Jane Martinson
18.07.2012 | 15:38 22

Babypause? Was für Weicheier

Emanzipation Als Yahoo-Chefin ist Marissa Mayer nun eine der wenigen Frauen an der Spitze eines IT-Unternehmens. Trotz der Geburt ihres Kindes will sie keine Jobpause machen

Babypause? Was für Weicheier

80 Stunden in der Woche arbeiten? Marissa Mayer sieht da kein Problem

Foto: Jemal Countess/Getty

Hoch soll sie leben! Die 37-jährige Marissa Mayer ist gerade Geschäftsführerin von Yahoo geworden und hat es als Frau geschafft, in einer von jungen Männern dominierten Branchen einen Spitzen-Posten zu ergattern. Hurra! Und dabei ist sie im sechsten Monat schwanger. Großes Hurra! Aber sie hat versprochen, keinen Mutterschaftsurlaub zu nehmen. Wie bitte?

 "Ich möchte meinen Rhythmus beibehalten", sagte sie gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Fortune während der 24 Stunden, die zwischen ihrem Weggang von Google und ihrem Arbeitsantritt bei dessen schwächelndem Rivalen verstrichen. "Ich werde ein paar Wochen Mutterschaftsurlaub nehmen, aber die ganze Zeit über arbeiten."

Der Junge, der im Oktober zur Welt kommen soll, sei sehr aktiv. Der Arzt meine, er komme nach seinen Eltern, erzählte Mayer. Das einzige Zugeständnis an ihre Schwangerschaft scheint darin zu bestehen, dass das Vorstandstreffen im September von New York nach Kalifornien und somit näher an Mayers Penthouse-Suite im obersten Stock eines Four Seasons Hotels verlegt wurde.

Gleich erzählt

Sie hatte dem Vorstand gleich von ihrer Schwangerschaft erzählt, nachdem sie von Headhuntern wegen des Spitzenjobs kontaktiert worden war. Dass hier ein Umdenken stattgefunden habe, zeigte sich Mayer zufolge daran, dass sie danch von ihren Vorgesetzen selbst kein einziges Mal auf das Thema angesprochen wurde.

Während der Fortschritt in weiten Teilen Europas in Sachen Kinderbetreuung darin besteht, dass bei immer mehr Paaren beide in Elternzeit gehen und sich längere Auszeiten nehmen, zeigt Mayers Fall, welche Unterschiede zwischen den USA und Europa bestehen, wenn es um die Rechte arbeitender Eltern geht.

Selbst die in mancherlei Hinsicht steinzeitliche britische Regierung hat erklärt, sie wolle Müttern wie Vätern gleichermaßen ermöglichen, ein Jahr in Elternzeit zu gehen. In den USA, wo Frauen nur ein Anrecht auf 12 Wochen unbezahlten Mutterschutz haben, wird es hingegen oft als Fortschritt angesehen, wenn eine Frau während der Entbindung noch nebenher eine Firmenübernahme abwickelt und ein paar hundert Angestellte vor die Tür setzt.

Die uralte Debatte wurde vor einigen Wochen von der ehemaligen Leiterin des Planungsstabes im US-Außenministerium, Anne-Marie Slaughter, mit einem Artikel im Magazin Atlantic neu angefacht. Saughter schrieb, sie bereue, dass sie Karriere gemacht und nicht genug Zeit für ihre Kinder gehabt habe.

Sylvia Ann Hewlett, Autorin des Buches War against Parents, kritisierte den Text und schrieb, bezahlte Elternzeit stehe, anders als vor 15 Jahren, in diesem Wahlkampf noch nicht einmal auf der Agenda bei den Demokraten. Ob es einem gefalle oder nicht: Das Land sei nach rechts gerückt und ein Gesetz, das die Berufstätigkeit von Frauen fördere, sei momentan illusorisch. 41 Prozent aller Frauen in Vollzeitarbeitsverhältnissen seien in den USA kinderlos.

In Mayers Fall spielt die Frage einer bezahlten Elternzeit freilich keine Rolle. Als 20. Mitarbeiterin in der Firmengeschichte von Google ist sie heute schon so unfassbar reich, dass sie sich ihre eigene Armee von Babysittern leisten kann.

Wichtiges Role Model?

