben anti-jüdischen (judaischen)- heute als antisemitisch deklarierten - Ressentiment durchweg Fremdenfeindlichkeit mit bildungsfeindlichem Anti-Intellektualismus paart"

Uninteressant, weil unsinnige Behauptung nur. Wer sind die bildungsfeindlichen Antiintellektuellen, wer die gebildeten Antisemiten, wer die ungebildeten Intellektuellen, wer sind die INTELLEKTUELLEN, die andere für antiintellektuell, sich aber für gebildet halten? Gutes Paaren.

Columbus 25.01.2013 | 01:34

ad Robert Zion,

ad schlesinger 24.01.2013 | 22:48

Das war mir so direkt aufgefallen und eben nur ein dezenter Hinweis an Herrn Zion, bei solchen  Reflexen erst gar nicht mitzumachen.

Das hat ja auch etwas Antigeistiges, immer in die gerade aktuelle Kerbe zu schlagen, sofort auf jeden Zug aufzuspringen und ganz ohne Not gar den Aufklärern, jenen, die schon die Selbstkritik im Gepäck mit dabei haben, gerade in der Form der "Dialektik der Aufklärung", nicht noch einen unberechtigten Stoß zu versetzen. Die kritische Theorie macht aus uns keine "Social engineers" und Apologeten der bestehenden, besten aller Welten.

Inflationär ist heute, überall Antisemitismus und Antizionismus zu sehen. Inflationär ist aber auch die Hohlheit der Herrschaft beider großer Konfessionen, die die Mehrzahl der Gläubigen verwalten, diese aber so wenig an Glaube, Liebe, Hoffnung hängen, wie sie politisch noch etwas mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit anfangen können.

Die Reformation und Luther werden 2017 ohne Zweifel, auch mit recht viel Staatspathos, gefeiert werden. Schon jetzt laufen die Planungen! Man mag es kaum glauben. Leider ohne die Einhegung, die Luther und andere Reformatoren dem freien Christenmenschen (frei nur im Glauben mit seinem Gott) angedeihen lassen, gleich mit zu beachten und zu kritisieren.

Hier nun noch was zu Robert Zions Artikel und Habermas/Derrida:

Nachdem ich in einem ersten Kommentar auf eine, mir direkt ins Auge stechende, ziemliche Schwachstelle des Artikels aufmerksam machte, so viel Zeit bleibt einem armen Kommentaristen ja auch nicht, nun noch ein paar weitere Anmerkungen zu den Argumenten und der Art ihrer Präsentation:

 Wer sich immerzu und an jeder Stelle auf irgendwen bezieht, der sollte sich angewöhnen, die Berufungsinstanz nicht völlig zu verbiegen. Beispiel Habermas Kritik, die viel eher ein berechtigter, aber auch harmloser Einwand, zu Derridas Auffassung ist, keinesfalls eine Herabsetzung:

 „So hatte bereits Jürgen Habermas, der sich dabei zum einen sehr wohl darüber bewusst gewesen ist, dass es im techno-wissenschaftlichen Raum unserer säkularisierten Gesellschaften eine „Legitimationsproblematik normativer Letztbegründungen“ gibt, zum anderen keine Skrupel, in seiner Abwehr alles Pluralistisch-„Postmodernen“, dem Denker der Differenz Jacques Derrida zu unterstellen, dieser „bleibe der jüdischen Mystik nahe“. Das Jüdische also als das „Irrationale“, „Mystische“ und – damit konnotiert – „Barbarische“, das „Andere“ also schlechthin.“

 

Aber stimmt der Vorwurf, es ginge da Habermas auch nur entfernt um irgend etwas Antijüdisches, das er als „barbarisch“ und irrational kennzeichnen möchte? Nein, ganz im Gegenteil: Der Sozialphilosoph legt hier nur offen, was dem (Sprach-)Philosophen Derrida seit „De la Grammatologie“ eigen ist, was dessen notwendigen Ansatz ausmacht.

