Robin McKie
10.07.2012 | 12:31 1

Lindberghs orbitale Erben

Weltraumtouristik Ein Wochenende in Schwerelosigkeit? Mit ein paar Hunderttausend Euro auf dem Konto dürfte das bald machbar sein

Am westlichen Ende der Londoner Pall Mall, inmitten altehrwürdiger Gentlemen’s Clubs, hat Anfang des Jahres ein neues Büro eröffnet. „Space is Virgin Territory“ liest man im Fenster, drinnen arbeiten junge Menschen eifrig an Computern, ein riesiges Foto der Erde bedeckt zwei Wände, die anderen zeigten ein Weltraumflugzeug beim Starten und Landen am Spaceport America in New Mexiko. „Es handelt sich um Computergrafiken“, sagt der Geschäftsführer Stephen Attenborough. „Aber wir hoffen, sie nächstes Jahr durch echte Bilder ersetzen zu können – von unseren ersten kommerziellen Flügen ins All.“

Wir befinden uns im britischen Hauptsitzt von Virgin Galactic, einer Firma, mit der der britische Virgin-Magnat Richard Branson eine ganz neue Tourismussparte aufbauen will – im Weltraum. Mehr als 200 Millionen Euro hat es Branson gekostet, seine Flotte entwickeln und bauen zu lassen. Wenn es soweit ist, wird sie die Kunden von Virgin Galactic mehr als hundert Kilometer über die Erdoberfläche bringen. Dahin, wo die Atmosphäre unseres Planeten endet und der Weltraum beginnt.

Gästehaus im Orbit

Befestigt an einem WhiteKnightTwo-Düsenjet soll jeweils ein SpaceShipTwo-Weltraumflugzeug – mit je zwei Piloten und sechs Passagieren – bis auf eine Höhe von 15 Kilometern gebracht werden. Dort losgelassen zündet das Raketentriebwerk und das Raumflugzeug rast mit mehr als 4.000 Kilometern pro Stunde aufwärts, bis sich der blaue Himmel schwarz färbt und die Passagiere die Atmosphäre verlassen. Nach 90 Sekunden schaltet der Pilot den Motor ab, der Flieger gleitet still durchs All, mehr als 100 Kilometern tiefer zeichnet sich die Silhouette der Erde ab. Die Menschen an Bord schweben nun sechs oder sieben Minuten durch die Kabine und können Fotos machen, bevor das Schiff zum Sinkflug ansetzt. Die Flügel zeigen dabei nach oben, das Raumschiff segelt wie ein Federball zur Erde. Erst in einer Höhe von 15 Kilometern kehren die Tragflächen in die Ausgangsposition zurück, und das Raumschiff gleitet der Landebahn entgegen.

Die ersten Flüge sind für Ende 2013 angesetzt. 520 Kunden, die den Grenzen der Erde entkommen möchten, haben bereits gezahlt. Damit hält Virgin Galactic im Rennen um die Kommerzialisierung des Weltraums die Pole Position.

Doch es gibt kapitale Konkurrenz, wie jüngst auf der dritten Europäischen Weltraumtourismuskonferenz in London zu erleben war. Das Konsortium XCOR aus Kalifornien etwa entwickelt das Raumschiff Lynx, das startet und landet wie ein Flugzeug, aber nur Platz für einen Passagier und einen Piloten bietet. Die Auftragsbücher sind trotzdem voll – für gut 42 Millionen Euro wurden schon Flüge gebucht. Die Tests beginnen in diesem Jahr, der erste kommerzielle Start ist für 2014 geplant.

Das texanische Armadillo Aerospace entwickelt eine Rakete, die ihre Insassen zunächst in suborbitale (nicht ganz die Umlaufbahn erreichende) Höhen, später aber auch in den Orbit trägt. Die russische Firma Orbital Technologies plant gar ein Hotel: In einem Gästehaus mit vier Zimmern können die Kunden mehrere Tage in der Schwerelosigkeit der Umlaufbahn verweilen. Gut 62o.000 Euro kostet der Flug, die fünf Übernachtungen weitere 125.000 Euro. Das Essen kommt aus der Mikrowelle, Alkohol gibt es nicht.

