Gethin Chamberlain
25.09.2012 | 11:35 5

Azam ist alt geworden

Indien Drei Millionen Kinder arbeiten allein in Delhi. Und scheinbar kann niemand ihnen in dieser ausweglosen Situation helfen

Azam ist alt geworden

Selbst Befreiung hilft den Kindersklaven nicht immer

Foto: Manan Vatsyayana / AFP / Getty Images

Azam war sieben, als seine Mutter beschloss, es sei an der Zeit für ihn zu arbeiten. Sieben, das ist das Alter, in dem Kinder in die zweite Klasse kommen. In dem sie stundenlang durch ihre Fantasiewelten driften. Aber Azams Mutter hatte zu viele Münder zu stopfen, und seit ihr Mann sie verlassen hatte, kam kein Geld mehr ins Haus. Als der Kinderhändler das nächste Mal in ihr Dorf in der bitterarmen indischen Provinz Bihar kam, vereinbarten sie einen Preis. Ein paar Tage später saß Azam in einem Zug nach Delhi. Das ist jetzt zwei Jahre her. Der Junge ist neun. Er ist alt geworden.

Nach seiner Ankunft in der gigantischen Metropole arbeitete Azam in einer Plastikfabrik, wo er von morgens neun bis abends zehn Uhr Müll aussortieren musste. Die Kinder schliefen zu sechst in einem kleinen Zimmer. „Wir überlebten, mehr taten wir nicht“, erzählt das Kind. „Jeden Abend, wenn ich schlafen ging, dachte ich an mein Dorf. Ich wartete und wartete darauf, endlich bezahlt zu werden, damit ich meiner Mutter das Geld nach Hause bringen konnte.“ Azam klammerte sich an den Gedanken, dass er jetzt den Lebensunterhalt für seine jüngere Schwester und seinen jüngeren Bruder verdiente. Nur, das Geld kam nie. „Zuerst sagte man mir, ich solle mich ein paar Tage gedulden, aber dann vergingen Wochen und Monate, und man hat uns nie etwas gegeben.“

Irgendwie glaubt man, diese Geschichte bereits zu kennen, dieses Elend, das Dilemma, den Stumpfsinn. Doch ist es vor allem das Ausmaß, das sprachlos macht. Allein in Delhi arbeiten geschätzte drei Millionen Kinder, drei Viertel jünger als 14. Bis zu 200.000 Jungen und Mädchen werden jedes Jahr von Sklavenhändlern gestohlen oder gekauft. 1.000 Rupien sind der gängige Preis – knapp 14 Euro.

Keine andere Wahl

Doch ganz reibungslos laufen die Geschäfte nicht mehr. Indien steht unter Druck, seit das US-Außenministerium das Land im Juni als Drehkreuz des Kinderhandels gebrandmarkt hat. Seitdem gibt es in Delhi immer wieder Razzien zur Befreiung von Kinderarbeitern. Der Arbeitsminister beteuert, er werde Kinderarbeit bald per Gesetz verbieten. Und die Frau des indischen Premierminsters Manmohan Singh – Gursharan Kaur – mahnt: „Wenn alle sich entschließen, keine Kinder zu beschäftigen, wird das viel helfen.“

Helfen kann vielleicht auch die Initiative Bachpan Bachao Andolan, was so viel heißt wie: Rettet die Kindheit. Im Juli hat sie nach einem Tipp das erste Mal zugeschlagen: Eine Gruppe von Kindern sitze ohne Eltern im Seemanchal Express über Bihar nach Delhi.

Um 23.15 Uhr ist die weiße Fassade des Bahnhofs von Katihar hell erleuchtet. Auf einem entlegenen Gleis steht ein Zug zur Abfahrt bereit. In seinen langen, blauen Waggons stehen, sitzen und liegen Jungen dicht gedrängt auf den Gepäckablagen. In den Waggons staut sich die Hitze, der Gestank von ungewaschenen Körpern und Urin erschlägt einen fast. Ein kleiner Junge starrt nervös aus der Dunkelheit. Die Befreier versuchen, die Jungen zu beruhigen, langsam führen sie sie auf den Bahnsteig. Dort stehen die Kinder blinzelnd. Verängstigt und verwirrt.

