Felicity Lawrence
29.02.2012 | 16:30 4

Gut konsumiert, schlecht bezahlt

Fairer Handel Ethisch korrektes Einkaufen allein führt weder zu angemessenen Arbeitsbedingungen noch zu fairer Entlohnung. Ist das Fair-Trade-Modell das falsche Entwicklungskonzept?

Die Wedgwood-Zuckerschale aus dem frühen 19. Jahrhundert im Museum of London Docklands ist ein gutes Beispiel für die Anfänge des fairen Handels. Die Schüssel trägt die Inschrift: „Zucker aus Ostindien. Nicht von Sklaven hergestellt. Wenn sechs Familien ostindischen anstelle von westindischem Zucker verwenden, wird ein Sklave weniger gebraucht.“ Wie so viele Fälle sogenannten ethischen Konsums lässt auch dieser die eigenen Beschränkungen offen zutage treten. Die Art des Einkaufs allein kann das Unrecht nicht beseitigen, wenn das ganze System ungerecht ist. Sie kann Politikern aber die eindringliche Botschaft vermitteln, dass die Konsumenten nach Reformen verlangen.

Die gegenwärtig in London stattfindende Messe Fairtrade Fortnight bewirbt Produkte, die den Produzenten in armen Ländern einen fairen Preis garantieren. Zwanzig Jahre nachdem Hilfsorganisationen wie Oxfam, Cafod, Christian Aid, Traidcraft, die World Development Movement and the National Federation of Women's Institutes die gemeinnützige Fairtrade Foundation gegründet haben, erreicht die Bewegung heute weltweit 1,5 Millionen Landwirte und Arbeiter. Sie erhalten einen Aufpreis zum Fixum des Weltmarktes, der zur Verbesserung von Gesundheitsversorgung und Bildung beiträgt und vielen Kleinbauern ermöglicht, unter dem Konkurrenzdruck des Weltmarktes überleben zu können.

Frei statt fair

Trotz ihrer großen Verdienste hat die Fairtrade-Bewegung Kritiker auf der linken wie auf der rechten Seite. Und trotz seines beeindruckenden Wachstums macht der gerechte Handel nur einen Bruchteil des Welthandels aus. Think tanks, die sich mit Freihandel beschäftigen, wie das Institute for Economic Affairs (IEA), sehen in dem Fair-Trade-Modell daher kein langfristig tragfähiges Entwicklungskonzept. IEA-Programmdirektor Philip Booth äußert die Ansicht, das Konzept entspreche eher den Ansprüchen westlicher Konsumenten als den wirklichen Bedürfnissen der armen Länder. So sei zum Beispiel die kategoriale Ablehnung von Kinderarbeit nicht immer gut für arme Familien. Manchmal könne es durchaus im Interesse des Kindes sein, mit eigener Arbeit das Einkommen der Familie und auch die eigenen Chancen zu erhöhen.

Was in den armen Ländern wirklich nötig sei, ist die Beseitigung der Hindernisse, um von der Niedriglohn- und Subsistenzwirtschaft zur Produktion hochwertigerer Güter zu kommen, bei der die größten Profite abfallen. Die IAE leitet hieraus Booth zufolge die Notwendigkeit einer stärkeren Liberalisierung anstatt ethischer Projekte am Rande des Welthandels ab.

Kritik von links

Kritiker auf der linken, zu denen auch die Autorin zählt, bemängeln hingegen, dass die Debatte um fairen Handel in der Sprache der Philanthropie anstatt in der des Rechts geführt wird. Dadurch fällt die Verantwortung für die gerechte Bezahlung von Landwirten und Arbeitern auf die Konsumenten zurück – egal, ob sie es sich leisten können, ihr Gewissen mit zum Einkaufen zu nehmen, oder nicht – anstatt sie den Großunternehmen, internationalen Zwischenhändlern und dem Einzelhandel zuzuweisen, die aus den Waren, die sie verkaufen, erhebliche Gewinne schlagen.

Fairer Handel allein kann das Kernproblem exzessiv konzentrierter Märkte nicht lösen, in denen wenige übermächtige  transnationale Konzerne die Handelsbedingungen diktieren und die Profite vollständig abschöpfen. Für einen wahrhaft fairen Handel muss das Geld gerechter in der Kette verteilt werden. Dies geht nur durch eine Neugewichtung der Machtverhältnisse, die wiederum politisches Handeln erfordert.

Die größten Hoffnungen auf eine Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse und höhere Löhne sollten vor allem Plantagenarbeiter unterdessen in die gewerkschaftliche Organisation setzen. Fair trade hat zwar zur Erhöhung der Arbeitsstandards beigetragen, aber das Zertifikat deckt nicht notwendigerweise die Arbeitsbedingungen in Packhäusern und Lagerhallen mit ab.

