Sehstaerke.
24.02.2012 | 00:53

Wozu reicht unsere Freiheit?

Wer kennt das nicht? Man hetzt durch die Fußgängerzone, kurz vor Ladenschluss, nach dem Konsum labend, darauf hoffend, dass dieser einen materiellen Mangel ganzgleich welcher Art heilen werde. Man braucht Lebensmittel, die neue Zara-Hose oder ein Ladegerät für das Macbook, da das alte chinesischer Bauart schon wieder den Geist aufgegeben hat.

Doch dann, urplötzlich, wird man aus seiner Eigen- und Konsumsucht herausgerissen. Ein freundlicher junger Mensch, wahlweise in blauer, roter oder sonst auffälliger Montur schreitet selbstbewusst auf einen zu. Doch damit nicht genug. Es folgt die Konfrontation mit koketten Fragen wie: “Darf ich Sie begeistern?” oder “Haben Sie heute schon ein Menschenleben gerettet?”

Bei einer solchen Reizung der vermutlich irgendwo im Kleinhirn zu verortenden “Ethikdrüse” des modernen Konsumenten, kann dieser eigentlich gar nicht anders, als das schlechte Gewissen flugs mit einer Unterschrift und einer damit verbundenen monatlichen Einzugsermächtigung zu beruhigen. Im Wissen, das örtliche Altenheim oder den peruanischen Regenwald fortan mit 30 € im Monat zu unterstützen, lässt es sich dann auch wieder bequem Billigware aus Bangladesch oder sonst wo kaufen – man hat seinen Beitrag ja schließlich bereits geleistet.

So trefflich dieses moralische Tauschgeschäft – Geld gegen Gewissen – auch funktionieren mag, offenbart es doch eines der vielen Schlupflöcher, durch welche sich das Konsum-Denken in unseren Alltag geschlichen hat. Was man früher durch Einsatz, Hilfsbereitschaft und gelebte Solidarität verwirklichte, übernimmt fortan der Geldbeutel.

Bezeichnenderweise sind denn auch die meisten Anwerber der einschlägigen Organisationen keine überzeugten und langjährigen Anhänger des jeweiligen wohltätigen Zweckes, den sie zu repräsentieren vorgeben, sondern vielmehr sorgsam zusammengecastete Profis, die als solche die Innenstädte der Republik an so manchem Samstagnachmittag zu wahren Charity-Messen machen – stets mit dem Ziel, ihrem Arbeitgeber ein gesteigertes Maß an Liquidität zu verschaffen.

Verwickelt man die dynamischen Verkäufer in ein Gespräch über das Für und Wider bestimmter Entwicklungsmaßnahmen oder über die Sinnhaftigkeit ihrer (Verkaufs-)Tätigkeit, so muss man erfahren, dass man nicht als Individuum wahrgenommen wird, sondern lediglich als potentieller Kunde, den man später hoffentlich “aufschreiben” kann. Ganz egal, welchen Verlauf das Gespräch eigentlich nimmt, das Gegenüber wird es auf gar wundersame Weise wieder auf den Geschäftsabschluss lenken.

Es geht ihnen also um Vieles, den jungen Wohltätigen von heute. Nur nicht um Inhalte. Entscheidend ist die Unterschrift unter dem Vertrag, nicht die Frage, ob das jeweils in Rede stehende Projekt überhaupt sinnvoll ist oder einen Nutzen für die geförderte Region etc. mit sich bringt. Entsprechend durchlaufen die Studenten, Azubis und Schüler, die sich durch die Tätigkeit ein teilweise königliches Zubrot verdienen, auch keine landeskundliche oder sonstwie inhaltliche Ausbildung. Stattdessen werden sie anhand von Workshops erfolgreich im Stellen von Suggestivfragen und der Anwendung anderer Argumentationstechniken geschult.

In Autoverkäufermanier machen die dynamischen Akteure auf diese Weise so manchen unbefleckten Passanten ganz unverhofft zum Wohltäter – jeder Euro wird ihm mit teuren Worten anhand der zuvor mühsam erlernten Technik abgeschwatzt.

Bezahlt wird selbstredend pro Abschluss und nach Bonus-System, möglich sind bei guter Quote bis zu 10.000 € monatlich. Wieso auch nicht, treiben die Boni doch auch Bankmanager zu finanziellen Höchstleistungen. Was in weiten Teilen der freien Wirtschaft funktioniert, kann doch hier nicht falsch sein? Was dort Recht ist, kann hier nicht Unrecht sein?