Die Helfer arbeiten an diesem Tag bis tief in die Nacht, erfassen die Namen der Kinder, nehmen Kontakt zu den Eltern auf. Einige kommen aus dem nahe gelegenen Nepal, andere aus Dörfern in der Nähe. Um halb drei Uhr in der Nacht werden die Jungen in ein schmuddeliges Hotel in der Nähe des Bahnhofs gebracht. Am nächsten Tag kommen einige Familien zum Abholen. Doch lächeln sieht man hier kaum jemanden.

Wozu zur Schule gehen?

Nehiar Khathuns Augen liegen ihr tief im Gesicht. Sie sei 35 und krank, sagt sie. Sie brauche Medikamente, deshalb habe sie ihren Sohn Tahir nach Delhi geschickt. Sie habe keine andere Wahl gehabt. Sie habe drei Mädchen und drei Jungen zu ernähren. Jemand musste Geld verdienen, und ihr Mann war nicht mehr da. „Wir haben weder Geld noch etwas zu essen. Wozu soll man zur Schule gehen? Es ist besser, er fängt an zu arbeiten und verdient ein wenig Geld, damit ich meine Behandlung erhalten kann.“

Auch Tahir stieg also 2010 in den Zug nach Delhi. Auch ihn hat ein Menschenhändler vermittelt. Auch er wurde befreit. Doch seine Mutter will, dass er zurückgeht. Tahir selbst hat Flausen im Kopf. Er will studieren und Ingenieur werden. Aber er weiß auch, wie es ist. „Ich will, dass meine Schwestern und Brüder etwas Gutes zu essen bekommen“, sagt er. Tahir ist zehn.

Die Händler ködern die Eltern damit, dass die Kinder gutes Geld verdienen werden – monatlich zwischen 700 und 3.000 Rupien, also etwa zehn bis 40 Euro. Aber keines der Kinder, die die Helfer in jener Nacht aus dem Zug befreit haben, hat je mehr als eine Handvoll Rupien für seine Arbeit bekommen. Keine der Mütter gibt zu, dass sie Geld für die Kinder angenommen hat. Es sind die Aktivisten, die berichten, Preise zwischen 1.000 und 3.000 Rupien seien die Norm.

Als ob man abhebt

Und so stehen die Kinder am Tag nach ihrer Befreiung ratlos und traurig auf dem schlammigen Hof, zu dem sie die Helfer gebracht haben. Nichts habe sich geändert, sagen sie. Ihre Mütter hätten immer noch kein Geld und wüssten nicht, wie sie sie ernähren sollten. Für uns gibt es hier nichts, sagen sie. Es habe keinen Sinn hierzubleiben. Es wäre für alle besser, wenn wir zurückgingen.

Avdesh Kumar haute mit zehn aus dem Dorf Bhubharo in der Provinz Sitamarhi ab. Er träumte von Delhi und dachte ebenfalls: Schule? Wozu? Alle im Dorf fanden es richtig, dass er arbeiten geht. Der örtliche Schieber, Rama Shankar, bot ihm seine Dienste an. Er schickte eine Rikscha, die Avdesh und vier seiner Freunde aufnahm, nachdem sie in den frühen Morgenstunden von Zuhause weggeschlichen waren.

Alle waren aufgeregt, was für ein tolles Abenteuer. Sie waren so sicher, dass sie ihr Glück machen würden. Im Zug stand Avdesh an der Tür und blickte hinaus auf die vorbeiziehende Welt. „Ich hatte das Gefühl, er würde abheben, wenn er auch nur ein bisschen schneller fahren würde“, sagt er. Sein Freund Pappo Kumar stellte sich Delhi so vor wie das New York, das sie aus Filmen kannten.

Das Gitter geht nur sonntags auf

Aber Shankar hatte sie hereingelegt. „Als wir in Delhi ankamen, sah ich viele Menschen, und die Leute bewegten sich sehr schnell, es war sehr schön“, sagt Avdesh. „Aber wir bekamen kaum Gelegenheit, etwas davon zu sehen. Von jenem Freitag an nähten wir jeden Tag 17 Stunden lang Saris.“ Während der folgenden 14 Monate wurden sie gefangen gehalten, 49 Jungen in einem Raum, der nur neun mal vier Meter groß war.