 Gegen die allfällige Betonung des „wie Gesprochenen“, das angeblich so offen und frei ist, setzt Derrida auf die Schrift. In Erweitertung und im Deutschen treffender, auf Texte, als Leit- und Hauptmedium, an dem sich jede neue Interpretation, sie ist immer eine des jeweils Anderen von einem je anderen, versuchen muss. - Wir erleben es derzeit, wie in einer neuen Welle der politischen Korrektheit, in Wahrheit eine Art Sprechaktediktatur zur Herrschaft kommt, die offene und vor allem herrschaftsfreie Diskurse geradezu abwürgt und uns allen „Newspeak“ verordnet.

 Die „Sprechaktedikatur“ erhöht beständig das diskursive Tempo und den Umsatz auf den medialen Bühnen und sie fordert Hinz und Kunz auf, beständig mitzumachen. Solche Einladungen werden immer angenommen! Hinterher bleibt keiner der Partygäste länger, um die Scherben aufzuräumen.

 Derridas Vorschlag ähnelt in der Tat einem anderen Verfahren, dem sich vor allem jüdische Theologen und in besonderem Maße, die kabbalistischen Denker, mit viel Recht und Berechtigung hingaben. - Nichts ist heute in Israel, zumal unter den politisch und kulturell wirksamenen Kräften, aber ebenso  in den USA oder Europa, mehr auf dem Rückzug, als diese Art „kabbalistischer“ Auslegemethodik!

Sie stirbt förmlich aus, obwohl wir sie dringlich bräuchten, zugunsten instrumenteller und nur vorgeblich vernünftiger Verfahren, die vor allem mit real vorhandenen Machtmitteln operiert (Waffen und Geld). Ich bin mir sicher die Frankfurter Sozialphilosophen sprächen dazu heute erhellend.

 Es wird über die Bedeutung der Schrift als Zeichen ewig gerungen, aber die Schrift ist zunächst einmal da und nicht nichts, vor allem im Bezug und im Vergleich mit der Rede und dem Sprechen, insbesondere mit Blick auf das ubiquitäre mediale Dauerbesprechen.

 Sie, die Schrift, ermöglicht, zum Beispiel im Kontext zu lesen, dass Augstein weder ein Antisemit ist, noch seine SPON-Zitate antisemitisch. Dass in dem alten Grass kein ewiger deutscher Antisemit lebt, weil er als Jugendlicher bei der Waffen-SS war und Skrupel hatte darüber zu schreiben und zu sprechen. Dass weder mit Kant, noch mit Habermas, sich irgendwelche Spuren von Antisemitismus verbinden. - Aus dieser Haltung der Schrift gegenüber, erwächst die Nächsten- und Fremdenliebe der Kabbalisten, ganz im Gegensatz zu einer neuen, protestantischen oder säkularen Orthodoxie unter uns, ach so gewitzigen, Demokraten, die mit aller Macht versucht, die kurze Herrschaft über die Urteile der politischen Korrektheit zu erlangen. Wir ertragen das Unrecht, so lange es uns nichts persönlich kostet. Das kann und darf weder bei uns, noch in Israel so bleiben.

 Jeder, der sich mit Habermas Diskurs-Idee oder mit Derridas völlig berechtigter Höherwertung der beständigen Auslegung von Schrift befasst, erkennt, dass es zwischen diesen beiden Denkern nicht um einen feindlichen oder abwehrenden Gegensatz, gar auf der Basis irgend einer ethnischen oder religiösen Herkunft, geht, sondern um eine sinnvolle Ergänzung, ohne die Habermas´ aufklärerische Diskursromantik eine freischwebende Luftnummer bliebe, weil sie die Schrift partout nicht auslegen will, obwohl die Schrift uns doch dazu mehr zwingt, als es jede Rede kann, weil die Schrift bleibt und nicht nur zerredet wird. Aber trotzdem sollen Debatten und Diskurse im Talk-Format höher im Kurs stehen?

 In diesen aktuellen Beispielfällen der letzten Zeit geht es meist um das Recht (Beschneidung, weltweite P.c.-Listen, Völkerrecht, Verfassungsrechte, das Recht auf Beleidigung und Beschimpfung, wenn es publizisitisch, journalistisch verbrämt ist, Strafe für die Aufdeckung von Unrecht). Dabei ist nicht einmal die Vertragsgleichheit und damit eigentliche Vertragsfreiheit der Individuen, die auf einer formalen juristischen Gleichheit beruht, heute noch für den einzelnen Bürger ausreichend sicher, obwohl Verfassungen uns das versprechen.