Doch genau an diesem Punkt beginnt der Trugschluss. Denn abgesehen von der Eigenartigkeit, dass hier Leute Gelder eintreiben, die rein gar nichts mit dem Projekt selbst zu tun haben, ist vor allem die Botschaft, die durch die Anwerbepraxis übermittelt wird, fatal. Sie suggeriert: Alle Probleme auf der Welt sind lösbar – es ist nur eine Frage des Geldes.

Natürlich sind soziale Fragen im modernen Sozialstaat letztendlich Fragen des Geldes. Aber eben nur zu einem Teil bzw. nur in der Konsequenz. Denn das Soziale beschreibt in seiner eigentlichen Bedeutung das menschliche Miteinander und nicht einen Posten im Bundeshaushalt. Bezeichnenderweise wird es zunehmend zu einer finanziellen Herausforderung degradiert. Im Ursprung jedoch geht es um Mitgefühl, um die Anerkennung und Wertschätzung von Interessen, darum, sich in andere und ihre Realitäten hineinzuversetzen.

Weil es daran mangelt – an der Bereitschaft, außerhalb der eigenen Interessen zu denken – leben wir in einer Welt mit massivem Wohlstandsgefälle, mit extremer Armut und gleichzeitigem extremen Wohlstand. In Äthiopien und Eritrea sind eben gerade nicht 1,8 Mio. Menschen auf der Flucht vor dem Hungertod, weil die Anwerber der Hilfsorganisationen eine schlechte Saison erwischt haben. Sondern weil unser Weltwirtschaftssystem eine Umverteilung von Nord nach Süd, von Erster in Dritte Welt nicht vorsieht.

Solange wir bereit sind, unseren Wohlstand auf die Armut anderer zu stützen, solange wir tolerieren und – indem wir ihre Produkte konsumieren – honorieren, auf welche Art und Weise multinationale Unternehmen wirtschaften, wird sich an diesem status quo nichts ändern – und auch nichts an unserem latent schlechten Gewissen.

Uns muss bewusst werden, dass es nicht die verweigerte Unterschrift unter der Einzugsermächtigung des netten jungen Teilzeitwohltäters ist, die globale Ungerechtigkeit aufrecht erhält. Vielmehr sind wir hierfür selbst in unseren tagtäglichen Entscheidungen verantwortlich.

Im globalen Zusammenhang haben wir insbesondere über unseren Konsum die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen; in unserem persönlichen Umfeld sind es die kleinen Gesten – vom Tür aufhalten bis hin zur ehrenamtlichen Tätigkeit.

Wir sollten daher das breite Feld der Wohltätigkeit, das Soziale, nicht einem Denken und einem System unterwerfen, das sich vor allem in der Finanzindustrie bewährt hat. Freilich können WWF, greenpeace, amnesty und wie sie alle heißen, mehr bewirken, wenn ihnen ein Plus an finanziellen Mitteln zur Verfügung stehen – und ein Euro ist beim Roten Kreuz in jedem Fall besser investiert als beim nächsten Discounter. Am grundlegenden systemischen Fehler der globalen Marktwirtschaft, Erfolg ausschließlich an der Wirtschaftlichkeit der Unternehmen zu messen, wird eine solche Spende aber nichts ändern.

Wahre Veränderung kann nur geschehen, wenn jeder von uns in seiner Rolle als Konsument und als freier Bürger beginnt, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für das, was vor der eigenen Haustür geschieht. Und, in Zeiten einer eng vernetzten Weltgemeinschaft, ebenso Verantwortung für das, was unsere Lebensweise andernorts auslöst.

Auch wenn sich die Arbeitsteilung in unseren hochspezialisierten und kapitalisierten Gesellschaft bewährt haben mag – im Bereich sozialer Verantwortung muss es gewisse Grenzen geben; und zwar dort, wo die ursprüngliche soziale Verantwortung eines jeden Einzelnen beginnt.

Der designierte Bundespräsident Gauck spricht diesbezüglich von der „Freiheit zur Verantwortung“. In diesem Kontext muss man fragen: Wozu ermächtigt uns in Westeuropa unsere finanzielle und geistige Freiheit? Zu welchem Maß an Verantwortung? Reicht sie zu mehr als zu einer Unterschrift unter einem Einzugsermächtigungsformular? Haben wir neben unseren beruflichen und sonstigen Verpflichtungen Zeit und Raum für ein Mehr an Engagement? Fühlen wir uns womöglich gar verpflichtet, einen Beitrag zu leisten? Oder akzeptieren wir die vorgefundenen Strukturen?

In jedem Fall sollte es uns zu denken geben, dass es die gutbezahlten Angestellten von Wesser, Dialoger, talk2move etc. sind, die sozialer Verantwortung in unserem Land über weite Strecken ein Gesicht geben – und nicht “indignados” oder schlichtweg verantwortungsbewusste junge Menschen.