Jeff Jarvis
14.08.2013 | 12:22 18

Augenwischerei in Zahlen

Daten-Spionage Wenn die NSA behauptet, sie „berühre“ nur 1,6 Prozent des Internetverkehrs, dann hört sich das nicht nach viel an. Tatsächlich umfasst das nahezu alle relevanten Daten

Augenwischerei in Zahlen

Foto: Derrick Coetzee/ Flickr (CC)

Machen Sie sich keine Sorgen, sagt die NSA, wir „berühren“ nur 1, 6 Prozent des täglichen Internetverkehrs. Wenn das Netz, wie sie sagen, täglich 1.826 Petabyte an Informationen transportiert, dann „berührt“ die NSA also ungefähr 29 Petabyte pro Tag. Nimmt sie sie auf? Speichert sie? Analysiert sie?

Zum Vergleich: Nach eigenen Angaben hat Google 2010 nur 0, 004 Prozent der Daten registriert. Entspricht die NSA dann also etwa 400 Googles? Sieben Petabyte Fotos werden jeden Monat auf Facebook hinzugefügt. Das sind 0,23 Petabyte pro Tag. Die NSA entspricht also 126 Facebooks.

Bedenken Sie, dass es sich bei den meisten Daten im Netz nicht um E-Mails oder Internetseiten handelt, sondern um Medien. Daten des Internetunternehmens Sandvine zufolge machte Live-Unterhaltung im Jahr 2013 62 Prozent des Datenverkehrs im US-amerikanischen Festnetz aus, P2P File-Sharing 10, 5%.

Die NSA muss sich nicht alle Folgen von Homeland ansehen (oder vielleicht sollten sie) und alle Coldplay-Dateien anhören – auch wenn die amerikanischen Film- und Musikverbände bestimmt etwas darum geben würden, soviel zu wissen wie die NSA, wenn es um illegale Downloads geht – schließlich machen diese angeblich 23, 8 Prozent des Datenverkehrs aus. 

HTTP – das Netz – macht Sandvine zufolge in den USA nur 11, 8 Prozent des gesammelten und heruntergeladenen Traffics aus. Kommunikation – also der Teil des Netzes, für den sich die NSA interessiert – schlägt in den USA lediglich mit 2, 9 Prozent zu Buche.

Ganz grob auf einem feuchten Bierdeckel gerechnet kommen die 1,6 Prozent der Daten, die die NSA anfasst, also in etwa der Hälfte der Kommunikation gleich, die im Netz stattfindet. Das ist schon ganz schön viel „Berührung“.

Des Weiteren gilt es zu bedenken, dass es sich bei 68, 8 Prozent aller Mails um Spam handelt.

Und natürlich fallen Metadaten nicht sonderlich ins Gewicht. Das sind nur ein paar Bits pro Datei – wer hat wem was geschickt – und das ist, wo die NSA viel ihrer vermeintlich belastenden Materials findet. Diese Zahlen sind also völlig bedeutungslos, wenn es um die Frage geht, wie viel die NSA darüber weiß, wer mit wem spricht. Mit dem Spielraum, das Umfeld jedes Verdächtigen drei Schritte weit zu überprüfen, umfasst dieses Gesetz der großen Zahlen schnell alle und jeden.

Wenn Sie über bessere Informationen (und Mathematik-Kenntnisse) verfügen, teilen Sie dies bitte mit.

Kommentare (18)

Rupert Rauch 14.08.2013 | 14:24

Gute Überlegung.

Die werden ganz sicher auch eine Art Versionsverwaltung einsetzen. Oder mit anderen Worten: sie müssen nur die Änderungen erfassen und speichern, die nicht mehr dem Status Quo entsprechen (denn diesen finden sie ja jederzeit im Netz).

Davon abgesehen: ist es nicht die Aufgabe von Geheimdiensten zu lügen, zu tricksen und zu täuschen?

WARUM geben wir also auch nur einen Fliegendreck auf solche Aussagen der NSA, wenn die sogar das amerikanische Parlament nachweislich belügt?