Zu häufig haben diejenigen „Geschäftspartner“ mit den besseren und größeren juristischen Beraterstäben und dem größeren monetären Portfeuille den Vorrang.

 Wie uns Gesetze und Auslegungsregeln versklaven oder befreien, soviel sie andererseits auch an Sicherheit versprechen, müssen wir selbst aus den Gesetzen und aus ihrem Geist, das ist die „Auslegepflicht“ und „-Kunst“, herauslesen. Die böswilligen „Konnotationen“ stellen sich nur bei den Leuten ein, die sie schon vorher im Kopfe hatten, ganz ohne Habermas und Derrida. So wie die Tora „endlos“ ausgelegt werden muss, aber ihre Verfassheit als Text sie heiligt (Bundeslade, Torarollen), so müssten wir mit unseren eigenen Texten, zumindest mit jenen, denen wir eine Bedeutung beimessen, umgehen und nicht einfach drauf los „babbele“.

 Auf die Zahl kommt es nie an. - Sofort unterschreiben viele, wenn ihnen jemand sagt, die Finanzmärkte und Banken, die dort durchaus sehr begrenzte Zahl der potenten Spieler, hätte derzeit einen übermäßigen Einfluß auf die Politik und gar auf die Gestaltung der Gesellschaften.

 Genau aus diesem Grunde sind doch die Spielregeln, selbst in dem einfachsten, weil vom Staat am besten zu überprüfenden Sprachspiel, dem vor dem Gesetz, so unterschiedlich geworden, dass die Einen ihre Strafmaße verhandeln und Sühnegelder zahlen können, um dann als nicht (vor)bestraft zu gelten, um weiter zu machen und die Anderen, sprichwörtlich für die Schuld eines besseren Taschengeldes, aus Kliniken in Beugehaft oder Haft gelangen oder von den anderen Grünen, heute meist in Blau oder Schwarz, zum Haftantritt gebracht werden.

 Dass z.B. dies alles von eine jüdischen Clique global organisiert wird, das glauben doch nur Spinner, aber niemand der derzeit angeschuldigten oder verdächtigten Personen, denen eine neue „Kryptologie“ der Antisemitenjäger, auf der Resterampe einer einst ehrenhaften und stilsicheren Polemik, Antisemitismus oder subtile „Antisemitismen“ nachweisen möchte. Allen diesen Superkritikern und doch recht medienpräsenten Überpolemikern täte eine Entschleunigung und regelrechte Verzögerung der geführten Diskurse und Debatten ebenso gut, wie etwas mehr Aufrichtigkeit in der Interpretation der Texte, als Texte der je Anderen. Das wäre im Sinne Derridas und Habermas´.

 Trotzdem existieren rechte und rechtsnationale jüdische Organisationen und Lobbyverbände in den USA und ebensolche Parteien in Israel, samt ihren Finanziers, die nicht den Frieden und den Ausgleich mit den Nachbarn suchen, sondern in Termini der Aneignung und der Eroberung (Judäa und Samaria), wider das Völkerrecht predigen, die dort sehr viel Einfluß haben und ihn auch nutzen.

 Manche davon sind einfach gestrickt. Sie sagen, „Wir haben Macht, lasst sie uns, zur Erfüllung des eschatologischen Ziels, zur Erfüllung unserer Ansprüche, auch gebrauchen.“ Andere sind etwas trickreicher: Sie argumentieren mit einer geradezu alttestamentarischen Ursprungs- und Generationenlegende. Sie verbreiten, auf der Grundlage einer Theologiegeschichte, Versprechungen zum gelobten Land, die unweigerlich neues Blutvergießen verursachen werden, wenn es ihnen gelingt, dort den Geist der Gesetze weiter auszufüllen und hier, bzw. in den Vereinigten Staaten, die öffentliche Meinung und die entscheidende Politik zu beeinflussen.

Bei diesen Gegebenheiten wirkt der Diskurs um die politische Korrektheit hierzulande, wie ein billiger Tresenstreit, obwohl er, wie der noch dumpfbackigere Streit zwischen Schribbenessern und Wegglekauern, pflichteifrigst geführt wird.

