Decca Aitkenhead
15.08.2013 | 06:00 5

Gute Schule

Matt Damon führt im Kino den Klassenkampf - und engagiert sich auch privat für bessere Ausbildung und sauberes Wasser. Ist er nur ein weiterer nerviger Hollywoodaktivist?

Gute Schule

„Ich möchte den Leuten keine Predigten halten“

Fotos: Alastair Thain/ The Guardian

Matt Damon hat eine politische Mutter. Als Nancy Carlsson-Paige ihren Sohn das erste Mal auf dem Titel eines Hochglanzmagazins sah, war sie entsetzt. „Mein Junge wird benutzt, um irgendwelche Produkte zu verkaufen“, ereiferte sie sich in einer Zeitung. „Er ist nicht mehr als ein Zahnrad im kapitalistischen Getriebe.“ Magazine wie die Vanity Fair hatte sie bis dahin überhaupt noch nie gelesen, wie ihr Sohn sagt. „Da ist doch nichts drin als Werbung für Produkte, die keiner braucht“, zitiert er sie. „Sie ist Professorin. Sie liest nichts außer The Nation“ – ein linksliberales Wochenblatt in den USA.

Was sie wohl von Elysium halten mag? Damons neuer Film ist ein Big-Budget-Sci-Fi-Action-Thriller voller Kampfszenen, Pyrotechnik und Gewaltdarstellungen. „Tja, meine Mutter ist groß in gewaltfreier Konfliktlösung“, sagt Matt Damon, als wir uns in London treffen, und grinst.

Es war ein weiter Weg für ihn, von der Bostoner Kommune, in der er in den Siebzigern und Achtzigern mit seiner und fünf weiteren linken Familien aufwuchs. Heute ist Matt Damon einer der umsatzstärksten Hollywood-Hauptdarsteller aller Zeiten, wurde vom People-Magazin zum „World Sexiest Man“ gekürt und hat einen Stern auf dem Walk of Fame. Der Vater von vier Kindern wird diesen Sommer mit seiner Familie von New York nach Los Angeles umziehen. Da wird es noch schwerer sein, ihnen eine Kindheit zu bieten, wie er sie hatte.

Moralisches Dilemma

Bereits die Wahl der Schule stellte ihn vor ein moralisches Dilemma: „In meiner Familie war es eine Riesensache, dass wir unsere Kinder auf eine Privatschule schicken. Das hat für heftige Diskussionen gesorgt. Die drehten sich aber im Kreis, denn letztlich hatten wir einfach keine Wahl“, sagt Damon. Er ist überzeugt, dass eine „progressive Schulbildung im öffentlichen System nicht mehr existiert“. Trotzdem: „Ich habe versucht, etwas zu finden, das der öffentlichen Schulbildung, die ich erhalten habe, am nächsten kommt.“

Matt Damon setzt sich für US-amerikanische Lehrer-Gewerkschaften ein und dafür, dass die Bezahlung von Lehrern nicht mehr an die Prüfungsergebnisse ihrer Schüler gekoppelt wird: „Wir kämpfen gegen solche Sachen und versuchen, sie zu verändern. Aber es ist schwer.“ Manche wundern sich nun, dass sich Damon privat ganz anders entschieden hat. Floridas Senator Jeb Bush nennt ihn in der Washington Post einen „Heuchler“.

Inzwischen ist Damon 42. Sein Gesicht hat sich kaum verändert, seit er bekannt wurde. Während viele Filmstars so aussehen, als sei das Leben im Rampenlicht sehr anstrengend, wirkt Damon auf Bildern wie ein kleiner Junge, der seinen Spaß hat.

