Jane Martinson
14.02.2013 | 13:30 16

Beats gegen Schläge

Frauenrechte Ausgerechnet am Valentinstag veranstaltet One Billion Rising einen Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Die Initiatorin Eve Ensler hat damit einen Tsunami losgetreten

Beats gegen Schläge

Foto: Brigitte Lacombe

Seitdem Eve Ensler die Kampagne onebillionrising.org  ins Leben gerufen hat, wird sie immer wieder gefragt, ob es sich um eine Tanz-Bewegung handelt oder um Politik, um Protest oder eine riesige weltumspannende Party? Schon wenige Wochen vor dem heutigen 14. Februar – dem Tag also, den die Aktivistin und Autorin der Vagina-Monologe zum weltweiten Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen bestimmt hat –, hat sie gesagt: „So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.“

Weltweit wird durchschnittlich jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal zum Opfer von Gewalt. In diese Statistik, die Ensler dazu veranlasste, One Billion Rising ins Leben zu rufen, werden verschiedene Formen von Gewalt – von häuslicher Gewalt, über Massenvergewaltigungen und Genitalverstümmelung bis hin zu Erfahrung von Krieg und Vertreibung – gerechnet. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass die Kampagne in jedem der 190 Länder, in denen für den 14. Februar Aktionen und Veranstaltungen geplant sind, einen etwas anderen Charakter trägt. Alle gesellschaftlichen Schichten, Gruppen und Religionen seien von diesem „gewaltigen feministischen Tsunami“ erfasst worden, erklärte Ensler.

Die Proteste reichen vom allerersten Flashmob in Somalias Hauptstadt Mogadischu über den Marktplatz des schottischen Rothesay auf der Isle of Bute bis hin zu den Maori in Neuseeland und geschätzten 25 Millionen Demonstrantinnen in Bangladesch. Ensler kam die Idee durch ihre Arbeit in der Demokratischen Republik Kongo, wo sie eine City of Joy errichtet hat, um Frauen mit Gewalterfahrung zu helfen. Hier will sie heute persönlich auch den Aktionstag begehen. Den Valentinstages hat sie dafür bewusst gewählt, um die Vorstellung von Liebe ein Stück weit von der schnulzigen Kommerzialisierung des Valentinstages zu befreien.

Frauenbewegungen auf der ganzen Welt und Soziale Medien haben Ensler zufolge dafür gesorgt, dass die Kampagne rund um den Globus großen Widerhall findet. Sie hielt sich gerade für drei Wochen in Südasien auf, als die 23 Jahre alte Medizinstudentin Jyoti Singh in Delhi von mehreren Männern brutal vergewaltigt und misshandelt wurde. Die Abscheu und Empörung darüber habe der Kampagne großen Zulauf verschafft. In Indien sei der größte Durchbruch im Kampf gegen sexuelle Gewalt gelungen, den es jemals gegeben habe, und One Billion Rising befinde sich dort mitten im Zentrum dieses Kampfes, sagt Ensler.

Nach Ansicht von Kamla Bhasin, die sich seit über 30 Jahren für die Rechte der Frauen in Indien einsetzt, geht jedes Land das Thema auf eine andere Weise an – von der erstaunlichen Massenbewegung in Bangladesch, die von Brac, einer der weltweit größten NGOs organisiert wird, bis nach Afghanistan, wo „nicht getanzt und nicht gesungen werden wird, aber die Leute dennoch sagen wollen, dass es ihnen reicht.“

Break the chain

Der Versuch, mit dem Mittel des Tanzes gegen Gewalt vorzugehen, hat verständlicherweise selbst unter engagierten Befürworterinnen der Ziele für Ablehnung gesorgt. Doch zwei Videos, unter Hunderten, bringen zum Ausdruck, wie Enslers Idee die Aktivistinnen inspiriert. Das erste stellt die neue Hymne Break the Chain vor, die von der Grammy-Gewinnerin Tena Clark komponiert wurde. Die Choreographie des Clips leitete Debbie Allen, die zusätzlich auch noch ihr eigenes Anleitungsvideo drehte. Der zweite Clip wurde von Aktivistinnen aus Norwich produziert. Obwohl es ohne die Art von Hollywood-A-Promis wie Robert Redford oder Jane Fonda auskommt, die für gewöhnlich mit Ensler in Verbindung gebracht werden, erzielt es dennoch gewaltige Wirkung. Die Organisatorinnen vor Ort wollte zeigen, dass die Kampagne ebenso von Männern wie von Frauen unterstützt wird.