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

 

 

seriousguy47 25.01.2013 | 13:19

"...Wir erleben es derzeit, wie in einer neuen Welle der politischen Korrektheit, in Wahrheit eine Art Sprechaktediktatur zur Herrschaft kommt, die offene und vor allem herrschaftsfreie Diskurse geradezu abwürgt und uns allen „Newspeak“ verordnet.....

 In diesen aktuellen Beispielfällen der letzten Zeit geht es meist um das Recht (Beschneidung, weltweite P.c.-Listen, Völkerrecht, Verfassungsrechte, das Recht auf Beleidigung und Beschimpfung, wenn es publizisitisch, journalistisch verbrämt ist, Strafe für die Aufdeckung von Unrecht). Dabei ist nicht einmal die Vertragsgleichheit und damit eigentliche Vertragsfreiheit der Individuen, die auf einer formalen juristischen Gleichheit beruht, heute noch für den einzelnen Bürger ausreichend sicher, obwohl Verfassungen uns das versprechen. ….

 Die böswilligen „Konnotationen“ stellen sich nur bei den Leuten ein, die sie schon vorher im Kopfe hatten.....

 Allen diesen Superkritikern und doch recht medienpräsenten Überpolemikern täte eine Entschleunigung und regelrechte Verzögerung der geführten Diskurse und Debatten ebenso gut, wie etwas mehr Aufrichtigkeit in der Interpretation der Texte, als Texte der je Anderen...."

**********

elisRea 26.01.2013 | 12:02

@Christoph Leusch

"Inflationär ist aber auch die Hohlheit der Herrschaft beider großer Konfessionen, die die Mehrzahl der Gläubigen verwalten,...."

Warum beschränken Sie diese Aussage auf die "Herrschaft der beiden großen Konfessionen, die..." und nehmen die Herrschaft von z.B. Judentum, Islam, Hinduismus... davon aus?

"Andere sind etwas trickreicher: Sie argumentieren mit einer geradezu alttestamentarischen Ursprungs- und Generationenlegende. Sie verbreiten, auf der Grundlage einer Theologiegeschichte, Versprechungen zum gelobten Land, ...." (Fettformatierung von mir)

Sie nennen das Argumentieren mit einer "alttestamentarischen Ursprungs- und Generationenlegende" trickreich.

Finden Sie es legitim, trickreich mit dieser "alttestamentarischen Ursprungs- und Generationenlegende" die Verletzung männlicher Babys zu rechtfertigen? Warum? Warum nicht?

rose 26.01.2013 | 14:38

"Finden Sie es legitim, trickreich mit dieser "alttestamentarischen Ursprungs- und Generationenlegende" die Verletzung männlicher Babys zu rechtfertigen? Warum? Warum nicht?"

Der Mensch kann Tiere züchten, wie er will, solche, die alleine kaum lebensfähig wären, zur Fleischproduktion, zum Dauerfressen, mit verkrüppelten Knochen, kein Gesetz hindert, blinde Hunde zu produzieren, warum kann er dann nicht mir SEINEN eigenen Säuglingen machen, was ER will?

Columbus 26.01.2013 | 15:54

Elisrea,

Mit beiden Konfessionen, sind hier die evangelischen und die katholische Kirche in Deutschland  gemeint, die tatsächlich weit über ihre religiöse Funktion hinaus, in die Gesellschaft und auf die Politik wirken. Das ließe sich nicht für muslimischen Gemeinden oder die Jüdischen sagen.  - Herr Zion denkt ja über Dinge nach, die sich vorzüglich hierzulande abspielen. Die Frage, wieviel Macht und Einfluss Kirchen auf Staat und Gesellschaft haben sollen und dürfen, die ist bei uns unpopulär. In Frankreich wird dazu, unter dem Begriff Laizität, beständig diskutiert.

Geradezu altestamentarisch: Erkennen sie einen Unterschied an, ob es um die eigenen Angelegenheiten und Bräuche geht, oder um Ansprüche und Macht, die sich auf die Existenz und da Leben anderer massiv auswirkt? - Gegen eine strenge Einhaltung der  religiösen Regeln und Gesetze will ich hier nicht argumentieren. Das müssen die Gläubigen regeln und auch in ihrer Glaubensgemeinschaft diskutieren, wandeln,  ändern, statt es sich von orthodoxen Theologen vorgeben zu lassen.