In L. A. wird es schwieriger werden, ein ganz normales Leben zu führen, fürchtet er. „In New York vergesse ich völlig, dass ich berühmt bin. Und dann werde ich durch irgendetwas wieder daran erinnert. Wenn ich in New York die Kinder zur Schule bringe und abhole, treffe ich oft tagelang nur dieselben Eltern, und alles fühlt sich ganz normal an. Ich gehe zu Starbucks, und man kennt mich – dort rufen die Leute alle Kunden beim Namen. In unserem Viertel gelingt es mir, mir selbst etwas vorzumachen.“ Warum zieht er dann um? Damon begründet es mit seiner Freundschaft zu Ben Affleck, der auch drei Kinder hat und in derselben Straße wohnt. Sie könnten dann alle zusammen spielen.

Damons argentinische Frau arbeitete in Miami als Barkeeperin, als die beiden sich vor zehn Jahren kennenlernten. „Es nimmt eine Menge Druck raus, mit jemandem verheiratet zu sein, der nicht berühmt ist“, sagt Damon. Er setzt darauf, dass seine Familie auch in L.A. einfach zu langweilig ist, um ständig belauert zu werden. Und wenn es anders kommen sollte? „Wenn es ganz schlimm wird, ziehen wir eben wieder weg. Das ist es nicht wert. Es gibt Dinge, die ich bereit bin aufzugeben.“

Der Wohlstand, auch der im Leben seiner Kinder, bereite ihm Unbehagen, sagt Damon. „Sie wachsen mit mehr Privilegien auf als wir. Das trifft auf die meisten meiner Freunde in L.A. zu. Uns alle beschäftigt das Thema.“

Einmal, erzählt er, haben sie in einer Wohnung ohne Klimaanlage übernachtet, und seine damals zehnjährige Stieftochter hat sich geweigert, dort zu schlafen. „Eine Sekunde lang waren wir sauer. Aber dann sahen meine Frau und ich uns an und sagten: ‚Verdammt, sie hat noch nie irgendwo ohne Klimaanlage geschlafen. Das ist nicht ihre Schuld, sondern unsere.‘ Also ging ich zu ihr hoch und erklärte ihr, dass überall auf der Welt gerade Kinder schlafen, die noch nicht mal wissen, was eine Klimaanlage ist. Und dass es, als ich ein Kind war, im Sommer oft sehr heiß war und ich mich dann mit einem nassen Waschlappen abgekühlt habe. Und wie Onkel Kyle und ich dann mitten in der Nacht im Badezimmer zusammenstießen, wenn wir beide unseren Waschlappen nass machen wollten. Sie lachte. Als ich zehn Minuten geredet hatte, machte ich das Licht aus, und da war sie schon eingeschlafen.“ Damon sagt, er will seinen Kindern ein Verständnis der Welt vermitteln, damit sie sich selbst einen Platz dort suchen können.

Der Schauspieler hat die Organisation water.org mitbegründet, die für sauberes Trinkwasser kämpft. Damon hofft, dass seine Kinder ihn einmal auf Reisen nach Afrika begleiten werden. Andererseits möchte er kein palavernder Hollywood-Aktivist sein: „Ich kann völlig verstehen, wenn Leute das Gefühl haben, privilegierte Schauspieler würden ihnen Predigten halten. Ich möchte auch nicht, dass irgendein Star mir mit erhobenem Zeigefinger erzählt, was ich zu tun und zu lassen habe.“ Mittlerweile kann er dem Dilemma mit Humor beikommen. Er würde in den Toilettenstreik treten, bis die ganze Welt Zugang zu ordentlichen sanitären Anlagen habe, hat Damon mal bei einer satirischen Pressekonferenz erklärt. „Wenn man den Leuten erzählt, dass viele Kinder völlig grundlos sterben, winken sie ab und sagen, man solle doch die Klappe halten. Also sage ich eben, ich trete in den Toilettenstreik.“