Die Gründe, ihre Ernennung zu begrüßen, wiegen allerdings schwerer als ihr Verzicht auf eine Babypause. Als erst 19. Frau, die ein Unternehmen der Fortune-500-Liste leitet, ist sie ein wichtiges weibliches Role Model und stellt auch in sofern eine Ausnahme dar, als dass sie es weibliche Informatikerin in diese Position gebracht hat. Den letzten Zahlen von der Computing Research Association zufolge wurden im Universitätsjahr 2010/2011 nur 12 Prozent der Abschlüsse in Informatik von Frauen gemacht. Vor sechs Jahren erklärte Mayer in einem Interview, Google sei "ein großartiger Ort für Geeks, für Männer wie für Frauen gleichermaßen. Wenn man sich dafür begeistern kann, rund um die Uhr und auch an den Wochenenden zu programmieren, dann ist man hier genau richtig".

Mayer erzählt auch gern, sie komme mit vier bis sechs Stunden Schlaf pro Nacht aus – offenbar holt sie den dann wieder nach, indem sie alle vier Monate eine Woche Urlaub nimmt. "Ich glaube nicht, dass man sich schneller verausgabt, wenn man 80 Stunden arbeitet, solange man das, was einem wichtig ist, in Ehren hält."

Auch wenn mich die Prahlerei mit einem solchen Arbeitspensum ehrlich gesagt krank macht, fällt es immer noch schwer, Marissa Mayer nicht zuzujubeln. Finden Sie nicht?

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (22)

silvio spottiswoode 18.07.2012 | 16:43
Wir jubeln, mehr oder weniger. Aber das Workaholic-Mum-Rolemodel ist irgendwie schon durch, d.h. samt Neoliberalismus auf dem Haufen der gescheiterten Lebensentwuerfe entsorgt worden. Die Lage scheint ernst zu sein, Yahoo klammert sich hier einfach an einen Strohhalm. Ist das tatsaechlich ihr erstes Kind? Zumindest damit ist sie dann richtig spaet dran. Und 80 Stunden die Woche, pha, dass ich nicht lache. Soviel arbeiten wir doch alle, nur sind wir keine Weicheier mit fetten Gehaltszahlungen fuer unsere viele Arbeit. Und wir wohnen auch nicht in doofen Penthouses, sondern wir gehen dahin wo dann die Penthouses erst noch gebautwerden. Weil wir da sind. W die Avantgarde des Prekariats, die Speerspitze der Gentrifizierung, wir jubeln, Marissa "you can do it, just try".
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Ehemaliger Nutzer 18.07.2012 | 17:00

Ich frage mich, wozu man Kinder zur Welt bringt, wenn man sie gar nicht braucht. Und wie dieses Kind überhaupt entstanden ist, wenn die Mama rund um die Uhr Karriere macht, mit kleinen Unterbrechungen für vier Stunden Schlaf. Ich meine, okay, für Zeugenprozess würde Viertel Stunde ausreichen, aber  einige Spießer meinen es  immer noch, es gehöre dazu, dass man sich verliebt, Zärtlichkeiten tauscht, längere Gespräche miteinander führt, irgendwas zusammen unternimmt und solche Sachen halt. Oder hat man da bei Yahoo schon Roboter erfunden, die ohne diesen Kram auskommen? Zackzack und hallo, ich bin schwanger, und wenn das Kind da ist, dann werde ich schon eine Lösung finden, wohin ich es stecke, damit es mir bei Karriere nicht stört. Hat die Frau irgendwann gehört, dass man während der Schwangerschaft schöne Musik hören muss, viel Kontakt mit Blumen, Bäumen etc. haben, mit dem Kind (das noch im Bauch ist) reden und so? Wie will sie die Verantwortung für die Erziehung übernehmen, wenn sie 80 Stunden pro Woche arbeitet? Diese Zeit würde nicht mal für ein Haustier ausreichen!

pw6 18.07.2012 | 19:42

Ob man die 80-Stunden-Woche, mit der ja auch 1000e andere SpitzenverdienerInnen in den USA angeben, für bare Münze nehmen soll und welche Pausen für die Essen - die vom Fast-food-service an den Arbeitspatz gebracht und natürlich vom Abeitgeber bezahlt werden - da mitgezählt wurden, sei dahingestellt. Irritierender sind schon Berichte, wonach schon Bankberater im Liegen zu Kundengesprächen gekarrt wurden, weil sie vor Rückenschmerzen nicht mehr sitzen können, man fragt sich, ob die Betroffenen trotz allgemein herausragender Intelligenz nicht punktuell gravierende Defizite haben. Im Vergleich dazu ist Frau Mayer das blühende Leben, sie sieht schlichtweg blendend aus. Wo ist das Problem?

