Carole Cadwalladr, The Observer
22.02.2009 | 10:00 5

„Ich bin durch die Hölle gegangen.“

Porträt Mickey Rourke hatte fast alles im Leben verloren – jetzt kehrt er als "The Wrestler" triumphal zurück

The Wrestler läuft schon fünf Minuten, als mir der Verdacht kommt, dass ich Randy „the Ram“ Robinson von irgendwoher kenne. Er ist ein Profi-Wrestler mit einer platinblonden Lockenmähne und einem Torso, der offenbar mit einer Luftpumpe aufgeblasen wurde. Als ich das letzte Mal von Rourke hörte, Ende der 80er Jahre, war er das Pin-up im Gemeinschaftsraum meiner Abschlussklasse, der Star von Rumble Fish und Angel Heart und natürlich dem berüchtigten 9½ Wochen. Er war der Ur-Brad Pitt, mit dem wesentlichen Unterschied, dass er Schauspielern konnte. Wo aber ist der gut aussehende Junge mit dem sardonischen Lächeln?

Pleite und allein

Randy hat das Gesicht eines verbrauchten, abgehalfterten Schlägers, der zu viele billige Steroide genommen hat. Sein Aussehen ist der erste Schock, der zweite ist der Film. The Wrestler ist die wirklich berührende Geschichte eines früher erfolgreichen professionellen Wrestlers, der in der Gosse gelandet ist. Randy Robinson hat praktisch alles verloren, was man verlieren kann.

Die Geschichte erinnert sehr an Rourkes eigenes Leben. Er ist in Hollywood so fulminant gescheitert wie kaum ein Zweiter und lebte jahrelang als Loser. „Scheiße, natürlich. Randys Leben ist eine einzige Schmach, mit der ich 15 Jahre gelebt habe. Ich zahlte 500 Dollar im Monat für eine Wohnung mit meinen Hunden. Niemand wusste, wie abgebrannt ich wirklich war. Ein Freund gab mir 200 Dollar im Monat, damit ich mir was zu essen kaufen konnte. Und immer wieder rief ich bei meiner Ex-Frau an, heulte wie ein Baby und flehte sie an, zu mir zurückzukommen. Ich war total am Ende. Und ganz allein.“

Als ich ihn treffe, sieht er wieder ganz anders aus. Er hat die 15 Kilo, die er für die Rolle zugelegt hatte, wieder abgenommen, sein Gesicht sieht zwar immer noch etwas seltsam aus – während seiner Boxerzeit musste er viermal zum plastischen Chirurgen –, aber es ist nicht mehr aufgedunsen, er trägt eine Brille und einen schicken Nadelstreifenanzug. Nur wenige Wochen vor unserem Gespräch war der Film zum ersten Mal vor großem Publikum gezeigt worden, bei den Filmfestspielen von Venedig. Er gewann den Goldenen Löwen als bester Film, und Wim Wenders, der Jury-Vorsitzende, sagte: „Es ist ein Film mit einer schauspielerischen Leistung, die in jedem Sinn des Wortes herzzerreißend ist. Und Sie wissen, wenn ich herzzerreißend sage, meine ich Mickey Rourke.“

Das stimmt. Und durch den Film wurde Rourke zum Überraschungsanwärter für den Oscar. Die Geschichte einer persönlichen Wiederauferstehung, die physische Verwandlung, die machistischen Kampfszenen – lupenreine Oscar-Zutaten. Bei der Verleihung würde er höchstwahrscheinlich seine betagte Chihuahua-Hündin Loki, seine „beste Freundin“, mit auf die Bühne nehmen. Während unseres Interviews sitzt Loki in einem Kaschmirpullover und einem diamantenen Halsband auf dem Sofa, bekommt Speckwürfel zugesteckt und Evian-Wasser zum Trinken. Und er würde bestimmt weinen, wie auch einmal im Verlauf unseres Gesprächs. Derart erschüttern ihn seine Misserfolge, und mehr noch sein Erfolg, der sich nach so unglaublich langer Zeit einstellte, dass er es immer noch nicht ganz fassen kann.

Wer ist das Arschloch?

Seine Pressebetreuerin Paula treibt sich im Flur herum, und als ich ihn frage, ob er findet, dass sein Aussehen heute eher zu ihm passe als vor 30 Jahren, sagt er: „Wenn ich Fotos von mir aus 9½ Wochen sehe, dann mag ich sie mir gar nicht anschauen. Es ist wie ... Paula hat gesagt, ich darf das Wort nicht verwenden, aber dann denke ich: Wer ist das A ...?“

Vielleicht, weil er Tom Cruise vor zwei Jahren als eines bezeichnete (wegen dessen ablehnenden Äußerungen über Therapien), womit er sich handfesten Ärger einhandelte. Aber Paula ist nicht ständig in der Nähe. Zwei Wochen nach unserem Interview fängt ein Paparazzo ihn ab und fragt, ob es stimme, dass er eine Affäre mit Evan Rachel Wood habe, der Schauspielerin, die in The Wrestler seine Tochter spielt. Darauf sagt er: „Sie ist eine liebe Freundin, mehr nicht. Und sag dem Wichser, der die ganze Scheiße in der Zeitung verbrochen hat, dass ich ihm am liebsten die Beine brechen würde.“

Er entschuldigt sich zwar umgehend, aber seine allzu große Klappe könnte ihm zum Verhängnis werden. Oscar-Kandidaten bezeichnen niemanden als Wichser. Der Grund für seinen Ausfall gegen Cruise: Er hat jahrelang eine Therapie gemacht, um überhaupt so weit zu kommen. Er sagt, sie habe ihm das Leben gerettet, denn er hatte keine Sprache, um die Ursache seiner Probleme zu benennen: Die grausame Misshandlung durch seinen Stiefvater.