 

mcmac 14.08.2013 | 14:40

Um die Datenmenge, die die NSA täglich abschöpft (und welche hauptsächlich aus den wenigen, sogenannten Metaddaten besteht) zu speichern, benötigte man täglich 41,5 Millionen CD-Rohlinge, die übereinandergestapelt einen Turm von fast 50 Kilometern Höhe ergäben - täglich! (Das entspricht der 5-fachen Reiseflughöhe von Ferienjets und reichte über die Stratosphäre an die Stratopause; Übergang zur Mesosphäre heran).

Das bedeuteten 29 Petabyte. Oder "nur" 1,6 Prozent.

Rupert Rauch 14.08.2013 | 15:40

Es ist wie immer, der Fokus wird teilweise von den Medien falsch gesetzt. Ob das Dummheit oder Absicht ist, weiß ich nicht.

Das Abhorchen von Daten ist überhaupt kein Problem und wird sich auch niemals wirklich unterbinden lassen. Das Problem ergibt sich aus der Verwendung und der Instanz die abhorcht!:

Paranoide Geheimdienste unter Erfolgsdruck, die zudem keinerlei wirksamen Kontrolle unterliegen, dazu Geheimgesetze (ein Unding in einer Demokratie!) und Geheimgerichte. Folterflüge, Foltergefängnisse, offen praktiziertes Unrecht (Guantanamo), außerlegale Exekutionen, dazu all die mafiösen Verbrechen, die "cia" und Co schon nachgewiesen wurden, bis hin zu Experimenten an US-Gefangenen, Drogen- und Waffenhandel.

DAS ist das Problem. Denn dieses mafiöse Netzwerk kann nun auch all unsere Daten durchsuchen, um uns bei Aufmüpfigkeit zu liquidieren oder zu erpressen. Um Proteste und Demos im Keim zu ersticken, wir erinnern uns an verschiedene Sachen, erst neulich:

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/facebook-wie-ein-aufruf-zur-anti-prism-demo-verschwindet/8554258.html

Was die amerikanischen Geheimdienste, Hand in Hand mit europäischen, aufgebaut haben, ist eine Art außerlegale Diktatur. Eine Diktatur, in der hohe Beamte ohne Widerspruch, ohne Öffentlichkeit und ohne Gegenwehr die Interpretation von Recht und Gesetz übernehmen und sich dafür auch noch fürstlich entlohnen lassen...

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Ehemaliger Nutzer 14.08.2013 | 15:58

1,6%? Kommt doch in etwa hin: Bei mir im Briefkasten landen gefühlte 99,9% aller Mails als Spams jeglicher Art: Werbung, Virenattacken usw.

was mich interessiert: Wenn der internationale Terrorismus weiß, dass die NSA fast alles im Internet abgereift, sind diese Terroristen dann nicht längst auf andere Kommunikatiospfade ausgewichen? Die wirklich relevanten E-Mails werden die doch nicht der NSA auf einem Silber-Tablett servieren, oder?

.

Al 15.08.2013 | 15:52

Niemand kann sich mehr vorstellen, wie viel "1.826 Petabyte an Informationen" pro Tag sind. Aber man kann ausrechnen, wie viel Zwei-TB-Festplatten man benötigt, um diese Datenmenge zu speichern: 1 Petabyte = 10 hoch 15 Byte; 1Terabyte = 10 hoch 12 Byte - Also 913 Zwei-TB-Festplatten braucht man dazu. Das ist eine durchaus überschaubare Zahl. Bei 1,6 Prozent und 365 Tagen kommt man also auf ein Speichervolumen von 5.332 2TB-Festplatten für ein ganzes Jahr.

Dieses Volumen ist technisch beherrschbar und auch das Durchsuchen, Filtern und das Analysieren von Suchergebnissen ist machbar, wenn die Zahl 1,6 % der täglichen Datenmenge stimmt, was anzuzweifeln ist. Diese Überschlagsrechnung zeigt, dass es technisch durchaus möglich ist, den täglichen Datenverkehr in wesentlichen Teilen zu speichern und zu überwachen.