Das Problem liegt vor allem bei der Korrespondentin, die es offenbar nicht schafft, die Denkmuster hochambitionierter Personen nachzuvollziehen. Das können auch schlecht bezahlte Forscher oder Firmengründer oder Künstler sein, nicht nur Banker oder Vorstandsmitglieder mit obszön hohen Gehältern. Extrinsische Motivation durch Geld reicht sowieso nicht aus, jemandem einen solchen Erfolgswillen einzuimpfen, nicht zu reden von der nötigen fachlichen Kompetenz und der physischen Konstitution.

Das Beispiel Mayer illustiert zugleich sehr schön, wie absurd Frauenquoten in Spitzenpositionen sind: man braucht dort Höchstleister, in jeder Hinsicht, und die werden nun mal nicht im Dutzendpack auf dem Arbeitsmarkt bereitgestellt, auch wenn viele Ideologen der Öffentlichkeit immer wieder das Gegenteil weismachen wollen.

Also ganz herzliche Gratulation an Marissa Mayer, und über die Geburt und ihr Kind sollten wir uns keine Sorgen zu machen.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2012 | 22:06

Es ging in diesem Artikel grundsätzlich nicht um "die Denkmuster hochambitionierter Personen", sondern um Verhältnis zwischen Arbeit und Kind. Wie ein Mensch handelt, der nur für sich selbst verantwortlich ist, ist eine Sache. Ein Kind in die Welt zu setzen fordert aber ein anderes Verständnis von Verantwortung. Es geht um ein kleines hilfloses Lebewesen, das kann man nicht so mal zwischendurch regeln. Zu wem soll dieses Lebewesen emotionale Bindungen bilden? Wen soll es lieben? Bezahlte Babysitter? Was sind das für die "die Denkmuster hochambitionierter Personen", für die ein Kind geopfert wird?

Wenn man 80 Stunden arbeiten will, ist völlig okay, aber man muss dann im Klaren sein, dass diese Entscheidung mit Kinderkriegen nicht zu vereinbaren ist... diese Entscheidung wäre nicht mal mit einem Hund zu vereinbaren! Es gibt Sachen, die man nicht zwischendurch machen kann. Entweder ganz oder gar nicht.

Im Übrigen: Wenn man hinter 80-Stunden Arbeitswoche keine andere leitende Idee steht außer eigenen "höhen Ambitionen", dann stimmt mit diesem Menschen etwas nicht. Für mich wäre so ein Mensch auf jeden Fall nicht interessant. Von eigenen Ambitionen so versklavt zu werden? Brrrr... Ich bevorzuge andere Arten von Perpetuum Mobile.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2012 | 22:41
Hochambitionierte Personen, Höchstleister, Erfolgswillen? Das sind alles so Marktbegriffe. Hauptsache sich gut verkaufen, dann ist man in seinem Recht? Keine menschliche Schwäche, kein Gefühl, kein Zweifel, keine Fehler, kein abweichendes Verhalten? Funktionieren, funktionieren, funktionieren? Wie unmenschlich! Aber wenn es schon so viel um die Leistungen herum dreht: Welche Leistungen bringt eigentlich diese Frau aus dem Artikel? Es wird hier erzählt, sie arbeitet angeblich 80 Stunden pro Woche (hat jemand nachgeprüft, was in dieser Hype stimmt?)... was tut sie eigentlich in diesen 80 Stunden? Was sind die Ergebnisse ihrer Arbeit? Außer dass ihre hohe Ambitionen durch solche Artikel gekrault werden? Wem bringt ihre Arbeit was?
fucardi 18.07.2012 | 23:04

Würde irgendjemand, der schon einmal in Erziehungsverantwortung stand, behaupten, man könne mit diesem Arbeitspensum ein Kind angemessen erziehen? Und würde sich irgendwer Eltern wünschen, die beruflich derart viel Zeit opfern? Mit der Geburt eines Kindes ändert sich vieles, auch Einstellungen und Prioritäten. Ich Wünsche es Mutter und Kind.

Lethe 19.07.2012 | 12:29

Mit der Geburt eines Kindes ändert sich vieles, auch Einstellungen und Prioritäten.

Dagegen gibt es für hochambitionierte Personen sicher bereits Tabletten, die das mit den Hormonen in gewünschter Weise regeln werden. Die Mayer wirkt jedenfalls nicht so, als hätte die Schwangerschaft bereits Einsichtsprozesse bei ihr initiiert.