Rourke wurde 1952 im Bundesstaat New York geboren, und als er fünf war, trennten sich seine Eltern, seine Mutter ging eine neue Ehe ein und zog mit den Kindern nach Miami. Hat er noch Kontakt zu ihr? „Nein. Ich war mein Leben lang wütend auf sie, weil sie tatenlos zugesehen hat. Zehn Jahre lang. Für mich war es leichter auszurasten, als mich dem Gefühl zu stellen, so klein zu sein und allein gelassen zu werden. Mein Verhältnis zu ihr war zwiespältig, bis Joe [Rourkes Bruder, Anm. d. Red.] vor zweieinhalb Jahren starb. Da habe ich den Kontakt abgebrochen. Aus, Ende. Vor drei Monaten wurde Alzheimer bei ihr festgestellt, und jetzt trage ich es ihr nicht mehr nach. Sie weiß nicht mehr, was passiert ist.“

Durch Zufall kam er zur Schauspielerei

Rourkes Ausweg aus dem unglücklichen Zuhause war das Boxen. Er trainierte im 5th Street Gym in Miami, dem Stall, aus dem auch Muhammad Ali kam, und schon mit 16 war er Sparringspartner von Luis Rodriguez, der Nummer eins im Mittelgewicht, bevor Rodriguez um den Weltmeistertitel boxte. Aber wegen zwei schweren Gehirnerschütterungen zerschlugen sich Rourkes Hoffnungen, ein Profi zu werden. Durch Zufall kam er zur Schauspielerei.

Ein Freund an der University of Miami erzählte ihm von dem Stück, das er gerade inszenierte, unter Aufsicht von Jean Genet, und dass der Typ, der Grünauge spielte, ausgestiegen sei. Rourke bekam die Rolle, und damit war er dem Theater verfallen. Er borgte sich von seiner Schwester 400 Dollar und ging nach New York. Jahrelang hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und nahm Privatunterricht bei einem Lehrer vom Actors Studio, bis er schließlich dort aufgenommen wurde. Zum Vorsprechen wählte er eine Vater-Sohn-Szene, für die er auf Drängen seines Lehrers nach seinem leiblichen Vater suchte. Elia Kazan sagte später, in 30 Jahren habe ihn keine Vorsprechszene so überzeugt wie diese.

1981 bekam er in Body Heat eine winzige Rolle. Er war zwar nur wenige Minuten auf der Leinwand zu sehen, doch wurden ihm daraufhin immer größere und bessere Rollen angeboten, unter anderem in den Kult-Klassikern Rumble Fish von Francis Ford Coppola und dem brillanten schwarzen Thriller Angel Heart, in dem er neben Robert De Niro spielte. 1986 folgte dann der erotische Thriller 9½ Wochen mit Kim Basinger, der an Verruchtheit und Eindeutigkeiten kaum zu überbieten war. Eine Weile war Rourke der vielleicht heiß begehrteste Mann auf Gottes weiter Welt.

Dann begann der Lack zu blättern. Vor der Kamera zu stehen war sein Leben, nur das Drumherum überforderte ihn. Adrian Lyne, der Regisseur von 9½ Wochen, sagte, wäre Rourke nach dem Dreh von Angel Heart gestorben, wäre er ein zweiter James Dean geworden. Stattdessen wurde er „schwierig“. Er stritt sich mit Regisseuren und Produzenten. Er leistete sich das Undenkbare und zog öffentlich über Sam Goldwyn Jr. her. Als Dustin Hoffman ihn anrief, um ihm Tom Cruises Rolle in Rain Man anzubieten, vergaß er, ihn zurückzurufen. Er traf eine desaströse Wahl nach der anderen, lehnte Kevin Costners Part in Die Unbestechlichen ab und Jahre später John Travoltas Rolle in Pulp Fiction.

Nach zwei gescheiterten Ehen bleibt nur ein Ausweg: Boxen

Seine erste Ehe mit der Schauspielerin Debra Feuer ging in die Brüche, seine zweite mit Carré Otis, seiner Partnerin in Wilde Orchidee, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Er hatte sich nicht unter Kontrolle, sie war heroinsüchtig. 1998 ließen sie sich scheiden, nachdem Otis ihn wegen ehelicher Gewalt angezeigt und später die Anzeige zurückgezogen hatte.