 Die Analyse der Verkaufszahlen für Fairtrade-Produkte, die die Stiftung am Montag veröffentlicht hat zeigt, dass Unternehmen wie die große britische Zuckermarke Tate Lyle zu realisieren beginnen, dass ihr eigenes Überleben möglicherweise von fairen Preisen abhängt, weil ihre Produzenten nur so überleben können. Anstatt bei der Erstattung des Aufpreises nur auf die Konsumenten zu schauen, geraten nun zunehmend die großen Unternehmen in den Blick der Organisation. Wie man den Worten ihres Direktors Harriet Lamb entnehmen kann, ist eine der Prioritäten von nun an die engere Zusammenarbeit mit der Gewerkschaftsbewegung zur Stärkung der Rechte der Arbeiter.

Die Sklaverei konnte durch das Zusammenwirken verschiedener Kräfte überwunden werden: Sklavenaufstände; der Umstand, dass immer mehr Zucker aus Rüben gewonnen wurde; Schritte zur Liberalisierung des Marktes, die es für die Sklavenbesitzer nicht länger attraktiv und sinnvoll machte, große Kapitalmengen in Sklaven zu binden, und schließlich der Umstand, dass die Bewegung zur Aufhebung der Sklaverei, zu der all die ethischen Zuckerkonsumenten beigetragen hatten, ein Klima für politische Reformen geschaffen hatte.

Und so spielen Fairtrade-Shopper auch heute noch eine große Rolle, wenn es darum geht, Regierungen und Unternehmen zu Reformen zu drängen.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (4)

Technixer 29.02.2012 | 19:49

Guter Artikel. Wurde Zeit, dass dieses Thema aufgegriffen wird. Ich teile die Ansicht, dass das Labeling egal ob Bio, Fairtrade und Co nur Augenwischerei ist und zwar in vielerlei Hinsicht.

"Kritiker auf der linken[...]" Warum diese Abgrenzung?
Hier würde ich eher sagen/schreiben "auf der Seite denkender Menschen". Es gibt Viele die Positionen vertreten welche heutzutage dem politisch "linken" Lager zugerechnet werden, auf Grund dieser Barrierenziehung distanzieren sich die Leute wieder davon, weil sie nicht als Links gelten wollen.
In den zwei Jahrzehnten von 1950-70, waren Themen wie die soziale Gerechtigkeit durchaus auch auf den Agenden der Konservativen und zwar nicht nur als leere Phrasen.

Malte Krøgergaard 01.03.2012 | 20:58

Die Argumentation des Artikels geht an einem ganz entscheidenden Punkt in die falsche Richtung:

"So sei zum Beispiel die kategoriale Ablehnung von Kinderarbeit nicht immer gut für arme Familien. Manchmal könne es durchaus im Interesse des Kindes sein, mit eigener Arbeit das Einkommen der Familie und auch die eigenen Chancen zu erhöhen."

Im Interesse des Kindes ist es in Wahrheit, den Teufelskreis aus schlechter bis gar keiner Bildung und damit die zwangsläufige Unfreiheit und Unmündigkeit zu durchbrechen. Dieses Grundproblem ist eigentlich seit langem bekannt, und ein Anliegen der Fairtrade-Bewegung ist es, genau diesen Prozess zu unterstützen.

Den Hinweis, dass fairer Handel nicht zum Almosengeben verkommen darf, finde ich berechtigt. Es ist ein nachvollziehbares Argument, denn wenn es wirklich gerechten Handel geben soll, dann müssen die jeweiligen Handelspartner auf Augenhöhe agieren können.
Dennoch: Der Lösungsvorschlag, den die Autorin bringt, ist so schlichtweg nicht praktikabel, es sei denn, es herrschte globale Planwirtschaft. Diesen Gedanken möchte ich mal als leicht realitätsfern bezeichnen.

Natürlich gibt es die Möglichkeit, Druck auf die großen Unternehmen, die großen "Gewinner" des Welthandels auszuüben. Natürlich könnte man sie zwingen, ihre Gewinnmargen zu schmälern. Die direkte Folge wären jedoch steigende Preise der Endprodukte - also bei uns!
Was glaubt Frau Lawrence, wie politisch attraktiv so eine Lösung also ist?

Im Prinzip hat sie sich die Antwort auf die Frage nach fairem Handel zu Beginn selbst gegeben: Fairtrade "kann Politikern [...] die eindringliche Botschaft vermitteln, dass die Konsumenten nach Reformen verlangen."
Genau das ist es!

Aussagen nach dem Motto "bloß Verarsche", "gleicher Mist, aber teurer" oder "bringt doch nix" kann ich nicht akzeptieren. Wenn sich die Welt nicht sofort ändert, gehe ich zu H Oder gleich zu KiK. Bravo! So wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern.

Jede Konsumentscheidung trägt aber zur Veränderung des ganzen Marktes bei. Wir sollten die Verantwortung nicht von uns weisen, sondern stets kritisch beobachten.