In Großbritannien konzentrieren sich die Anstrengungen hauptsächlich darauf, dass im den Sexualkundeunterricht in der Schule auch über Beziehungen und Gewalt gesprochen wird. Eine parteiübergreifende Gruppe von Abgeordneten hofft darauf, am 14. Februar im Parlament eine Abstimmung darüber zu erwirken, ob der Sozialkundeunterricht an den Schulen obligatorisch werden und Gewalt und Missbrauch in Beziehungen zum Gegenstand haben soll.

In den USA hofft die altgediente Aktivistin Pat Reuss ebenfalls darauf, die Unterstützung für die Kampagne für eine Wiederbelebung des Violence Against Women Act nutzen zu können, das im vergangenen Jahr vom Kongress nicht neu bewilligt wurde.

Als sie gefragt wurde, welches Land sie im Rahmen der Kampagne am meisten überrascht habe, rattert Ensler eine ganze Liste von Aktionen herunter – von den Demonstrationen gegen Menschenhandel in Mexiko bis hin zu Massenaktionen auf den Philippinen. Auch dass in Italien sich 50 Städte an dem Aktionstag beteiligen, habe sie erstaunt. „Für mich war das ein wirklicher Wendepunkt. Fünfzig Städte in Italien!“

Die Aktivistinnen fragen sich natürlich bereits, was nach dem V-Day passieren wird. „Das Tanzen wird toll, aber wichtiger ist die Frage, was geschieht, um das Thema Gewalt gegen Frauen ganz oben auf die Agenda zu setzen“, meint Ensler. „Es wird nie wieder ein Randthema sein … Im Augenblick wirkt es wirklich wie eine Welle, die eine Eigendynamik entwickelt hat.“

 

Kommentare (16)

Lethe 14.02.2013 | 13:56

Weltweit wird durchschnittlich jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal zum Opfer von Gewalt.

Das ist mehr als bedauerlich. Trotzdem würde es mich interessieren, wie hoch der Anteil von Männern ist, die im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt werden. Ich bezweifele, dass der Zähler bei 33,3 Prozent stehenbleibt.

Die Sinnhaftgleit von Tanzveranstaltungen zur Beeinflussung bösartiger struktureller Phänomene könnte auch diskutiert werden. Aber es heißt ja, dass es auch hilft, wenn man nicht dran glaubt.

alalue 14.02.2013 | 15:26

Ich glaube folgendermaßen dran: die Frauen müssen ihr Ding durchziehen, und da gehört auch ihre Stil dazu. Dadurch werden sie stark, indem sie sich nicht auf die männergewohnten Mittel einschränken, um Effektivität willen, wie Sie andeuten.

Sondern ihres: diese Form des Protestes ist schon selber extra-Protest. Außerdem geht es ja nicht um Kampf auf Biegen und Brechen, sondern um gute Form des Miteiander.

Wie hies es immer: tanzen & hoffen

gruss a

THX1138 14.02.2013 | 21:31

War da was? One billion- also im Westen war davon bis auf eine Handvoll (älterer) schnell  tanzender Frauen (Flashmob!) so gut wie gar nichts zu sehen. Was sich ausserhalb der westlichen Hemisphäre abgespielt hat, war auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Allerdings hätte ich mir durchaus vorstellen können, rund um die Aussengrenzen der EU (und der USA) mitzumachen- als Mann notabene und vor Ort, versteht sich: In allen Weltregionen ist Sexismus bestenfalls eine schwache Zustandsbeschreibung dessen, was Frauen im Alltag tatsächlich wiederfährt. Kein Vergleich zu unserer immer hysterischer werdenden Auffassung von Sexualität hier im Westen!

Roflcopter 15.02.2013 | 01:00

Ohje, erst "Aufschrei" und gleich danach "Tsunami".

Taktisch sehr unklug sämtliche zahlreichen Steigerungsformen dazwischen zu überspringen und gleich auf's Maximum zu gehen. Da fasst sich jetzt jeder an den Kopf und das war's, weil das lässt sich nicht mehr steigern ohne völlig grotesk zu wirken.

Oder was soll die Nächste da noch schreiben? "Tritt Atomkrieg los"? "Löst Supernova aus"? "Bewirkt galaktische Kollision"?

