Elizabeth Day
12.03.2013 | 09:00 5

Der ewige Begleiter

Obsession In London hat sich eine psychiatrische Klinik auf die Behandlung von Stalkern spezialisiert. Denn Haftstrafen allein bleiben meist wirkungslos

Der ewige Begleiter

Illustration: Otto für der Freitag

Wenn der forensische Psychiater Frank Farnham einen Stalker zum ersten Mal trifft, bildet er sich über ihn kein Urteil. Einige seiner Patienten haben Schreckliches getan. Sie haben ihre Opfer eingeschüchtert, verfolgt, terrorisiert. Sie haben Ex-Partner mit Psycho-E-Mails und Anrufen bearbeitet oder sind Kolleginnen vom Büro bis nach Hause gefolgt. Sie haben gefährliche Fixierungen auf Menschen entwickelt, die ihre Aufmerksamkeit nicht erwidern. Und sie haben alle riskiert, deshalb im Gefängnis zu landen.

Doch Farnham sieht in ihnen in erster Linie Menschen, die Hilfe brauchen. „Richtige Stalker befinden sich in einer schwierigen Lage, aus der sie allein nicht wieder herauskommen. Sie können einfach nicht aufhören.“ Farnham ist Mitgründer der ersten Stalking-Klinik Großbritanniens. Sie wurde Ende 2011 im Chase Farm Hospital im Londoner Norden eröffnet. In anonym-modernen Räumen wird hier hinter einer imposanten, spätviktorianischen Fassade wichtige Arbeit geleistet. Laut Statistik geben fast ein Fünftel aller Frauen und zehn Prozent der Männer zwischen 16 und 59 an, einmal von Stalking betroffen gewesen zu sein. Die Überführungsrate der Täter bleibt aber gering: Pro Jahr werden in Großbritannien nur 20 Stalker zu Haftstrafen über zwölf Monate verurteilt. Farnham und seine Kollegen bieten eine Alternative zum Freiheitsentzug, der oft wirkungslos bleibt.

Die Perspektive wechseln

Bislang wurden von der Justiz 80 Stalker an die Klinik überwiesen, 25 wurden als geeignet für eine Behandlung eingestuft. Diese dauert in der Regel acht bis neun Monate. Auf eine psychiatrische Analyse aufbauend sollen Zyklen und Muster des übergriffigen Verhaltens betrachtet werden, sagt Farnham: „Was bringt einen in die Situation, in der man jemandem zu nahe tritt, ohne sich darüber klar zu werden?“

Für gewöhnlich sprächen die Täter sehr abfällig von ihren Opfern. Es drehe sich alles nur um sie und wie sie die Dinge sehen. „Wir fragen uns: Wie können wir verhindern, dass dieser Stalker wieder ins Gefängnis geht?“, erklärt Farnham. Das Eigeninteresse des Täters sei der Ausgangspunkt. „Mit der Zeit fangen sie dann an, sich in das Opfer hineinzuversetzen und sich klar zu machen, was die Situation mit diesem macht.“ 80 Prozent der Stalker, die zu Farnham kommen, sind männlich. Sie können grob in fünf Kategorien unterteilt werden: der Zurückgewiesene, der mit dem Opfer zusammen war und sich rächen will; der nach Intimität Suchende, der sich einbildet, er stehe zu seinem Opfer in einer einvernehmlichen Beziehung; der sozial inkompetente Verehrer, bei dem Lernschwierigkeiten oder psychische Probleme zugrunde liegen; der Missgünstige, dem es darum geht, seinem Opfer Angst einzujagen und schließlich derjenige, der einen sexuellen Überfall plant.

Farnham sagt, er habe es meistens mit der ersten Kategorie zu tun: Ex-Partner oder zurückgewiesene Verehrer, die sauer sind, dass ihre Freundin Schluss gemacht hat oder die Zuneigung nicht erwidert wurde. „Die kommen zu mir und sagen: ‚Wie kann sie es wagen, mit mir Schluss zu machen? Ich will wieder mit ihr zusammenkommen, damit ich dann Schluss machen kann.‘ Sie sind narzisstisch und leiden oft an einem zu geringen Selbstwertgefühl.“

In einem Café in Brighton sitzt Sam Taylor. Die Sonne scheint, und der blaue Himmel will so gar nicht zu der Geschichte passen, die die 44-jährige Frau erzählt: Seit fünf Jahren stellt ihr Ex-Mann, der auch der Vater ihrer Kinder ist, ihr nach. Seit die Beziehung 2008 in die Brüche ging, ist er in ihr Haus eingebrochen, hat sie verfolgt und hat Freunden und Angehörigen beleidigende Briefe geschickt. Gegen das auferlegte Kontaktverbot hat er 94 Mal verstoßen. Wenn er verurteilt wurde, waren die Strafen eher milde – einmal gab es acht Monate Haft, wobei er nach vier Monaten wegen guter Führung wieder freikam.

