Steffen Kraft
03.01.2013 | 09:00 26

Klima sucht Retter

Spiel der Götter Die Politik hat versagt. Jetzt übernehmen die Wissenschaftler

Klima sucht Retter

Ill.: Der Freitag, Material: Nasa, Kitch Bain/Fotolia, dpa

Ein Klimagipfel nach dem anderen scheitert. Die Weltgemeinschaft scheint überfordert, die Probleme des Klimawandels zu lösen. Wissenschaftler raten daher zu den Methoden des Climate Engineering – und warnen gleichzeitig davor. Michael Zürn ist Konfliktforscher. Er fordert eine Agentur für Climate Engineering bei den Vereinten Nationen

Der Freitag: Warum kommt Climate Engineering gerade jetzt auf die politische Agenda?

Michael Zürn: Zum einen zeichnet sich ab, dass die Staaten ihren CO2-Ausstoß nicht schnell genug senken werden, um die Erwärmung des Weltklimas auf zwei Grad zu begrenzen. Die Folgen einer zwei Grad höheren Durchschnittstemperatur wären noch einigermaßen beherrschbar. Inzwischen erscheint das aber als kaum mehr erreichbares Ziel. Also beginnt die Suche nach Alternativen. Zum anderen haben sich die Technologien so weit entwickelt, dass in den kommenden Jahren vermehrt Freilandexperimente anstehen. Deshalb müssen wir nun regeln: Was dürfen Forscher tun, was nicht?

Was macht Climate Engineering so attraktiv?

Befürworter verstehen Climate Engineering als Plan B, falls die Strategie der CO2-Reduktion nicht zum Erfolg führt. Sie argumentieren außerdem, dass der Einsatz dieser Technologien volkswirtschaftlich billiger ist als Maßnahmen zur Verringerung von Treibhausgasen. Ein weiterer Punkt: Mit einem technischen Lösungsansatz verknüpft sich immer auch die Hoffnung, dass einige Vorreiterstaaten den Klimawandel im Alleingang stoppen können. Bisher müssen die Staaten der Weltgemeinschaft ja alles mühsam in Konsensverfahren aushandeln.

Sind die Hoffnungen berechtigt?

Wer sich die diskutierten Ideen genauer ansieht, bemerkt schnell: Einige Technologien würden so viel kosten, dass sie nicht zu verwirklichen sind – Spiegel in den Weltraum stellen etwa, um die Sonneneinstrahlung auf die Erde zu verringern. Andere Maßnahmen sind günstiger, haben aber nur dann spürbare Effekte auf das Klima, wenn viele Länder mitmachen: die weltweite Aufforstung von Wäldern zum Beispiel oder die Düngung der Ozeane. Dabei haben wir politisch aber wieder die gleiche Herausforderung wie bei der CO2-Reduktion: Mehrere Länder müssen sich einigen.

Also ist es eh klar, dass sich Climate Engineering nicht etablieren wird?

Es gibt zwei Maßnahmen, die sowohl einigermaßen effektiv, als auch von einzelnen Staaten durchführbar sind: Das Versprühen von Staubpartikeln in der Atmosphäre und die Aufhellung der Wolken über den Ozeanen. Beides würde die Intensität der Sonnenstrahlung auf der Erde verringern. Allerdings sind das genau die Techniken, die weltweit die größten Konflikte verursachen werden.

Was befürchten Sie?

Wir reden hier über Großtechnologien, die mit enormen Risiken verbunden sind. Niemand kann genau absehen, welche Folgen es weltweit hat, wenn wir zum Beispiel einen Staubschleier um die Erde legen. In einigen Ländern – nicht nur in Deutschland – würde die Bevölkerung da sicher auf die Barrikaden gehen. Außerdem hat jede der Technologien ja ganz konkrete Effekte in einzelnen Ländern. Es wird Staaten geben, die profitieren, andere werden Nachteile haben. Wir wissen allerdings nicht genau, wer wie betroffen sein wird. Umso unklarer aber die Verteilung von Schaden und Nutzen, desto größer werden die Widerstände sein, wenn zum Beispiel die USA und Großbritannien einfach mal ihre Flugzeuge aufsteigen lassen. Dann denken alle: Die spritzen und sprühen eben so, dass es ihnen selbst hilft.