Nur sonntags entriegelte ihr Besitzer das Gitter an der Tür und erlaubte ein paar von ihnen, unter strenger Bewachung auf den örtlichen Markt zu gehen. Avdesh gehörte nie zu denen, die raus durften. Er verbrachte sein ganzes Leben in diesem Zimmer, schlief und arbeitete dort tagein, tagaus. „Ich wollte die Stadt sehen, und meine Eltern. Aber ich war entführt worden und es gab keine Gelegenheit, da rauszukommen. Ich saß in der Falle. Jeden Tag wollte ich abhauen, aber ich wusste nicht wie.“

Von dem versprochenen Geld bekam er nie etwas zu sehen. Es war alles umsonst gewesen.

20.000 Rupien für den Neuanfang

Die Kinder, die in Delhi befreit werden, kommen meist in den Aschram von Bachpan Bachao Andolan am Rande der Stadt. Wenn ihre Eltern ausfindig gemacht werden können, bekommen sie 20.000 Rupien – für einen Neuanfang. Gleichzeitig werden sie schriftlich darauf hingewiesen, dass sie ins Gefängnis kommen, wenn das Kind noch einmal beim Arbeiten erwischt wird. Ob das nützt?

Der Seemanchal Express, den die Kinderrechtsaktivisten in Katihar gestoppt haben, ist mit einiger Verzögerung eben doch in Delhi angekommen. Und es stellt sich heraus, dass nicht alle Kinder bei der Razzia befreit wurden. Tatsächlich versuchen einige Kriminelle noch am Bahnsteig, der verbliebenen Kinder habhaft zu werden.

Diesmal wartet die Polizei, alarmiert von Bachpan Bachao Andolan. Es werden 20 Sklavenhändler verhaftet und die 31 verbliebenen Kinder in Sicherheit gebracht, nachdem sie die Menschenhändler benannt haben. Theoretisch könnten die für Jahre ins Gefängnis gehen. Aber die Realität des indischen Justizsystems sieht anders aus. Die meisten, wenn nicht alle, werden auf Kaution freikommen. Nur wenige werden sich jemals vor einem Gericht verantworten müssen. In Bihar aber steigen derweil schon wieder Kinder in Züge.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

Kommentare (5)

anne mohnen 25.09.2012 | 15:15

Es macht traurig, zu wissen, dass Kinder in vielen Teilen der Erde nur eine Chance zum Überleben haben, wenn sie arbeiten. Indien ist der Subkontinent mit riesigen Wachstumsraten, dennoch steht Indien an der Spitze, was die absolute Armut anbelangt. Das ist skandalös, insbesondere, wenn es um Kinderarmut geht.

Kinderarmut als Sauerei zu empfinden ist wohlfeil. Die Kinder zu befreien, klingt gut, den Eltern, Geld in die Hände zu drücken und ihnen zu drohen, wenn sie ihre Kinder sie zu bedrohen, geht am  Elend der Kinderarbeit vorbei.

Erst wenn es als Realität anerkannt wird, dass Kinder oft nur überleben können, wenn sie arbeiten, werden sie sichtbar. Eine Verbesserung der Kinder in Arbeit stellen Projekte da, die den Kindern Schulangebote abgestellt auf ihre Arbeitssituation anbieten.

Und dann muss von den Medien sichtbar gemacht werden, wo wir von Kinderarmut profitieren. Die Kölner Domplatte wurde mit Pflastersteinen hergerichtet, die kleine Kinderhände geschlagen haben.

Sünnerklaas 27.09.2012 | 08:26

Kinderarbeit gilt in der "modernen Wirtschaft" und ihrer Jagd nach immer niedrigeren Produktions- und Lohnkosten als knallharter positiver Standortfaktor eines Landes. Als Kunden können wir da eine ganze Menge machen - z.B. Produkte aus Ländern, in denen Kinderarbeit noch immer eine wichtige Rolle spielt, nicht zu kaufen und Mode-Discounter, die Billig-Waren verramschen, zu meiden.