Jonathan Freedland
08.09.2010 | 17:44 3

„Welche Knöpfe drückt man da?“

Kapitalverbrechen 352 Milliarden Drogen-Dollar haben auf dem Höhepunkt der Krise die Weltwirtschaft gestützt. Krimi-Autor John Le Carré kann es immer noch nicht glauben

Er ist stiernackig, breitbrüstig, kahl und vulgär, Besitzer einer diamantenbesetzten Rolex und der dazu passenden Millionen, wenn nicht sogar Milliarden. Seinen Urlaub verbringt er auf der eigenen Insel. Er ist der Chef einer Bruderschaft russischer Super-Krimineller – ein Finanz-Ass, das bis vor kurzem auf meisterhafte Weise das aus kriminellen Machenschaften stammende Geld seiner Kumpane in die Legalität zu überführen. Jetzt aber hat er Kontakt zu den britischen Behörden aufgenommen und will sich diesen als Informant andienen – ein Polizeispitzel an der Spitze eines Mafia-Clans, der in der Lage ist, alle Geheimnisse der Unterwelt zu offenbaren, deren Teil er so lange war. Das hört sich nicht nur an wie der Plot eines Thrillers, es ist auch die Ausgangssituation des neuen und unheimlich fesselnden John Le Carré-Romans Our Kind of Traitor.

Eine andere Geschichte: Rund um den Globus sind führende Banken in der Finanzkrise verzweifelt auf der Suche nach Bargeld und wenden sich schließlich an das organisierte Verbrechen, da angeblich nirgendwo sonst liquides Investitionskapital zur Verfügung steht – der Großteil von 352 Milliarden Drogen-Dollar wird in das globale Wirtschaftssystem eingespeist und so gewaschen. Hört sich weit hergeholt an, ist aber keine Fiktion. Diese Geschichte veröffentlichte der Observer im Dezember 2009, als der Chef der für Drogen und organisiertes Verbrechen zuständigen UN-Behörde öffentlich einräumte, dass gewaltige Summen an Drogengeldern das Weltfinanzsystem aufrecht erhalten hatten, als dieses kurz vor dem Zusammenbruch stand.

Ursprung des Geldes verschleiert

Die Geschichte sorgte für Schlagzeilen, lange bevor Le Carré Our Kind of Traitor beendet hatte, bestätigt aber alles, was in dem Roman behauptet wird: Dass ein großer Teil der Weltwirtschaft – Schätzungen zufolge bis zu einem Fünftel – aus den Früchten des organisierten Verbrechens besteht; dass die Kriminellen tausende raffinierter Möglichkeiten gefunden haben, den Ursprung des Geldes zu verschleiern, und dass diejenigen, von denen man erwarten würde, dass sie sich derlei Machenschaften in den Weg stellen, einschließlich renommierter Banken und gewählter Politiker, stattdessen eifrig dabei mithelfen, dem Geld den Weg aus der Schattenwirtschaft in die Legalität zu ebnen.

„Niemand hat an der Sache gerührt!“, sagte der immer noch ungläubige Le Carré über die UN-Erklärung, als ich ihn nun in seiner Wohnung in Hampstead besuchte. „Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie bewusst totgeschwiegen wurde.“ Für ihn gibt es einfach zu viele unbeantwortete Fragen, angefangen bei derjenigen, wie 352 Milliarden in die Legalökonomie eingeschleust werden konnten. „Welche Knöpfe drückt man da? Wen ruft man an? Wessen Einverständnis sucht man?“ Hat jemand aus der Regierung den Kriminellen einen Wink gegeben und ihnen bedeutet, dass sie ihr Bargeld nicht mehr länger auf den Cayman Islands oder wo auch immer zu bunkern brauchen, sondern es jetzt in Staatsanleihen anlegen können? Wenn ja, wer war das und in wessen Namen?

Schon Balzac wusste: „Hinter jedem großen Vermögen verbirgt sich ein großes Verbrechen.“ Und hinter den umwerfenden Vermögen von heute stecken in der Tat einige äußerst schmutzige Verbrechen: Wenn nicht gerade Waffen oder Drogen verkauft werden, dann werden junge Frauen als Sexsklavinnen und Möchtegern-Wirtschaftsmigranten in die Leibeigenschaft verschleppt. Die Bandbreite ist enorm: Die Serious Organised Crime Agency (Soca) schätzt die Einkünfte des organisierten Verbrechens allein im Vereinigten Königreich auf 15 Milliarden Pfund und räumt dabei ein, dass es sich hierbei wohl um eine sehr vorsichtige (und veraltete) Schätzung handeln dürfte. Wenn man die Gewinne aus Russland, Indien und allen anderen Ländern hinzurechnet, kommt man auf astronomische Summen.

Immer neue Möglichkeiten der Geldwäsche

Aber die Mafiosi könnten mit all diesem Geld wenig anfangen, wenn sie es nur in bar aufbewahren könnten und es so ständig seinen schmutzigen Ursprung verraten würde. Also lassen sie sich immer mehr Möglichkeiten der Geldwäsche einfallen. Immobilien sind eine, Kaufhäuser oder Fußballclubs funktionieren genauso gut. Oder man gründet eine Reihe von Strohfirmen, die sich hinter einem Briefkasten im fernen Vanuatu oder auf den Solomon-Inseln verstecken, von denen eine der anderen gehört, die der nächsten gehört, die der nächsten gehört – finanzielle Matroschkas, die die Ermittler „erschöpfen und verwirren“ sollen, wie Misha Glenny in seinem Buch McMafia schreibt.