Könnte es zu Klima-Kriegen kommen?

Klassische, zwischenstaatliche Kriege halte ich für unwahrscheinlich.

Aus welchem Grund?

Sollte sich eine Gruppe von Ländern zum Climate Engineering entschließen, wären in jedem Fall die USA Teil dieser Gruppe. Und nicht viele Staaten haben das Potenzial, die USA militärisch herauszufordern. Allerdings nimmt der Widerstand gegen den globalen Einfluss auf einzelne Gesellschaften inzwischen ganz andere Formen an: Wir müssen da nicht mal an Terrorismus denken. Ich halte es zum Beispiel für möglich, dass einige Länder dann aus Protest den ganzen Klimakonventionsprozess den Bach runter gehen lassen. Dann hätte der Versuch, das Klimaproblem technisch zu lösen, sogar das Gegenteil erreicht.

Warum lassen wir nicht schlicht die Finger davon?

So einfach können wir es uns auch nicht machen. Stellen Sie sich vor, wir bekommen auch in den nächsten Jahren kein vernünftiges Klimaabkommen zustande und der Golfstrom reißt ab. Das würde zu einem drastischen Klima-Umschwung in kurzer Zeit führen. In dieser Situation hilft es nicht mehr, Treibhausgase einzusparen. Es wäre gut, dann eine Alternative in der Schublade zu haben. Andererseits ist es naiv zu glauben, dass eine solche Technologie nicht eingesetzt wird, wenn sie einmal erforscht ist. Die Gefahr ist groß, dass Länder ihre Bemühungen aufgeben, den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern und stattdessen auf Climate Engineering setzen.

Was schlagen Sie also vor?

Ich denke, die Staaten sollten sich zunächst verpflichten, die möglichen Folgen von Climate Engineering erst grundlegend zu erforschen, bevor sie es einsetzen. Langfristig können die Gefahren meines Erachtens aber nur dadurch reduziert werden, wenn alle betroffenen Staaten an Erforschung, Einsatz und Überwachung beteiligt werden.

Wie soll das gehen?

Eine internationale Organisation – eine Art Climate-Engineering-Agentur der Vereinten Nationen – könnte die Forschung in diesem Bereich koordinieren und kontrollieren. Das haben Wissenschaftler und Politiker schon in den Fünfzigern für die Atomtechnologie gefordert. Es scheiterte damals am Ost-West-Konflikt. Aber heute leben wir in einer anderen Welt.

Kommentare (26)

Eneas 03.01.2013 | 19:30

der ansatz, die probleme von technologie mittels technologie zu bekämpfen, scheint mir aus der perspektive der argumention "volkswirtschaftlich nachhaltiger" durchaus plausibel. 

technologiefolgeabschätzung wird aufgrund des beobachterproblems (vgl. k.popper) und nischendaseins der philosophie und soziologie nicht ausreichend sein, den einsatz solcher mittel, wenn denn vorhanden, einzudämmen. vielmehr erscheint mir, in anbetracht der wachstumsideologie, konsequent eine solche technologie, wenn denn vorhanden, in jedem fall einzusetzen. 

oder einfach mal den opa zitiert: "was der mensch machen kann, das macht der mensch!"

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Ehemaliger Nutzer 04.01.2013 | 07:07

 Michael Zürn ist Konfliktforscher. Er fordert eine Agentur für Climate Engineering bei den Vereinten Nationen ...

Die Biographie dieses Mannes weist nirgendwo aus, dass er auch nur die geringste Ahnung von Chemie, Physik, Thermodynamik oder selbstorganisierender Prozesse hat, die über das hinaus gehen, was in seiner Biographie - soweit veröffentlicht - ausgewiesen wird.

Die Reduzierung des Klimaprozesses auf ein Feld technologischer Konfliktlösungen flickt auf einen Fall das, was wir derzeit schon erleben. Die Ideen, die er hier durch kaut, sind schon einige Male vorverdaut worden; Und es sind keine Ideen, die Ein Lösung des Problems versprechen, sondern den Steuerzahler mittels wortreicher Versprechen und segensvoller Propheterien zum Zwecke der eigenen Bereicherung die Kohle aus der Tasche ziehen.