Irgendwann kam er zu dem Schluss, der einzige Ausweg für ihn bestünde darin, wieder zu boxen. „Boxen machte mir einfach großen Spaß, das war für mich sehr therapeutisch. Es ist etwas Wirkliches, es gibt keine Grautöne. Ich konnte Dampf ablassen und den ganzen Schauspielmist vergessen.“

Und er war sehr gut, ungeschlagen nach acht Begegnungen, verdiente eine Million Dollar im Jahr, drei Kämpfe trennten ihn vom Titelkampf im Cruisergewicht. Dann musste er aus neurologischen Gründen erneut aufhören. Sein Gleichgewichtssinn ist, wenn er müde oder betrunken ist, nach wie vor beeinträchtigt, aber am schlimmsten hat sein Gesicht gelitten. Seine Nase wurde aus Knorpelmasse vom Ohr neu aufgebaut, und nach mehreren Operationen hatte sich sein Aussehen ziemlich verändert. Doch in gewisser Hinsicht passt sein Äußeres jetzt eher zu seinem Gefühl. Er empfand sich nie als gut aussehend.

„Lokis Vater, Beau Jack, ist vermutlich der Grund, weshalb es mich noch gibt. Ich weiß noch, eines Tages saß ich im Zimmer und dachte mir, das mach ich nicht mehr mit, und dann schaute ich nach unten, und ihr Vater hat so geguckt. Er schaute mich an mit einem Blick, so quasi: ‚Wer kümmert sich um mich, wenn du nicht da bist?’“

Stand er kurz davor, etwas ... Dummes zu machen? „Ach, wissen Sie, ich hatte schon ein paar Versuche hinter mir und war jedes Mal zurückgekommen. Ich habe ein Schweineglück, dass ich hier bin.“

Man muss kein Psychologe sein, um zu verstehen, warum er ausgesetzte Chihuahuas rettet

Seit Otis hat Rourke keine Beziehung mehr gehabt. Loki ist seine beste Freundin. Und man muss kein Psychologe sein, um zu verstehen, weshalb er ausgesetzte Chihuahuas rettet, je misshandelter, desto besser. Die Therapie mag ihm geholfen haben, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, doch wenn es um seine Fehler geht, ist er unerbittlich.


Bildergalerie:Mickey Rourke trauert um seine beste Freundin. Chihuahua Loki ist Anfang der Woche gestorben. Sie sollte Oscar-Favorit Rourke eigentlich zur Preis-Verleihung begleiten


„Mein Priester hat mir ein Buch gegeben und das Wort ‚Vergebung’ darin umkringelt. Aber dabei war doch ich derjenige, der die Scheiße gebaut hat.“ Aber als Kind war er doch ein Opfer? „In die Schublade will ich nicht gesteckt werden. Ich will kein Scheiß-Opfer sein.“

Dabei ist es die einzig stimmige Definition. Bei Rourke liegen die Gefühle ganz dicht an der Oberfläche. Und als er mir erzählt, wie er seinen Bruder Joe im Arm hielt, als der an Krebs starb, beginnt er zu weinen. Was soll ich tun? Zwischen uns steht ein Couchtisch. Soll ich ihn in den Arm nehmen? Aber ich kann doch nicht Mickey Rourke in den Arm nehmen, die Vorstellung ist absurd.

Bruce Springsteen hat für den Film einen Song geschrieben, der auch The Wrestler heißt. Darin heißt es: „Hast du je gesehen, wie ein einbeiniger Hund sich die Straße entlang schleppt? Wenn du je einen einbeinigen Hund gesehen hast, dann hast du mich gesehen.“ Und das stimmt. Für ­Rourke und auch für Randy.

Gekürzte Übersetzung: Ursula Wulfekamp

Kommentare (5)

Udo Lemke 23.02.2009 | 23:01

Wenn das der neue Freitag sein soll, dann weiß ich nicht, was daran neu sein soll: Mickey Rourke ist zurück im Hollywood-Zirkus. Das ist Ihnen die Titelseite des dritten Buches wert und einen Aufmachertext. Was ist daran neu? Das schreiben doch alle. Und wenn es dann noch um das mit 18 Jahren gestorbene Hündchen geht, wird es vollends Boulevard. Was soll das? Ich habe den Freitag gern gelesen, weil er anders war. Wo bleibt das großspurig angekündigte Meinungsblatt?
PS: Rourke hat keinen Oscar gewonnen, Steffen Kraft sollte darüber in der nächsten Ausgabe eine tiefschürfende Analyse bringen. Oder wie wäre es mit der Liebe Frida Kahlos zu Chihuahuas?

kaethe 23.02.2009 | 23:16

Die Sache liegt doch klar auf der Hand: Der Hund wurde von der CIA ermordet weil er einer internationalen Verschwörung auf die Spur gekommen war, die von der Rüstungslobby, den Pharmagiganten und der CSU angezettelt worden war um .... ja um ... irgendeine riesige imperialistische Sauerei anzustellen, vermutlich mit dem Ziel, das Grundeinkommen zu torpedieren. Und darum finde ich es richtig, dass der Freitag das jetzt zum Thema macht - und ich frage mich, auf welcher Seite Sie, Herr Lemke, in dieser Sache eigentlich stehen!?