Jörg Friedrich 19.07.2012 | 13:37

Ich denke auch, man sollte über so ein Szenario erst reden, wenn das erste Jahr vorbei ist. Schon in ein paar Monaten, wenn die Frau hochschwanger ist, das Kind sich fleißig bewegt, 3-D-Ultraschallbilder ein niedliches Wesen zeigen, kann alles ganz anders aussehen. Wenn das Kind dann da ist, kann es passieren, dass die Mutter eine Stunde mit dem Kind auf dem Bauch wichtiger findet als eine Krisensitzung des Vorstandes. Man weiß es nicht.

Was die 80 Stunden Arbeitswoche angeht, das sagt gar nichts. Ich z.B. arbeite vielleicht 40 Stunden in der Woche als "IT-Unternehmer" und bin vielleicht nochmal so lange damit beschäftigt, philosophische Texte zu lesen, Diskussionen zu führen, Artikel zu schreiben. Vielleicht auch mehr, wenn man das Nachdenken über die Firma oder die Philosophie beim Einschlafen und beim Aufwachen noch mitrechnet. Arbeite ich 80 oder 100 Stunden die Woche? Oder arbeite ich "ganz normal" 40 Stunden und habe ein schönes Hobby? Aber auch die Firma macht mir ja Freude, arbeite ich vielleicht gar nicht?

Frau Mayer hat, wie ich, das Glück, dass Hobby und Beruf ziemlich zusammenfallen, und dass es zudem noch äußerst abwechslungsreich ist und an fast jedem Ort möglich ist. Die meisten meiner Kolumnen denke ich mir beim Joggen, Fahrradfahren oder beim Kochen und Backen aus. Da kann man leicht mal 80 Stunden und mehr Stunden pro Woche "arbeiten". Andere haben nicht dieses Glück, die müssen Arbeit und Hobby notgedrungen säuberlich trennen.

eulen nach athen 19.07.2012 | 17:46

Leute, was & wie die Frau das macht, geht euch nichts an. Es ist allein ihre Sache, die niemand zu bewerten hat. Klaro?

Genau das brauchen Frauen nämlich nicht: Leute, die ihnen in ihre Angelenheiten reinlabern, Vorschriften machen, Maßstäbe aufstellen und sozialen Druck ausüben wollen. Sprich: Menschen, die Frauen als unmündig betrachten.

Und im Gegenzug dürft ihr es alle so machen, wir ihr das für richtig haltet.

eulen nach athen 19.07.2012 | 21:18

"und teilt Ihre Meinung, dass es niemenaden etwas angeht, was sie tut, vermutlich nicht."

sie hätte die schwangerschaft ja kaum verheimlich können. also kann sie sie auch twittern. das ist noch lange kein freibrief für einmischung in daraus folgende privatangelegenheiten wie mutterschaftsurlaub. solche dinge werden nur diskutiert, weil es immer noch einen gesellschaftlichen konsens gibt, dass die weibliche reproduktion, weibliche sexualität und der weibliche körper gegenstand eines öffentlichen diskurses ist.

pw6 19.07.2012 | 23:08

Dieser Hinweis illustriert sehr gut, was ich u.a. mit hochambitioniert und großen Erfolgswillen meinte: Diese Leute haben einen klaren Plan, was sie im Leben erreichen wollen, und ihr "Hobby" zum Beruf gemacht. Oder den Beruf zum Hobby, wenn man es negativ sehen will. Die haben nicht diesen Gegensatz zwischen tendenziell trostlosem  Broterwerb und sinnstiftender Freizeit.Wenn man das nicht kennt, kommt es einem suspekt vor.

Aus Sicht des deutschen Bildungsbürgertums hier etwas zusätzlich Befremdliches hinzu: die Fixierung auf wirtschaftlichen Erfolg. Unter Bildungsbürgern gilt es schlicht als fauxpas, Geldverdienen als sinnstiftend anzusehen. In den USA ist das diametral anders, da wird der soziale Status fast nur am Einkommen gemessen, wirtschaftlicher Erfolg wird sehr bewundert, was die Leute dort nur noch mehr motiviert, wie verrückt(!) zu arbeiten. Deswegen geben auch alle mit ihren very long working hours an.

pw6 19.07.2012 | 23:22

"Genau das brauchen Frauen nämlich nicht: Leute, die ihnen ... Vorschriften machen,..." -- Genau. Männer übrigens auch nicht, um das aus Gleichstellungsgründen zu ergänzen.

Um Frau Mayer würde ich mir keine Sorgen dahingehend machen, daß sie sich Vorschriften bei der Kindererziehung machen läßt. Wenn überhaupt ist sie es gewohnt, anderen Vorschriften zu machen. Andernfalls hätte sie den Job nicht bekommen.