Ich würde ja nicht soweit gehen, Herrn Prof. Dr. Zürn einen Scharlatan zu nennen, aber aus seinen Worten klingt jene grundsätzliche Inkompetenz, die den meisten Advokaten und Ökonomen zu eigen ist, wenn sie darüber fabulieren, wie sie und zwar nur sie, mit Hilfe schwachsinniger Konzepte, deren Grundlagen immer auf einer unbegrenzten Geldmenge beruhen, die irgendjemand erwirtschaften muss, der Welt das Heil oder umfassende Gerechtigkeit bringen können.

Ich will hier ja nicht groß rumkotzen und mich als DER Experte auf die Bühne hiefen Herr Kaft, aber Sie hätten sich auf dieses Interview schon etwas besser vorbereiten können und wesentlich konkretere und fundiertere Fragen stellen können.Hierzu könnte ich Ihnen min. 15 - 20 Links nennen, deren Beiträge alle auf den FREITAGS Servern liegen und die alle auf Messwerte zurückgreifen, die auch die UNO füttern.

GEO-engineering ist als Konzept schon längst ad Acta gelegt. Die Risiken sind enorm und die Zeit sie umzusetzen zu kurz, um ihr Folgen abzuschätzen. Wir wussten beim Start der Industrialisierung ja auch nicht, was der Ausstoß von Gigatonnen CO2 letztlich bewirken würde, obwohl Svante Arrhenius schon vor 120 Jahren auf den Infraroteffekt des Gases hingewiesen hat.

Somit verbleibt schlicht und ergreifend der Eindruck ob dieses Interviews, dass der FREITAG sich jemanden vor das Mikrophon gezerrt hat, dessen Ideen auf Grund scheuklappiger Weltsicht schon vor Jahren mehr oder weniger stillschweigend begraben wurden und der diese Leichen in Ermangelung besserer Alternativen von Zeit zu Zeit aus den Kellern zerrt, um sie mit Unterstützung wohlklingender Titel noch einmal zu plastinieren ... nur: lebendiger werden sie dadurch auch nicht.

Ich werde hierauf noch in einem eigenen Blog antworten, an dem ich ohnehin recherchiere und arbeite. In diesem Fall passt es ja mal. Empfehlung wie immer: Ein Blick in den www.klimafreak.de. Das soll helfen aber keine Leiden lindern.

Kuni

PS: gerade verbreitendie WDR Nachrichten, dass irgendwo in Australien 48,3°C gemessen wurden. Noch Fragen Herr Zürn?

tlacuache 04.01.2013 | 08:10

"Klassische, zwischenstaatliche Kriege halte ich für unwahrscheinlich."...

Ein echter Profi & Visionär, Anmerkung dazu, fast frisch zum Jahrestag, 1.1.2012 im Freitag:

"Mangel an Wasser und angewandtem Wissen" ,

da schauen wir mal wo und wie es 2060 so regnet nach "Climate Engineering" und wer mit dem Hammer nach vertrocknerter Lippe dem Nachbar den Schädel einhaut...

P.S.

Jetzt sitze ich schon Anfang Januar Nachts nur in Unterhose vor dem Rechner, früher musste ich mir wenigstens um diese Jahreszeit noch eine dünne Hose und T-Shirt anziehen...

 

tlacuache 04.01.2013 | 08:24

"Wie soll das gehen?

Eine internationale Organisation – eine Art Climate-Engineering-Agentur der Vereinten Nationen – könnte die Forschung in diesem Bereich koordinieren und kontrollieren. Das haben Wissenschaftler und Politiker schon in den Fünfzigern für die Atomtechnologie gefordert. Es scheiterte damals am Ost-West-Konflikt. Aber heute leben wir in einer anderen Welt."