10-Millionen-Dollar-Preisausschreiben

Dafür ist die Aussicht überirdisch. Und: Eine Besteigung des Mount Everest kann man für 37.000 bis 93.000 Euro versuchen – es ist kein Zufall, dass die Flüge von Virgin Galactic und XCOR kaum teurer sein werden. Man will den gehobenen Abenteuer-Markt für Menschen mit Breitling-Uhr und sechsstelligem Gehalt erobern. Bislang konnten sich erst sieben Milliardäre einen Flug ins All und einen Aufenthalt in der Internationalen Raumstation ISS leisten.

Angebahnt hatte sich das touristische Streben schon in den Sechzigern, zu Zeiten des Apolloprogramms. Damals sah es aus, als würden Reisen ins All bald nichts Besonderes mehr sein. Doch die Kosten schossen in die Höhe, zugleich verlor das Ziel, Menschen ins All zu bringen, an Relevanz. Was also bringt den Massen-Weltraumtourismus jetzt wieder auf den Plan?

Vor allem der US-Unternehmer Peter Diamandis: 1996 schrieb er einen mit zehn Millionen Dollar dotierten Preis für den Bau des ersten privaten Weltraumflugzeugs aus. „Mir kam die Idee, als ich über Charles Lindberghs Flug über den Atlantik las“, erklärt Diamandis. „Lindbergh wollte einen mit 25.000 Dollar ausgelobten Wettbewerb gewinnen. Er hat aber auch die Lüfte für den internationalen Flugverkehr erschlossen.“ Nun sei es Zeit für die Erschließung des Weltraums. Diamandis legte fest, dass nur Raumschiffe gewinnen könnten, die von einem Menschen geflogen werden, drei Astronauten mitführen können und in der Lage sind, innerhalb von 14 Tagen zwei Flüge zu absolvieren.

Etliche Investoren und Entwickler stellten Pläne vor, am Ende gewann der US-Flugzeugkonstrukteur Burt Rutan – mit dem SpaceShipOne. Es flog erstmals am 29. September 2004, und wenige Tage später erneut, auf eine Höhe von mehr als 100 Kilometern über der Mojave-Wüste. Für den Gewinn ausschlaggebend war, dass das Raumflugzeug von einem düsenbetriebenen Mutterschiff auf Höhe gebracht und dann abgekoppelt wird, um sich durch Zündung einer Festbrennstoffrakete selbst ins All zu schießen. Diese Technologie wurde von Branson übernommen, der bereits an ein Virgin Galactic gedacht hatte und nun nach der Technik suchte, die Raumfahrt zu demokratisieren: „Im Grunde benutzen wir eine Version von Rutans Konstruktion, die aber acht statt drei Passagiere aufnehmen kann“, sagt Attenborough.

Reiche Geeks fürs All

Es war jedoch ein weiterer Faktor entscheidend: Der Aufstieg der Technologie-Milliardäre. Heutzutage kommen viele Superreiche aus der Computer- oder Dotcombranche, hinter fast allen Firmen, die nun auf dem Weltraumtourismusmarkt wetteifern, stehen solche Menschen. Die Entwicklung von Rutans SpaceShipOne wurde vom Microsoft-Mitbegründer Paul Allen gefördert. Computerspielentwickler John Carmack hat in Armadillo Aerospace investiert. Und Elon Musk verkaufte PayPal für eine Milliarde Dollar an Ebay, bevor er sein eigenes Raumfahrtunternehmen gründete. Im Mai ist es SpaceX als erstem Privatunternehmen gelungen, eine Kapsel zur ISS zu schicken. Die unbemannte Dragon transportierte 500 Kilogramm Fracht zur ISS.

Es sind also reiche Geeks, die den Weltraum für private Reisen öffnen. Abzuwarten bleibt, wie erfolgreich sie damit sein werden. Vor allem der Sicherheitsaspekt ist umstritten. Der britische Astronom Martin Rees kritisiert daher schon den Begriff Weltraumtourismus: „Er wiegt die Leute in dem Glauben, dass solche Reisen Routine seien und kaum mit Risiken verbunden. Die unvermeidlichen Unfälle werden sich so traumatisch auswirken wie jene der Space Shuttles. Diese Angebote muss man als gefährlichen Sport betrachten.“

Stephen Attenborough widerspricht: „Das Problem bisheriger bemannter Raumschiffe war ihre Komplexität“, sagt er. „Bei uns hängt die Sicherheit nur von wenigen Schaltkreisen ab, deshalb können wir Notfallsysteme einbauen.“

„Andererseits: Wir behaupten nicht, das Ganze sei frei von Risiken. Aber was im Leben ist das schon?“

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