Der Kulturbruch der NSA liegt nicht in der Technik, sondern in der Zielstellung: Jeder Bürger weltweit, der das Internet benutzt, ist ein potentieller Terrorist. Diese Denkweise passt zu einer Diktatur, aber nicht in die Kultur der "Freien, westlichen Welt". Genau hier liegt das Problem: Mit der globalen Überwachung des Datenverkehrs durch die NSA, werden die hehren Werte von Freiheit, Pluralismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aufgegeben. Die Terroristen haben auf Dauer die ehemals "Freie Welt" besiegt. Und das auch noch im Mutterland der Freiheit - In den USA! Wer hätte das noch vor fünf Jahren für möglich gehalten?!

mcmac 15.08.2013 | 23:16

29 Petabyte geteilt durch 2 Terabyte

29. 000. 000. 000. 000. 000 Byte

geteilt durch

2. 000. 000. 000. 000 Byte

ergibt

 

14.500

 

Die NSA hört täglich eine Datenmenge ab, die auf 14.500 (Vierzehntausendfünfhundert) 2-TB-Festplatten passt. Täglich.

Pro Jahr wären dafür

14.500

mal

365

ergibt

 

5.292. 500 (Fünfmillionenzweihundertzweiundneunzigtausendfünfhundert) 2-TB-Festpaltten nötig.

 

(Mglw. liegt der Fehler darin, dass Sie annahmen, dass es sich um 1, 826 Petabyte (Einskommaachtzwosechs) handelt. Gemeint sind aber Eintausendachthundertsechsundzwanzig Petabyte; also wenn mit Komma, dann wären es 1,826 Exabyte = 1,826 x 1018 – wie sollten es ansonsten 29 Petabyte pro Tag sein?..)

Nichts für ungut & lg-mcmac

PS: Am Rest Ihres Kommentars habe ich gar nichts auszusetzen, sondern stimme ihm ausdrücklich zu :)

mcmac 16.08.2013 | 00:11

Ach übrigens – kleine Ergänzung: Das neue Datenspeicherzentrum der NSA in Bluffdale (sic!)/Utah soll laut Aussagen eines ehemaligen NSA-Mitarbeiters (nicht Ed Snowden; William Binney) eine Datenmenge von 5 Zetabyte (1021) aufnehmen können.

Das entspräche der Kapazität von 2.500.000.000 2-TB-Festplatten, also 2,5 Milliarden 2-TB-Festplatten.

Oder anders gesagt: Der ge s a m t e globale Internetverkehr (Stand heute) könnte dort für mehr als sieben Jahre gespeichert werden.

(Oder so: Würden diese Daten auf CD gespeichert und würde man diese CDs übereinander stapeln, ergäbe dies einen Turm von 8.6 Millionen km Höhe. Was der 22-fachen Entfernung Erde – Mond entspräche. Alternativ könnte man diesen Stapel auch 214 mal um die Erde schlingen.)

lg-mcmac

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Ehemaliger Nutzer 16.08.2013 | 15:17

#MCMAC

"Ach übrigens – kleine Ergänzung: Das neue Datenspeicherzentrum der NSA in Bluffdale (sic!)/Utah soll laut Aussagen eines ehemaligen NSA-Mitarbeiters (nicht Ed Snowden; William Binney) eine Datenmenge von 5 Zetabyte (1021) aufnehmen können.

Das entspräche der Kapazität von 2.500.000.000 2-TB-Festplatten, also 2,5 Milliarden 2-TB-Festplatten.

Oder anders gesagt: Der ge s a m t e globale Internetverkehr (Stand heute) könnte dort für mehr als sieben Jahre gespeichert werden."

 

Hinzu kommt die Speichermenge die bei US-Firmen wie Google, Facebook und Co. "outgesourct" sind.

Gehen wir also besser davon aus, dass die NSA sämtliche Telefonate und E-Mails (die Inhalte nicht die Metadaten) speichert und dies auch nicht "nur" für 7 Jahre sondern eher für mehrere Jahrzehnte.