Ich sehe dazu in allen monotheistischen Religionen Möglichkeiten, die nach meiner Meinung nicht ausreichend genutzt werden.

Ein Grund könnte sein, dass mittlerweile die Kluft zwischen Bekenntnis und Glauben so groß geworden ist, dass viele Menschen mit einem  Bekenntnis sagen, mit den Theologen meines Bekenntnisses lohnt das Streiten nicht. Ich habe meinen ganz eigenen Glauben und trage daran und damit schon genug mit mir herum. Wohin das führt, dafür liefert Israels Gesellschaft gerade sehr gutes Anschauungsmaterial, gerade weil dieser Staat und viele seine Bürger sich als westlich, demokratisch und libertär verstehen.

Aber das ist hier nicht der Punkt. 

Alttestamentarisch streng ist hier, aus der Auserwähltheit das Recht auf Eroberung und Einnahme abzuleiten. Das hat sofort und bezüglich Israels, länger schon, Auswirkungen auf die vielen Anderen, die Fremden, die nicht so sein wollen und können, auch gar nicht als gleichwertig angesehen werden. Sie sind eben nicht "auserwählt" (;-)).

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

schlesinger 27.01.2013 | 12:26

Bin mir nicht sicher, wen Sie meinen. Hamas? Ja, das dürfte zu einem Teil zutreffen.  Oder Israel? Die Interpretation läge einigermaßen daneben. Könnte zwar irgendwann dazu kommen, wenn die "Hamas mit Kippa" (gemeint sind die radikalen Siedler, Zitat Amos Oz) nicht nur einen großen, sondern einen maßgeblichen Einfluss bekommt. Bis dahin sind die kriegerischen Aktivitäten Israels säkular motiviert ("Sicherheit", "Verteidigung").

die Realistin 27.01.2013 | 13:53

Mir geht, ehrlich gesagt, die ganze Debatte über Antisemitismus schrecklich auf den Keks!

Man darf Antirussist, Anticubanist, Antiarabist sein, aber kein Antisemit!!!

Merkt denn keiner, wie lächerlich das Ganze ist und wie es von jüdischen Bürgern egal welches Staates ausgenutzt wird, um jede Kritik an der mörderischen Politik des derzeitigen (und der davor) Staates Israel zu ersticken?!

Ich darf doch bitte schön gegen die jüdische Bürgerin aus Tschernigow sein, die in Saarbrücken als Grundsicherungsempfängerin lebt, mir ihre Wohnung in Tschernigow für 110 Dollar monatlich (Nutzung 1 Zimmer, Küche, Bad, alles in -pardon- saumäßigem Zustand!) zwei Jahre lang vermietete, dann in meiner Abwesenheit in die Wohnung eindrang ,um sie dann für 60 000 Dollar zu verkaufen. Und das alles straffrei! Und was passiert, wenn ich als deutsche Grundsicherungsempfängerin Sozialbetrug mache????

Bin ich also damit Antisemitin!

elisRea 27.01.2013 | 14:58

[Mit beiden Konfessionen, sind hier die evangelischen und die katholische Kirche in Deutschland gemeint, die tatsächlich weit über ihre religiöse Funktion hinaus, in die Gesellschaft und auf die Politik wirken. Das ließe sich nicht für muslimischen Gemeinden oder die Jüdischen sagen.]

Die Frage war, warum Sie die Herrschaften anderer Religionen von inflationärer Hohlheit ausgeschlossen haben. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen inflationärer Hohlheit religiöser Herrschaften und deren Einfluss auf die Politik?

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[ - Herr Zion denkt ja über Dinge nach, die sich vorzüglich hierzulande abspielen. Die Frage, wieviel Macht und Einfluss Kirchen auf Staat und Gesellschaft haben sollen und dürfen, die ist bei uns unpopulär. In Frankreich wird dazu, unter dem Begriff Laizität, beständig diskutiert.]

In der BRD gibt es - anders als in Frankreich - verfassungsmäßig garantiert, keine Trennung zwischen Staat und Kirche. Dass die Frage, wie viel Einfluss religiöse Gemeinschaften und ihre Funktionäre auf Gesellschaft und Politik haben sollen und dürfen nicht populär sei, sehe ich anders.