Sie habe sich daran gewöhnt, im Zustand permanenter Anspannung zu leben, erzählt Taylor und nimmt ein Handy aus ihrer Tasche. Sie benutzt es als ihren Panikknopf. Wenn sie in Gefahr sei, könne sie mit einem Knopfdruck direkt die Polizei alarmieren. Nur selten entfernt sie sich etwas weiter weg von ihrer Wohnung im Zentrum Brightons. Auf die Frage, ob sie in den vergangenen fünf Jahren im Urlaub war, lacht sie und schüttelt den Kopf. „Es ist unmöglich, nicht hysterisch zu werden“, sagt sie. Ihre Augen versteckt sie hinter einer großen Sonnenbrille.

Eine Untersuchung, die 2004 in Großbritannien, den USA und Australien durchgeführt wurde, zeigte, dass fast die Hälfte aller Stalking-Täter irgendwann gewalttätig wird und 40 Prozent der Opfer sich eine andere Wohnung oder einen anderen Arbeitsplatz suchen müssen. Typischerweise dauert Stalking ein oder zwei Jahre, es können aber auch bis zu fünf werden.

Taylor erzählt, sie habe den Umgang mit Behörden und Gerichten als sehr aufreibend und erniedrigend erfahren. Als sie sich zum ersten Mal an die Polizei wandte, bekam sie zu hören: „Sie verschwenden unsere Zeit. In drei Tagen sind Sie eh wieder mit dem Typ zusammen.“ Viele Opfer berichten von ähnlich negativen Erfahrungen mit der Polizei. Die Beamten sind nicht geschult, Alarmsignale zu erkennen und die psychologischen Folgen einzuschätzen.

Aber wie wird jemand eigentlich zum Stalker? In vielen Fällen fühlt der Täter sich zurückgesetzt, was zu einer gefährlichen Fixierung auf das Opfer führt. Es könnten aber auch gesellschaftliche Kräfte einen Einfluss haben: Dass Stalking-Fälle zunehmen, wurde schon auf alles Mögliche zurückgeführt – von unserer Obsession mit Prominenten und der Paparazzi-Kultur bis hin zu sozialer Isolation und der zunehmend verbreiteten Einstellung, die Schuld für alles nur bei anderen zu suchen.

Posttraumatische Störung

„Normalerweise hat ein Stalker zuvor in einer intimen Beziehung zu seinem Opfer gestanden, in der oft eine Missbrauchs- und Kontrollproblematik vorlag“, sagt die Kriminologin Laura Richards, die die Stiftung Protection Against Stalking mitbegründet hat. „Wenn die Frau ihn verlässt, kann der spätere Stalker damit nicht umgehen. Ich nenne es das Engel-Teufel-Syndrom. Wenn der Stalker verhaftet wird, hören sich seine Ausführungen im Verhör oft recht plausibel an. Er sagt dann zum Beispiel: ‚Ich liebe sie. Sie ist der Mittelpunkt meines Lebens. Mir war nicht klar, dass ich sie verärgert habe.‘ Wenn sie sich aber nicht so verhält, wie er es möchte, heißt es: ‚Sie ist eine Schlampe, sie wird mein Leben zerstören!‘ Das kann dann bis zu physischer Gewalt und Mord führen.“

Auch wenn es nicht zum Äußersten kommt, leiden die Opfer oft unter posttraumatischen Belastungsstörungen. „Viele Leute denken, Stalking gebe es nur bei Prominenten, also nehmen sie es nicht ernst, weil jede Teilhandlung für sich genommen auch recht harmlos und wenig bemerkenswert wirken kann“, sagt Richards. „Aber es ist die Gesamtsituation, die für das Opfer beängstigend ist. Und die zu psychischen Schäden führt. Oft kommt es so lange zu keiner Gewalt, bis ein Mord geschieht. Viele Experten verstehen daher nicht, was sie sehen, bis es zu spät ist.“