Hollywood-Schauspieler behaupten oft, sie müssten die Blockbuster machen, um sich politisch gehaltvollere, künstlerisch interessantere Low-Budget-Filme leisten zu können. Jedes Mal, wenn ich das höre, frage ich mich, wie viel Geld sie denn eigentlich brauchen. Also frage ich ihn, wie seine Kollegen das noch mit den Idealen der Gleichheit vereinbaren können? Er schaut mich verwirrt an: „Ich habe noch nie einen Job des Geldes wegen angenommen.“ Nie? Diesmal bin ich es wohl, die überrascht aussieht. „Wissen Sie, letztes Jahr habe ich Geld verloren“, schiebt er noch hinterher. Was meint er damit? „Nun ja“, sagt er locker: „Ich habe weniger Geld verdient, als ich ausgegeben habe.“

Superreiche und Slums

Mit Elysium wird er wohl keine Verluste machen. Der Thriller spielt 50 Jahre in der Zukunft. Los Angeles ist nur noch ein postapokalyptischer Slum. Die Superreichen haben unseren verwüsteten Planeten verlassen und leben auf einer exklusiven Raumstation, der Elysium. Jeder dort hat eine Maschine, die Krankheiten und Verletzungen binnen weniger Sekunden heilen kann. Die Verzweifelten und Sterbenden würden jeden Preis für einen Flug zur Elysium bezahlen. Aber bei dem Versuch würden sie von Militärmachthabern erschossen, die Privilegien als ihr Recht betrachten und Selbsterhaltung als moralisches Gebot. Eine Allegorie also: ein Film, der daherkommt wie jedes andere Sci-Fi-Spektakel, auf kunstvolle Weise aber so angelegt ist, dass sich das westliche Publikum mit den notleidenden Einwanderern identifiziert, die jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Westeuropa und Nordamerika zu gelangen. Und selbst wenn einigen dieser Effekt entgehen sollte, meint Damon: „Ich glaube nicht, dass jemand das Gefühl haben wird, zu denen auf der Elysium zu gehören.“

Aber ist dieses Szenario unserer Zukunft realistisch? „Ich glaube, dass die Welt in 20 Jahren ganz anders aussehen wird“, sagt Damon: „Ich meine, können Sie sich vorstellen, dass dieses Gerät“ – er hält sein Black Berry hoch – „Zugang zu mehr Informationen bietet, als vor 15 Jahren dem Präsidenten zugänglich waren? Hier steckt mehr Rechenleistung drin als im stärksten Computer aus den siebziger Jahren.“ Findet er das unheimlich? „Das ist doch wirklich spannend. Sie – Google oder wer auch immer – sind mit der Gesichtserkennungssoftware zu 84 bis 94 Prozent fertig. Bald schon wird man in eine Bar gehen und sich dort umsehen können, und die Google-Brille verrät einem, wer die anderen Leute sind. Das wird schon komisch werden. Ich finde das unglaublich.“

16 Jahre sind vergangen, seit Matt Damon mit Good Will Hunting berühmt wurde – den Film hat er mit seinem Kinderfreund Ben Affleck geschrieben. Er hat ihnen einen Oscar eingebracht und zwei darauf folgende Superstar-Karrieren. Man könnte sagen: Damon ist dann in den kommerziell aussichtslosen Gefilden glaubhafter Charakterdarstellung hängen geblieben. Oder: Er hat sich als ein ernst zu nehmender Schauspieler etabliert. Von sich aus redet Damon dann davon, dass es 2002 gar nicht gut für ihn aussah. All die schönen Pferde und Die Legende von Bagger Vance waren gefloppt.

Kino muss ein bisschen real sein

Und bei einem Thriller, der gerade fertig geworden war, mussten so viele Szenen nachgedreht werden, dass Hollywood ihn schon abschrieb. „Alles deutete darauf hin, dass der Film ein Reinfall werden würde. Es hieß schon, ich würde eine ganze Menge Leute teuer zu stehen kommen.“ Damon und der Regisseur sahen sich den Film wieder und wieder an, um herauszufinden, was nicht funktionierte. „Es war, als säßen wir in der Garage und bastelten an etwas herum. Wir waren wie zwei Kinder, die den Rasenmäher auseinandernehmen und wieder zusammensetzen.“ Am Ende stand Die Bourne Identität.