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Fortsetzung folgt

elisRea 27.01.2013 | 15:18

[Geradezu altestamentarisch: Erkennen sie einen Unterschied an, ob es um die eigenen Angelegenheiten und Bräuche geht, oder um Ansprüche und Macht, die sich auf die Existenz und da Leben anderer massiv auswirkt?]

1. Es gibt einen Unterschied zwischen den eigenen Angelegenheiten und Bräuchen und den Angelegenheiten und Bräuchen anderer und

2. gibt es einen Unterschied zwischen

a) den Ansprüchen und der Macht anderer, die sich auf die eigene Existenz und das eigene Leben auswirken,

z.B. … wenn Eltern den Anspruch haben zu einer bestimmten Gemeinschaft dazugehören zu wollen und  deshalb kraft ihrer elterlichen Gewalt (ohne Einwilligung des Kindes) ihrem Kind von Fremden Schmerzen im Intimbereich zufügen lassen und

b) eigenen Ansprüchen und eigener Macht, die sich auf die eigene Existenz und das eigene Leben auswirkt,

z.B. wenn jemand den Anspruch hat zu einer bestimmten Gemeinschaft dazugehören zu wollen und sich deshalb aus freier Willensentscheidung Schmerzen im Intimbereich zufügen lässt und

c) eigenen Ansprüchen und eigener Macht (worunter ich Verantwortung verstehe), gegenüber anderen, die sich auf deren Existenz und deren Leben auswirken,

z.B. wenn diese anderen darauf bestehen ihren Kindern auf Anordnung ihrer Obrigkeit Schmerzen im Intimbereich zufügen zu lassen und man das auf Grund der eignen Macht und der eigenen Ansprüche verhindern kann.

Ich erkenne einen Unterschied darin, ob ich mir selbst aus freier Entscheidung Schmerzen zufügen lasse oder

ob ich aufgrund von Druck durch andere oder

aus Angst vor Nachteilen/Strafe oder

weil mir trickreich glauben gemacht wurde, meinem Kind Gutes zu tun,

meinem schutzbedürftigen und mir vertrauenden Kind Schmerzen zufügen lasse.

Sowohl die Beschneidung kleiner Kinder als auch die Politik der israelischen Regierung, was die Palästinenser betrifft, wirkt sich auf die Existenz und das Leben  anderer Menschen/eines anderen Menschen aus, egal ob diese(r) zu der „eigenen (religiösen oder nationalen) Gruppe“ oder zu einer „anderen (religiösen oder nationalen) Gruppe“ gehören/gehört.

Fortsetzung folgt

elisRea 27.01.2013 | 15:25

[ - Gegen eine strenge Einhaltung der  religiösen Regeln und Gesetze will ich hier nicht argumentieren. Das müssen die Gläubigen regeln und auch in ihrer Glaubensgemeinschaft diskutieren, wandeln,  ändern, statt es sich von orthodoxen Theologen vorgeben zu lassen.]

Vertreten Sie diese Auffassung in Bezug auf ALLE Vorschriften, die religiöse bzw. pseudoreligiöse [mehr oder weniger ….. ] Herrschaften den ihnen Gläubigen abverlangen? 

 

[Ich sehe dazu in allen monotheistischen Religionen Möglichkeiten, die nach meiner Meinung nicht ausreichend genutzt werden.

Ein Grund könnte sein, dass …. ]

Diese Auffassung halte ich – und nicht nur ich - für unrealistisch.

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[„Alttestamentarisch streng ist hier, aus der Auserwähltheit das Recht auf Eroberung und Einnahme abzuleiten. Das hat sofort und bezüglich Israels, länger schon, Auswirkungen auf die vielen Anderen, die Fremden, die nicht so sein wollen und können, auch gar nicht als gleichwertig angesehen werden. Sie sind eben nicht "auserwählt" (;-)).]

 Aus einer behaupteten, trickreich aus einem alten Buch abgeleiteten „Auserwähltheit“ ein Recht auf Landbesitz abzuleiten wirft Fragen auf, die ich hier nicht stellen möchte.

 "Ich kann an meinem Volk nichts Auserwähltes erkennen.", so oder so ähnlich soll es Einstein gesagt haben. :-)

Sich selbst für auserwählt zu halten ist möglicherweise, um es mit Fingerspitzengefühl zu sagen, nicht unbedingt sypathiefördernd.

MfG elisRea