Ja heute haben wir die Tigerstaaten, China verkauft jetzt erstmal mehr Autos als in ganz Europa, Porsche, Merzedes und BMW sind 2012  verzückt, der deutsche Arbeitsmarkt hat im Dezember 2012 nur 2.8 Mios Arbeitslose, die Schwellenländer Brasilien und Mexiko schliessen ernsthaft an die "Industrieländer" auf, zumindest was den CO2 Ausstoss angeht, "waxen waxen waxen" ist die Devise, und wenn dann 30 Klimagipfel gescheitert sind sagen Pragmatiker "eine Art Climate-Engineering-Agentur der Vereinten Nationen" ist angesagt, wenn man noch nicht mal den Hunger in den Griff bekommt, obwohl genügend Nahrungsmittel zur Verfügung stehen.

Die "Vereinten Nationen" ist ein zahnloser Papiertiger der je nach Interessenlage von den USA, China oder Russland lahmgelegt wird...

Damit sich was in den G 8 - G 20 etc. ändert, muss es erst Autos und Waschmaschinen Regnen, und zwar direkt auf den Kopf der Beteiligten...

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Ehemaliger Nutzer 04.01.2013 | 09:40

Back on Line, my friend? Schön das Du wieder aus der verordneten Immigration aufgetaucht bist. Andere Frage: hat die Unterhose kurze oder lange Beine :-)

Ich habe die Daunenjacke übrigens auch wieder eingemottet, dünnes Lederjäckchen reicht vollkommen hin. Herr Professor sollte mal aus seinem Elfenbeintürmchen durch große Fenster nach draußen schauen. Möglicherweise fällt ihm etwas auf.

Ansonsten alles frisch hier. Hast Du den Link noch von dem Tomatenfritzen aus den USA?

Gruß

kds 05.01.2013 | 13:43

"der ansatz, die probleme von technologie mittels technologie zu bekämpfen, scheint mir aus der perspektive der argumention "volkswirtschaftlich nachhaltiger" durchaus plausibel."

Die Probleme entstehen doch nicht durch die Technologie, sondern durch die Art und Weise ihrer Nutzung. Einen Ansatz der genau diese Art und Weise der Nutzung beibehalten will und lediglich eine andere Technologie auf die verursachten Probleme aufsetzen will halte ich für nicht sehr tief (neudeutsch: nachhaltig) gedacht. Ganz abgesehen von den (bekannten und unbekannten) Kollateralschäden des Climate-Engineering

Vaustein 05.01.2013 | 14:37

Eine fast eben so gute Auswahl hat der Österreicher Helmut Pummer. Der ist sogar noch preiswerter als Tomatobob.

http://jo.tomatenundanderes.at/index.php?option=com_virtuemart&page=shop.browse&category_id=16&keyword=&manufacturer_id=0&Itemid=29&orderby=%7Bvm%7D_product.product_name&limit=10&limitstart=10

Als Sorten fürs Freiland empfehle ich: Großes Ochsenherz, kleines Ochsenherz, Helarios blau, Andenhorn, Federle, Olirose, Orenburger Riese und Black Plum. Die Olirose schmeckt am "tomatigsten", dicht gefolgt vom Ochsenherz. Federle ist die optimale Saucentomate. Äusserst wohlschmeckend ist auch das Andenhorn.

Federle hat Pummer nicht, die hat nur Tomatobob.

Ansonsten wünsch ich viel Erfolg beim Anbau.

Steffen Kraft 08.01.2013 | 14:40

Ihre Ablehnung von Climate Engineering (CE) in Ehren, ihre Aufregung halte ich allerdings für erstaunlich: 2013 wird CE erstmals als mögliche Maßnahme gegen den Klimawandel im IPCC-Bericht aufgeführt werden. Die Frage ist, wie sich darauf politisch und argumentativ reagieren lässt?

Zürn ist Politikwissenschaftler und nimmt aus dieser Perspektive eine CE-skeptische Position ein, die das politische Konfliktpotenzial dieser Technologien betont. Er spricht sich für ein Moratorium aus, warnt vor dem Ende des Klimaprozesses durch CE-Einsatz, vor den ökologischen Risiken dieser Großtechnologien und er fordert eine strenge - international koordinierte - Technikfolgenabschätzung.

Kann es sein, dass Sie hier einen Gegner mit einem Befürworter verwechselt haben?

Die Studie zu den möglichen politischen Verwerfungen eines Einsatzes von CE findet sich übrigens hier als pdf-Datei.