Bei der Fortsetzung Die Bourne Verschwörung hat Damon zwei Wochen vor Kinostart die Schlussszene umgeschrieben, deren letzte Zeile von Fans so gerne zitiert wird: „Ruh dich etwas aus, Pam. Du siehst müde aus.“ Beim dritten Bourne-Film schrieb er ebenfalls Teile um. Beim vierten lehnte er ab: Keine Handlung hätte es mehr mit der realen Entwicklung aufnehmen können. „Im ersten Teil geht es um einen Typen, der Teil eines Geheimprogramms ist, bei dem Menschen getötet werden. Dann wurde die Tötung von Menschen unter Bush legalisiert. Im dritten Film sind wir soweit, dass Bourne diesen Typen erschießt, ohne ihn zu kennen. Sie nehmen ihm die Maske ab, und, oh Gott, es ist ein Amerikaner. Heute kann man selbst das in der Zeitung lesen: Wir haben seit 2009 bei Drohnenangriffen im Ausland vier Amerikaner getötet.“

Damon ist einer der prominentesten Obama-Unterstützer, er glaubt, dass dessen Reform des Gesundheitswesens Amerika vor Zuständen bewahren wird, wie sie in Elysium zu sehen sind. Kurz bevor wir uns trafen, war Edward Snowden mit seinem Wissen über die weltweite Überwachung durch US-Geheimdienste nach außen gegangen. „Das Ganze hat diese ungute, orwellsche Wendung genommen. Ich weiß nicht, wo wir jetzt stehen“, sagt Damon. Obama würde er trotzdem wieder wählen.

Decca Aitkenhead ist Redakteurin des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman

Kommentare (5)

IronCandy 15.08.2013 | 18:57

Sauberes Wasser... ähm ja... vermutlich nen Mikrometer links von der Mitte.

Nix gegen hochbezahlte Schauspieler aber sich an deren Meinung abzuarbeiten ist vermutlich nen Schlag in die Magengrube des Bildungsbürgers... oder nicht?

Die Klimaanlagen-Story war besonders rührselig, ich hab fast geweint...

Aber dass Onkel Matt sich nicht der tiefere Sinn dieser Erkenntniss erschließt und dass vermutlich gerade dass ihm seinen Job sichern hilft... dass ja dass lernen wir dann in seiner Biografie in 30 Jahren wenn er bereits in Vergessenheit geraten ist...

Nil 15.08.2013 | 22:32

Das ist lobenswert von Herrn Damon. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Bessergestellte sorgen um andere machen, oder gar selbst aktiv werden, um ihren Nächsten Gutes zukommen zu lassen. So leistet er seinen Beitrag für die Gemeinschaft und wirkt als positives Beispiel für andere. Ist doch super. Jede Stimme zählt. 

Jens Brehl 26.08.2013 | 12:18

Wenn wir ehrlich sind, ist vielen von uns auch gar nicht (mehr) bewusst wie gut es uns geht. Anders kann ich mir beispielsweise nicht erklären, warum wir jährlich Tonnen von einwandfrei genießbare Lebensmittel als Abfall entsorgen. Ich habe mehrfach die Tafel besucht und kenne die Berge von genießbaren Lebensmitteln.

Wir kennen in unserer Überflußgesellschaft kaum noch Mangel (zumindest die meisten, denn man darf nicht vergessen, dass es auch in Deutschland Armut gibt). Ich persönlich habe nie wirklichen Hunger erlebt, alle Lebensmittel sind rund um die Uhr verfügbar. Wenn ich meine Großeltern zuhöre, hätte es die massive Verschwendung von Lebensmitteln nach dem Krieg nicht gegeben. Damals sind sogar die Katzen gegessen worden. - Nicht, dass ich mir Krisenzeiten herbeisehne, doch ein bißchen mehr Demut und Dankbarkeit. Da muss ich mich gar nicht über andere Leute lustig machen, die sich wegen fehlender Klimaanlage beschweren, lieber mal vor der eigenen Haustür kehren.