In dem Café in Brighton hat Sam Taylor ihren Kaffee ausgetrunken. Sie nimmt ihre Sonnenbrille ab, hinter der müde Augen zum Vorschein kommen. Ihr Stalker ist immer noch aktiv. Neulich hat er auf Facebook eine Freundschaftsanfrage an einen Arbeitskollegen geschickt. „Ich verlasse die Gegend, in der ich wohne, nicht mehr, weil ich wirklich nicht sicher bin“, sagt Taylor. Die Rechnung kommt. Taylor beachtet den Kellner gar nicht, ihre Augen wandern die Straße rauf und runter. Schließlich könnte er jederzeit am Ende der Straße auftauchen. Die Angst ist immer da. Und so lebt Sam Taylor ihr Leben mit dem permanenten Blick über die Schulter.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (5)

rechercheuse 12.03.2013 | 10:53

ich frage mich, ob die briten besonders betroffen sind (möglicherweise durch die dort üblichen internatsaufenthalte vieler kinder und jugendlichen und die daraus erkannten - oft fatalen - folgen für deren psychische entwicklung) ...

oder ob sie mutige pionierarbeit beim tabu-thema psychische erkrankung leisten - welches die "moderne" gesellschaft massiv in vielen varianten belastet und wie der artikel zeigt

- völlig unzureichende sensibilisierung breitester schichten in fast allen bereichen - besonders gefährlich bei verantwortungsträgern (sport/politik/justiz uva) -

 

dazu passt für mich auch ein beitrag vom dlf (12.03. - 9:20) über

"- Raus aus der Tabuzone -
Psychologischer Beistand für
britische Parlamentarier"

 

darin berichtete ein britischer parlamentarier, wie knallhart sein "arbeitsumfeld" ist und ihn zu einem aggressiven "monster" gemacht habe, welches sich dann - auch durch gesetzesvorschläge und andere entscheidungen - "abgearbeitet" hat ...

 

 

Lethe 12.03.2013 | 13:03

Die Überführungsrate der Täter bleibt aber gering: Pro Jahr werden in Großbritannien nur 20 Stalker zu Haftstrafen über zwölf Monate verurteilt.

Was hat die Überführungsrate mit der Haftdauer zu tun?

Die Autorin scheint eine Unschlüssigkeit zu teilen, die analog z.B. auch in der Bewertung von Taten unter Alkoholeinfluss beobachtet werden kann: ist ein Stalker jetzt krank und mithin nicht schuldfähig, oder ist er ein Verbrecher? Oder sind psycho- und/oder soziopathologische Syndrome doch irgendwie keine richtigen Krankheiten?

Klar ist, dass die Opfer effektiv abgeschirmt werden müssen, möglichst bevor sie Opfer werden. Aber die gesellschaftliche Haltung gegenüber den Stalkern muss auch geklärt werden. Wenn sie krank sind, ist der justitielle Zugriff immer nur eine Notlösung.

lebowski 12.03.2013 | 19:40

Prinzipiell ist das ja keine schlechte Idee. Aber es ist nun mal leider so, dass es einen Trend gibt, soziale Probleme zu individualisieren. Egal ob Mobbing, ADS, Stalking: man schickt die Leute zum Arzt,damit sie Pillen schlucken oder behandelt werden. Über das soziale Umfeld, das solche Gestalten erst hervorbringt, wird gar nicht emhr geredet. 

momine 13.03.2013 | 12:42

Solange wie  Opfer darum Kämpfen müssen ernst genommen zu werden, haben die Täter Zeit ihr Stalking fort zu setzten.

Fakt für mich ist, dass beiden geholfen werden muss, den Opfern und den Tätern.

Das
bloße wegsperren der Täter hilft weder ihnen, das zeigt sich auf vielerlei Gebieten, nicht nur bei Stalkern, noch den Opfern. Auch diese brauchen eine psychologische Betreuung, denn für mein Dafürhalten gibt es auch zu behandelnde Gründe, die Menschen zu Opfern machen. 

 

Saltadoros 18.03.2013 | 19:49

"Der ewige Begleiter" kann durchaus auch eine Begleiterin sein. Der Artikel legt nahe, dass es doppelt so viele männliche Täter gibt. Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur sagen, dass es einem als Mann besonders schwer fällt, als Opfer ernst genommen zu werden. Es ist wie immer schwierig hier das ganze Ausmaß statistisch zu erfassen....