Lethe 15.02.2013 | 09:51

die Frauen müssen ihr Ding durchziehen, und da gehört auch ihre Stil dazu

es ist mir klar, was Sie damit sagen wollen, Alalue, trotzdem frage ich mich, ob diesem Satz nicht eine Vereinnahmung innewohnt. Eine Milliarde Frauen und ein Stil, ein Ding? Ich als Mann würde mich bei einem solchen Satz gegen eine solch Vereinnahmung verwahren. Als zoon politicon bin ich ohnehin immer skeptisch gegenüber Massenphänomenen.

Hfftl 15.02.2013 | 13:25

"Im Laufe des Lebens" ist eine lange Zeit, die mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Insofern wundert es mich, dass "nur" ein Drittel aller Frauen betroffen sind - bei Männern dürfte die Zahl drei Drittel nahezu erreichen. Und gerade als Kinder werden Jungen, aber auch Mädchen wesentlich häufiger von Frauen (Müttern) geschlagen als von Männern.

alalue 15.02.2013 | 14:50

Verstehe ich nicht. Es gibt biologische Untererschiede im Verhalten, in der Beurteilung von Handlungen. Die kann man aber nicht als strikte Vorschrift sehen, sondern als Tenedenzen. Jeder muß für sich selber entscheiden können,was für ihn richtig ist.

Aber diese Tendenzen stellen sich dann auch von alleine ein, und wenn ich es so benenne,kann es den Frauen ja egal sein: ich schreibe es ihnen nicht vor und kritisiere es nicht. ImGegenteil, Ihre Meinung ist die typische Männeransicht.

Es geht vorerst nicht um den direkten Erfolg, machen & konstuiren, entscheiden, sondern daß sie sich zusammen finden und ihrer Meinung Ausdruck verleihen. Gerade in den asiatischen &  islamischen Staaten ist das eine sehr wichtige Neuerung: öffenttliche Meinung, ohne religiöse Vorschrif. Daraus können sie Kraft schöpfen, und es weiter wirken lassen.

Schneller geht es nicht.

alalue 15.02.2013 | 16:11

Sie legen sich mit Ihrer intellektuellen Anspruchshalung selber lahm. Abstrakte Oberbegriffe sammeln ihre speziellenn Bedeutungen ein und bedeuten die auch.

Kurzkurs: jede dieser  Frau erlebt den mehr oder weniger gewalttätigen Sexismus in ihrer speziellen Gefühls/Erfahrungskombination, die auch auch noch in jedem Augenblick wechselt. Allen gemeinsam ist der Wunsch nach Besserung: diese Besserung bedeutet auch für  jede individuell entwas verschiedenes. Dieser Begriff : Besserung, oder von mir aus Schwächung des Sexismus, bedeutet alle diese verschiedenen Nuancen. Auch wenn keine diese Nuancen für sich selber genau weiß und keinen gelehrten Vortrag drüber halten kann, weiß jede, was gemeint ist.

Männer gehen auf die Straße und schreien, stacheln sich in ihrer Wut oder Entschlossenheit gegenseitig an. Frauen sind da umngänglicher, sie tanzen halt zusammen. Allein das schon: wir tanzen euch was vor: ist Ansage: WIR wollen etwas, etwas anderes als IHR und WIR machen das so wie WIR uns das vorstellen. Wir sehen, daß euch das seltsam vorkommt, aber wir machen das.

Es wird natürlich dauern, aber ein Grundstein ist gelegt.

Vor 30 Jahren gab es in der Informatik den Hype der Expertensysteme: menschliche Tätigkeiten sollten mit EDV nachgeahmt werden. Es klappte lang nicht so gut wie geplant: wir wissen fast nie genau was wir machen, und oft wissen wir es genau, können es mit der Logik aber nicht beschreiben: neuronale Netze funktionieren so. In dieser Ungenauigkeit finden wir uns aber sehr gut zurecht, und viele verschiedene ungenaue Aktionen bündeln sich mit unserem Herdentrieb von alleine.

Lethe 15.02.2013 | 16:25

Sie legen sich mit Ihrer intellektuellen Anspruchshalung selber lahm

Ich kann das kaum bestreiten. Und sobald ich sehe, dass One Billion Rising oder Slut Walks oder was auch immer gesellschaftlich etwas für die Frauen zum Positiven verändert haben, werde ich auch Beifall klatschen. Vorher sind das aus meiner Sicht nur etwas größer angelegte Selbsterfahrungskurse.