Leider führt er auch London in seiner Liste von sicheren Rückzugsorten für Geldwäscher auf. Nachdem Gordon Brown sich einmal zum Ziel gesetzt hatte, New York als Hauptstadt der Weltfinanzen abzulösen, argumentiert Glenny, bestand das unvermeidliche Resultat in laxeren Regulierungsvorschriften, der unkomplizierten Transaktion großer Vermögen, Non-Dom-Vereinbarungen, nach denen man als nicht in Großbritannien Ansässiger keine Steuern auf Vermögen im Ausland entrichten muss und einer Rechtsarchitektur, die nach den Bedürfnissen der Superreichen ausgerichtet ist.

Damit ist nicht gemeint, die Behörden würden überhaupt nichts unternehmen. Soca brüstet sich damit, im vergangenen Jahr illegale Vermögen im Wert von 317,5 Millionen beschlagnahmt zu haben. Allerdings kommen einem dabei sogleich die Begriffe „Tropfen“ und „Ozean“ in den Sinn. Gewiss hat Brown einige Regeln nach dem elften September wieder verschärft, um gegen die Finanztransaktionen von Terroristen vorgehen zu können, aber die Experten sind sich darüber einig, dass die Regierung immer noch die kleinen Fische fängt, die großen hingegen weiterhin frei gewähren lässt. Hector Meredith, der prinzipienfeste Spion in Our Kind of Traitor formuliert dies so: „Ein Typ, der ein paar Millionen wäscht? Ein elender Betrüger. Schaltet die Behörden ein und lasst ihn in Eisen legen! Aber ein paar Milliarden? Jetzt sind Sie dran. Milliarden sind eine Statistik.“

Dass die Behörden bei diesen enormen, illegal erworbenen Summen allzu oft ein Auge zudrücken, kann nur mit politischer Einflussnahme erklärt werden. Die russischen Oligarchen zum Beispiel haben unermüdlich an der Kultivierung politischer Freundschaften gearbeitet und dabei weder Kosten noch Mühen gescheut. Le Carré sagt, es gebe Spekulationen darüber, eine Reihe der Mitglieder des britischen Oberhauses singe „für den russischen Chor“. In manchen Fällen wird mehr als nur ein Auge zugedrückt. Glenny berichtet, dass der Mafia in Italien nach der Finanzkrise gestattet wurde, die Rolle der Banken zu übernehmen und kleinen Unternehmen in beträchtlichem Umfang Geld zu leihen. Die Mafiosi verfügen über viel Bargeld, das sie auf diese Weise mit offizieller Genehmigung waschen konnten. Für das organisierte Verbrechen ist eine Krise gut für’s Geschäft.

Als sei der Drache zu mächtig

Was kann man dagegen tun? Aus Le Carrés Roman spricht eine Art Defätismus, als sei der Drache zu mächtig, um jemals erlegt zu werden. Der Autor gibt zu, er sehe nicht, wie man das Problem ind en Griff kriegen könnte. Andere sind der Ansicht, Maßnahmen könnten erst dann Erfolg haben, wenn Russland sich den internationalen Bemühungen anschlösse, da hier die Schattenwirtschaft ganz besonders eng mit der offiziellen Ökonomie verwoben sei.

Aber bereits jetzt kann mehr getan werden. Die USA sind mit gutem Beispiel vorangegangen, indem sie bestimmten, dass jede Transaktion, die in Dollar getätigt wird, in ihren juristischen Zuständigkeitsbereich fällt. (Weswegen die amerikanischen Behörden immer noch gegen den britischen Waffenbauer BAE ermitteln, obwohl der Fall in Großbritannien schon lange eingestellt wurde.) Um weiter zu gehen, müssten die Regierungen den politischen Willen aufbringen, auch gegen die wirklich Großen vorzugehen. Die Non-Dom-Regelung zu beenden würde ebenfalls helfen.

Eine Reform wäre überraschend und einfach zugleich: Oligarchen und ihresgleichen kommen nicht nach London, um das Wetter zu genießen. Unsere drakonischen Anti-Verleumdungsgesetze schützen sie vor Kontrollen. Würden diese geändert, könnten wir zumindest in den Zeitungen offen über die kriminellen Banden sprechen und wären nicht weiter auf Romane angewiesen, wie spannend diese auch immer sein mögen.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (3)

Die unglaubliche Hummel 10.09.2010 | 13:24

Ist das wirklich alles so neu? Und sind nicht Spekulationen, die auf Marktmanipulation zielen, sogar die Vernichtung von Staatsstrukturen bezwecken, genau genommen Wirtschaftsterrorismus? Es ist bemerkenswert, dass eine entsprechende auch juristische Bewertung (z.B. im Falle Griechenlands) nicht einmal diskutiert wird.
Und wie wird das sein, wenn in einigen Jahren die Agrarspekulationen für eine völlig neue Dimension an Hungersnöten sorgen werden? Mit einem Wink wird der Weltbevölkerung mal kurz ihre Nahrung entzogen und erst nach einigen hundert Prozent Preissteigerung gnadenvoll dargereicht. Zumindest denen, die das bezahlen können. Widerlich.
War die Börse nicht mal der Ort, an dem Angebot und Nachfrage zueinander finden sollten? Heute finden da Kriminelle zueinander. Die sich nur dadurch unterscheiden, dass die einen gesucht werden und die anderen auf der Seite der Suchenden stehen. Da macht doch das Räuber und Gendarm-Spielen richtig Spaß!